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Gertrud Prellwitz: Drude - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorGertrud Prellwitz
titleDrude
publisherMaien-Verlag
printrun21.-40. Tausend
editor
year1921
firstpub1920
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150219
projectide77bcd42
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Dreizehntes Kapitel

Fünf Heilige hat die Waldschule: Goethe, Schiller, Herder, Humboldt und Fichte. Jedem von ihnen ist eins der Häuser gewidmet und jedem von ihnen ein Tag im Jahre, der wird ganz festlich begangen. Ach, wie verstehen sie Feste zu feiern in der lieben Waldschule! Vom frühen Morgen bis zum Abend Freude und Schönheit und Poesie. Und Tänze und Kränze, geschmückte Häuser und festliches Mahl, und ein Spaziergang hinein in die schöne Bergeswelt, und traute Gemeinsamkeit zwischen Lehrern und Schülern. Und einer der Lehrer hat sich tief hineingelebt in den schaffenden Geist, den es zu feiern gilt, und holt aus dem Born seines Wesens neue Schätze heraus, rein und funkelnd, sie alle damit zu bereichern. Und erzählt von dem, was ihm dieser Geistesheld ist, und senkt es als Samen hinein in die aufhorchenden jungen Menschen; lebendig zeugende Kraft.

Drude saß auf einem Stein auf der Bergwiese, und rund umher hatten sie sich alle gelagert in ihren festlichen Kleidern und Kränzen. Und Drude las die edlen Dichterworte: und die Berge schwiegen Ehrfurcht und die Bäume horchten auf. Ach, welch ein Weben des Lebens zwischen den Kindern der Natur, die noch selig träumend tief im Unendlichen ruhten, und den Seelen der Menschen, die, nach der schmerzvollen Trennung wach geworden, wieder die Unendlichkeit sehnsüchtig suchten. Und alle Dichterworte wußten von ihr! Und alle Augen leuchteten.

Drude aber hatte es in diesen Wochen nicht leicht. Ein alter Feind hatte sich wieder erhoben, den sie schon überwunden glaubte; die kalte Unfreundlichkeit, die wider ihren Willen in ihren Ton, in ihre Haltung fuhr und dann allmählich erkältend in ihre Stimmung drang und sie von den andern trennte. Es war dann eine Starrheit um sie her, die sie nicht durchbrechen konnte. Und sie litt so davon! Dann war auch der Himmel nicht so blau, und die Sonne schien nicht so hell, und die Menschen waren fern, und alles war dumpf.

Auch Frau Hell, die geliebte, die hohe Frau, war nun ganz fern, – bis es einmal mit einem ungeheuren Ruck gelang, die Starrheit zu durchbrechen und ihr alles zu klagen. Das war, als Frau Hell auf eine Äußerung Drudes antwortete: Mein Kind, warum sagst du es so unfreundlich? Dein Herz ist doch voll Liebe, – da ist wohl ein Mangel in deiner Lebenstechnik? Da rief Drude, hilfesuchend: Ja! und setzte aufklagend hinzu: Und längst werden sie wieder alle sagen, ich bin hochmütig. Ach, und ich möchte doch nicht gerne hochmütig sein, gar nicht, was ist das nur, was ist das nur? Es ging schon so gut, nun ist alles wieder verloren. In der Schule geht es auch nicht recht mit mir, alles ist matt, ich tauge zu gar nichts.

Meine liebe Drude, sagte Frau Hell, gib acht! Neulich, als du bei unserm Fest die schönen Humboldt-Worte vorlasest, draußen im Walde, wo die Stimme leicht in der Weite verhallt, da wunderten wir uns alle, wie deutlich du sprachst, so daß es auch die Entferntesten verstanden. Da sagtest du: Ja, ich halte heimlich immer die Vorstellung fest, es sollen auch die Entferntesten verstehn, und dann kommt es von selbst, dann spricht man so deutlich. Das ist eine ganz vorzügliche Technik, mein liebes Kind: das Ziel im Auge behalten, dann schlägt man schon von selbst die rechte Richtung ein. Könnten wir das nicht auch auf dieses so viel wichtigere Gebiet übertragen? Nämlich des Seelenaustausches, der Herzensaussprache? Halte doch die Vorstellung fest: es soll sich der Seele des andern mitteilen! Es soll seinem Herzen verständlich werden. Dann schlägst du schon von selbst den rechten Ton an.

