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Gertrud Prellwitz: Drude - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
authorGertrud Prellwitz
titleDrude
publisherMaien-Verlag
printrun21.-40. Tausend
editor
year1921
firstpub1920
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150219
projectide77bcd42
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Sechzehntes Kapitel

Nun aber Erika! Ach Gott, Erika!

Mit Werner würde es jetzt ja leicht werden. Denn der wollte, also konnte man ihm helfen. – Aber Erika will nicht.

Und dann war da noch dieser andere Unterschied, an den Drude gar nicht gern dachte, – weil sie sich dann im Gewissen etwas bedrückt fühlte. Nämlich dieser: Sie hatte Werner so sehr gern, ganz von Natur; aber Erika gegenüber – da war immer dieses heimliche Widerstreben in ihr, – eine Abneigung! ja! Die seit gestern abend recht schlimm geworden war –

Und man kann natürlich einem Menschen nicht helfen, wenn man eine Abneigung gegen ihn hat. Das ist ja klar. Man muß ihn lieben.

Wie macht es eigentlich Tante Gertrud, wenn sie jemandem helfen will, der ihr unsympathisch ist? Wenn man sie schnell fragen könnte! Ach Gott! heiter lächelnd würde sie antworten: Aber, Herzenskind, wenn ich einem Menschen helfen will, interessiert mich gar nicht die Frage, ob er mir sympathisch ist oder nicht! Dann interessiert mich doch nur die Frage, wie ich ihm am besten helfen kann? Und Vater würde sagen: Sachlich sein!

Ja, und sie, sie hatte ihre große Abneigung.

Und sie empfand das als Schuld. Denn Erika hatte sich ihr nähern wollen, und Drude mußte sich doch sagen, daß das ein sehr, sehr gutes Zeichen für sie war. Denn Drude war doch nicht etwa liebenswürdig! Recht eklig war sie in der letzten Zeit immer gewesen. Aber Erika wollte eben auch in das edlere, reinere Menschendasein hinein, vor das Drude durch die strenge Forderung ihres Vaterhauses immer gleich hingestellt wurde: Sie brauchte nur zu streben und hineinzuwachsen, Erika aber kannte das alles nicht, sie hatte gewiß überhaupt gar keine innere Hülfe gehabt zu Hause; und war nun in die niederen Möglichkeiten ihres Wesens hineingeraten und wollte heraus in die höheren und hielt sich deswegen zu Drude – Und sie, ach pfui, sie hatte die Annäherung lieblos abgelehnt, sie hatte immer nur auf das Niedere gesehn, das ihr unsympathisch war, anstatt auf das, was sich sehnte und empor wollte –

Ach ja, welch eine Schuld! Drude ging in ihrem Zimmer unruhig hin und her. Sie blickte hinaus zu den Bergen und zu dem silbernen Streifen in der Ferne, – ihr war das Herz schwer. Das machte sie, die sich so sehr nach dem Wunder sehnte! Und das hatte Drude zu Hause oft und oft gehört: Ein schaffender Mensch sein, das ist nicht etwa: malen oder dichten können und dabei seeleneng sein. Es gibt viele Maler und Dichter, die sind dennoch keine schaffenden Menschen. Wem das Wunder kommt, der muß es nicht nur dichten, sondern leben. Dichter sein und dabei im Leben seelisch unfruchtbar, das ist nichts. Das ist so, wie Religion haben neben dem Leben, – das ist nichts. Das ist so, wie wenn Fensterscheiben von der goldenen Abendsonne leuchten: wenn die Sonne weitergeht, dann ist's Glas und weiter nichts. Von innen her selbstleuchtend muß man sein, aus schaffender Liebeskraft, weil Gott das Herz erfüllt, – das heißt schaffend sein. Das gilt dann zuerst einmal dem Leben selbst, und dann quillt der Reichtum über in Kunstwerken –

Das hatte Drude so oft gehört! Und nun hatte sie es doch so falsch gemacht! härmte sich um Dichtenkönnen und ließ neben sich eine Menschenseele, die sich aus dem Gemeinen heraussehnte und der sie schaffend helfen sollte, einfach allein, weil sie ihr unsympathisch war, – ganz wie die seelisch unfruchtbaren Menschen immer tun.

