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Gertrud Prellwitz: Drude - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorGertrud Prellwitz
titleDrude
publisherMaien-Verlag
printrun21.-40. Tausend
editor
year1921
firstpub1920
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150219
projectide77bcd42
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Achtes Kapitel

Drude, du bist ja feige!

Drude blieb auf dem Waldwege stehen, auf dem sie ganz früh am Morgen des nächsten Tages allein dahinging, um sich zu überlegen, wie sie anzufangen hätte, was nun getan werden mußte. Es wurde ihr klar, daß es nicht gehen würde, nur zu versuchen, den großen Mädchen und großen Jungen das Tanzen beizubringen, so wie es sein mußte, und dabei sie indirekt zu beeinflussen in dem, was ihr die Hauptsache war. Nein, das würde sie nicht können.

So etwas kann Vater und Tante Gertrud und Frau Hell, ja, und Herr Gehrke natürlich. Aber ich kann das nicht. Dazu gehört, daß man so stark ist, daß man einem ganzen Kreise zum Willen werden und ihn lenken kann, ohne daß man ausspricht, was man will. Nein, dazu habe ich nicht die Macht. Ich müßte es sagen. Im direkten Wort. Und ganz, wie ich es meine.

Ja, und davor hatte sie Angst. Es ist etwas ganz anderes, im Augenblick so etwas herauszuschleudern, ehe man es noch gewollt hat, – als sich vorzunehmen: Ich will all den großen Jungen und großen Mädchen vorstellen, daß sie es ganz falsch machen. Daß sie einen ganz andern Ton miteinander anfangen müssen.

Sie würden es ihr so sehr übel nehmen! Es würde ihr ihre Stellung ganz verderben. – »Drude, du bist feige.« Nein, feige will ich nicht sein. Ich muß es eben wagen, meine Stellung unter ihnen und alles, um nur das Rechte zu tun. Da hilft nichts. Das gehört eben zum Anständigsein. – Dieser Entschluß war ihr eine große Erleichterung.

Was heißt denn auch: Mitarbeiter sein? an dieser kleinen Welt oder an Gottes großer Welt! Was heißt denn: sich mit verantwortlich fühlen, wenn nicht: daß man den Mut hat, den eigenen Nutzen dranzusetzen und, mit Worten oder mit Taten, dem Ganzen zu dienen?

Ja, so machten es die zu Hause; und das gab ihrem Leben diese seltsame Kraft, die alle so stark berührte. Und so meinte es Julius gestern, das bedeutete die heimliche Bruderschaft, die er mit ihr schloß. Nicht sich meinen, sondern es. Darauf kam es an. Darin mußte sie sich jetzt bewähren, – da half nichts.

Drude wurde nun ganz froh. Es ist wunderbar, dachte sie, wenn man Feigheit überwindet, wird man so sehr froh. Es ist wie Fliegen. Sie lief ein Ende auf dem Wege weiter und trank die goldene Luft mit seligen Augen. Wie schön die Buchen waren! Die Blätter waren nun schon viel fester, die feinen seidigen Haare daran hatten sich verwachsen, aber sie waren doch noch hell und durchsichtig, und die Morgensonne schien hindurch, so daß Drude schnell aufsagen mußte:

Wie im Morgenglanze
Du rings mich anglühst,
Frühling, Geliebter!

Dieser Anfang von Goethes strahlendem Frühlingsgedicht glänzte ihr schon aus ganz früher Kindheit herauf, denn den sagte Tante Gertrud jedesmal, wenn am Morgen die Sonne so seitlich durch die frühlingshellen Blätter schien.

Aber nun weiter, wie mach ich's? – Nun muß ich mich doch bemühen, um der Sache willen, daß sie es nicht übel nehmen, denn es soll doch helfen! Es müßte doch einen Weg geben, daß sie es gar nicht übel nehmen können.

