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Gertrud Prellwitz: Drude - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorGertrud Prellwitz
titleDrude
publisherMaien-Verlag
printrun21.-40. Tausend
editor
year1921
firstpub1920
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150219
projectide77bcd42
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Zwölftes Kapitel

Als Werner am nächsten Abend soeben zu Drude gegangen war, und sie das schöne Mappenwerk von Vater hervorholte, kam Erika: Ich möchte so gern auch deines Vaters Bilder sehn, sagte sie.

Das ist auch wahr, antwortete Drude, ich will sie gleich allen zeigen, wer weiß, wann man wieder dazu kommt. Ich hole auch Dora und Friedel.

Als Werner und Erika allein im Zimmer waren, schwiegen sie. Werner dachte: was bedeutet das? geht sie mir nach? – Erika saß und sah Werner an. Und ihm war's, als ob ihr Blick ihm sagen wollte: Glaub doch nicht, daß du mir entrinnen kannst. – Er seufzte.

Er schlug das große Mappenwerk auf. Erika sah mit hinein.

Ach, lauter nackte Menschen! sagte sie. Er erschrak und schlug es zu, gequält. Nein, nicht nackte Menschen sehn, neben Erika! Weggehn! Er stand auf. Ach Gott, wie sollte er das Drude sagen?

Aber als nun Drude mit den andern kam und er in ihr klares, frohes, herbes Gesicht sah, da fand er es unmöglich, es ihr zu sagen. Und er setzte sich wieder.

Und Drude fing an, die Bilder zu zeigen. Und Friedel schrie vor Entzücken: Das sind ja lauter Gedichte! »Brandungsgesang!« Ach! Ach Gott! und seine Wangen glühten.

Ja, nicht wahr? sie nennen auch Vater immer den Malerdichter. Aber er sagt, das ist immer so: Bildende Kunst, wenn sie wahrhaft schöpferisch ist und nicht nur technisches Können weiterführt, ist immer auch Dichtung; oder auch Musik. Er hat viele, viele Bilder – Malereien, wißt ihr, die nennt er Farbenmusik.

Werner aber saß still da und schaute und schaute, und staunte und staunte. Ach, diese Bilder wirkten ihre Gegenwart so machtvoll! der ganze Raum wurde davon erfüllt, ihre Seelen wurden ganz davon durchdrungen, sie wurden alle emporgetragen, in eine schwebende Freiheit hinein, – und alles Quälende war fort. Tief, tief unter ihnen blieb das alles. Ach, wie war es ihm erlösend! Sie wurden alle still und froh und feierlich. Und er staunte, wie auch Erika anders wurde, ein ganz anderer Mensch plötzlich! Gut und rein und kindhaft und andächtig. Das ist Kunst! dachte er staunend und dankbar. Ja, das ist die große, die erlösende Kunst. Ach Gott! unsere, unsere Zeit hat solche Kunst? Aber dann ist es ja alles gar nicht so schlimm! Dann kann ja noch alles gut werden!

Drude merkte wohl, daß er ganz durchschüttert war von innerem Erleben. Das kannte sie gut, wenn ein Mensch so schweigsam wurde vor ihres Vaters Bildern. Dann wurde alles in ihm umgerührt und aufgewühlt und durchgeklärt und emporgeläutert. Das waren die Menschen, mit denen man Freundschaft schließen konnte.

Drude erklärte ein bißchen, aber nicht viel. Was war da groß zu erklären? Sie waren schön. – Zwar dann kamen Bilder, da fing Friedel leidenschaftlich an, zu fragen, was sie bedeuteten. »Am großen Gitter!« »Am ehernen Gitter!« Aber Drude lehnte ab. Ja, es sind Weltanschauungsbilder, das ist wahr. Aber Vater sagt, man soll nicht erklären. Jeder soll in sich selbst hineinlauschen. Es erklärt sich dann nämlich jedem anders. Denn es sind die Gesetze des inneren Lebens, die da gestaltet sind. Ja, so hat er gesagt – »die Naturgesetze des Seelenlebens«, glaube ich, sagte er, die dann zu Jedem in der Sprache seines Lebens reden, die will er offenbaren. Die können nur durch Kunst offenbart werden, nicht durch erklärende Worte. Fragt mich nicht, sagt er manchmal ganz ungeduldig. Wenn man's sagen könnte, würde ich's versuchen, mit Worten auszudrücken. Aber Worte reichen nicht aus, es ist zu stark und zu zart dazu. Darum stelle ich es bildlich dar. So nehmt es schweigend auf und laßt es wirken.

Ja, sagte Werner, es rinnt als Kraft in die Seele und weckt!

