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Dunkelmännerbriefe. Zweite Abteilung

Unbekannte Autoren: Dunkelmännerbriefe. Zweite Abteilung - Kapitel 11
Quellenangabe
typeletter
titleDunkelmännerbriefe. Zweite Abteilung
authorUnbekannte Verfasser
editorKarl Riha
publisherInsel Verlag
year1991
senderErich Adler
correctorreuters@abc.de
created20040402
modified20170329
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IX. Magister Philipp Schlauraff an Magister Ortuin Gratius.

Ellenlangen Gruß, verehrungswürdiger Magister! Wißt, daß ich Euern Brief empfangen habe, der, wie es Eure Gewohnheit ist, gar poetisch abgefaßt war. Ihr habt auch geschrieben:

Zu Köln gegeben, als beim leckern Mahle wir
Vergnügt gelebt, und aller Ernst vergessen war.

Da habe ich so bei mir gedacht, Ihr wäret recht weinselig gewesen, das heißt, voll Wein, um poetisch zu sprechen, und ich glaube, Ihr habt einen Rausch gehabt, als Ihr jenes Schriftstück abfaßtet. Schreibet mir auch, ob ich Euch jenes Gedicht schicken soll, das ich bei meiner Wanderung durch verschiedene Gegenden Deutschlands gemacht habe, als ich im Auftrage der Theologen die Universitäten besuchte, um sie günstig zu stimmen wider Johannes Reuchlin, und wie ich daselbst von den da und dort befindlichen Poeten mißhandelt wurde. Ich will es aber dennoch tun, allein Ihr müßt mir ebenfalls etwas von Euern Werken schicken. Auch habe ich diesem Boten etwas mitgegeben, um es Euch zu überbringen. Wisset auch, ich habe es rhythmisch abgefaßt, ohne das Silbenmaß zu berücksichtigen, es scheint mir, daß es so besser klingt. Auch habe ich jene Dichtungsweise nicht gelernt und kümmere mich nicht darum. Lebet wohl! Aus Brunneck in Flandern.

Rhythmisches Gedicht des Magister Philipp Schlauraff, das er verfaßt und zusammengetragen hat, als er Kursor in der Theologie war und durch ganz Oberdeutschland wanderte.