Es wurde ihr nun ganz klar, daß es zuerst darauf ankam, daß man keine Angst hatte und zu allem bereit war; dann würde sich schon ein Weg finden, auf dem alles gut würde.

Vor allem darf es nicht überheblich klingen! Ich muß erreichen, daß sie fühlen, daß wir eigentlich auf derselben Seite sind, und daß ich nur etwas bewußt machen will, was sie eigentlich auch meinen.

Und wenn das gar nicht wahr ist? Diplomatisch sein und dabei ein bißchen unwahr, pfui, das ist unsauber, pfui!

Aber plötzlich fiel sie über sich her: Das ist es eben! Da ist wieder mein verdammter Hochmut! Vor allem muß ich mir nicht einbilden, daß ich weiß Wunder wie viel höher bin als sie, deswegen, weil mich so etwas abstößt und sie nicht. Bei uns zu Hause ist eine so reine klare, starke Luft, daß da solch ein elendes gemeines Herumliebeln einfach nicht möglich wäre. Es paßt eben nicht hinein. Darum bin ich so empfindlich dagegen. Wären sie in dem Hause aufgewachsen, würden sie auch so fühlen. Ich muß mich mit der Vorstellung durchdringen, daß sie natürlich das Richtige wollen werden, wenn sie es nur erst erkennen. Dann wird es schon gehn.

Natürlich, das ist der richtige Weg! – Sie kehrte um und rannte nach der Schule zurück.

Wenn es doch möglich wäre, überlegte sie, jetzt gleich zu ihnen zu sprechen! Jetzt, wo sie so angefüllt war ganz mit der richtigen Kraft.

Das war nun freilich nicht möglich. Denn nun kam der Schultag in Gang, durch den mußte sie nun hindurch.

Aber es ging besser, als sie dachte. Denn sie traf Erika. Die machte zwar ein feindliches Gesicht, denn sie hatte wegen gestern abend ein böses Gewissen und dachte, Drude würde kalt und hochmütig sein. Aber als nun Drude statt dessen herzlich und ein wenig verlegen sie bat, mit den andern großen Mädchen am Abend auf ihr Zimmer zu kommen, sie hätte ihnen etwas zu sagen wegen gestern, »etwas Gutes, Freundliches, Erika, weißt du, daß das wieder gut ist zwischen uns«, – da zerschmolz ja Erika beinahe vor Rührung, sagte es den andern, und es war den ganzen Tag eine gehobene, erwartungsvolle Stimmung.

Und am Abend kamen sie. Drude hatte ihr Zimmer mit schönen Zweigen geschmückt, so daß alles festlich und gastlich aussah, und sie fing an: Ich will euch herzlich um Entschuldigung bitten, daß ich gestern so fuchswild wurde. Das war natürlich nicht meine Absicht gewesen, und es war ganz falsch, daß ich in meiner Überraschung da so hineingeriet.

Ach Gott, Drudelein, ich habe so furchtbare Angst vor dir bekommen, sagte Erika.

Ja, Drude, was kannst du fürchterlich schimpfen, sagte Dora ganz liebevoll.

Drude lachte ein bißchen. Angst, wißt ihr, hatte ja eigentlich ich. So schimpfen, das ist immer ganz hilflose Angst natürlich. Seht mal, wenn man denkt: Das bleibt so in der lieben Schule, und es ist nichts zu machen, und man ist so enttäuscht! Nachher wurde mir aber klar: Das ist ja alles Unsinn. Kein Mensch unter uns hat es doch bewußt herbeigeführt, daß das alles so schief ist. Kein Mensch wird es festhalten wollen, wahrscheinlich sind die meisten von euch heimlich schon gerade so unzufrieden wie ich. Wenn wir Zusammenhalten und uns verständigen und gemeinsam herauszubekommen suchen, wie es sein müßte, dann können wir es einfach alles ändern.

Du willst über uns herrschen, Drude! sagte auf einmal eine feindliche Stimme.

Das war ja nun nicht so ganz leicht.

