Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Unbekannte Autoren >

Dunkelmännerbriefe. Zweite Abteilung

Unbekannte Autoren: Dunkelmännerbriefe. Zweite Abteilung - Kapitel 34
Quellenangabe
typeletter
titleDunkelmännerbriefe. Zweite Abteilung
authorUnbekannte Verfasser
editorKarl Riha
publisherInsel Verlag
year1991
senderErich Adler
correctorreuters@abc.de
created20040402
modified20170329
Schließen

Navigation:

XXXII. Magister Heinrich Siebmacher grüßt den Magister Ortuin.

Verehrungswürdiger Magister! Zuvörderst und vor allem sollt Ihr wissen, daß ich zwei Instanzen verloren habe, und wenn ich auch noch die dritte verliere, dann wird der Teufel Abt werden. Und ich fürchte es sehr, denn ein Beisitzer hat mir gesagt: »Bei Gott! wenn ich an Eurer Stelle wäre, würde ich nicht appellieren, denn Ihr habt nicht Recht.« Daher weiß ich nicht, was ich tun soll. Ich glaube, die Theologen müssen in diesem Jahre kein Glück haben, denn auch der vortreffliche Herr, unser Magister Peter Meyer, steht gar schlecht mit seiner Sache gegen die Canonici zu Frankfurt, da sie diesem guten und frommen Pater alle Qual antun. Indes glaube ich, jene Canonici tun dies uni des Johannes Reuchlin willen, den sie wegen seiner Poeterei lieben; und weil sie sich diesem gefällig zeigen wollen, kujonieren sie jenen guten Hirten, der selbst dem Johannes Reuchlin im höchsten Grade verhaßt ist, und zwar mit Recht, da er für seine Fakultät einsteht; denn Johannes Reuchlin ist ein Feind der Theologen, unser Magister Peter aber ist ein Theologe, folglich etc. Und es ist doch wohl erlaubt, daß einer seine Fakultät verteidigt. Auch Herr Jakob van Hoogstraten, unser Magister und Inquisitor der ketzerischen Verworfenheit, hat kein gutes Glück in dein Glaubensstreite, denn jene Leute bei der Kurie wollen jetzt alle Poeten sein, mißachten die Theologen und sind wider sie. Indes hoffe ich doch, es werde ihnen wenig Gewinn bringen, denn der Herr wird seine Diener ansehen und sie befreien. Ich habe unlängst gehört, der Kaiser habe einen Brief an den Papst zu Gunsten des Johannes Reuchlin geschrieben, dahin lautend: wenn seine Heiligkeit jener Angelegenheit nicht ein Ende machen und sei neu Ausspruch tun wolle, so wolle er selbst sehen, wie er seinen Rat verteidigen könne. Aber was will das heißen? Wenn der Papst für die Theologen ist, so habe ich keine Furcht. Auch habe ich von einem bedeutenden Manne, welcher Offizial bei der Kurie ist, gehört, daß er sagte: »Was tun wir hier mit Briefen? Wenn Reuchlin Geld hat, so schicke er es hierher, denn in der Kurie braucht man Geld, sonst kann nichts helfen.« Und ein anderer hat mir im Vertrauen gesagt, unser Magister Jakob habe einigen Referendarien abermals die gewöhnlichen Geschenke spendiert. Und schon jetzt erzeigen sie ihm, wann sie an ihm vorbeigehen, größern Respekt und sprechen freundlich mit ihm. Daher haben wir nun immer bessere Hoffnung. Wenn ich dieses Benefizium verliere, dann will ich mich noch um jenes Vikariat in Neuß bewerben, wie Ihr wißt, denn mein Anwalt hat mich belehrt, daß ich ein gutes Recht habe. Aber bereits erinnere ich mich wieder, daß unlängst einer hierher gekommen ist, welcher sagte, die Universität Erfurt wolle ihren Ausspruch oder Entscheid gegen Johannes Reuchlin widerrufen. Wem) sie das tut, dann möchte ich sagen, alle Theologen, welche sich dort befinden, sind Treulose und Lügner, und diesen Schimpf will ich stets über sie aussprechen, weil sie nicht bei ihrer Fakultät verbleiben und den so glaubenseifrigen Mann, Herrn Jakob van Hoogstraaten, nicht verteidigen, ihn, welcher das Licht der Theologen ist und leuchtet wie ein Stern durch seine Lehren und Beweisführungen für den katholischen Glauben. Auch glaube ich, daß, wenn Ketzer oder Türken daherkämen, er gegen sie disputieren und sie mit seinem Scharfsinne so in die Enge treiben würde, daß er sie zum christlichen Glauben bekehrte: denn dieser Theolog hat nicht seinesgleichen. Neulich disputierte er in der Sapienz mit großer Gelehrsamkeit; da sagte ein Italiener: »Ich habe früher nicht geglaubt, daß Deutschland solche Theologen hätte«; ein anderer aber behauptete: »Er sei in den Bibeltexten nicht gründlich bewandert und habe den Hieronymus und Augustinus nicht gut inne.« Da erwiderte ich: »O guter Gott! was sagt Ihr? Solche Dinge hat dieser Doktor schon zum voraus hinweg, und jetzt hat er sich um anderes und wohl tiefer liegendes zu kümmern.« Gott gebe, daß es recht gehe, dann wollen wir triumphieren, und nachher jenes Poetengeschmeiß aus ganz Deutschland hinaustreiben; auch wollen wir machen, daß jene Juristen kein Wort mehr zu sagen wagen, wann sie mit Theologen zusammen sind, da sie sich fürchten werden, diese möchten den Inquisitor über sie schicken und sie als Ketzer verbrennen, wie ich jetzt hoffe, daß man mit Gottes Hilfe dem Johannes Reuchlin tun wird, dessen Richter wir sind-, denn, wie die weltlichen Kriegsleute die Gerechtigkeit auf Erden verteidigen, so verteidigen wir die Kirche mit Disputationen und Predigten. Doch, verzeihet mir mein langes Gerede und lebet wohl!

Gegeben bei der römischen Kurie.

 << Kapitel 33  Kapitel 35 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.