Also da muß ich nun einen Weg suchen, sagte sie sich. Es muß doch einen Weg geben, um gegen einen Menschen, der einem innerlich fremd und der einem nicht sympathisch ist, dennoch liebend zu sein. Bei Fräulein Meunier habe ich's nicht geleistet. Jetzt muß es geleistet werden. Ganz einfach, es muß.

Wie würde Marianne tun? Das hilft mir nichts. Marianne, – die erweitert einfach sich selbst, breitet die Arme aus und liebt, – rein aus Freude. Ich gar nicht. Aber gar nicht! – Das ist eben die andere Linie. Ich muß es also auf der Linie Wahrhaftigkeit zu erreichen suchen.

Da klopfte es, und Erika trat ein. Drude sah ihr gespannt entgegen. Und Erika bat: Ach, Drude! vergib mir doch!

Drude sah sie überrascht an. Ja, war es ihr etwa alles von selber aufgegangen? – Ach so, sie dachte an das Unfreundliche, das sie über Vater gesagt! Ja, Erika, sagte Drude freundlich, ich will dir vergeben.

Ach! Drude! sagte Erika mit strömenden Augen, es ist mir so schrecklich, daß ich das gesagt habe! Es gibt ja gar nichts Taktloseres, als dem Kinde eines Künstlers zu sagen, daß sein Vater nichts kann!

Ja, sagte Drude. Sie lächelte ein wenig dabei.

Ich denke es nicht, ich denke es wirklich nicht, sagte Erika. Ich habe ja auch überhaupt gar kein Urteil. Man ist ja noch viel zu jung. Ich rede da so nach –

Drude wandte sich ab. Herr Gott, was tut das noch weh, wunderte sie sich. Wir wollen nun nicht mehr davon reden, Erika, wie ich mich zu meines Vaters Kunst stelle, das ist mein Erlebnis ganz in mir allein.

Sie hielt inne. Sie war beunruhigt. Ablehnen, das war immer so gefährlich. Ach, daß sie nur auch wirklich vergab! Man darf nicht sagen: Ich vergebe dir, und dann doch heimlich einen Groll behalten. Das wäre unwahrhaftig. Und sie sagte noch einmal, voll und herzlich: Ich habe dir vergeben! Oder vielmehr, in dem Augenblick, wo es dir leid tut, vergibt es sich schon von selbst! Und setzte unwillkürlich hinzu: Erika, vergib du mir nur! – Ach, nun hatte Drude es gut. Nun war auf einmal alles warm und quillend und hell.

Ich? Dir? fragte Erika staunend.

Du wolltest doch an mich heran, Erika! und ich war ein bißchen ablehnend. Und du bist doch so sehr liebenswert! Du bist so schön und so klug und so warmherzig und so hilfsbereit. – Was geschah ihr nur? Drude staunte sehr. Soviel Freundliches konnte man sagen, – und es war wirklich alles wahr! So also muß man's machen! dachte sie. Man muß sich an das wirklich Liebenswerte halten, das der Mensch hat. Das ist dann so viel. Der Blick wird immer wärmer, und da kommt immer mehr davon hervor, wie unter dem Blick der Sonne. – Aha! eben der ganze Mensch kommt hervor, auch das, was eigentlich noch nicht ist, aber werden will. Himmel, und wie unwichtig, ob er nun ein bißchen weiter ist oder nicht! Man muß sich freuen! Er wird so schön werden!

Erika sah Drude überrascht und zweifelnd an. Sie konnte es gar nicht fassen, daß die auf einmal so gut zu ihr war. Ja, sollte vielleicht ihre große Sehnsucht doch noch erfüllt werden, und gerade jetzt? Sie konnte es nicht begreifen, und so war sie scheu.

Wie gut du bist, Drude, sagte sie leise. Drude lachte froh und fuhr fort: Ja, und eigentlich bist du sogar anständig, – in dem ganz seltenen Sinne. Meine Mutti sagte immer: Es gibt nur ungefähr sechs anständige Menschen in der Welt, aber die sind da, und das ist ein großer Trost.

Erika lachte hell auf, durch ihre Tränen der Rührung.

Ja, sagte Drude launig, aber ich habe sie öfter als sechsmal sagen hören, in dankbarem Erstaunen, daß sie wieder einem begegnet ist. Also muß es doch mehr als sechs geben. – Ich würde ja auch nicht gleich großmächtig sagen, daß du ein anständiger Mensch bist, Erika. Aber so: ein lieber anständiger Kerl, das bist du, und das ist schon sehr, sehr viel. – Na ja, und dann hast du etwas in dir nicht, und daß das fehlt, ist mir schrecklich; und etwas hast du zu viel, das ist mir noch schrecklicher.

