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Dunkelmännerbriefe. Zweite Abteilung

Unbekannte Autoren: Dunkelmännerbriefe. Zweite Abteilung - Kapitel 24
Quellenangabe
typeletter
titleDunkelmännerbriefe. Zweite Abteilung
authorUnbekannte Verfasser
editorKarl Riha
publisherInsel Verlag
year1991
senderErich Adler
correctorreuters@abc.de
created20040402
modified20170329
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XXII. Jodokus Klynge, Bakkalaureus, an Magister Ortuin Gratius.

Verehrungswürdiger Mann! Obgleich ich dem Leibe nach von Euch entfernt bin, so sollt Ihr dennoch wissen, daß ich Euch im Geiste immer nahe bin, wenn ich an unsern vertrauten Umgang denke, den wir während unsers Aufenthaltes zu Deventer mit einander pflogen. Als daher kürzlich jener Neuling hierher kam und mir Eure Schrift überbrachte, sagte er, Ihr hättet geäußert: »O, dieser Jodok ist jetzt in seiner Heimat, hat gute Tage und kümmert sich nichts um mich«. Ich erwidere: »Das ist nicht so.« Denn ich gehöre nicht zu denen, und weiß noch wohl wie Ihr immer zu Deventer an die Wand schriebet:

»Wohl aus den Augen, aus dem Sinn.«

Und bei Gott! als wir gestern beim Abendessen waren und von jenen Fischen aus meiner Heimat hatten, welche Kahlköpfe heißen – mein Vater hatte sie mir gebracht – da habe ich Euch herbeigewünscht und gesagt: »Ach, wenn doch Magister Ortuin zugegen wäre und von diesen Fischen mitäße, mein Herz würde sich freuen!« Mein Vater versetzte: »Wer ist dieser Ortuin?« Hierauf sagte ich ihm, Ihr seiet mein alter Freund und mit mir zu Deventer gewesen, und als ich bei Euch daheim war, seiet Ihr einer der Ersten, und nachher auf der Universität Köln mein Depositor gewesen, als ich vorn Fuchsentum loskam, weil Ihr ein Jahr vor mir nach Köln gekommen wäret, und nachher sei ich mit Euch zusammen gewesen bis zum Bakkalaureat; dann hättet Ihr die Magisterwürde erhalten. Ich aber begab mich, nachdem ich durch die Gnade Gottes zum Bakkalaureus war promoviert worden, auf die Universität Wittenberg; dann war ich da und dort Schulmeister, und so sah ich Euch nicht. Auch sagte ich ihm viel von Euch; unter anderem, wie ich Euch einmal lachen gemacht habe, als ich Euch jeneu Vers anführte:

»Veni Spandau aggere, tunc inspexerunt me amae«, und Euch sagte, die jungen Burschen in Spandau hätten diesen Vers aus dem Deutschen ins Lateinische übersetzt; deutsch laute er so:

»Ich kam gen Spandau auf den Damm,
Da schauten mich die Kahlköpf' an.«

Damals sagtet Ihr mir, Ihr hättet nicht gewußt, daß jener Fisch, nämlich der »Kahlkopf«, auf lateinisch Ama heiße; auf das führte ich den Vers an, und Ihr lachtet herzlich und infolgedessen sagte ich Euch, dieser Fisch finde sich in großer Menge bei uns, und einer, der so lang sei, wie mein Arm, koste kaum einen Groschen. Da sagtet Ihr: »0 Gott, wären wir doch dort!« Und darum hatte ich gestern den Wunsch, Ihr möchtet bei mir sein. Mein Vater aber sagte: »Glaubst du, es gebe zu Köln nicht auch Fische?« Ich erwiderte, die Fische seien in Köln sehr teuer. – Ihr habt mir aber geschrieben, daß es mit Eurer Angelegenheit nicht gut stehe und es Euch in der Stadt Rom schlecht gehe, auch die Begünstiger Reuchlins Euch große Widerwärtigkeiten bereiten. Ihr dürft mir glauben, daß ich eben solches Mitleid mit Euch empfinde, als wenn Ihr meine Mutter wäret. Indes hoffe ich, »Gott der Herr werde Euch Gnade und unser Land sein Gewächs geben«, d. h. ihr Kölner Theologen werdet, nachdem ihr die ketzerischen Bücher dem Feuer überantwortet habt, Frucht bringen in der Kirche Gottes durch Predigen, Beweisführen, Disputieren, Schreiben über neue Gegenstände u. dergl. Also vollbringe es Christus, der Sohn Gottes, der Euch gnädig und gewogen sei, Amen.

Gegeben zu Berlin in der Mark, wo es gute Fische gibt.

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