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Gertrud Prellwitz: Drude - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorGertrud Prellwitz
titleDrude
publisherMaien-Verlag
printrun21.-40. Tausend
editor
year1921
firstpub1920
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150219
projectide77bcd42
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Drittes Kapitel

Es machte Drude ein wenig Kummer, – nein, es machte ihr ernsten Kummer, daß sie Herrn Gehrke nicht näher kam. Sie hatte keine Stunden bei ihm. Es schien, daß er nur selten Stunden gab. Aber konnte er sich nicht ein wenig um sie kümmern? Ihr Wesen schien ihm wohl nicht angenehm zu sein? Wie konnte es auch! Strahlte sie etwa von Wärme und Güte wie Marianne?

Marianne war Frau Hells Tochter. Sechzehnjährig wie Drude; rosig, blauäugig und sonnenhaft, wie ein blühender Apfelbaum, durch den der Frühlingshimmel scheint. Und Drude hatte immer einen kleinen Schmerz, wenn sie sie sah. Denn sie war einfach überströmend von Liebe. Ganz hemmungslos schien sie in sich, – wo doch Drude immer kämpfen mußte. Und diese Marianne ging immer zu Herrn Gehrke, und war um ihn mit tausend kleinen liebreichen Diensten, wie eine Tochter zugleich und wie eine Mutter, – gerade so wie Drude es so gern, so gern getan hätte.

Einmal saß Drude vor Herrn Gehrkes Haus und grollte. Denn eben war Marianne wieder hineingegangen. Sie grollte, aber eigentlich nicht mit Marianne, sondern mit sich selber. Saß sie nicht hier und war neidisch? Richtig neidisch auf Mariannens blühende Freundlichkeit? Ja und eifersüchtig, richtig eifersüchtig auf ihre Freundschaft mit den goldenen Augen? Ach Gott, und hatte nicht ihre süße Mutter einst so ernst zu ihr gesagt: Das erste Zeichen, Drude, daß jemand zur höheren, reineren Welt gehört, ist, daß er Eifersucht gar nicht mehr kennt? Na ja. Ich gehöre eben nicht ganz dazu. Ich weiß es ja längst.

Wahrhaftigkeit und Liebe, sagten sie zu Hause, die müßte man haben. Wahrhaftigkeit, na, da ging es noch. Aber Liebe? ach Gott. Immer fuhr ihr auf einmal eine ablehnende, ja feindliche Kritik in alle Herzenswärme hinein, wie ein kalter Wind. Wo der nur herkam?

Da ging Frau Gehrke vorüber. Sie, die immer tätig, eifrig und gütig war. Drude grüßte ehrerbietig, und Frau Gehrke fragte: Ist Marianne hineingegangen, ja?

Ja –! sagte Drude, und es klang wie ein schwerer Vorwurf. Frau Gehrke sah sie betroffen an, dann lächelte sie herzlich: Ja, und wie dankbar sind wir dafür, daß sie meinen Mann so umsorgt! Nicht wahr? Er braucht das so, er ist wie ein großes Kind. Und für mich, sehn Sie, Drude, gibt es jetzt immer mehr und mehr Arbeit, in dem Riesenhaushalt, nun mit den Wirtschaftsschwierigkeiten, die durch den Krieg kommen. Nicht wahr, man muß Marianne recht dankbar sein? Und sie nickte Drude freundlich zu, und fort war sie.

Drude sah ihr nach und lächelte. Und schämte sich, und freute sich. Und hatte das Gefühl, daß sie für diese Frau durchs Feuer gehen könnte.

 

Aber mit der Zeit entdeckte Drude etwas Herrliches: daß man von einer Stelle im Walde heimlich zusehen konnte, wenn Herr Gehrke seine Tiere fütterte. Und das tat sie nun oft – und da ging ihr eine ganze Welt von heimlicher Freude auf. Manchmal war Marianne bei ihm und durfte helfen. Aber Drude wollte nun nicht mehr neidisch sein.

 

Eines Tages hieß es: Heute ist Schulgemeinde. Und da war es eine Versammlung von allen Lehrern und Schülern, und es wurden viele Dinge besprochen, die die Schule betrafen. Und es erstaunte Drude sehr, wie diese jungen Menschen alle reden durften vor den Lehrern! So, als käme es auf ihre Meinung wirklich an! Und sie redeten auch so frei und sicher. Nun ja, natürlich! wenn es beachtet wurde!

Und das war ihr etwas ganz Neues. Zu Hause war das nie so gewesen, wenn man zu Hause die Kinder um ihre Meinung gefragt hatte, oder ihnen zugehört hatte, wie sie sie von selber sagten, so war es doch immer, um zu leiten. Man fühlte sich verantwortlich für sie. Hier standen die Kinder wie selbständige Wesen da, mit eigener Verantwortung.

