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Du Schwert an meiner Linken

Rudolf Stratz: Du Schwert an meiner Linken - Kapitel 7
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pfad/stratz/duschwer/duschwer.xml
typefiction
authorRudolph Stratz
titleDu Schwert an meiner Linken
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
printrun59.-68. Tausend
year1923
firstpub1912
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201202217
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6

Zwei lange Trauerflore wehten im Wind. Von dem trüben, noch ganz winterlichen Märzhimmel Berlins sanken vereinzelte Schneeflocken auf sie nieder, umspielten die beiden schwarzgekleideten Frauengestalten, übersilberten den etwas eingesunkenen, mit vergilbten Kränzen überhäuften, vorläufigen Grabhügel. Frau von Ottersleben hielt ihr Tuch vor dem Gesicht und weinte leise. Maximiliane stand neben ihr. Auch sie hatte feuchte Augen. Stumm schaute sie während des Schluchzens der Mutter vor sich hin – auf die kahlen Bäume, die bereiften Leichensteine, die aufgeweichten Kieswege. Drei Wochen waren nun schon vergangen, seit man Papa hier zur Ruhe gebettet. Ringsumher war alles voll gewesen von Uniformen – das halbe Offizierkorps der Hundertachtundachtziger – viele Generalstäbler, Grenadier-, Artillerie- und Pionieradjutanten mit Kränzen, aus den Truppenteilen der Söhne und des Schwiegersohns – die Husaren des Schwagers – Lichterfelder Kadetten – draußen die Bataillone der Leichenparade – Massen von Neugierigen – nun war das alles schon verweht und halb vergessen, die Welt ging ihren Gang – vor den Gittern des Friedhofs hörte man den dumpf brausenden, millionenfachen Atem von Berlin. Fern in der Provinzstadt führte ein anderer das Infanterieregiment Burggraf Friedrich von Nürnberg. Die Witwe seufzte und schob sich den vom Wind zerzausten Schleier zurecht.

»Wir wollen gehen, Maxe!« sagte sie. »Es zieht hier furchtbar. Da hat sich auch Ulla die Erkältung geholt, neulich ...«

Ulla von Logow hatte sich am Tage nach dem Begräbnis ihres Vaters mit einer schweren Grippe legen müssen. Jetzt war keine Besorgnis mehr. Aber sie hustete immer noch, und der Arzt ließ sie nicht aus dem Zimmer. Die beiden Damen, Mutter und Tochter, gingen lange schweigend durch die freudlosen Straßen des Berliner Nordens in der Richtung nach der Spree. Frau von Ottersleben verschluckte wieder Tränen.

»Ach, Kind ... Mir ist's immer noch wie ein Traum ... Wie wir jetzt wieder daheim waren in der leeren Wohnung, wenn sich was rührte, lag es mir aus den Lippen, zu rufen: ›Thilo ...‹ Ich dachte, es müßte Papa sein! ... Sonst sieht man doch ein Unglück kommen. Man hat Zeit, sich vorzubereiten. Aber so auf einmal, über Nacht ... Papa hat mir kaum ordentlich adieu gesagt, wie er nach Berlin fuhr. Und es war das letzte Mal ...«

Ihre Augen waren naß. Sie nickte trübe.

»Ich bin froh, daß wir nun drüben in der Garnison mit allem fertig sind und nie wieder hinkommen. Ich hab' es gestern kaum mehr erwarten können bis zur Abfahrt. Mir war die Wohnung schrecklich, ohne Papa ... mit all den Erinnerungen ...«

»Es war immerhin ein Glück, Mama, daß wir die Wohnung haben gleich an den neuen Oberst weiter vermieten können und die Pferde gut verkaufen und alles ...«

»Ja. Das schon!« sagte die Witwe, während sie beide die weite, windüberpfiffene, unwirtliche Fläche vor dem Lehrter Bahnhof durchquerten. »Aber was nun? ... Jetzt sitzen wir hier in Berlin wie Schiffbrüchige auf einer Insel. Ewig können wir in dem Charlottenburger Hospiz nicht bleiben. Es ist auch zu teuer, Kind!«

»Ja, Mama – da mußt du dich nun entscheiden!«

Frau von Ottersleben schüttelte mutlos den Kopf.

»Ach ... ich kann nichts entscheiden, Maxe! Quält mich nicht. Immer hat dein guter Papa für uns vorgesorgt. Ich muß mich erst daran gewöhnen, daß ich auf einmal allein stehe und mir selber sagen muß: ›Tu das und tu jenes!‹ Ich glaub', ich ziehe schließlich doch nach Darmstadt! Was meinst du?«

»Mir ist alles recht, Mama!«

»Aber jetzt noch nicht, Maxe! ... Ich muß erst zu mir kommen. Der Gedanke an einen Umzug mit Möbeln, Wohnungmieten, fremde Gesichter – das ist mir jetzt schrecklich. Ich brauche vor allem Ruhe und Pflege und ein bißchen Liebe. Ich möchte am liebsten vorläufig zu den Grotjans nach Thorn. Dorle und ihr Mann schreiben mir immer so nett und herzlich ...«

»Und ich, Mama? Für mich haben sie nicht auch noch Platz.«

»Ich dachte mir, du bleibst inzwischen hier, bei den Logows, bis wir uns endgültig zu etwas entschlossen haben. Da hast du doch auch ein bißchen Ablenkung in Berlin und ...«

»Nein!«

Es klang so schroff, daß Frau von Ottersleben ihre Tochter verwundert ansah.

