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Dunkelmännerbriefe. Zweite Abteilung

Unbekannte Autoren: Dunkelmännerbriefe. Zweite Abteilung - Kapitel 14
Quellenangabe
typeletter
titleDunkelmännerbriefe. Zweite Abteilung
authorUnbekannte Verfasser
editorKarl Riha
publisherInsel Verlag
year1991
senderErich Adler
correctorreuters@abc.de
created20040402
modified20170329
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XII. Wilhelm Lamp, Magister der freien Künste, grüßt den Magister Ortuin Gratius.

Ehrwürdiger Mann! Euerem Wort und Auftrag Folge leistend, daß ich Euch gleich nach meiner Ankunft in Rom schreiben solle, wie es mir auf meiner Reise überall ergangen sei, und wie es um meine leibliche Gesundheit stehe, tue ich Euch zu wissen, daß ich durch die Gnade Gottes noch gesund bin und auch von Euch gern hören möchte, daß Ihr gesund seid; ich hoffe jedoch, wenn Gott der Herr es will, daß Ihr gesund seid, und setze Euch in Kenntnis, welchergestalt ich sogleich nach meiner Ankunft zu Mainz im Gasthaus zur Krone daselbst einige Männer getroffen habe, welche von dem Glaubensstreite sprachen und sich für den Dr. Reuchlin erklärten: und als sie sahen, daß ich ein Kölner sei, sprachen sie noch weit mehr, gaben mir ihre Verachtung zu erkennen, lobten den Johannes Reuchlin, äußerten sich ganz gering über unsere Magister zu Köln und nannten sie Fledermäuse, die beim Tageslicht nichts zu tun hätten, sondern in der Finsternis umherflögen und sich mit Dunkelmännern abgäben. Hierauf erwiderte ich: »Man höre auch den andern Teil« und führte die »Flores legum « an, worauf sie mich durch viele schlechte Reden zu reizen begannen, so daß ich sagte: »Was habe ich mit Reuchlin zu schaffen? Lasset mich essen für mein Geld.« Ihr könnt nun wohl sagen: »Herr Wilhelm, Ihr hättet sollen standhalten und ihnen mutig antworten.« Allein wisset, daß sich das an diesem Orte nicht tun läßt; auch habe ich gehört, daß erst kürzlich einer in diesem Gasthause mit einem Schemel tüchtig gehauen wurde, weil er unsern Magister Jakob van Hoogstraten verteidigte; denn jene Gesellen, welche dort zu Tische gehen, sind schreckliche Leute und haben Degen und Schwerter, und einer von ihnen ist ein Graf, ein hochgewachsener Mann, und hat blonde Haare. Man sagt, daß er mit seinen Händen einen Mann in voller Rüstung nehme und zu Boden werfe, auch hat er ein Schwert so lang wie ein Riese. Als ich ihn sah, schwieg ich und ließ sie sprechen, dachte aber, ich wollte Euch schreiben, allein ich hatte damals nicht sogleich einen Boten. Als ich aber nach Worms kam, begaben wir uns in ein Wirtshaus, wo sich viele Doktoren befanden, welche Mitglieder des Kammergerichts sind, und hörte, daß sie den Johannes Pfefferkorn wegen der »Sturmglock« zitierten, und einer sagte: »Ihr werdet sehen, daß schon in wenigen Jahren diese unsere Magister ausgerottet werden und nicht mehr sein werden. « Auf dies versetzte ich: »Wer wird Euch denn predigen und Euch im katholischen Glauben unterrichten?« Er antwortete: »Das tun die gelehrten Theologen, welche die Schrift verstehen, wie Erasmus von Rotterdam, Paul Rizius, Johannes Reuchlin u. a.« Da schwieg ich und dachte bei mir: »Ein Narr redet von Narrheit«. Und einer saß am Tisch namens Theobald Fettich, der jetzt Doktor der Medizin ist; ich kannte ihn, da er einst zu Köln In der Burs unter XIV Häusern stand; er sprach viel mehr als die anderen, und ich sagte zu ihm: »Ihr müßt Euch erinnern, daß Ihr dem Rektor und der Universität Köln den Eid abgelegt habt.« Er antwortete: er scheiße uns alle voll. Doch, lassen wir das. Nachdem wir Worms verlassen hatten, einige furchtbare Männer zu Roß; sie hatten Armbruste mit Pfeilen und wollten uns erschießen; da schrien mein Begleiter: »Jesus, Jesus!« ich aber, voll Herzhaftigkeit sagte, er solle nicht so schreien, und sagte zu jenen Männern: »Gnädige Herren, richtet doch nicht Eure Pfeile auf uns, da wir ja nicht mit Waffen versehen und auch nicht Feinde von Euch, sondern Geistliche sind, die wegen Benefizien nach Rom reisen.