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Gertrud Prellwitz: Drude - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorGertrud Prellwitz
titleDrude
publisherMaien-Verlag
printrun21.-40. Tausend
editor
year1921
firstpub1920
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150219
projectide77bcd42
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Siebzehntes Kapitel

Eines Tages rief Frau Hell Drude zu sich hinein. Sie strahlte in freudiger Erregung: Sieh, Drude, was ich bekommen habe! Und da waren es Kunstblätter von Vater und Bücher von Tante Gertrud und starke, freudige Briefe von ihnen, die redeten sie an: Schwester!

Ich hatte an sie geschrieben, erzählte Frau Hell, ihnen meine Bücher geschickt und sie im Geiste gegrüßt. Um des verwandten Lebens willen, das von ihnen zu mir kam, aus deinen Worten und deinem Wesen, Drude! und aus ihren Werken. Nun haben sie auf eine wundervolle Weise mich in ihre geistige Gemeinschaft aufgenommen: indem sie mich als die anerkannten, die schon längst von Natur ihr zugehört.

Da ist etwas sehr Geheimnisvolles, sagte Drude leise.

Ja! sagte Frau Hell. Da ist das Geheimnis des kommenden Weltenfrühlings, der schon in einigen Menschen sonnenhell lebt, sonnenstark und sonnenklar, – während ringsum noch die Winterwelt starrt oder ein trübes Übergangsfließen rinnt.

Also liebst du meines Vaters Kunst? fragte Drude dringlich. Willst du dich auch vor den andern dazu bekennen? Und als Frau Hell sie auf dieses Wort hin überrascht und fragend ansah, geschah es, daß Drude plötzlich, fast wider ihren Willen, erzählte, was Erika an jenem schlimmen Abend zu ihr gesagt hatte. Und sie wunderte sich selber, wieviel Schmerz noch in ihr war, als sie alle diese unfreundlichen Worte wiedergab. Wiewohl sie doch wußte und es auch immer wieder hervorhob, daß Erika selber jetzt schon ganz darüber hinaus war. Es ist eben doch wahr, daß die Zeit an meines Vaters Kunst einfach vorübergeht, sagte Drude, und ihre Stimme zitterte ein wenig dabei.

Aber ja, Drude! rief Frau Hell, in einem großen Bogen geht sie an ihr vorüber! Erschrocken und scheu oder feindlich und gehässig: weil sie in ihr einen Feind wittert. Und hat die Zeit nicht recht? Steht diese Kunst nicht da und blickt mit unerbittlichen Augen die Forderung, daß die Welt ganz anders werden müßte? Daß innere Kraftquellen aufbrechen müßten? Und wäre das nicht der Ruin für diese herrlich prangende Winterwelt? Nun aber laß mich dir, ernst und stark, Drude! auf die Frage antworten, ob ich mich auch zu deines Vaters Kunst hier in dieser kleinen Welt bekenne. Ja und nein, Drude! Zu den ganz Wenigen rede ich davon. Und ich bitte dich auch, mir meine Familienkinder für morgen abend einzuladen. Dann will ich ihnen diese Bilder zeigen, und dann sollst du sehen, ob ich mich dazu bekenne. Aber, Drude, eben weil diese Kunst schon ganz und gar der neuen Zeit angehört und sie mit einer hinreißend unbekümmerten Kraft ausgestaltet, – wir aber, Drude, leben hier Vorstufen; diese Schule, ein praktisches Werk, das an die Möglichkeiten des Heute anknüpfen muß, hat Übergang zu sein! – da geschieht es wohl, daß wir uns zwar heimlich erquicken an der Schönheit der reinen Welt, die diese Kunst vor uns hinstellt, und an ihrer Wahrhaftigkeit, die ohne Vermittlung und ohne Übergang mit strenger und herrlicher Forderung das Neue lebt, – daß wir uns aber etwas scheuen, mit allzu lautem Bekenntnis für sie einzutreten. Nicht, daß wir sie verleugnen! Aber wir verschweigen sie. Mein liebes Kind! rief Frau Hell bewegt, ich verschweige aber auch mich selbst; du weißt, daß ich auch ein schaffender Mensch bin. Und wenn ich auch zu dichterischer Gestaltung selten komme, um meiner Berufsarbeit willen, – all mein Inneres strömt von religionschaffender Kraft, die ihr Schauen vertieft und erhöht in täglich fortschreitendem innerem Leben. Und ich muß mein Wissen im wesentlichen verschweigen, hier in dieser Welt der Vorstufen. Nicht wahr? Das spürst du ja? Drude blickte die hohe Frau in inniger Verehrung an, sie liebte sie nun noch viel mehr, da sie wußte, daß sie es auch trug, das seltsame Schicksal der Schaffenden der Zeit: dieses Unsichtbarsein. Ob sie daheim recht hatten, wenn sie sagten, daß es sehr viele sind? Daß diese ganze Zeit, die von außen so unfruchtbar aussieht, innen sprießt von lebendiger Frühlingskraft? Frau Hell aber fuhr fort: Es ist dieselbe Kraft, die die Deinen zu Hause leben, es ist der gleiche Geist, der uns treibt, und es ist das gleiche Schicksal. Denn dieser Geist ist der Frühling, Drude! Aber in der Welt draußen ist noch Winter. Und wir hier, wir sind Vorfrühling!

