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Du Schwert an meiner Linken

Rudolf Stratz: Du Schwert an meiner Linken - Kapitel 22
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pfad/stratz/duschwer/duschwer.xml
typefiction
authorRudolph Stratz
titleDu Schwert an meiner Linken
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
printrun59.-68. Tausend
year1923
firstpub1912
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201202217
projectiddb901233
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21

Es war eine der nüchternsten Stadtgegenden, in der Major von Logow diesmal sein Berliner Heim aufgeschlagen, im Nordwesten draußen, zwischen der Spree und Altmoabit, mit dem Blick auf Kohlenlager und Speicherschuppen, die den trüben Spiegel des Flusses verdeckten. Aber auf dessen anderer Seite, kaum zehn Minuten entfernt, lag das Generalstabsgebäude. Und zudem: die Wohnung war billig. Das fiel jetzt auch ins Gewicht. Denn Ullas Leiden kostete Geld. Immer mehr Geld, jahraus, jahrein.

Und ihre Schwester Maximiliane dachte sich, während sie am nächsten Morgen durch den Tiergarten zu dem Krankenbesuch gen Norden ging, – selbst gesund, straff und mit flüchtigen Schritten: wenn nicht einmal dieser wunderbare Mai ihr neue Lebenskraft bringt, wann – wann soll sie denn dann je genesen?

Um sie war frisches Grün, blauer Himmel, goldene Sonne. Sie hatte den Großen Stern und das Schloß Bellevue hinter sich gelassen und auf der eisernen Brücke die Spree überquert. Nun stand sie vor dem Logowschen Haus, einer grauen Mietskaserne wie tausend andere. Da wohnten sie zwei Treppen hoch. Sie brauchte nur zu klingeln und hinaufzugehen. Sie fand die Kranke sicher daheim. Und sicher allein. Ohne ihren Mann. Den hielt der Dienst den ganzen Tag außer Hause fest.

Und doch zögerte sie in einer unbestimmten Scheu. Irgend etwas hemmte sie, auf den Knopf am Haustor zu drücken. Der alte Schuhmacher, der da drinnen mit gekreuzten Beinen auf dem Tisch saß, blinzelte aus seiner Portierloge neugierig zu ihr heraus. Sie zauderte noch immer. Es war wie eine jähe Anwandlung von bösem Gewissen. Ein Schuldgefühl. Eine Erinnerung. Sie dachte sich: Jedesmal, wenn ich die Schwelle der Logows überschritten hab', hab' ich Unglück in ihr Haus gebracht. Immer war ich das Trennende. Immer trat ich zwischen ihn und sie, zwischen Gesundheit und Siechtum, zwischen Kraft und Schwäche. Soll ich denn ewig das Werkzeug ihres Verhängnisses sein? Und des meinen dazu?

Da hinten, fern, kam ein Offizier um die Ecke. Er schritt langsam auf sie zu. Am Ende war es Logow selbst. Er hatte ein wichtiges Aktenstück daheim vergessen und holte es sich. Oder er schaute nach seiner Frau. Eine plötzliche sinnlose Angst ergriff sie. Sie kehrte um. Sie eilte von dem Hause weg, als ob sie da ein Verbrechen hätte begehen wollen, und in entgegengesetzter Richtung den Bürgersteig hinunter. Erst nach ein, zwei Minuten warf sie, den Fahrdamm überschreitend, einen bangen Seitenblick zurück. Der Offizier setzte immer noch ruhig seinen Weg fort. Er hatte die Logowsche Wohnung längst hinter sich. Er war untersetzt und rundlich und trug einen grauen Schnurrbart. Es war lächerlich, daß sie sich in ihm ein Trugbild ihres Schwagers Erich vorgespiegelt hatte.