Allmächt'ger Christus, auf den jedes Wesen hofft,
Du höchster Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit,
O, sei mir gnädig, wenn der Feind mich peiniget!
Schick' einen Teufel ab, daß er zum Galgen die
Poeten und Juristen führe, welche mir
So viele Qual antun, in Sachsen namentlich,
Wo ich der Logik mich beflissen, welche mich
Sibutus lehrte, der auch Medizin versteht,
Dabei ein altes Weib hat, die gut Bier verkauft.
Auch ein Poet, der Balthasar von Facha heißt,
Ist dort, des Qual mir großen Schmerz bereitet hat.
Philipp von Engen ferner, der nicht weniger
Mich peiniget und einen Streit begonnen hat.
Drauf hab' ein andres Land ich aufgesucht: mir schien
Geraten, daß nach Rostock ich mich wendete,
Wo Hermann Busch mit Liedern einen bis zum Tod
Gepeinigt hat. Da hört' ich aber unterwegs,
Daß dort die Pestilenz weitum verbreitet sei.
Nun ging ich Greifswald zu, wo nicht viel Leben ist;
Drum ging ich alsbald fort, obgleich es Nacht schon war,
Und kam nach Frankfurt, welches an der Oder liegt,
Wo durch Gedichte mich Hermann Trebellius
Gar arg schimpfiert und unverschämt verlästert hat,
Und beide Osthen, seine Schüler ebenfalls,
Die bei den Bürgern greulich mich verhöhneten:
Die ganze Stadt hieß mich »das Kölnisch Kopulat«.
So wandert' ich nach Oestreich, mir zum Mißgeschick,
Weil dort – brenn' ihn der heilige Antonius –
Tannstetter Rektor und mein Widersacher war:
Der nannte mich Verräter, wollt' in Kerkerhaft
Mich geben, hätte Heckmann nicht für mich gewirkt.
Doch Jochem Badian – o neues Mißgeschick! –
Fing dort gleich mit mir an von wegen Pfefferkorns,
Weil der in seinem Buche »Zur Verteidigung«
Verächtlich von ihm spricht, obgleich mit gutem Grund.
Mich treffe, sagt' ich, keine Schuld, bat weinend ihn,
Er möge mich doch gehen lassen, sagte drauf
Ganz leise zu den Herrn, der Rektor
Der Lilien-Burse halte mit Gewalt mich fest.
Spießhammer, der bei König Maximilian
In hohen Gnaden steht, nahm nun das Wort: die Herrn
Magister in den freien Künsten kämen ihm
Gerad, als wie Doktoren in Todsünden vor.
Nun schickt' ich mich von hier zur weitern Wanderung an
Und kam nach Ingolstadt, wo Philomusus wohnt,
Der auf die Theologen Hohngedichte macht.
Aus Furcht vor seinem Wüten zog ich Nürnberg zu,
Wo ein gewisser, welcher nicht Magister ist,
– Pyrkcheimer heißt er – hindernd in den Weg mir trat:
Dort sagte man mir heimlich, daß er, im Verein
Mit vielen, eine weithin ausgebreitete
Verschwörung eingegangen, Reuchlin beizustehn
Und viel zu schreiben, was die Theologen kränkt.
Auch wurde mir gesagt, er habe jüngst ein Buch
Geschrieben »De usura, quam Theologia etc.«,
Wie zu Bologna eine Disputation
Die Sach' entschieden hatte, was von unseren
Magistern auch als giltig angenommen ward.
Nach einem Monat macht' ich mich gen Leipzig auf,
Wo Richard Krokus, den man »den Engländer« nennt,
Mich auf der Straße sah: »Die Bestie« – sagte er –
»Ist mir von Köln bekannt«. »Nicht doch« erwidert' ich –
»Ich hin der Rechte nicht«. Drauf sagte er zu dem,
Der bei ihm war: »Das ist der Theologenfreund,
Reuchlins Verräter, ein Poltron; ich hab' es den
Magistern in den freien Künsten angezeigt,
Die sich verschworen haben, die Befugnis ihm,
Vorlesungen zu halten, zu entziehn, sodaß
Für alle Zukunft er einkommenlos wird sein«.
Ein Moselländer sagte: »Dieser Lumpenkerl
Gehörte billig an den Galgen aufgehenkt«.
Man gab den Abschied mir, und nun beschloß ich, mich
Nach Erfurt zu begeben, allwo Aperbach
Gleich bei der Hand war, mehr noch mich zu tribulieren;
