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Gertrud Prellwitz: Drude - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorGertrud Prellwitz
titleDrude
publisherMaien-Verlag
printrun21.-40. Tausend
editor
year1921
firstpub1920
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150219
projectide77bcd42
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Achtzehntes Kapitel

Der Winter war vergangen. Der schöne, klare Bergwinter. Fleißige Arbeit hatte er gebracht in der lieben Schule und herrliche Freistunden. Hei, das war etwas, auf dem Rodel oder auf sausendem Ski diese Berge herunterzujubeln!

Und nun kam der Frühling! Zuerst spürte man ihn schon in den Lüften, als man noch gar nichts sah auf Erden. Die Wege waren alle noch voll Schnee – aber dennoch war es schon da irgendwie, es, das das Herz so weit und so ahnungsvoll und so selig machte.

Und dann war es so erstaunlich, zu sehen, wie ungleich der Frühling kam. Auf manchen Wegen lag noch tiefer Schnee, sauber und ordentlich, als die anderen Wege schon flossen, und an ganz sonnigen Stellen blühte es schon. Da blühten die goldgrünen kleinen Dinger, die selber nicht recht zu wissen schienen, ob sie Blüten waren oder Blätter. Und dann gab es Pflanzen unter den Bäumen, solch ein lilarötliches Etwas, das gleich als sehr große, seltsame Blüte aus dem Boden kam und wovon man immer wieder den Namen vergaß, und man hatte die Vorstellung: wenn alle anderen Blumen Elfenseelen haben, die Seele dieser Pflanze ist ein wunderliches, plumpes Waldschrätchen, das auf tapsigen Schabernak ausgeht.

Aber als der Frühling da war, mit Himmelsbläue und Vogelschall und grünender, blühender Herrlichkeit, da geschah eines Tages etwas Ungeheures: da ließ Herr Gehrke sich Werner und Drude kommen und sagte zu ihnen, er habe sich etwas ausgedacht! Er möchte gern, daß Drude etwas recht Schönes hätte, nämlich eine Wanderung durch die Frühlingswälder und in die schönen, alten Städte der Nachbarschaft. Das wolle er ihr schenken, und Werner solle mitgehen und sie beschützen. Ob sie das wohl wollten? Drude tat einen kleinen Freudenschrei. Und Werner staunte und staunte und drückte immer Herrn Gehrkes Hand und dachte: Ob man sie ihm wohl küssen dürfte?

Und ganz früh am nächsten Morgen machten sie sich auf. Werner trug den Rucksack, und Drude trug die Laute. Ach, wie der Himmel strahlte! ach, wie die blühende Erde prangte! Der Buchenwald umwob sie mit gesponnenem Licht. Sie gingen Hand in Hand, schweigend, die Häupter erhoben, die seligen Augen weit aufgetan, um all die Schönheit in sich zu trinken, wie nun beim Schreiten die Bilder wechselten. Und manchmal stellten sie sich auf einen Berg und riefen ihr Glück in hallenden Jubeltönen weit, weit ins Land, daß rund umher die Bauern auf dem Felde sich von ihrer Arbeit aufrichteten, einen Silberglanz von Freude in den Augen.

Wie die weißen Wolken zogen! ach, und die schönen Schmetterlinge! Glaubst du, fragte Drude, daß Raupen Schmetterlinge sehn können?

Na nu, warum nicht?

Ach, weißt du, weil Schmetterlinge doch etwas so Seelenhaftes sind, und Raupen sind doch so materialistische Wesen, die nur wissen, was zu fressen ist.

Werner staunte sie an. Ach, Drude! und dann zu denken, daß dennoch einmal auch Raupen seelenvolle Flügelwesen werden –! und wissen es noch gar nicht.

Werner hatte ein stilles, glückliches Lächeln, das galt nicht nur den Raupen, das galt der Welt.