Das war ihr neu und aufregend, wie man sich zusammennehmen mußte, dachte sie. Es wird aber sehr lange dauern, bis ich in der Schulgemeinde mitrede, so meinte Drude. Die Dinge, die die ersten Male verhandelt wurden, waren ihr ja auch alle neu. Sie lernte das ja alles erst allmählich kennen. Aber einmal hieß es: über Tierehalten sollten die Meinungen sich äußern. Es wurden von einigen Schülern mit Leidenschaft Tiere gehalten, und einige andere waren heftig dagegen. Drude horchte auf. Na, aber Herr Gehrke! wenn der doch immer Tiere hielt? da konnte man doch nicht einfach dagegen sein?

Und dann redeten sie. Die einen dafür, die andern einfach dagegen. Sie sah zu Herrn Gehrke hinüber. Der saß still und sagte nichts. Und sie redeten, wie es schien, ganz ohne Rücksicht auf ihn. Und er schiens zufrieden. Aber sie redeten so um die Sache herum, so oberflächlich, so von außen her, so ohne das Tiefere zu ahnen – das ärgerte sie. Ob Marianne nicht etwas sagen wird? Nein, Marianne saß da, ruhig und freundlich wie immer, und ein wenig lächelnd. So als wüßte sie etwas, und sagte es nicht. Aber Drude ärgerte sich, wenn Schulgemeinde Sinn haben soll, muß man nicht sitzen und still sein, wenn man etwas besser weiß, – und plötzlich hatte sie sich gemeldet und wurde aufgerufen.

Sie war dann selbst ganz erschrocken. Denn wie sollte sie es nur herausbringen! Aber das ging gar nicht, daß das Tiefe, Schöne einfach nicht zu Wort kam und nur das Äußerliche gesagt wurde, – dafür oder dagegen.

Und sie fing an: daß alle die, die über Tierehalten heute gesprochen hätten, gar nicht wüßten, was es eigentlich sei, was es eigentlich sein müßte, wenn es überhaupt erlaubt sei. Denn Tiere müßten frei sein, lieber auch in Freiheit umkommen, in der schönen, wilden, gefahrvollen, heimatlichen Freiheit, als so im Käfig ein ärmliches, erbärmliches Wohlleben haben.

Wenn einer das Recht haben will, Tiere zu halten, dann muß er ihnen etwas geben können, was viel mehr ist als Sicherheit und Futter. Dann muß er ihnen –

Drude stockte. Wie sollte, wie sollte man es nur herausbekommen! Aber nun blickten alle auf sie und warteten, und Marianne strahlte, und es war, als ob ihr Blick half, und Drude raffte sich, und sie glühte, und sie sagte: All die herrliche Lebensinbrunst, die die Tiere draußen haben, und die ihnen nun fehlt, die muß ihnen ersetzt werden dadurch, daß ein Band sich schlingt zwischen der Seele des Menschen und der Seele des Tieres. So daß es etwas Helles und Herrliches fühlt, was es in der Freiheit niemals zu fühlen bekommen hätte: ein ganz neues, ganz wundervolles Lebensgefühl, eine neue Naturkraft, – die Seelenliebe.

Und das ist für den Menschen selbst etwas ganz Wundervolles, nicht etwa ein Vergnügen, eine Unterhaltung oder eine interessante Studie, – aber nein, das ist eine fromme Feier, ein Naturkult. Ja. Eine Mysterienfeier.

Und dann wurde Drude plötzlich blutrot, und dann setzte sie sich und dachte: wie dumm! wie dumm! wie konnte ich das bloß sagen! Wie kann man nur so große Worte brauchen! Ich! Bei uns zu Hause sagen sie solche Worte – aber ich darf doch solche Worte nicht brauchen!

Und sie sah stracks vor sich hin und hob die Augen nicht auf. Was werden sie nur denken! Gewiß sehen sie sich an und feixen.

Aber es lachte keiner. Aller Augen ruhten still und staunend auf ihr, und auf Herrn Gehrke.

Und es ging auf einmal etwas durch den Saal, wie eine Erkenntnis: daß von dem schönen, lebendigen und wahrhaftigen Geist der Anstalt ein gut Teil diesem stillen Naturkult zu verdanken sei, dieser frommen Feier, dir der stille, seelenvolle Mensch, dessen Werk die Schule war, täglich bei seinen Waldtieren verlebte.

Endlich wagte Drude heimlich aufzusehen und schielte zu Herrn Gehrke hinüber. Da sah sie ein feines Lächeln auf seinen Lippen, und seinen goldenen Blick voll und warm auf ihr ruhen. Da wurde sie so froh!

Ach, es war zu schade, daß man nie an ihn herankonnte!