Die wiederholte: »Nein, Mama!«

Sie hatten die Alsenbrücke überschritten. Hinter ihnen ragte das Generalstabsgebäude. Die Witwe meinte: »Gerade wo er den ganzen Tag da über seinen Schreibereien sitzt und sie bis Mittag im Bett liegen muß, kannst du dich auch im Haushalt ein wenig nützlich machen, Kind!«

»Ich will nicht, Mama!«

»Ja ... ›ich will nicht‹ ... das ist leicht gesagt. Vergiß nur nicht: du bist Waise, und ich bin Witwe. Es ist nicht mehr wie früher, Maxe! Wir müssen uns nach der Decke strecken. Wir haben gerade knapp zu leben. Wir werden jeden Groschen umdrehen müssen. Was hast du denn gegen die Logows?«

»Gar nichts!«

»Nun also!«

Die beiden Damen schwiegen eine Weile, im Gehen. Dann versetzte Frau von Ottersleben aus ihren Gedanken heraus: »Du hättest heiraten sollen, Kind!«

»Das hast du mir schon oft erzählt, Mama!«

»Du hättest heiraten sollen, eh' dein guter Papa abberufen wurde. Da hätt' es sich leicht gemacht, gerade wie bei deinen Schwestern – besonders, wo du in den letzten Jahren so auffallend hübsch geworden bist. Nun ist's viel schwerer.«

»Ich will auch gar nicht!«

»Ja, worauf wartest du denn nur? ... Wenn ich so denke ...: es waren doch wirklich in den beiden letzten Jahren so nette Leute da – du hast dich rein an dir versündigt, Maxe! ... Noch diesen Herbst ... der Hauptmann von den Jägern ... So ein frischer, flotter Mensch! ... Der schöne alte Name! Da könntest du jetzt schon Majorin sein!«

Maximiliane von Ottersleben erwiderte nichts. Sie dachte sich: ›Wenn ich das gewollt hätte, dann wär' ich heute schon Exzellenz – aktive Exzellenz – hochgebietend und umschwärmt, da unten in Lothringen, wo der Generalleutnant von Glümke seine fünfundvierzigste Division führt, statt daß ich hier trübe in Schnee und Nebel gehe und mich schließlich noch nach einer Stellung als Gesellschafterin oder Reisebegleiterin umschau'!‹ In einer plötzlichen Aufwallung, einem Nachzittern dieser unfreiwilligen Opfertat, sagte sie unvermittelt und heftig: »Also ich geh' nicht zu den Logows, Mama!«

Sie waren vor deren Haus im Hansaviertel stehen geblieben. Frau von Ottersleben zuckte hoffnungslos die Achseln. Sie kannte den Dickkopf der Tochter.

»Schau wenigstens einmal auf einen Sprung hinauf, wie's steht!« bat sie. »Mir sind die drei Treppen zu viel! Ich bin so matt. Da fällt mir die Ulla so auf die Nerven. Ich geh' unterdessen voraus ins Hospiz! Auf Wiedersehen!«

Maximiliane von Ottersleben stieg leichtfüßig die vielen Stufen empor und trat in das Zimmer der Schwester. Die bleiche, brünette junge Frau lag auf einem Diwan, trotz der Hitze der Warmwasserheizung noch in ein Plaid gewickelt, ein weißes Kissen unter dem Kopf.

»Gott, Maxe!« sagte sie, ohne ein Zeichen von Freud oder Leid und reichte ihr im Liegen die Rechte.

»Seid ihr wieder zurück nach Berlin?«

Das junge Mädchen nahm Platz.

»Ist's dir auch recht, daß ich da bin?«

»Gewiß!«

»Oder soll ich lieber gehen?«

»Wie du willst!«

»Ulla – sei doch nicht so stumpfsinnig! Und was du für kalte Hände hast ...«

»Ich friere! Ich frier' immer, wenn ich mich langweile! ... Ich langweil' mich gräßlich!«

Die Jüngere zog ihr Jäckchen aus und hängte es über den Stuhl.

»Ein Hundewetter ist draußen!« sagte sie dabei.

»Das ist recht. Es soll nur tüchtig regnen. Ich bin auch nicht vergnügt!«

»Ulla, du bist wirklich in einer greulichen Verfassung!«

»Lieg du mal so den ganzen Tag! Und schau dir die Stuckdecke da oben an. Ich ärgere mich schon seit heute früh über das dumme Füllhorn in der Mitte!«

Maxe beugte sich vor und legte ihr die schmale Mädchenhand auf die Schulter.

»Nimm dich doch zusammen, alte Heulsuse! Schäm dich! Nächste Woche gehst du doch wieder aus und bist gesund! Da würd' ich mich doch freuen, an deiner Stelle!«

Aber Ulla blieb eigensinnig.

