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Du Schwert an meiner Linken

Rudolf Stratz: Du Schwert an meiner Linken - Kapitel 10
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pfad/stratz/duschwer/duschwer.xml
typefiction
authorRudolph Stratz
titleDu Schwert an meiner Linken
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
printrun59.-68. Tausend
year1923
firstpub1912
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201202217
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9

Die bleierne Schwüle der Hundstage brütete über der Rheinebene. Die Sonne stand schon tief am Horizont, jenseits des fernen, blauflimmernden Walls der Vogesen, hinter dem Frankreich lag – Frankreich und ihm gegenüber, hier, als des Reiches Trutzwehr, das letzte der mächtigen, waffenstarrenden Bollwerke am deutschen Strom von Holland bis zur Schweizer Grenze, turmüberragt, das alte Straßburg. Der Himmel im Westen war flammend rot, wie vom Widerschein des vielen Blutes, das seit Jahrhunderten Deutsche und Welsche um die Vorherrschaft am Rheinufer vergossen. Von drüben, aus dem hochgiebeligen Häusermeer der einstigen Reichsstadt, klangen die Abendglocken. Da, wo früher die inneren, nun niedergelegten Wälle die engen Gassen und Laubengänge umschlossen hatten, stand jetzt, auf dem freien Platze, wuchtig, massig gebietend, die Kaiserpfalz als Sinnbild der neuen Zeit.

Die beiden jungen Mädchen schritten daran vorbei, der Stadt zu. Sie hielten die Schirme schief nach rechts gegen die schräg stehende Sonne, die lange Schatten über den Staub der Stadt warf. Der hob sich zuweilen und tanzte in kleinen Wirbeln, von einer Brise hochgefegt. Man atmete bei dem schwachen Luftzug auf. Jetzt, im Hochsommer, kühlte es sich sogar in den Nächten nicht ab, aber man mußte doch hinaus, ins Freie. Innen, in den Wohnungen der Altstadt, war es noch heißer.

»Ja – daran mußt du dich gewöhnen, Maxe!« sagte Fräulein von Müritz. »Ich kenn's! Das geht so bis in den September hinein!«

Sie war die Nichte eines Majors bei den Zweihundertvierundvierzigern, auch eines Herrn von Müritz, eines alten Junggesellen, dem sie, eine Doppelwaise, die Wirtschaft führte. Maximiliane von Ottersleben hatte sich ihr, bald nach ihrer Ankunft in Straßburg, angeschlossen. Sie verkehrten nun schon seit einem Vierteljahr freundschaftlich miteinander, obwohl jene ein gutes Stück älter war. Aber Maximiliane kam sich selber auch älter vor als ihre Jahre. Sie fand sich nicht mehr in das Gekicher und Geflirte der Regimentstöchter. Und zudem war sie immer noch in Trauer um den Vater.

Die beiden schlenderten langsam die Straßen entlang. Um sie war der Lärm der großen, unter der neuen Herrschaft mächtig aufgeblühten Stadt. Es wimmelte von Uniformen. Von deutschen Beamten, Studenten, Damen. Wer noch Französisch hören wollte, mußte in die Vororte gehen. Hier klang umher nur noch Elsässerdütsch und scharfes Preußisch, zuweilen gemütliches Schwäbisch und Bayerisch der süddeutschen Besatzungstruppenteile. Die Inschrift auf allen Läden war deutsch. Vor manchen blieben die beiden Damen stehen und musterten die Auslagen. Thekla von Müritz wies auf ein Diamantenkreuz in einem Juweliergeschäft und meinte im Spaß: »Das kannst du mir zum Geburtstag schenken, Maxe! Nächsten Monat ...«

Sie gingen des Wegs. Die andere frug: »Du – wie alt wirst du da eigentlich?«

»Fünfunddreißig! ... Aber sag's nicht weiter ...«

Dann nach einer Weile: »Oder sag's doch! ... Es ist ja ganz egal ...«

Dabei beschleunigte das späte Mädchen seine Schritte.

»Ich muß nach Hause! ... Sonst schimpft der Onkel. Er meint's nicht bös. Aber er ist gräßlich knurrig!«

»Du bist schon lange bei ihm?«

»Seit meine Eltern tot sind ... seit neun Jahren ...«

»Und wenn er mal stirbt ... Hat er denn was? Hinterläßt er dir was?«

»Keinen Groschen!«

»Aber was machst du denn dann mal nach seinem Tod?«

»Ich weiß nicht. Ich denk' nicht darüber nach. Es hilft ja doch nichts.«

Eine stumpfe Ergebung war in ihren Worten. An der Straßenecke blieb sie stehen, gab der Freundin die Hand und sagte: »Ja, so ist das Leben an einem vorbeigegangen! Heirate du nur, solange du noch so jung und hübsch bist! Na ... Adieu, Maxchen ... Schöne Grüße zu Hause ...«

Maximiliane setzte allein ihren Weg fort. Sie neigte mechanisch auf die Grüße begegnender Offiziere den blonden Kopf. Ein tiefer Ernst lag auf ihren schönen, jugendlich strengen Zügen. Immer wieder mußte sie an die Freundin denken: Ja, so ist das Leben an einem vorbeigegangen ... es klang so rätselhaft. So schrecklich. Alles vorüber mit fünfunddreißig Jahren ... Es war unwahrscheinlich und doch wahr. Was hatte Thekla Müritz noch vom Dasein zu erwarten? Essen, Trinken, Schlafen! Das freilich noch ein Menschenalter oder länger. Aber war solch Sein der Mühe wert? Lohnte es die Enttäuschungen?

