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Du Schwert an meiner Linken

Rudolf Stratz: Du Schwert an meiner Linken - Kapitel 18
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pfad/stratz/duschwer/duschwer.xml
typefiction
authorRudolph Stratz
titleDu Schwert an meiner Linken
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
printrun59.-68. Tausend
year1923
firstpub1912
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201202217
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17

Gegen Mittemacht hörte endlich der Durchzug des Heerwurms durch Darmstadt auf. Es wurde allmählich sonderbar still. Nur noch vereinzelte Nachzügler tröpfelten hinterher – Zahlmeister und geheimnisvolle graue Karren, die die Kriegskasse oder sonst etwas bargen, Offiziere, die noch hinter der Front mit dem Etappenwesen zu tun hatten, Telegraphenbeamte, Gendarmen zu Pferde und zu Fuß. Und schon sandte in den frühen Morgenstunden das Manöverfeld seine ersten Gefechtsschlacken zurück – einen Leiterwagen voll fußkranker Soldaten, Reservisten, Unteroffiziere, Einjährige, Gemeine bunt durcheinander auf dem Stroh, huflahme Gäule, die unwillig über das Pflaster hinkten, ein Bernerwägelchen mit einem an Kopf und Arm verbundenen Husarenleutnant, der beim Aussteigen vor dem Garnisonlazarett zu dem Assistenzarzt lachte: »Heute kriegen Sie noch mehr unter die Finger, Doktor ... Die Gäule stürzen bei dem nassen Boden wie die Deubels!«

Von dem Kampfe selbst merkte man in den Vormittagsstunden in der Stadt nur den fernen Kanonendonner. Von wo er kam, ließ sich nicht sagen. Das Wetter grollte überall. Es brummte aus den Odenwaldtälern, es bollerte an der Bergstraße, es dröhnte von der Rheinebene, selbst jenseits des Stroms, bis zum blauen Haardtgebirge hin murrte es tief und schwer, wie sonst bei elektrischer Schwüle im Hochsommer. Den ganzen Mittel- und Unterlauf des Neckars entlang, von Württemberg und durch Baden bis in die bayerische Pfalz, feuerten Hunderte von Geschützen. Viele Stunden weite Strecken gab es dazwischen, tiefe Waldeinschnitte des Flußbetts, in denen man nichts von dem Manöver sah, und auch in dem Teil der Rheinebene hinter Darmstadt, durch den Otto von Ottersleben sein elegantes Automobil lenkte, war es menschenleer. Der Kasten kostete ja jährlich eine Stange Gold. Aber wozu hatte man den reichen Schwiegerpapa? Zwei bebrillten Eisbären ähnlich, saßen er und seine Frau mit dem Chauffeur auf den Vorderplätzen, dahinter Maximiliane und die Grotjans, Ulla hatte nicht mitkommen wollen. Es regnete nicht. Aber der Himmel war grau, die Luft undurchsichtig. Schlechtwetterwind blies von Südwesten, von den Vogesen her. Man hörte überall da vorn die Schlacht, aber man konnte nicht erraten, wohin sie sich zog. Die Wälder von Obstbäumen und Hopfenstangen, die vielen Dörfer versperrten die Aussicht. Auf der niedrigen Hügelfläche von Lorsch stoppten sie unter dem Torbogen aus Karolingerzeit, der allein an die einstige Klosterherrlichkeit erinnerte. Auch von da sah man nichts als zwei oder drei große Fische in der trüben Luft schwimmen – lenkbare Luftschiffe, die über den Heeren kreuzten – dort, über dem Fabrikqualm von Mannheim, an seiner schlanken Weiße kenntlich, ein nachts von Metz durch Lothringen herübergeflogener Zeppelin, hier, eilig neckaraufwärts, gen Osten steuernd, je nach der Beleuchtung bald eisengrau, bald hellgelb schimmernd, die plumper geformten Parsevals und Groß'.