Ach, sagte Drude, wie gut! daß ich das nun erkenne.

So verstehe und ehre, Drude, den milden Sinn des Leiters dieser Anstalt, dem zuliebe ich dieses Verschweigen übe. Und der selber viel von seinem hohen Wissen verbirgt, weil er denen hier in dieser kleinen Welt, die noch das Bedürfnis nach Zwischenstufen in sich tragen, ihr Recht darauf nicht schädigen will. Aber dieses hohe Wissen wirkt ja dennoch fortwährend als Kraft in dem Werk und trägt es. Versteht diese Güte und Weisheit, Drude! Auch sie entspricht dem Geiste der Deinen. Wappne dich mit Güte und Humor! dann wirst du nie eine Kränkung empfinden. Hörst du? Wenn z. B. Herr Mollberg gegen deines Vaters Einfluß kämpft, – sieh zugleich, wie heiß und ehrlich dieser liebenswürdige junge Mensch um die Kunst der neuen Zeit ringt! Wenn er ein paar Wegstrecken weiter sein wird, Drude, dann wird ihm noch geschehen, daß er deines Vaters Kunst vor sich sehen wird auf seinem Wege und sich ehrfurchtsvoll mit ihr auseinandersetzen. Jetzt stört ihn ihr Bild, weil er die Zwischenstufen erst durchleben muß.

Drude staunte und grüßte erkennend ein Lebensgesetz, das ihr gar sehr vertraut war.

Ich bin aber glücklich, Drude, sagte Frau Hell bewegt, daß ich nun mit den Deinen in heimlichem Bunde stehe. Da wird das Gefühl der Einsamkeit sich lösen, das manchmal wohl schwer über mir lag. Da wird nun auch mein Schaffen, für das die Allgemeinheit noch nicht reif ist, auf verborgene Weise in die Weite wirken und zu denen kommen, die schon dafür zubereitet sind, deren Seelen dafür schon offen sind.

Den nächsten Tag hatte Drude Gelegenheit, Frau Hell sehr dankbar zu sein, daß sie ihr mit dem Wort: Wappne dich mit Güte und Humor, so wirst du nie eine Kränkung empfinden! so gut den Weg gewiesen. Sie gab nämlich Herrn Mollberg eine Zeichnung ab. Und da sagte er: Wissen Sie, Drude, daß Sie besser zeichnen können als Ihr Vater?

Ach, wenn nun Drude diesen Weg nicht gewußt hätte! So aber antwortete sie flink: Das sagt mein Vater auch immer. Was? fragte Herr Mollberg erstaunt. Ja, lachte Drude, er sagt, die moderne Kunst ist so, als wenn Kinder zeichnen. Sie sah ihn etwas ängstlich an, ob er das wohl übelnehmen würde. Aber nein! es lachte ganz lustig in seinen Augen auf. Doch wie um sich zu rächen, sagte er nun: Drude, ich kann Ihnen nicht helfen, was Ihr Vater macht, ist Kitsch. Da blitzte sie ihn übermütig an: Ja, das sagt mein Vater auch immer. So?! erstaunte er nun doch sehr. Ja! Kitsch ist immer, was der andere macht! sagte Drude. Herr Mollberg lachte hell auf, und sie schüttelten einander die Hände, so, als empfänden sie eine schöne, ehrliche Feindschaft, und das sei so eine Abart von Freundschaft.