Fünfunddreißig ... Maxe Ottersleben sagte sich: wie alt bin ich selber? Fünfundzwanzig. In zehn Jahren bin ich gerade so weit. Plötzlich schien ihr diese Zeit unheimlich nahe gerückt. Sie stand wie ein Schreckgespenst vor ihr, als wachte man im Handumdrehen eines schönen Morgens als alte Jungfer auf. Du lieber Gott: zehn Jahre waren rasch verseufzt und verträumt und vergähnt. Und dann? Sie sah förmlich in der heißen Augustluft die weißen Fäden des Altweibersommers fliegen. Ein Grauen vor dem fernen Herbst überlief sie. Sie schritt mit gesenktem Kopfe weiter. Sie sagte sich, heute, in der allmählich gewonnenen Straßburger Ruhe, zum erstenmal ganz klar und deutlich: So geht das nicht mit mir in alle Ewigkeit! ... Ich verhunze mir ja mutwillig selbst mein bißchen Leben ... Von Glück will ich schon gar nicht reden. Aber ich muß doch irgend etwas aus mir machen. Ich darf nicht so hindämmern. Ich muß mich frei machen. Innerlich frei von ihm ... Wenn ich nur könnte ...

Sie hatte den Broglieplatz erreicht. Das war der Mittelpunkt der Stadt. Rechts war ein Kommen und Gehen von Infanterieuniformen am Eingang der großen Offizierspeiseanstalt, dahinter bildeten die Leute im Abenddämmer schon Kette am Theater, wo eine französische Operettentruppe gastierte. Auf einmal blinkte da, mitten im Deutschtum, ein Stück französische Unterwelt auf – Knebelbärte – westlich-lebhafte Augen und Hände, das schnelle Pariserisch eingeborener Notabeln. Links waren die beiden Kaffeehäuser mit ihren Stühlen im Freien unter schattigen Bäumen – das eine für die Elsässer, das andere für die Altdeutschen.

An einem der Tischchen saß ein straffer, jugendlich schlanker General vor seinem Glase Bock. Sein blonder Schnurrbart war aufgedreht, sein helles Haar kaum merklich angegraut. Wer vorbeikam, war erstaunt, wenn er die feierlich leuchtenden scharlachroten Klappen des Überrocks und auf dessen goldenen Achselstücken den Stern, das Zeichen der Exzellenz, sah. Man kannte den Würdenträger hier nicht. Er mußte von auswärts gekommen sein. Er rauchte seine Zigarre, hatte ein Bein über das andere geschlagen und legte unaufhörlich, bald verbindlich die ganze rechte Hand, bald nachlässig den Zeigefinger an den Mützenrand, je nachdem es Offiziere oder Mannschaften waren, die grüßend an ihm vorübergingen. Dann hob er das gebräunte, von fast unmerklichen feinen Fältchen durchzogene Antlitz, auf dem trotz der dienstlichen Strenge eine jugendliche Verwegenheit schlief. Seine feurigen blauen Augen hatten drüben, auf dem Bürgersteig, etwas entdeckt. Noch ganz hinten. Er sah scharf wie ein Luchs. Er stand langsam, unauffällig auf, zahlte, ging über den Platz und schlenderte die Häuser entlang. Nach etwa hundert Schritten blieb er scheinbar nachsinnend vor der ihm begegnenden jungen Dame stehen.

»Ist's denn die Möglichkeit! Guten Abend, Fräulein von Ottersleben!« Maximiliane hatte, in ihren Gedanken versunken, auf nichts geachtet. Sie schrak zusammen. Die Stimme kannte sie, dies übermütige Lächeln. Der General von Glümke hatte sich in den zwei Jahren nicht im geringsten verändert. Er war aus zähem Holz geschnitzt. Er blieb, wie er war. Er tat, als sei nie etwas zwischen ihnen vorgefallen. Er reichte ihr die Hand. Sie nahm sie und sagte stockend, blaß geworden: »Guten Abend, Exzellenz!«

Sie fühlte seinen prüfenden Blick auf sich ruhen. Sie dachte sich mit Herzklopfen: Was braucht er mich nur um Gottes willen anzusprechen, statt mir aus dem Weg zu gehen, wie es jeder sonst täte? Aber er macht ja immer alles anders als andere Leute. Dann hörte sie seine gleichmütigen Worte: »Na ... sehen Sie, Fräulein von Ottersleben: die Welt ist klein! ... Nu hat uns der liebe Gott glücklich beide in die Reichslande verschlagen. Sie nach Straßburg und mich nach Metz. Ich hab' nämlich dort 'ne Division. Die fünfundvierzigste.«

