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Du Schwert an meiner Linken

Rudolf Stratz: Du Schwert an meiner Linken - Kapitel 16
Quellenangabe
pfad/stratz/duschwer/duschwer.xml
typefiction
authorRudolph Stratz
titleDu Schwert an meiner Linken
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
printrun59.-68. Tausend
year1923
firstpub1912
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201202217
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15

Um den Platz vor dem Bahnhof staute sich das Volk, von der Schutzmannschaft zurückgedrängt, so daß in der Mitte ein weites Viereck frei blieb. Auf dem hielten seitlings die Wagen. Am Portal war in der Maiensonne alles bunt von Umformen und Damenkleidern, Roßschweife und Federbüsche wehten im Wind zwischen den farbigen Sonnenschirmen, Leibjäger liefen mit Mänteln, auf dem Bahnsteig stand die Ehrenkompanie unter präsentiertem Gewehr. Die Musik spielte. Die Degen der eingetretenen Offiziere hatten sich gesenkt. Am rechten Flügel hoben die kotoyierenden Vorgesetzten, Generalleutnant von Glümke bis zum Bataillonskommandeur hinab, die Rechte an den Helm. Die Prinzessin, die heute hier ihr Regiment, dessen Inhaberin sie war, besucht hatte, schritt lächelnd die Front ab. Sie war jung und hübsch und trug einen riesigen Federhut schräg auf dem Kopf. Neben ihr ging ihr Mann in Generalsuniform, den großen Hausstern auf der Herzgegend, dann das Gefolge. Alles strömte zu dem an den fälligen Schnellzug angehängten Salonwagen, bis zu dessen Stufen sich ein Teppichläufer unter einem Baldachin erstreckte. Hier harrten die Damen des Regiments und der höheren Chargen. Die junge Hoheit schüttelte liebenswürdig und ununterbrochen Hände. Sie dankte der Kommandeuse, der kleinen Frau von Mensingen, für den freundlichen Empfang. Es war einfach reizend ... die Parade ... das Frühstück ... wirklich alles reizend. Im nächsten Jahr kam sie wieder! ... Dann wandte sie sich noch einmal an die große schlanke blonde Dame, die ganz vorne stand, und hielt heiter deren beide Hände fest: »Adieu, meine liebe Exzellenz von Glümke! Also, ich hab' Ihr Versprechen: Sie besuchen mich den Sommer einmal auf unserem Waldschlößchen! ... Der Herr Gemahl wird Ihnen schon Urlaub bewilligen – nicht wahr?«

»Wie Hoheit befehlen!« versetzte Olaf von Glümke dienstlich. Er sah, wie er sich dabei leicht und ritterlich in seiner goldgestickten Generalspracht verbeugte, jugendlich schlanker aus als alle seine Brigade- und Regimentskommandeure um ihn herum. Die Prinzessin sprach weiter mit seiner Frau. Sie hatte Maximiliane in ihr Herz geschlossen. Wenn das auch die erste Dame der Garnison war – sie zeichnete sie doch auffallend aus. Die Abfahrtszeit war schon überschritten, ohne daß sie darauf achtete. Der Prinz selbst drängte sie mit einem Blick auf den unruhig strammstehenden, ordengeschmückten Stationsvorsteher zum Einsteigen. Aus dem Fenster winkte die hübsche junge Hoheit noch einmal vergnüglich der schönen jungen Exzellenz und den anderen Damen zu. Die sanken in einer letzten tiefen Verbeugung zusammen. Der Zug fuhr ab. Das große Ereignis war vorüber und löste sich in ein Gewimmel aufgeregter, plaudernder, ordensfroher Menschheit auf.

Während der Abschiedsfeierlichkeit waren die Türen des inzwischen in entgegengesetzter Richtung eingelaufenen Schnellzugs geschlossen geblieben. Niemand konnte ihn vorläufig verlassen. Die Reisenden standen neugierig, zum Teil ironisch lächelnd, an den Scheiben und beobachteten die kleine höfisch-militärische Idylle. In einem Abteil zweiter Klasse war ein Herr allein. Er trug graues Reisezivil, einen weichen grauen Filz auf dem vom Felddienst gebräunten Kopf. Er hielt sich halb in dem Schatten des Fenstervorhangs, so daß Maximiliane von Glümke, selbst wenn ihr Blick in dem angeregten Gespräch mit der Hoheit durch Zufall hier herübergeglitten wäre, ihn nicht hätte bemerken können. Aber seine Augen hingen unverändert an ihr. Ein trübes, bitteres Lächeln lag unter dem dunklen Schnurrbart um seine Lippen: Die da drüben, die Exzellenz an der Spitze ihres halbhundertköpfigen Stabs von Offiziersdamen, die Generalin, mit der die Prinzessin vertraulich wie mit ihresgleichen plaudert – die hatte in ihrem Leben nur die eine große, unerfüllt gebliebene Sehnsucht gehabt, eine einfache Frau Leutnant oder Frau Hauptmann zu werden ... seine Frau ...

Erich von Logow wartete, bis das Getümmel auf dem Bahnhof sich verlaufen hatte. Dann erst verließ auch er die Halle. Draußen erinnerte nur noch der Fahnenschmuck der Straßen an den fürstlichen Besuch. Die Wagen waren abgefahren, die Ehrenkompanie mit klingendem Spiel heimmarschiert – es war wieder ein Maitag wie sonst. Er schritt durch die sonnenheißen Straßen dahin und ließ sich von einer ihm begegnenden Ordonnanz den Weg nach der Wohnung des Divisionskommandeurs weisen. Das große Gebäude war nicht zu verfehlen. Ein Schilderhaus stand davor. Der Posten schlenderte mit Gewehr über auf und ab und sah in müßigem Erstaunen dem Zivilisten nach, der die breiten Steinstufen emporstieg, oben schellte und seine Karte hineinschickte.