Und vor Drude stieg es auf wie ein warnendes Bild: daß sie jetzt empfindlich sein würde, und, um zu beweisen, daß sie nicht herrschsüchtig sei, es alles lassen, und was würde das für eine Enttäuschung für Herrn Gehrke sein! – Und sie dachte an Vater, der immer sagte: sachlich sein! Und sie rief sich zu: Sachlich sein, sachlich sein! Sich selbst vergessen! dann kommt man auch an der Ecke vorbei.

Wie gut, wie gut! dachte sie, daß ich das alles vorher durchlebt und durchbetet habe. Ja, natürlich, durchbetet! Sie hatte ja das Wort »Gott« nicht in ihren Gedanken gebraucht. Aber auf einmal wurde ihr klar, daß das Helle, Gewisse, woran sie sich hielt, das ihr den rechten Weg gezeigt hatte, eben Gott war, und daß man auch nicht hindurchkäme, wenn das nicht da wäre. Aber nun würde man hindurchkommen.

Und sie lachte froh. Und mit dem Lachen hatte sie schon gesiegt. Das fühlte sie selbst, und das fühlten alle.

Denn die andern hatten geschwankt. Die unerwartete Wendung, die es auf einmal genommen hatte, war ihnen zu überraschend gekommen, und Drudes Art, für sie alle zu handeln, war ihnen so neu, daß sie nicht gleich wußten, sollten sie begeistert folgen, oder sollten sie sich wehren. Sie hatten sehr Lust, zu folgen – da flog das Wort: Du willst über uns herrschen, und da wußten sie nicht. Denn das häßliche Wort griff wie eine zerstörende Kraft um sich.

Drude aber lachte! Ach, wie das Lachen für alle befreiend war! Und sie sagte: Du, nein, gerade umgekehrt! Ich will nicht, daß wir alle beherrscht werden, von etwas, das wir gar nicht recht wollen, das niemand von uns gemeint hat. Wo kommt es eigentlich her? Das Poussieren und Liebeln und Anbeter haben? Es ist das aus der Welt draußen – die ja gar nicht sehr gut ist, Kinder. Wir sind ja noch sehr jung, aber wir haben doch schon oft bemerkt und haben es viel von andern gehört, daß jetzt vieles in der Welt anders werden will, weil es auch wirklich sehr nötig ist. Es muß so viel Neues ausprobiert werden. Nun sind wir hier an einer Stelle, wo man ausprobieren kann. Aber von selbst ist es dann auch nicht da. Es muß eben erkannt und gewollt werden. Von selbst kommt es zuerst wohl immer falsch –

Aber das ist ja auch nötig. Wie sollte man sonst erkennen?

Sie machte eine Pause. Weiter, weiter! rief Dora.

Also nun die gemeinsame Erziehung von Jungen und Mädchen, sagte Drude. Das, was sie Koedukation nennen. Übrigens ein scheußliches Wort. Gar kein Wort. Ein Mißgebilde. Wir sollten es hier in der Schule gar niemals brauchen. Also die gemeinsame Erziehung von Knaben und Mädchen. Das ist ja ganz neu, und viele blicken darauf, als wäre es empörend falsch und gefährlich, ganz frevelhaft, und viele, als wäre es das rettende Heil. Und nun kommt es darauf an, daß es so gut gemacht wird, wie es aus der Idee heraus sein will. Denn sonst kann man nicht sehen, ob es gut ist oder nicht. Aber so wie es sich gestern zeigte, da ist es überhaupt gar nicht anders als unter schlecht erzogenen Jungen und Mädchen in der Stadt, wenn die ihre affigen Liebeleien haben. Dazu braucht man wirklich nicht in eine Reformschule zu kommen. – Drude, Drude, sagte Dora lachend; gerate bloß nicht wieder ins Schimpfen. – Drude lachte auch. Nein, nein. Seht, zuerst dachte ich, es würde von selber schon hier gut sein alles und war so rasend enttäuscht, als ich merkte, es ist nicht. Aber nun erkenne ich, daß wir es bewußt schaffen sollen. Und daß das ja natürlich viel schöner ist. So, nun habe ich es euch gesagt.

