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Dunkelmännerbriefe. Zweite Abteilung

Unbekannte Autoren: Dunkelmännerbriefe. Zweite Abteilung - Kapitel 4
Quellenangabe
typeletter
titleDunkelmännerbriefe. Zweite Abteilung
authorUnbekannte Verfasser
editorKarl Riha
publisherInsel Verlag
year1991
senderErich Adler
correctorreuters@abc.de
created20040402
modified20170329
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II. Johannes Grapp wünscht dem Magister Ortuin …

herzlichen Gruß und alles Liebe jeder Zeit, und empfiehlt sich als untertänigen Diener. Geliebter Bruder und Lehrer, weil Ihr mir unlängst geschrieben habt, ich solle Euch einmal einen Aufsatz oder Brief oder metrisches Gedicht zukommen lassen, damit Ihr sehen könnet, was ich von Euch in Köln und Deventer gelernt habe, zur Verhöhnung des Johannes Reuchlin und der Reuchlinisten, welche Eure Feinde sind: so wisset, daß ich allen Fleiß angewendet habe, und ich sende Euch einen poetischen oder metrischen Brief, wie die Briefe Ovids sind, weil ich weiß, daß Ihr Metrisches lieber leset, als Prosa. Allein Ihr müßt eben daran bessern, da der Schüler nicht über dem Meister ist; auch müßt Ihr das Silbenmaß herstellen, denn ich bin in dieser Kunst noch nicht gut bewandert.

Schreiben des Johannes Grapp, neuangehenden Dichters, an seinen Lehrer Magister Ortuin Gratius.

Gruß und zu jeglichem Dienste Geneigtheit gibt dem Magister Ortuin Johann Grapp in diesem Brief zu vernehmen,
Wie es dem jüngern Mann, der den Lehrer liebet, gebühret. Nehmt die Verse von mir deshalb hin ohne Verachtung:
Klingen sie auch nicht gut, nicht so, wie Eurer Gedichte
Donnerähnlicher Ton, so können nicht alle daselbe,
Nicht sind alle wir gleich, Magister oder Scholaren:
Logik verstehet der eine, der andere kennt die Poetik,
Wieder ein andrer Physik, ein erfahrener Arzt ist ein andrer,
Wieder ein andrer besitzt in allem erstaunliche Gnade,
Wie auch Ihr: kaum möcht' in ganz Köln einer sich finden,
Der Euch gleichet, und auch nicht hier zu Rom in der Rota,
Wo sich die Herren vom Hof, wie auf Hochschulen die »Füchse« Quälen, einander zitieren, sich um Benefizien streiten,
Wie erst unlängst einer, mit dem ich in heftigem Streit bin
Einer Vicárie wegen, ohn' Aussicht, daß wir uns einen.
Doch, Ihr kümmert Euch nicht um derlei läppische Dinge,
Wenn in der heiligen Schrift Ihr studiert, und eifrig besorgt seid,
Daß der weltliche Schwarm, der stets Euch Qualen bereitet –
Reuchlin und sein Anhang, die Poeten, zusamt der Juristen,
Die vom Gesetz stets schwatzen, ein Volk böswilliger Schreier,
Die Euch so hart angreifen und nichts, was sie sagen beweisen –
Euch nicht handle zuwider und ketzrische Lieder verfasse:
Ebenso tun Arnold und Pfefferkorn, der zu Christus
Jetzt sich bekennt, und die Schule von Frankreich, welche dem Feuer
Übergeben das Buch, das »Augenspiegel« genannt wird
Und auf so mutige Weise von Euch zu nichte gemacht ist.
Übrigens will ich mit allem, was Ärgernis brächt' in den heil'gen
Glauben, sowohl Euch selbst, als den Herrn Hoogstraten verschonen
Der weit höher noch steht als Plato, dem auch an Kenntnis
Kein Philosoph gleichkommt in solch spitzfindigen Fragen.
Nun lebt wohl, und möge die Nacht nach Wunsch Euch dahingehn!

Sagen wir Gott Dank!

Habet Nachsicht mit mir, wenn Schnitzer in diesen Versen sind, denn
irren ist menschlich, nach dem Philosophen;
auch müßt Ihr mir etwas Neues schreiben.
Dies ist geschrieben in Rom, wo's wunderliebliches Obst gibt,
Das zum Verkaufe der Landmann bringt und nach dem Gewicht gibt,
Wie ich es selbst oft sah und Erfahrung mich lehrete.

Amen.

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