« Hierauf sagte einer: »Was kümmere ich mich um Eure Benefizien? Gebt mir und meinen Kameraden Geld, daß wir etwas zum trinken haben, oder der Teufel soll Euch holen!« Wollten wir somit von ihnen loskommen, so mußten wir ihnen zwei Gulden geben. Dabei sagte ich heimlich: »Saufet, daß es euch der Teufel segne!« – Und mein Gefährte sagte sodann noch: »Was meinet Ihr, wollen wir sie vor die römische Kurie zitieren?« Da sagte ich, dies sei nicht möglich, weil wir ihre Namen nicht wissen. Sodann gingen wir durch vielen Kot nach Augsburg; es regnete heftig, und schneiete auch so stark, daß wir unsere Augen nicht aufmachen konnten. Da sagte mein Gefährte: »Beim Teufel, wie friert es mich! wäre ich noch in Köln, ich möchte nicht an die römische Kurie gehen.« Ich aber lachte. Im Wirtshause aber war ein schönes Mägdlein als es Nacht ward, veranstaltete man einen Tanz und mein Gefährte tanzte auch. Ich sagte ihm zwar, er solle es nicht tun, weil er Magister sei, und keine solche Leichtfertigkeiten treiben; er aber kehrte sich nicht daran, sondern sagte zu mir: »Wenn jenes Mägdlein eine Nacht bei mir schlafen wollte, so wollte ich ein Pfund von ihrem Dreck fressen. « Das konnte ich nicht mehr mit anhören, sondern führte nur den Prediger an, wo es heißt: »Es ist alles ganz eitel, ganz eitel«, und ging schlafen. Bei guter Zeit kamen wir nach Landsberg, wo mein Gefährte in der Nacht die Magd des Wirtes hernahm. Und als wir morgens die Herberge verließen, da hinkte sein Pferd, und ich sagte zu ihm: »Nehmet morgen noch mehr Mägde her!« Ein Schmied aber half ihm wieder. Hierauf begaben wir uns nach Schongau, wo wir schöne Spiegel kauften. Von da wandten wir uns nach Innsbruck. Der Weg war damals so schlecht, daß die Pferde nicht fortkommen konnten, und der Kot so tief, daß er den Pferden bis über den Bauch hinauf ging. Und so kamen wir denn nach vielen Plackereien in Innsbruck an, wo sich der Kaiser unser Herr nebst seinen Vasallen, Hofleuten, vornehmen Personen, Soldaten und Bewaffneten befand, welche seidene Kleider und goldene Ketten um den Hals trugen. Einige darunter sahen recht furchtbar aus mit ihren Bärten und nach Kriegerart zerspaltenen Sturmhauben. Auch fürchtete ich mich, im Wirtshaus zu speisen, weil ich einen sagen gehört hatte: »wenn er Kaiser wäre, wollte er alle hängen lassen, welche sich an den römischen Hof begeben und Schlechtigkeiten lernen. Dort betrögen sie einander auch um die Benefizien, plagten andere, welche in Deutschland Benefizien besitzen, und machten, daß das Geld aus Deutschland nach Rom komme.« Und so sah ich, daß jene Höflinge sich weder um Gott, noch um Menschen kürnmern, und darum »werden sie zerfahren, wie der Staub vor dem Winde«. Nach diesem stiegen wir über einen Berg, welcher voll Schnee war und so hoch ist, daß ich glaube, er geht bis an den Himmel hinan. Auch war die Kälte auf jenem Berge so groß, daß ich das Fieber zu haben glaubte und an mein Stübchen in Köln dachte. Mein Gefährte aber sagte: »Ach, hätte ich doch meinen Pelz bei mirl« Ich erwiderte ihm: »Ihr beklagt Euch immer über Kälte, wann Ihr im Freien seid; sobald Ihr aber in eine Herberge kommt, sehet Ihr Euch gleich nach einer Bettgenossin um: wisset Ihr nicht, daß der Beischlaf auch erkältet?« Da entgegnete er: »ihm komme es nicht so vor, daß derselbe erkälte, vielmehr erwärme.« Auch müßt Ihr wissen, Magister Ortuin, daß ich in meinem Leben noch keinen so wollüstigen Menschen gesehen habe: jedesmal, wenn wir eine Herberge betraten, war sein erstes, Wort an den Diener des Wirtes: »Mein lieber Diener, gibt es nichts zwischen die Kniee? mein Zipfel steht mir so hart, daß ich ganz gewiß Nüsse damit aufklopfen könnte. « Hierauf kamen wir nach Trient, und Gott verzeihe mir, und auch Ihr nehmet es mir nicht übel, wenn ich Euch die Wahrheit berichte –: dort habe auch ich einmal meine Nieren ausgeschleimt, indem ich mich ganz insgeheim in ein Bordell begab; nachher in der Nacht aber betete ich die Horen von der allerseligsten Jungfrau für diese Sünde. Es war daselbst vieles Kriegsvolk, das im Begriffe war, nach Verona zu gehen und