»Herrjeses!« tönte gleich darauf von innen langgezogen die Stimme des Generals von Glümke. Er kam selbst mit ein paar Laufsprüngen auf den Flur, packte den Schwager an den Schultern, rückte ihn ins Licht und blitzte ihn halb lachend, halb zweifelnd aus seinen feurigen blauen, von seinen Krähenfüßen umrahmten Augen ins Gesicht. »Na – nu hört die Weltgeschichte auf! ... Erich ... bist du das wirklich oder dein Geist? ... Maxe! ... Maxe! ...« Er verstärkte seine stählerne Stimme, als kommandierte er eine Divisionsschwenkung. Es schmetterte durch die ganze weite Wohnung bis in die letzten Ecken. »Maxe! ... Es geschehen Zeichen und Wunder! ... Der Logow hat auf einmal den Weg zu uns gefunden! ... Famos! ... Na ... tritt mal ein! Meine Frau pellt sich offenbar gerade aus ihrer Staatsrobe ... Durchläuchtings waren hier ... eben erst abgegessen und in Gottes Namen expediert... Wird gleich kommen! ... Setze dich, mein Sohn! ... Rauche!«

In Olaf von Glümkes stürmischem Temperament hafteten Erinnerungen unter dem Einfluß eines neuen Eindrucks nicht lange. Er trug nichts nach. Mochte sich der Schwager damals im Elsaß auch komisch benommen haben, indem er gar nicht zum Vorschein kam – na – da saß er nun – reuig wie der verlorene Sohn – und es war gut. Und da erschien auch die Maxe!... Famos ... sie tat auch, als sei nichts geschehen! ... Sie war eben eine Frau, wie man sie sich nur wünschen konnte ... wie die Prinzessin vorher zu ihm gesagt hatte: Auf Ihre Heirat, Herr von Glümke, trifft wirklich das Sprichwort zu: Was lange währt, wird gut!... Sie lachte und reichte Erich von Logow so unbefangen die Hand, als hätten sie den hereingeschneiten Gast schon lange erwartet. Der selber war der einzige von den dreien, der ernst, fast gedrückt blieb.

»Wie's Ulla geht?« sagte er. »O, danke!... Ganz gut! ... Es macht sich wenigstens! ... Und wo ich selber herkomm'? ... Aus Berlin! ... Da dacht' ich, ich überspringe hier auf der Rückfahrt einmal einen Zug, um euch zu sehen. Um sechs Uhr siebzehn muß ich weiter ...«

»Du wirst den Abend hübsch bei uns bleiben!« erklärte Olaf von Glümke mit großer Bestimmtheit. »Ich lade noch ein paar Leute ein! Für Damen bist du nicht, du oller Kopfhänger! ... Also ein Männertrunk!... Aber der gehörig! Still!... Abgemacht!... Keine Widerrede! ... Was hast du denn in Berlin vorgehabt? ... Dich mal wieder ein bißchen beim Großen Generalstab in Erinnerung gebracht? ... Sehr recht!«

»Nein. Das hab' ich nicht!«

»Du warst bei keinem von den Herren? ... Auch nicht bei Onkel Bruno? ... Der kennt doch den Königsplatz wie der Fuchs seinen Bau! ... Erich ... nimm mir's nicht übel: du bist verrückt! Glaubst du denn, sie werden dich auf den Händen aus deinem Vogesennest dorthin zurücktragen?«

»Sie haben mich aus dem Generalstab 'rausgesetzt,« sagte Erich von Logow leidenschaftslos und hart. »Aber sie haben recht gehabt.«

Der General von Glümke warf seiner Frau einen ratlosen Blick zu. Was war nur mit dem Logow los? Freute sich der noch, daß er eigentlich ein wenig Schiffbruch gelitten hatte?

Da fuhr der fort, so unparteiisch, als spräche er nicht von sich, sondern von einem beliebigen Dritten: »Ich bin mit mir ins Gericht gegangen ... Was hilft es, sich Schwachheiten einbilden? Die trüben nur den Blick. Und da hab' ich gefunden: Ja. Ich hab' den Anforderungen nicht entsprochen, die man an mich stellen konnte, und die ich unter anderen Umständen auch erfüllt hätte. Also mußte ich fort und einem Besseren Platz machen. Da bin ich viel zu sehr Soldat, um das nicht einzusehen! Da beklage ich mich mit keinem Wort darüber ...«

»Na – das macht dir ja alle Ehre ...« meinte der General zweifelnd. Er wußte nicht: sollte er weiter fragen, was das eigentlich für hemmende Einflüsse gewesen? Nee – lieber nicht! Hand von so Geschichten! Ein Kind konnte sich ja auch sagen, was der einzige und alleinige Grund war: die unglückliche Ehe mit der Ulla, der unseligen Schlafmütze! Herr von Glümke lächelte zufrieden und dankbar: Gottlob! Seine Maxe war anders! ... Die brach nicht ihren Mann! ... Im Gegenteil: die gab einem Halt. Die hob einen. Gab Zuversicht und Lebensfreude! Vorwärts – nur immer vorwärts! ... Deubel ja ... was machte im Gegensatz dazu der junge Hauptmann vor ihm für ein ernstes und resigniertes Gesicht! Klug wurde man aus ihm nicht ...

Der Divisionsadjutant hatte sich melden lassen. Olaf von Glümke stellte die Herren einander vor und erhob sich.

