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Du Schwert an meiner Linken

Rudolf Stratz: Du Schwert an meiner Linken - Kapitel 15
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pfad/stratz/duschwer/duschwer.xml
typefiction
authorRudolph Stratz
titleDu Schwert an meiner Linken
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
printrun59.-68. Tausend
year1923
firstpub1912
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201202217
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14

»Nein, mein Lieber, du warst das Karnickel!« sagte Generalmajor Bruno von Ottersleben in seiner Wohnung im Westen Berlins zu seinem Gegenschwager, dem Freiherrn von Koninck. »Du hast seinerzeit den Otto bei den Kürassieren untergebracht!«

Er legte die Depesche, die er in der Hand hielt, auf den Tisch. Der ruhige, klug und wohlwollend blickende Mann, dessen stattliche Schwerfälligkeit überhaupt nicht zu altern schien, trug in seinem beinahe maschinenmäßig schnellen Aufrücken auf der Stufenleiter der Armee jetzt schon die Scharlachbeinstreifen der Generalität. Er kommandierte die siebente Gardeinfanteriebrigade. Herr von Koninck ihm gegenüber prangte immer noch im Blau des Attila, der seinen stattlichen Korpus viel zu eng umspannt hielt und hinten eine beträchtliche, wie ausgepolstert wirkende Rückseite den Blicken preisgab. Er war inzwischen auch um einen Stern in den Achselstücken – bis zum Oberstleutnant vorgerückt. Aber nur zum Oberstleutnant zur Disposition. Sein Frontdienst war zu Ende. Er gehörte dem Heer nur noch als Pferdevormusterungskommissar an. Er schüttelte nachdenklich das weinrote Gesicht und überlas murmelnd das Telegramm: »Kommt womöglich hierher und helft. Otto hat schon wieder Krach. Bin in tausend Ängsten. Adda Ottersleben.«

»Ja – da müssen wir wohl fahren!« meinte der Husar.

Auf dem Bahnhof des kleinen holsteinschen Fleckens, in dem nur eine einzige Schwadron der zwölften Kürassiere lag, erwartete sein Neffe Otto die Ankunft der beiden Oheime. Der hübsche junge Mensch, der immer noch mit seinem schwarzen Haar, seinen großen dunklen Augen, seinem hohen, schlanken Wuchs an die Schönheit seiner ältesten Schwester Ulla erinnerte, war sehr erregt. Er sprach hastig im Gehen.

»Zwei Jahre und länger sind wir nun Kürassiere!« sagte er. »Und vom ersten Tag ab hatten wir die Geschichten! Das ist nun schon die dritte Schwadron, die mir blüht! Schön sind doch diese kleinen Lausenester von Schwadronen nicht! ... Mit den Spießern im Städtchen kann man nicht umgehen. Landadel gibt's nicht in der Nähe – nur dickköpfige Großbauern. Man ist also ganz auf den Verkehr im Regiment angewiesen ... Die Adda und ich haben uns solche Mühe gegeben, nett zu sein ... Aber ich weiß nicht ... wir mögen tun, was wir wollen – wir machen es nun einmal nicht recht!«

»Und was ist denn nun jetzt passiert?«

»Eine dumme Affäre ...« Otto von Ottersleben hatte mit seinem Rittmeister Baron Ostrach im Dienst einen Zusammenstoß gehabt. Es schien, daß er dem Eskadronchef öfter und nachlässiger geantwortet hatte, als nötig. Jedenfalls hatte ihn der dem Regiment gemeldet. Da lag die Sache nun. An sich eine Kleinigkeit. Aber es war schon das dritte oder vierte Mal. Der Kommandeur, Graf Hundsfeldt, hatte schon früher Äußerungen fallen lassen von Versetzung, wenn derlei sich noch einmal wiederholen würde. Und wo man dann hinkam ... Sie, die Otterslebens, verzehrten sich vor Sorge, in ein minderes Regiment verschlagen zu werden! ... Womöglich wieder aus der Kavallerie heraus! ... Da konnte nur der Onkel nutzen! Wenn der ein gutes Wort einlegte, renkte sich die Geschichte noch einmal ein ...