»Hier ist nichts los!« sagte Otto. »Weiter!« Er ließ den Motor laufen und wandte sich nach einer Weile befriedigt zu den anderen. »Na endlich doch mal Menschen!«

Die weite Wiesenfläche rechts vor ihnen war bunt von Kavallerie. In zwei, drei Staffeln hintereinander hielten in langen, in der Ferne verschwindenden Reihen die Regimenter, Dragoner, Husaren, Ulanen – eine ganze Division, die Mannschaft abgesessen, die Pferde mit träge hängenden Köpfen, an langen Zügeln, hinter der Front das eilige Hämmern und der heiße Hornspangeruch der Feldschmiede, eine Gruppe Veterinäre um einen am Boden liegenden, in Kolik um sich keilenden Gaul, am Weg ein Trupp Leutnants von den reitenden Batterien, von denen ein paar ihren einstigen Kameraden Ottersleben von der Militärtechnischen Akademie in Berlin erkannten. Einer der Herren meinte: »Was wir hier tun? Sie sehen's ja: vorläufig nischt!«

Und ein anderer setzte hinzu: »Wenn Sie was sehen wollen, Sie Zivilstratege, dann kantern Sie mit Ihrer Benzindroschke immer der Nase nach. Bei der Ladenburger Brücke vor uns ist der Hauptklimbim!«

Hier, gegen den Neckar zu, kam man allmählich in den Hintergrund der Schlacht. Große Munitionsparks standen seitwärts in den nassen, von Rädern kreuz und quer zerfahrenen Äckern, Gruppen von Neugierigen säumten die Straßen – ein Zug von Leiterwagen mit kriegsgemäß requirierten Balken und Holzwerk arbeitete sich, von berittenen Pionieroffizieren angetrieben, unter Geschrei und Peitschengeknall vorwärts, und der die Oberaufsicht führende Generalstabsoffizier, der gestern Maximiliane den Weg durch den Train am Darmstädter Schlosse freigemacht, sprengte heran und erwiderte lachend aus ihre Frage: »Bin leider nicht ganz auf der Höhe der Situation, Exzellenz! Habe die angenehme Aufgabe, mich hier mit diesen vierräderigen Angelegenheiten hinter der Front zu befassen. Aber was von da durchsickert: danach fällt die Entscheidung, ob wir die Neckarlinie forcieren, auf den linken Flügel ... Man rechnet da sehr auf den Herrn Gemahl, Exzellenz ... Wenn Exzellenz sich da den Hügel hinauf bemühen, da hat man einen guten Überblick! ... Gendarm ... lassen Sie bitte die Herrschaften durch! ...«

Als die drei Offiziersfrauen oben standen und die Ebene überschauten, machten sie erstaunte Gesichter. Sie waren sämtlich mit Heeresdingen vertraut. Sie wußten: so wie man sich ein Manöver gemeinhin vorstellte, so war es längst nicht mehr. Es gab keine Bajonettangriffe mit klingendem Spiel und wehenden Fahnen, keine Führer hoch zu Roß, mit gezogenem Säbel, keine Karrees, an denen die Reiterschwärme brandeten. Aber doch war ihnen der Anblick hier oben verblüffend: das ganze Schlachtfeld war leer! Die Dörfer, die Obstwälder, die Felder lagen wie sonst in der trüben grauen Herbstluft. In der hörte man wohl schweres, wie unterirdisches Dröhnen der Geschütze und dazwischen ein schwaches, rastloses, unsichtbares Gehämmer und Geplacker des Kleingewehrfeuers, so als stiegen fortwährend Hunderte von Blasen aus einem siedenden Kessel – aber dabei blieb diese unheimliche, rätselhafte Öde, diese scheinbare Abwesenheit von Mann und Roß, und der Generalstabsmajor Eberwein, der abgesessen und den Damen gefolgt war, erläuterte: »Streng kriegsgemäß! ... Alles platt am Boden – eingebuddelt wie die Maulwürfe ... in den neuen grauen Felduniformen ... bitte ... hier ist mein Glas, Exzellenz!«