»Du mußt mich eine Stunde entschuldigen, Erich! Hier der Major Gutgesell, mein chronischer Tyrann, mahnt an die Pflicht. Wir haben ein paar Herren aus Berlin und vom Generalkommando hier. Besprechung wegen der Kaisermanöver. Du weißt, sie werden dies Jahr besonders großartig. Eine ganze Armeeabteilung operiert zwischen Neckar und Main. Alles, was in Südwestdeutschland Beine hat, kommt mit. Ihr Elsässer auch. Und wir natürlich erst recht!... Na ... ich werde sehen, daß ich es möglichst kurz mache!... Maxe leistet dir unterdessen Gesellschaft!... Schau zu, Schatz, daß er bei uns ein bißchen fideler wird ... auf Wiedersehen!«

Er eilte elastisch hinaus. Die beiden hörten, wie er im Flur seinen Generalstabshauptmann begrüßte: »Tag, mein Teuerster! ... Haben Sie den ganzen Schwamm beisammen in Ihrer Mappe? Schön! ... Dann man dalli!...« Das Sporenklirren verlor sich gegen die Treppe hin. Maximiliane drückte in dem Schweigen, das zwischen ihr und Logow eingetreten war, auf den Knopf der elektrischen Klingel und beorderte den eintretenden Diener.

»Ich bin jetzt nicht zu Hause!«

Dann wandte sie sich an ihren Gast: »Sonst werden wir nämlich alle Fingerlang gestört. Das geht hier zu wie in einem Taubenschlag!«

Sie fühlte, daß Erich von Logow einen besonderen Grund haben müsse, um so plötzlich bei ihnen zu erscheinen. Aus seinem Gesicht ließ sich nichts erraten. Das war wie gewöhnlich, undurchdringlich in seinem harten Ernst. Und auch, was er sprach, waren zunächst keine großen Neuigkeiten. Er erzählte, daß er in Darmstadt gewesen und die verwitwete Frau von Ottersleben besucht hatte.

»Mama freut sich schon sehr auf dich! Sie sagt, du kämst im Herbst während des Manövers zu ihr ...«

»Ja. Es gibt ja einen Riesenrummel! ... In Darmstadt noch nicht so sehr. Der Kaiser wohnt in Mainz und dann in Frankfurt. Wo mein Mann mit seiner Division hingerät, wissen wir nicht! ... Es wird alles ganz kriegsmäßig. Es entscheidet sich immer nur von einem Tag zum anderen. Aber jedenfalls bin ich dann in seiner Nähe ...«

Der Hauptmann von Logow nickte zerstreut.

»Bei meiner Schwester in Kassel war ich auch!« versetzte er. »Deinen Bruder Otto hab' ich zufällig in Berlin auf der Straße getroffen. Schon als angehenden Agrarier. Er will jetzt im Frühjahr ernstlich auf die Gütersuche.«

»Da hast du ja die reinste Vetternreise im Lande gemacht?«

»Gott ... ich hab' eben überall Abschied genommen!«

Seine Stimme klang gleichgültig. Er wollte nach seiner Art um keinen Preis, auch nicht mit dem Zucken der Wimper, irgendeine Erregung zeigen. Maximiliane von Glümke zog erstaunt die blonden Brauen hoch.

»Abschied?«

Und nun sagte er, immer in derselben fast geringschätzigen Ruhe: »Deswegen war ich in Berlin. Die Geschichte ist von langer Hand vorbereitet und hat sich nun ganz plötzlich entschieden. Unter den Militärinstruktoren, die wir nach Chile geschickt haben, ist eine Stelle frei geworden. Die Wahl ist auf mich gefallen. Ich hab' mich schon dem chilenischen Gesandten in Berlin vorgestellt. Die Sache selbst geht telegraphisch durch das Auswärtige Amt und das Militärkabinett. Ich muß sofort hinaus. Heute über acht Tage schwimm' ich schon!«

Er sprach von der Fahrt über das Weltmeer so gelassen und obenhin, wie sie vorher von ihrer Spritztour als Manöverwitwe in die Rheinebene. Eine Sekunde war tiefe Stille zwischen ihnen. Dann frug die junge Frau mit leise zitternder Stimme: »Wie lange bleibst du denn da draußen?«

»Vorläufig drei Jahre! Es kann aber nach deren Ablauf auch verlängert werden. Gefällt's mir da drüben – finde ich den Wirkungskreis, den ich suche, so bleib' ich vielleicht dauernd dort und komme wenigstens endlich zur Ruhe!«

Er wurde lebhafter. Er hob den energischen dunkeln Kopf.

»Hier hab' ich die Ruhe nicht, Maxe, und werde sie nie haben! ... Der Karren ist nun einmal verfahren ... Ich fühl' es zu deutlich ... Gründlich verfahren ... Nach jeder Richtung. Ich hab' früher gedacht, es müsse, wenn ein Mensch nur ordentlich wollte, ihm alles im Leben nach Wunsch gehen! ... Jetzt hab' ich erkannt: das hängt alles von Dingen ab, über die wir zum guten Teil gar keine Macht haben ... Von Entschlüssen, die wir plötzlich fassen und hinterher gar nicht mehr verstehen ... Von Stimmungen ... die schwinden ... Aber ihre Wirkung bleibt ... es ist eine Macht über einem ... na ... kurz ... ich bin bescheiden geworden, Maxe ... Ich will mich gerade nur noch bei den Chilenen nützlich machen ..., weil es hier bei den Preußen nicht mehr recht geht ...«

Die Unruhe übermannte ihn. Er stand auf und schritt im Zimmer auf und nieder.

»Wenn einer von Haus aus ein Esel ist,« sagte er, »und hat nichts dazu gelernt – na gut – verbraucht muß der Kerl werden – er verschwindet eben schließlich geräuschlos in der Versenkung. Aber denk nur, was man von mir erwartet hat! Und mit Recht. Ich kann es leisten. Ich könnte es jetzt noch ... Ohne die Bleigewichte, die an einem hängen ... Ach ... das drückt einen nieder, das macht alles Mühen vergeblich ... Ich muß heraus aus allem ... ich muß fort ...«

»Ja, und was sagt denn Ulla dazu?«

»Ulla ...«

Er zuckte die Achseln und setzte sich wieder. Er wurde mit einem Schlage müde.