Aber das wiederholte sich heute den ganzen Tag. Immer wieder stand Erich von Logow vor ihr. Er hatte heute viele Doppelgänger in Berlin oder wenigstens Menschen und Dinge, die sie ständig an ihn erinnerten. Sie erblickte auf dem Rückweg von der Spreebrücke aus das Dach des Generalstabsgebäudes und fragte sich: Ob er wieder die Mobilmachungsarbeiten unter sich hat, mit den eingerahmten Vierecken, wie damals? Sie sah, während sie in der Leipziger Straße Besorgungen machte, ein paar Offiziere mit karmesinroten Beinkleiderstreifen aus dem Kriegsministerium treten, und es ging ihr durch den Kopf: ›Das sind wohl Kameraden von ihm. Aber er sieht besser aus, frischer!‹ Sie nahm zu Hause die Zeitung zur Hand mit dem bewußten Vorsatz: ›Ich muß doch einmal nachschauen, ob seine Beförderung schon drin steht!‹ Und zwang sich, die Seiten umzublättern, und ertappte sich darauf, wie sie unter den Depeschen nach Neuigkeiten aus Chile suchte, als könnte unter ihnen vielleicht noch, als Nachhall seines dortigen Wirkens, sein Name genannt sein.

Sie saß bei Tisch, den Kopf in die Hand gestützt, und ließ die Speisen unberührt wieder abtragen. Diese einsame Mahlzeit stimmte sie so trübe, trüber wie je. Man war so allein, so mutterseelenallein. Draußen lockte der Maientag. Sie machte sich wieder zurecht und ging spazieren und beneidete alle die Menschen, die zu zweien waren, und wenn auch nur ein Pärchen aus dem Volk da Hand in Hand auf der Bank saß, oder eine Arbeiterfrau ihrem Mann das Mittagbrot auf den Bauplatz brachte und neben ihm stand, während er schweigend löffelte. Alle diese Leute waren glücklicher als sie, die Exzellenz. Jeder von ihnen hatte seinen andern. Sie hatte nichts. Jeder von ihnen sah sein bißchen Tagwerk und Abendfrieden vor sich. Ihre Stunden waren leer. Es war ganz gleichgültig, was sie trieb, heute, morgen, immer. Sie rief keine Pflicht. Niemand verlangte nach ihr. Außer dem einen! Immer dem einen. Und sie nach ihm. Sie hemmte mitten auf dem Weg ihren Schritt und schloß die Augen, daß die Frühlingshelle um sie in einem dumpfen, rötlichen, geheimnisvollen Dämmern verschwand. Seit gestern, seit sie ihn wiedergesehen, war alles, alles wieder wach...

Zu Hause blieb sie vor dem Bild ihres verstorbenen Mannes stehen und schaute ernst, mit ineinandergelegten Händen zu den ritterlichen, leise gefurchten Zügen des Generals von Glümke hinauf, als müsse sie vor allem seine Verzeihung erbitten für das, was in ihr war, immer gewesen war, schon ehe er gekommen. Sie lächelte schmerzlich und nickte ihm zu und sagte sich: ›Nein. Ich habe mir nichts vorzuwerfen! Ich war dir treu! Immer! Du hast mich nie gefragt und es nie wissen wollen, wer der erste in meinem Leben war. Aber daß einer dagewesen, das wußtest du wohl! Ich hab's in deiner Nähe, unter deinem Schutz, verschmerzt und vergessen. Daß es jetzt in der Witwenstille wieder auflebt, da kann ich nichts dafür. Ich hab' dich von Herzen lieb gehabt, so, wie ich dir versprach. Geliebt hab' ich im Leben nur einen, einen andern – vorher – und nun wieder mit alter Macht. Ich bin dir aus tiefstem Herzen dankbar. Dein Bild steht verklärt vor mir. Es tröstet mich noch aus der Ferne. Aber ich kann von Erinnerung nicht leben. Ich bin zu jung. Das Sein verlangt sein Recht.‹

Es kam Besuch. Nachzügler mit Geburtstagsglückwünschen. Befreundete Damen. Maximiliane von Glümke saß mit ihnen zusammen und bot ihnen Tee an und hörte zu und sprach selber und lachte und frug sich dabei innerlich voll Staunen: Was soll das nur? Warum tu' ich da mit? Es ist ja alles so leer, so nichtig. Es kann doch nicht immer so weiter gehen! Auf einmal wurde ihr klar, daß sie diese ganzen letzten Jahre nur in einem Zwischenzustand gelebt hatte, in einer unbewußten Erwartung, daß Erich von Logow wiederkäme und sie, dann erst dem Schicksal würde standhalten müssen. Bis dahin hatte sie sich schonen und unter dem Trauerschleier die Tage verträumen können. Sie zuckte zusammen. Da wurde schon wieder sein Name genannt. Ihre Tante, die Generalin von Ottersleben, sprach ihn aus. Sie erwähnte seine Beförderung in ihrer gesunden, hausmütterlichen Art.