»Deswegen hättet ihr mich wirklich nicht aus Berlin herzusprengen brauchen!« versetzte der Generalmajor mißmutig und trat mit seinem Neffen in dessen Haus am Marktplatz. Es war das größte des ganzen Fleckens, hochgiebelig, aber doch ein alter Kasten, zu dessen Äußerem der verschwenderische Luxus der ganz modernen Berliner Inneneinrichtung wie die Faust aufs Auge paßte. Ein glattrasierter Diener öffnete mit einer tiefen Verbeugung die Tür. Man schritt durch eine ganze Flucht von Gemächern. Ölgemälde, Palmen, Marmorwerke füllten das dämmerige, gelangweilte Schweigen, in dem sich Herr von Ottersleben mit seiner spartanischen Nüchternheit kopfschüttelnd umsah. Ihm ahnte nun schon, wo eigentlich das ganze Übel steckte. In dem letzten der Gemächer, einem blauseidenen Boudoir, saß die kleine Frau Adda und empfing schluchzend die Verwandten.

»Papa hat mir nichts gesagt ... Mama hat mir nichts gesagt ... der Otto hat mir nichts gesagt ... huhu ... Ich hab' nicht wissen können, daß ich bei den Damen hier das fünfte Rad am Wagen sein würde ... es sind lauter Adelige im Regiment ...«

»Nun – du bist doch auch eine Frau von Ottersleben!«

»Das hilft nichts ... huhu ... das rechnen sie nicht für voll ... ich soll eine geborene ›von‹ sein ... huhu ... sie sind's alle, schon seit dem fünfzehnten Jahrhundert ... und ich kann doch nichts dafür, daß der Papa mit Baumwolle ... huhuhu ...«

»Das ist ja auch nichts Schlimmes, Kind ...«

»Doch! Doch, Onkel! Hier wohl ... Huhu ... immer lassen sie mich's fühlen ... und sagen Sachen, die mich ärgern ... und halten zusammen wie die Kletten ... huhu ... und der Otto hilft mir auch nicht, sondern reizt nur die Vorgesetzten und macht's noch schlimmer ... huhuhu ...«

Der Generalmajor mußte wider Willen lachen.

»Bleib du mal hier bei den unseligen Leutchen!« sagte er zu seinem Schwager. »Ich fahre jetzt gleich ins Stabsquartier und sehe, was der Kommandeur zu der welterschütternden Geschichte meint.«

Eine Stunde darauf saß er dem grauköpfigen hageren Grafen Hundsfeldt gegenüber. Der zog die Schultern hoch und meinte in seiner trockenen Art: »Ganz richtig: an sich ist die Sache ja ohne Bedeutung, Herr General! Der Rittmeister von Ostrach ist ein guter Kerl. Man muß ihn nur kennen. Er ist ein Bullrian!... Er geht drauf los ... Er meint es nicht bös. Niemand hier. Ich will nur das Beste mit Ihrem Neffen. Wir alle. Ich hab' ihn mit Absicht in das ganz miteinander vervetterte und verschwägerte Regiment genommen, um ein bißchen frisches Blut hineinzubringen. Ich hatte mich auf unseren gemeinsamen Verwandten Koninck verlassen. Der Wilderich ist gut im Sattel und hinter der Pulle und sieht 'nem Pferd Mauke und Spat auf hundert Schritte an, aber zu so was hat er eben nicht den Grips!«

»Woran läßt es denn nun mein Neffe fehlen?«

»Sehen Sie, Herr General, ich hab' vier Söhne in der Armee. Da langt es bei mir zu Tisch nur zu saurem Mosel. Wir sind alle hier im Regiment mit Glücksgütern nicht übermäßig gesegnet. Anständig zum Leben – ja. Aber dann Schluß. Nu kommt Herr von Ottersleben ... Daß er Geld hatte, wußt' ich ja ... Aber dieser Train ... Automobil... Kammerdiener ... Wohnung von zwanzig Zimmern ... Diners von zehn Gängen ... die Gattin für drei Rittergüter Schmuck am Leibe ... ja, wir kennen doch die Luxuserlasse Seiner Majestät! Wie soll ich denn das verantworten? Und wie sollen denn die anderen Familien im Regiment solch eine Geselligkeit erwidern? Sie vermögen's nicht! Also zogen sie sich zurück. Nun hielten sich die Otterslebens für isoliert und merkten nicht, daß sie nur selber daran schuld waren!«