»Ulla weiß noch von gar nichts!« versetzte er. »Heute nacht bin ich daheim. Morgen vormittag sage ich es ihr ...«

»Später als mir und den anderen?«

»Ja, es ist vielleicht nicht recht von mir! ... Aber es ist der Instinkt der Selbsterhaltung. Einmal wenigstens im Leben wollte ich mir die Kraft zum Handeln nicht durch ihre Mattigkeit und ihre Teilnahmlosigkeit lähmen lassen ...«

»Du mußt denken, sie ist krank ... oder wenigstens nie ganz gesund, Erich!«

Er überhörte es. Ein bitteres Lächeln spielte um seine Lippen.

»Sie hätte es schon lange merken können – wenn sie eben nicht sie wäre! Schau mal: du warst im vorigen November noch nicht zwei Stunden bei uns im Haus, da frugst du mich: ›Was sollen denn die spanischen Vokabeln auf deinem Schreibtisch?‹ Ulla sieht sie seit Jahr und Tag daliegen! ... Glaubst du, das wäre ihr je aufgefallen? Sie hätte sich je mit einer Silbe erkundigt, wozu ich die brauche? ... Es ist ihr total gleichgültig! Alles ist ihr gleichgültig ... Nee ... Maxe ... Ich kann nicht mehr ... Ich ersticke einfach ... Ich muß ein Ende machen ...«

»Und was wird aus ihr?«

»Deswegen war ich ja bei deiner Mutter in Darmstadt. Mama wohnt da sehr nett – im Grünen, wie eigentlich die ganze Stadt liegt – gegen die Rosenhöhe hin ... in einer Villa ... Ulla ist bei ihr sehr gut aufgehoben. Beide sind dann nicht mehr allein ...«

Er lachte kurz und gezwungen.

»Ich weiß wohl, was du denkst, Maxe: Man schiebt nicht seine Frau so in einen Winkel und geht heidi über alle Berge. Ja – wenn es bei mir Leichtsinn wäre oder Abenteurerlust – aber es ist Notwehr ... blanke Notwehr ...«

»Ich sorge ja für sie, so gut ich kann!« setzte er halblaut hinzu, sich wie hilfesuchend gegen die junge Generalin vorbeugend. »Ich lasse ihr selbstverständlich die Zinsen meines ganzen Vermögens. Ich schicke ihr regelmäßig meinen Gehaltsüberschuß aus Chile herüber. Ich habe mir eine Lebensversicherung zu ihren Gunsten erwirkt. Was auch kommt, sie ist reichlich vor jeder materiellen Sorge geschützt. Sie hat ihre Mutter um sich, ihren Verkehr. Sie findet sich ja nach ihrer passiven Art in alles. Sie wird sich dort viel wohler fühlen als jetzt, wo wir uns direkt aneinander aufreiben. Und ich bin frei! ... Frei ... Ich kann dir nicht sagen, Maxe, was für eine Erlösung in dem Wort für mich liegt!«

»... Du denkst eben nur an dich ...«

»... Wenn ich's tue, geschieht es nur, weil man noch von mir etwas verlangt ... Weil ich selber die Verpflichtung in mir fühle, noch etwas zu leisten! Herrgott ... ich bin doch eben erst über die Mitte der Dreißig! Das Leben ist doch noch so lang. Ich will es mir doch nicht ganz zwischen den Fingern klein krümeln lassen. Aber deswegen muß ich einen Strich unter alles machen! ... Unter alles ... unter alles!«

Es klopfte. Der Diener trat ein. Maximiliane furchte die Stirne.

»Ich hab' doch befohlen, nicht zu stören!«

»Verzeihen Exzellenz! Es ist eine Nachricht von Exzellenz!«

Sie nickte, entließ den Mann und überflog das Blatt.

»Mein Mann wird länger aufgehalten, als er dachte. Er schreibt: ›Halt mir ja den Erich bis zum Abend fest, da wir ihn einmal haben, damit er uns nicht entwischt!‹«

Sie zerriß den Zettel, warf ihn in den Papierkorb und sagte ernst: »Wenn du meine Meinung hören willst – die darf ich doch aussprechen, nachdem du mir das alles erzählt hast – du hast kein Recht, deine Frau zu verlassen! Ob deine Ehe glücklich oder unglücklich ist – ob Ulla gesund ist oder krank – es ist deine Frau! Du hast ihr vor dem Altar die Lebensgemeinschaft zugeschworen, und sie hat dir geschworen, dir zu folgen. Wenn du sie mit hinübernähmst, das wäre etwas anderes ...«

»Nein ... um Gottes willen ...«

»Aber sich einfach von ihr loszusagen, weil nicht alles so gekommen ist, wie man dachte ... ja ... das muß man eben tragen, Erich ... ich bin doch auch damit fertig geworden ... Und du bist ein Mann ... Gehört sich's denn für einen Mann, vor dem Schicksal zu fliehen und gerade, wenn dies Schicksal seine eigene Frau heißt? Gesteh es dir einmal selber ... Kannst du das verantworten?«

Der Hauptmann von Logow stand auf und griff, um sich zu verabschieden, nach seinen Handschuhen, die neben ihm auf dem Stuhl lagen. Plötzlich kam ein unterdrücktes, leidenschaftliches Beben in seine Sprache.

»Ich hab' mir schon mehr gestanden, als ich dir gesagt hab', Maxe! ... Und ich darf dir auch nicht mehr sagen. Denke dir den Rest. Ich geh' jetzt. Ich kann nicht warten, bis dein Mann zurückkommt! Grüß ihn, bitte, von mir und entschuldige mich bei ihm! ... Wir sehen uns jetzt in diesem Augenblick zum letztenmal, Maxe, auf lange, lange Zeit. Vielleicht für immer. Wer kann's wissen? Und da, zwischen Tür und Angel, darf ich's doch sagen: du hast ganz recht! Mit dem Schicksal, das meine Frau mir bereitet, wär' ich schließlich irgendwie fertig geworden! Das hätt' ich getragen und mir gesagt: Man ist nicht zum Vergnügen auf der Welt! ... Aber was ich nicht ertragen kann, was mich verzehrt, was mir das Hierbleiben unmöglich macht – das ist der Gedanke an dich ... das bist du ... das ist deine Nähe ...«

Er legte die Hand auf die Klinke. Er stand schon halb in der Tür.