Jetzt, mit bewaffnetem Auge, erkannte Maximiliane die dünnen, wie Herbstspinnweb über den Äckern hin eingenisteten Schützenschwärme, dahinten die großen dunklen, am Boden niedergeduckten Massen der Regimenter, hinter einem Hause, jedem Blick des Feindes entzogen, ein Stab – ledige Pferde, Offiziere um einen mit Karten bedeckten Tisch, vorn, bäuchlings im Kartoffelkraut, ein Adjutant, das Fernrohr vor dem Gesicht – wenn man schärfer hinschaute, wimmelte es auf einmal auf den Stoppeln hinter dem schwachen Dunst der Schützenlinie von Tausenden von bedächtig kriechenden Schnecken. Die Unterstützungstrupps schoben sich behutsam wie Indianer auf dem Kriegspfad vor. Über dem allen ruhte, unter dem bleigrauen Himmel, ein sonderbarer Schauer, ein atemloses Bewußtsein: wer nur eine Sekunde aufrecht steht und dem Feind das Antlitz zeigt, ist ein Kind des Todes ... ein Zweidecker flatterte wie ein großer, geängstigter Vogel über dem schweigenden Bild dahin, nach rückwärts, nach dem Hauptquartier. Der Generalstabsoffizier schirmte die Augen mit der Hand und beobachtete es.

»Donnerwetter – der Aeroplan kam quer über den Odenwald! Alle Achtung! ... Das sind Nachrichten von unserem linken Flügel. Wenn der nur ordentlich um den Königsstuhl herumlangt und den Feind auf die Flanken drückt, dann kriegen wir hier vorne auch Luft. Ja, ich muß mich nun beurlauben! Empfehle mich gehorsamst, Exzellenz ...«

Maximiliane von Glümke schaute, nachdem der Major Eberwein sich wieder auf sein Pferd geschwungen, stumm in den finsteren, eintönigen Ernst des Kriegsbildes vor ihr. Es fiel ihr ein: So wie dieser Generalstäbler da, so würde auch Logow jetzt hier herumreiten und im Vaterland seine Pflicht erfüllen, statt fern überm Meer gleich einem Landsknecht in fremdem Sold und Dienst, und würde es seinen Vorgesetzten zu Dank machen und wäre wie früher ein Muster an Schneid und Eifer für die anderen, wenn ich nicht wäre! Ich hab' ihn von hier vertrieben. Ich bin der stete Stein auf seinem Wege! Der Gedanke erfüllte sie mit einer plötzlichen unendlichen Traurigkeit. Es mochte auch die Umgebung sein: der schweigende Himmel – die schweigende Schlacht – die schweigenden Tausende da auf der Erde – alles so seltsam – so unwahrscheinlich ... dann merkte sie: es war der Nachhall des Gesprächs mit ihrer Schwester gestern. Sie hatte der armen Strohwitwe so viel Trost gegeben, als sie vermochte. Aber ihr selber war zumut, als sei erst seitdem, seit diesen Worten im Walde, Erich von Logow ganz aus ihrem Leben weg, gestorben da drüben in Chile, gestorben für sie ...

Die anderen hatten sich neben dem Auto auf die Plaids gesetzt und frühstückten. Ihr Schwager, der biedere, lange, sommersprossige Pionierhauptmann, hob lachend und mit vollen Backen seinen Becher: »Prost, Maxe: die vierundfünfzigste Division macht's!« Sie lächelte dankbar. Sie dachte an ihren Mann. Sie fühlte sich plötzlich erlöst. Er war ja da. Sie hatte ihn, und er hielt sie. Er hatte sie nie gefragt, was hinter ihr lag. Sie verschlang die Hände im Stehen und schaute weich und traumverloren hinüber nach den feinen, rotschimmernden Sandsteinbrüchen von Heidelberg und weiter nach den Odenwaldhöhen, aus denen er jetzt seine Regimenter wie Ziethen aus dem Busch dem Feind in den Rücken führte und hoffentlich recht viel Ruhm und Ehre vor Majestät und der Armee errang ...