Der alte Kürassier bot seinem Besucher eine neue Zigarre an und fuhr fort: »Rennurlaub? ... Kriegt bei mir jeder von den Herren! ... Jagdurlaub? ... Soweit möglich, mit großem Vergnügen! ... Urlaub auf die Güter? ... Auch ganz gerne! ... Aber Urlaub nach Berlin, wie ihn sich Herr und Frau von Ottersleben in ihrer Vereinsamung nun allmählich so wöchentlich angewöhnten – dort 'rumbummeln ... im Esplanade oder bei Adlon schlampampen – nee ... da schob ich 'nen Riegel vor und hab' ihn zu dem Ostrach in meine strammste Schwadron gesteckt. Und hilft das nicht, so zieh' ich noch ganz andere Saiten auf. Ich lasse mir den Geist meines Regiments nicht verderben! Ich hoffe, Sie werden mir das nicht verargen, Herr General, ob es sich nun um Ihren Neffen handelt oder wen sonst!«

»Im Dienst habe ich keine Söhne und keine Neffen! Sie haben völlig recht, Herr Graf!« sagte der Brigadekommandeur, und die beiden drückten sich, als sie sich nach einem längeren Gespräch trennten, kräftig die Hand. Herr von Ottersleben begab sich wieder in die Garnison seines Neffen. Dort hatte er mit ihm eine ernste Unterredung.

»Ich fahre jetzt gleich nach Berlin zurück!« schloß er. »Ich kann dir hier nicht helfen! Nur du dir selber! Du bist auf dem Holzweg, mein lieber Otto! Glaub mir! Gerade wie der Logow! ... Euch beiden sitzt der Hochmutsteufel zu sehr im Genick. Dir der gesellschaftliche, überall die erste Rolle zu spielen, deinem Schwager Logow, der mehr taugt als du, der militärische Ehrgeiz, um jeden Preis Karriere zu machen! Ja ... und nun? Er sitzt in den Vogesen – du hier ... Beide seid ihr nicht zufrieden ... Eure Frauen auch nicht ... Die Ulla heult und deine baut daneben scheint's auch schon wieder ans Wasser ... Komm, Schwager! Wir sind hier überflüssig!«

Otto von Ottersleben kehrte in gedrückter Stimmung vom Bahnhof heim. Er war überzeugt, daß ihm bitteres Unrecht geschah. Seine Frau weinte immer noch und klagte: Was hatte man hier vom Leben? Sie war doch stets in Berlin gewesen als Mädchen, oder in Bremen. Unter Menschen. Sie hatte sich nicht träumen lassen, daß sie als Frau würde in der Einsamkeit verkümmern müssen. Dort in den Schränken hingen die schönsten Toiletten, zum Teil noch von der Aussteuer her. Sie waren unmodern geworden, ohne daß sie je recht Gelegenheit gefunden, sie zu tragen. Ihre Hüte auch! Was sollte man hier, am Ende der Welt, mit Reihern und Federn? ... Da hatte sie ihren Schmuck! Wenn sie den anlegte, freute das keinen Menschen, sondern sie kriegte noch eins auf den Kopf. Mitten in ihren Jeremiaden erschien der Diener und meldete lispelnd: »Herr Leutnant von Le Simonnier de St. Jean!«