Herrgott, also du meinst, sagte Dora, es ist möglich, daß dieses ganze eklige Poussieren einmal aufhört? Daß wir wie Geschwister leben?

Na, aber die Geschwister verschiedener Familien poussieren eben doch, sagte Erika.

Nein, eben nicht! Bei uns zu Hause war es nicht so. Mir hätte einmal einer kommen sollen! Himmel! – Bei den Erwachsenen in unserer Welt ist es auch nicht so. Das gibt es gar nicht: Liebeleien. Da gibt es nur großes, starkes Schicksal. Man hält eben sein Leben fest in der Hand!

Kinder, begreift es doch! Liebe, das ist ein edler Wein in schönen, festen Gefäßen! Man planscht damit doch nicht immerzu umher!

Und wir sind doch Kinder! Laßt uns doch kindlich sein! Und herb und gesund und klar! Ja, und kindlich!

Erika ging auf Drude zu und küßte sie. Liebe, liebe Drude, sagte sie, wie gut, daß wir dich haben.

Und damit war das Zeichen gegeben.

Aber ja, Drude, aber ja! Du hast ja ganz recht, sagten sie alle durcheinander. Besonders war Dora froh. Das schaffen wir, sagte sie. Es war ein ganz greulicher Ton eingerissen. Ich konnte es auch kaum ertragen. Es war auch nicht immer so. Und manche sagten: Es liegt an den Jungen. Früher waren viel nettere Jungen da, viel ernstere, mit denen man ordentliche Gespräche führen konnte, jetzt aber sind alle so affig und wissen nur Poussieren.

Ja, aber so etwas liegt nie an einer Seite, sagte Drude. Oder wenigstens: wenn es richtig werden soll, muß das Richtige von allen Seiten bewußt gewollt werden.

Willst du mit den Jungen auch sprechen?

Ja. Oder mit einem von ihnen. Oder einigen. Ich weiß noch nicht.

Na, mit deinen Anbetern natürlich.

Nein, mit denen gerade nicht. Ich mag das gar nicht bemerken. Übrigens will ich gar nicht auf das Verhältnis zu mir sehen. Es muß einer sein, der versteht, was man meint, und der es den andern beibringen kann.

Werner! sagte eine. Drude sah, wie Erika erschrak und sie scheu und ängstlich ansah.

Ich weiß es noch nicht, sagte Drude. Ich muß es mir noch überlegen, auch sehen, wie es sich vielleicht von selbst fügt.

Als sie alle hinausgingen, stand Erika noch da. Wäre es dir unangenehm, wenn es Werner wäre? fragte Drude weich.

Nein, nein, sagte Erika, mit einem dankbaren Blick für die Frage. Natürlich ist Werner der richtige. Sie sah Drude still in die Augen. Drudelein, sagte sie, leise bittend. Drudelein –! Und sie ging.

Drude sah ihr betroffen nach. Erika ist ein sehr anständiger Kerl, sagte sie dann laut vor sich hin. Und fügte etwas gedrückt hinzu: Ich fürchte, ich werde ihr nicht gerecht.

Den nächsten Tag bat Drude Werner, sie um 6 Uhr an einer bestimmten Stelle im Garten zu treffen. Er kam in freudiger Erregung, mit seinem etwas bedrückten Gewissen. Drude? Drude hatte ihn bestellt? Es würde gewiß kein ganz gemütliches Stelldichein werden. Aber immerhin –

Werner, ich habe eine Bitte an dich, begann sie.

Du, Drude? an mich?

Es gilt nicht dir allein, sondern allen großen Jungen. Ich möchte dich bitten, ihnen etwas zu vermitteln, und deinen Einfluß anzuwenden und es durchzusetzen. Sieh, nicht wahr, der Ton, der jetzt zwischen Jungen und Mädchen herrschte, der ist einfach so wie der von Gymnasiasten und höheren Töchtern in der Großstadt.