»Ja. Ich weiß, Exzellenz!«

»Da bin ich heute mal auf einen Sprung herübergerutscht. Dienstliche Geschichten ...« Er brach ab und wartete, ob sie auch etwas sagen würde. Aber sie schwieg. So fuhr er fort. Er wurde schon lebhafter. Sein Naturell brach durch: »Na – wie gefällt's Ihnen denn hier unten bei den Wackes, gnädiges Fräulein?«

»O, ganz gut, Exzellenz!«

Sie antwortete einsilbig. Sie war beklommen. Sie hatte förmlich Angst vor Olaf von Glümke. Es war ihr so sonderbar, daß dieser Mann plötzlich wie aus dem Boden gewachsen vor ihr stand.

Er lächelte. »Und wie geht's dem Onkel Bruno? Zieht er seinen Zweihundertvierundvierzigern tüchtig die Hammelbeine lang? Tut not. Unter uns: Sein Vorgänger war ein bißchen 'n Susemiehl! ... Drum haben sie ihm gerade das Regiment gegeben! Tantchen auch wohl – ja?«

Woher wußte er nur, daß sie hier bei ihren Verwandten war? So wichtig war das doch nicht, daß man bis nach Metz hin davon sprach! Sie dachte sich: Wenn er mich nur schon gehen ließe! Aber von sich aus konnte sie, ein junges Mädchen, einen Würdenträger wie den Generalleutnant von Glümke nicht auf der Straße stehen lassen. Sie mußte warten, bis er sich selbst von ihr verabschiedete.

Er schien ihre Ungeduld zu merken. Er schüttelte ihr wieder unbefangen die Rechte: »Na – hat mich sehr gefreut! ... Wir sind doch zwei alte Freunde, Fräulein von Ottersleben – nicht wahr?«

Sie zögerte. Aber was sollte sie denn machen? Sie antwortete scheu: »Jawohl, Exzellenz!«

»... Also schöne Grüße daheim! ... Und auf Wiedersehen!«

Auch noch auf Wiedersehen ... das quälte sie auf dem kurzen Weg bis zu ihrer Wohnung am »Eisernen Mann«. Sie hatte den General von Glümke doch damals derart vor den Kopf gestoßen ... Ein anderer würde es ihr nie verziehen haben ... Er stellte sich jetzt an, als wäre das nur ein Spaß zwischen ihnen gewesen. Vielleicht hatte er es nachträglich auch so aufgefaßt. Er war ja unberechenbar ...

Aber dann wußte sie doch: Es hätte sie damals nur ein Wort gekostet und alles war entschieden ... Sie dachte sich in einer wilden Bitterkeit, die sie plötzlich überfiel: Ich hätte ihn haben können – eine Partie, um die mich jede in der Provinz beneidet hätte! Oder es brauchte gar nicht ein General, ein großes Tier zu sein. Nur irgendeiner. Ein Mann, der mich liebt und ich ihn! Und ich wäre jetzt eine glückliche Frau und nicht ein einsames, verwaistes, in der Welt herumgestoßenes Mädchen, das nicht weiß, was es mit sich und seinen Tagen beginnen soll. Ich wäre so zufrieden wie tausend andere, wenn er mir nicht in den Weg gekommen wäre! Immer er! Er hat mich an allem gehindert! Er steht ewig zwischen mir und dem Sein ...

Sie machte halt, in einer hilflosen, verzweifelten Erbitterung gegen den Hauptmann Erich von Logow, der um die gleiche Zeit, fern von hier, im Generalstabsgebäude zu Berlin vor seinen Akten saß und schrieb und schrieb. Neben ihr, auf dem Platz in Straßburg, schimmerte das Himmelblau bayerischer Uniformen von der Hauptwache. Der Marschall Kleber sah von seinem Sockel hernieder auf verwehte › gloire‹ und wiedererstandene deutsche Kraft. Hinten hob sich das Rote Haus, noch von den Blutschatten der großen Revolution umweht. Maximiliane Ottersleben sah erstaunt um sich. Sie war in ihrer Geistesabwesenheit einen falschen Weg gegangen und drehte jetzt um, und in ihr brannte etwas, während sie zurückschritt – schwelte unheimlich wie unterirdisches Feuer: Er war dein Schicksal. Aber seit er es weiß, bist du auch seines geworden. Hast dieselbe geheimnisvolle Macht über ihn gewonnen wie er seit Jahren über dich. Es hat sich an ihm gerächt, ohne dein Wissen und Wollen ...

