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Drei Teilhaber

Bret Harte: Drei Teilhaber - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorBret Harte
titleDrei Teilhaber
publisherVerlag von Robert Lutz
printrunFünfte Auflage
yearo.J.
translatorMargarete Jacobi
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20151008
projectid10667f27
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Sechstes Kapitel

Das plötzliche Verschwinden Jack Hamlins samt der fremden Dame und ihrem vornehmen Begleiter machte auf die übrigen Gäste des Magnolia-Hauses wenig Eindruck. Außer Steptoe und seinen Freunden, die eine Gesellschaft für sich bildeten und nur vorübergehend in der Stadt waren, geriet niemand deswegen in Aufregung. Sogar der Gastwirt war ungewiß, ob die drei nicht zusammengehörten, und Van Loo hatte mit gutem Grund angenommen, daß ihre Persönlichkeiten unerkannt bleiben würden. Machten doch selbst Steptoes Anhänger sich weiter keine Gedanken über den Zwischenfall, an dem sie nur auf Wunsch ihres Führers teilgenommen hatten und der schließlich im Sande verlaufen war. Natürlich hätten sie nichts gegen eine Prügelei einzuwenden gehabt, bei der man Jack Hamlin das gewonnene Geld gelegentlich wieder abnehmen konnte; da sich aber herausstellte, daß Steptoe ihre Hilfe nur in Anspruch nahm um seinen persönlichen Groll an Van Loo auszulassen, entstand Murren und Unzufriedenheit unter ihnen, ja manches tadelnde Wort über Steptoes Verfahren wurde laut.

Diese Aufsässigkeit machte sich noch deutlicher bemerkbar, als ein neuer Gast eintraf, auf dessen Ankunft Steptoe und seine Gesellen offenbar gewartet hatten. Es war ein kleiner, dicker Mann, der seinen langen roten Bart jetzt etwas besser pflegte, als zur Zeit da Steptoe ihn noch unter dem Spitznamen Whisky Dick oder Alkey Hall kannte, die man dem Trunkenbold vom Kieferberg beigelegt hatte. Auch mit seinem Anzug war, was Stoff und Schnitt betraf, eine wesentliche Verbesserung vorgegangen, obgleich er noch immer mit aufgeknöpfter Weste einherging, um es sich bequem zu machen, wie das wohlbeleibte, schlumpige Leute gern thun. Seit seiner größeren Gesittung hatte er sich auch im Trinken beschränkt; nur noch bei festlichen Gelegenheiten holte er sich einen Rausch; auch sah er weniger rot und aufgedunsen im Gesicht aus. Leider hatte er bei zunehmender Nüchternheit seine stets gute Laune eingebüßt; der Zwang, den ihm die Tugend auferlegte, machte ihn reizbar und unverträglich.

»Ihr braucht mir nichts von eurem elenden Schnaps einzugießen,« sagte er in verdrießlichem Ton zu Steptoe, während er sich mit der übrigen Gesellschaft aus der Schenkstube in das Nebenzimmer verfügte. »Ich will mir den Kopf frei halten, bis unser Geschäft abgemacht ist, und euch und eurer Bande wird das auch nichts schaden, sollt' ich meinen. Sie könnten sonst leicht was ausschwatzen – sintemal es wenige Thüren giebt, die der Branntwein nicht aufschließt,« fügte er hinzu, als er sah, daß Steptoe den Schlüssel im Schloß umdrehte, nachdem seine Leute eingetreten waren.

Das Zimmer wurde augenscheinlich meist für Zusammenkünfte von Direktoren oder für politische Wahlversammlungen benutzt. Um einen langen, tannenen Tisch mit Tintenfaß und Federn, standen roh gezimmerte Stühle, auf denen die Männer jetzt Platz nahmen. Ihre halb verlegenen, halb verächtlichen Mienen bei der ungewohnten Förmlichkeit, ihre Absonderung von einander und die lauernden Blicke, die sie umherwarfen, verrieten wenig gegenseitiges Vertrauen; niemand hielt es für der Mühe wert, die rohe Selbstsucht zu verbergen, welche bei allen vorherrschte. Auch Steptoe machte keinen Versuch, irgend welche Teilnahme, oder ein kameradschaftliches Gefühl zu heucheln. Er schlug nur plötzlich mit der Faust auf den Tisch und sagte langsam und bedächtig, als ob ihm seine eigene Roheit in Sprache und Sitte Genuß bereitete: »Ihr Leute werdet euch wohl ungefähr einbilden können, um was für 'ne Art Unternehmen es sich handelt, sonst wärt ihr weit vom Schuß geblieben. Aber was die meisten von euch noch nicht wissen, das ist, daß ihr gegenwärtig ehrliche und fleißige Bergleute seid – die Hauptstütze des Staates Kalifornien. Ihr habt die Gesellschaft der ›Blauhäher‹ gestiftet und euch beim Damm unterhalb des Kieferbergs, auf der verlassenen Parzelle der Gebrüder Marschall angesiedelt, die keine halbe Meile von dem Platz entfernt liegt, wo vor fünf Jahren der große Goldfund gemacht wurde. Also das seid ihr und das bleibt ihr, bis das Geschäft abgemacht ist und,« fügte er mit gebieterischem Nachdruck hinzu, den jeder der Anwesenden empfand – »wer von euch es etwa vergessen sollte, der bekommt es mit mir zu thun. – Ich will euch nun die Thatsachen auseinandersetzen, wie sie uns vorliegen,« fuhr er in seinem früheren Tone fort. »Die Marschalls haben seit dem Jahr 49 auf der Parzelle gearbeitet, aber sie hat niemals 'was abgeworfen. Mit der Zeit sind sie gestorben oder verdorben, und nur ein Bruder, Tom Marschall, ist nachgeblieben. Der hat weitergearbeitet und vor ein paar Tagen Spuren gefunden, die auf eine große Erzader im Felsen deuten. Anstatt nun wie ein ehrlicher Kerl ›Hurra‹ zu rufen und die Jungens herbeizuholen, um mit ihnen eins zu trinken, macht er sich heimlich nach Frisco auf, geht nach der Bank und schlägt Jim Stacy vor, die Sache in die Hand zu nehmen. Na, wenn der 'mal was in die Hand nimmt, wißt ihr, da greift er gleich mit beiden Händen zu. Die Bank ließ sich auf nichts ein, bis Marschall versprochen hatte, ihr den Besitz der ganzen verlassenen Parzelle zu sichern, mit allen Nebenadern, Gruben und Stollen, und ihr den Betrieb zu übergeben. Das thut der verdammte Narr, und die Bank willigt ein, morgen einen Sachverständigen herzuschicken, der ihr Bericht erstatten soll. Aber während Marschall fort war, hat einer von unsern Leuten – auch ein Sachverständiger – davon Wind bekommen und die Sache ganz auf eigene Faust untersucht. Es fand sich, daß es freilich eine Erzader war, und eine mächtige obendrein; auch erfuhren wir von jemand anderem, was Marschall der Bank versprochen und was die Bank ihm zugesagt hat. Wenn nun morgen der Sachverständige kommt, dann soll er euch, ihr Herren, im Besitz der verlassenen Parzelle finden; jedes Stück Boden müßt ihr belegt haben, außer der Strecke, wo Tom noch arbeitet – das erwarte ich von euch.«