Und nebst ihm Eoban Hessus, der nie müde ward,
Die Straßen durchzusuchen, bis er Leute fand,
Die mit den Fäusten weidlich mich zerbläueten.
Zwei-, dreimal quält' auf greuelhafte Weis' er mich
Und sprach zu den Studenten: »Reißt die Zähn'ihm aus,
Er ist ein Theologenfreund, ist Reuchlins Feind!«
Drauf sagte Crotus Rubianus: » Woher ist
Der Lumpenkerl gekommen, den hier niemand kennt?«
»Ich habe promoviert«, erwidert, ich. Er drauf:
»Macht dennoch, daß ihr forkommt«. Nunmehr wollt' ich gleich
Nach Köln zurück, mein Weg ging durch den Buchenwald,
Allein von einem Freund erfuhr ich, Mutian
Komm' auch des Wegs, dann ständen Hiebe mir bevor.
Nun ging ich durch Campanien und kam wiederum
Nach Meißen; gleich bekam auch Ästikampian
Nachricht hiervon: der schickte seine Schüler aus,
Die zogen bei den Haaren mich mit sich hinweg,
Und Spalatin, sein Nachbar, setzte noch hinzu:
Sie sollten auch in seinem Namen mich zerbläun.
Ich, genug zerschlagen, kam nun an das Erzgebirg,
Wo mir ein Teufel oder böser Engel doch,
Den Staar entgegenbrachte. Wie mich der
Erkennt, versetzt er gleich mir einen Backenschlag.
Hierauf ging ich nach Franken, wo der Mainfluß ist.
Dort war's, wo Ullrich Hutten mit erhobner Hand
Den Schwur tat, mich mit Ruten durchzuhauen, wenn mich
Die Lust ankäme, dort zu bleiben. Jetzo galt's,
Auf das was wohl das Beste sei, bedacht zu sein;
Die Reise ging von hier nach Schwaben, Augsburg zu,
Wo Konrad Peutinger, kein Freund von Brulifer,
Mir nicht vergönnen wollte, ruhig da zu sein.
In Stuttgart zog ich nur vorüber, weil daselbst
Reuchlin, der Ketzer, wohnt, der mir verdächtig war.
Drauf zog ich fort nach Tübingen; hier hausen viel
Gesellen, welche neue Bücher machen und
Verächtlich auf die Theologen niedersehn:
Melanchthon ist darunter der verächtlichste,
Wie ich erfahren; drum auch hab' ich Gott gelobt:
Säh' den ich tot, zum heil'gen Jakob hinzugehn.
Auch Bebel war, nebst Johann Brassikanus und
Paul Vereander da, die schwuren allzumal,
Mich weidlich zu zerbläun, zög ich mich nicht zurück.
Jedoch ein Theolog, Franziskus zubenannt,
Hat mich durch klugen Rat von dort hinweggebracht.
Nun dacht' ich fortzugehn von dem Poetenpack,
Und wandte mich nach einer Stadt, die Straßburg heißt:
Dort wurde mitten auf der Straß' ein Bubenstück
Begangen, weil Gerbellius mit Disputiern
Mir öffentlich zu Leibe ging, sodaß ich ganz
Verwirrt ward und der Gegenstand für Schmach und Spott.
Da kam Sebastian Brant; der nahm mich bei der Hand
Und sagte: »Komm mit mir, wir wolln von hier zu Schiff
Nach Narragonien, weil du gar so närrisch bist«.
Auch Schurer war daselbst, ein feister Kamerad,
Der spottete mich aus und sprach: »Herr, Ihr müßt mit
Bis ins Schlaraffenland, da seid Ihr gut bekannt«.
Da nahm ich mein Gewand zusammen, schickte mich
Von da zur weitern Flucht an und lief Schlettstadt zu.
Hier sah ich Wimpheling, der hatte einen ganz
Verschmierten Pelzrock an, sah Jakob Spiegel auch,
Der zu mir sprach: »Wo kommst du tauber Simpel her?«
»Aus Schwaben«, sagt' ich. Nunmehr nannt er mich ein Vieh:
Das brachte mich in Zorn. Da sagte Kircher mir,
Ich solle nach Athen gehn, Griechisch lernen dort.
Auch Sapidus mit vielen Schülern traf ich an,
Der applizierte mir die Disziplin; auf das
Rief ich um Hilfe zu der Himmelskönigin.
Darauf rief Storck: »Rollt diesen Kerl die Trepp' hinab!«
Doch Phrygio entgegnete: »Verschont in ihm
Den priesterlichen Stand«. Da kam der selige
Rhenanus; dieser frug, ob ich ein Deutscher sei?
»Ich bin aus Flandern«, sagt' ich; da erhielt ich gleich
