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Gertrud Prellwitz: Drude - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorGertrud Prellwitz
titleDrude
publisherMaien-Verlag
printrun21.-40. Tausend
editor
year1921
firstpub1920
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150219
projectide77bcd42
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Viertes Kapitel

O diese Mainacht!

Drude stand am Fenster des Korridors. Sie hatte Frau Hell schon Gutenacht gesagt und allen andern und war im Begriff, in ihr Zimmer zu gehen. Aber vom Korridorfenster sah man gerade in die schimmernde Herrlichkeit der Frühlingsblüten hinein. Es wogte, es bebte, es war so selig in sich – es rief, es rief doch?

Auf einmal stand Friedel neben ihr. Nicht wahr? sagte er leise. Drude nickte.

Sie setzten sich jeder in eine Ecke des Fensterbrettes und lauschten hinaus.

Es war eine sehr helle Nacht, und ganz still.

Auf einmal sagte Drude: Weißt du was?

Ja –! sagte Friedel.

Das ist so schön, – so schön, – da tugendhaft um neun Uhr schlafen zu gehn, bloß weil man soll –

Nicht –? sagte Friedel ermunternd.

Und Drude ergänzte: Da ist doch die Tugend so übertrieben, – das ist schon wieder Frevel!

Wollen wir –? fragte Friedel leise.

Aber Erika und Dora auch, sagte Drude.

Ja, die noch, aber sonst keiner. Aber wenn's rauskommt?

Wenn's rauskommt, kann ich's ja auf mich nehmen. Denn, weißt du, Friedel, ich muß einmal einen dummen Streich machen.

Na, ich denke, du hast bei Fräulein Meunier schon genug dumme Streiche gemacht? Ich habe so was gehört.

Gar nicht! Was denkst du? Eklig war ich. Aber schöne, poetische verbotene Streiche? An die man nachher noch lange mit Freude denkt? Nicht einen. Es lockte doch auch gar nicht, mit ihr etwas zu haben! Das Gefährliche hatte doch gar keinen Reiz.

Aber bei Frau Hell –? sagte Friedel.

Drude duckte sich ein bißchen und lachte.

Drude, Drude, sagte Friedel, Frau Hell kann sehr böse werden!

Wirklich? Ob sie dann ähnlich ist wie Tante Gertrud? Sie gleicht ihr nämlich etwas, wenn über Tante Gertrud der heilige Zorn kommt –

Frau Hell kann ganz kalt werden.

Kalt?! Herrgott, das ist schrecklich! Nein, Tante Gertrud wird wie ein feuerspeiender Berg. Kalt – Friedel, vielleicht gehen wir doch lieber schlafen. – Na, schlafen kann ich aber nicht! sagte sie trotzig.

Nein, schlafen kann man nicht! sagte auch Friedel überzeugt.

Und vorläufig blieben sie sitzen und waren wieder ganz still.

Nein, sagte Drude leise; schlafen, das ist Sünde.

Sie lauschten den Stimmen, die aus dem Walde kamen. Und der feierlichen Stille oben am Himmel –

Und sahen sich an. Dann sagte Friedel leise: Wir müßten aber die andern nicht mitnehmen, – wozu eigentlich?

Komm! sagte Drude, und leise, leise ging es die Treppen hinunter, leise, leise öffneten sie die Klassentür – die Klasse lag nämlich zu ebener Erde – leise machten sie das Fenster auf, und glitten hinaus.

Ach, wie unsagbar schön!

Ach – Gott –!

Ganz leise traten sie auf. Auch als sie schon längst aus dem Bereich der Häuser waren. Nicht aus Vorsicht; nein, aus Ehrfurcht.

Wie hell die Nacht war! Und so geheimnisvoll weit und feierlich – weißt du, sagte Drude, ich glaube, daß es überhaupt ein Irrtum ist!

Was?

Daß diese Nacht zum Schlafen gemeint ist. Eine große, ganz heilige Feier der Erde ist diese Nacht. Ganz zum Mit-Erleben gemeint!

Eben, sagte Friedel, trat aus dem Schatten der Bäume recht ins Helle und fing an, etwas zu schreiben.

Na ja, sagte Drude mit tiefer Billigung. Und ging eine Weile still für sich.

Wie wunderbar selig jetzt die Verklärten sein mögen – die sie die Toten nennen. Mutter –! Mutter –! Ihr schwoll so ahnungsreich und sehnsüchtig das Herz. Ach, alles ist ja Himmel geworden!