Erika erschrak. Nun wird es kommen, dachte sie traurig. Ich konnte es mir ja denken, daß all das Freundliche nur die Einleitung zu etwas sehr Schlimmem sein würde.

Was fehlt mir? fragte sie leise.

Würde, Erika! Man läuft doch nicht den Jungen nach! Du! hast du schon einmal das Wort »Jungfräulichkeit« gehört? und darüber nachgedacht, was das eigentlich von uns will?

Erika seufzte. Die holde Hoffnung war entschwunden. Drude war ja sehr gut zu ihr. Aber sie wirklich lieb haben, das würde sie nie.

Sieh es doch ein, Erika! bat Drude und wartete.

Ich will dir nicht mehr widersprechen, Drude, sagte Erika traurig, wenn du doch von Hause her so anders gewöhnt bist, – so moralisch –

Moralisch? was ist das? fragte Drude belustigt. Sag doch, was verstehst du darunter?

Das Gegenteil von moralinfrei, sagte Erika, ein wenig trotzig. Ich bin moralinfrei. Das ist ein Ausdruck von Nietzsche. Aber den kennst du nicht?

Nein, den kenne ich nicht. Aber hör, ich kenne gut den Ausdruck »philisterhaft«. Mir scheint, du verstehst unter moralisch: philisterhaft? Philister, das sind Leute, die sich aus ganz äußerlichen Gründen nach ganz äußeren Vorschriften richten, ganz nebensächliche Dinge unendlich wichtig nehmen und sich im Gewissen bedrückt fühlen, wenn sie sie etwas vernachlässigt haben. – Nicht wahr, an so etwas denkst du, wenn du sagst: moralisch?

Na ja! ungefähr.

So! Wenn ein Frauenwesen es dem andern Geschlecht gegenüber an Würde fehlen läßt, das ist auch: äußerlich und nebensächlich? Unwürdig ist das. Ganz einfach. – Drude war sehr befriedigt; und sie glaubte, es würde nun auch für Erika ganz einfach sein. Aber wie wurde sie enttäuscht! Das ist doch ganz wie das »Käthchen von Heilbronn«, sagte Erika, und das wird so bewundert.

Drude starrte sie entgeistert an. Ich kann auch das Käthchen von Heilbronn nicht ausstehn, schrie sie dann. Das war ja zum Wütendwerden, daß diese Erika sich auch noch auf Kleist berufen konnte!

Aber Drude! Und was sagt deine Tante Gertrud dazu, die Kleist so liebt?

Das ist mir ganz gleich, was Tante Gertrud dazu sagt. Nicht ausstehn kann ich das »Käthchen von Heilbronn«, schrie Drude wieder. Ganz rot wurde sie vor Zorn.

Nun aber hatte Erika Oberwasser. Sie lachte: Aber ich liebe das »Käthchen von Heilbronn«, ich finde es entzückend.

Drude wußte sich nicht zu helfen. Sie hatte ja das Gefühl, daß die Sache sehr, sehr anders lag bei dem Käthchen. Aber sie konnte es nicht zurechtbringen. So schwieg sie. Wie konnte Kleist so etwas auch nur machen! Sie hatte sich ja schon immer darüber geärgert, daß er das Käthchen gedichtet harre. Sie hatte es auch schon Tante Gertrud gesagt –

Plötzlich fiel ihr's ein. Ich weiß, was Tante Gertrud sagen würde. Sie hat ja einmal mit uns darüber gesprochen. Ich habe ja schon damals gesagt, daß ich das Käthchen nicht ausstehn könnte, und da hat sie mir's beantwortet. – Drude war nun wieder ganz obenauf, und daher auch wieder versöhnlich.

Nun? fragte Erika gespannt.

Sie sagte: Hebbels Frauen halten immer auf Würde. Das ist sehr schön zu sehn. Kleists Frauen halten nie auf Würde, ausdrücklich nie. Und doch sind sie die höheren Wesen. Es sind Wesen, die jenes als dauernden Besitz schon in sich haben. Sie stehn nicht unter der Würde, sie stehn darüber. – Liebe, liebe Erika, sieh doch ein, du stehst darunter.