»Und was für Nutzen haben wir davon?« fragte einer der Männer verächtlich.

»Nutzen?« wiederholte Steptoe rauh. »Ihr scheint mir genau so vernagelt zu sein wie Marschall, sonst würdet ihr einsehen, daß die Erzader, auf die er gestoßen ist, durch unsere Parzellen laufen muß. Warum sollten wir nun dort keinen Schacht abteufen, da Marschall jene Parzellen seit Jahren nicht bearbeitet und sich auch nicht das Vorkaufsrecht für die neue Ader gesichert hat?«

»Weshalb sollte er das Recht aber nicht jetzt erwerben?«

»Weil wir im Besitz sind.«

»Und wenn er beweisen kann, daß die Brüder ihm die andern Parzellen hinterlassen haben, so schickt er uns einfach den Scherif mit seinen Häschern auf den Hals.«

»Bis er das zu Wege bringt, vergehen gute drei Monate; das Gesetz verbietet dem Scherif früher gegen uns einzuschreiten, wenn man uns in friedlichem Besitz der Parzelle antrifft. Und wir werden uns in friedlichem Besitz befinden, noch ehe Marschall mit dem Sachverständigen angegangen kommt, wenn wir uns nicht wie die Narren noch länger hier aufhalten und darüber schwatzen.«

»Wenn nun aber Marschall auch seine Bande zusammenbringt, um uns zu verjagen?«

»Na, nun hört ihr doch auf zu belfern und sprecht wie vernünftige Menschen,« sagte Steptoe mit unverschämter Ruhe. »Hol' mich der Henker, wenn ich nicht schon gedacht hab', ihr wolltet hier die Richter spielen. Natürlich kann er seine Bande zusammenbringen, und hoffentlich thut er's auch. Dann sind wir nämlich vor dem Gesetz alle im gleichen Fall, versteht ihr – wir übertreten es alle. Und handfestere Gesellen wie wir sind, wird man in der Gegend beim Kieferberg lange suchen können, sollt' ich meinen.«

»Darauf möcht' ich jede Wette eingehen! Verlaßt Euch auf uns!« riefen ein halbes Dutzend Stimmen auf einmal.

»Aber was für Bezahlung bekommen wir,« fragte der erste Sprecher hartnäckig. »Und wenn wir die andere Bande aus dem Feld geschlagen haben, sollen wir da etwa für Hungerlöhne weiter schürfen, bis die Prozessierer uns drei Monate später wieder hinausbeißen? Wenn das die Meinung ist, thu' ich nicht mit. Ich bin kein verfluchter Quarz-Häuer!«

»Wir wollen dort gerade so wenig Bergbau treiben wie die Bank,« war Steptoes zornige Antwort. »Glaubt ihr, die Bank wird drei Monate warten, bis der Prozeß zu Ende ist? Sie giebt ein paar Millionen Aktien auf das Bergwerk aus und verkauft sie samt und sonders für eine Million, bevor der erste Monat um ist. Das kann sie aber nur thun, wenn sie uns unser Recht abkauft. Wieviel sie zahlt hängt von dem Erzgang ab. Aber für weniger als fünftausend Dollars wanken und weichen wir nicht von der Parzelle, das macht hundertundfünfzig Dollars für jeden Mann. Uebrigens,« fuhr Steptoe mit gedämpfter, aber vollkommen deutlicher Stimme fort, »wenn es zu Handgreiflichkeiten kommt – und die andern den Streit anfangen – könnt' es wohl sein, daß Tom Marschall im Gedränge von einem Revolverschuß getroffen, oder ihm der Schädel eingeschlagen wird – dann lebt kein Zeuge mehr und es würde schwer sein, zu beweisen, daß die Parzelle nicht den ehrlichen, fleißigen Bergleuten gehört, in deren Besitz man sie findet. Verstanden?«

Einen Augenblick herrschte atemlose Stille; dann folgte eine kleine Bewegung unter den Leuten, aber weder Furcht noch Widerspruch ward laut. Jeder hatte die Worte vernommen und den Redner begriffen. Es waren Verbrecher darunter; einige hatten ihre Hände sogar schon mit Blut befleckt, aber selbst die ängstlichsten in der Schar, die unter andern Umständen vor dem beabsichtigten Totschlag zurückgeschreckt wären, hatten nichts gegen die Aufforderung Steptoes zur Beseitigung ihres natürlichen Feindes einzuwenden.