Jetzt kam Friedel wieder. Befriedigt nach vollbrachter Tat.

Ein Käuzchen rief im Walde, und dann klang rührend eines verschlafenen kleinen Vogels Stimme –

Es war alles noch so unsäglich zart im Buchenwalde. Immer noch brachen aus den braunen Hüllen die Büschel von jungen Blättern, die mit den feinen, glänzenden Härchen bedeckt waren, seidig und zart wie Kinderhärchen.

Ob die Bäume leiden, wenn an ihren Blättern gefressen wird? fragte Drude. Es gibt so viel Maikäfer dies Jahr.

Alles leidet doch, wenn es gefressen wird, sagte Friedel.

Ich weiß nicht, du – Vielleicht ist das sehr menschlich gesehen, oder, weißt du, tierisch gesehen. Der Pflanzen Leben ist doch ganz anders! Manchmal habe ich so die Vorstellung, ihr Lebensgefühl wird nur erhöht, wenn an ihnen herumgeknabbert wird.

Ach, du meinst, wie man sich freut, wenn man an einen verschorften Mückenstich kommt? Daß man den wieder aufkratzen kann?

Na, hör mal, du scheinst deine Mückenstiche ja gut zu behandeln; wann heilen die denn?

Manche erst zu Weihnachten. Aber was hast du sagen wollen vom Pflanzenleben? fragte Friedel, brennend interessiert.

Ja, sieh, es steht doch still und muß geduldig sein, kann sich nicht bewegen; es wurzelt in der Erde, ach Gott, und muß geduldig sein – es möchte doch mit teilhaben an dem vielfältigen Leben!

Ja, sagte Fredel, das ist auch wahr.

Die Blüten jedenfalls, sagte Drude, sind selig, wenn die Käfer kommen und die Bienen.

Aber da wird auch nichts zerstört, sondern befruchtet, antwortete Friedel.

– Ja! sagte Drude sinnend; aber wenn wir Blüten abpflücken, da wird auch »zerstört«, wie du sagst, und ich habe immer das Gefühl, die Blüten freuen sich, wenn sie mitkommen dürfen und geliebt werden und erleben können. So freuen sich vielleicht auch die Blätter, wenn sie von den Maikäfern gefressen werden. Es ist doch etwas anderes! es ist doch das Leben!

Sie waren eine lange Weile still. Ach Gott – das Leben!

 

Und dann fing Drude wieder an. Wie ihnen wohl ist, wenn die Sterne durch sie hindurchscheinen?

Glaubst du, daß die Bäume fühlen, wenn die Sterne durch sie hindurchscheinen?

Weißt du, ich glaube: alles fühlt alles. So unfühlend sind nur wir Menschen, und wir auch nur, weil wir eben etwas anderes fühlen, das uns in Anspruch nimmt. All dies Nahe, weißt du, die Tagespflicht. Das deckt alles so zu. Ich glaube an gar kein Unfühlendsein.

Da fragte Friedel aufgeregt: wo hast du das her, Drude?

Damit bin ich aufgewachsen. Bei uns zu Hause, – schon wie wir kleine Kinder waren, – wenn wir zusammen spazieren gingen, dann sagten die Großen auf einmal (da, wo es recht schön war!): Jetzt müssen aber die Kinderchen nicht reden, sonst können wir ja nicht hören, was die Natur redet. Dann waren wir alle ganz still, und uns wurde so weit und froh ums Herz. – Und dann hab ich auch meinen Vater und Tante Gertrud sehr oft sagen hören, daß alles lebendig ist. Nur ganz anders lebendig als der Mensch. Und sie haben sich oft darüber unterhalten, wie wohl das Lebensgefühl der andern sein mag. Nur, weißt du, ich konnte das ja noch nicht verstehen –

Hör, Drude, das sind aber alles Künstler da bei euch, und die legen das doch in die Natur hinein! Das Hineinlegen, das macht eben den Künstler aus! Das habe ich oft gehört.

Mein Vater sagt anders. Der sagt: Die Künstler sehen so, weil es eben wirklich drin ist! Die andern Menschen stecken nur meistens so tief in sich selbst und in dem Menschlichen, da können sie nicht fühlen, was außer dem Menschlichen ist. Ein rechter Künstler ist feiner organisiert, da fühlt er über sich selbst hinaus, darum wird ihm die Welt von innen her lebendig, da zeigt sich ihm das Wirkliche!

