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Du Schwert an meiner Linken

Rudolf Stratz: Du Schwert an meiner Linken - Kapitel 19
Quellenangabe
pfad/stratz/duschwer/duschwer.xml
typefiction
authorRudolph Stratz
titleDu Schwert an meiner Linken
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
printrun59.-68. Tausend
year1923
firstpub1912
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201202217
projectiddb901233
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18

Der Mond war noch nicht aufgegangen. Er stieg erst lange nach Mitternacht von Osten her über den kalten, sternklaren Himmel. Tiefe Nacht ruhte über der Rheinebene, und doch kein Dunkel. Da, wo sonst selten einmal der spärliche Lämpchenschein aus einem Bauernhaus die weite Finsternis unterbrach, da flammten heute Hunderte und Tausende von Lichtern, regelmäßig in feurige Linien und Staffeln geteilt, die Biwakfeuer des Heeres. Sie waren jetzt schon halb erloschen. Die Mannschaft schlief. Spärlich einmal fielen fern, ganz fern Schüsse durch die Stille. Aber im Rücken der Stellung war es auch jetzt lebendig. Ein Knattern und Knarren, ein Rasseln und Rumpeln war auf allen Straßen. Schwerfällig schoben sich die mächtigen Trainkolonnen durch die Nacht. Die Leiterwagen hielten im Dunkel nicht ordentlich Vordermann. Sie füllten, rechts und links fahrend, den ganzen Weg. Es war schwer, an ihnen vorbeizukommen. In kurzen Zeiträumen ließ Otto von Ottersleben immer wieder die Hupe seines Automobils ertönen, das mit seinen beiden Flammenaugen zornig in das Schwarz vor sich leuchtete, den Schlammboden in den Glanz einer Schneelandschaft verwandelnd.

An einem Kreuzweg hielt, in einen Mantel gewickelt, ein höherer Offizier, Mann und Roß wie ein Schattenriß vom Dämmern des Himmels abgehoben. Er rauchte eine Zigarre. Sie leuchtete eine Sekunde auf und erhellte sein bärtiges Gesicht. Der junge Sportsmann stoppte sein Auto. Er lüftete, die eine Hand am Steuer, mit der anderen seine Kappe.

»Ach ... Verzeihung ... Ich möchte um Auskunft bitten ... Ich fahre hier mit meiner Schwester, der Generalin von Glümke, durch die Nacht ... Es ist ein Gerücht verbreitet, Exzellenz von Glümke habe oben im Kraichgau ein Unglück mit dem Pferde gehabt ...«

»Oh ... doch hoffentlich nichts Ernstes, Exzellenz?«

Der Oberst sprach von seinem Rappen in das Dunkel des offenen Autos hinein, in dem er irgendwo Frau von Glümke vermutete.

Sie stand auf. Ihre Stimme zitterte.

»Ich weiß nicht! Ich will hin! In einer Stunde ist man doch dort! Aber mein Bruder behauptet ...«

»Erst müssen wir wissen, Maxe, wo die vierundfünfzigste Division augenblicklich steht!«

»Und das kann uns hier niemand sagen?«

Der Oberst zuckte bedauernd die Achseln.

»Hier in der Front kaum, Exzellenz! ... Das verschiebt sich ja unaufhörlich, in der kriegsmäßigen Lage, in der wir uns befinden. Da kennt man die Stellung der Truppenteile nur im Hauptquartier.«

»Dahin will ich ja eben!« rief Otto von Ottersleben.

»Fahren Sie nur immer noch weiter zurück – die große Straße entlang. Sie sehen schon von ferne die vielen Lichter!«

Das Automobil schoß davon, daß der Kot weithin von den Pneumatiks spritzte. Nach kurzem wurde es vorn hell. Strohwische loderten an langen Stangen rechts und links vom Wege. In dem unsicheren Flackerschein huschten immer zahlreicher schattenhafte Reiter, Radler, Motorfahrer vorüber. Auf dem Kartoffelacker drüben waren Stimmen und Fackeln. Eine Telegraphenabteilung legte bei Nacht eine Kriegsdrahtleitung querfeldein. Nun zeichneten sich hohe Giebeldächer im Dunkel ab – Schartenmauern – Türme – Parkwipfel – ein schloßartiger Gutshof irgendwo mitten in der Rheinebene, alle Fenster des dreistöckigen Herrenhauses hell, als feiere man da drinnen ein Fest. Vor der Anfahrtsrampe brannten rechts und links Pechflammen. In ihre düstere Purpurglut getaucht, hielt da eine Wagenburg von Militärautomobilen, standen Dutzende von gesattelten Pferden, von Kavalleristen gehalten. Ein unaufhörliches Laufen von Unteroffizieren, Ordonnanzen, Burschen erfüllte treppauf treppab den Eingang. Einige Herren vom Luftschifferbataillon standen plaudernd seitlings, des Mondes und des neuen Aufstiegs harrend, und schauten bald hinüber auf das Feld, wo in verschwommenen Umrissen, von schwarzen Musketierklumpen an Tauen gehalten, der Riesenkörper eines Parseval frei in der Luft schwebte und im Nachtwind schwankte, bald wieder sahen sie nach rechts empor. Dort tönte, von unsichtbar hoher Stange, das Rasseln des Slabyapparats durch das Dunkel, der die drahtlosen Depeschen empfing und weitergab. Ein junger Leutnant trat zu den anderen heran und lachte.