Ja, sagte Drude, ja! das sehe ich gut ein. Nur, siehst du: wenn ich da still und fröhlich auf dem Stein sitze, über blühenden Blumen unter dem blauen Himmel, und gute, lauschende Menschengesichter um mich her, und brauche nichts zu tun, als schöne, edle Worte immerweg vorzulesen, nämlich sie möglichst innig zu erfühlen und nach ihrem inneren Leben zum Ausdruck zu bringen, – da kann ich freilich ungestört immer die Vorstellung festhalten: Sie sollen verstehn. Aber wenn das bunte Leben so wuselt und will hier etwas, und ich weiß noch nicht, was, und fordert da etwas, und ich begreife nicht recht, wozu, und dann kommt noch ein Drittes und Viertes und Fünftes dazu – und das läßt sich alles gar nicht vereinen – und auf einmal klingelt's, und man hat gar nichts getan, – ach Liebe! dann ist man eklig, ehe man's gedacht.

Natürlich, Drude, der Alltag ist viel schwerer als das große Festliche! als das große, festliche Schaffen. Natürlich! Aber nicht wahr! je mehr Liebe du daran wendest, desto festlicher wird auch der Alltag. Ja, ja, ich weiß, sagte Drude und seufzte ein wenig.

Und nun will ich dir noch ein Geheimnis sagen, meine liebe Drude, das wird dich recht trösten. Hör! Es gibt im inneren Leben des Menschen Ebbe und Flut, es geht nicht gleichmäßig vorwärts, wir sind die Kinder der atmenden Natur. Vielleicht sollte ich auch sagen, es gibt Sommer und Winter. Jetzt kommt ein großes Blühen und dann ein scheinbares Versinken in Öde und Unfruchtbarkeit. Das muß überstanden werden, mit Geduld, so wie die Pflanzen draußen den Winter überstehn – Wir sind die Kinder der atmenden Natur. Wer weiß, was für hohe, heilige Gesetze sich da auswirken. Wer weiß, vielleicht – wahrscheinlich, Drude! sind das in Wahrheit die allerfruchtbarsten Zeiten. Da sind vielleicht unsere höheren Kräfte hoch, hoch hinaufgezogen, ein neues Schauen und Können zu erarbeiten, fern dem irdischen Auswirken – Dann ist man unten matt und halb, kraftlos und unfruchtbar in der Seele. Aber um so schöner wird es danach sein, wenn jene hohen Seelenkräfte sich wieder zum Erdentage wenden und ihm ihr neues Schauen, ihr neues Können einströmen. Jeder Dichter weiß das, mein Kind. Es ist aber das Erdenleben des höheren Menschen, des Seelenmenschen dem künstlerischen Schaffen doch so sehr verwandt!

Dichtest du –? fragte Drude staunend.

Und da gab ihr Frau Hell ein Buch mit Gedichten, – ach, und darin fand sie ein starkes, entrücktes, heilig-heißes Seelenringen vor Gott, immer um das Eine: die innere Lebendigkeit in ihm –

Und Drude war ganz erschüttert: So kämpfen muß man? Soviel Ringen kostet es, bis man so klar und harmonisch wird? Soviel Ringen kostet es diese klarste und reinste Seele? – Darum will ich kämpfen! Das Erdenleben ist eben Kampf – und der Kampf schon ist das Glück!

Und es fuhr aus den starken Gedichten eine solche Kraft in ihre Seele, daß sie sich dann gut durch die schweren Zeiten hindurcharbeiten konnte, von Tag zu Tag. Sie ruhte still geduldig in sich und übte sich nur immer in dem Einen: freudig und freundlich zu sein trotzdem.

Bis dann auf einmal die Zeit erfüllt war! und da war alle Dumpfheit von selber fort, und Drude war hellwach und voll von einem neuen Strömen der Kraft, so wie sie es noch nicht gekannt vorher.

Und das war auch gut; denn sehr, sehr schwer war, was nun an sie herantrat. Und forderte alles, was sie hatte an menschlicher Klugheit und Güte. Und es war. als hätte das Leben ihre Kraft dafür gespart und eingeschult, so daß sie nun bestehen konnte.

