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Dunkelmännerbriefe. Zweite Abteilung

Unbekannte Autoren: Dunkelmännerbriefe. Zweite Abteilung - Kapitel 36
Quellenangabe
typeletter
titleDunkelmännerbriefe. Zweite Abteilung
authorUnbekannte Verfasser
editorKarl Riha
publisherInsel Verlag
year1991
senderErich Adler
correctorreuters@abc.de
created20040402
modified20170329
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XXXIV. Magister Johannes Schneck an Magister Ortuin Gratius.

Nur einfach, und nicht durch pomphaften Wortschmuck angekündigten Gruß, wie es die poetischen Magister zu machen gewohnt sind, welche nicht mit den Theologen auf dem geraden Wege wandeln;

Dagegen Gruß in Christo, der an jenem Tag
Von allen Quälereien uns erlösen mög',
Und von Johannes Reuchlin, der wohl weltlicher
Jurist ist, aber kaum Scholar als Theolog;
Und sollt' er disputieren, sich in Übungen
Einlassen mit den Theologen, weit entfernt,
Etwas zu leisten, würd' er in der heil'gen Schrift,
Bei Gott! erliegen. Denn dort ist gar gut gesorgt,
Daß einer festen Stand hält und den Gegenmann
So quälen, so ihn in die Enge treiben kann,
Bis seine Schand' am Tag ist. So hat kürzlich erst
Hoogstraten es gemacht, der zu der Kirche Heil
Geboren ist, um jene Bursche los zu sein,
Poeten und Historiker, die schlecht gesinnt
Und nicht zum Disputieren zu gebrauchen sind.

Heiliger Gott! ich hatte nicht den Willen, Euch Verse zu schreiben, und tue es doch, allein es geschah ganz unversehens. Auch sind diese Verse nicht aus der weltlichen und modernen Poeterei, sondern aus jener alten, die selbst unsere Magister in Paris, Köln und anderwärts zulassen. Und zu meiner Zeit, als ich mich zu Paris aufhielt, sagte man, ein alter Magister, der im Kollegium Montmartre wohnte, habe die ganze Bibel in Verse gemacht, nämlich in solche Verse. Nun müßt Ihr aber auch Neuigkeiten erfahren, welche gut für Euch sind, wie z. B., daß Reuchlin, nicht mehr so viel studieren kann, wie früher, weil seine Augen schwach zu werden anfangen, wie die Schrift I. Mosis sagt: »Und seine Augen wurden dunkel, sodaß er nicht sehen konnte.« Neulich kam nämlich ein Bakkalaureus aus Stuttgart, welcher dort in seinem Hause war; da tat ich, als wüßte ich nichts von Eurer gegenseitigen Feindschaft und sagte zu ihm: Bester Herr Bakkalaureus, nehmt mir nicht vor übel, daß ich eine Frage an Euch stelle: »Ich möchte, mit Verlaub, für's erste gern wissen, ob Reuchlin noch gesund ist.« Er antwortete: »Ja: doch kann er ohne Brille nicht gut sehen«. Hierauf sagte ich: »Saget mir nun auch für's zweite: Wie benimmt er sich hinsichtlich des Glaubensstreites? ich habe gehört, er habe gewisse Händel mit gewissen Theologen; allein ich glaube, sie tun ihm Unrecht« – ich sagte jedoch das ironisch – »also: wie benimmt er sich.« Er erwiderte: »Das weiß ich nicht; doch will ich Euch sagen, was ich von ihm gesehen habe, als ich in sein Haus kam. Er sagte zu mir: Ihr kommt mir schön an, Herr Bakkalaureus, nehmet Platz. Er hatte eine Brille auf der Nase und ein Buch vor sich, das eine wunderliche Schrift hatte, sodaß ich gleich sahe, daß es weder deutsch, noch böhmisch, noch lateinisch geschrieben war. Da frug ich ihn: Vortrefflichster Herr Doktor, wie heißt dieses Buch? Er antwortete, es heiße Plutarch, sei griechisch und handle von der Philosophie. Hierauf sagte ich: Leset im Namen des Herrn. Und so glaube ich denn, daß er wunderbare Künste versteht. Sodann sah ich ein kleines, erst neuestens gedrucktes Buch unter der Bank liegen und frug ihn: Vortrefflichster Herr Doktor, was liegt hier? Er antwortete: Es ist eine Schmähschrift, welche mir unlängst ein Freund von mir aus Köln zugeschickt hat; sie ist gegen mich geschrieben, die Kölner Theologen sind die Verfasser derselben und sagen jetzt, Johannes Pfefferkorn habe dieses Buch gemacht. Hierauf frug ich: Was tut Ihr nun darauf? wollt Ihr Euch keine Genugtuung verschaffen? Er erwiderte: Keineswegs, ich habe hinreichende Genugtuung: ich bekümmere mich jetzt nicht mehr um solche Narrheit, sondern habe kaum Augen genug, uni das zu studieren, was von Nutzen für mich ist. Erwähntes Büchlein trug aber den Titel: Verteidigung Johannes Pfefferkorns gegen die Verleumdung etc. Sonst weiß ich nichts von Dr. Reuchlin.« Dieses sagte mir obengenannter Bakkalaureus. Also, Herr Ortuin, habt gutes Vertrauen: denn, wenn er so schlechte Augen hat, daß er nicht mehr lesen oder schreiben kann, so ist es sein Schade; Ihr aber dürft nicht ruhen, sondern müßt auf's neue gegen ihn schreiben. Lebet wohl!

Gegeben zu Ulm.

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