In der Nähe vom entstand ein abscheuliches Rasseln und Knattern. Die Maschinengewehre traten in Tätigkeit. Man konnte deutlich sehen, wie da hinten in der Talsenkung die zweispännigen Wagen hielten, wie die Grauröcke die mörderischen Kugelspritzen Stück für Stück herabhoben, auf das niedrige Schlittengestell legten, es, paarweise auf dem Bauche rutschend, mit den Schultern in die Stellung schoben, wie dort das endlose Patronenband seitwärts abschnurrte und der Lärm der Mitrailleusen alles andere übertönte. Dabei war der Kanonendonner rechts immer stärker geworden. Dichte Rauchmassen ballten sich da zu weißen Wolken. Fernes Hurrageschrei erklang. Es schien, daß sich der Schwerpunkt des Treffens in den Neckar- und Rheinwinkel bei Mannheim hineinzog. Im Hintergrund ritt jetzt auch die Kavalleriedivision von vorhin in dieser Richtung ab. Die langen schimmernden Linien schaukelten im Trab. Die Trompeten schmetterten. Die prunkvollen Uniformen wirkten ganz unwahrscheinlich, wie Spiegelbilder vergangener Zeit, wie verklungene Reiterherrlichkeit von Hohenfriedberg und Roßbach, von Liebertwolkwitz und Mars-la-Tour, inmitten der Burentaktik, der wissenschaftlichen Nüchternheit einer modernen Schlacht. Otto von Ottersleben stand, die Hände in den Taschen des Automobilzivils und starrte tiefsinnig daraus hin. Sein Herz klopfte plötzlich: Da war die Lust der Waffen – die alten Regimenter – die deutschen Fürsten – das Reich in Wehr – und dazwischen er, ein Ottersleben, als Zaungast, als frühstückender Schlachtenbummler, und er sehnte sich wider Willen nach einem Gaul zwischen den Schenkeln, einem Säbel in der Faust, nach dem Brausen der Attacke, und dachte sich voll ärgerlichen Mißbehagens: Ich war doch eigentlich ein rechter Esel, daß ich im Frühjahr so über Hals und Kopf quittiert hab'!

»Otto! ... Otto!« rief eine helle Stimme. Maximiliane trat zu ihm, der Chinchillapelz hing ihr lose um die Schultern. Darunter leuchtete das Violett ihres Herbstkleides. Ein violetter Schleier umrahmte ihr blondes Haupt und flatterte mit den Zipfeln im Winde. Sie lachte – von dem Trübsinnsanfall von vorhin schon befreit. Er war ihr Bruder. Aber auch ihm ging es beim Anblick dieser leuchtenden blauen Augen, dieser hohen, schlanken Gestalt durch den Kopf: Was ist sie doch für eine schöne Frau! ...

Neben ihr hielt der Major Eberwein auf seinem rauchend nassen Gaul und rief ihr aufgeregt zu: »Machen Sie, daß Sie nach Mannheim kommen!«

»Über den Neckar?«

»Wir gehen schon überall hinüber! ... Rot baut ab nach allen Regeln der Kunst! ... Sie müssen eine Mordsschweinerei von uns Blauen besehen haben – da droben, auf ihrem rechten Flügel ... Nu bringen wir ihnen hier mit Macht die Flötentöne bei ... da sehen Sie doch nur ... da drüben bei Käfertal! ...«