»Ach – es ist ja ganz gleich,« sagte sie müde, »ob ich auf oder im Bett bin!«

Die Tür hatte sich geöffnet. Ihr Mann war, vom Dienst kommend, eingetreten. Er nickte Frau und Schwägerin zu, während er seine Aktenmappe mit Geheimdokumenten, die kein anderes Auge als das eines deutschen Offiziers sehen durfte, vor sich auf den Tisch legte. Das Antlitz Ullas belebte sich bei seinem Anblick nicht. Es war blutleer, von der Krankheit angegriffen. Tiefe blaue Schatten, die sie viel älter erscheinen ließen, unter den dunklen Augen. Und doch ging von ihrem Lager ein Hauch von Frische, von kalter Luft und Gesundheit aus. Maxe Ottersleben hatte ihn mitgebracht. Er haftete noch an ihren Kleidern, an ihrem Blondhaar, wie sie jung und elastisch, mit vom Gehen leichtgeröteten Wangen vor ihrer Schwester stand, die ihr altes Klagelied weiter spann, ohne sich viel um die Anwesenheit des Hausherrn zu kümmern.

»Es ist ja ganz gleich, ob ich gesund oder krank bin. Und ob ich so bin oder so. Es ist überhaupt alles gleich! Mir wenigstens!«

»Na, du bist ja wieder in einer netten Laune!« versetzte ihr Mann. »Siehst du, Maxe, so wird man nun empfangen, wenn man kaput vom Dienst heimkommt!«

Ulla achtete nicht darauf. »Das beste ist, wenn man schläft!« sagte sie zu ihrer Schwester. »Ich wollt', ich könnte den ganzen Tag schlafen. Und die Nacht auch!«

»Ach, du Faultier!«

»Es ist nicht Faulheit. Es ist nur, wenn man so gar nicht weiß, was man anfangen soll. Rat mir doch! Mir fällt nichts mehr ein!«

»Gräßlich!« sagte der Hauptmann und ging in das Nebenzimmer, um seine Papiere zu verschließen. Maxe gab ihrer Schwester die Hand.

»Na, Kopf hoch, Ullchen! ... Ich muß jetzt zu Mama. Adieu!«

Als sie sich im Flur vor dem Spiegel den Schleier umband, stand plötzlich Erich von Logow neben ihr, zog seinen Mantel an und sagte: »Ich bring' dich hinüber zum Hospiz, Maxe! Es wird bald schummerig. Da darfst du nicht allein durch den Tiergarten!«

Rasch kam in ihre Augen ein feindseliger Glanz.

»Ach, mich wird schon keiner stehlen!«

»Ich geh' aber doch lieber mit.«

»Es ist wirklich nicht nötig!«

Er wurde nervös.

»Gönn mir doch das bißchen frische Luft! Es ist ja nicht zum Aushalten da drinnen, mit dem ewigen Gejammer! ... Ich weiß nicht, was du eigentlich immer gegen mich hast, Maxe! ... Ich beiß' dich doch nicht!«

Sie schwieg. Sie hatte Angst, irgend etwas zu verraten, wenn sie noch weiter widersprach. Als sie miteinander die Treppen hinabstiegen, versetzte sie: »Du mußt Ulla nicht unrecht tun! Sie ist krank. Sie hat vor drei Wochen ihren Vater verloren ... Sie ist doch nicht immer so wie jetzt.«

»Ungefähr doch!« sagte er, und machte eine sonderbare Bewegung mit Kopf und Schultern, als wollte er sich eine unsichtbare Last von der Seele schütteln. Dann wechselten sie nur gleichgültige Worte im Gehen. Er blickte sie von der Seite an. Er sah die schlanke Neigung ihres Nackens im Kampf gegen den Wind, das Gekräusel der blonden Strähnen unter dem Schatten des dunklen Hutes, den herben Jugendreiz ihres Profils mit dem eigenwilligen Kinn hinter dem Trauerflor. Es fiel ihm ein, was ihm sein Schwiegervater wenige Stunden vor seinem Tod von ihr gesagt: Sie war wirklich ein schönes Mädchen. In Erinnerung an dies Gespräch hub er an: »Ich möchte mal ein vernünftiges Wort mit dir reden, Maxe ... Ich komm' ja sonst nie dazu! Du bist ja nicht festzukriegen. Also hör mal: Was sind denn nun so eigentlich deine Zukunftspläne?«

»Gar keine!«

»Du mußt dir aber doch irgendeine Vorstellung gemacht haben, was ...«

»Ach, sorg dich nur nicht um mich! Ich bin nicht wie die Ulla, daß ich mich hinsetz' und heule. Ich schlag' mich schon durch!«

»Aber etwas Bestimmtes hast du nicht im Sinn?«

»Nein!«

»Nun – dann, liebe Schwägerin – da du doch irgendwo bleiben mußt, bitte ich dich dringend und lade dich ein: komm vorläufig zu uns! Es ist ja nicht sehr amüsant. Aber doch besser als nichts!«

Sie warf gereizt den Kopf in den Nacken.