Zu Hause saß ihre Tante, Frau von Ottersleben. Sie war zu Anfang der Vierzig, groß, blond, stark – mit rosigen vollen Wangen, wirtschaftlichem Blick, arbeitsfrohen, großen weißen Händen, die Haare schlicht in der Mitte gescheitelt, glich sie mehr einer pommerschen Pastorenfrau als einer Kommandeuse. Das junge Mädchen setzte sich still zu ihr. Eine Weile häkelte die eine und stickte die andere. Dann hob Maxe Ottersleben den Kopf und versetzte unvermittelt: »Du, Tante ... ich bin nun mit Gottes Hilfe fünfundzwanzig ...«

»Na ja ... Maxe ... das weiß ich ...«

»Es wird doch Zeit ... Es muß einmal etwas mit mir geschehen ... Ich muß mich irgendwie im Leben nützlich machen!«

»Mach du dich nur deinem Mann nützlich! Das ist vollauf genug!«

Das junge Mädchen mußte lachen: »Ich hab' doch keinen ...«

»Sollst aber einen kriegen! ...«

»Ich mag gar keinen ...«

»So hab' ich auch geredet!« sagte die Kommandeuse gleichmütig. »Das macht auf mich gar keinen Eindruck. Laß du mich nur sorgen! ... Wenn erst dein Trauerjahr vorbei ist ...«

»Du denkst doch nicht, daß ich euch hier auf Jahr und Tag zur Last fallen will ...« »Na natürlich gehst du bei uns hier aus, wo wir ohnehin ein Haus machen müssen ... Das hätt' ich mir nicht träumen lassen, daß ich, mit meinen zwei Jungens, noch mal auf meine alten Tage Ballmutter würde! ...«

»Ich mag aber nicht wieder auf dem Heiratsmarkt ausgestellt werden, Tante! Es hat keinen Zweck, ich heirate doch nicht!«

»Was willst du denn sonst?«

»Diakonissin werden!« sagte Maximiliane Ottersleben kurz und trotzig. Sie hatte sich das schon seit einiger Zeit überlegt. Aber es prallte an Frau von Otterslebens Ruhe ziemlich ab. Die schlug nur gutmütig die starken Hände ineinander.

»Maxe ... du und Diakonissin! Das gäbe 'ne schöne Bescherung! ... Du verdrehst ja allen Doktoren den Kopf und machst die Patienten dazu rappelig! Ich glaube manchmal wirklich, du weißt selber nicht, wie hübsch du bist! Nein, Kind: Des Lebens Mai blüht einmal und nicht wieder. Bei dir steht er noch vor der Tür. Da verlaß dich auf mich. Und nun nimm mal den Kopf hoch ... so ... da kommt der Onkel! Der kann's nicht leiden, daß man ihn daheim mit 'ner Leichenbittermiene empfängt. Er nimmt sich auch zusammen, wenn er Ärger im Dienst gehabt hat ...«

An solchem Verdruß fehlte es dem Oberst Bruno von Ottersleben nicht. Er widmete sich seinem Regiment mit dem Feuereifer des Generalstäblers und der Freude am praktischen Dienst nach der Stubenhockerei. Aber er bewahrte dabei seinen vollen Gleichmut. Er hatte gute Nerven. Es lag ein stetes ruhiges Wohlwollen auf seinen klugen, etwas grobgeschnittenen Zügen. Groß, breitschultrig, bedächtigen Ganges trat er ein, begrüßte seine Frau, mit der er, wie er selbst sagte, in einer lächerlich glücklichen Ehe lebte, klopfte der hübschen Nichte auf die Schulter und sagte, sich setzend, behaglich: »Wißt ihr, wer mir eben über den Weg gelaufen ist? Olaf selbst! Der Glümke! Bummelt hier in Straßburg herum! Merkwürdig, wie stürmisch er mich begrüßt hat!«

»Kennt er dich denn, Onkel Bruno?«

»Ich war mal, wie er Major war, vor vielen Jahren ganz kurze Zeit mit ihm im selben Regiment!« sagte der Oberst, der als Springer des Generalstabs viele Truppenteile kennen gelernt hatte. »Sehr schmeichelhaft, daß er sich meiner noch erinnert! ... Er scheint übrigens nicht mehr ganz so toll wie früher. Er kriegt allmählich etwas Gesetztes! ... Na ... Zeit wird's!«