Das war der Regimentsadjutant. Trotz seines Refugiénamens baumlang, weißblond, mit schmalen Schultern, vom pommerisch-schwedischen Typus. Er trug Dienstuniform. Der Hausherr empfing ihn allein mit umwölkter Stirne. Er wußte schon, woran er war: Acht Tage Stubenarrest vom Regiment, wegen ungehörigen Verhaltens im Dienst gegen einen Vorgesetzten! Er wartete das: »Darf ich um Ihren Degen bitten?« des Adjutanten nicht erst ab, sondern reichte ihn ihm und sah finster zu, wie jener ihn unter seinen Mantel nahm und draußen damit in den harrenden Krümperwagen stieg. Dann ging er finster in Litewka und Hausschuhen, die Hände in den Hosentaschen, die Zigarette im Mundwinkel, die lange Flucht der Wohnzimmer auf und ab. Eine zu dumme Situation! Er konnte sich doch nicht ins Bett legen und krank stellen vor den Dienstboten! Und tat man das nicht, so merkte der Bursche natürlich, was los war. Er erzählte es den anderen. Es sprach sich herum, daß man eingesperrt war. Man wurde zum Kinderspott im ganzen Städtchen. Der Käsekrämer und die Fischweiber grinsten hinter einem her, wenn man sich endlich wieder im Helm im Freien zeigte, um sich wie ein armer Sünder bei den Vorgesetzten zu melden. Es war doch solch ein demokratischer Geist hier im Volke. Kein Respekt vor dem Höheren!

Und die arme Adda mopste sich erst recht. Zu der einzigen Dame am Ort, Frau von Ostrach, konnte sie doch nicht gehen. Man verkehrte mit Rittmeisters nur noch dienstlich. Und der zweite Leutnant war unverheiratet. Da unten schmetterten eben die Trompeten um die Ecke und klapperten die Hufe auf dem Markt und flogen die weiß-schwarzen Fähnchen. Die Schwadron rückte aus. Voran Baron Ostrach – breitschultrig und riesenhaft, auf ebenso mächtigem Gaul. Der junge Kürassier durchmaß mit langen Schritten seine Räume. Zu lächerlich! Er wollte Dienst tun und schwitzen und Staub schlucken – und durfte nicht... Andere dankten ihrem Schöpfer, wenn sie nicht krank waren. Er mußte hier Hexenschuß oder Influenza heucheln. Er redete sich immer mehr in eine stille Wut hinein: Was tat er eigentlich in dem Nest hier, in dem sich höchstens die Flundern wohlfühlten? Wozu hatte er's nötig, sich schlecht behandeln zu lassen – er, ein Ottersleben und mit dem Einkommen eines Millionärs? Weshalb sollte er sich denn aufdrängen, wenn man ihn nicht haben wollte? Schön. Da konnte er ja gehen! Tränen weinten sie ihm hier nicht nach. Das wußte er.

Er stand gerade vor einem großen Wandspiegel. Er erschien sich in seiner dunklen, schmucklosen Litewka wie ein Strafgefangener. Draußen blinzelte sacht die Sonne über Land und See. Es war ein erster ahnender Vorfrühlingstag. Er riß das Fenster auf. Lauer Märzwind wehte herein, gleich einem Gruß vom Süden. Er brachte einen Hauch von Leben mit sich ... vom großen Leben draußen ... der bunten, lockenden Welt ... die stand einem offen ... man rutschte im eigenen Auto nach Rom – man fuhr mit seiner kleinen Frau nach Paris ... man badete sich im Winter im neuberlinisch-amerikanischen Gesellschaftsleben, man ritt im Sommer als Großgrundbesitzer über seine eigene Scholle irgendwo drüben in der Ostmark – war ein ganz anderer Kerl als hier der kleine, in Stubenarrest gesteckte Leutnant Ottersleben!...

Eigentlich war man doch ein Esel, wenn man es nicht tat! ... Adieu Küraß und Koller – Pallasch und Helm! ... Die Armee hielt keinen, der gehen wollte. Im Gegenteil, sie schickte alljährlich Hunderte in das Schattenreich des Zivils, die um ihr Leben gern noch weiter gedient hätten ... Otto von Ottersleben preßte die Lippen zusammen. Er dachte: Wenn mein Vater noch da wäre, dürfte ich es nicht. Der würde es mir nie verzeihen! Onkel Bruno auch nicht. Keiner von den anderen. Aber schließlich ist sich jeder selbst der Nächste. Diesen verfluchten Stubenarrest hier sitzt auch kein Fremder für mich ab. So stand er und sann und sann, ohne zu einem Entschluß zu kommen, und die Dämmerung senkte sich hernieder.