»Mein Mann und ich haben den Erich gestern noch unseren Jungens als Vorbild hingestellt!« sagte sie. »Und dabei kann er einem so leid tun! So viel Erfolg im Dienst und so viel Elend daheim! Bruno meint auch, er habe es doppelt so schwer wie andere!«

Dann glitt die Unterhaltung wieder auf andere Familiennachrichten und Neuigkeiten aus nahen und fernen Garnisonen hinüber. Nur in Maximiliane zitterte es nach. Sie konnte es kaum mehr erwarten, bis ihre Gäste gingen. Und als endlich die letzten weg waren, aus diesem kleinen, netten Kreise, den sie sich in Berlin geschaffen, und an dem sie sonst ihre Freude hatte, da wußte sie wieder nicht, was sie mit sich nun anfangen sollte. Und sehnte sich Menschen herbei, nur um nicht allein zu sein, und sehnte sich doch nur, in neuem wilden Schluchzen in der Dämmerung nach dem einen, dem, wenn er kam, ihre Tür verschlossen geblieben wäre ...

Endlich hielt sie sich und diesen Zustand nicht mehr aus. Sie wollte sich ablenken. Sie fuhr in das Theater. Eine befreundete Familie hatte eine Loge im Opernhaus. Da saß man still im Dunkel. Aber da unten auf der Bühne, im »Fliegenden Holländer«, sang wieder der Steuermann vom Schiff herauf mit heller, wohltönender Stimme:

»Über turmhohe Flut vom Süden her –
Mein Mädel, ich bin da!«

und sie biß die Zähne zusammen und krampfte die Hände ineinander und hatte, als der Vorhang fiel und es hell wurde, zwei Tränen auf den bleichen Wangen, und ihre Freundin meinte erstaunt: »Herrgott, Maxe – das hab' ich gar nicht gewußt, daß du so musikalisch bist!«

Sie zwang sich zu lächeln.

»Ich hab' ein bißchen Kopfweh,« sagte sie. »Seid nicht böse, wenn ich nachher nicht mit zu Borchardt komme! ... Ich will lieber gleich nach Hause und mich hinlegen!«

Daheim fand sie einen Brief. Der Bursche von Frau Major von Logow habe ihn gegen Abend abgegeben, meldete ihr das Mädchen. Sie las:

»Liebe Maxe!

Erich hat mir gesagt, du wolltest heute zu mir kommen... Ich hab' den ganzen Tag gewartet. Aber Du bist nicht gekommen. Warum nicht?... Bitte, komm! Wir müssen uns sprechen. Ich kann nicht zu Dir. Ich liege fest. Ich bin wieder ganz elend. Sonst wäre ich schon bei Dir gewesen. Erich hat Dir's ja ausgerichtet. Komm recht bald. Komm, wenn Du kannst, morgen! Bitte, bitte... Ich habe heute bitterlich geweint, weil Du nicht gekommen bist. Ich bin schon manchmal wie ein kleines Kind, so schwach.

Tausend Grüße von Deiner armen kranken Schwester
Ulla.«

»Nachschrift: Bitte, komm, wenn Du kannst, vormittags. Gegen Abend bin ich immer so dumm. Da hab' ich immer ein wenig Fieber und schreib' dann so konfuses Zeug wie jetzt!«