»Wir fangen fortwährend Meldungen von drüben ab. Ganze Haufen! Aber der Deubel soll sie enträtseln ...!«

Das Ganze hatte nichts eigentlich Kriegerisches mehr an sich. Die Truppen waren ja auch alle viele Stunden weiter vorn. Bis hierher drang kaum mehr der Laut eines Kanonenschusses. Es war, als sähe man einen großen, wissenschaftlichen Fabrikbetrieb mitten in der Nacht in methodischer Tätigkeit. In den ersten Zimmern des taghell mit Lampen, Kerzen, Stallaternen erleuchteten Schlosses, das Maximiliane mit ihrem Bruder betrat, saßen Reihen von Offizieren, die Stirnen gerunzelt, den Bleistift in der Hand, Geheimtabellen vor sich, mit der Chiffrierung und Dechiffrierung von Depeschen beschäftigt. Nebenan tackten, von Unteroffizieren bedient, rastlos die Telegraphenapparate. Soldaten kamen und gingen, brachten die abgerollten, mit geheimnisvollen Chiffrebuchstabengruppen bedeckten Streifen und nahmen ebensolche Blätter entgegen.

Daneben, im großen Saal, war die Befehlsausgabe. Es standen da an die hundert Offiziere, die meisten die Adjutantenschärpe von der rechten Schulter zur linken Hüfte, die hohen Stiefel mit Kot bespritzt, die Gesichter übernächtig von Mangel an Schlaf nach der Mühe des Tages, alle stumm im Stehen in ihre Bücher notierend und stenographierend, was die Stimmen der Generalstäbler in ihrer Mitte langsam, nachdrücklich, durchdringend klar, diktierten. Ein Geruch von nassem Tuch, von Pferdeschweiß, von flackernden Dochten war in dem Raum. Unwillkürlich wandten sich all die scharfen, schnurrbärtigen Köpfe einen Augenblick vom Ernst zur Sache nach der ungewohnten Erscheinung einer schönen jungen Frau, hier mitten in der Nacht in den geheiligten Räumen des Armeeabteilungskommandos, in denen alle Linien von dem weit ausgedehnten Kampfplatz draußen im Spinnennetz zusammenliefen. Ein höherer Adjutant hatte die Generalin empfangen. Er verbeugte sich tief, eilte voraus und führte sie und ihren Bruder durch weitere Räume voll schreibender, mit dem Zirkel auf der Generalstabskarte messender, rechnender und brütender Offiziere bis in das vorletzte Gemach der langen Zimmerflucht.

Da waren Generale. Wohl ein halbes Dutzend und mehr. Grauköpfe und Kahlschädel. Derbe, altpreußischkriegerische Züge und glattrasierte, strenge Gelehrtengesichter. Sie saßen und standen – sie lasen und schrieben – sie blätterten nachdenklich in Stößen von roh mit Buntschrift ausgeführten Feldkrokis, die vor ihnen lagen – sie schwiegen und warteten auf etwas da drinnen, hinter der Tür links zum Allerheiligsten ...

Jetzt öffnete sich die. Ein eleganter Generalmajor vom Gardetypus trat heraus. Einen Augenblick sah man in das Innere, in eine große Stube, die bis aufs Letzte kahl ausgeräumt war. Kein Tisch, kein Stuhl in der Ecke war geblieben. Von der Decke sandte ein Kronleuchter seinen hellen Schein in alle Ecken und auf den Boden. Den deckte ein Netz aneinandergefügter Generalstabskarten – das ganze Manövergelände im kleinen, von der Kocher und Jagst bis über den Rhein, von dem Main bis an die Murg. Kleine bewimpelte Nadeln staken an einzelnen Stellen in den Plänen und zeigten den augenblicklichen Standort der Truppen an. Davor lag auf dem Bauch, die Ellbogen aufgestützt, den Kopf in den flachen Händen, jemand am Boden, lang auf den Holzdielen ausgestreckt. Man sah von hinten sein kurzgeschnittenes schlohweißes Haar, das Funkeln der goldenen Raupen auf den Schultern, das Glitzern der Sporen an den Reitstiefeln. Neben sich hatte er rechts und links auf der Erde ein brennendes Licht stehen, um besser die Karten lesen zu können. Das war der Höchstkommandierende. Sein Wille lenkte wie durch einen Fingerdruck auf einen elektrischen Knopf den ganzen mächtigen Apparat da draußen. Er sann über den morgigen Tag. Stumm lag er da und rührte sich nicht. Hinter ihm stand sein Adjutant und schwieg. Die Tür schloß sich.