Erika war betroffen. Ja, das sehe ich ein, sagte sie.

Siehst du? lachte Drude fröhlich. Jetzt bist du wieder der liebe anständige Kerl.

Komm, und jetzt will ich auch anständig sein! Ich will dich ganz einfach trotzdem lieben. Denn lieben ist ja etwas ganz anderes als: alles an einem Menschen billigen.

Willst du mich lieben? fragte Erika scheu. Aber Drude –

Liebe, liebe Erika, ja!

Ich kann es gar nicht begreifen! Jetzt? Ich muß doch in deinen Augen richtig eine große Sünderin sein?

Ja, Erika! das bist du auch, sagte Drude ernst. Und gleich setzte sie warm und herzlich hinzu: Und wir wissen ja von großen Sünderinnen, daß sie manchmal zwei Möglichkeiten in sich haben, eine niedere und eine höhere.

Herr Gott, wie das wahr ist! sagte Erika erschüttert. Immer fühle ich doch in mir die beiden Höhenlagen. Und ich will so gern aus dem Niederen heraus, ganz in das Höhere hinein. Drudelein, bat sie in Tränen, ach ja, hab mich doch lieb! Ich sehne mich ja so sehr danach, schon die ganze Zeit. Ich brauche keine Jungen, alle die Jungen brauche ich gar nicht, wenn ich eine Freundschaft mit dir haben könnte!

Ich will, Erika! ich will. – Sieh, es wird nicht immer ganz leicht sein. Wir kommen aus so verschiedenen Welten, und du bist sehr stark, Gott sei Dank, du nimmst nicht einfach an, und das wird Reibungen geben, Krächer wird es geben. Liebe, liebe Erika, darauf müssen wir uns gefaßt machen. Aber wir wollen uns nie auseinanderzanken, wir wollen uns immer zusammenzanken, ja? Das kann man wollen. Wir müssen lernen, zu lieben, – und müssen auch immer ganz wahrhaftig gegeneinander sein.

Was bist du gut! Drude, was bist du gut! sagte Erika, voll Staunen und Rührung.

Es ist auch erst ganz neu, dachte Drude, wollen hoffen, daß es vorhält. Es muß sich erst bewähren. – Weißt du, ich werde ja auch wieder einmal sehr eklig sein, sagte sie. Aber dann denke nur immer, das will ich eigentlich nicht. Hörst du?

Gott, was bist du gut, Drudelein, staunte Erika wieder. Drude lächelte still. Gott ist gut, daß er mir hilft, dachte sie. Sie drückte Erika herzlich die Hand und fuhr fort: Weißt du, es ist ja eigentlich sehr nützlich, daß wir aus so verschiedenen Welten kommen. Um so mehr werden wir uns gegenseitig fördern. Übrigens hast du darin ganz recht, daß ich jetzt die moderne Kunst und Literatur kennen lernen muß. Es ist auch ein großer Mangel in mir, daß ich sie noch nicht kenne. Kannst du mir Bücher geben? Um die expressionistischen Bilder gehe ich zu Herrn Mollberg.

Ach Drude, sagte Erika erschrocken, aber es ist so furchtbar schade.

Was?

Wenn du das alles kennen lernst! Du wirst so anders werden! Und du bist so entzückend, gerade so wie du jetzt bist, so weltfremd, so unberührt. Es ist jammerschade, wenn du das verlierst!

Ich danke, sagte Drude empört. Hast du eine Ahnung! Meinst du, man ist rein, weil man unberührt ist? Unberührbar muß man sein! Rein sein, das ist eine positive Kraft, die sich immer aus sich selbst erneut!

Sie dachte an den Augenblick, wo sie Werner zuerst begegnet war. Da war ihnen das aufgegangen.

Erika aber sah Drude zweifelnd an, bewundernd, und zugleich voll Schmerz. Sie wird ganz anders werden, klagte es in ihr. Und sie war so entzückend jetzt. Was habe ich nur angerichtet!

Weltfremd, danke bestens, sagte Drude noch einmal. Kannst du mir Bücher pumpen, Erika?

Ja! sagte Erika, ja! ich habe ja so viel von dem modernen Zeug.