Ach, und die Blumenwiesen, mit den hunderttausend kleinen Sonnen darauf! aber nein! aber nein! Erdenblumen, dunkelentsprossen, doch so ganz voll von der Liebe zum Licht, daß sie den ganzen Tag nichts anderes tun als Sonne in sich trinken und wie traumverloren die Köpfchen immer nach ihr wenden, rund um sich selbst – Drude kniete nieder und liebkoste sie: Ihr holden Schwesterchen, ihr versteht's! – Und dann setzten sie sich an den Wegrand, und Werner fing an: »Der Sonnenblüte gleich – steht mein Gemüte offen – sehnend, sich dehnend – in Schmerzen und Hoffen. – O Frühling! was bist du gewillt – wann werd ich gestillt?« Ja, rief Drude, wir müssen das ganze Gedicht sagen. Sieh, es paßt alles so. Und Werner sagte es auf, Mörikes schwebendes, seelenanmutiges Frühlingsgedicht: »Hier lieg' ich auf dem Frühlingshügel – die Wolke ist mein Flügel« – aber als er an den Schluß kam: »Alte, unnennbare Tage«, da rief er: Nein! nein! nicht alte, nicht vergangene – Gegenwart! Zukunft! Hinter mir alles grau, um mich alles golden, und vor mir, vor mir wird es immer lichter werden. Drude! wirst du mich auch nicht im Stich lassen? Nicht wahr? du läßt mich doch nie, nie im Stich?

Wieso, Werner? was meinst du? »Im Stich –?« das deutet auf Kampf, Werner?

Ja, Kampf! Siehst du, ich muß eine ganz andere Art Mensch werden, als ich geworden wäre, wenn ich nicht hergekommen wäre nach der Waldschule. Ganz anders als die zu Hause. Ein Mensch der neuen Welt, die nun kommen will: ganz aus dem Lebensgrunde echt! und frei! und schaffend! an der Welt schaffend! Ja, das bedeutet Kampf. In mir. Mit den Mächten der alten Welt. Aber ich weiß noch nicht, ob ich siegen werde, Drude. Wenn du mir deine Freundschaft erhältst, dann siege ich.

Dummer Junge! sagte Drude liebevoll, wie sollte ich dir wohl meine Freundschaft nicht erhalten? Freundschaft ist eine Naturtatsache. Und sie ist doch nun einmal da. Solange du du bleibst – Denn im Grunde deines Wesens ist eben die große Liebe zum Echten, zum Wahren, zum Freien, zum Schaffenden. Du wirst nie können, dumpf wie die Vielen: mitten im Ungeordneten der Welt es nur dir möglichst behaglich machen. Du wirst immer sinnen müssen: Wie kann man umordnen, so daß es so wird, wie es sein müßte von Natur? Du wirst gar nie anders können, Werner. Und darin besteht die Naturtatsache unsrer Freundschaft. Denn ich, ich werde auch nie anders können.

Was er für ein schönes Lächeln gelernt hatte, der Junge! Werner sah weit ins Land hinein und grüßte das Leben.

Und manchmal begegneten sie Wandervogelscharen, Knaben und Mädchen, – dann gab es ein Erkennen, und fröhlich rief es von hüben und drüben: Heil! An den meisten hatten sie ihre Freude und fühlten sich mit ihnen eines Sinnes. Nicht an allen. Manche trugen Lauten mit vielen, vielen bunten Bändern, und Buben- und Dirndlkleider trugen sie, aber es war keine Jugendfrische in ihnen. Sie hatten die Formen, aber der Geist fehlte.

Ach, Werner! rief Drude, warum, warum wird alles Lebendige immer gleich äußerlich? Und warum wird alles Echte immer gleich imitiert? – Ungeheure Rucksäcke mit Kochtöpfen schienen ihnen die Hauptsache zu sein, und von vielen Kilometern erzählte die müde Haltung und der schludrige Gang.

Drude überlegte sich's eine Weile. Und dann ging sie auf sie zu und sagte: Heil! Hört, Mädchen, ich gehöre einem Geheimbunde an, der hat es sich zur Pflicht gemacht, gegen die Verwilderung des Wandervogels zu kämpfen. Das Stichwort heißt: Schönheit, Zucht und Sauberkeit! Nicht verschlumpen, sich nicht vernachlässigen, nicht verbengeln! Wollt ihr's weitergeben? Ich wäre euch so dankbar! Und als die Mädchen sie groß ansahen, ein bißchen verlegen, ein bißchen feindlich, ein bißchen verwirrt, sagte sie freundlich: Es selber leben und es weitergeben, ja? Dies ist ein Geheimbund und kämpft für edle Zucht in der Wandervogelbewegung. Heil! – Und ging mit Werner davon und freute sich diebisch: Jetzt hab ich einen Geheimbund. Weißt du, mit wem? Mit der Frühlingssonne, mit der Schönheit der Welt und mit ein paar verschlumpten Mädels. Die werden das schon begreifen und weitergeben. Jetzt werde ich's immer so machen.