Ja, aber dann kam ein Tag, da mußte sie zu ihm hinüber und vor ihm stehn – ach, und da war es solch eine Schande! Das kam so. Mit der Romanin gab es immer mehr Konflikte. Denn immer, wenn sie etwas sagte, bemerkte Drude gleich eine Möglichkeit, das viel tiefer, viel echter, viel richtiger, bedeutsamer zu fassen. Und dann machte sie ihre kritischen Augen. Aber das reizte die Lehrerin, und sie warb mit um so größerem Eifer darum, Drudes Liebe zu gewinnen. Und desto abweisender wurde Drude. Sie wollte gar nicht, sie schämte sich, sie kränkte sich: Wo sie doch so nett ist! Aber sie ist zu flach, zu flach, es ist ja nicht zum Aushalten, in was für eine Linie sie einen bannt! Nichts kommt zu seinem Recht, worüber sie auch spricht. – Der Gegensatz der Naturen war zu groß, und eines Tages ging Fräulein Meunier zu Herrn Gehrke und sprach den Wunsch aus, Drude nicht mehr in der Familie zu haben.

Als sie Drude das sagte, durchfuhr es die: Das ist gar nicht wahr, das ist nur Politik! sie will mich ja haben! Angst machen will sie mir, kleinkriegen will sie mich, ducken soll ich mich.

Na ja, und nun mußte sie zu Herrn Gehrke.

Das war nun das erste Mal, daß sie wieder allein mit ihm war, seit jenem Tage der Ankunft. Worauf sie sich so gefreut hatte, – so wurde das nun. Von einer Freundschaft hatte sie geträumt mit den goldenen Augen, und nun mußte sie antreten, um gescholten zu werden. Und ihre Seele war ganz verzagt und voll Trotz.

Und als sie vor Herrn Gehrke stand, wartete sie gar nicht ab, daß er erst etwas sagte, sondern sie gab gleich Antwort: Ja, ich weiß.

Was wissen Sie? Drude –? Ach Gott, wie gut seine Stimme klang. Daß ich mich ganz schändlich benommen habe, sagte Drude. Kalt und kritisch und eklig. Jeder Blick von mir war aufreizend. Alles, was ich sagte, und alles, was ich schwieg.

Meine junge Freundin! und wenn Sie das wissen, warum tun Sie es denn?

Ja, was sollte man da sagen? Es war eine lange Stille. Drude sah ihn hilflos an. Schließlich wagte sie schüchtern: Tun Sie immer nur, was Sie wollen? Da ging ein sonniges Lächeln über sein ernstes Gesicht. Meine liebe Drude! Sie möchten wohl gerne in eine andere Familie? Zu wem unter den Lehrern und Lehrerinnen fühlen Sie sich wohl besonders hingezogen?

Da hob Drude bittend beide Hände empor: Ach Gott, zu Frau Hell! Und da wurde das Lächeln auf seinem Gesicht noch viel sonniger. Das dachte ich mir wohl, sagte er herzlich. Nun, Drude, ich will mit Frau Hell sprechen. Sie tut mir immer die Liebe, hilfsbereit zu sein, wenn es mit einem Schüler bei den andern nicht geht. Also wenn es ihr irgend möglich ist – und er lächelte wieder, freundlich und ermutigend.

So! sagte Drude, als sie draußen war. Also als mißglücktes Exemplar komme ich nun zu Frau Hell, als verpfuschter Anfang. Na, es soll mir recht sein, wenn ich nur da bin.

Und dann weidete sie sich innerlich an dem lieben Lächeln, das noch wie ein heimlicher Sonnenschein mit ihr ging.

 

Ach, und nun wurde ihr der Abschied von Fräulein Meunier doch so schwer! Denn als die hörte, daß Drude nun wirklich in eine andere Familie ging, kamen ihr die Tränen, und sie sagte ihr, wie lieb sie sie hätte, und daß sie sie so sehr vermissen würde. Das hatte Drude doch wirklich nicht verdient. Und sie war warm und liebreich und dankbar. Aber sie fühlte wohl: Das ging so gut, weil es das letzte Mal war. Ob man es wohl jemals lernen wird, mit Menschen von sehr anderer Art dauernd gut zu sein? Das müßte man doch lernen können!

Und nun stand sie vor Frau Hell. Ach, die königliche Frau! da saß sie vor ihrem Schreibtisch in ihrem schönen, schönen Zimmer, das so voll vertiefter, durchgeistigter Kultur war – Und sie gab ihr die sachlichen Anweisungen, mit denen sie eingereiht wurde in die Zahl ihrer Familienglieder. Und dann, zum Schluß, sah sie sie warm an mit einem Blick, der so durch und durch ging und eine Forderung enthielt. Meine liebe Drude! sagte sie dabei, sonst nichts. Und Drude gab Antwort mit einem starken, klaren, glücklichen Blick.

Ach ja, Gott sei Dank!

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