Er lachte und ging auf andere Dinge über. Er hatte immer viel mit seiner Frau zu bereden. Er nahm seine Stellung als Regimentskommandeur auch außerdienstlich ernst. Er wollte erzieherisch wirken. Er haßte jeden Luxus. Er verachtete ihn als eine Verweichlichung. Die altpreußische Einfachheit war bei ihm kein leerer Wahn. Es gab wirklich noch des Abends ein Glas Bier und ein Butterbrot für seine Gäste und ernste Worte an die Leutnants dazu: »Mit der Sektflasche ist unsere Armee nicht großgezogen worden. Von Scharnhorst bis Roon ...! Nein – wahrhaftig nicht, meine Herren! – Ich erinnere mich noch an die Zeit, wo wir als junge Leute in der Garde mit zehn Talern monatlich auskamen!« Man hörte ihm respektvoll zu. Mancher jugendliche Offizier fühlte wirklich den Hauch Kaiser Wilhelms des Ersten und seiner Paladine, der von den Worten seines Obersten ausging. Andere machten dienstlich stumme Gesichter und blickten dabei verstohlen nach der hübschen Nichte des Hauses. Das war immer vergeblich. Die tiefe Gleichgültigkeit, mit der Maxe von Ottersleben jedem sich ihr nahenden Leutnant oder Hauptmann begegnete, entwaffnete von vornherein. Es machte sie ungeduldig, daß die Tante immer wieder geräuschlos wie im Vorpostenkrieg bald diesen, bald jenen Freier in ihren Gesichtskreis vorschob und wieder verschwinden ließ und durch einen neuen ersetzte, immer in der Hoffnung: Einmal kommt doch der Rechte! Das war eine fortwährende Unruhe, eine Abwehr wie vor den lästigen Stechfliegen, die einem bei Tag und Nacht um die Ohren summten und immer blutdürstiger und zahlreicher wurden, je mehr der Sommer sich seinem Ende zuneigte und die Zeit der Manöver nahte. Nun warf die schon ihre Schatten voraus: Die dritte Garnitur Reserveleutnants hatte sich zum Dienst gemeldet, auf dem Schreibtisch des Obersten lagen Karten und Pläne der Westgrenze mit rot eingezeichneten Hieroglyphen, er selbst war noch öfter als sonst im Stall, kniete in der Streu neben seinen Schlachtgäulen nieder, hob die Hufe, um den Strahl zu sehen, und fuhr auf der Suche nach Gallen prüfend mit Daumen und Zeigefinger die Sehnen der Hinterbeine hinab zu den Fesseln. Dann nickte er zufrieden. Seine Pferde waren wie ihr Herr: ›Verläßlich bis zum letzten!‹

»Nu – endlich mal ein Lebenszeichen von den Logows!« sagte er gegen Ende August, am Frühstückstisch einen Brief aus Berlin entfaltend. »Ich fand es eigentlich nicht nett, daß sie sich den ganzen Sommer so gar nicht nach dir erkundigt haben, Maxe! Aber die Ulla ist 'ne Schlafmütze ... Da schreibt er nun selber!« Er räusperte sich und las die knappen Zeilen des Hauptmanns von Logow vor: sachliche Dienstneuigkeiten und Personalnachrichten vom Königsplatz und aus der Behrenstraße, wie sie die beiden, den jüngeren und den älteren Generalstäbler, interessieren. Zum Schluß noch ein paar trockene Worte: »Uns geht es soweit wohl. Ulla hustet leider wieder ein bißchen. Sie läßt Euch Alle herzlich grüßen und ich schließe mich an. Hoffentlich hat sich Maxe bei Euch gut eingelebt. Dein treuer Neffe Erich.«

Am Nachmittag desselben Tages ging Maximiliane Ottersleben mutterseelenallein weit draußen vor Straßburg in dem Grünen und Blühen der Orangerie spazieren. Eigentlich hatte sie eine Verabredung mit Freundinnen gehabt. Ein paar Leutnants waren natürlich auch bei der Partie. Man wollte mit der Bahn bis zur Kehler Brücke fahren und da im Rhein schwimmen, oder zu dem Schleusenwirtshaus am Illkanal hinausradeln, um dort Matelotte zu essen – sie wußte es selbst nicht mehr recht. Sie hatte keine Lust gehabt. Sie war einfach ferngeblieben. Sie mochte in ihrer heutigen Stimmung, die durch den Brief aus Berlin in ihr wieder wach geworden war, niemanden um sich sehen – eine Stimmung – sie hatte vorhin wieder in einem dunkelschnurrbärtigen, straffen Offizier, der rasch die Straße herunterkam, aus der Ferne Erich von Logow zu erblicken geglaubt ... sie war vor atemlosem Schrecken stehen geblieben .. sie hätte jetzt noch, nachträglich, hellauf weinen mögen vor Hilflosigkeit ... er war immer da ... er kehrte immer wieder ... er ließ sie nicht ...

Um sie war kein Mensch. Es war noch viel zu heiß für die Besucher der Gartenwirtschaft. Eine lähmende Schwüle lag in der Luft. Drüben am Bergrand, gerade über St. Odilien, verfärbte sich der Horizont bleigrau. Dort brütete ein Gewitter. Es blitzte und donnerte jetzt täglich in der breiten Ebene zwischen Vogesen und Schwarzwald. Man sah jeden Nachmittag die dunkle Wand aus stundenweiter Ferne aufziehen. Das junge Mädchen warf einen prüfenden Blick nach dem Himmel und ging dann langsam weiter. In ihrem weißen, schwarzgarnierten Sommerkleid hob sie sich, schmal und schlank, den blonden Kopf vom weißen Schirm überschattet, von den zopfig regelmäßigen Reihen der Orangen- und Zitronenbäume des altfranzösischen Parkes ab, die sich in ihren Kübeln vor den Glashäusern sonnten. Ihre Halbschuhe knirschten leise in flüchtigem Schreiten auf dem Kies des Weges. Das und das eintönige Summen der Mücken war der einzige Laut umher. Und dann etwas anderes ... hinter ihr: ein Sporenklirren, das rasch und energisch näher kam. Sie dachte sich noch: ›Ich möchte wohl wissen, wer von der Garnison jetzt da draußen bei der Hitze spazieren läuft!‹ Und fast zugleich hörte sie an ihrem linken Ohr eine helle, vergnügte Stimme: »Na – so menschenscheu, Fräulein Maxe ...«

