Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gertrud Prellwitz: Drude - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorGertrud Prellwitz
titleDrude
publisherMaien-Verlag
printrun21.-40. Tausend
editor
year1921
firstpub1920
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150219
projectide77bcd42
Schließen

Navigation:

Neuntes Kapitel

Werner hatte nach Hause geschrieben und gebeten, man ihm eine Laute schicke. Und nun hatte er sie bekommen, und nun bat er Drude, ihm die Griffe zu zeigen. Und Drude gab ihm Lautenstunde. Und sie freute sich, wie seine Seele voll Musik war. Also das ist es! sagte sie. Ich dachte mir wohl, daß irgendeine Kunst in deiner Seele daheim sein müßte! Man sieht es an deinen Bewegungen.

Wieso? fragte er erstaunt. Man hatte ihm oft gesagt, daß er sehr elegante Bewegungen hätte, und er sah, daß Friedel seine Arme und Beine nicht beieinander halten konnte, und in Friedels Seele war dennoch die Poesie zu Hause, wo war nun das Gemeinsame?

Und Drude sagte freundlich: Du kannst auch auf einmal so selbstvergessene Bewegungen haben wie alle Künstlermenschen.

Eigentlich sollte ich sagen: Kindermenschen. Zu Hause sagen sie: Kindhafte Menschen. Das sind solche, die nicht so in sich drin stecken; die über sich hinaus leben können, die mit ihrer Seele die Welt erfühlen können. Denen sieht man es immer an den Bewegungen an. Und dann ist nachher meistens auch eine Kunst in ihrer Seele. Das ist immer solch eine holde Zugabe. Aber sie brauchen nicht Künstler zu werden, um Gottes willen!

Werner war froh erschrocken. Sie hatte ihn ja gern! Drude hatte ihn ja gern! Und er lernte freudig und schnell die Griffe, und er überraschte Drude bei den nächsten Malen damit, daß er ihr Lieder sang, von Liliencron und Dehmel, zu denen hatte er selbst die Melodien gemacht, und Drude lobte erfreut, als eine eifrige und zufriedene Lehrerin.

Sie gingen jetzt manchmal in der Freistunde miteinander spazieren und erzählten sich von zu Hause, was für fremde Welten sich da berührten! Aber Drude war erstaunt und erschrocken, was ihr dabei geschah: Sie hatte gefürchtet, daß sie ein wenig zu sehr renommieren würde mit all dem Schönen zu Hause, auf das Werner immer so sehnsüchtig und bewundernd hinblickte! Und nun geschah ihr, daß sie statt dessen ihren kleinen Gegensatz zu der Welt daheim immer wieder betonte – wie ärgerlich! wie war es egoistisch und eng und ungeklärt, und was sollte Werner nur denken?

Zum Beispiel fing sie einmal an: Weißt du, sie sind so: Sie tun alles, was sie tun, immer um der andern willen. Das ist mir so schrecklich.

Wie? Aber Drude! Sie denken immer, was die andern sagen? wie schade! Ja, Künstler sind wohl meist sehr eitel.

Ach, du meinst, daß sie sich nach den andern richten? Aber nein! Um Gottes willen! Das meine ich gar nicht.

Nein, nein, umgekehrt! Sie fragen bei jeder Sache, – weißt du, es kommt ganz unwillkürlich bei ihnen, bei Vater immer und bei Tante Gertrud, bei Mutti war es nicht so, darum hatte ich sie am liebsten – weißt du, ich habe natürlich die andern auch lieb –

Schweife nicht ab! Was fragen sie bei jeder Sache? Darauf brenne ich nun, Drude!

Sie fragen immer: Wie wäre es gut, daß alle es machten? Und so machen sie'«.

Was? Aber –

Sie leben gleichsam immer vorbildlich. Aber nicht so, daß sie nun viel danach fragen, ob die andern es auch sehn, aber nein, was denkst du! sie ruhen ganz in sich. Sie fragen nach niemand. Sie brauchen gar nicht, daß jemand sie sieht und etwa bewundert, aber gar nicht. Aber es ist so – ich glaube, bei Tante Gertrud besonders ist es so – daß sie eigentlich vor den Augen der unsichtbaren Menschheit lebt, als wenn die ihr zusähe. Sie sagt oft: Immer die Welt selbst meinen! Weißt du, sie macht alle Dinge immer so, wie sie sein müßten, wenn sie es für die ganze Welt tun sollte, so gut wie sie irgend kann.

Donnerwetter!

Ja, nicht wahr? Ach du, Donnerwetter, das ist solch ein befreiendes Wort. Das werde ich mir merken.

Und du warst nicht gern in ihrer Nähe?