Eine Woche später riß gegen Abend auf der Friedrichstraße zu Berlin der kleine Leutnant Peter von Ottersleben, der zurzeit aus seiner schlesischen Grenadiergarnison zur Zentralturnanstalt kommandiert war, erstaunt die Augen auf. Er erkannte seinen Bruder Otto, der da in modischem englischem Frühjahrszivil flanierte, einen spiegelnden Zylinderhut auf dem Kopf, Gamaschen über den Lackstiefeln, auf die die Bügelfalte fiel.

»Wo ich herkommt Peter?« sagte er nachlässig. »Das werd' ich dir gleich erzählen! Wo gehst du denn hin? Ins Pschorr! ... Schön!«

Im Hintersaal des Pschorrbräu, wo die einzelnen Regimenter ihre langen, hölzernen Stammtische besaßen, hatte sich der Grenadier mit seinen beiden Vettern, den Söhnen des Generals von Ottersleben, verabredet. Die zwei waren nun auch schon aus Lichterfelde heraus und Offiziere in der Garde-Infanterie – zwei schlanke, gut aussehende, trotz ihrer bartlosen Gesichter ernste junge Leute. Otto, der Ehemann und Weltmann in Zivil, kam sich unter diesen drei Dächsen sehr groß und gönnerhaft vor.

»Also erschreckt nicht, Kinder – ich hab' meinen Abschied eingereicht!« sagte er kaltblütig. »Übertritt zur Reserve natürlich. Bis das Gesuch bewilligt ist, hab' ich Urlaub! ... Wir werden uns ankaufen. Mit einer erstklassigen Jagd. Ihr dürft jeder bei mir, wenn ihr kommt, einen Sechserbock schießen. Im Winter sind wir hier in Berlin!«

»Aber wie verfällst du denn auf die Kateridee, den Dienst zu quittieren?«

»Mein Gott, mir war's nachgerade zu bunt! Ich will einmal mein eigener Herr sein! Und nicht immer nach fremder Pfeife tanzen. Wir leben doch nicht mehr zur Zeit Albrechts des Bären! Heutzutage ist der Mensch doch nicht mehr bloß ein Kommißknüppel, sondern eine Persönlichkeit und hat sein Recht ...«

Zu seinem Erstaunen hob sein Vetter Busso, der blutjunge Fant, den Kopf: »Pardon, Otto! Da bin ich ganz anderer Ansicht. Gerade heute soll man dienen ... Leute wie wir ...«

»Warum denn?«

»Ja, wenn jeder so dächte wie du, was machen wir denn dann, wenn es mal losgeht? Einmal kommen die Franzosen oder sonst wer doch wieder! ... Da würden wir was Schönes erleben!«

Und sein Bruder Günter fügte hinzu: »Dazu sind wir da. Die Ottersleben haben immer gedient. Die werden doch alle auch gewußt haben, warum? Ich bilde mir nicht ein, gescheiter zu sein als unsere Vorfahren ...«

»Na ja, ihr seid Musterknaben!« meinte der hübsche Exkürassier mitleidig. »Euer Oberst ist sicher stolz auf euch. Aber kleine Philister seid ihr doch.«

»Nee, gar nicht! Wir amüsieren uns schon! Bloß nicht den ganzen Tag!«

»Und du, Otto, hast jetzt gar nichts mehr zu tun!« fügte Busso, der schroffer als sein Bruder veranlagt war, hinzu. »Und das mißfällt mir!«

»Still, du Dachs!«

»Ich kann gerade so gut reden wie du! ... Mag einer Sekt aus Kübeln saufen und Automobil fahren, so viel er will, das geht mich nichts an. Aber wenn er dann kommt und will mir damit imponieren ...«

»Zum Donnerwetter – das verbitt' ich mir ...«

»... und protzt damit, daß der Schwiegerpapa Geld hat – nee, das kann jeder!«

»Das find' ich auch!«... versetzte der kleine Grenadier Peter, der bisher geschwiegen, mit plötzlicher Entschlossenheit. Auch seine Bewunderung für den älteren Bruder hatte einen Stoß erhalten.