Zwei Streiche auf den Kopf, daß Sehn und Hören mir
Verging. Von dannen wandert' ich nach Hagenau,
Da wurden mir die Augen blau: Du, Wolfgang Angst,
Hast mir das angetan, Gott gebe, daß du hangst,
Weil du mit einem Stock mir in das Auge schlugst.
Auch Setzer lief herbei, kaum Bakkalaureus,
Mit einem großen Buch, schlug in die Seite mich,
Daß mir der Atem stockt'. Ich bat nun meinen Freund,
Mich Beicht' zu hören, denn ich wäre ganz zerknirscht.
Doch mitten in der Nacht stieg ich'. vom Lager auf
Und ging nach Freiburg, mich nach Mitleid umzusehn;
Allein dort stand viel Adel und gar schreckliches
Kriegsvolk auf Reuchlins Seit' und drohte mir den Tod.
Auch frug ein Alter mich – sein Narn' ist Zasius,
Längst als Jurist bekannt – ob ich Skotiste sei?
»Mein höchstes Vorbild« – sagt' ich – »ist der heilige
Doktor«: Da lacht' er auf, daß mich Scham ergriff.
Und einer, Namens Amorbach, nahm gleich das Wort
Und sprach: »Das will ich anders machen; langet mir
Die Pritschen her, so will ich ihn was Neues lehr'n«.
So trieb man auch von hier mich fort, denn Unglück ist
Mein Los-, ich kam nach Basel, wo ich einen sah,
Der sich Erasmus nennt und hoch in Ehren steht.
Da sagt' ich: »Mit Verlaub, sag' Eure Exzellenz,
Seid Ihr Magister erst nostrandus, oder gleich
Qualificandus?« »Allerdings«, erwidert er.
Auf das ließ ich ihn stehn; allein in Fröbens Haus
Sind viel verruchte Ketzer, Glarcanus auch:
Der legte Hand an mich, schlug mir den Rücken voll
Und warf mich auf den Boden. Diesem rief ich zu:
»Bei deinem Lorbeer, habe Mitleid doch mit mir!«
Hierauf bestieg ich einen Kahn; fort ging's nach Worms,
Wo ich im Wirtshaus mit dem Arzte Theobald
In Streit geriet, weil von den Theologen er
Viel Ärgerliches erzählte-, voll Bescheidenheit
Sagt' ich zu ihm: »Ihr seid ein dummer Mensch!«
gleich stand, Groß, wie ein Käslaib, eine Beule mir am Kopf.
So zog ich mich, verwundet, bis nach Mainz zurück,
Allwo Bartholomäus Zehner mich als Gast
Gar gütig aufnahm, aber beim lebend'gen Gott
Mir zuschwur: wär' ich in der Krone eingekehrt,
So hätt' ich argen Quälerei'n mich ausgesetzt,
Weil dort die Tischgenossen voller Bosheit sei'n:
Klaus Karbach, der Vorträge über Livius
Für die Scholaren hält; auch den Huttichius
Traf ich, der mit der Bank aus altem Haß mich schlug,
Daß mir ein Furz entfuhr; der Doktor Weydniann gab
Mir eine Schlappe mit der Faust; ich sprach zu ihm:
»Soll das ein Tusch sein?« Johann Königstein darauf
Gab einen Stoß mir, daß ich von der Treppe fiel.
Nach allen den Gefahren ging ich an den Rhein
Spazieren, dorten war's, wo ich in einem Schiff
Den Minoriten, Doktor Thomas Murner, sah.
Der sprach: »Verschont' ich dich ob meiner Würde nicht,
Du lägst vor aller Welt gleich in den Fluten hier«.
»Warum das?« frug ich; »schweig' du Holzbock, – gab er mir
Zur Antwort – was dem Doktor Reuchlin du getan,
Liegt noch im Sinne mir«. So ging ich denn nach Köln
Und fand dort gute Kompanie, obgleich mir Busch
Mit seinen Schülern, auch Johann Cäsarius,
Der dort den Plinius erklärt, zu Leibe ging;
Doch kümmerte mich das nicht, denn ich schloß mich an
Die Theologen an und lebte ganz vergnügt;
Auch gab kein Haar ich auf den Graf von Neuenaar,
Obschon er ein Poet ist, sagt doch Pfefferkorn
In seinen Schriften von dem Adel: »Mag er auch
Erlaucht sein, ist er doch nicht zu entschuldigen,

 

Er muß gestraft sein, weil er so verblendet ist«.
So schließ' ich denn, zur Ehr' der Universität.

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