– – Inzwischen waren die Ferien gekommen, und die Waldschulkinder waren alle nach Hause gefahren oder mit den Ihren in einen schönen Sommerort. Drude war einige Tage daheim bei Vater und Bruder, um die erst wiederzusehen, und fuhr dann mit Waltraut an die See. Tante Gertrud fand sie daheim nicht, – sie war weit, weit fort: »auf Arbeitsreise«, hieß es. Und Vater sagte: wir müssen uns daran gewöhnen, Drude, daß sie nun nicht mehr so ausschließlich uns gehört. Eine solche Natur kann ja nur eine Weile den Wenigen gehören, um auch das kennen zu lernen und zu erfüllen. Nun aber gehört sie wieder der ganzen Menschheit. Wir müssen uns daran gewöhnen, Drude, daß sie nun nicht mehr so einfach bei uns sein wird. In dieser nach Leben so hungrigen Zeit muß sie gehn und der Menschheit dienen, wo immer sie nach ihr verlangt. Sie geht und lehrt die Seelenkräftigen, die Not der Zeit in Werden zu verwandeln.

Drude war erschrocken. Ja, wird sie denn gar nicht mehr richtig bei uns wohnen? – Aber da war es ihr, als ob ihre verklärte Mutter lächelte: Und ist dir ganz unverlierbar, mein Kind! Es gibt noch eine so wunderbare Freundschaft zwischen euch beiden – So daß Drude staunend aufhorchte.

Und dann fuhr sie mit Waltraut an die See. Waltraut war fast zehn Jahre älter als sie und nun eine jung verheiratete Frau. Aber dennoch war eine wunderbare Freundschaft zwischen ihnen, und das war ein sehr, sehr großer Reichtum in Drudes Leben. Denn Waltraut bereitete Drude das unbegreifliche Glück, daß sie sie oft verstand in dem, worin kein Mensch sonst sie verstand, und sie selbst auch nicht. Weil sie in ihrem inneren Leben sehr viel Verwandtes hatten, und weil Waltraut in ihrer geistigen Entwicklung auch an der Stelle war, daß sie das hohe, geistige Leben in dem Kreise der Schaffenden, in dem sie lange Jahre als junge Helferin gedient hatte, in Drudes Vaterhause, zugleich verehrend liebte und zugleich fast nicht ertrug, weil sie sich die Vorstufen dazu erst mühsam erarbeiten mußte. Darum konnten sie einander so viel geben, Drude und Waltraut, das Kind und die junge Frau, und sich so gut helfen, und zugleich liebten sie sich zärtlich. Und so hatten sie es sehr schön miteinander an der See. Nur daß leider Drude erleben mußte, daß die Dumpfheit auch dort über ihr war. Immer war es wie eine dunkle Nebeldecke, die nur manchmal für eine helle Stunde sich verzog. Und auch über Waltraut war sie. Denn Drude und Waltraut waren sich auch darin gleich. Aber Waltraut wußte Bescheid und sagte: Drude, ich weiß, dies periodische Offen- und Zugedecktsein haben alle Menschen mit zartem, intuitivem Seelenleben, und alle, die den Pfad des höheren Lebens betreten haben, die, für die das Leben so ganz von selber ein Pfad der Einschulung wird, ein Weg der Weihe, von Grad zu Grad, von Stufe zu Stufe. Die alle kennen das. Wir wollen es denn auch nicht tragisch nehmen, wenn wir uns diesmal nicht ganz so viel sein können wie sonst.

Wer weiß, Waltraut, ob wir uns nicht gerade jetzt sehr viel sein können, sagte Drude. Wir wollen einander hilfreich sein dadurch, daß wir uns nichts übelnehmen, sondern uns helfen, es zu ertragen. Weißt du, und wir wollen auch immer recht früh schlafen gehn, da quält man sich nicht so lange hier unten herum, sondern fliegt bald ins Helle.

Und das hatten sie denn auch getan, und Drude war schön erholt und ausgeruht, als sie wiederkam.

– – Auch Werner und auch Erika waren an der See gewesen. Und zwar merkwürdigerweise beide mit den Ihren in demselben Luxusbadeort. Wie kam es nur, daß, als Drude es hörte, sie bang aufhorchte? Daß ihr gar nicht wohl dabei war? Werner erzählte ihr, welche Überraschung das gewesen, als er Erika mit ihrer verheirateten Schwester auf dem Seesteg begegnet war. Warum war er so bedrückt, als er es erzählte? Und überhaupt war Werner wunderlich fremd. Und mit Erika lebte man sich auch nicht recht ein. Wie kam das nur?

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