Drude war ganz gehoben, als sie wegging. Nein wirklich, welch ein liebenswürdiger Mensch! Und dann erstaunte sie so sehr, daß sie selber auch so liebenswürdig gewesen war. Denn trotz ihrer frechklingenden Worte, ihr Ton und ihr Ausdruck waren einfach liebenswürdig gewesen. Das kommt, weil Frau Hell mich innerlich so sicher gemacht hatte! Ich glaube, der Hauptgrund, weshalb Menschen unliebenswürdig sind, ist immer innere Unsicherheit. Ach, das muß man sich merken.

Am Abend kamen alle Familienmitglieder zu Frau Hell, und sie zeigte ihnen die Bilder, die sie bekommen hatte, und Drude hatte auch die ihren gebracht. Drude saß still da und freute sich, mit welcher Liebe und Wärme Frau Hell die Bilder den Kindern nahe brachte. Erst kamen die »schönen«. Seht, Kinder! sagte Frau Hell, welch eine Innigkeit und Innerlichkeit der beseelten Linie! Könnt ihr euch denken, warum gerade dieser Künstler seinen Gestalten keine Kleider gibt?

Ich weiß! sagte Werner freudig erregt: weil es ihm auf Seele ankommt, und weil der Seelenausdruck sich im ganzen Körper ausprägt, – wenigstens so, wie er die Körper sieht.

Drude sagte weich und zart: Ich hörte meine Mutter sagen: Die Schleier sind unsichtbar um diese Gestalten her.

Wie schön ist das, Drude! und wie ist es wahr! rief Frau Hell. Sie sind von Seelenreinheit so umflossen, daß es sie umgibt wie ein unsichtbarer Schleier. Er verbindet sie mit der himmlischen Reinheit der Welt. Darum wird das Herz so leicht und licht, so schwebend und glücklich, wenn man sie sieht.

Dann kamen sie zu den Bildern, die Frau Hell die »wissenden« nannte. Da waren die Gitterbilder, – von denen waren die Kinder so ergriffen. In einem blühenden Garten war ein ganz seliges Freuen schöner Menschen, und davor stand, durch ein Gitter davon getrennt, ein strubbeliges Menschlein, mit einem Fell bekleidet, und sah traurig und sehnsüchtig zu ihnen hin. »Ausgeschlossen!« stand darunter. Auf dem nächsten, das sich daran anzuschließen schien, stand eines der holden Wesen und streckte ein Füßchen durchs Gitter, und das Strubbelmenschlein war niedergesunken und küßte es inbrünstig. Dann aber kam ein Bild, das hieß »Das eherne Gitter«. Da war's, als wenn viele, viele Gitter hintereinander ganz drohend feindlich starrten, und verzweiflungsvoll rang eine Seele und rüttelte an ihnen, aber vergebens. Einsam war sie, auf eisigem Felsgestein, und drunten ringelte sich dämonisches Gewürm. Noch einmal aber steigerte es sich, da kam auf dem nächsten der »Tempel ohne Tor«.

Erika sah mit tiefer Bewegung auf die Bilder nieder. Sie verstand sie heute so gut. Und da fragte gerade Frau Hell: Wer kann mir sagen, Kinder, von welchen ergreifenden inneren Wirklichkeiten diese Bilder zu erzählen wissen? Und Erika fing gleich an, und es war ihr eine Erleichterung, daß sie reden durfte. Das ist so gemeint: Daß die Menschen in verschiedenen Welten leben! Manchen ist die Wirklichkeit wie ein schöner Garten, voll Leuchten und voll Spiel. Das sind die reinen Menschen, deren Hände – aus eigener Lust immer nur nach dem Guten greifen. Denen wird alles zum Dürfen, und das Leben wird ihnen ein schaffendes Spiel. Ergriffen hörte Frau Hell zu. Kind! Kind! wie hast du dich vom Leben anfassen lassen, dachte sie. Und Erika sagte nun leidenschaftlich: Und was da draußen steht, das ist ein armes Seelenproletchen, das ganz im Gemeinen lebt, und alles, was es anfaßt, wird gemein. Arbeiten, das ist ihm ein Schuften um Geld. Glück! das ist eine verbotene Frucht, nach der man sündigend langt. Und es sehnt sich so sehr hinein in die reine Welt. Aber es kann ja nicht, es kann ja nicht, das Gitter ist davor. Und es kann das Schöne nur sehn, es kann es nicht erreichen.