Natürlich, sagte Werner, so macht man's. Wenn man sich immer bloß schweigend ärgert, wie soll es besser werden in der Welt?

Eben, sagte Drude. Die Dinge warten ja überall nur darauf, daß die Menschen der neuen Welt zugreifen. Hei! wie ist das alles schön!

– In die allerfrüheste Morgenfrische wanderten sie gern, wenn noch die geheimnisvolle Entrücktheit der Nacht über den Bäumen und Blumen lag. Wenn die goldenen Blüten, wie benommen noch, eben erst neu das Wunder erlebten: wie sie der Sonne langsam sich wieder öffneten, nachdem sie in der Nacht sich zugeschlossen hatten, um das Sonnenerlebnis still in sich zu bewahren. Und abends saßen die beiden dann noch vor dem Bauernhause, das ihnen Herberge gab – sie wußten überall gastliche Häuser, wo man die Waldschulkinder freundlich aufnahm – und spielten den Dorfleuten zu ihrer Laute die schönen alten Volksweisen. Oder sie saßen noch am Waldrande und schauten hinauf zu den Sternen. O sieh! sagte Drude, o sieh! wie es blinkt, wie es bebt, wie es atmet, Leben atmet! Ist das rührend, dies stille Lebenatmen, überall, überall! Und dann all dieses unsichtbare Weben, das man nur fühlt, und das die Luft so innig macht. – Und dann schwiegen sie lange und lauschten.

Auf einmal sagte Werner: Was Gott ist, wird einem doch nur an guten Menschen klar.

Da rief Drude: O du! ein Mensch werden, an dem den anderen klar wird, was Gott ist! Glaubst du nicht, Werner, das ist das herrlichste Ziel?

Er nickte. Wieviel hast du davon schon erreicht! sagte er ehrfürchtig.

Ich? Nein! nein! Aber wir du dich irrst, ich nicht!

Ich bin so erstaunt, daß du so etwas sagen kannst, sagte Drude nach einer Weile. Und doch kann ich es verstehen, wenn ich versuche, mich auf deine Seite zu stellen. Du kennst mich nämlich nicht ganz, von allen Menschen in der Schule kennst du mich am wenigsten.

Aber Drude! sagte er heftig und preßte ihre Hand ganz wild, so daß es ihr weh tat.

Nein! nein! du mußt mich nicht mißverstehen; übel zu nehmen ist das nicht, enttäuscht zu sein ist das gar nicht. Es ist so. Etwas in meinem Wesen ist so schwer zu ertragen für mich und auch für die anderen; nämlich, daß ich so leicht etwas anderes sage als ich will. In mir ist etwas Warmes, Zartes, Helles, und außen herum ist eine rauhe, graue, kalte Schicht. Und ich komme zu den Menschen von innen her und will: Wärme und Helle, – und auf einmal spricht es aus der rauhen Schicht, und alles wird kalt und grau. Ist das nicht schrecklich? Und dann kann ich mir nicht helfen. Der andere ist böse, und ich kann nichts sagen. Wenn er böse ist, das geht noch. Aber wenn er traurig ist, weißt du, enttäuscht, oder innerlich abrückt und kalt wird, – ach, Werner! wie ist das schwer.

Und bei mir? fragte er leise.

Und du bist der einzige, bei dem es nie kommt. Da geht das Warme, Helle, Zarte bis in meine Worte hinein. Darum ist mir so wohl in deiner Nähe, es ist wie Zu-Hause-Sein!

Werner staunte mit groß offenen Augen in die Nacht hinein. Er rührte sich nicht, und doch war ihm, als ob etwas in ihm die Hände faltete. Und »Offenbarung!« klang es in ihm. »Offenbarung vom Wesen der Liebe!«

Es war ihm noch, als sie dann gingen, als müßte er leise Auftreten, so voller Ehrfurcht war alles in ihm. Ihm war's: etwas würde nun immer da sein in ihm, ganz unberührbar, das brauchte nur an dies zu denken, dann würde er leise und ehrfürchtig die Füße setzen ins Erdenland.

 

– – Einmal, als sie mitten im einsamen, webenden Waldesflimmerlicht drunten eine Bergschlucht sahen und darin einen goldhell tanzenden Bach, da sagte Drude: Du, glaubst du nicht, daß man hier baden könnte? Das müßte doch himmlisch sein, du, himmlisch!

Herr Gott! darf man das? fragte Werner.