»Kellner, zahlen!«

Otto von Ottersleben stand auf, fuhr in seinen großkarrierten Ulster und drückte sich die Zylinderkrempe in die Stirne.

»Ihr seid altmodische Kerlchen!« sagte er. »Ihr habt ja ganz recht: es muß ja auch Leute wie euch geben! ... Bloß heute abend seid ihr mir ein bißchen zu langstielig. Nehmt mir's nicht krumm! Gute Nacht!«

Er gab ihnen die Hand und ging. Draußen war das Gewimmel der Friedrichstraße. Wie er sich in dem verlor und an das uniformierte Kleeblatt drinnen im Pschorr dachte, kam etwas über ihn – es war nicht Reue – kein Drang zur Umkehr – aber ein eigenes Gefühl der Verlassenheit zwischen den Massen – der Trennung von der Armee – der Einsamkeit, und er eilte sich, um in das Hotel und zu seiner Frau zu kommen.

Auch die drei jungen Leute verließen bald darauf das Lokal. Sie hatten sich entschlossen, noch auf ein Stündchen bei ihrem Vater, dem General, im Berliner Westen, vorzusprechen und noch ein Glas Bier bei ihm zu trinken, nachdem das Beisammensein im Pschorr verdorben worden war. Er liebte es, wenn sich die Söhne recht oft freiwillig bei ihm sehen ließen und auch den Vetter von der Turnanstalt mitbrachten. Er saß dann mit ihnen zusammen, rauchte und plauderte, wie ein älterer Kamerad.

Er goß selbst den jungen Leuten Bier ein, ließ sich von ihnen die Geschichte von Ottos Dienstüberdruß und Abschiedsgesuch erzählen, und sagte dann in seiner langsamen und schweren, unerschütterlichen Art: »Der Otto war immer ein Windhund. Der hat nie begriffen, worauf es bei uns ankommt. Wißt ihr, Jungens ... so wie bei St. Privat – in Reih und Glied ... mit wehenden Fahnen, alle Vorgesetzten vor der Front, die Feldgeistlichen mit dem Kruzifix voraus – sich für König und Vaterland totschießen lassen, das ist kein Kunststück. Das kann jeder. Das muß jeder. Aber wenn du an 'nem Wintermorgen faul in der Kaserne im Bett liegst, mein Sohn, und weißt, der Hauptmann kommt doch nicht, und die Unteroffiziere fangen unten die Instruktionsstunde auch ohne dich an und bläuen den Rekruten die einzelnen Gewehrteile in die Mostschädel ein – und du hältst es doch nicht aus und bist Punkt sieben unten in der Mannschaftsstube unter der Petroleumfunzel in dem Gestank – dann stehst du auf dem richtigen Boden. Das ist die Grundlage der Armee. Das ganze Geheimnis. Das machen sie uns nicht nach: Pflichterfüllung, die keiner sieht! Wenn uns das nicht in Fleisch und Blut übergegangen wäre, dann hätten Moltke und Roon und der alte Herr weiß Gott umsonst gelebt!«

»Und wenn jemand sich vor euch mit seinem Geld aufspielt,« schloß er, »dann schaut nur auf euer Portepee und denkt euch: der Kerl kann alles in Berlin zusammenkaufen, was gut und teuer ist. Aber für alle Schätze der Welt ist das kleine silberne Ding in keinem Laden zu haben! Er kriegt's nicht, und wenn er sich auf den Kopf stellt! Es wird nur verdient und verdient! Und wenn ihr das so auffaßt, Jungens, dann könnt ihr euch getrost reicher vorkommen als irgendeiner.«

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