»Also ans Werk, Jungens!« rief einer. »Vorwärts durch dick und dünn! Wir könnten längst unterwegs sein, hätten wir nicht so viel Zeit mit dem Kerl, dem Van Loo vertrödelt.«

»Van Loo?« fragte Hall eifrig. »War denn Van Loo hier?«

»Ja,« erwiderte Steptoe kurz und gab Hall unter dem Tisch einen freundschaftlichen Fußtritt, da er nicht wünschte, daß die Kameraden an ihren Aerger von vorhin erinnert werden sollten. »Er ist fort,« sagte er zu den andern gewendet, »aber ihr hättet so wie so auf Herrn Hall warten müssen. Nun ihr wißt, was ihr zu thun habt, könnt ihr aufbrechen. Geht in zwei Abteilungen auf verschiedenen Straßen, und trefft euch in Hymettus, jenseits vom Hotel. Ich werde noch vor euch dort sein. Verseht euch unterwegs mit ein paar Schaufeln und Hacken; vergeßt nicht, daß ihr brave Bergleute seid, aber bringt trotzdem auch euer Schießzeug mit. Nun macht, daß ihr fortkommt!«

Als sie das Zimmer verließen, waren sie lustiger und kameradschaftlicher als bei ihrem Eintritt, und das war gut; sonst wäre Halls sichtliche Unruhe über Van Loos Kommen und Gehen gewiß nicht unbemerkt geblieben. Als der letzte Mann verschwunden war, wandte sich Hall rasch an Steptoe: »Nun, was hat er gesagt? Wo ist er hingegangen?«

»Weiß nicht,« versetzte Steptoe brummig. »Er wollte mit einem Frauenzimmer durchgehen – das heißt mit Kitty Barker, wenn du's genau wissen mußt – der Frau von einem der verfluchten Teilhaber,« setzte er mit aufsteigendem Zorn hinzu. »Jack Hamlin kam dahinter, mischte sich drein und brachte sie auseinander. Aber was zum Teufel hat diese Geschichte mit unserm Geschäft hier zu thun?« – Er verlor die Geduld. Drehte sich denn alles um den verfluchten Kerl, den Van Loo?

»Nicht mit Frau Barker ist er durchgegangen,« stieß Hall keuchend hervor, »sondern mit ihrem Gelds. Er flieht aus Angst, daß der Weizen-Trust Schwindel, den er ins Werk gesetzt hat, entdeckt werden könnte. Auch unser Geld nimmt er mit, das ich ihm zu dem Zweck geliehen habe. Und von dem Geschäft hier weiß er alles, denn ich wollte ihn für unsere Sache anwerben. Dein Name und meiner haben bei den Bankherrn keinen allzu guten Klang; wir brauchten einen Mittelsmann, der sich auf den Rummel versteht, um das Geschäft abzuschließen. Gegen ihn konnten sie nichts einwenden, denn sie haben sich seiner schon bei weit anrüchigeren Dingen bedient, wenn sie selbst im Hintergrund bleiben wollten. Daß er bei Frau Barkers Geldgeschäften in Schwierigkeiten geraten war, wußte ich, aber so was hätt' ich ihm doch nicht zugetraut. Und auch du hast dich auf ihn verlassen!« schrie Hall, als packe ihn plötzlich die Verzweiflung.

Im nächsten Augenblick hatte Steptoe den schreckensbleichen Mann schon bei den Schultern gepackt und niedergedrückt, daß er mit dem Kopf auf den Tisch schlug. »Bist du ein Verräter, ein Lügner, oder ein versoffener Narr?« rief er mit heiserem Ton. »Rede, Mensch! Wann und wo hab' ich mich auf ihn verlassen?«

»Du schriebst mir doch auf deinem Zettel – ich – sollte – ihm – helfen!« stieß Hall mühsam hervor.

»Auf meinem Zettel!« wiederholte Steptoe. In seiner Ueberraschung ließ er den andern frei.

»Jawohl,« erwiderte Hall und suchte mit zitternden Fingern in seiner Weste. »Ich hab' den Zettel mitgebracht; es steht nicht viel darauf, aber deine Unterschrift ist deutlich zu lesen.«

Er händigte Steptoe einen zerrissenen Papierfetzen ein, der in Billetform zusammengelegt war. Beim Oeffnen desselben erkannte er sofort, daß es der Zettel war, welchen er mit seinem Namenszug versehen, seiner Frau im Boomville-Hotel aufs Zimmer geschickt hatte. Darunter standen anscheinend von derselben Hand, aber mit kleineren Buchstaben die Worte geschrieben: »Hilf Van Loo wo und wie du kannst!«

Alles Blut stieg ihm ins Gesicht; doch gewann er rasch seine Fassung wieder und sagte hastig: »Ja so, es war mir ganz entfallen. Laß den verdammten Schleicher laufen. Aus Marschalls Parzelle können wir tausendmal mehr Nutzen ziehen. Es ist auch gut, daß er nicht dabei ist, um sich des Löwen Teil vorweg zu nehmen. Nur müssen wir jetzt keine Zeit verlieren, um schnell an Ort und Stelle zu sein. Geh' du zuerst hin, ohne Aufschub, und weise den Gesellen ihre Arbeit an. Ich folge dir noch ehe Marschall zurückkommt. Spute dich! Die Rechnung mit dem Wirt werde ich abmachen.«