Mächtige weiße Dampfwolken stiegen dort auf und überqualmten die Ebene. Man hörte keine einzelnen Kanonenschüsse mehr. Ein einziger ununterbrochener Donner rollte und brüllte aus den Schwaden, durch ihn das gellende, nervenrüttelnde Rattern der Kugelspritzen, das atemlose, tausendfache Hämmern der Magazingewehre, ganz von ferne, halb schattenhaft, ein gedämpftes Hurra aus unzähligen Kehlen – irgendwo blies es: »Geht langsam vor!« – Weithin widerhallten die Hörner: »Geht langsam vor! Geht langsam vor! Geht langsam und bedächtig vor!«

Der Generalstäbler schrie: »Sie kommen gerade noch zurecht! Der Kaiser und alle Fürsten sind schon vorhin durch Mannheim durch! ... Wie gesagt: Rot ist im Wurstkessel! ... Viel Vergnügen!«

Otto von Ottersleben drehte das Auto, beschrieb im Sechzigkilometertempo einen weiten Bogen hinten um die schwarzen Schlangen und Linien von Pickelhauben herum, die jetzt auf einmal, wie aus dem Boden gewachsen, wimmelten und tausendfach über alle Felder gegen Mannheim zogen, und raste nach kaum einer Viertelstunde über das Pflaster der pedantischen Stadt mit ihren sich unerbittlich rechtwinklig schneidenden Häuservierecken. Anfangs waren die statt mit Namen nur mit Buchstaben und Zahlen bezeichneten Straßen menschenleer. Aber bald wurden sie schwarz vom Gewühl. Eine Völkerwanderung strebte da hinaus ins Freie. Ganze Reihen von Automobilen schossen dahin, mit ihnen die Equipagen reicher Fabrikherren – Bauernwägelchen aus den Dörfern ... Taxameter... Reiter, Radfahrer, Züge von Schuljungen unter Führung ihrer Lehrer, alles strömte in die Rheinebene ...

Um einen Hügel herum staute es sich da, tausendfach Kopf an Kopf. Seitlings, hinter der Gendarmenkette, standen, eine Musterkarte aller Herren der Welt, die fremden Militärbevollmächtigten. Man sah über der Menge das Käppi des Franzosen und die Hahnenfedern des Italieners, die schwarze Lammfellmütze des Russen und die Tschakos der Österreicher, den Messinghelm des Briten und den Fes der Türken und der deutschen Paschas! Dazwischen Uniformen, die selbst die preußischen Offiziere nicht kannten, ungewohnte Gesichter – gelbliche Südamerikaner, ein frierender siamesischer Prinz – ein chinesischer Mandarin, da – im Mittelpunkt des Staunens – drei kleine, schwarzgekleidete, rätselhaft lächelnde Japaner! Oben, auf der flachen Kuppe, war ein Gewimmel von Mann und Roß, als hielte da ein aufgelöstes Kavallerieregiment. Aber dieses Regiment bestand nur aus Generalen und Generalstäblern, die meisten Gesichter martialisch unter ergrauten Schnurrbärten verwittert, andere anscheinend viel zu jung für ihren hohen Rang, die Haussteine fürstlicher Herkunft auf der Brust. Ein paar gebieterische Greise mit Marschallsabzeichen ganz vorne trugen das Eiserne Kreuz Erster Klasse. Sie hatten noch Gravelotte und Sedan mitgeschaut und mitgefochten.