Gutes! sagte Drude, Zeug will ich nicht, was dir lieb ist, hörst du? Was dir wert scheint, daß du ihm Einfluß auf dich einräumst. Und nun hör, Erika! Wir wollen auch manches zusammen lesen, du und Werner und ich. Ganz regelmäßig wollen wir zusammenkommen und moderne Dichter lesen. Einmal sucht der eine aus, das nächste Mal der andere und dann der Dritte. Manchmal laden wir uns auch Friedel und Dora dazu. Aber nicht immer. Im wesentlichen muß es eine Kameradschaft zwischen uns Dreien sein. Willst du? Ich habe das schon mit Werner besprochen.

Mit Werner? Erika fragte es staunend und zaghaft. Ja, geht denn der darauf ein? Mit dir und mir zusammen?

Ja. Erika! Eine gute, geistige Kameradschaft! Eine gute, menschliche Freundschaft, zu Dreien. Das habe ich ihm vorgeschlagen, und er will. Willst du auch?

Drude! Drude! sagte Erika erschüttert, daß du mir das noch zutraust! Ob ich will? Ja! Sie streckte Drude die Hand hin.

Drude ergriff sie. Auf einmal lachte sie zärtlich. Mit einem kleinen, holden, mütterlichen Gefühl lachte sie. Und streichelte Erika und sagte: Und was aus deinem schönen Gesicht noch alles werden wird, wenn wir erst das Eine daraus weggearbeitet haben, das eigentlich gar nicht mehr hineingehört!

Und dann erzählte sie ihr, was sie gedacht hatte, als sie sie zuerst gesehn. Wie sie gleich Luft bekommen hatte, da etwas wegzuarbeiten.

Erika hörte lächelnd zu und ein wenig zaghaft.

Hör, Erika! ermutigte Drude. Herb und klar und stark und fröhlich und glücklich ist man da, wo du jetzt hin willst. Glücklich, hörst du? Du mußt nicht denken, daß es etwas Entsagungsvolles, Ärmliches ist, was ich meine. Aber nein! Reich und stark und froh ist es. Mein Vater sagt: Wenn es nicht blüht, ist es irgendwie nicht in Ordnung im Leben. Wir müssen immer dahin streben, daß unser Leben reich und blühend ist. Er sagt geradezu: Es ist unsittlich, in irgendeinem Verhältnis zu bleiben, in dem man seelisch immer ärmer wird. Er sagt: Das ist gut, was stark und blühend und leuchtend macht.

Das sagt dein Vater? staunte Erika, – und setzte rasch hinzu: Dann würde dein Vater mein Verhältnis zu Werner gebilligt haben!

Aber Erika! Drude war ganz fassungslos.

Weil es mich doch reich und blühend machte.

Und ihn? und ihn? Es kommt doch nicht nur auf den einen Teil an!

Er war glücklich! Er blühte, er strahlte! Auf das Blühen kommt es an.

Nein, nein! – ach Gott! – das war ja nun nicht ganz einfach. Das war ja noch viel schlimmer als das »Käthchen von Heilbronn«.

Da würde sie gewiß nicht hindurch finden.

Erika saß und machte ein triumphierendes Gesicht, weil Drude gar nichts zu antworten wußte.

So sind immer diese Künstler, grollte Drude. Vater hat da ganz dasselbe gemacht wie Kleist. Da sehen sie immer die Dinge in ihren eigenen, ganz hohen Regionen, und dann krabbeln da unten in ihren niederen Wirklichkeiten unerlöste Kreaturen herum, für die paßt es dann gar nicht.

Erika horchte auf. Das war ja sehr merkwürdig, was da herauskam! Nicht sehr ehrend – aber wahr schien es zu sein!

Drude, du hast ganz recht, sagte sie. Sie sann noch eine Weile. Ja, du hast ganz recht! Jetzt geht mir auf einmal auf, daß das etwas ganz Wirkliches ist: daß wir Menschen in verschiedenen Höhenlagen leben. Was dein Vater für seine Höhenlage geprägt hat, das darfst du gar nicht so einfach an mich drunten weitergeben.

Sie ist eben ein lieber anständiger Kerl, diese Erika! dachte Drude überrascht. Und eifrig tastete sie nun weiter: Dort oben, sagte sie, bei diesen meisterlichen Menschen, da ist es nämlich so: ihre reinen Hände greifen aus Lust nur nach dem Guten. Darum wird ihnen alles zum Dürfen. Unten muß einfach verboten werden, damit die Hände erst unterscheiden lernen. – Du hast gemaust, Erika! sagte sie stark, einfach gemaust! Liebe, liebe Erika, sieh es doch ein. Du hast einem jungen Baum unreife Früchte gestohlen, die einst reifen sollten und ganz köstlich werden. So ist's. Siehst du's ein?