Seine Miene verdüsterte sich wieder, sobald Hall fort war und er allein blieb. Er zog den Papierfetzen aus der Tasche und starrte ihn lange an. Ja, es war der Zettel, den er seiner Frau geschickt hatte. Wie konnte er Van Loo in die Hände geraten sein? War er an jenem Abend im Hotel gewesen? Hatte er das vom Diener weggeworfene Papier auf dem Gang oder im Vorsaal gefunden? Als Hall es ihm zuerst einhändigte, war ihm ein teuflischer Gedanke gekommen, bei dem ihm das Blut kochte vor unbändiger Wut. Doch der einfachste Menschenverstand sagte ihm bald, daß es Unsinn sei zu glauben, seine Frau könne mit Van Loo unter einer Decke stecken. Aber war sie ihm vielleicht an jenem Abend im Hotel begegnet und hatte die Gelegenheit benutzt, ihn über seinen früheren Verkehr mit ihrem Kinde auszufragen? Wer weiß, ob sie ihm nicht alles gestanden und den Zettel mit seiner Unterschrift zum Beweis der Wahrheit vorgezeigt hatte? Frauen greifen manchmal zu den verzweifeltsten Mitteln. Vielleicht glaubte sie nicht an die Abneigung des Knaben gegen sie und hoffte, durch Van Loo Aufklärung zu erhalten. Ueber die gefälschten Worte und die Art wie Van Loo sich des Zettels bedient hatte, machte er sich wenig Kopfzerbrechen; daß der Mensch Handschriften fälschen konnte, traute er ihm ohne weiteres zu, ja er erinnerte sich plötzlich, daß sein Sohn ihm vor Jahren in aller Unschuld, aber voll Bewunderung, erzählt hatte, welches wunderbare Talent, jede Handschrift nachzumachen, Van Loo besitze, und daß er ihm angeboten habe, ihn diese Kunst auch zu lehren. Es überlief ihn siedeheiß. Wie, wenn Van Loo es dem Knaben beigebracht und ihn dann als arglosen Mitschuldigen benutzt hätte, um seine Streiche sicher ausführen zu können? – Moralische Bedenken hatte Steptoe darüber nicht, auch machte es ihm keine Unruhe, daß es für seinen Sohn möglicherweise verderblich gewesen wäre. Ihn quälte nur eine wilde, selbstsüchtige Eifersucht, weil ein anderer sich des Knaben Hilflosigkeit und Unerfahrenheit zu nutze gemacht hatte. Dies Gefühl kannte er schon aus früherer Zeit, hatte ihn doch die Liebe seines Sohnes für Van Loo oft fast rasend gemacht. Zuerst freilich hatte er ihn in seiner Bewunderung bestärkt, als er sah, daß ihm der glatte Schwindler mit den feinen Manieren und Talenten als Vorbild diente. Denn obgleich er diese Dinge selbst mit Verachtung ansah, hatte er doch, wie verblendete Väter pflegen, nichts dagegen einzuwenden, daß sie dem Knaben zu gute kämen. Selbst zu ungebildet, um zwischen dem oberflächlichen Firniß in Van Loos Wesen und einer echt vornehmen Erziehung zu unterscheiden, glaubte er dadurch seinem Sohn einen Vorteil zuzuwenden, der auch ihm gelegentlich nützen könnte. Als er seiner Frau sagte, Van Loo fürchte an die Freundschaft erinnert zu werden, die früher zwischen ihnen bestanden habe, sprach er die Wahrheit. Aber wie sehr es ihren Sohn betrübte, daß die alten Beziehungen abgebrochen wurden, nachdem sie vom Kieferberg fortgezogen waren, hatte er wohlweislich verschwiegen. Er hatte ihr nicht gesagt, daß der Knabe den scheinheiligen Schurken noch immer bewunderte, auch nicht wie sehr ihn das kränkte, da er in seiner Selbstsucht des Knaben Liebe für sich ganz allein haben wollte. Wenn sie aber mit Van Loo im Hotel zusammengetroffen war, so konnte sie erfahren haben, wie groß seine Macht über ihr Kind war. Vielleicht frohlockte sie inwendig darüber, trotzdem sie solchen Haß gegen Van Loo heuchelte; vielleicht hatten sie zusammen ihre Pläne geschmiedet! Konnte nicht Van Loo den Ort ausfindig gemacht haben, wo sein Sohn untergebracht war, und sich von der Mutter bestechen lassen, ihr seinen Aufenthalt zu verraten? Ihm schwindelte bei all den Phantasiebildern, die auf ihn eindrangen. Bisher hatte sein nüchterner Verstand ihn vor dergleichen müßigen Träumen und Vorspiegelungen bewahrt, aber seine väterliche Liebe und Eifersucht war zu mächtig geworden, und alle Schrecken der Einbildungskraft stürmten jetzt auf ihn ein.