Hier kann uns doch niemand sehn! sagte Drude. Wir können ja noch einmal ordentlich Umschau halten. Natürlich, es darf kein Mensch kommen und uns sehn, der nicht in unsere Welt gehört. Mutter war immer sehr streng darin. Vater nicht so. Mutter sagte: Es sind doch nun einmal zwei Welten, und man soll die niedere nicht hineinsehen lassen in die höhere, sie versteht's doch nicht, weißt du, Vater sagt, es ist so nötig, daß das Volk aus seiner muffigen Prüderie erlöst wird. Man muß sie mit dem Mut zur Nacktheit anstecken. Prüderie macht die Menschen unrein. Aber Mutti sagte: Es gibt doch nun einmal noch viele, viele Menschen, die sind einfach für das, was er meint, noch nicht genug entwickelt, und darum können sie sich auch gar nicht vorstellen, daß es wirklich, wirklich eine ganz andere und viel reinere Welt gibt, in der man so etwas darf –

Weißt du, sagte sie, das ist auch immer so, wenn die Menschen in Vaters Arbeitsraum kommen. Das ist eine schöne, feierliche Halle, in der alle seine Bilder hängen. Und die Gestalten sind doch immer nackt und so ganz von Reinheit umflossen. Wenn nun die fremden Menschen hineinkommen, – man kann gleich sehen, wen die Reinheit so seelisch ergreift, weil er es eben innerlich dazu hat. Und wer sich heimlich geniert, das sind die, die es eben noch nicht können.

Ich kann's! sagte Werner stark.

Du? Aber natürlich kannst du's, Werner! sagte Drude. Wie selig bist du immer über Vaters Bildern!

Ja, ich kann's! ich kann's! sagte Werner wieder kraftvoll und freudig. Seine Augen strahlten. O Gott! daß er das sagen durfte!

Und wie nun Drude inzwischen aus den Kleidern geschlüpft war und selig in das Wasser sprang und, von silbernen Wellen umplätschert, rief: Ach! ach! wie himmlisch! wie himmlisch! und was das für Kraft gibt! Ach, Werner! mach doch nur schnell, es ist ja so unsagbar himmlisch, – zog er sich ganz schnell auch aus, warf sich in das schäumende Wasser, warf sich dem Sturz entgegen, und immer jauchzte es in ihm: Es gibt sie wirklich, wirklich, die höhere, reine Welt! und auch ich gehöre dazu! Ich kann's! ich kann's. Und hielt dann ganz still, demütig und dankbar, und ließ sich überrieseln wie von einem Wasser der Weihe, – Einweihung in die höhere, die reine Welt.

Und gerade rief auch Drude: Ach du, ist es nicht wahr? Man kann doch das wunderbare, göttliche Leben viel, viel besser fühlen, wenn man nicht die trennenden Kleider um sich hat! Ist es nicht wahr? Man ist doch einfach Gott viel näher! all die reinen Ströme gehen so wonnevoll durch uns hindurch. Ach, was ist Lebendigsein für ein Glück! Aber schon sprang sie heraus: Ich darf den Höhepunkt nicht überschreiten, sagte sie, sonst krieg' ich blaue Finger. Ach! was war das himmlisch! Dank, Wasser! Dank, Sonne! und lief mit den Kleidern hinter ein Gebüsch und zog sich an. Er zog sich auch schnell an, und sie lauschten noch einmal froh auf das silberne Bächlein und die ganze holde, heimliche Waldschlucht zurück und kletterten den Hang hinan und gingen weiter. Erfrischt und wohlig durchwärmt. Mitten hinein in die schimmernde Ferne.

 

Ach, und dann gingen sie in die alten Dome und ließen sich durchschauern von dem geheimnisvollen Leben der vergangenen Zeit und von der Gegenwart der edlen Kunstwerke. Und sie fühlten ahnungsvoll das große Wunder der Schöpferkraft in der Menschheit und fühlten, daß sie wieder und immer wieder neue Schöpfungen aus sich heraus gebären muß, und daß man gar nicht in Sorge zu sein braucht um die Menschheit.

Was sind das für Quellen der Kraft, nicht wahr? wie kann man sich davon voll trinken! sagte Drude. Nun sieh, dies Strömende im Menschen, diese Quellkraft, das ist das eigentliche Wundergeheimnis des Menschlichen. Das kann wohl verschüttet werden, aber es muß wieder heraufbrechen, es kann nicht anders, das liegt in seiner Natur, wie tut es gut, das zu denken!

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