Eben, erwiderte Drude. Er sagt: Schaut es schweigend an und laßt es in euch hineinrinnen, dann geht euch übermorgen ein Wissen auf, und ihr ahnt vielleicht nicht, woher.

Ja, es weckt, rief Friedel freudig, und es gibt Richtung, und stärkt und stählt.

Nicht wahr? wie es auf den Willen wirkt, sagte Dora. Und Werner dachte: Gott sei Dank! Gott sei Dank!

Aber man muß sich erst allmählich hineinleben, meinte Dora, man hält es auf einmal gar nicht aus.

Es ist so furchtbar fordernd, sagte Werner. Die Waldschule ist schon so fordernd, aber dies ist der Superlativ zum Positiv.

Ach! sagte Drude staunend, so sah ich's nie. Nein, so kann ich's auch nicht sehn, in meiner Perspektive liegt es gar nicht so. Da sehe ich nur, daß es alles auf derselben Seite ist, da wo das Reine und das Echte und Lebendige ist gegenüber dem Alten, Äußerlichen, Oberflächlichen und Unechten.

Wenn man aus dem Alten, Unechten kommt, sagte Werner, dann gelangt man zuerst zu Herrn Gehrke, und dann zu Frau Hell, und dann wird einem vor diesen Bildern noch himmelangst, was die wohl alles fordern!

Nun kam ein Bild, das war so seltsam! Und Werner entsetzte sich fast, wie es zu ihm, gerade zu ihm wollte, wie es sich ihm gewaltsam in die Seele drängte. Eine seltsam schöne Frau saß da, mit einem wunderbaren Gewand bekleidet, ihre Augen waren ganz voll von dem gefährlichen Locken und waren doch zugleich ganz trostlos. Zu ihren Füßen saß, in ihren Schoß geschmiegt, ein Mann, in völlig schlaffer, willenloser Haltung, wollüstig hingegeben, das Haupt zurückgeworfen, hilflos. Und sie hielt seine beiden Arme ausgestreckt, so daß er wie gekreuzigt erschien – und nun die Trostlosigkeit in ihren Augen!

Werner dachte: O Gott, was ist das nur, was wünscht sie denn so sehr? O, wie ergriff ihn dieses Bild! Sie wünscht ja, er möchte sich ermannen und sich befreien!

Wie heißt es? fragte Friedel. – Satana! sagte Drude.

Ach! was bedeutet es? erstaunte sich Friedel. Gibt es auch einen weiblichen Satan?

Es sind alles Seelenvorgänge, sagt Vater, antwortete Drude.

Sie verstehn es beide nicht, dachte Werner. Ob Erika es versteht? Erika saß still da und blickte darauf nieder und sah blaß und unglücklich aus. Die versteht es, dachte er. Wie gut! ach, wenn es doch wirken möchte! Ach, wenn es doch – Herr Gott, diese Kunst ist mir ja einfach eine verbündete Kraft in meinem Kampfe! – Kann man das Buch kaufen? fragte er, ich möchte mir's so gern zu Weihnachten schenken lassen.

Nein, leider nicht, sagte Drude. Es ist vergriffen, und jetzt im Kriege kann's nicht hergestellt werden. Aber Werner, sieh, hier liegt es, du kannst es dir immer holen.

Ach ja, Drude, danke! dies geht mir alles unendlich nahe.

Erika machte auf einmal ein unzufriedenes Gesicht. Aber Kunst ist es ja eigentlich nicht, sagte sie.

Was? staunten sie alle.

Kunst soll nicht so am Stoff haften!

Was heißt: am Stoff haften? fragte Drude verwundert, es ist doch ganz gelöst vom Stoff! In sich ruhende, freie Kraft! Rein, schwebend, sieghaft –

Ja, eben, rein! sagte Erika trotzig. Es muß nicht rein sein wollen, sonst ist's nicht Kunst. Kunst will nur Form darstellen.

So! frage einmal die Expressionisten, ob sie nur Form darstellen wollen, höhnte Friedel.

Aber Kinder, was geraten wir denn plötzlich in Kunsttheorien? lachte Drude. Wollen wir uns nicht lieber freuen? Es greift doch so in die Seele!

Eben! es greift so sehr in die Seele, dachte Werner lächelnd.

Aber es ist gar nicht modern, trotzte Erika.

Werner lachte.

Erika, du ärgerst dich ja! sagte Drude. Ich kenne das schon gut. Kinder, es gibt gar nicht viele Menschen, die diese Bilder einfach lieben. Manche ärgern sich ungeheuer. Tante Gertrud sagt, diese Bilder sind voll strömender Offenbarung für Menschen, die wollen. Die aber nicht wollen, die ärgern sich.

Was wollen? fragte Erika.