»Du, Maxe, treibst mich übers Meer! ... Gott helfe mir: ich kann wirklich nicht mehr anders! Ich muß. Laß es dir gut gehen! Bleib so glücklich, wie du bist! Ich bin froh, daß du wenigstens nicht in die Irre gegangen bist! Leb wohl!« –

Es war am anderen Mittag, drunten im Elsaß. In der kleinen Garnison. Frühlingsblau lugte der Himmel durch die weißen Fenstervorhänge, maigrün der Wasgenwald, ein schräger Sonnenstreif ließ die Stäubchen in der Luft flimmern und vergoldete das Gelb des Kanarienvogels im Käfig. Der schmetterte drauflos. Sonst war kein Laut im Hause. Ulla von Logow saß am Fenster und stickte. Draußen klirrte ein Säbel. Sie wunderte sich, daß ihr Mann so früh vom Dienst zurückkam. Eigentlich wollte sie ihn, als er eintrat, danach fragen. Aber schließlich war es ja gleich. Sie senkte das dunkle Haupt wieder über die Handarbeit. Er sah ihr gleichgültiges, klassisch-lebloses Profil. Er ging ein paarmal unruhig und unschlüssig im Zimmer auf und ab, ohne daß sie irgendwie darauf achtete, und frug dann, stehen bleibend: »Sind Briefe für mich gekommen?«

»Ich weiß nicht.«

Er zuckte die Achseln und trat nebenan an seinen Schreibtisch. Da lag ein ganzer Stoß – wohl zehnmal so viel als sonst – eine Depesche aus Berlin – ein Schreiben mit dem Aufdruck der chilenischen Gesandtschaft, Drucksachen von Firmen, Kataloge von Ausrüstungsgegenständen – seine Frau hatte wieder gar nicht beachtet, was der Bursche, wahrscheinlich vor ihren Augen, dahin gelegt. Sie träumte wirklich nur noch ihr Sein. Er seufzte. Dann kehrte er entschlossen zu ihr in das Wohnzimmer zurück. Die Sonne umgab ihr Haupt mit einem goldenen Strahlenschein. Es war schön wie immer. Aber ihm, vor dessen Augen noch Maxes blühendes blondes Leben stand, schien es älter geworden, wie von herbstlichen Schatten übertönt, krankhaft in seiner Blässe. Er räusperte sich.

»Da draußen exerzieren sie noch, Ulla!« sagte er. Und wies in der Richtung nach dem Exerzierplatz.

»So?«

»Aber ich bin vor der Zeit weg. Ich hab' meine Kompanie abgegeben. Ich bin beurlaubt.«

»Schon wieder?«

Er unterdrückte einen Verzweiflungsanfall angesichts ihrer Stumpfheit.

»Ja ... schon wieder ...,« versetzte er. »Und diesmal auf längere Zeit. Auf drei Jahre.«

Das fiel selbst seiner Frau auf. Sie hob die schwarzen mandelförmigen Augen und sah ihn fragend an.

Er fuhr fort: »Und diese Zeit verbringe ich nicht hier und nicht bei dir. Erschrick nicht, Ulla! Wir müssen nun einmal offen miteinander reden und ruhig und herzlich ... Komm ... Gib mir einmal deine beiden Hände ... So ...«

Er hatte sich ihr gegenüber gesetzt und sah ihr ernst in das unbewegte Gesicht.

»Wir müssen uns wie zwei Kameraden betrachten, Ulla, denen es bisher leider Gottes auf ihrer Lebensreise zusammen nicht recht gut gegangen ist. Daraus soll keiner dem anderen einen Vorwurf machen. Es kommt alles, wie es muß. Die Reue hinterher ändert nichts. Sicher ist nur: das Glück hat in unserem Hause nicht gewohnt. Du bist kränklich, meine Karriere ist entzwei, unser Kind haben wir begraben, wir beide verstehen uns nicht und finden keinen Trost ineinander ... So geht das nicht weiter. Man sagt immer: Das Allheilmittel ist die Zeit! ... Ich glaube, das sollten auch wir zwei miteinander versuchen.«

»Du willst weg?« frug sie langsam, wie aus einem Traum erwachend.

»Ich will auf drei Jahre als Instruktor in chilenische Dienste, Ulla! ... Bitte ... höre mich an ... Das soll der Prüfstein sein! Besonders für mich. Vielleicht bin ich allein an allem schuld. Vielleicht weiß ich dich nicht recht zu nehmen. Vielleicht läutert mich das Leben draußen, und ich kehre als ein anderer Mensch zurück, und wir werden doch noch glücklich miteinander. Ich will es am heiligsten Eifer nicht fehlen lassen. Ich habe den besten Willen. Nur Zeit mußt du mir lassen, Ulla! Geduld mußt du haben! ... Und auch selber ein bißchen tapfer sein und die Prüfungszeit überwinden ...«

»Wo denn?«

Er beachtete ihre Frage nicht. Er hielt immer noch ihre wächsernen Hände in den seinen und sprach einfach und eindringlich und herzlich.