Durch die freigehaltene Gasse der Menschenmasse jagten Ordonnanzoffiziere auf und nieder. Reitende Feldjäger. Mannschaften der kaiserlichen Leibgarde. Dort oben, wo der weiteste Überblick war, zeichnete sich einsam die Reichsstandarte vom Nebelgrau des Himmels ab. Zwei, drei Offiziere hielten da, weit abseits von den anderen. Einer von ihnen war der Kaiser. Er beobachtete die Attacke. Heute hüllte nicht wie sonst der Staub die Reitergeschwader in hochaufschlagende Wolken. Man sah weithin, scheinbar unendlich sich in das feuchte Regengrau hinaus verlängernd, die langen, dünnen Linien – zwei, drei in Staffeln hintereinander, man sah sie langsam im Schritt anreiten, im Trab, im Galopp, mit eingelegten Lanzen und flatternden Fähnchen, man sah die Kommandeure mit gezogenem Säbel vor ihren Regimentern – diesen farbig schimmernden, über das Blachfeld hinschießenden blauen, roten, grünen, flatternden Riesenbändern, die sich in der Karriere des Anlaufs fächerartig aufblätterten und auseinanderzogen und durch erneuten Anprall der folgenden Geschwader ausgefüllt und weitergerissen wurden, man hörte das Attackengeschmetter von Hunderten von Trompeten, das Stampfen von Tausenden von Pferdehufen ... man erkannte die Lücken durch Stürze ... da ein Dutzend und mehr auf einmal kopfüber – ein Gekrabbel am Boden – gebrochene Lanzen – reiterlose Pferde – und jetzt da vorn weißlicher Dunst – das wütende Kugelspeien der Infanterielinien, der Hagel der Maschinengewehre, die Kartätschenlagen der Batterien ...

»Kei' Floh blieb' am Leben!« meinte tiefsinnig ein Bayer neben Maximiliane, und ein Preuße lachte: »Na ... ob mit oder ohne Attacke ... gewonnen haben wir den Tag! Wir haben den Roten tüchtig in die Suppe gespuckt! ... Ich glaube, hinter Heidelberg herum sehen die Schiedsrichter schon ganze Bataillone außer Gefecht ...«

»Wenn Glümke so weiter arbeitet wie bisher, dann gewiß!« nickte ein anderer höherer Offizier und klappte sich, durchfroren von langer Autofahrt, den Mantelkragen hoch. »Er hat rein den Deubel im Leib – er und seine Kerls ... Er kann sich zum heutigen Tage gratulieren!«

Maximiliane vermochte sich nicht zu halten. Sie wandte sich an den ihr unbekannten Oberst.

»General von Glümke hat es so gut gemacht – sagen Sie?«

Der Oberst lachte.

»Na – tadellos! ... Ich komm' eben von dort!«

Dann fügte er, immer noch lächelnd, hinzu: »Interessiert Sie der so?«

»Ich bin doch seine Frau!«

Im selben Augenblick nahm der Stabsoffizier eine andere Haltung an und verbeugte sich.

»Gestatten Exzellenz, daß ich mich vorstelle: von Herbersdorf!«

Neben ihm legte der bayerische Major die Hand an den Helm.

»Gestatten Exzellenz: Ritter von Raimoser!«

Dann berichtete der erste wieder: »Der Nachtmarsch heute durch den Odenwald ... Auf dem Krähenbergpaß stieg Exzellenz vom Pferd und half eigenhändig die Kanonen schieben. Vierzig Mann mit Hurra an jedem Geschütz. Da ging's! ...«

»Das sieht ihm ähnlich!« lachte die junge Generalin stolz.

Der Generalstäbler fuhr fort: »Und im Morgengrauen ... am Neckar ... Exzellenz ... die Gäule wollten nicht gleich in das kalte Bad – aber Ihr Herr Gemahl einfach zu Pferd – bis an den Sattel im Wasser, voraus. Alles hinterher – wir waren drüben, ehe der Feind noch abgekocht hatte – nein! Die vierundfünfzigste Division hat eine schöne Leistung hinter sich, das muß ihr der Neid lassen! ... Ich empfehle mich gehorsamst, Exzellenz! ...«

In der Freude ihres Herzens reichte Maximiliane von Glümke dem Oberst freundlich die Hand. Zugleich meldete ihr Bruder Otto: »Du, Maxe ... eben rief mich der olle Schaftenburg an ... du weißt: der Intimus von Papa und Onkel Bruno ... Er ist nun schon Divisionär ... Er hat mir aufgetragen, ich möchte dir gratulieren! Von heut ab hätte dein Mann die Anwartschaft auf ein Armeekorps sicher in der Tasche! Unter den großen Bonzen auf dem Hügel sei darüber nur eine Stimme!«

Es war ein ehrfurchtsvolles Schweigen. Dorle Grotjan sagte zu ihrem Mann: »Hans ... so weit bringen wir's nicht!«

Und selbst die kleine Frau von Ottersleben wurde plötzlich mißvergnügt: »Wir avancieren überhaupt nicht mehr, Otto! Wir von der Reserve!«

Ihr Mann ärgerte sich.