Zuerst kam ihm der Gedanke, den möglichen Folgen einer Entdeckung zum Trotz, seine Frau in Hymettus aufzusuchen, wohin sie sich nach ihrer Aussage begeben hatte. Das Hotel lag auf seinem Wege nach Tom Marschalls Parzelle, wo er mit den Genossen Zusammentreffen wollte. Aber er gab diese Absicht sofort wieder auf. Nur von seinem Sohne konnte er die Wahrheit erfahren, sie betrog ihn vielleicht, oder weigerte sich, ihm Rede zu stehen. Der Knabe würde offen gegen ihn sein, und wenn seine Befürchtungen begründet waren konnte er später mit der Frau abrechnen. Es war ein weiter Ritt bis zu dem kleinen Kloster der alten Franziskaner Mönche in dem abgelegenen Thal, wo er seinen Sohn seit einigen Jahren in die Schule gegeben hatte, ohne daß seine Frau darum wußte. Aber er konnte dort einen Besuch machen und doch noch rechtzeitig am Kieferberg sein, bevor Marschall mit dem Sachverständigen eintraf. Nie hatte er am Vorabend eines tollkühnen Unternehmens ein so dringendes Bedürfnis gefühlt, seinen Sohn zuvor noch einmal zu sehen. Er erinnerte sich, wie oft der Knabe ihn früher auf der Flucht begleitet hatte und daß es ihm Glück gebracht und er stets neue Kraft geschöpft hatte, wenn er des Kindes kleine Hand in der seinen hielt. Der Sorge um ihn wollte er wenigstens entledigt sein, ehe er sich auf ein so großes Wagnis einließ. Vielleicht sah er ihn zum letztenmal im Leben. Sonst hatte er sich nie Gedanken gemacht über Vergangenheit oder Zukunft; er würde sich zu jeder andern Zeit wegen einer derartigen Empfindelei verspottet haben, aber heute war ihm nicht danach zu Mute. Steptoe holte tief Atem und beschloß, mit dem nächsten Zug nach den ›drei Steinblöcken‹ zu fahren und von da bis San Felipe zu reiten. Rasch verließ er das Zimmer, bezahlte den Wirt und trabte auf Jack Hamlins Pancho nach dem Bahnhof; die Umstände brachten es mit sich, daß ihm zu diesem Zweck kein anderes Pferd zur Verfügung stand.

Gegen zwei Uhr stieg er bei den ›drei Steinblöcken‹ aus, verschaffte sich ein gutes Pferd und war nach einem schnellen Ritt um vier Uhr in San Felipe. Als er den letzten Abhang hinunter durch den dichten Kiefernwald trabte, lag das kleine Thal vor ihm, das wegen seiner Abgeschiedenheit und ländlichen Stille von den eingewanderten Goldsuchern übersehen worden war. Hier hatte sich noch eine der wenigen Missionsanstalten im äußersten Norden Kaliforniens erhalten, die man um ihrer Unbedeutendheit willen weiter bestehen ließ. Das Kloster wurde von der kleinen Bruderschaft als Hospital und Schule für die vereinzelten spanischen Familien benutzt, die noch in der Gegend lebten. Einmal, als Steptoe mit seinem Knaben über Hals und Kopf aus der Stadt fliehen mußte und steckbrieflich verfolgt wurde, war er unversehens in dieses Thal geraten und hatte bei den heiligen Vätern eine Zuflucht gefunden. Als die Gefahr vorüber war, ließ er den Knaben in ihrem Schutz und zahlte stets reichlich für dessen Unterhalt – darin hatte er seine Frau nicht belogen. Die guten Mönche nahmen das Geld des gewaltthätigen Mannes, der wie ein Räuber aussah, sowohl um ihrer Kirche als um des Kindes willen gern; sie dachten nicht anders, als daß er auf diese Art Ersatz leisten wolle für unrecht erworbenes Gut. Steptoe hatte das damals wohl gemerkt und sie bei ihrem Glauben gelassen. Jetzt aber fiel es ihm mit Schrecken wieder ein. Wie, wenn sie nun versuchten, ihm des Knaben Liebe zu rauben? Würden sie nicht für die Mutter Partei ergreifen, falls diese ihres Kindes Aufenthalt entdeckte und ihr Recht in Anspruch nahm? Bisher hatte er immer über die Sicherheit des Versteckes triumphiert: kein Mensch kannte den Ort, wie sollte sie ihn auffinden, trotzdem er für ihre Freunde und seine Feinde so leicht zu erreichen war? Jetzt knirschte er vor Wut mit den Zähnen, wenn er daran dachte, daß er aus übergroßer Zärtlichkeit, um seinen Sohn sehen zu können, so oft er wollte, einen solchen Mißgriff begangen hatte. Er stieß seinem Pferd die Sporen in die Seite und sprengte mit wilder Hast durch die enge, schlecht gepflasterte Straße, über den menschenleeren Platz, bis er in einer Wolke von Staub vor dem einzig noch übrigen, geborstenen Glockenturm der halb verfallenen Klosterkirche anhielt. Ein neues Schulgebäude mit Schlafsaal reihte sich an den alten Bau, einfach und bescheiden, ohne das geringste moderne Schaugepränge. Steptoe brach in ein bitteres Gelächter aus – darin steckte auch ein Teil seines Geldes.

Er griff nach dem Seil, das von einer Glocke an der Mauer herunterhing und läutete kräftig. Ein Priester erschien mit leisem Tritt – Pater Domenico. »Eddy Hornburg? Ach ja, der liebe Eddy ist fort.«

»Fort!« schrie Steptoe mit einer Stimme, die den Pater erschreckte. »Wohin? Wann? Mit wem?«

»Verzeihung, Señor, nur auf kurze Zeit – nur ein paesar nach dem nächsten Dorf. Es ist ein Heiligentag und er hat frei. Wir wollten dem guten Knaben ein kleines Vergnügen machen.«

»Ganz recht,« sagte Steptoe so sanft als bäte er um Entschuldigung. »Daran habe ich nicht gedacht. Ist kürzlich jemand hier gewesen ihn zu besuchen – vielleicht eine Dame?«

Pater Domenico warf ihm einen halb ängstlichen halb tadelnden Blick zu.