Erika schwieg. Und sann. Und legte ihren Kopf an Drudes Schulter. Ach Gott! sagte sie, vor allem erlebe ich jetzt, daß es dies gibt – und das überwältigt mich ganz: daß man sein Wesen und Tun vor einem wahrhaftigen Blick verarbeiten darf, der doch nicht lieblos wird, selbst wenn er verurteilt! Ach, wie wohl das tut!

Und sie staunte und staunte. Mein Gott, das gibt es? das gibt es? Wenn das erst mehr Menschen können werden, – wie viel, viel leichter wird dann das Leben zu verarbeiten sein!

Aber statt dessen nehmen die Menschen immer alles krumm und werden kalt und ablehnend, und erklären können sie einem nichts.

Sie hielt Drude innig umschlungen und streichelte sie immer ganz leise. Und beide fühlten, daß in diesem Augenblick wirklich die Freundschaft zwischen ihnen begann.

Freundschaft, das ist: Ein gemeinsames Suchen nach dem Weg des Guten, wobei einer den andern so liebt, daß er nicht kalt wird, auch wenn der andere falsche Tritte tut.

Drude war unendlich glücklich. Sie war Erika so sehr dankbar, daß es ihr auf einmal leicht wurde, sie lieb zu haben. Das war wie eine Belohnung für ihre große Anstrengung.

Und dann fing sie ganz innig bittend wieder an: Ach, Erika! und belüge dich doch auch nicht. Sieh, es ist so unendlich wichtig, daß man wahrhaftig ist gegen sich selbst. Das war doch nicht Liebe zu Werner – das war doch ein ganz gemeines Begehren. Ach! sagte sie, wie unwahr sind doch noch die Menschen alle. Daß es möglich ist, daß man dieses Wort: Liebe! einfach für selbstisches Begehren braucht! ganz allgemein und selbstverständlich. Auf welch einer niederen Stufe muß also den meisten Menschen Liebe noch stehn! – Und sie bat wieder, dringend, flehend: Erika! es kommt soviel darauf an, daß wir wahrhaftig sind! Es ist so muschlig, sich etwas vorzureden. Ich mag nicht umgehn mit einem Menschen, der seine Seele hält wie ein Kind, das er immer mit Zuckerwerk füttert und niemals wäscht!

Nun mußten sie beide lachen. Na ja, sagte Drude, den ganzen Mund hat sich das holde Geschöpfchen vollgeschmiert, und es klebt, wo man anfaßt.

Drudelein! sagte Erika angstvoll.

Meine Mutter war so sehr sauber, Erika! sagte Drude bittend.

Plötzlich schrie Erika vor Schmerz. Ich bin eben gar nicht sauber gewöhnt, gar nicht! Das ist's. Äußerlich, ja, wie eine Zierpuppe. Aber die Seele? Nein! ganz muschlig. Es klebt, wo man anfaßt. O Gott! o Gott!

Drude war so furchtbar erschrocken, und sie umfing Erika und ließ sie sich ausweinen und sagte immer leise zu ihr: Ich hab dich lieb, Erika! ich hab dich lieb. Und Erika fing an, von zu Hause zu erzählen. Und das war schrecklich, was da herauskam! Nichts von innerer Kultur. Alles ganz äußerlich und oberflächlich. »Immer schielen sie nach dem, was die andern tun, besonders was in der Gesellschaft gilt, weißt du, und alles wird unecht, alles bloß äußerer Schein.« Wie war sie einsam gewesen! wie heiß hatte sie sich immer gesehnt nach Edlerem, – sie wußte es nicht zu benennen. Sie dachte, es wäre Bildung und verschlang alle modernen Bücher und alle moderne Kunst. Und niemand hatte sie verstanden. Sie selber ja auch nicht. Ihr eigentliches Leben fing erst an, als sie nach der Waldschule kam. Hier bin ich ja schon ganz anders geworden, sagte sie.

Welch ein Glück, daß deine Eltern dich hergebracht haben, sagte Drude, wie kamen sie darauf?

Dadurch, daß es viel Geld kostet.

Was?