»Na ... hat's etwa der Logow mit all seiner Weisheit so wunderweit gebracht? Es kann doch nicht jeder Napoleon Konkurrenz machen! Die Maxe ist nun einmal der Glanzpunkt der Familie!«

»Kinder, ich kann doch nichts dafür!«

Die junge Generalin lachte.

In ihrem Inneren ergänzte eine ernste Stimme: ›Und ich hab' dafür bezahlt ...!‹ Dann war das wieder vorbei. Der Herbstwind trug es über die Stoppeln davon. Es verwehte im Blasen der Trompeten da vorn, dem Rauschen der vorbeimarschierenden Bataillone, dem seinen Geschützdonner, dem ganzen Glanz und stürmenden Lebensatem des Kriegs im Frieden. Wie gestern, so brach auch heute jetzt, bald nach Mittag, die Sonne durch das Gewölk. Sie überflutete mit ihren Strahlen die nassen Felder, die nassen Menschen und Pferde – sie trocknete die Generalsachselstücke und die Schulterklappen der Trainfahrer, die Geschützrohre und die Blechmündungen der Regimentskapellen, die Seide der Fahnen und die Leinwand der Lagerzelte, die Generalstabskarten wie das Biwakstroh. Sie beschien die dampfenden, atemlosen Reitergeschwader da vorne – die Husaren und Dragoner, die Ulanen und die grünen bayerischen Chevaulegers – die erdbefleckten Infanteristen, die pulvergeschwärzten Kanoniere, die starken Pioniere und kecken Luftschiffer und grünen Jäger, das ganze große deutsche Heer. Es kam allmählich Ruhe über die Hunderte von Schwadronen und Kompanien und Batterien. Der rote Feind war gegen Karlsruhe zu in Ausnahmestellungen zurückgewichen. Das Plackern des Kleingewehrs verstummte. Nur noch in langen Zwischenräumen rollte, wie von einem abziehenden Gewitter, da vom der Donner der Geschütze. Für heute war die Schlacht zu Ende.

Es ging schon gegen Abend. Die letzten Strahlen der tiefstehenden Sonne flimmerten schräge fern drüben im Osten über den Hügelwellen des badischen Baulands. Dort lagerte Olaf von Glümkes sieggekrönte vierundfünfzigste Division. Sie hatte den Neckar längst im Rücken. Zur Linken blaute schattenhaft am Horizont über den schwäbischen Rebhügeln die Rauhe Alb. Aber aller Augen waren nach rechts gerichtet. Man war noch immer hart am Feind. Man wich ihm nicht von der Klinge. Er wurde den lästigen Seitendruck nicht los. Durch die breite, fruchtbare Lücke zwischen Königstuhl und Schwarzwald bedrohte man nach wie vor auf Karlsruhe zu seine rechte Flanke, zwang ihn zu immer weiterem Rückzug. Leicht konnte heut nacht ein verzweifelter Gegenstoß erfolgen. Man war auf der Hut. Fieberhaft arbeiteten die todmüden Truppen mit Schaufel und Spaten. Ganze Regimenter gruben sich geräuschlos in ihre Deckungen hinter den Hügelkämmen ein. Dichte Vorpostenketten spannten sich vorn als undurchdringliches Netz. In fliegender Eile wurde abgelocht. Wenn es erst dunkel wurde, sollte kein Schein eines Biwakfeuers, kein Lichtpunkt einer glimmenden Zigarre dem Feinde die Stellung verraten.