»Eine Dame – hier

Steptoe fühlte sich so erleichtert, daß er vor Freude in ein lautes Gelächter ausbrach. »Ich meinte natürlich eine seiner Tanten oder sonst jemand aus der weiblichen Verwandtschaft. Sonst war kein Besuch da?«

»Nur einer. Wir wissen ja, was der Señor für seinen Sohn wünscht.«

»Einer?« wiederholte Steptoe. »Wer denn?«

»O, ein Hidalgo – ein alter Freund des Knaben; sehr höflich und gebildet; er sprach fließend Spanisch und hatte ein vornehmes Benehmen. Der Señor Hornburg würde gewiß nichts gegen ihn einzuwenden haben. Vater Pedro war ganz entzückt von ihm. Ein Geschäftsmann, und doch auch ein guter Katholik. Es war ein Señor Van Loo – der liebe Eddy nannte ihn Don Paul und sie sprachen von seinen Studien in alter Zeit. Wäre der Fremde nicht ein Caballero und ein so feiner Weltmann gewesen, man hätte ihn für des Knaben früheren Lehrer halten können.«

Steptoes Vatergefühle waren aufs heftigste erregt; der für gewöhnlich so grobe und brutale Ausdruck wich aus seinen Zügen und er starrte den Priester wie stumpfsinnig mit dunkelrotem Gesicht und blutunterlaufenen Augen an. Endlich stammelte er mit schwerer Zunge: »Wann war der Mensch hier?«

»Vor einigen Tagen.«

»Wohin ist Eddy gegangen?«

»Nach Brauns Mühle, kaum eine Stunde weit. Er muß jetzt gleich wieder hier sein. Wenn der Señor unterdessen ins Refektorium kommen wollte und ein Glas von dem alten Klosterwein aus katalanischen Trauben versuchen; der Weinstock ist vor hundertfünfzig Jahren gepflanzt worden. Ihr Sohn wird sich so freuen wenn er heimkommt!«

»Nein! Ich habe es sehr eilig! Ich will ihm entgegen gehen.« Er nahm den Hut ab, trocknete sich das krause, nasse Haar mit dem Taschentuch und sagte, seine Wut mühsam unterdrückend, langsam und schwerfällig: »Hört, Pater! So lange mein Sohn hier im Kloster bleibt, darf jener Mensch, Van Loo, nie mehr Einlaß finden; er darf ihn weder sehen, noch mit ihm sprechen. Versteht Ihr mich? Sorgt dafür, Ihr und alle andern. Laßt es euch gesagt sein – sonst –« Er brach plötzlich ab, stülpte den Hut über die dick geschwollene Zornesader auf seiner Stirn, wandte sich rasch und schritt ohne noch ein Wort zu sagen durch den Bogengang auf die Straße. Ehe der gute Priester sich noch bekreuzen und von seinem Schrecken erholen konnte, klang schon der Hufschlag des davonsprengenden Pferdes auf der staubigen Landstraße.

Erst nach vollen zehn Minuten bekam Steptoes Gesicht wieder seine gewöhnliche Farbe. Es schien als habe sich des Reiters Unruhe auch dem Pferde mitgeteilt, denn es zitterte vor Erschöpfung und Angst und war wie in Schweiß gebadet. Im Verlauf dieser zehn Minuten hatte Steptoe aber auch in seiner jetzt so lebhaften Einbildungskraft, die ihn namenlos quälte, nicht nur Van Loo und seinen eigenen Sohn umgebracht, sondern auch den verräterischen Priestern das Refektorium über den Köpfen angezündet. Eben erst war er einigermaßen zu sich gekommen, als von dem Felsenpfad, der steil längs der Straße hinlief, der Ruf: »Vater!« zu ihm herabtönte. Mit freudigem Schrecken sah er einen Knaben von etwa sechzehn Jahren bergunter in großen Sprüngen auf sich zueilen.

»Du bist an mir vorbeigeritten und ich rief dir zu, aber du schienst mich nicht zu hören,« keuchte er atemlos. »Da bin ich dir nachgelaufen. Warst du im Kloster?«

Steptoe rang auch nach Atem, aber aus innerer Bewegung. Wie sein Sohn jetzt dastand, erhitzt vom Lauf, jung und blühend, sah man auf den ersten Blick wie hübsch er war. Seine scharf geschnittenen Züge zeigten eine auffallende Aehnlichkeit mit der Mutter, während die breite Brust, die starken Schultern und das krause schwarze Lockenhaar an den Vater erinnerten. Ein wildes Gefühl der Freude, des rein sinnlichen Vaterstolzes durchzuckte ihn. Ja, das war sein eigen Fleisch und Blut, sein echter Sohn; bei Gott, das konnte ihm niemand bestreiten! Mochte man noch so viele Pläne schmieden, lügen, heucheln und schmeicheln, um dem Vater seine Liebe zu stehlen, er war und blieb doch sein Sohn, sein Ebenbild – jeder der Augen im Kopfe hatte, mußte das sehen!

»Komm her,« sagte er in einem sonderbaren, halb müden, halb herausfordernden Ton, den der Knabe sofort als den Ausdruck seiner väterlichen Zärtlichkeit erkannte. Doch zögerte er dem Ruf zu folgen, denn zwischen ihm und dem Reiter lagen unergründliche Haufen roten Staubes, auf die er vom Straßenrande wo er stand, mit neckischer Gebärde und scheinbarer Hilflosigkeit deutete. Steptoe sah jetzt, daß er seinen Feiertagsanzug trug: weiße Beinkleider, Lackstiefel und schwarze Handschuhe von Glanzleder nach spanischer Sitte; Eddy hatte wirklich etwas vom Stutzer an sich, das ließ sich nicht leugnen. Der Vater wandte sein Pferd und ritt mit strahlendem Gesicht zu dem Knaben hin, der die Arme erwartungsvoll in die Höhe streckte; sie hatten schon oft zusammen auf einem Pferd gesessen.