»Aha! Du hast wohl mit Mama gesprochen?«

Erich von Logow verneinte erstaunt.

»Ich habe mit deiner Mutter keine Silbe darüber gewechselt, Maxe! Sei so gut und lächle nicht so ungläubig. Ich bitte, daß man mein Wort respektiert, wie ich das deines Vaters. Denn darum handelt es sich. Seine letzte Bitte an mich war: daß wir, Ulla und ich, dir zur Seite stehen möchten. Das hab' ich ihm in die Hand versprochen!«

Sie schwieg.

Er fuhr fort: »Ich dränge mich dir nicht auf, Maxe ... Aber sag selbst: was willst du denn in irgendeinem Nest in der Provinz verkümmern? Hier bist du doch wenigstens unter Menschen, in Berlin, kannst dein Leben genießen, und bist bei uns willkommen! ... Herzlich willkommen! Ich mache keine Redensarten!«

»Ich auch nicht! Ich danke schön! Ich will euch nicht stören!«

»Von Stören ist gar keine Rede! Im Gegenteil: du würdest mir damit eine wahre Wohltat erweisen, Maxe!«

Sie sah ihn betroffen an.

Er nickte mit umwölkten Zügen und wiederholte: »Eine Wohltat, Maxe ...«

»Ja, aber wieso denn?«

Sie gingen weiter. Er versetzte: »Wenn ich dir anbiete, mein Haus mit uns zu teilen, muß ich auch offenherzig sein. Du würdest es auch bald selber merken. Es ist in dem Hause nicht alles so, wie es sein sollte. Es ist da ein Geist des Unmuts – der Leere – ich weiß nicht ... ich hab' ja nie recht ein Elternhaus gekannt. Aber ich habe euer Familienleben gesehen. Ich habe gehofft, ich würde es einmal gerade so haben. Ja, und nun? ... Da liegt die Ulla! ... Du warst ja eben bei ihr ... es muß da etwas geschehen! So geht das nicht weiter ... Das hält kein Mensch auf die Dauer aus. Sie nicht und ich nicht!«

»Ich bin sechzehn Stunden täglich im Dienst!« hub er nach einer Weile wieder an. »Ich kann mich nicht immer um sie kümmern. Und sie selber macht nichts aus sich. Es ist ihr nicht gegeben! Und komm' ich dann heim, ja, du lieber Gott ... Wenn ich nur an diese stumpfsinnigen, schweigsamen Mahlzeiten denke ...«

»Ja, warum redet ihr denn nichts zusammen?«

»Über was denn?«

»Zum Beispiel über deinen Dienst! Papa tat's doch auch oft mit Mama!«

Er lachte erbittert auf. Er brach los. Sie merkte ihm an, daß er, der sich sonst nie gehen ließ, jetzt seiner Bewegung nicht mehr Herr werden konnte.

»Ja, liebe Maxe: wenn das der Ulla nicht so völlig wurst wäre! Wann hat sie je ein bißchen Verständnis für mich – Rücksicht für mich – ich möchte sagen, in dem Punkte Liebe für mich? Sie denkt nur an sich. Ich verlange ja eigentlich gar nichts für mich als Menschen, nur für den Königsplatz da drüben, der mir Zeit und Nerven nimmt. Dafür bin ich Offizier. Sie ist doch selbst Offizierstochter. Sie weiß, was ein Generalstäbler zu tun hat. Sie hat mich schon vor dem Generalstab jahrelang gekannt. Sie hat gesehen, daß ich ein ernster Mensch bin und kein Salonfatzke – keiner von der Sorte, mit der sie sich so und so viel Ballwinter um die Ohren geschlagen hat – ein Mensch, der sich nicht leicht anschmiegen kann, der streng gegen sich ist und von sich und anderen viel verlangt – so war ich doch – nicht wahr?«

»Ja.«

»Nun schön! Du siehst's! Jeder sieht's: ihr ist's ganz egal.« Er redete sich in steigende Heftigkeit hinein. Er sprach schneller und schneller. »Ihr wär's lieber, ich wäre der dümmste Kerl und wir liefen jeden Abend irgendwohin, um uns zu amüsieren, statt daß ich jetzt bis nach Mitternacht in meinem Arbeitszimmer sitz'. Und wenn sie mich mal dort aufsucht, so geschieht's nur, um mich zu stören. Dann werd' ich heftig und sie übler Laune, und so wird das schlimmer Tag für Tag. Meine Laufbahn geht dabei noch vor die Hunde. Ich hab' eine wahre Angst. Maxe – komm doch zu uns – nur kurze Zeit ... Du siehst, es tut not, daß jemand da ist ...«

Er bat jetzt förmlich.