Genau um die gleiche Zeit wie tags vorher stand Maximiliane von Glümke wieder vor der Mietskaserne in Moabit. Diesmal brauchte der alte Pförtner auf seinem Schustertisch nicht lange zu warten. Sie klingelte entschlossen und stieg die zwei Treppen hinauf und harrte in dem Salon, bis sie der Kranken gemeldet wurde. Ein schwermütiges Lächeln spielte um ihre Lippen, während sie sich umsah. Wie gut kannte sie diese Gegenstände umher, die mit den Logows von einer Garnison zur anderen gewandert waren. Da nebenan, in dem offenstehenden Arbeitszimmer: die beiden Granatsplitter von Wörth als Briefbeschwerer auf den Generalstabsakten, die beiden Bronzebüsten der beiden Kriegsgötter, Napoleon I. und Friedrich der Große, rechts und links auf dem Schreibtisch, darüber der Stahlstich des alten Kaisers im breiten Eichenrahmen. Alles weckte Erinnerungen. Da trat das Mädchen wieder ein.

»Gnädige Frau lassen Exzellenz bitten!«

Ulla von Logow sah nicht eigentlich wie eine Leidende aus. Von dem weißen Kissen, in dem sie, in einem weißen Morgenkleid auf der Ottomane ruhend, ihr dunkles, klassisch wie eine antike Gemme geschnittenes Haupt gebettet hatte, hoben sich die großen, mandelförmigen Augen in einem feuchten Glanz, die Wangen in einem leisen Rot ab, während sie ihre Rechte der schlanken blonden Schwester entgegenstreckte. Die kannte diese Zeichen trügerischer Gesundheit. Es hätte des kurzen, trockenen Hustens der jungen Frau in den Polstern nicht bedurft. Sie setzte sich an Ullas Lager und hielt ihre alabasterne Hand zwischen den ihren. Etwas von der strömenden Sonnenwärme draußen war noch um sie, ein Hauch von Licht und Lenz und Leben. Ulla von Logow atmete das tief ein. Dann frug sie leise: »Warum bist du denn gestern nicht gekommen?«

»Ich wußte nicht, ob es dir recht sein würde!«

»Ich bin froh, wenn sich ein Mensch um mich kümmert ... Ich bin immer allein. Ich lieg' so da. Ich bin's schon gewohnt. Es ist nicht schön, Maxe!«

»Danke!« sagte sie dann matt und nahm aus den Händen der Generalin einen Blumenstrauß entgegen und senkte mit einem schwachen Lächeln ihr Antlitz in das Duftgewirr von Rosen, Maiglöckchen und Beilchen. »Das ist lieb von dir! Du bist selber wie ein Stück Frühling, Maxe!«

Die Leidende sah die andere seltsam vergeistigt an.

»Entsinnst du dich, Maxe, wie wir noch Mädels waren – Gott ... 's ist so ewig lange her – bald zehn Jahre – da war ich die Schönheit der Familie. Alles hat sich um mich gedreht. Es war unrecht von den Eltern. Auch an mir. Ich hab' ja denken müssen, daß Gott weiß was aus mir werden würde. Nun bin ich in den Dreißig und schon verblüht... Wenn ich in den Spiegel schau, wird mir so jämmerlich herbstlich zumute...«

»So mußt du nicht denken, Ulla! Es kommt doch nicht bloß auf das Äußere an!«

»Bei mir schon! Was hab' ich denn sonst gehabt? Ich hab' mir immer eingebildet, wenn man so ausschaut wie ich, gehört man in die große Welt, unter Menschen in die Salons. Nie hab' ich das gehabt. Sogar darum hat mich das Schicksal geprellt. Immer hab' ich allein gesessen – hier in Berlin und unten in den Vogesen und in Darmstadt bei Mama und in Hotels und Sanatorien im Süden – immer unnütz – immer das fünfte Rad am Wagen – und du warst inzwischen das Sonntagskind! Dir flog alles zu ... es ist so seltsam, Maxe, wie das Schicksal spielt.«