Schrecklich! schrecklich! schrecklich! Ich bin froh, daß ich weg bin –

Aber Drude! wieso denn?

Na, wenn man doch so unvollkommen ist!

Werner lachte herzlich. Ach, du goldiges Geschöpf!

Ja, weißt du, es ist um sie her ein weiter Raum voll immer dünnerer Luft. Manchmal ist das herrlich. Aber manchmal – Ach du, Donnerwetter ist solch ein befreiendes Wort. – Man konnte nie entspannen.

Drude, was du alles für Worte hast.

Ja, die habe ich natürlich alle von ihr. Und übrigens sagte sie: Man soll sich entspannen lernen, damit sich das Ewige in uns auswirken kann.

Sie schwiegen eine Weile.

Was mir so schwer ist, fing Drude dann an, das ist, daß sie manchmal sagten, ich bin etwas anders, als sie alle zu Hause. Siehst du, es ist so wahr. Und ich will, ich will anders sein. Aber es tat so rasend weh.

Herrgott, ja, Drude!

Drude stand still. Die Augen voll Tränen. Das süße Gesichtchen voll Trotz und Schmerz. Sie ließ die Blicke dahingehen, wie mit banger Frage: O Leben, wie bist du nur, o Leben? Die schöne stille Berglandschaft blickte so tröstend. Die liebe hohe Pappel am Wege rührte leise ihre Zweige. Drude ging auf sie zu und legte ihre Wange an die Rinde. Dann lachte sie froh: Ach Gott, das Leben ist so schön. Und sie gingen weiter.

Werner fragte: Wann sagten sie das, daß du anders wärst als sie?

Zum Beispiel, wenn wir neue Kleider bekamen, – und das waren dann Stoffe, die sehr schön fallen und lichtechte Farben haben, und sie dachten sich die Machart aus, immer so, daß man den schönen Fall sah. Das war mir so schrecklich. Ich wollte so gern endlich einmal ein fertig gekauftes Kleid haben, und da neckte Vater immer: Endlich einmal gewöhnlich!

Aber Drude, warum wolltest du das?

Herrgott, weil alle Menschen auf der Straße einem nachsahen!

Drude, weißt du: wenn meine Schwester sich einen neuen Hut kauft, dann muß das Geschäft es ihr womöglich schriftlich geben, daß es diesen Hut nur einmal gibt; daß sie ganz allein so einen hat. Sie ist stolz, wenn alle auf der Straße ihr nachsehen, weil er so wunderschön ist.

Na, du, das ist aber eine ganz andere Welt.

Das merke ich, lachte Werner. Und fügte hinzu: Drude, ich habe so rasende Sehnsucht!

Wonach?

Nach deinem Zu Hause!

Ach du –! Ich habe sie ja auch alle so lieb, so lieb! Aber siehst du, ich will nun einmal erst sein wie die andern. Meine Art ist eben, sein zu wollen wie die andern.

Drude, das ist zum Totlachen, sagte Werner. Du willst nicht unter ihnen sein wie sie, nämlich so ganz selbständig wie sie, du willst dir erlauben, unter ihnen selbständig zu sein, nämlich zu sein wie die andern.

Ach du, das ist zum Krieseligwerden, sagte Drude.

Und plötzlich setzten sie sich in Bewegung und rannten ein Ende wie die Kinder. Und dann gingen sie wieder langsam und sannen dem allen nach und wunderten sich.

Auf einmal sagte Werner: Weißt du, daß du bei uns doch gerade so machst?

Wie? fragte Drude.

Daß du die Dinge, die du berührst, so anfassest, wie es sein müßte, wenn du es für die ganze Welt tun solltest, so gut wie irgend möglich.

Da sah er, wie über ihr Gesicht ein froh erschrockenes Leuchten ging: vielleicht bin ich gar nicht so anders als sie? Ich bin ja noch so jung –

Er lachte. – Ich muß dich noch etwas fragen, Drude, sagte er. Du sagtest etwas, was mich so sehr überraschte, da du es nämlich gar nicht als Scherz sagtest. Und zwar dies: Schlechte Kunst zu machen ist Sünde.

Nun ja, sagte Drude, Kunst darf nicht ärmlich und schluderig nebenher abgemacht werden. Mit der Kunst muß man es immer ganz tiefernst meinen. Lieber gar keine Kunst. Aber es sich billig damit machen, das ist eine ganz schwere Sünde.

Aber weshalb denn? Es ist doch ein Spiel! Aber hörst du, Drude, ich widerspreche nicht! Ich fühle, daß das wahr ist, was du sagst, wenigstens muß ich unbedingt Respekt davor haben. Aber – können wir nicht auch herausbekommen, woher das kommt? Du sprichst davon, als wäre es Religion, als wäre es sittliche Pflicht, und es ist doch ein Spiel!