»Maxe ... zu dir hab' ich so Zutrauen! ... Du mußt ihr andere Anschauungen über mich und über ihre Pflicht und über das Leben beibringen. Du bist ein vernünftiger Mensch! Du nimmst das Leben nicht leicht. Man sieht's dir an. Du wirst solch einen guten Einfluß auf sie haben! Es mildert sich von selbst alles durch die Gegenwart eines Dritten! Traurig, wenn man das von einer Ehe sagen muß. Ich hab's auch so unverhohlen noch niemandem gesagt wie dir! ... Ich kann's auch nur einer Schwester meiner Frau sagen. Denn zu meiner Schwiegermutter hab' ich kein Zutrauen. Und die Dorle ist doch ein Schaf! Die kommt nicht in Frage. So fällt's eben auf dich ...«

»Ich danke dir für dein Vertrauen!« sagte Maximiliane von Ottersleben. »Aber ich fürchte, wenn ich auch wollte, ich fände Ullas Vertrauen nicht. Wir sind zwei zu verschiedene Menschen. Wir haben uns schon als Mädchen nie sehr nahe gestanden. Ich bin die Jüngere. Ich bin unverheiratet. Ich hab' von jeher eine Nebenrolle neben ihr gespielt. Sie wird von mir nichts annehmen. Das weiß ich von vornherein!«

Er biß sich auf die Lippen.

»Maxe, du darfst mich jetzt nicht so abspeisen, nachdem ich dir das alles gesagt hab'! Du ahnst nicht, wie mir zumut ist. Was glaubst du, was mich das kostet, jemanden um so etwas zu bitten, weil ich keinen anderen Ausweg sehe? Du mußt mir doch als meine Schwägerin zum mindesten deinen guten Willen zeigen, mir zu helfen! Sprich doch wenigstens einmal mit ihr!«

Sie zögerte.

Er murmelte finster: »Glaub mir, ich bin schon halb entzwei durch die Geschichte! ... Ich bin nicht mehr der Alte! ... Ich fürchte, andere merken's auch schon! ... Die Vorgesetzten machen manchmal so Gesichter. Es muß anders werden!«

Seine Stimme zitterte. Auf seinem Gesicht lag, soweit sie es in der Dämmerung noch erkennen konnte, eine Angst, die es ganz fremdartig erscheinen ließ. Sie kämpfte mit sich. Dann sagte sie mit Überwindung: »In Gottes Namen: ich will's probieren und mit ihr reden ... Aber nun möcht' ich nach Hause. Mama wartet!«

Ein paar Tage darauf war heller Frühling über Berlin gekommen. Ulla von Logow saß zum erstenmal seit ihrer Erkältung in ihrem Heim am offenen Fenster, am Nachmittagsteetisch, ihrer Schwester gegenüber, in der wohltuenden Müdigkeit der Genesenden. Die frische Luft belebte sie. Der feine Duft der von Maxe mitgebrachten Veilchen erfüllte das Zimmer.

»Ach ja – meine alte Maxe ...« sagte sie zu der blonden Jüngeren, zog sie zu sich heran und küßte sie. Sie war heute besonders zärtlich zu ihr, schwesterlich weich. Dann ruhte sie still, die Hände verschlungen, und schaute hinaus in den Sonnenschein. Sie seufzte und strich sich die Haare aus der Stirn. »Gott ja ... Maxe ...« wiederholte sie träumerisch. Ein leises Husten kam über ihre Lippen.

»Ullchen, du wirst dir wieder was holen in dem Zugwind am offenen Fenster!«

»Ach – laß schon!«

»Warte nur, was Erich dazu sagen wird. Wann kommt er denn?«

Sofort flog ein Schatten über die blassen Züge der anderen. Die wurden plötzlich wieder starr. Sie hob die schmalen, abfallenden Schultern.

»Weiß ich's? Da mußt du am Königsplatz fragen! Dort wohnt er doch! Hier erscheint er doch nur zum Essen und Schlafen!«

»Ulla – sei doch nicht so bitter!«

»Ich bin ja schon wieder still!« sagte die junge Frau und hob das dunkle Haupt gegen eine laue Luftwelle, die der Märzwind durch das Fenster trieb. »Ach ..: der Frühling ... himmlisch ... nicht? ... Aber was hat man davon hier in Berlin? ... Was hat man überhaupt ...?«

Sie schaute die Schwester an. Ein sonderbares, leidvolles Lächeln verzog ihre Mundwinkel.

»Du hast schon das beste Teil erwählt, Maxe ... möchtest du noch Tee, Schatz? ... Nein? ... Du warst schon die Klügere! ... Das heißt: du wirst ja freilich auch heiraten. Natürlich. Man muß. Was soll man sonst? Ich wünsch' dir Glück! Es ist reine Glückssache – weißt du! ... Man tappt mit verbundenen Augen hinein, und dann wird's mal so, mal so!«

»Man kann doch auch etwas dazu tun.«

»Was denn?«

Maxe Ottersleben rückte sich zurecht.

»Ja – ich red' ja von der Ehe wie der Blinde von der Farbe ... Ich meine nur ... Im allgemeinen: die Männer – wenigstens in unseren Kreisen, und unter ihnen gerade die Männer, die uns gefallen – die haben doch alle was Hartes, Steifnackiges – die können sich nicht leicht anpassen ...«

»Untereinander passen sie sich schon an, wenn einer der Vorgesetzte ist!« sagte die junge Frau phlegmatisch.