»Oh ... Exzellenz ... Sie ...«

Olaf von Glümke nickte, gab ihr die Hand und ging neben ihr hin, als ob sich das von selbst verstünde. »Ja! Ich! Ich mußte nämlich mal wieder nach Straßburg ... Dumme Geschichten ... In meiner Eigenschaft als Gerichtsherr ...«

Es fuhr ihr, dem Soldatenkind, durch den Kopf: Seine Division ist ja in einem anderen Armeekorps! Er hat bei unserem Kommandierenden gar nichts zu suchen. Das stimmt doch nicht!

Er sprach unbekümmert weiter: »Na ... und da ich erst mit dem Abendzuge heimfahre und vorher ein bißchen frische Luft schnappen wollte ...« Er lachte plötzlich, angesichts des tiefen Mißtrauens in ihren Zügen. Er war nicht im geringsten verlegen. Der alte Schalk blitzte in seinen großen, blauen, übermütigen Augen. »Nee – also – wir wollen mal lieber hübsch bei der Wahrheit bleiben! Ist netter – nicht? Also ich saß vorhin wieder im Café am Broglie und sah Sie vorübergehen, in der Richtung hier heraus! Da dacht' ich mir: Wozu hat der Mensch die Straßenbahn? ... Vielleicht hab' ich Glück und hol' sie irgendwo ein ... Und so bin ich nun mit Gottes Hilfe hier!«

»Hatten Sie wirklich nichts Wichtigeres zu tun, Exzellenz?«

»Nein!« sagte er mit verblüffender Offenheit. »Es kam mir wie gerufen. Ich wollt' schon lange mal vernünftig mit Ihnen reden, Fräulein Maxe – wegen damals – Sie wissen schon ... Ein anderer an meiner Stelle, der wäre ja wütend, nach dem, was ihm passiert ist ... der sähe Sie gar nicht mehr an ...«

»Das verlange ich ja auch gar nicht, Exzellenz!«

»Ach – seien Sie doch nicht so schnippisch, Kind! ... Lassen Sie das doch den kleinen Mädchen! Es steht Ihnen gar nicht. Sie haben den großen Stil ... Sie sind die geborene große Dame! Ja – was ich sagen wollte ... Ich hab's mir nachträglich überlegt ... Es war natürlich eine Dummheit von mir. Ich hätte Sie nicht so überrumpeln dürfen. Ich hätte mir sagen sollen, daß man damit bei einem Dickkopf wie Ihnen nur das Gegenteil erreicht. Na – es hat eben nicht sein sollen. Ich hab's jetzt verwunden. Es war ja ein recht kräftiger Stoß gegen meine Eigenliebe. Aber ich denke jetzt ruhiger darüber. Ich bin Ihnen nicht mehr böse ...«

»Das freut mich von Herzen, Exzellenz!«

»Lassen Sie doch die ewige ›Exzellenz‹! Das ist ja gräßlich. Das ist, wie wenn ich mit einem von meinen Leutnants spreche. Ihnen gegenüber komme ich mir nicht so würdevoll vor. Sagen Sie wenigstens: Herr von Glümke!«

»Wenn Ihnen das lieber ist ...«

»Ja! Wir wollen doch wieder gute Freunde werden, wie früher! ... Wir wollen die Geschichte wegwischen aus dem Gedächtnis, nicht wahr ...? Kommen Sie ... geben Sie mir mal die Hand, Fräulein Maxe ... fürchten Sie sich doch nicht, Kind ... ich tue Ihnen doch nichts ... So ... ganz kameradschaftlich ... Und nun bilden wir uns ein, es wäre überhaupt nie etwas anderes gewesen! ... Ich hab's schon total vergessen! Sie nicht?«

Maxe Ottersleben mußte lachen.

»Ja!« sagte sie.

Sie gingen weiter. Eigentlich war jetzt auch ihr wieder leichter zumut. Nun hatte sie Olaf wieder ganz gern, wo er nicht mehr ihr Mann werden wollte. Er war doch immer der alte verrückte Kerl. Es ging Feuer und Leben von ihm aus. Sogar jetzt, wo er merklich hinkte, schritt er immer noch rascher und elastischer als im Durchschnitt einer seiner Stabsoffiziere.