Ja, sagte Drude, staunend. Du hast ganz recht, es ist eigentlich sehr merkwürdig, weißt du, ich kann ja nicht anders empfinden, ich tue es aus der Luft heraus, die mich zu Hause umgab. Ach, und wie ich sie liebe, diese Luft! Sie ist so stark und so klar. Aber du hast recht, es ist eigentlich sehr merkwürdig! Sie spielen, ja! Und daß das in höchster Treue geschieht, das ist ihnen religiöse Inbrunst, – das ist ihnen die höchste sittliche Forderung. Und sittliche Pflicht und Religion und Spiel, das ist ihnen alles eins. Ja, weißt du, da ist doch das Wunder.

Was ist da? Liebe, liebe Drude! Du mußt denken, ich komme aus einer ganz andern Welt!

Das Wunder – sagte Drude scheu. Sie sagen: Sie schaffen an der geistigen Atmosphäre der Welt. Sie sagen auch: Sie spielen es den Menschen in Herz und Sinn und Geblüt, was Gottes Idee mit der Welt ist. Damit sie es dann finden können, wo es hinaus will mit ihnen – wie im Dunkeln tappende Wesen, geleitet von einem hellen Schein. Du kannst dir denken, Werner, bis man solche Gedanken überhaupt zu denken wagt, was da für ein Wunder in der Seele geschehen sein muß.

Werner schwieg, ehrfurchtsvoll.

Übrigens: »Spiel«, sagte Drude, du nimmst das Wort viel zu leicht. »Spiel« ist für sie, glaube ich, das Höchste, was sie kennen. Ich hörte sie einmal sagen: Seine Pflicht erfüllen, das ist noch nicht das Höchste. Dabei kann man zum Beispiel eine Tüchtigkeitsmaschine werden, und das ist gar nicht das Höchste. Sich seine Pflicht in ein seliges Spiel verwandeln, das ist das Höchste!

Ach! sagte Werner. Ich glaube, du, in der »Ästhetischen Erziehung« von Schiller steht auch so etwas drin.

Ja, es steht immer irgendwo bei den ganz Echten schon alles Gute drin, sagte Drude.

Und wer ist es eigentlich bei euch zu Hause, der all das Gute sagt? fragte Werner.

Das weiß man zuletzt nicht mehr, antwortete Drude. Vater und Mutter und Tante Gertrud. Der eine fing an, und der andere sprach weiter, und es wurde ein Ganzes. Aber das Allerschönste hat meine Mutter gesagt.

Drude stand still, vor ihnen lag das mondbeschienene Tal. Leise und scheu fing sie an: Sie hat einmal gesagt – ich hab's nicht gehört, ich war noch zu klein. Ich hab's von Tante Gertrud. Tante Gertrud hat es uns so oft erzählt, mit so viel Rührung und Entzücken. Meine holde Mutter hat einmal gesagt (und immer, wenn ich mir ihre seelenanmutige Gestalt zurückrufe, dann muß ich daran denken): Es ist ja oft so schwer zu unterscheiden, was recht und was unrecht ist, aber dennoch ist es ganz einfach, den Weg zu finden. Immer das Lichtvollere muß man wählen. Man muß immer so licht sein, wie man kann.

Wie das Licht vom Himmel rann! Drude hob auf einmal beide Arme ihm entgegen und breitete die Hände empor wie sehnsüchtige Blütenkelche. – Ergriffen sah Werner ihr zu.

Herrgott, Junge, sagte er zu sich selbst, was hast du für ein unerhörtes Glück, daß du dieses alles erleben darfst!

Drude aber wandte sich zu ihm: Ich will dir noch ein Gedicht sagen, das Tante Gertrud mir einmal für Muttis Geburtstag gemacht hat! Es paßt so sehr für meine Mutter – hör!

Das ewge Leuchten tief und klar,
Das aus den irdschen Dingen all
Uns anblickt süß und wunderbar,
Es grüßt dich heut wie Glockenhall:
Ich liebe dich, ich liebe dich,
O Menschenkind!
O liebe mich, o fasse mich,
Sei licht gesinnt!
Aus aller Sterne Wesenskraft
Schuf ich mir dich in Freuden,
O fürcht dich nicht, o fürcht dich nicht
Vor meines Schaffens Leiden!
O klage nicht, o klage nicht
Der Schmerzen dieser Erden –
Du tief geliebtes Menschenkind,
Sei licht gesinnt!
Fasse mit Mut
Mich in dein Blut!
Du sollst noch leuchtend werden!

 << Kapitel 10  Kapitel 12 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.