»Ja eben! Das sind doch alles Offiziere! Sie haben nicht nur eine Frau, sondern auch einen Beruf. Dein Mann weiß ja manchmal wirklich nicht mehr, wo ihm der Kopf steht vor Arbeit ...«

»Ja ... und?«

»Und ... soll ich weiterreden, Ulla?«

»Sprich nur ungeniert!«

»Und ... wenn er nun nach Hause kommt ... er braucht doch Rücksicht ... Er braucht doch Entgegenkommen ... Ulla ... du als Frau mußt das doch besser wissen ... fühlt man nicht in sich die Pflicht, einen Mann, wenn man ihn schon genommen hat, auch glücklich zu machen, so weit man kann?«

»Ja – wenn ich's nur könnte ...« sagte Ulla von Logow und schob ihre Tasse weit von sich über den Tisch.

Plötzlich begann sie zu schluchzen. Sie weinte hellauf in den Armen der Schwester. »Wenn ich's nur könnte, Maxe! ... Aber ich kann's nicht! Ich bin doch nicht böse! Ich bin doch ein Mensch wie andere. Ich bin, wie ich bin! Ich kann mich nicht anders machen. Ich möcht' mich ja gern anders machen. Ich weiß nur nicht, wie. Man soll es mir nur sagen. Aber er sagt es mir nicht!«

Die Tränen erstickten ihre Stimme. Sie stammelte in einem halb kindischen Weinen: »Er steht da und schaut mich an und erwartet Wunder was von mir! Ich bin doch kein Wundertier. Ich kann nicht hexen. Da wird man ganz irr. So mutlos. So müde. Und wenn ich mir auch Mühe gebe – man macht ihm ja nie etwas zu Dank! Immer hat er sich's anders vorgestellt, als es dann wird. Da läßt man lieber schon alles, wie's ist!«

Dann hob sie heftig das Haupt: »Ich langweile ihn! Was ich rede, ist unter seiner Würde! Er geht weg und läßt mich allein. Daß ich nicht so bin wie er, begreift er nicht! Glaubst du, der hohe Herr gibt sich je die Mühe, in meine Welt hinunterzusteigen? Er denkt nicht dran! ... Ich sitz' ihm hier lange gut und blase Trübsal! Er hat doch gewußt, daß ich nicht zu solch einer Hausmutter erzogen worden bin. Immer wurd' ich daheim auf Bälle geschleppt und ausgestellt! Ich war das Prunkstück der Familie. Der Mittelpunkt ... das ist doch wahr – nicht?«

»Ja, gewiß, Ulla!«

»Ja – und nun? ... Da hock' ich! Manchmal kommt 'ne Woche lang kein Mensch! Ihn stört's nicht! Er hat ja bis über die Ohren zu tun! Und ich? Pah – was kommt's denn auf mich an? Ich kann ja hier gähnen! ... Und ich hab' doch auch Ansprüche ans Leben, Maxe – so gut wie er ...!«

»Das freilich!«

»Aber das übersieht er eben ganz. Da ist man nun in Berlin! Man ist jung. Man ist hübsch. Man möchte sich ein bißchen amüsieren. Um einen sind die Masse Menschen, Geselligkeit – Feste – Theater – Konzerte – Basare – Tees – was weiß ich ... man kann's mit Händen greifen ... ich hab' gedacht: da komm' ich nun als Frau mitten hinein! – und alle Türen stehen einem ja auch wirklich offen – aber ich kann doch nicht immer allein hin ... Und er geht eben nicht mit! Ein anderer hätte doch den Ehrgeiz, eine Frau wie mich zu zeigen! Er wäre stolz auf mich! Ihm ist's gleich. Er kennt nur seinen Ehrgeiz im Dienst! Ich bin ihm gerade gut genug, daß die Suppe warm ist, wenn er heimkommt. Weiter nichts! ... Ich möchte nur wissen, warum er mich eigentlich geheiratet hat ...«

Sie knirschte es zwischen den zusammengebissenen Zähnen. Sie war atemlos vom langen Sprechen. Ihre Tränen waren versiegt. Das junge Mädchen, das neben ihr kniete, strich ihr stumm, beruhigend mit der schmalen Hand über den Scheitel. In ihr gab etwas der Schwester recht. Aber sie sprach es nicht aus. Sie wollte nicht noch Öl ins Feuer gießen. Sie stand auf.

»Ulla! So schroff mußt du nicht sein! Er liebt dich doch! ... Sonst hätt' er dich doch nicht haben wollen! Schau: du mußt sein Leben mit ihm teilen – nicht er deines mit dir. So mußt du das auffassen! ... Jetzt mache ich aber das Fenster zu ... Es wird kalt!«

Ulla hustete.

