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Dunkelmännerbriefe. Zweite Abteilung

Unbekannte Autoren: Dunkelmännerbriefe. Zweite Abteilung - Kapitel 18
Quellenangabe
typeletter
titleDunkelmännerbriefe. Zweite Abteilung
authorUnbekannte Verfasser
editorKarl Riha
publisherInsel Verlag
year1991
senderErich Adler
correctorreuters@abc.de
created20040402
modified20170329
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XVI. Magister Johannes Huter an Magister Ortuin Gratius.

Grüße send' ich mehr noch an Euch, als Polen
Diebe, Böhmen Ketzer, das Land der Schweizer
Bauern zählt, Italien Skorpionen, Spanien Löwen;
Als in Ungarn Läuf', in Paris »Artikel«,
Zu Venedig Krämer, in Sachsen Säufer
Sind, in Rom Hofleute, Kaplän' in Deutschland, Zelter in Friesland;

Lehensleut' im Land der Franzosen, Säu' in
Pommern, Fischreichtum in der Mark, in England
Schafe, Rinderherden im Dakerlande, Huren in Bamberg;
Als in Nürnberg Künstler, in Böhmens Hauptstadt
Juden, als in Köln Pharisäer leben,
Auf Neapels Rhede man Schiffe sieht, und Pfaffen in Würzburg;
Mehr, als Frankfurt Kürschner in seinen Mauern,
Mehr, als Nadler Herzogenbusch beherbergt,
Edelleut' im fränkischen Kreis und Schiffsherrn wohnen im Seeland;
Mehr noch, als Florenz Sodomiter zählet,
Als das Volk beim Predigerorden Ablaß
Holet, als Heuschrecken im Sommer schwirren, Weber in Augsburg
Tätig sind; als Tauben die Wetterau durch-
Fliegen, mehr, als Bayern an Kohl hervorbringt,
Als in Flandern Heringe sind und Säck' im Thüringerlande.

Das will besagen: ich wünsche Euch unzählige Grüße, verehrungs-würdiger Magister, weil Ihr mir so lieb seid, als es in ungeheuchelter Liebe nur möglich ist. Allein Ihr könntet sagen, ich fingiere diese Liebe bloß, weil Ihr nicht glaubet, daß sie so von Herzen kommt, darum will ich mich nicht weitläufiger darüber auslassen. Daher der Vers: »Propria laus sordet«, zu deutsch: »Eigenlob stinkt«. Als Zeichen dieser Liebe aber sende ich Euch hier zwei Geschenke, nämlich ein aus Büffelhorn gemachtes Paternoster, angerührt am Grabe der heiligen Petrus und Paulus und an vielen anderen Reliquien zu Rom. Ich habe mit demselben auch noch drei Messen gelesen. Es soll gut sein gegen Straßenräuber und alle boshaften Angriffe, welche den Tod bringen können, wenn einer den Rosenkranz daran betet. Zum zweiten sende ich Euch einen in ein Stückchen Tuch eingewickelten Gegenstand, der viele gute Eigenschaften gegen die Schlangen besitzt, wie ich mich aus Erfahrung überzeugt habe; und wann – Gott verhüte es – Euch eine Schlange beißt, so schadet es Euch nichts; ich habe einen Karolin dafür gegeben. Es war hier einer in Campofiore, der durch die Kraft des heiligen Paulus Wunder verrichtet; er hatte viele schrecklich gestaltete Schlangen, sodaß es wunderbar anzusehen war. Er rührt sie an und es schadet ihm nichts; erhält aber ein anderer einen Biß, so rettet er ihn durch sotanes kräftiges Mittel, indem er der Person den also eingebundenen Gegenstand gibt; und man Sagt, er stamme aus dem Geschlechte, welchem der heilige Paulus diese Heilkraft verliehen hat. Denn als der heilige Paulus noch auf Erden wandelte, wurde er einmal von einem Manne bewirtet, der ihn mit der höchsten Ehrerbietung behandelte, ihm gute Gesellschaft leistete, zu essen und zu trinken gab, ein bequemes Lager bereitete und ihn am Morgen bat: »O guter Herr, haltet mich nicht für ungut, ich sehe, daß Ihr ein großer Mann seid und besondere Gnade von Gott habt; und ich zweifle nicht, daß Ihr ein Heiliger seid, da ich Euch gestern habe Wunder verrichten sehen; ich bitte Euch, saget mir, wer Ihr seid.« Der heilige Paulus erwiderte ihm: »Ich bin Paulus, ein Apostel Christi.« Da fiel jener Mann auf seine Knie und sprach: »O heiliger Paulus, vergebet mir, daß ich nicht gewußt habe, wer Ihr seid, und darum bitte ich Euch, Ihr wollet Gott bitten f'ür meine Sünden, und wollet mir zum Abschied eine besondere Gnade um Gotteswillen bescheren.« Da sagte der heilige Paulus zu ihm: »Dein Glaube hat dir geholfen«, und verlieh ihm und allen seinen Nachkommen die Gnade, daß sie Menschen, welche von giftigen Schlangen gebissen sind, heilen können. Und der Mann, welcher mir dieses gegeben hat, stammt aus jenem Geschlechte, wie er vielfach bewiesen hat. Darum nehmt es gut auf. Schreibet mir auch Neuigkeiten von Kriegssachen, und lasset mich wissen, ob jener Jurist, Johannes Reuchlin, noch anderes gegen Euch verfaßt hat, denn es ist wohl möglich, daß er es bei seiner Keckheit tut, auch wenn Ihr Euch vorher nichts habt zuschulden kommen lassen. Doch ich hoffe, Ihr werdet ihn tüchtig ins Bockshornjagen. Auch hat mir hier unser Herr Magister Hoogstraten gesagt, seine Sache stehe gut, und ich solle Euch das schreiben. Lebet wohl!

Gegeben zu Rom.

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