»... 'n Abend, Leute!«

»Guten Abend, Euer Exzellenz!«

Dröhnend scholl es, wo Generalleutnant von Glümke auf seinem dampfenden riesigen irischen Schweißfuchs die Linien abritt. Die Gesichter strahlten. Die gemeinen Soldaten lachten, die Einjährigen, die Unteroffiziere, die Herren Hauptleute und Leutnants. Alle waren stolz auf den heutigen Tag und auf ihren Führer.

Olaf von Glümke war am Flügel der Stellung angekommen. Er hob die Hand und winkte kameradschaftlich einer Gruppe von Offizieren zu, die vom Weg her stillstehend grüßten. Heute machte er keine Unterschiede. Sie hatten ihm alle, alle nach Kräften geholfen. Dann unterdrückte er ein leises Gähnen. Wenn er überdachte: Eigentlich war er seit gestern früh, seit sechsunddreißig Stunden, nicht mehr zur Ruhe gekommen. Sogar die Nacht durch im Sattel. Ein bißchen viel. Eine Sekunde fühlte er seine Jahre. Aber nur eine Sekunde. Dann leuchteten seine feurigen blauen Augen wieder in alter Kriegslust, und um seinen Mund spielte sein gewohntes verwegenes Lächeln.

»Ich will jetzt noch rasch zu den Vorposten da hinüber, mein lieber Gutgesell!« sagte er zu dem neben ihm haltenden Adjutanten und deutete gen Westen, wo sich die Sonne unheimlich blutrot zwischen den nachtdunklen Stämmen einer Baumgruppe abhob. »Schaffen Sie's noch über das infame Terrain? Ihr Schinder kommt wohl nicht mehr recht vorwärts?«

Der Adjutant hob die Hand an den Helm.

»... Wollen nicht auch Exzellenz vorher das Pferd wechseln? ... Exzellenz reiten es schon seit zehn Stunden. Es scheint mir auch nicht mehr ganz kapitelfest auf den Vorderbeinen!«

Olaf von Glümke lachte und klatschte dem Tier auf den Hals. Er sprach zu ihm wie zu einem guten Freund.

»Das könnt' dir passen, alter Schwede – was? Aber dir sollen heut mal deine Mucken gründlich vergehen! ... Nee – lieber Gutgesell – das dauert mir zu lang. Inzwischen wird's dunkel. Vorwärts!«

Er jagte über das steinige, von Baumstöcken und Wurzeln durchsetzte Blachfeld hin. Er kümmerte sich wenig um die Hindernisse. Er hatte in seinem langen Reiterleben schon andere überwunden. Sein Herz war leicht, seine Brust weit von dem heutigen Tag. Da hatte man doch, soweit es in dem ewigen faulen Frieden möglich war, gezeigt, was man konnte – da wußte man doch, wozu man auf der Welt war. Er richtete sich im Sattel auf. Er holte tief Atem. Ja – das war schön – diese Stunde – war wie eine Erfüllung des Besten in einem – den Wind um die Ohren, den Gaul unter sich, der Sonne und dem Feind entgegen, hinter sich, durch dick und dünn, die treuen Kerle, vor sich noch ein Jahrzehnt und länger einer glänzenden Karriere, dort drüben, am Rhein die schöne, junge, geliebte Frau – in seiner Seele, die sonst Handeln und nicht Sinnen hieß, stieg ein Gefühl der Andacht empor. Er dachte sich: ›Herrgott ... ich danke dir, daß du mich leben ließest ... Die Welt ist schön ...‹

In dem holperigen Weidegrund zu seinen Füßen aber hatte, unbekümmert um Krieg und Kriegsgeschrei, aus dem Dunkel des Schicksals heraus ein Maulwurf seinen Haufen aufgeworfen. Der ermüdete Gaul galoppierte unsicher. Er merkte zu spät die Gefahr. Er trat mit dem rechten Vorderhuf in die lockere Erde und brach durch und ging vornüber, und Roß und Reiter taten einen schweren Sturz ...

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