daselbst Wundertaten zu verrichten. Auch wurde uns von großen Dingen gesprochen: wie der Kaiser Venedig erobern wolle; auch sahen wir Feldgeschütze und vieles andere, dergleichen ich mein Lebtage nicht gesehen habe. Es war an einem Sonntage, als wir nach Verona kamen, es ist dies eine schöne Stadt, mit Mauern, Schanzen und Festungswerken. Auch sahen wir daselbst das Haus des Dietrich von Bern, wo er gewohnt und viele Riesen überwunden und erlegt hatte, welche Krieg wider ihn geführt hatten. Als wir sodann weiter gehen wollten, konnten wir das nicht, aus Furcht vor den Venetianern, weil es hieß, sie ständen im Felde, und es war auch wirklich so; denn bald darauf bei Mantua hörten wir sie schießen, da sie vor Brescia lagen. Da sagte mein Gefährte: »Hier ist Virgil geboren«. Ich erwiderte: »Was geht mich dieser Heide an? Wir wollen zu den Karmelitern gehen und den Baptista Mantuanus besuchen, der zweimal besser ist, als Virgil, wie ich wohl zehnmal von Ortuin gehört habe«. Auch sagte ich ihm, wie Ihr einmal den Donatus getadelt habt, wo er sagt: »Der gelehrteste Dichter war Virgil, oder auch der beste Philosoph«, und auch gesagt habt: »Wäre aber Donatus hier, so wollte ich ihm ins Angesicht sagen, daß er lügt, denn Baptista Mantuanus steht über dem Virgil«. Und als wir zu dem Kloster der Karmeliter kamen, wurde uns gesagt, Baptista Mantuanus sei gestorben; worauf ich erwiderte: »Er ruhe im Frieden«. Hierauf kamen wir nach Bologna, wo der heilige Vater und auch der König von Frankreich war. Dort hörten wir eine päpstliche Messe und gewannen viele Ablässe für alle Sünden, sowohl läßliche, als Todsünden, auch beichteten wir. Damals war daselbst der hochwürdige Pater Jakob van Hoogstraten, unser Magister und Inquisitor der ketzerischen Verkehrtheit; und als ich ihn sah, sagte ich: »0, Hochwürdiger Vater, was macht Eure Exzellenz hier? Ich glaubte, Ihr wäret in Rom Sodann übergab ich ihm Euern Brief und den Brief unsers Magisters Arnold von Tongern. Hierauf erwiderte er mir, er wolle es durch den König von Frankreich auswirken, daß Reuchlin für einen Ketzer erklärt und der »Augenspiegel« verbrannt werde. Ich aber frug ihn: »Versteht denn auch der König diesen Gegenstand?« Er entgegnete: »Wenn er ihn auch von sich aus nicht verstehet, so haben ihn doch die Pariser Theologen darüber belehrt, und sein Beichtvater Wilhelm Parvi (Petit), der ein sehr glaubenseifriger Mann ist, hat ihm in der Beichte gesagt, er werde ihn nicht absolvieren, wenn er es nicht bei dem Papst dahin bringe, daß Reuchlin für einen Ketzer erklärt werde«. Hierüber freue ich mich sehr, und ich sagte: »Gebe Gott der Herr, daß nach Euern Worten geschehe«. Auch fand ich daselbst viele mir bekannte Hofleute, und lud sie ins Gasthaus ein. Hierauf gingen wir nach Florenz, das eine so schöne Stadt ist, wie es nur eine in der Welt gibt; und von da nach Siena, wo eine Universität ist, aber mit nur wenigen Theologen. Nun kamen kleine Städte; eine derselben heißt Montefiascone; dort tranken wir den besten Wein, wie ich in meinem ganzen Leben noch keinen getrunken habe, und ich frug den Wirt, wie man diesen Wein nenne? Er antwortete: »Tränen Christi«. Auf dies sagte mein Gefährte: »Ach, wenn doch Christus in unserem Vaterlande weinen wollte!« Und so tranken wir denn einen guten Satz. Gelobt sei Gott, der uns von den vielen Qualen erlöst hat, welche im ganzen Leben, und wenn man in schlechten Schuhen steckt, vorkommen. jetzt aber, in der Kurie, bin ich nichts Neues inne geworden, außer, daß ich hier ein Tier gesehen habe, das wohl so groß ist, als vier Pferde und einen so langen Rüssel hat, wie ich, und ein wundersames Geschöpf ist. Als ich es sah, rief ich aus: »Wunderbar ist Gott in seinen Werken!« Ich gäbe gern einen Gulden, daß Ihr diese Bestie sehen könntet. Allein ich glaube bei Gott, daß ich in meinem Schreiben meinen Mann tüchtig gestellt habe. Tut auch Ihr desgleichen, sonst schreibe ich Euch nie mehr. Lebet wohl und gesund!

Gegeben in aller Eile in der Königlichen Kurie.

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