Werner lächelte ein wenig. Na, na!

Ich kenne ihn ja nicht, Gott sei Dank, sagte Drude. Jedenfalls, dies hier ist scheußlich und gehört zu der alten Welt, in der alles muffig ist, und nicht zu der neuen, frischen, reinen, die wir hier schaffen wollen, weißt du, es ist so dumm und gedankenlos, so einfach aus sich herausgelebt und ohne Zielsetzung. Als wenn man in ein Musikinstrument bläst, wie es gerade kommt, ob falsch oder richtig – na, meistens wird es dann falsch, nicht?

Er nickte.

Also wir müssen wissen, was richtig ist, und müssen es wollen, sagte Drude, und es heißt: Kameradschaft.

Er lächelte froh. Ja, sagte er.

Und du wirst das tun, es den Jungen klar machen, ja? wir Mädchen haben schon einen Bund geschlossen.

Warum ich?

Friedel ist zu weit ab von alledem. Zu sehr eingezogen für sich. Und es ist ihm selber auch gar nicht Versuchung. Sie würden denken, er versteht's nicht recht.

Und ich? forschte er. Du findest es praktisch, Drude, den Bock zum Gärtner zu setzen? Ganz weh und wund war ihm zumute.

Wieso? fragte Drude erstaunt.

Nun, du meinst, daß ich der Schlimmste bin, sagte Werner gereizt.

So! bist du der Schlimmste? Drude lachte fröhlich auf. Das habe ich bis jetzt noch gar nicht gewußt. Das erfahre ich erst von dir!

Sie lachten beide.

Also, Werner, versteh! ich mußte mir jemand aussuchen, dem ich zutraue, daß er fein genug ist, um zu fühlen, um was es sich handelt. Und das bist du doch? Nicht wahr? Ich habe mich doch nicht in dir geirrt?

Sie sah ihn dringlich an, und dabei forschend, und – ein wenig kritisch, so daß er schleunig in warmem, starkem Aufwallen sagte: Ich will es sein, Drude, du sollst dich nicht in mir getäuscht haben.

Gut, Werner, ich danke dir. Sie drückten einander fest die Hand. Siehst du, sagte Drude warm und froh, das ist nun eine ganz andere Sphäre, und in der Sphäre können Freundschaften wachsen. Und die könnten so fruchtbar sein! wie könnten wir uns ergänzen!

Drude! Du hattest mir auch versprochen, du wolltest mir von euch zu Hause erzählen, sagte Werner.

Wie gern! Wenn du ganz in der richtigen Sphäre bleibst. Sonst paßt nicht, was ich von zu Hause zu erzählen habe. Das fühlst du doch?

Werner dachte: Wenn ich sie jetzt bitten dürfte: Drude, halt mich doch ein wenig fest, ich brauch dich so. Um Gottes willen, daß ich so etwas nicht sage! Sie würde antworten: Dummer Junge! ich halte nur Freundschaft mit denen, die sich selbst halten können, die andern lohnen mir nicht. Und wie hat sie recht! Es zitierte um seinen Mund, aber er raffte sich gewaltsam zusammen. – Drude stand und dachte: Du lieber, feiner Junge! und sagte: Werner, und heute abend tanzen wir auf der Terrasse; ganz wenige – ich will euch zeigen, wie es gemacht werden muß, ja? Bis dahin mußt du es schon gesagt haben. Nickte ihm freundlich zu und ging davon.

Abends saß Drude mit ihnen auf der Terrasse und sang ihnen zur Laute erst einmal die Lieder vor. Sie hatte sich, um die Lieder zu ehren, ganz festlich geschmückt: ein Helles Kleid angezogen, die Haare gelöst und ein schönes Stirnband umgeschlungen.

