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Dunkelmännerbriefe. Zweite Abteilung

Unbekannte Autoren: Dunkelmännerbriefe. Zweite Abteilung - Kapitel 28
Quellenangabe
typeletter
titleDunkelmännerbriefe. Zweite Abteilung
authorUnbekannte Verfasser
editorKarl Riha
publisherInsel Verlag
year1991
senderErich Adler
correctorreuters@abc.de
created20040402
modified20170329
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XXVI. Heinrich Schafmaul entbeut dem Magister Ortuin Gratius zahlreiche Grüße.

Da Ihr mir gesagt habt, ich solle Euch, ehe ich an die Kurie ginge, oft schreiben und manchmal einige theologische Fragen an Euch richten, die Ihr mir dann besser lösen wollet, als die Leute bei der römischen Kurie: so frage ich jetzt Ew. Herrlichkeit, was Ihr davon haltet, wenn einer am Freitag, das heißt am sechsten Wochentage, oder sonst, wann ein Fasttag ist, ein Ei, worin schon einjunges ist, ißt, da wir unlängst in Campofiore in einem Wirtshaus gesessen sind, eine Mahlzeit gehalten und Eier gegessen haben, wobei ich beim Öffnen eines Eies sah, daß sich ein junges Hühnchen darin befand, und es meinem Kameraden zeigte. Dieser sagte: »Esset es schnell, ehe der Wirt es sieht, denn wenn er es sieht, muß man ihm einen Karlino oder Julio für das Huhn geben, weil hier der Gebrauch eingeführt ist, daß, wenn der Wirt etwas auf den Tisch setzt, man es zahlen muß, weil sie es nicht mehr zurücknehmen wollen. Und wenn er sieht, daß ein junges Hühnchen in dem Ei ist, so sagt er: Zahlet mir auch das Huhn, denn er rechnet das kleine wie das große.«

Nun schlürfte ich das Ei sogleich aus, und das Hühnchen darin auch mit, und dachte erst nachher daran, daß es Freitag sei, daher ich zu meinem Kameraden sagte: »Ihr habt gemacht, daß ich eine Todsünde begangen habe, indem ich Fleisch am sechsten Wochentage gegessen habe.« Er sagte, das sei keine Todsünde, ja nicht einmal eine läßliche Sünde, da dieser Embryo von einem Huhn nicht anders angesehen werde, als wie ein Ei, bis er ausgebrütet sei; es sei gerade so, wie bei den Käsen, worin sich manchmal Würmer befinden, und bei den Kirschen, Erbsen und grünen Bohnen, und doch esse man diese am Freitage und auch an den Vigilien der Apostelfeste, die Wirte aber seien solche Schlingel, daß sie sagen, das sei Fleisch, um mehr Geld zu bekommen. Hierauf entfernte ich mich und dachte darüber nach. Und bei Gott, Magister Ortuin, ich bin ganz verwirrt und weiß nicht, wie ich mich verhalten soll. Wenn ich einen bei der Kurie gerne un Rat fragen möchte, dann weiß ich, daß sie es nicht recht verstehen. Nach meinem Dafürhalten sind die jungen Hähnchen in den Eiern Fleisch, weil der Stoff schon gebildet und in Glieder gestaltet und ein tierischer Körper ist und eine lebende Seele hat. Ein anderes ist es mit den Würmern im Käse und sonst wo, denn die Würmer werden zu den Fischen gerechnet, wie ich von einem Arzte gehört habe, der ein sehr guter Naturkundiger ist. Daher bitte ich Euch recht herzlich, Ihr wollet mir auf die vorgelegte Frage antworten, denn wenn Ihr daran festhaltet, daß es eine Todsünde ist, so will ich hier Absolution erlangen, bevor ich nach Deutschland gehe. Auch tue ich Euch zu wissen, daß unser Magister Jakob van Hoogstraten tausend Gulden aus der Bank erhalten hat, und ich glaube, er werde die Sache gewinnen und der Teufel jenen Johannes Reuchlin holen, samt den anderen Poeten und Juristen, weil sie der Kirche Gottes, das heißt, den Theologen, auf welche die Kirche gegründet ist, widerstreben wollen, wie Christus gesagt hat: »Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Kirche gründen.« Und hiermit empfehle ich Euch Gott dem Herrn. Lebet wohl!

Gegeben in der Stadt Rom.

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