Die Kinder waren eine Weile still. Friedel sagte: Und wie merkwürdig, gerade dies struppige Menschlein, das da so traurig und sehnsüchtig steht und nicht hinein kann, ist bekleidet, mit so einem Fell. Die Seligen aber sind nackt. Na ja, die Freien und Reinen sind nackt, sagte Erika, das ist eben eine andere Höhenlage.

Werner saß still bewegt da und sagte leise zu Drude: Ach Drude! und dann wird eines der Seligen zu dem armen Strubbeligen herauskommen und ihm die Hand geben und es hineinführen. Drude sah ihn beglückt an und erinnerte sich, daß ihre Mutter immer bei dem Bilde sagte: Sie wird hinausgehn zu ihm, und daß dann ihr Vater liebevoll lächelte. Und hatte nun sie, sie das auch getan? Durfte sie es wirklich auf sich beziehn? Wie war das schön!

Aber nun seht dies, sagte Friedel, dies ist noch das allererschütterndste Bild. Es heißt »Der Tempel ohne Tor«. Und da sah man: ein Tempel ragt hoch und herrlich und geheimnisvoll. Ein wundersames magisches Licht dringt von innen durch ein Rundfenster, und davor ringt eine Seele, flehentlich und verzweifelt, um Einlaß, – aber es ist kein Tor da. Ja, aber was wird nun geschehen? fragten die Kinder, wozu ist denn der Tempel?

Drude sagte: Tante Gertrud pflegte zu sagen: Sie muß sich lösen lernen. Sie muß ganz gelöst sein, dann kann sie durch die Wand.

Und sagte dein Vater, daß das richtig ist? fragte Friedel ungestüm.

Richtig? Ach, weißt du, man fühlt ja, daß es richtig ist. Aber es ist richtig auf ihre Weise. Jeder kann auf seine Weise hinein. Du siehst ja, daß mein Vater etwas druntergeschrieben hat. »Dir, o weinende Seele! öffne sich dies Gitter von eisernen Palmen.« Also kennt er einen andern Weg, hineinzukommen. Er würde sagen, es spricht zu einem jeden in der Sprache seines Inneren.

Seht, so redet Kunst, sagte Frau Hell. Kunst antwortet nicht in intellektuellen Lösungen, die richtig oder falsch wären. Kunst redet in der wunderbaren Sprache des Schweigens und setzt einem jeden das eigene Innere in Bewegung, so daß es anhebt zu atmen, zu leben, zu schauen und Offenbarung zu geben.

Und es war gar nicht zu sagen, was für wundervolle Dinge sie selber, die hohe Frau, nun aus ihrem Innern hervorholte, die durch die wirkende Kraft dieser wissenden Bilder geweckt wurden, welch eine Feierstunde wurde es, welch eine Andachtsstunde! Seht, Kinder, sagte sie, wenn wir sonst nicht wüßten, daß unsere Zeit im Zeichen des Aufgangs steht, ein einziger Schaffender wie dieser wäre überreich Beweis dafür. Denn seine Kunstwerke – Quellen sind sie des Ewigen hinein ins Menschliche und wecken die schlafenden Knospen in den Herzen und wecken andere Quellen, die noch schlafen. Und sie fangen alle an zu rinnen, und es wird Frühling in der Welt. Die Welt muß sich ganz verwandeln, in der solche Kräfte walten und von der Jugend dankbar ausgenommen werden.

Und warum wissen das nicht viel mehr Menschen? fragte Erika. Warum steht das nicht in allen Zeitungen und Zeitschriften? warum wird das nicht in vielen Vorträgen verkündigt, warum wird es nicht einmal hier in der Schule ordentlich gesagt? warum sagen Sie es jetzt uns, den ganz Wenigen, warum wird das nicht allen immerzu gesagt, immerzu?