»Ich kann doch nicht mit ihm in den Generalstab gehen!« sagte sie erbittert. »Alle seine Mobilmachungen und Akten und Pläne sind mir ein Greuel, weil er sich denen widmet und nicht mir! Mit mir kann er sich nicht unterhalten! Mit seinen Kameraden bis tief in die Nacht! Da schieben sie ihre Bleiklötzchen auf den Landkarten hin und her. Der große Eßtisch drinnen wird immer abgeräumt, für das Kriegsspiel. Da wird er nicht müde! ...«

Maximiliane von Ottersleben wurde wider Willen eifrig: »Du mußt dich eben auch für diese Dinge interessieren, Ulla! Für alles, was ihn freut! ... Du mußt versuchen, auf seine Höhe zu kommen. Er hilft dir gern! Und wenn man nur erst den Schlüssel zu ihm hat, dann kann er einem doch gewiß so viel geben!«

»Ja, singe du nur sein Lob!«

»Ich sage nur, was alle sagen: Er ist doch ein bedeutender Mensch. Als solcher hat er natürlich auch seine Fehler. Aber er gleicht sie durch große Eigenschaften wieder aus. Vielleicht kommt er noch einmal in die höchsten Stellungen in der Armee – Papa meinte es immer. Da muß es dann doch ein glücklichmachendes Gefühl sein, ihn auf solch einem Weg begleitet zu haben. Darauf kann man dann stolz sein! Dem Gedanken muß man Opfer bringen, Ulla!«

Das junge Mädchen hatte sich in Eifer geredet. Da fing sie einen ganz veränderten mißtrauischen Blick ihrer Schwester auf, ein Lächeln: »Du legst dich ja kolossal für meinen Mann ins Zeug!«

»Ich rede nur, wie ich's meine!«

»Du ... Maxe ...«

»Ja ...«

»Schau mich mal an ... so ... ins Gesicht ...«

»Warum?«

»Sag mal: du hast wohl immer noch was für ihn übrig?«

»Ulla!«

»Von damals her, mein' ich ... Aber was hast du denn? Warum nimmst du denn deine Jacke? ... Warum willst du denn auf einmal weg?«

Maxe Ottersleben stand blaß, sich zur Ruhe zwingend, vor ihr.

»Natürlich muß ich gehen! ... nachdem du mir das gesagt hast!«

»Aber Maxe ... liebe Maxe ... Du weißt doch, wie ich bin! ... Ich bin so nervös! ... so gereizt! ... so ganz auseinander! Maxe ... sei nicht böse!«

»Nein! Nur traurig! Adieu!«

»Bitte – bleib! ... Maxchen ... es war doch nur ein Scherz!«

»Mit so was spaßt man nicht, Ulla!« Das junge Mädchen knöpfte sich mit zitternden Fingern die Jacke zu. »Ich weiß nicht, ob es dir bekannt ist: Dein Mann hat mir dringend angeboten, ich möchte auf eine Zeit zu euch ziehen ...«

Ulla hob flehend die Hände.

»Ach ja ... bitte ... bitte ... tu das! Ich wär' so froh! Ich danke meinem Schöpfer, wenn ich jemand Lieben um mich hab'!«

»Ich hab' gleich nein gesagt! Wie recht ich hatte, das seh' ich erst jetzt! ... Also – weiter gute Besserung, Ulla!«

Sie eilte aus dem Zimmer. Die junge Frau blieb hilflos sitzen und brach nach einer Weile von neuem in Tränen aus. Sie weinte noch, als der Hauptmann von Logow eintrat und, durch die Gewohnheit schon abgestumpft, nur mit einem schweren Seufzer frug: »Na – ist die Wassermühle wieder in Gang? ... Was hat's denn gegeben?«

Da schluchzte sie auf: »Siehst du – nun hab' ich auch wieder die Maxe vor den Kopf gestoßen! Sie ist ganz gekränkt weggerannt – das arme Schaf! Und dabei war sie so gut und lieb zu mir! Ich bin wirklich eine unglückselige Person ...«

Den ganzen Abend war sie müde und angegriffen. In der Nacht bekam sie starkes Fieber. Der aus dem Bett herbeigeholte Arzt machte ein bedenkliches Gesicht. Er wollte wissen, ob sie irgendeine Unvorsichtigkeit begangen habe, und erfuhr, daß sie bis in den Abend hinein am offenen Fenster gesessen.

»Ja – davon haben wir nun glücklich den Rückfall!« sagte er. »Mit unserer feuchten Märzluft ist nicht zu spaßen! Wir müssen nun abwarten, was daraus wird.«

Gegen Ende der Woche saß Maximiliane allein in dem düsteren Hofzimmer des Hospizes, in dem sie mit ihrer Mutter in Charlottenburg wohnte. Der Abend dämmerte. Draußen war das Kommen und Gehen einer Pension. Türenschlagen. Stimmen. Es war viel Landadel im Hause, Pastoren, ältere Junggesellen. In jedem Zimmer lag eine Bibel. An der Wand hing ein frommer Spruch. Sie buchstabierte mechanisch: »Volk! Volk! Höre des Herren Wort!« Da klopfte es. Ein Offiziersbursche stand auf der Schwelle. Er brachte einen Brief, machte linksum kehrt und verschwand. Sie hielt das Schreiben in der Hand. Sie erkannte die Schrift Erich von Logows. Sie trat ans Fenster, öffnete und las:

»Liebe gute Schwägerin Maxe!