»Ich hab' weiß Gott dem Schicksal auch meinen Tribut bezahlt!«

»Ja. Das hast du. Du bist Witwe. Aber vor dir liegt noch das Leben. Vor mir nicht. Du bist gesund. Ich werd' es nie mehr ganz ...« Frau von Logow hustete, sah ihrer Schwester in das ernste, schmale, schöngeschnittene Gesicht und sagte dann langsam: »Weißt du: Man hat Zeit, nachzudenken, wenn man so die Nächte schlaflos daliegt. Ich war ja ein furchtbar oberflächlicher, selbstsüchtiger, eitler Mensch. Durch das Nachdenken wird das ein bißchen besser. Man kommt ein wenig über sich selbst hinaus. Man sieht freier. Wenn man so viel zu leiden hat wie ich, begreift man allmählich manches.«

»Arme Ulla!« sprach die junge Exzellenz sanft, beugte sich nieder und küßte die Ältere. Die machte sich leise frei und fuhr fort: »Lieg' mal immer so mit wachen Augen im Dunkel – und draußen ist alles still ... Da geht einem manches durch den Kopf ... Man fragt sich manches ... Ich hab' mich gefragt: ›Es muß doch eine Gerechtigkeit auf der Welt geben. Warum geht es nun zum Beispiel mir so schlecht und der Maxe so gut?‹«

»Ach ... Ulla ...«

»Doch, doch. Es geht dir immerhin noch sehr gut! ... Du bist so viel und hast noch so viel. Dich hat das Leben in jeder Hinsicht reich gemacht – auch in seinen Schmerzen – mich nur arm! Es war für mich immer nur eine große Enttäuschung – ohne Anfang und ohne Ende. Und siehst du, wenn ich mich da gefragt hab', warum werd' ich bestraft und meine Schwester nicht? da hab' ich das jetzt erkannt – so viel klarer und so viel strenger gegen mich bin ich allmählich geworden: Weil sie in ihrem Leben nie eine Schuld auf sich geladen hat: Ich aber wohl!«

»Ulla ...«

»... ich hab' den zum Mann genommen, den sie geliebt hat! Und hab's gewußt und bin über sie weg. Das rächt sich, Maxe! Das rächt sich unerbittlich an uns beiden, seit Jahren und Jahren ... Immer weiter und weiter! Aber vor allem an mir!«

»Wollen wir wirklich darüber reden, Ulla?«

»Ja. Wir müssen!«

Die Kranke stützte sich mit einer plötzlichen Bewegung auf den Ellbogen und hob sich empor. Ihre Stimme war gepreßt und zitternd. »Wir müssen einmal! ... Die Angst drückt mir sonst das Herz ab ... Ich will dir ja nicht bloß diese Beichte ablegen, Maxe, daß ich unrecht an dir gehandelt hab'! ... Ich will ja mehr von dir!«

»Wer weiß, ob du damals an mir unrecht getan hast!« sagte Maximiliane von Glümke. »Er wäre ja doch an mir vorbeigegangen ... Er hat mich ja noch gar nicht gesehen ... damals ...«

»Einerlei, was er damals fühlte oder nicht ... aber was du fühltest, das hätte mir heilig sein müssen als Schwester! ... Da hätt' ich verzichten müssen! ... O doch: Eine Entschuldigung hätte es für mich gegeben: wenn ich ihn geliebt hätte ... so heiß ... so mit allem, was in einem ist ... so wie du ... aber das war ja nicht! ... Ich wollt' ihn bloß haben! ... Daß eine andere sich nach ihm verzehrte, das hat mir seinen Besitz nur noch erhöht! Ich war schlecht damals, Maxe! ... Da lieg' ich nun!«

Die Jüngere schüttelte stumm das Haupt. Ulla von Logow wiederholte, erschöpft in die Kissen niedergleitend: »Da lieg' ich! ... Ich werd' auch wieder aufstehen und mich wieder hinlegen! Das geht so fort. Das ist mein Leben. In dem hab' ich rein gar nichts mehr, keine Freude und keine Hoffnung und keine Zerstreuung. Weißt du, was ich den Tag über tu'? Er ist heute früh um acht Uhr in den Dienst! Am Nachmittag um fünf kommt er wieder. Bis dahin zähl' ich die Minuten, bis ich seinen Schritt höre – siehst du: dort an der Wand hängt die Uhr – und freu' mich darauf wie ein Kind auf Weihnachten. Da setzt er sich dann eine Stunde zu mir und hält meine Hand und ist immer lieb und gut. Da bin ich dann so glücklich, so glücklich, Maxe, daß ich weinen könnte! ... Und abends, nach dem Essen, eh' er sich wieder an den Schreibtisch setzt, da ist er auch eine Zeitlang bei mir und liest mir etwas vor und wir plaudern ... Die paar Stunden – das ist mein Tag – das ist mein Leben, Maxe! ... Das andere ist ein dummes Hinvegetieren! Das rechne ich nicht. Nur das bißchen Zeit, wo ich ihn hab'! Für mich! Ganz für mich! Ich lieb' ihn ja so heiß ... Ich lieb' ihn so wahnsinnig ... Er ist mir alles auf Erden ...«