»Nein, heute giebt's keinen Ritt, Eddy; du würdest deinen Staat verderben,« sagte er abweisend. »Warte, ich steige vom Pferd. Wir wollen uns irgendwo unter einen Baum setzen und mit einander plaudern. Ich habe ein Geschäft vor, das Eile hat und kann keine Zeit verlieren.«

»Ein Geschäft wie in alter Zeit, Vater? Ich dachte, das hättest du ganz aufgegeben?«

Er sagte die Worte leichthin, ohne Vorwurf oder Verwunderung, doch antwortete Steptoe ihm ausweichend, während er abstieg und das Pferd anband. »Es handelt sich um wichtige Dinge, mein Sohn; vielleicht werde ich mit einem Schlage ein gemachter Mann; dann wollen wir diesem elenden Loch den Rücken kehren und uns anderswo gütlich thun. Na, jetzt komm!«

Kräftig faßte er des Knaben behandschuhte Rechte und kletterte mit ihm den steilen Abhang hinauf bis zu einem Felsvorsprung, auf den eine Kiefer vom Gipfel herabgestürzt war; die vertrocknete Krone hing halb über dem Abgrund, während der geborstene Stamm noch auf dem Felsen ruhte. Hier nahmen sie Platz und schauten auf die Straße hinab, wo das Pferd angebunden stand; ein leiser Windhauch spielte in den Baumwipfeln über ihrem Haupte und Sonnenfleckchen hüpften bald hier bald da zwischen den wechselnden Schatten. Der Knabe beobachtete rasch und lebhaft alles was um ihn her vorging, aber ohne Nachdenken. Des Vaters Miene war düster, nur seine Augen glänzten und hingen unverwandt an seinem Sohn.

»Ich höre, daß Van Loo im Kloster gewesen ist,« sagte er plötzlich.

»Ja,« erwiderte der Knabe mit leuchtendem Blick, der wie ein funkelnder Dolch des Vaters Herz traf. »Hat der Padre es dir gesagt?«

»Wie erfuhr er, daß du hier bist?« fragte Steptoe.

»Ich weiß nicht,« lautete die ruhige Antwort; »er hat etwas davon gesagt, aber ich habe es vergessen. Es war sehr gut von ihm, mich zu besuchen; die ganze Zeit habe ich mir immer eingebildet, er hätte uns links liegen lassen und wollte nichts mehr von mir wissen, seit wir vom Kieferberg fort sind.«

»Was hat er dir gesagt?« forschte Steptoe weiter. »Hat er von mir oder von deiner Mutter gesprochen?«

»Nein,« erwiderte der Knabe ohne irgend ein Zeichen von besonderem Interesse; »wir haben meist von alten Zeiten geredet.«

»Erzähle mir etwas davon, Eddy; du hast es damals nie gethan.«

Dem Knaben fiel der bittende Ton seines Vaters auf, der ihm fremd war. »O,« sagte er lachend, »wir sprachen nur von den Dingen, die wir miteinander trieben als ich ganz klein war und er mich sein Brüderchen nannte, weißt du noch, lange vor dem großen Goldfund am Kieferberg. Das waren lustige Zeiten!«

»Du meinst wohl damals, als er dich lehrte anderer Leute Handschriften nachzumachen?«

»Wie kommst du darauf?« fragte der Knabe verwundert. »Gerade das war es ja, wovon wir gesprochen haben.«

»Aber seitdem hast du es doch nicht wieder gethan? Nicht wahr, du thust es nicht mehr?« fragte Steptoe rasch.

»Bewahre,« sagte der Knabe verächtlich; »wo hätte ich jetzt die Gelegenheit – und es wäre ja auch kein Spaß dabei. Damals war das anders, als wir beide allein waren; da schrieben wir Briefe an alle Jungens, die ringsum am Kieferberg und unten auf dem Damm wohnten; manchmal bis nach Boomville, als ob sie von andern Leuten herrührten, und sagten ihnen dies oder das, was sie thun sollten. Und sie thaten's auch, weil sie die Briefe für echt hielten. Da gab es nachher großen Spektakel, aber niemand hat je erfahren, von wem die Briefe kamen.«