»Du weißt schon von dem neuen Pech! Ulla liegt! Wie lange, wissen die Götter! Sie ist unglücklich, und ich quäle mich mit bei ihren Klagen, sie sei von früh bis spät mutterseelenallein und fühle sich verlassen, einer bezahlten Pflegerin anvertraut, und niemand sonst kümmere sich um sie! ...

»Wer soll da kommen und helfen? Mama ist selbst viel zu angegriffen und bedarf der Ruhe und Erholung. Hier brauchen wir jemand Resoluten, der den Kopf oben behält! ... Maxe, kannst Du's denn wirklich verantworten, uns da im Stich zu lassen? Ist es nicht Deine Menschen- und Schwesterpflicht, unserer Bitte zu folgen?

»Ulla macht sich Vorwürfe, Du hättest ihr ein unbedachtes Wort übel genommen. Was es war, will sie mir ums Totschlagen nicht eingestehen! Es wird schon eine Dummheit gewesen sein. Aber Du kennst sie doch. Du hast neulich selbst gemeint, sie sei krank und man dürfe ihr Gerede nicht auf die Goldwage legen. Ich finde, daß schon Deine kurze Unterhaltung mit ihr neulich sie zu ihrem Vorteil verändert hat. Sie ist, trotz ihrer Schwäche, seitdem viel geduldiger und liebevoller gegen mich. Du könntest solch guten Einfluß auf sie ausüben, mit der Ruhe und Ausgeglichenheit Deines Wesens, die über Deine Jahre hinausgeht ... »Setz Dich in meine Lage! ... Heute nacht muß ich wieder abwechselnd ein Geheimdokument abschreiben, den Eisbeutel füllen und auf dem Gaskocher Tee machen. Denn die Diakonissin muß doch auch einmal schlafen! ... An irgendeiner der drei Stellen begeh' ich sicher eine Dummheit. Und Du hast doch gar nichts vor. Bist ganz frei. Ich bitte Dich inständig: Hilf mir! ... Komm! Nur auf ein paar Wochen, bis das Gröbste vorbei ist! ... Ich wäre Dir so dankbar! Ich drücke Dir schon im voraus von Herzen die Hand als Dein getreuer und ohne Dich ganz ratloser Schwager

Erich.«

Maximiliane zerdrückte langsam das Blatt in der Hand. Ihre erste Regung war: Nein! – Nein ... Es geht über meine Kraft. Es schmerzt zu sehr.

Sie erhob sich. Sie kämpfte mit sich. Sie schritt auf und nieder. Sie setzte sich wieder hin, vor ihre Briefmappe, und sann: Welchen Vorwand kann ich nur finden, um ›nein‹ zu sagen? Es fiel ihr nichts ein. Und allmählich änderte sich ihre Stimmung. Sie wurde weich. Sie sah ihn im Geist in seinen Sorgen am Bett der kranken Frau, erschöpft von Tagesarbeit und Nachtwachen. Er hatte es wirklich nicht leicht im Leben. Man mußte es ihm nicht noch schwerer machen. Man mußte nicht an sich denken, sondern an ihn.

Sie kam, wie sie da still mit verschlungenen Händen in der Dämmerung kauerte, in eine Barmherzige-Schwester-Schwermut hinein, voll Opferwilligkeit und Entsagung. Voll Schmerz und Lächeln. Voll Losgelöstsein von sich selber. Voll Erkenntnis, daß es auch eine Lust im Leiden gibt. Sie erschien sich rein. Sie fand einen Trost darin, unglücklich zu sein, aber hilfreich und gut. Zu schweigen und zu dienen. Und die beiden nicht entgelten zu lassen, was sie ihr getan ...

Sie war entschlossen, den Dornenweg zu gehen. Und fand doch immer noch nicht die Kraft dazu. Sie stand mitten im Zimmer und träumte und schrak zusammen. Ihre Mutter trat aufgeregt, vom Krankenbesuch bei Ulla kommend, ein.

»Das sind dort unmögliche Zustände, Maxe ...!« versetzte sie, noch atemlos vom Treppensteigen. »Alles geht drunter und drüber. Die reine polnische Wirtschaft. Und du legst hier die Hände in den Schoß. Papa hätte dich schon lange hinspediert!«

»Ich glaube, Papa hätte das meinem eigenen Pflichtgefühl überlassen, Mama!«

»Und was sagt dir das?«

Maximiliane zögerte eine Sekunde. Dann versetzte sie ruhig: »Natürlich muß ich hin! Ich seh's ja ein!«

Ihre Mutter küßte sie. Sie ließ es stumm geschehen. Sie hörte, wie Frau von Ottersleben dann draußen telefonierte und ihre Ankunft meldete. Ihr Herz krampfte sich zusammen. Sie sagte sich: Ich lieb' ihn – ich lieb' ihn wirklich – aus ganzer Seele und aus reinem Gemüt, sonst würde ich nicht das eine wünschen, daß er nur glücklich ist – auch ohne mich – aber durch mich – mit ihr. Ich will mich zum Opfer bringen. Ich will auf Ulla einwirken. Ich will versuchen, ihn glücklich zu machen mit seiner Frau und durch seine Frau, so gut ich's vermag ...

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