Die junge Generalin schwieg erschüttert. Ihre Schwester fuhr mit einem verzweifelten Lächeln um die Lippen fort: »Ich lieb' ihn! Und er hat mit mir Geduld! ... Er pflegt mich! Aber mehr als Pflicht ist's bei ihm nicht und tut mir doch so wohl, Maxe! ... Es hat sich alles ins Gegenteil verkehrt ... bitte ... bitte ... bleibe, Maxe! Ich weiß: ich tu' dir weh! Aber es muß gesagt sein!«

»Ich geh' nicht weg!« versetzte Maximiliane ruhig. »Sprich nur weiter!«

Die Kranke holte tief Atem.

»Gott straft mich mit dem, Maxe, was ich gefehlt hab'! ... Ich hab's an der Liebe fehlen lassen! ... Nun hat er sie mir auferlegt! ... Nun weiß ich, wie's tut. Und was ich dir angetan hab' seinerzeit ... Und was ich ihm angetan hab' und noch tu'! ... Ich weiß ja, wie er unter mir leidet ... Und man ist doch so grausam, wenn man liebt ... Und vielleicht auch grausam, wenn man krank ist ... Ich kann mir nicht helfen: ich klammere mich an ihn! ... Jetzt, wo ich so schwach und elend und schmerzbeladen und von Gott und der Welt verlassen bin, ist er mein einziger Halt – mein einziger Trost ... ich würde verzweifeln... ich würde wahnsinnig werden – ohne ihn ... Ich weiß gar nicht, was ich täte ... bei dem bloßen Gedanken daran steht mir das Herz still ... ich brauch' ihn, Maxe ... ich brauch' ihn ... ich hab' auf ihn gewartet, mit Zittern und Beben, diese drei langen, furchtbaren Jahre, in denen hab' ich viel bereut und will's nun besser machen. Ich brauch' ihn, Maxe!«

Sie starrte bang und fiebernd, mit weitaufgerissenen Augen, der Schwester ins Gesicht. Die hatte sich erhoben und sagte nur ruhig: »Es nimmt ihn dir ja auch niemand, Ulla!«

Aus den angstvollen Zügen unter ihr wich die Spannung. Es war wie ein Schimmer von Erlösung in Ullas dunklen Augen – eine Weichheit und Dankbarkeit. Sie lächelte in einem jähen Umschwung ihrer Stimmung.

»Gott sei Dank! Es gibt nur einen Menschen, der ihn mir nehmen kann! Und der tut es nicht! Du warst mir immer eine gute Schwester, Maxe! Du hast immer gewußt, was deine Pflicht war, und hast sie untadelhaft erfüllt und immer alles aufgeboten, was in deiner Macht lag ... Ich hab' es dir früher schlecht gedankt und war hart und häßlich gegen dich. Aber jetzt hab' ich einsehen gelernt, wieviel ich dir schuldig bin und immer schuldig sein werde. Auch in Zukunft!«