»Warum ich rechts schone?« meinte er auf ihre Frage. »Einer meiner Gäule ist mit mir abgeschrammt ... heidi ins Unterholz ... Kniekaltschale an den Bäumen ... na ... ich danke ...«

»Reiten Sie denn immer noch so junge Pferde, Exzellenz?«

»Kind: wenn Sie noch mal Exzellenz sagen, kriegen Sie einen Klaps auf die Hand! Was freut Sie denn so an der Exzellenz? Sie haben's ja nicht werden wollen! Meine Pferde? ... Schade, daß ich sie Ihnen nicht mal zeigen kann! Famos! ... Woran soll ich mich denn sonst noch freuen – so 'n armer oller Kriegsknecht wie ich.«

Er schirmte die scharfen Augen mit der Rechten und blickte hinüber nach Westen in den fahlen Glanz der untergehenden, von Wetterdunst blutig verschleierten Sonne. Grau und ehrwürdig stand, weiter nach links, der mächtige Turm des Münsters, wie ein dräuendes Bollwerk und Wahrzeichen des Reiches im bleichen Abendlicht. Es war unheimlich still umher. Selbst die Vögel schwiegen.

»Ich wollte, die Rothosen kämen mal wieder 'rüber!« sagte Olaf von Glümke. »Haben sich noch eigens seinerzeit das schöne Loch in den Vogesen bei Belfort frei gelassen und benutzen es nun nicht! ... Da wüßte man doch mal, wozu man eigentlich auf der Welt ist und seinem Herrgott die Tage stiehlt. So wird man schließlich mal eingebuddelt und hat zeitlebens kein Pulver gerochen!«

Er wurde ernster.

»Mein Vater ist bei Mars-la-Tour gefallen!« versetzte er nach einer Pause. »Damals war ich ein Bengel von dreizehn Jahren. Seine letzten Worte waren: ›Grüßen Sie meine Frau und meinen Jungen! ... Er soll an mich denken und ein tüchtiger Offizier werden, an dem der König seine Freude hat! ...‹ Na ... ich hab' mir ja Mühe gegeben! Es ist ja ganz nett gegangen. Ich bin ja so weit oben! Und ich hab' so ein freches Gottvertrauen in mir: Vielleicht wird es auch noch mehr!«

»Da seien Sie doch froh, Herr von Glümke!«

»Jawohl: im Dienst, gutes Kind! ... Aber außer Dienst: Essen Sie mal jeden Tag allein zu Haus, ein Mensch wie ich, um den 'rum ewig was los sein muß! ... Ich kann doch nicht stillsitzen ... das wissen Sie doch! ... Und ins Kasino, zu den jungen Dächsen, kann ich doch nicht! ... Und des Abends: die ganze hohe Generalität ist natürlich ordnungsgemäß verheiratet! ... Will ich 'ne Menschenseele sehen, so muß ich mich zu Gast ansagen und die Beine unter fremden Tisch strecken, und sie machen noch Umstände ... äh pfui ... Mir kribbelt's manchmal in den Fingerspitzen vor Ungeduld. Sagen Sie mal: Wie lange bleiben Sie eigentlich noch in Straßburg, Fräulein Maxe?«

»Ich weiß noch nicht.«

»Mir scheint, Sie wissen überhaupt nicht recht, was aus Ihnen werden soll!«

Maxe Ottersleben antwortete nichts. Er wiederholte nach einer Weile die Frage.

»Oder haben Sie eine Ahnung, wo der liebe Gott schließlich mit Ihnen hinaus will ...?«

»Zerbrechen Sie sich doch nicht meinen Kopf, Herr von Glümke.«

Er nickte nachdenklich.

»Freilich!« sagte er. »Mich geht's nichts an ...!« Dann lachte er vor sich hin. »Erinnern Sie sich, wie Sie damals im Wald, im Winter nach der Felddienstübung, böse waren, wie ich Sie frug, wann die blonde Maxe heiraten würde? Ach ... ich fürchte, die blonde Maxe heiratet überhaupt nicht!«

»Ich glaub's auch!« sagte das junge Mädchen.

»Ja, aber erlauben Sie mal ... das ist doch ...«

»Was denn, Exzellenz?«

»Nichts ... nichts ... Wenn Sie ›Exzellenz‹ sagen, bin ich schon still ... ich rede keinen Ton mehr ... ich denke mir für mich mein Teil ...«

»Das kann ich nicht verhindern! Aber lassen Sie mir jetzt bitte meine Ruhe ...«

Er schwieg. Er schüttelte den Kopf, als wollte er sagen: »Irgend etwas ist da nicht in Ordnung!« Sie hatten den Ausgang der Orangerie erreicht. Er blieb stehen und blickte sie von der Seite an: »Mein Gott ja ...« sprach er förmlich andächtig. »Wie sehen Sie aus ... Schon jetzt da in dem schlichten Hundstagfähnchen. Wie haben Sie sich in den zwei Jahren herausgemacht! ... Wer hätte geahnt, daß Sie so schön werden würden ...«

»Exzellenz ... nun aber bitte ...« Er beachtete es nicht. Er ließ das Auge verloren auf ihr ruhen.

