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Gertrud Prellwitz: Drude - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
authorGertrud Prellwitz
titleDrude
publisherMaien-Verlag
printrun21.-40. Tausend
editor
year1921
firstpub1920
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150219
projectide77bcd42
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Schluß

Als Werner seine schwere Anfechtung überwunden hatte, als er täglich neu spürte, wie er durch die große Kraftentfaltung, die seine Überwindung ihm brachte, in eine neue, höhere Sphäre des Innenlebens hineinwuchs – so daß er sich sicher fühlte und seines Sieges gewiß –

da machte er sich eines Tages auf und ging zu Herrn Gehrke. Ihn trieb sein Herz. Und er fand, was er geahnt hatte: daß dieser geheimnisvolle Mensch, ohne daß man ihm etwas gesagt hatte, alles wußte.

Und Werner redete denn auch nicht viel. Er legte beide Arme um den Hals des meisterlichen Erziehers und fühlte sich von großer Liebe umfangen und empfand noch einmal mit Schrecken, wie er gefehlt und in welcher Gefahr er gewesen. Vergib mir! sagte er leise.

Die verstehende Hand strich sanft über sein Haar: Ich wußte, du kämst schon hindurch.

Ja, aber wenn Drude nicht gewesen wäre!

Aber daß du gerade an Drude kamst, das war die Verheißung, Werner. Männer begegnen immer den Frauen, die sie verdienen. – Werner blickte auf und errötete langsam und trat zurück.

Ich habe vor einigen Monaten sehr ernstlich erwogen, sagte Herr Gehrke, ob ich nicht Erika bitten müßte, unsere Anstalt früher zu verlassen, als sie sich eigentlich vorgenommen. Denn damals paßte sie nicht hinein. Aber nun war es doch gut, Werner, daß ich es nicht getan habe! nicht wahr?

Werner nickte.

Du wirst vielleicht wieder sagen, fuhr Herr Gehrke fort: Ja, aber wenn Drude nicht gewesen wäre. Gewiß. Aber sieh, daß Erika Drude auf sich wirken lassen konnte, das zeigt, daß in ihrem Grunde die Sehnsucht nach dem Guten schon lebte, daß sie also jede Geduld wert war. –

Außerdem, Werner, – ich dachte so: Diese kleine Welt ist doch eben wirklich ein Abbild von der großen Welt da draußen. Und in der großen Welt draußen sind ja auch so viele Elemente, von denen der oberflächliche Blick sagt: Ach, wären sie doch nicht darin! – Wenigstens sind sie recht gefährlich, Werner!

Ja, sagte Werner.

Nicht wahr? lächelte Herr Gehrke. wenn aber doch das waltende Leben sie schuf und uns als Gefahr in den Weg stellte, so scheint es ja gewußt zu haben, warum. Sie dienen nämlich unserem Geiste, daß er unterscheiden lerne, und unserm sittlichen Willen, daß er sich stähle. Und wenn man's von hier aus sieht, Werner, von dem Standpunkt: daß der Inhalt des Lebens die Kraftentfaltung des Menschlichen ist, – da scheint es fast, als könnte die Welt gar nicht vortrefflicher eingerichtet sein, als sie es ist, – eben mit all diesen Gefahren und Schwierigkeiten.

Ach –! sagte Werner staunend. Ja, das ist auch wahr –!

Denke daran, wenn du einst in die Schwierigkeiten der großen Welt draußen zurückkehren wirst. Und verstehe jetzt, weshalb wir, eure Erzieher, nicht zuerst darauf bedacht sind, euch vor Gefahren zu schützen – sondern darauf: den Schutz euch in die Seele zu legen als reine Idee, als adliges Ziel. Den nehmt ihr dann mit, diesen Schutz, mitten in die Gefahren hinein.

Der Jüngling reichte dem Meister die Hand. Und sein Auge strahlte ein heiliges Gelübde. Hand in Hand traten beide auf den Altan hinaus. Und blickten zu den Bergen, die im Abendschein zu ihnen herüber leuchteten.

Da sahen sie drunten Drude stehen. Ach, Drude! komm zu uns herauf! bat Werner.

Warum antwortete Drude nicht? Und was hatte ihr liebes Gesicht für einen seltsam bewegten Ausdruck? Sie stand da, vorgebeugt und lauschend – mit ahnungsvoll geweiteten Augen – Warum wurde ihnen beiden so bang?

Drude! rief Herr Gehrke, Drude!

Drude wandte langsam den Kopf ihm zu: Ach, ich hörte etwas, sagte sie, noch ganz versunken.

Was hörtest du denn?

Ein Kind sagte ein Gedicht auf. Es ist die Klage der Vögel über den frühen Tod eines ihrer Gefährten:

Eines starb so balde, bald –
Eben, da im grünen Wald
Der Frühling wollte kommen!

Drude, komm zu uns herauf, rief Herr Gehrke bang, komm!

Aber Drude stand in sich verloren. Und lächelte. Es ist nichts wie Klage, sagte sie, aber es wirkt, als wäre es ganz voller Tröstung. Nur weil es schön ist. Ach, die Welt –! In ihrer Schönheit, – mitten in der Klage! liegt so unendliche Verheißung! Ich muß das meiner Großmutti schreiben, die leidet noch immer so von meiner Mutter Tod. Und der Tod ist vielleicht etwas ganz Wunderbares –

Drude! Drude! rief Herr Gehrke wieder.

Da merkte Drude mit Staunen, daß sich in ihres Freundes stillem Gesicht eine heiße Angst ausprägte – und mit ihrem strahlendsten Ausdruck sagte sie: Ach du! Ich sterbe noch lange nicht! Das Leben ist so schön!

Sie schaute lächelnd zu den Bergen hinüber – – Über den Bergen lag ein Glanz.

Buchschmuck
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