Das ist so schön, Drude, daß man beinahe ertrinken könnte an der Welt!

Na ja, Friedel –! Komm, wir gehen unter die Blütenbäume; wir stellen uns ganz hinein, und dann sind wir still; und fühlen, ja?

Und das taten sie.

Und sie wurden umhüllt von dem Blütengeheimnis, und ganz davon durchwoben, – und ihre Herzen klopften.

Sie träumen von der Sonne, sagte Friedel leise. Drude nickte.

Und Friedel fing wieder an: Glaubst du, daß sie richtig schlafen, wie wir? in der Nacht?

Nein, sagte Drude bestimmt. Eher sind sie wacher als am Tage.

Wieso?

Ich weiß nicht, sagte Drude. Und lachte verlegen. Ich weiß nicht, – das fiel mir so ein. Sie wollte noch sagen: Weshalb sollen sie schlafen? wovon sollen sie wohl müde werden? Aber es kam ihr so oberflächlich vor, das zu sagen.

Du meinst, weil sie ja am Tage etwas berauscht sein müssen von der Sonne? forschte Friedel.

Vom Sonne-berauscht-sein wird man ja gerade müde, sagte Drude nachdenklich, – und von dem vielen Lichttrinken. Ich weiß nicht –

Was meintest du denn? forschte Friedel.

Ach, weißt du, ich meinte vielleicht: Am Tage widmen sie sich doch ganz nur der Sonne. Sie wissen und wollen doch nichts als Sonne –

Na, sagte Friedel, und Wind, und Insekten, oder Regen.

Ach, du hast recht, sagte Drude. Sie haben freilich sehr viel zu erleben auch am Tage. Es ist wahr.

Was wolltest du denn sagen? Friedel ließ nun nicht Ruhe.

In der Nacht, ja, da kommen doch alle himmlischen Wunder zu ihnen! Von allen den Sternen die Strahlen, die werden sie doch viel tiefer erleben als wir, hingegeben wie sie sind, – wir sind doch immer gehemmt – da geht ihnen doch ein ganz unendliches Leben auf. Deshalb dachte ich: sie sind dann wacher als am Tage. Aber ich weiß ja nicht.

Aber sieh mal, sagte Friedel, am Tage kommen die ja auch zu ihnen. Nur wir sehen sie nicht, weil uns eben auch die Sonne alles überstrahlt. Sie sind doch aber ganz anders organisiert. – Friedel hatte etwas gelernt. Drude schwieg betroffen.

Man weiß sehr wenig von der Welt, seufzte sie dann. Und Friedel nickte.

Ach, weißt du, aber das schadet nichts, sagte sie. Sieh mal, es ist so schön, zu denken, daß die Welt viel, viel reicher ist, als man vorläufig fassen kann.

Ja! ja! sagte Drude, nicht wahr? Und wir werden schon jeden Tag ein wenig davon erfassen! Jeden Tag ein wenig – Weißt du, es lohnt so zu leben, nicht?

Und dann waren sie wieder ganz still. Und lauschten auf das Weben des Blütenlebens.

Pflanzen sind doch unsern Seelen sehr verwandt, fing Drude auf einmal wieder an. Und die sind ja auch in der Nacht so wunderbar wach für alle Sternenfernen –

Aber sie schlafen doch in der Nacht!

Nein, Friedel! es schläft nur das Bewußtsein! wer weiß, was unsere wunderbare Seele tut!

Ach! sagte Friedel.

Die ist viel himmlischer als das Bewußtsein. Friedel, vielleicht muß der rohe Erdenknecht, das plumpe, grobe Sinnenbewußtsein, das immer so täppisch herumtastet und dabei doch noch den Herrn spielen will, weißt du, vielleicht muß es extra sich hinlegen und schlafen, damit die himmlische Seele dann befreit ist, und gehn kann, wohin sie will!

Ach Gott, du! sagte Friedel sehnsüchtig. Zu den Sternen fliegen und sehen, wie es da ist!

Ja, und mit wunderbaren Gefährten spielen, auf Himmelswiesen, wie Schmetterlinge! sagte Drude.

– Sie blickten immer durch die Blüten in die Sterne und stammelten mit kindlich ahnungsvoller Seele ihre sehnsuchtsreichen Träume.