Nebenan hatte der blonde Gardegeneral inzwischen erfahren, um was es sich handelte, und versetzte, halblaut – denn in diesen Räumen wurde nur flüsternd gesprochen: »Nach unseren bisherigen Meldungen, Exzellenz, hat Ihr Herr Gemahl allerdings leider einen bösen Sturz getan. Et liegt noch in dem Pfarrhaus des Dorfes, in dessen Nähe das Malheur geschah ...«

»Und was sagen die Ärzte?«

»Vorläufig nichts Bestimmtes, Exzellenz! ...«

Der Generalmajor zuckte vielsagend die Schultern und wandte sich an Otto von Ottersleben.

»Sie scheinen mir ja militärisch geschult: Ich werde Ihnen auf der Karte den nächsten, für Automobile praktikablen Weg dorthin zeigen und telephonisch Order vorausschicken, daß man Sie an der Heidelberger und der Eberbacher Brücke sofort durch die Trainkolonnen, die Sie da kreuzen müssen, durchläßt!«

Der Mond war aufgegangen. In silbernem Blau lag die Pfalz. Die Heidelberger Schloßruine träumte im Dämmerschein über der Neckarstadt, durch deren Gassen das aus der Rheinebene heranrasende Automobil in das Flußtal hineinschlüpfte, das Rauschen der Stromschnellen zur Linken, durch das schlafende, mittelalterliche Neckargemünd, vorüber an dem geheimnisvoll im Mondschein ragenden Geviert der Landschadenburgen – zuweilen, an den Neckarübergängen, plötzlich, jäh, aus der Nacht heraus, der Trubel des Scheinkriegs, Fackeln, lange Wagenzüge, Geschrei und ebenso rasch wieder tiefe Stille – Menschenleere – Mondschein – ein Reh über den Waldweg. Kühle. Herber Hauch von den Höhen, über denen wieder eine riesenhafte altersgraue Burgruine dräuend wie ein Drache zu Tal hing. Auf dem Fluß rasselte es in langer Lichterreihe und kläfften die Schifferspitze. Ein Schleppzug fuhr bergwärts. Er verlor sich um die Biegung. In den dunklen Massen des Waldes da oben kreischten und johlten unheimlich die unsichtbaren Nachtkäuzchen. Es war wie ein böses Vorzeichen. Weiter! Nur weiter! ... Aus der Odenwaldenge heraus, aus den ewigen, zeitraubenden Windungen des Flusses! Eine Schwenkung nach rechts. Dort drüben, über dem Massiv des Katzenbuckels, färbte sich der Himmel von feierlicher Röte. Lange Purpurstreifen zogen sich quer durch das Grau des Ostens. Die Sonne ging auf. Man ließ sie halb im Rücken. Man fuhr endlich den geraden Weg, den bisher die Berge versperrt, nach Süden, in das fließende Nebelgrau der Dämmerstunde hinein. Dann zerteilten sich die feuchten Schleier. Der Himmel blaute. Man konnte bei Tageslicht leichter die Karte und die Wegweiser lesen als bisher beim Windgeflacker des Wachsstreichholzes. Geräuschlos rollte das Auto über die weichen Ackerpfade. Ein einsamer Einjährig-Freiwilliger kam herangehumpelt, fußkrank, auf dem Weg zur Etappe. Er hatte Schmisse im Gesicht und trug einen Zwicker. Otto von Ottersleben rief ihn an: »Wissen Sie, wie's Herrn General von Glümke geht?«