Steptoe fiel eine Last vom Herzen, doch starrte er den Jungen teils erschreckt, teils bewundernd an. Dieser saß rittlings auf dem Stamm, stützte seine runden Wangen mit den behandschuhten Händen und die Ellenbogen auf die Kniee, während ein Ausdruck von koboldartigem Mutwillen in seinem hübschen Gesicht aufblitzte. Mit lachenden Augen fuhr er fort: »Van Loo war hergekommen, um über einen unserer lustigen Streiche aus jener Zeit mit mir zu reden; ich soll nichts davon ausplaudern, weil die Leute, denen er übel mitgespielt hat, jetzt in der Nähe sind. Der Streich galt nämlich einem der Teilhaber beim großen Goldfund, aber lange ehe sie den Fund thaten. Dir will ich's sagen, Vater, denn du weißt, was nachher geschehen ist und wirst dich freuen. Der Teilhaber – Demorest weißt du – war so eine Art Pinsel und Schwachmatikus – immer kopfhängerisch und liebeskrank vor Sehnsucht nach seinem Herzblatt in den Oststaaten. Wir hatten schon oft an eins oder das andere Mädchen Briefe geschrieben von ihrem Schatz, und einen Heidenspaß dabei gehabt. Aber hier klappte die Sache noch viel besser, weil Van Loo alles von dem Mädchen wußte – Dinge über die sogar Demorests Freunde im Dunkeln tappten. Van Loos Mutter war nämlich mit der Familie bekannt; sie waren zusammen auf Reisen gewesen und sie wußte, daß auch das Mädchen in Demorest verliebt war und die beiden sich Briefe schrieben. So bekam denn Van Loo von seiner Mutter den Auftrag, wenn ihn Geschäfte auf den Kieferberg führten, dort alles über Demorest ausfindig zu machen, damit der verliebte Unsinn ein Ende nehme, weil die Eltern des Mädchens sie nicht einem verarmten Bergmann zur Frau geben wollten. Da haben wir uns nun ausgedacht, daß wir die Sache auf unsere Art angreifen und ihr einen Brief schreiben wollten, als käme er von ihm – verstehst du wohl? Ich wollte ihn schreckliche Schimpfwörter brauchen lassen und ihr sagen, daß er sie nicht mehr ausstehen könne, daß er ein Mörder und Pferdedieb geworden sei und einen Schutzmann umgebracht habe. Nächstens würde er unter die Indianer gehen, nur von Beeren und Wurzeln leben und ein Indianermädchen heiraten, das er viel lieber hätte als sie. Na, du hättest nur hören sollen, Vater, was für Zeug ich mir alles ausgedacht hatte!« Der Knabe brach in ein schrilles Lachen aus, in das sich Steptoes lautes, brutales Gelächter mischte.

Eine Weile saßen sie so da, schauten einander an und wollten sich ausschütten vor Lachen. Der Vater vergaß, zu welchem Zweck er hergekommen; sein Zorn über Van Loos Besuch war verraucht, ja sogar an die Zusammenkunft mit seinen Spießgesellen und an sein Pferd, das unten wartete, dachte er nicht mehr. Und der Sohn vergaß ihre schmähliche Flucht vom Kieferberg und die darauf folgenden Jahre, in denen sie wie die Landstreicher von Ort zu Ort gewandert waren. Die untergehende Sonne schien ihnen ins Gesicht; der Abendwind warf ein paar Tannenzapfen auf sie herab; eine große Krähe ahmte des Vaters rohes Lachen krächzend nach, und ein Eichhörnchen floh mit weiten Sprüngen aus der Nähe des seltsamen Paares, während Steptoe sich mit dem Taschentuch über Stirn und Augen fuhr.

»Habt ihr den Brief fortgeschickt?« fragte er.

»Ein bißchen verändert. Van Loo meinte, ich hätte zu stark aufgetragen; solche liebeskranke Narren machten mehr Geschrei über Kleinigkeiten als über große Dinge. Er hat den Brief etwas abgeschwächt und zugestutzt; aber gewirkt hat er doch. Es kam nie wieder eine Zuschrift von ihrer Hand mit der Post, und auch er hat keinen Brief mehr an sie aufgegeben.«

Wieder lachten sie alle beide; dann stand Steptoe auf. »Jetzt muß ich fort,« sagte er mit einem seltsamen Blick auf seinen Sohn, »sonst versäume ich den Zug bei den ›drei Steinblöcken.‹«

»Auf die Station gehe ich auch am Freitag,« sagte der Knabe. »Ich hole den Pater Cipriano bei den ›drei Steinblöcken‹ ab.«

»Bis Freitag wird wohl mein Geschäft zu Ende sein,« äußerte Steptoe in Sinnen verloren. Während er so dastand und des Knaben Hand festhielt, dachte er, daß es wohl nicht gleich zu dem eigentlichen Kampf mit Marschall kommen würde, da dieser doch mindestens ein paar Tage brauchte, um seine Streitkräfte zu sammeln. Leise drückte er seines Sohnes Hand.

»Wenn du mich doch manchmal mitnehmen wolltest, wie in früherer Zeit,« sagte der Knabe in bittendem Ton. »Ich bin ja jetzt größer und würde dir nicht im Wege sein.«

Steptoe betrachtete ihn mit befriedigtem Stolz, schüttelte aber den Kopf. »Noch eins,« sagte er plötzlich wie im Scherz: »laß dich durch keine Briefe von mir betrügen, wie ihr sie den Leuten geschrieben habt, du und Van Loo. Hörst du wohl.«

Der Knabe lachte.

»Und wenn jemand sagt, ich hätte nach dir geschickt, so glaube ihm nicht.«

»Bewahre,« erwiderte Eddy.

»Glaube auch niemand, der dir sagt, ich sei tot, bis du es mit eigenen Augen gesehen hast. Uebrigens – eh' ich's vergesse – Vater Pedro hat Geld für dich in Verwahrung. – Nun laufe rasch ins Kloster zurück und sage, du hättest mich getroffen, ich wäre aber sehr eilig gewesen. Mir ist, als hätte ich's etwas an Höflichkeit gegen die Priester fehlen lassen.«

Sie waren jetzt wieder unten auf der Straße angelangt. Steptoe band sein Pferd los. »Lebe wohl!« sagte er, dem Knaben die Hand reichend.

»Lebe wohl, Vater!«

Er stieg langsam auf. »Also,« sagte er noch, sich lächelnd zu Eddy herabbeugend, »weiter hast du mir nichts zu sagen?«

»Nein, Vater.«

»Hast auch keinen Wunsch?«

»Nein.«

»Na, dann lebe wohl!«

Er setzte sein Pferd in Trab und sprengte auf der Straße dahin, ohne sich umzublicken. Der Knabe schaute ihm in müßiger Neugier nach, bis er den Blicken entschwand; dann ging er pfeifend seines Weges und schlug mit dem Spazierstock die Blumen und Distelköpfe ab, die am Rande der Straße wuchsen.

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