»Wir wollen uns recht oft schreiben, Ulla! ... Vielleicht klärt das manches in uns – bringt uns aus der Ferne einander näher. Und wir wollen recht oft aneinander denken ... Und nicht mit Bitterkeit und nicht mit Trotz ... Sondern wir wollen in unseren Gedanken einander verzeihen und Mitleid miteinander haben – wir sind doch alle arme, schwache, sündige Menschen – und aus dem Mitleid heraus ein wenig Hoffnung – ein wenig Liebe! ... Die wollen wir hegen und pflegen! ... Wir wollen das alles groß auffassen ... als ein schweres Schicksal, in dem man sich aber über sich erhebt – nichts Alltägliches dazwischen – nichts Niedriges ... Nicht wahr, Ulla – du versprichst mir, daß du das auch so auffaßt?«

»Wo?«

Er schüttelte den Kopf zu ihrer beharrlichen Frage.

»Das ist ja gleich, wo jeder von uns wieder mit sich ins reine und innerlich mit dem anderen zurechtzukommen sucht. Das steht bei dir! Am besten wohl in Darmstadt bei deiner Mutter ...«

Er kam nicht weiter. Ulla entwand sich seinen Händen. Sie sprang empor und er erschrocken mit ihr. Sie lachte auf. Sie warf den Kopf zurück. Sie war ganz verändert.

»So mußte es kommen!« fügte sie mit funkelnden Augen. »Ich hab's ja gewußt ... das ist das Ende ... Das ist das letzte, was du mir noch antun konntest ...«

»Was hab' ich dir denn getan?«

Sie fuhr auf ihn los. Sie leuchte ihm ins Gesicht.

»... das ist der Schluß ... man wird einfach bei der Mutter abgestellt wie ein alter Koffer ... da kann man verschimmeln ... Und du amüsierst dich irgendwo da draußen ... Dort braucht ja niemand zu wissen, daß du eine Frau in Deutschland hast ... Deswegen hab' ich dich wohl geheiratet, he? ... Ich möchte wohl wissen, weswegen ich dich geheiratet hab'! Es war so dumm von mir ... So dumm! ... Aus Liebe nicht! ... Das bilde dir nicht ein ...«

»Sei still, Ulla!«

»... sondern ich hab's mir damals lange überlegt ... sogar mit der Maxe zusammen ... dem blonden Schaf ... und hab' mir gesagt: der bringt mich wenigstens unter die Menschen, ins Leben hinaus ... ich bin doch schön! Da soll man's auch sehen! Jawohl ... wie die Eulen haben wir gelebt in Berlin ... Kein Mensch bei uns als die Maxe ...«

»Hör endlich mit der Maxe auf!«

»... dann hierher ... in dies Jammernest ... weil du die Maxe im Kopfe hattest und nicht deinen Dienst ... Das mußt' ich büßen ... und wieder als Besuch die Maxe, bis ich sie aus dem Haus geschickt hab' ...«

»Laß das jetzt ...«

»Und nun, zu guter Letzt völlig in die Rumpelkammer ... Zu Mama nach Darmstadt ... Und du fährst mit deiner geliebten Maxe im Herzen nach Afrika oder Asien übers Meer ...«

»Hör auf! Rühre mir nicht daran! Oder 's gibt ein Unglück!«

»Und sie rauscht in Darmstadt bei uns herein – großartig ... als Exzellenz ... zwanzig Menschen hinter ihr ... und du bist der Dumme ... Und ich bin die Dumme ... Und sitze als elende Strohwitwe daneben und werd' noch ausgelacht hinter meinem Rücken, daß mein Mann mir ausgekniffen ist ... Großer Gott ... Wodurch hab' ich das nur verdient? Warum geht's nur der Maxe so gut? Und warum müssen wir beide ewig für sie leiden? ... Ich bin immer der Sündenbock ... Und hab' doch niemandem was getan!«

Ihre Aufwallung war verflogen. Die Tränen kamen wie der Platzregen nach Blitz und Donner. Sie warf sich auf den nächsten Stuhl. Ein Weinkrampf schüttelte sie. Ihr wildes Schluchzen übertönte das unbekümmerte Schmettern des Kanarienvogels. Sie stampfte mit den Füßen auf die Erde. Sie stieß ihren Mann, der sich über sie beugte, mit dem Ellbogen zurück.

»Laß mich!« murmelte sie zwischen den Zähnen und verstärkte ihre Tränen. Es waren seltsame, kindische, ihr sonst ganz fremde Klagelaute, die sich ihren Lippen entrangen. Sie preßte beide Hände an die Ohren, um Erich von Logows Worte nicht zu hören. Sie machte die Augen zu, um ihn nicht sehen zu müssen. Endlich hörte sie auf zu weinen. Sie war erschöpft. Sie wurde ruhiger. Er hatte solange gewartet und in düsteren Gedanken dagestanden. Nun hob er den Kopf und sagte: »Es tut mir leid, daß ich dir solchen Schmerz zufügen muß. Ich habe nicht gedacht, daß es dich so treffen würde ...«

Sie lachte wieder, mit nassen Wangen und feuchten Augen.

»Das glaub' ich! Wann denkst du denn je an mich? Du denkst ja nur an die Maxe ... An die denkst du bei Tag und Nacht ... Wo du gehst und stehst ... Meinst du, ich wüßte das nicht? Da müßtest du dich besser verstellen können ...«

»Ulla ... laß endlich den Namen ... hab' doch ein bißchen Erbarmen mit dir und mir ...«

»Und dann wirfst du mir vor, ich zerstörte unsere Ehe! ... Haha! ... Es wäre zum Lachen, wenn es nicht zum Weinen wäre ...«

»Ich hab' das nie behauptet, Ulla! ... Ich hab' mit dir nicht gerechtet! Ich hab' mich nicht in Schutz genommen! ... Ich weiß, daß ich schuldig bin – nicht in Werken, aber in Gedanken. Das will ich ja eben sühnen ... Da drüben ...«

Er überlegte und setzte nach kurzem Kampf hinzu: »Zurück kann ich nicht mehr, selbst wenn ich wollte. Es ist alles schon abgemacht! ... Ich bin gebunden. Ende der Woche muß ich schon in Hamburg aufs Schiff ...«