Frau Hell sah Erika sehr liebevoll an: Mein liebes Kind, wie gefällst du mir! Und nun gib acht, weil es Vorfrühling ist in der Welt und nicht Frühling! Weil rund um uns her noch eine Gegenwart lebt, die erst ganz langsam und mit Kämpfen aus der Seelenerstarrtheit des materialistischen Winters erwacht, – und sie will Zeit haben. Vielen, vielen Menschen sind noch gar nicht die seelischen Organe ausgebildet, die die Kräfte fassen können, welche diese Kunst schon in Bewegung setzt. Sie fühlen wohl die Forderung, aber sie können sie noch nicht erfüllen. Dann wehrt sich etwas in ihnen, nämlich ihr Recht, langsam und allmählich zu werden.

 

Und dann, sieh, ist es auch gar nicht das Rechte, Antworten an die Menschen hinzutragen, ehe die Fragen in ihnen erwacht sind. Das große Schicksal der Zeit geht weckend hindurch, durch die Reihen der Menschen. Langsam erwachen sie alle. Dann wird ein heißes Fragen in Jedem lebendig werden, und dann, dann wird diese Kunst vor ihnen stehen und mit ihrer großen Ewigkeitskraft jedem Antwort geben in der Sprache seines Inneren. Erscheint es dir nun unrichtig, Erika! daß wir dieses Schaffen jetzt nicht laut verkündigen? Drude! mein liebes Kind, erscheint es dir vielleicht ein wenig feige? Wir wollen nicht, daß es zu Menschen kommt, die vorläufig nichts anderes damit machen können, als sich dagegen wehren!

Ja, ja! sagte Drude, es ist alles in Ordnung. Eine heimliche Gemeinde hat er, die täglich wächst, und so entspricht es der Vorfrühlingszeit.

Sie waren eine ganze Weile still, und dann fing Werner tastend an: Aber das ist so ungeheuer! Vorfrühling! Zu denken, daß alles werden wird, daß es heimlich und unsichtbar schon da ist! Es braucht nur noch hindurchzubrechen, aber dann wird die neue Zeit kommen. Da erzählte Drude, daß Tante Gertrud jetzt ganz auf Wanderschaft gegangen sei, um der Zeit zu dienen. In fremde Städte reise sie und in fremde Kreise – sie lasse sich vom Leben selber leiten – und sie erzähle den Menschen von der neuen Zeit und ihrer Forderung, ganz heimlich. Und da begegne sie denen, die dafür reif sind, die schon dazu gehören, den Stillen und Reinen, und begegne den schaffenden Brudermenschen, den Einsamen, Unsichtbaren, von denen jeder einen heimlichen Kreis habe, und sie verbände sich mit ihnen.

Wollen sie einen Bund schließen? fragte Werner.

Nein, das ist nicht ihre Art. Ganz innerlich muß es sein. Sie sollen nur alle wissen, daß sie nicht allein sind, daß sie viele sind und eine verwandelnde Macht im Zeitgeist. Frühlingskräfte, die heimlich wirken, warme Quellen unter dem Eise.

Ach Gott! sagte Werner, das ist so wundervoll. Vorfrühling! Vorfrühling! Die Welt ganz voller Hoffnung!

 

Übrigens ja, sie haben ja doch einen Bund, sagte Drude auf einmal.

Eben, lächelte Frau Hell, ich bin doch gerade in ihn aufgenommen worden.

Nun ja, das ist ein Bund aus praktischen Gründen: um den Zusammenhang zu bilden mit denen, die mit diesem neuen Geiste genährt werden wollen von ihnen, und die gemeinsam mit ihnen ihm dienen wollen an den Menschen. Aber weißt du, sie sagen doch, das ist nur wie ein Symbol von dem Eigentlichen. Das Eigentliche, das ist etwas ganz Innerliches, Unsichtbares.

Das Eigentliche, sagte Frau Hell, das ist der Frühling selbst, der in den Menschen sich hindurcharbeitet. Der Kampf des siegendes Lichtes mit dem alten, materialistischen Winter ist es. Ein herrlicher Schaffensbund Gottes mit uns Menschen ist es. Dazu gehören alle innerlich lebendigen Herzen ganz von Natur –

Die jungen Menschen strahlten: Wir gehören auch dazu, klang es in ihrer Seele, und sie waren voll heiligen Willens.

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