Sich von der Ottomane aufrichtend, legte sie, in ihrer Schwäche nach einer Stütze suchend und in schwesterlichem Zutrauen den Arm um die andere. In ihrem weißen Gewand stand sie, hell von der Frühlingssonne beschienen, mitten im Zimmer. Es war eine gläubige, träumerische Hoffnung auf ihrem Gesicht. Sie legte die abgemagerten Hände ineinander. Sie sagte innig: »Schau, Maxe: Ich hab' so jetzt das felsenfeste Zutrauen: die Zeit der Prüfungen ist bald vorbei, und nun kommt es besser mit Erich und mit mir! ... Er findet allmählich den Weg zu mir zurück. Es hat eine Zeit gegeben ... lang ist's her ... da hat er mich so unendlich geliebt ... ich hab's verscherzt ... durch meine eigene Schuld ... aber es kann doch wiederkehren ... nicht wahr?... wenn ich es so von Herzen bereue ... wenn ich mir so recht Mühe gebe ... wenn ich zum lieben Gott drum bete ... nicht wahr? ... sag doch ja, Maxe ... mach mir nur ein bißchen Mut ...«

Frau von Logow hustete und fuhr in leidenschaftlicher Verklärtheit fort: »Ich gewinn' ihn mir wieder! Ich fühl' es! Ich bin schon auf dem Weg. Ich merk' es an tausend kleinen Zeichen. Es ist bei ihm nicht bloß Mitleid, nicht bloß Pflichtgefühl, daß er so gut zu mir ist. Er kann sich doch nicht verstellen! Das kommt bei ihm aus dem Herzen! Das wird wachsen ... Tag für Tag ... Maxe ... warum sprichst du denn kein Wort? ...«

Maximiliane schwieg. Sie fühlte an ihrer Brust das Zittern der Schwester. Verängstigt, schwach, liebebedürftig, vertrauend hing die ihr am Halse. Und legte ihren Kopf an den ihren. Und lachte mit nassen Augen und schluchzte mit lächelnden Lippen und entwaffnete sie, indem sie das Beste in ihr wachrief: »Nicht wahr, Maxe ... du ... du tust nichts, um das zu stören. Du bleibst so stolz und rechtlich wie bisher. Und gönnst mir mein Glück. Endlich ein bißchen Glück! ... Wenn ich nur das von dir weiß, dann bin ich schon ganz ruhig. Niemand außer dir kann mir im Leben, was zuleide tun! Und auf dich verlass' ich mich so ganz! ... Du hast dich immer so bewährt! ... Du bist meine gute, liebe Schwester ... Vor dir hab' ich keine Scheu! Du begreifst, was es heißt, wenn ich bei dir um meinen Mann bitte! ... Du gibst ihn mir! Du läßt ihn mir! Nicht wahr?«

Immer noch hielt sie die Jüngere zitternd umfangen. Die fühlte die Last an ihrer Schulter und hatte Mühe, selbst aufrecht zu bleiben. Sie löste sich leise aus den Fesseln der beiden Arme und half der Kranken, sich erschöpft wieder niederzusetzen. Dann sagte sie: »Sei unbesorgt, Ulla! ... Du sollst kein Hindernis auf deinem Weg finden. Es wird alles Nötige geschehen!«

»Du brauchst ja gar nichts Besonderes zu tun, Maxe! ... Verstehe mich um Gottes willen nicht falsch. Es ist nur ...«

»Doch! Ich schiebe einen Riegel vor! Der hält!«

Die junge Frau beugte sich nieder und küßte die ältere Schwester noch einmal. Sie war ebenso ruhig, wie jene zwischen Lachen und Weinen schwankte.

»Erlaub, daß ich nun gehe, Ulla! ... Gute Besserung ... Auf Wiedersehen!«

Die Generalin von Glümke verließ das Zimmer. Draußen auf dem Treppenflur blieb sie eine Sekunde stehen, stützte sich an dem Geländer und schloß die Augen in einer Schwächeanwandlung, die blassen Züge von Schmerz versteinert. Dann hörte sie Schritte. Ein Herr kam die Stufen herauf. Er warf einen forschenden Blick auf die hohe, elegante Gestalt und grüßte dann sehr höflich. Sie erkannte den Hausarzt der Logows, der Ulla schon bei ihrem ersten Aufenthalt in Berlin vor Jahren behandelt hatte. Sie frug: »Wie geht's eigentlich meiner Schwester?«