»Ja ... beeile dich nur, von mir wegzukommen! ... Jeder Tag ist da zu viel!«

Der Hauptmann von Logow unterdrückte eine Bewegung des Zornes. Er fuhr mit unveränderter Stimme fort: »Aber vielleicht hast du recht mit dem, was du vorhin sagtest: ich hab' kein Recht, dich hier allein zu lassen. Ich will nicht schuld sein, daß du dich unglücklich und verraten fühlst! ... Also komm in Gottes Namen mit mir, Ulla! ... Oder noch besser ... folg mir in ein paar Monaten nach, wenn ich mich drüben ein bißchen eingerichtet habe!«

»Wo?«

»In Chile. Weißt du nicht, wo Chile liegt?«

»Irgendwo da drüben ...« Sie zuckte die Achseln. Ganz klar war es ihr nicht. »Es ist ja auch gleich, wohin wir zusammen vor der Maxe davonlaufen ...«

»Ja ... wenn du's nicht anders auffassen kannst ...«

Er ging finster in dem Zimmer auf und ab. Nach einer Weile wandte er den Kopf zu ihr und frug kurz: »Also du fährst mit?«

»Ist's denn weit von hier?«

»Natürlich ist's weit.«

»Und wo wohnen wir denn da?«

»Das weiß ich nicht!«

»Vielleicht auch wieder in einer ganz wilden, einsamen Gegend?«

»Es kann sein!«

»Und du bist auch wieder den ganzen Tag außer Hause?«

»Freilich hab' ich Dienst! Dort erst recht ...«

»Was sprechen denn da die Leute für eine Sprache?«

»Spanisch!«

»Davon versteh' ich doch kein Wort! ... Da hab' ich ja keine Menschenseele, mit der ich reden kann! ... Da bin ich ja erst recht verraten und verkauft ... Wie fange ich's da mit den Dienstboten an? Hier bleiben sie mir ja schon nicht ...«

»Herrgott, sei doch nicht so schlapp!«

»Und was mach' ich denn da, wenn ich wieder krank werde? Vielleicht ist da gar kein Arzt in der Nähe! Da sterb' ich und werd' im Urwald begraben! Dann seid ihr mich los!«

Er bemühte sich immer wieder, geduldig zu bleiben.

»Ich kann die Lebensbedingungen drüben nicht ändern!« sagte er. »Ich kenne sie nicht, aber natürlich werden sie nicht ein Viertel so schlimm sein, wie du dir das einbildest! ... Du mußt nur ein bißchen mehr Mut und Selbstvertrauen haben!«

»Nein. Ich fürchte mich davor!«

»Ulla!«

»Ich fürchte mich vor der Seefahrt ... Und ich fürchte mich vor den Leuten drüben! Ich fürchte mich vor allem auch vor dem Alleinsein mit dir! ... Ich bin ja dort ganz hilflos in deiner Hand! An mir läßt du dann alles aus ...«

»Nein, Ulla – das versprech' ich dir ...«

»Und dann wird's schlimmer wie je! Und die Maxe ist ja doch immer da!«

»Wenn du das Wort noch einmal aussprichst, verlass' ich das Zimmer!«

»... und ich seh' nicht ein, warum ich mich von der Maxe bis ans Ende der Welt jagen lassen soll, während sie hier herrlich und in Freuden lebt! ... Den Gefallen tu' ich ihr nicht! ... Hier ist's immer noch besser! Hier hab' ich wenigstens Menschen ... Die Mama ... Ich bleibe ...«

Es war eine Pause. Dann sagte er: »Wie du willst! ... Überleg es dir!«

»Nein. Ich bleibe!«

Eigentlich fiel ihm ein Stein vom Herzen. Ihm graute nachträglich bei dem Gedanken, daß sie gemeinsam ihr Elend hätten übers Meer schleppen sollen. Er wartete die nächsten Tage hindurch auf eine Gelegenheit zu einer neuen Aussprache mit seiner Frau. Er hoffte, sie würde ihm von sich aus einen Anlaß dazu geben. Aber Ulla tat nichts dergleichen. Sie war etwas lebhafter als sonst und wirtschaftete mehr im Hause herum. Auf ihren Zügen lag dabei eine kalte Abwehr. Wenn sie mit ihm zusammen war, redete sie hartnäckig kein Wort, sondern starrte an ihm vorbei ins Leere. An einem Morgen hielt er's nicht mehr aus.

»Ulla – so können wir nicht auseinandergehen ... Wir müssen noch zusammen über die Zukunft einig werden! ... Ich schreibe dir vielleicht am besten von drüben, wie alles ist, und du kannst dir dann immer noch überlegen, was du tust!«

Sie erwiderte nichts. Nach einer Weile erhob sie sich und verließ das Zimmer. Nun gab er es auch auf. Den Rest des Tages verbrachten beide stumm in der kleinen Villa, in der schon überall halbgepackte Koffer, geöffnete Schubladen, gähnende Schränke die nahe Auflösung des Haushalts verrieten.

Am Abend war Abschiedsessen im Kasino. Erich von Logow war im Regiment nie so recht warm geworden. Er hatte, in der trüben Unruhe, die ihn seit Jahr und Tag erfüllte, nicht viel Verkehr mit den Kameraden gesucht, und in diesem Grenztruppenteil wieder, der hier wie ein Vorposten die Wacht am Ende des Reiches hielt, hatte man nie erwartet, daß er lange bleiben würde. Er stammte aus dem Generalstab. Er war ein Springer. Er kam und ging. So hatte die Feier nicht das Herzliche wie sonst in der großen Familie eines Regiments, wo man den Scheidenden seit so und so viel Sommern und Wintern als Kameraden kannte. Aber sie war trotzdem würdig und nett verlaufen. Der Oberst hatte gesprochen und den neuen Militärinstruktor ermahnt, auch da drüben in Südamerika den preußischen Waffenruhm in Ehren zu halten und die Chilenen auf die Höhe des alten Landsknechtsspruchs zu bringen:

»Wer im Krieg will Unglück ha'n,
Der fang' ihn mit den Deutschen an!«

und der Hauptmann von Logow hatte gedankt und gelobt, sein Bestes zu tun, und sein Glas bis auf die Nagelprobe auf das Wohl des Regiments geleert.