»Ich bin der einzige gewesen, der's gewußt hat, Fräulein Maxe ...« sagte er langsam. »Immer ... Sie wären wie geschaffen gewesen zu ... na ... lassen wir's! ... Es hilft ja nichts!«

Stumm gingen sie nebeneinander weiter, den breiten Weg hinab, den Blick auf das Häusermeer Straßburgs in der Ferne, über dessen Giebeln schon scheinbar greifbar noch das Unwetter lastete. Aus dieser Stille vor dem Sturm, der Verfinsterung umher, dem Verschwimmen von Licht und Schatten in einer sonderbaren schwefelgelben Dämmerung ward in ihnen, zwischen ihnen eine Beklommenheit wach. Sie mußten sich eilen, um dem Regen zu entfliehen. Sie machten lange Schritte. Einmal frug er: »Geht's zu schnell?« Sie verneinte und fuhr nervös bei einem roten Blitzgeschlängel in der schwarzen Wolkenwand vor ihnen zusammen. Wieder war das Schweigen. In ihm ihre gleichmäßigen Tritte, ein schwerer Windstoß, der heulend Staubwolken aufpeitschte und drüben die uralten Baumkronen des Contades zauste und schüttelte, die ersten Tropfen – in Maxe Ottersleben eine eigene Empfindung: Es ist doch manchmal gut, sich unter Schutz und Schirm zu wissen. Manchmal fürchtet man sich doch allein ...

Aber nun hatten sie schon die Stadt erreicht. Olaf von Glümke blieb stehen.

»Ich will Sie lieber hier von meiner Gegenwart befreien!« sagte er. »Es ist besser, wir marschieren nicht so nebeneinander durch alle Straßen! Gruß zu Hause! Adieu, Fräulein Maxe ...!«

»Adieu!«

Sie reichte ihm rasch, mit einem freundlichen Lächeln die Hand. Er merkte, daß sie wie erlöst war bei dem Gedanken, von ihm wegzukommen. Er schaute ihr nach, wie sie den Bürgeisteig hinabeilte und mit gesenktem Haupt gegen die Windstöße ankämpfte. Ihre mädchenhafte Gestalt bog sich in einer schlanken Linie nach vorne, ihr weißes Kleid flatterte und flog. Nun war sie um die Ecke ... Da seufzte er und setzte seinen Weg einsam fort.

Maxe von Ottersleben stand unterdessen schon daheim am Fenster und sah in das Rauschen des Wolkenbruchs hinaus. Die Begegnung in der Orangerie war ihr schon wieder wie im Winde draußen verflogen, ihr Eindruck auf sie wie weggewaschen durch diese strömenden Fluten. Sie mußte immer an etwas anderes denken: an den flüchtigen Satz in dem Briefe Logows von heute früh: ›Hoffentlich hat sich Maxe bei Euch gut eingelebt.‹ Es waren kurze Worte. Ganz er selbst. Hart. Kalt. Willensbewußt. Es gab für ihn eine Grenze. Die war aufgerichtet. Die blieb. Und sie hob trotzig den blonden Kopf. Was er konnte, konnte sie auch! Erst recht! Aus eigener Kraft!

»Na, Maxe!« sagte an einem der nächsten Tage Frau von Ottersleben mit einem mütterlichen Lächeln. »Nun wird's Zeit, daß wir uns nach einem hübschen Kleid für dich umtun!«

Sie zeigte ihrer Nichte einen heute gekommenen Brief des Bruders Otto, des Feldartilleristen und glücklichen Bräutigams, mit der Einladung an sie alle drei zur Hochzeit nach Berlin. Der Tag war nun festgesetzt: der erste Oktober. Natürlich, der Trauer wegen, nur eine kleine Feier, lediglich im Kreise der beiderseitigen Verwandten. Aber ein bißchen Freude und Frohsinn sollte doch herrschen. Das hätte der gute Papa, wenn er es hätte voraussehen können, gewiß selbst am meisten gewünscht. Deswegen sollte, nach allgemeinem Familienübereinkommen, für diesen Tag die Halbtrauer abgelegt und etwas Buntes getragen werden.

»Ich meine, wir wählen für dich Hellgrün!« schlug die Tante vor, »es steht dir gewiß ganz apart!«

»Ja. Ich werde Grün nehmen!« sagte Maxe Ottersleben. Ihr Herz schlug ruhig. Sie war gefaßt auf dies Wiedersehen mit Erich von Logow. Sie hatte den Zeitpunkt ja unerbittlich heranrücken sehen, den ganzen Sommer lang, durch Wochen und Monate. Es gab keinen möglichen Grund, abzusagen und als Schwester nicht zur Hochzeit zu fahren. Es mußte eben überstanden werden. Zum Glück ließ Onkel Bruno – das wußte sie – sein neues Regiment nicht eine Minute länger als unbedingt nötig im Stich. Sie war also nur kurze Zeit mit dem Oberst von Ottersleben und seiner Frau dort drüben in Berlin. Es war vielleicht nicht mehr als ein einziger schwerer Tag ...

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