»Ich fürchte, gar nicht gut. Es sagen's wenigstens alle im Biwak!«

»Ist's noch weit?«

»Dort sehen Sie schon den Kirchturm über dem Hügel!«

Hinter diesen Höhen war das Biwak des Gros' der vierundfünfzigsten Division. Die Truppen waren noch nicht angetreten. In langen Reihen schimmerten die Pyramiden der zusammengesetzten Gewehre. Die Mannschaften standen am Wege, gegen das Dorf zu, Tausende und aber Tausende, mit dem blauen Schein der Waffenlose die Felder füllend, da und dort die Offiziere dazwischen, und überall war das gleiche, seltsam-ernste, wie angstvolle Schweigen. Das Automobil konnte nur noch ganz langsam fahren. Maximilianes Auge ruhte leer auf der menschenerfüllten Gasse vor ihr. Was war das nur alles? ... Diese Morgenröte hier ... das fremde Dorf ... die vielen Leute? ... Ihr schien es wie ein böser Traum der Nacht. Man wachte auf, und er war verflogen. Nein: das war Wirklichkeit. Da war die Kirche. Daneben das Pfarrhaus. Auf dem Platz davor, unter der herbstbunten Linde, Offiziere, Offizierspferde, Offiziersburschen, wieder Offiziere – auf den Torstufen – auf der Schwelle – im Flur. Hier kannte man die Frau des Divisionskommandeurs. Ehrerbietig machte alles Platz. Stumm hoben sich die manöver-dunkelbehandschuhten Hände an die Helmbänder. Sie stieg aus. Ihr Bruder stützte sie. Sie sah sich ratlos um. Es war solch ein sonderbarer Ausdruck in all den sonnengebräunten Gesichtern, solch eine drückende Stille ... Sie ging in das Haus – in einem ungläubigen Staunen: Sie hatte noch nie Männer weinen sehen. Aber die zwei, drei Offiziere, die da standen, hatten Tränen in den Augen, hier der Oberst von Mensingen, da der Divisionsadjutant, der Major Gutgesell. In der Ecke heulten die Glümkeschen Burschen, Mannhardt, der erste Pferdebursche, und Hinsch, der andere, als sie ihre Herrin erblickten. Und sie dachte sich befremdet: Was bedeutet das alles? und wußte es doch, noch ehe plötzlich der Divisionspfarrer vor ihr stand und stumm ihre Hand ergriff und langsam die Tür öffnete.

Die helle Morgensonne lag in trügerischem Rot auf dem ernsten Antlitz des Generalleutnants Olaf von Glümke. Ihn störte der Glanz des neuen Tages nicht mehr. Seine Lider waren geschlossen. Es war, als ob er schliefe, das von weißen Mullstreifen umwundene Hinterhaupt auf das weiße Kissen gebettet, die Orden auf der Brust, die weißbehandschuhten Hände, zwischen denen ein kleines Kruzifix lag, über dem Säbelknauf verschlungen, in einer feierlichen Ruhe, die von seinem Totenbett ausging und das Gemach erfüllte. Von draußen, aus dem Flur, tönte wieder Schluchzen, und weiterhin, im Freien, von den Feldern und Wegen ein unbestimmtes, tausendfaches Summen und Murmeln und Brausen von Stimmen. Dann trat der Generaloberarzt hastig über die Schwelle: »Rasch ... Wasser ... Ihre Exzellenz ist ohnmächtig geworden ...«

In einem Nebenraum bemühten sich die Ärzte, die Schwester und die Schwägerin um Maximiliane. Sie lag bewußtlos. Sie hörte nicht, wie fern ein dumpfer Kanonenschlag erscholl, zwei, drei – ein ganzes Geböller, stürmisch aufflackerndes Kleingewehrgeplacker bei den Vorposten – Hornsignale –›An die Gewehre!‹ – ›An die Pferde!‹ – ›An die Geschütze!‹ – Ein Laufen und Rennen – ein Jagen von Adjutanten, von denen einer einem anderen durch Hufschlag und Säbeltanzen an der linken Pferdeflanke zurief: »Man merkt schon, daß Glümke nicht mehr kommandiert! Wir müßten schon seit zwei Stunden unterwegs und dem Gegner im Rücken sein ...«

»Ja, aber das Unglück ...«

»Wenn er noch hätte reden können, hätte er gesagt: Kinder ... Krieg ist Krieg! ... Kümmert euch nicht um mich ... Vorwärts! ... Spuckt den Roten gehörig in die Morgensuppe, daß sie noch einmal an mich denken! ...«

Nun brüllten da vorn schon überall die Kanonen. In langen Schlangen setzte sich die Division in Bewegung. Von der Rheinebene grollte es dumpf herüber. Luftschiffe und Flugzeuge erschienen schwimmend und suchend am Himmel – das Kaisermanöver ging seinen Gang, die Massen waren im Fluß – der Tod eines einzelnen konnte dies Widerspiel von Krieg und Tod nicht hemmen. Die Scheiben des Zimmers, in dem der General von Glümke ruhte, zitterten leise im feinen Donner der Geschütze.

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