Sieh nur, wie sie aussieht, sagte Dora staunend zu Erika.

Ja, sagte Erika, ja! Es sind dieselben Kleider, die wir auch haben, und es ist doch ein ganz anderer Zug darin. Unseres sieht ganz prölig daneben aus.

Ja, wir dachten, diese Kleider sind einfach, sagte Dora. Sie nennt sie künstlerisch, und so wie sie sie trägt, sind sie auch künstlerisch.

Es ist durchkultiviert, sagte Marianne.

Kinder, jetzt will ich euch zuerst sagen, was Kunst ist, sagte Drude, was immer wir beginnen, Kunst wird es, wenn wir Liebe dran wenden, Liebe so im Überschwang, daß alles zu blühen anfängt.

Und dann sang sie die schönen Lieder.

 

– Und sie staunten, wie Drude sang.

Werner saß und dachte: Das ist etwas so Schönes – ach, die rechten Herzenshände, um es zu fassen! Aber auch die andern waren ganz voller Andacht. Es ging über ihre jungen Gemüter eine Ahnung, daß, was sie hier hörten, in seiner schlichten Art so rein und vollendet war, daß es auf seine bescheidene Weise ganz nahe kam dem, was Gott sich gedacht hatte mit seiner Erde. – Und so ließ es die Seele ein wenig hineinblicken in Gottes schöne, liebevolle Seligkeit, die er an seiner Welt hat.

 

– Dann kamen bald die Pfingstferien, und die Schüler gingen alle miteinander fort auf eine große Wanderung. Drude blieb zurück. Sie war gern wieder ein paar Tage allein. Auch war es gut wegen der Kosten, die die Wanderung verursachen würde. Man mußte Vater möglichst wenig Kosten machen. Es war ja so furchtbar schwer, durchzukommen in dieser materialistischen Zeit, wenn man ein Künstler war von Vaters geistiger Art. Drude kannte es nicht anders, als daß es immer als ein neues Wunder erlebt wurde, wenn man wieder ein Stückchen weiter durchgekommen war, durch die vielfältigen Forderungen der Wirklichkeit: wofür die große, heiße Lebensarbeit, weil sie die Ziele immer hoch über die armen Bedürfnisse hinaus richtete, so wenig hilfreich war.

Drude ging für sich allein und war froh.

Frau Hell war auch nicht mitgegangen. Sie brauchte Ruhe und Erholung, und Marianne war bei ihr geblieben, um sie zärtlich zu umsorgen, in Freude, daß sie die geliebte Mutter ein wenig für sich allein haben durfte, von der sie immer soviel abgeben mußte an alle die andern. Drude hielt sich darum auch bescheiden in der Ferne. Aber es war ihr schon etwas so Festliches, die hohe Frau, von ihrem liebenden Kinde gepflegt, mit im Hause zu wissen. Drude hatte zu Hause so oft den Ausdruck gehört: festliche Menschen. Frau Hell war ganz und gar ein festlicher Mensch! Sie nur auf der Erde zu wissen, das machte schon das Leben schön und festlich.

Drude ging für sich allein und war froh. Und überschaute das Leben in Nähe und Ferne, daheim und in der lieben Schule, und grüßte mit der Seele die Wandernden. Ob sie es nun leisten?

Und nach einigen Tagen kamen sie wieder, und da war es gleich zu sehen: sie hatten es geleistet. Und Dora kam und erzählte und sagte: Drude, es ist eine ganz andere Welt geworden! und Werner kam, und einer nach dem andern, und sagten: Ach, wir sind dir so dankbar! Und es ist ganz leicht gegangen, ganz wie von selbst. Du hast ganz recht, man muß nur wissen, wie es heißt, dann findet man auch den Weg, und es heißt: Kameradschaft.

Ach, Kinder, ich bin so froh, so froh, sagte Drude.

Sie ging an dem Abend noch mit Werner bis hinunter zur Pappel, und sie erzählte ihm von zu Hause.

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