»Entschieden besser, Exzellenz! Ich habe jetzt mehr Zuversicht als je. Die Rückkehr ihres Mannes hat sie belebt – in ganz unerwarteter Weise. Psychische Einflüsse tun da oft Wunder. Wenn diese Krise jetzt überwunden ist, dann sind wir, denk' ich, endgültig über den Berg ... Ganz robust wird die gnädige Frau ja nie werden. Sie wird sich immer schonen müssen. Aber innerhalb dieser Grenzen, wenn wirkliche grobe Dummheiten, wie schwere Erkältungen und derlei vermieden werden, liegt eigentlich kein Grund vor, warum sie nicht so alt werden sollte wie Sie oder ich ... Ich habe die Ehre, Exzellenz ...«

»Guten Morgen, Herr Doktor!«

Maximiliane von Glümke winkte draußen vor dem Hause das nächste Automobil heran, fuhr nach Westen, in der Richtung nach Charlottenburg. Dort bewohnte ihr Onkel, der Oberstleutnant a.D. Freiherr von Koninck seit seiner Verabschiedung ein Junggesellenheim. Nicht mehr auf lange. Er war schon mit einem Fuß auf dem Standesamt und erwartete jetzt eben, nur noch vierzehn Tage vor der Hochzeit, den Besuch seiner Braut und ihrer Mutter, die ihn zu Besorgungen abholen wollten, und steckte, das Klingeln draußen hörend, mit einem zärtlichen »Brigittchen?« den Graukopf durch den Türspalt und machte große Augen, als die schlanke blonde Dame in dem Halbdunkel gelassen sagte: »Ich bin's bloß, Onkel! ... Die Maxe! ... Hast du 'nen Moment Zeit für mich?«

»Für solchen Besuch immerzu!« Der alte Schwerenöter lachte. »Bitte Euer Exzellenz gehorsamst, einzutreten! ... Wie kommt solch Glanz in meine niedere Hütte?« Er änderte, da er Maximilianes ernstes Antlitz sah, den Ton und frug besorgt: »Aber ... verzeih ... Ist irgend etwas passiert?«

»Nein. Gar nichts! Sag mal, Onkel Wilderich, ... du bist doch irgend so ein großes Tier im Johanniterorden – nicht wahr ...«

»Ja ... das heißt ... ich hab' in der Ballei Brandenburg ...«

»Also jedenfalls kannst du da, wenn du willst, für jemanden ein gutes Wort einlegen?«

»Fragt sich nur, wer es ist!«

»Ich!«

Herr von Koninck musterte seine schöne Nichte erstaunt: »Du? Was willst du denn? Na – komm mal, bitte, mit in mein Arbeitszimmer!« Da blieben sie lange Zeit. Seine Braut, Fräulein von Hornschuh, und ihre Mutter, die inzwischen erschienen, mußten warten. Endlich kam Maximiliane von Glümke wieder heraus. Sie begrüßte freundlich die beiden Damen und verabschiedete sich. Es war ihr nichts Besonderes anzumerken, und Frau von Hornschuh sagte mit merklicher Schärfe zu ihrem künftigen Schwiegersohn: »Ich weiß nicht, ob das unbedingt nötig war, uns hier quasi antichambrieren zu lassen ...«

Der Freiherr von Koninck machte eine abwehrende Handbewegung. Der alte Husar war für seine Verhältnisse ungewöhnlich ernst, fast ergriffen. Er wandte sich an seine Verlobte: »'s ist doch eigentlich eine komische Welt, Brigittchen!« versetzte er. »Wo die einen anfangen, hören die anderen auf! ... Wir beide, du und ich, wir packen jetzt erst das Leben ordentlich bei den Hörnern, und die Maxe, die so viel jünger ist als wir, und es am wenigsten nötig hätte, die sagt ihm so gewissermaßen Ade ... Sie will bei den Johanniterschwestern eintreten – ich hab's ihr in die Hand versprechen müssen – und gleich jetzt auf der Stelle ...«

»Sie wird sich schon noch besinnen!« meinte Frau von Hornschuh.

Aber Maximilianes Onkel verneinte: »Da kennen Sie sie flach, verehrte Schwiegermama! ... Ich kenn' sie doch von klein auf. Die tut's! ...«

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