Ja! Meine Mutter hörte in einer Gesellschaft eine vornehme Dame klagen, daß sie ihr Kind nicht herschicken könnte, weil es gar zu teuer wäre, und da sagte sie sofort: Wir schicken ja unsere Tochter dahin! Sie hatte noch niemals etwas von der Waldschule gehört.

Drude war ganz entsetzt. Und mußte doch lachen. Ach, was hat das Leben für einen goldenen Humor! Und so kam unsere liebe Erika in die Waldschule, wo ihre Seele erwacht.

Sie haben gar keine innere Norm zu Hause, klagte Erika. Mein Vater verdient Geld und immer wieder Geld. Je länger der Krieg dauert, desto reicher wird er. Und meine Mutter und meine Schwestern denken nur, wie sie es auf möglichst feine Weise ausgeben, und sie haben gar keine innere Richtschnur dabei. Sieh mal, Drude! das wird mir alles an dir erst klar. Du fragst immer gleich nach dem Ziel. Das bist du von zu Hause her so gewohnt. Und darum bist du so stark und sicher, du weißt immer, wohin und wozu. Bei uns aber hat niemand ein Ziel, sie haben nur Geld. Geld ist kein Ziel, Geld wäre ein Mittel. Und nun sind sie ziellos und richtungslos und enttäuscht! – so enttäuscht und arm – so schrecklich arm.

Liebe, liebe Erika! sagte Drude mit aufwallendem Herzen; was für ein Segen, daß du hergekommen bist! Und jetzt soll es mir auch recht sein, daß diese Schulen so teuer sind, – was mir nämlich sonst immer so sehr leid tat, obwohl ich ja einsehe, daß es nicht anders sein kann. Nun ist mir's recht. Denn ihr armen reichen Kinder kämt ja sonst nie hinein, und ihr habt es ja am nötigsten, zu Hause bekommt ihr so wenig. Ich meine die Kinder der Reichen, die nur reich sind, weiter nichts. – Wir, die mir um der Idee mitten herkommen, wir können es ja meistens nicht bezahlen. Von uns könnte die Anstalt gar nicht leben.

Habt ihr nicht viel Geld, Drude? fragte Erika. Du hast so schöne Sachen, du siehst immer so vornehm aus.

Die sind schön aus Kultur, nicht aus Reichtum, sagte Drude. So schöne Sachen, die ewig halten, die kosten dann längst nicht so viel wie eure Kleider, die immer mit der Mode wechseln. Wir fragen überhaupt nicht nach Mode. Mutti pflegte zu sagen: Wer danach strebt, sich modern zu kleiden, hat nicht Kultur.

Ach! sagte Erika staunend.

Nicht wahr? rief Drude. Denk mal, Erika, wir richten uns nicht einmal in den Kleidern nach der Mode! Und nun sollte mein Vater sich in seiner Kunst nach der Mode richten!

Nein, nein, sagte Erika, ich sehe es schon ein. Liebe Drude! Verzeih mir!

Kultur schaffen, sagte Drude stark, in freudigem Entdecken, kann nur, wer aus eigenem Quellgrunde lebt! Das junge Kunstgewusel, das sich nach der Moderne richtet, weiß gar nichts von Kultur.

Ach Erika! Erika! aber wie hast du's schwer zu Hause, rief sie dann. Das habe ich ja nie gewußt! Da habe ich immer so gelacht über die Kriegsgewinnerleut. Aber daß da Kinder sein können mit zarter, sehnsüchtiger Seele und vornehmem Herzen, die ins Edle wollen und von Gemeinem umgeben sind, das hab ich ja nicht geahnt. Und das ist ja schrecklich. Mein Gott, was für eine Verantwortung!

Für wen, Drude! für wen?

Für die höheren Menschen! Sie alle zu suchen, ihnen allen das edle Menschentum zu bringen. Hör, Erika, du hast jetzt eine große Pflicht! Du mußt ganz klar in dir werden und zielsicher, ganz wollend und leuchtend, hörst du? Und dann mußt du hin in diese Sphäre und mußt darin Anziehungspunkt sein für alle, die sich anziehen lassen wollen. Und mußt eine Quelle sein, daß sie sich nähren können mit höherem Leben. Und Kraft mußt du sein, die ihnen heraushilft, ja? Das ist deine Lebensaufgabe, Erika!

Ja! sagte Erika. Gut! das ist ein Ziel, des Lebens wert. Und wenn du mich nicht verlässest, Drude, dann werde ich's auch erreichen.

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