 

Und wie es am schönsten war, sagte auf einmal Friedel: Ach Gott, was wird bloß Frau Hell sagen!

Aber du, sie braucht es doch nicht zu merken!

Frau Hell merkt alles.

Aber Friedel –! ängstigte sich nun auch Drude auf einmal, weißt du, aber jetzt müssen wir glücklich sein! Sonst ist's eine Verschwendung.

Ja, natürlich, sagte Friedel. Jetzt wenigstens glücklich sein!

Noch einmal, auf dem Rückwege, tranken sie ihre Seelen mit Freude und Andacht voll bis zum Rande – dann stiegen sie leise durchs Fenster und schlichen auf Fußspitzen die Treppen hinauf.

Ja, und als Drude in ihr Zimmer kam, da lag auf ihrem Bett ein Zettelchen von Frau Hells Hand: Gute Nacht, Drude! Ach, wie sie erschrak!

Huh! was wird das werden! dachte sie und kroch herzklopfend unter ihre Decke. –

Und am nächsten Tage stand Drude vor Frau Hell.

Und die hohe Frau sprach mit großer Bestimmtheit davon, welch ein Vertrauensbruch das gewesen war, was Drude begangen. In einer Welt, in der die Freiheit ungerecht beschnitten wird, in der ein liebeloses Mißtrauen den frischen Überschwang der Jugend überall einengt, kann solch ein heimliches Übertreten eines Gebotes etwas Entschuldbares, ja Liebenswertes sein. In einer Welt aber, in der alles auf Vertrauen gestellt ist, ist es eben ein Vertrauensbruch; darum nicht ehrenhaft.

Drude wurde bleich. Und sagte nichts. So daß sie Frau Hell nun leid tat. Seelische Strafen, wie solch eine Ansprache, sind ja an Wirkung so sehr verschieden, je nach der Empfänglichkeit der Seele, die sie aufnimmt. Daß sie nur nicht zu hart war mit dem feinfühligen Geschöpfchen!

Ich weiß ja nicht, aus was für einer Umgebung du kommst, Drude. Es ist ja möglich, daß es dort eben einfach zum Stil gehörte, lustige verbotene Streiche zu machen?

Nein, sagte Drude.

Wie? Der Ton war aufmunternd und werbend.

Nein, nein, eben gar nicht, fuhr es dann auch heraus. Ich habe ja eben in meinem ganzen Leben noch keine verbotenen Streiche machen können! Eben deshalb, weil bei uns zu Hause immer die Großen mit uns auf einer Seite waren, wir haben so herrliche Mondscheinspaziergänge gemacht, – aber die Großen gingen eben mit. Wir durften uns sogar ausziehn im Walde und das Häuflein Kleider im Dunkeln liegen lassen und ganz selig im Mondschein tanzen. Sogar im Winter, in den hellen Adventsnächten, bei uns im Walde, in der Birkenallee. Und im Sommer durften wir auch draußen schlafen, unter dem Sternenhimmel, auf dem Dach der Werkhalle. Aber das taten wir alles nicht heimlich, das durften wir.

Und du wolltest doch so sehr gern endlich einmal etwas Verbotenes tun?

Ja! sagte Drude, halb lachend, halb bittend.

Du bist ein rechter Kindskopf, Drude. Na, hast du dich nun ordentlich ausgetobt?

Ja, sagte Drude.

So, was hast du denn gemacht? mit wem warst du denn fort?

Mit Friedel.

Mit Friedel –?! Frau Hell lächelte gerührt. Na, und was habt ihr denn gemacht? Drude sah nun schon an dem Gesicht der geliebten Frau, daß alles eine gute Wendung nehmen werde und kam ganz fröhlich in Zug: Friedel hat gedichtet. Und ich – ich –

Nun?

Es war so hell und still! Es war alles so voll Himmel! Es war, als könnte man die seligen Himmelslieder alle hören. Meine süße Mutter ist dort. – Und dann standen wir mitten in einem Blütenbaum, und wir dachten darüber nach, ob die Blüten schlafen und von der Sonne träumen, oder ob sie wachen und die Sternenstrahlen fühlen.

Nun? und zu welchem Schluß seid ihr gelangt? Ich weiß das leider nicht.

Wir wissen es auch nicht –

Frau Hell lächelte.

Aber meine Mutter sagte – fing Drude wieder an.

Was sagte deine Mutter? liebe Drude!