Sonst hatte er, nach seiner Gewohnheit, nur ganz wenig getrunken. Sein Kopf war frei, während er von dem Liebesmahl durch die stockdunkle Nacht nach seinem Hause vor der Stadt schritt. Der Wind pfiff über das weite Feld, die Pappeln rauschten rechts und links am Wege. Man mußte den genau kennen, um ihn nicht in der Finsternis zu verfehlen. Ein schwacher Lichtschein da drüben wies die Richtung. Dort brannte eine Kerze im Flur. Erich von Logow trat ein, legte Helm, Säbel und Mantel ab, und öffnete leise die Tür zum Schlafgemach. Es war schon spät. Er wollte Ulla nicht wecken. Aber das Zimmer war leer! Sollte sie aufgeblieben sein, um ihn zu erwarten? Das war doch sonst nicht ihre Art. Er ging hinüber in den Wohnraum. Auch da niemand. Aber nebenan, auf seinem Schreibtisch, lag im hellen, gelben Strahlenkreis der Lampe ein geschlossener Brief. Ohne Aufschrift. Offenbar von ihr. Er riß ihn auf. Es waren die Schriftzüge seiner Frau. Er las:

»Wenn wir uns schon trennen sollen, weil es Dir so beliebt, so will ich wenigstens nicht die sein, die zu Schimpf und Spott in dem leeren Haus sitzen gelassen wird. Dann will ich es wenigstens sein, die Dich verläßt und die zuerst das Haus verläßt, und Du magst dann selber den Schlüssel abziehen. Gib ihn bitte an Frau Hauptmann von Japorski. Sie hebt ihn schon auf und sieht in der Wohnung nach dem Rechten. Sie soll so gut sein und tüchtig lüften, damit die Nordseite nicht muffelt! Sonst habe ich mit dem Hauswirt Ärger, wenn ich zum Umzug zurückkomme. Vorläufig gehe ich zu Mama nach Darmstadt und bleibe, bis Du unterwegs bist. Ich fahre jetzt, während Du im Kasino bist, zum Abendzug auf den Bahnhof. Das habe ich mir schon seit Tagen überlegt. Weiter habe ich Dir jetzt nichts zu sagen. Du willst ja auch von mir nichts wissen. Also leb vorläufig wohl!

Ulla.«

Der Hauptmann von Logow faltete langsam den Brief zusammen. Das Frösteln der Einsamkeit überlief ihn. Draußen schwieg die Nacht. Das Haus lag still und verlassen und blieb es, bis er am nächsten Abend mit einem schweren Aufatmen das Flurtor hinter sich ins Schloß drückte. Am Vormittag hatte er sich überall abgemeldet. Eigentlich sollte er erst am kommenden Morgen fahren. Aber er wollte nicht die Kameraden an der Bahn haben, kein lärmendes Abschiednehmen vor allen, keine erstaunten und neugierigen Fragen nach seiner Frau, deren Fehlen verriet dann im letzten Augenblick manches, was sonst hier allen für immer ein Geheimnis blieb. So hatte er eben an den Regimentsadjutanten ein paar flüchtige Zeilen mit der Bitte um Entschuldigung gesandt, daß er so plötzlich ohne Abschied abreise, um sich mit seiner schon vorausgefahrenen besseren Hälfte bei deren Mutter zu treffen. Er stand vor dem Hause mit den geschlossenen Fensterläden, aus dem seine Frau schon vor ihm gegangen war; er blickte hinüber nach dem Kirchhof, wo sein Kind begraben lag – alles hier war eine große Trümmerstätte von Hoffnung und Glück. Er drehte ihr den Rücken und schritt dem Bahnhof zu. Die Abendsonne sank hinter den Vogesen und wies ihm in geheimnisvollem Leuchten den Weg gen Westen, übers Meer, in das neue Land.

Achtundvierzig Stunden später stand er an Bord des großen gelben Hamburger Dampfers, der langsam die Elbe hinabfuhr. Der Hafen lag schon hinter ihnen. Rechts glitten die Höhenzüge vorbei, die Parks und Schlösser, Flottbeck, die Teufelsbrücke, Blankenese mit seinem hohen Wartturm. Links ragte aus der weiten Ebene der Fischermastenwald, die niederen Dächer von Finkenwerder. Und breiter und breiter ward der Strom. Er weitete sich zum Haff. Dort, schon in der Ferne, über der unruhig gewordenen See, lag Cuxhaven. Ein paar Ozeanriesen der Hamburg-Amerika-Linie davor.

»Das ist die alte Liebe!« sagte jemand neben ihm und erklärte, so heiße dort der Pier – der äußerste des Festlandes – die Abfahrtsstelle über das große Wasser. In Erich von Logow klang das Wort nach: Alte Liebe ... ja ... das war der letzte Ruf aus der Ferne – das war es, was ihn in die Weite trieb. Darin war alles beschlossen – des Lebens Rätsel und des Lebens Qual. Er schaute zurück, und es lag stumm auf seinen Lippen: Du alte Liebe ... du ewig neue ... Nun war der Küstenstreifen schon beinahe ganz verdämmert. Europa versank. Der Wind pfiff stärker und knarrte im Takelwerk. Die Möwen kreisten und schrieen. Das Schiff schwankte, und so weit das Auge reichte, rauschte grauzerpflügt das Meer ...

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