Das Gute! Diese Bilder stellen immer die Forderung an uns, unsere höchsten Kräfte zu leben. Das ist unbequem. Und wer nicht will, der muß sich so sehr ärgern.

Dann ist es nicht echte Kunst, sagte Erika, dann ist es Tendenz. Tendenzkunst ist nicht echt. Echte Kunst will nichts als Form darstellen können. Kunst kommt von Können.

Kunst ist Lebensoffenbarung, sagte Drude.

Aber das könnte unbequem werden, lachte Werner übermütig. Bequemer ist: Kunst ist ein formales Können, dem man eine Zensur gibt, wobei man sich fühlen kann. Er wurde immer vergnügter.

Dora aber verstand nicht recht, was da vorging. Ich kann auch nicht lange diese schrecklich erhabenen Bilder sehn, Drude, sagte sie. Jetzt wieder die schönen, ja?

Ja, das ist wahr, sagte Drude, wir wollen nicht so lange die furchtbar starken Bilder ansehn, für die sind wir eigentlich noch zu jung. Und dann seht mal, das sind ja Entwürfe zu Tempelbildern. Davon soll der Mensch eines in sich aufnehmen und sich ganz davon durchdringen lassen und dann hingehn voll Wissen und Kraft! – Aber nicht so viele hintereinander ansehn, so ist das ja gar nicht gemeint. Kommt, seht diese hier, das sind die schönen, nicht wahr, Dora?

Ja, dies alles ist sehr, sehr schön, sagte Dora, davon recht viele.

Ach, ich bin ganz selig darin, jubelte Friedel. Da singt und klingt alles. Findest du das etwa nicht? schrie er Erika an.

Doch, ja, gab Erika zu.

Drude zeigte weiter, mit strahlenden Augen. Ach, was für eine reiche, reiche Welt! Sie war so stolz und froh.

 

Als die andern fortgegangen waren, ging sie noch allein hinaus, ein Stück des Weges hinunter. Ihr Herz war so voll von der großen Schöpferkraft, die aus den herrlichen Bildern in sie hineingedrungen war. Sie war so glücklich, daß es ihres Vaters Kunst war, die sie geschaffen. Aber darüber hinaus war ein bewegtes Leben in ihr, unruhvoll, drängend und mahnend. Sie wußte nicht, was es wollte.

Gerade an der Pappel stand sie und sah zu ihr hinauf, sah ihrer beseelten Schöne ins Angesicht, – da auf einmal geschah es! Da blickte es sie an, – von außen und innen zugleich, – und mit einer solchen Berührung, daß sie erbebte, und daß sie auf einmal etwas wußte –

Es war, als ob sich ihr ein Schleier zur Seite zöge, und auf einmal wußte sie es –

Und sie griff danach, mit bebendem Herzen: Ach, sonst wünsche ich mir nichts im Leben! Dies ist mein einziger, höchster Wunsch! Ach Gott, daß zu mir das Wunder käme! Und sie sah auf ihr Leben, und alles, was sie vorher gelebt, war wie unter einem Schleier, und nun lag es alles da, vom heimlichen Wunderglanz beschienen.

Wenn das Wunder käme! Gott, wenn das wahr wäre!

Sie drückte ihr Gesichtchen an den Stamm der Pappel, und ihre Freudentränen vermischten sich mit dem webenden Leben des lieben Baumes. Und rings fühlte sie sich umfangen von dem göttlichen Blick, der sie in sein süßestes Wunder einweihen wollte – Dichten können! »Ich will rein sein!« antwortete ihre junge Seele.

Vater und Tante Gertrud sagten beide, jeder auf seine Weise: Zum Wunder berufen sein, das bedeutet viel Schicksal und Schmerz, es bedeutet Entsagung und Entbehren, innere Einsamkeit, Verkennung und seelische Mißhandlung, es bedeutet unendliche Mühe und Arbeit, viel mehr, als die andern Menschen überhaupt nur verstehn. Ja, und das höchste Glück. Das Spiel der Seligen ist es im Erdenland, und alles wird glanzlos daneben.

Es war ja auch gar nicht zu ertragen, wenn man immer so nahe bei den Schaffenden wohnte und nicht ganz zu ihnen gehörte! Sie hatte immer mir Liebe und Bewunderung und mit Staunen und mit Trotz auf die Art der Schaffenden geblickt, und nun begriff sie, daß ihr Trotz Sehnsucht war! Sehnsucht nach dem Wunder hinter dem großen Gitter – das doch keine Menschenhand auftun kann.

Und nun tat sich das große Gitter langsam auf! Und ihre Seele bebte, was nun geschehen würde. Sie begriff ganz gut: Ein langsames, zögerndes Schreiten würde es zunächst sein. Ach, würdig werden, würdig werden! O Leben! Leben!

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