Meine Mutter, die so früh starb und die ganz unsäglich entzückend war, die sagte abends immer zu uns, wenn sie uns Gutenacht sagte: Nun schlaft schnell ein, meine Kinderchen, damit ihr ins Helle fliegt! Ja – Sie meinte, unsre wunderbare Seele, die fliegt in der Nacht nach Hause. Das dunkle Erdendasein, wo man sich so mühen muß, ist immer nur ein Stückchen Arbeitstag. Dazwischen darf man nach Hause ins heimatliche Licht.

Drude lächelte weh und beglückt. Und über der Erinnerung vergaß sie, was sie hatte sagen wollen. Und Frau Hell wartete.

Das ist wirklich ganz entzückend, fing sie dann an, aber was hat das nun mit den Blüten zu tun?

Nun, Blumen sind doch so ähnlich wie Seelen? Nicht wahr? fragte Drude ein wenig verlegen.

Mein Gott, dies Kind, dachte Frau Hell. Das ist ja eine ganz holde kleine Dichterin!

Ja, Blumen sind wie Seelen; was sie leben, lebt im Unendlichen, sagte Drude nun zuversichtlich. Und da steigt es wohl auf und ab, am Tage das sonnenbeleuchtete Nahe, in der Nacht das weite Schweben durch Sternensphären. Vielleicht – ich weiß ja nicht. – Etwas an ihnen schläft vielleicht auch. Das, was den ganzen Tag so sehr arbeitet, Sonne einzusaugen, um dann Früchte zu reifen. Das ist ja richtig Erden-Arbeit und macht gewiß müde. Ich weiß ja nicht – lächelte sie verlegen.

Frau Hell saß eine Weile still und sann. Und sagte dann: Meine liebe Drude, hör mir zu. Wenn du schon so viel Gutes in deinem Leben gehört hast, daß du solche Dinge spinnen kannst, dann ist es eine große Verantwortung. Dann müßtest du gar nicht so einfach gehn und Dummheiten machen. Sieh, solch ein Werk wie diese Schule lebt aus einer Idee, welche Idee das ist, darüber werden wir uns noch oft und oft und oft unterhalten. Es ist eben die Idee der Werdewelt selbst. Denn diese Schule muß sein wie ein Stück einer vollkommeneren Welt in dieser großen, noch sehr unvollkommenen Werdewelt, in der wir leben, viel Gutes will hier ausprobiert werden. Und will als Kraft in den Seelen ausgebildet werden, damit es nachher mit ihnen gehen kann und ins Menschenland wirken. Nun gib acht, Drude! du mußt eine von denen sein, die die Idee der Schule austragen!

Nicht alle können das, fuhr sie nach einer Pause fort, wie es draußen in der Welt immer nur ganz wenige sind, die bewußt und wollend leben – die übrigen lassen sich treiben – so ist das auch in dieser kleinen Welt. Du mußt bewußt das Gute wollen. Nicht nur für dich, sondern für das Ganze. Fühlst du's?

Ach Gott, sagte Drude.

Du fühlst es doch, Drude?

Vielleicht kommt es mit der Zeit, sagte Drude leise.

Du willst dich vorher noch ein Weilchen austoben? Noch ein bißchen leichtfertig und lose und liederlich sein, du Unband? sagte Frau Hell.

Drude sah sie ängstlich an. Ob die schlimmen Worte alle ganz ernst gemeint waren? Aber nein, Frau Hell lachte ganz liebevoll.

Da fing Drude an: Meine Mutter sagte –

Was sagte deine Mutter? Drude? fragte Frau Hell weich.

Man muß immer so gut sein, wie man kann.

Nun, dabei wollen wir es bewenden lassen, mein Kind. Mein liebes Kind. Frau Heil küßte sie. Drude schlang beide Arme um den Hals der geliebten, herrlichen Frau. Ach, wie danke ich Ihnen!

Frau Hell umfaßte sie liebend: Ja, und mit der Zeit, weißt du, Drude, wenn es so allmählich wächst: das Gut-sein-wollen, das Mit-schaffen-wollen, so daß wir rechte Freunde werden, dann darfst du zu mir auch du sagen und Edine.

Drude jauchzte. Mutter Edine? fragte sie dann leise.

Und Frau Hell nickte.

Da brach Drude plötzlich in Tränen aus – sie wußte selbst nicht, war es Glück, oder war es wehe Sehnsucht –

Ach Gott, das Leben!

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