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Drei Teilhaber

Bret Harte: Drei Teilhaber - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorBret Harte
titleDrei Teilhaber
publisherVerlag von Robert Lutz
printrunFünfte Auflage
yearo.J.
translatorMargarete Jacobi
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20151008
projectid10667f27
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Vorspiel

Hinter den Höhen des Black-Spur-Gebirges ging die Sonne unter. Noch überflutete ihr roter Schein den zackigen Kamm und drang durch jede Lücke in den dichten Reihen der Nadelbäume, so daß sich die Stellen, wo die zerbrochenen Aeste fehlten, scharf abzeichneten. Bald aber schwand die helle Glut und flammte nur noch hie und da plötzlich auf, wie Feuerfunken, wenn man Papier verbrennt. Dann kam der Nachtwind über das Gebirge gefegt und fing den alten Kampf an mit den Schatten, die vom Thal heraufstiegen, bis er endlich unterlag und von der alles besiegenden Finsternis verschlungen wurde. Nur die Bäume auf dem breiten Abhang des Kieferberges rauschten noch und schwangen wie abwehrend ihre Aeste; als aber die Schatten immer näher heranschlichen, bis eine Hütte nach der andern und Stollen auf Stollen im Dunkel verschwand, da hüllte sich zuletzt alles in tiefes Schweigen. Das Himmelsgewölbe allein war noch sichtbar, gleich einem riesigen, stahlgrauen Spiegel, der nur den Widerschein der Sterne zurückzuwerfen schien – so matt war ihr Geflimmer.

Eine einzige Hüttenthür auf dem Kamm des Kieferberges hatte noch bei Nacht und Wind offen gestanden. Jetzt wurde sie von unsichtbarer Hand langsam zugemacht, und man sah drinnen, beim Schein der sinkenden Glut, eine Gestalt, die das Feuer auf dem Herde schürte. Zuerst war nur der eine Mann erkennbar, der sich darüber beugte, aber sobald die Flammen emporzüngelten, tauchten noch zwei andere Gestalten auf, die regungslos am Herde saßen. Als das Schließen der Thür die Stille unterbrach, veränderten sie ihre Stellung ein wenig. Der, welcher aufgestanden war, um zur Thür zu gehen, nahm seinen Platz im Dunkeln wieder ein; nun saßen sie alle drei abermals stumm da, mit ihren Gedanken beschäftigt, die sich offenbar um einen Gegenstand drehten, der sie gemeinsam anging; keiner mochte den andern stören, oder das Schweigen brechen. Da stieß der jüngste der Gefährten auf einmal ein lustiges Lachen aus. Die beiden andern wandten den Kopf und sahen ihn fragend an, ohne ein Wort zu sprechen.

»Es kommt mir nur so komisch vor,« sagte er wie zur Entschuldigung, »wenn ich daran denke, wie wir hier Abend für Abend gesessen haben, als wir noch wie Sklaven um Hungerlöhne arbeiteten und keine Spur von 'ner Aussicht hatten – was haben wir da für närrisches Zeug geschwatzt, und uns ausgedacht, was wir alles thun wollten, wenn wir 'mal auf Gold stießen. Und nun das Ding geglückt ist, Potzwetter, und wir uns im Golde wälzen können, sitzen wir da wie betrübte Lohgerber, denen die Felle fortgeschwommen sind! Wißt ihr noch, einen Abend – Herrgott! 's ist noch gar nicht lange her – da zanktet ihr euch, in welchem vornehmen Hotel ihr in Frisco Allgemein übliche Abkürzung für San Francisco. absteigen wolltet, und ob ihr direkt nach London, Paris und Rom reisen, oder lieber den Weg über Japan, China, Indien und das Rote Meer wählen solltet.«

»Bewahre, gezankt haben wir uns nicht,« sagte einer der Männer in sanftem Ton, »wir besprachen es nur miteinander.«

»Und doch habt ihr's gethan, Demorest, ich bleibe dabei,« rief der junge Mensch voller Mutwillen. »Du hast auch zu Stacy gesagt: statt uns breit hinzustellen und zu fragen, ›Was kostet die Welt?‹ sollten wir lieber erst trocken hinter den Ohren werden, etwas Erfahrung sammeln und uns vor allem den Schlamm und Schmutz von den Stiefeln kratzen, ehe wir versuchen, in feiner Gesellschaft zu verkehren.«

»Na, ich glaube das ist auch jetzt noch meine Meinung,« entgegnete der andere gutmütig. »Aber,« fuhr er sehr ernsthaft fort, »gezankt haben wir uns nicht. Gott behüte!«

Es lag etwas in dem Ton, mit dem er die Worte sprach, was eine gleichgestimmte Saite ihres Wesens berühren mochte, und der junge Barker gab dem Gefühl, das sie beseelte, jetzt plötzlich einen ordentlich feierlichen Ausdruck: »Wißt ihr was, Jungens,« rief er voll Eifer, »wir sollten uns heute abend, hier auf der Stelle geloben, einander allezeit beizustehen – in guten und bösen Tagen – und auf den ersten Ruf zu gegenseitigem Dienst bereit zu sein. Wie wär's, wenn wir eine Art Zeichen, oder Losungswort verabredeten, auf das wir sofort, von den fernsten Enden der Erde zur Hilfe herbeieilen müßten!«

»Verlier' dich nur nicht in den Wolken, Barker,« brummte Stacy, ohne vom Feuer aufzublicken, während Demorest mit nachsichtigem Lächeln zu dem jüngeren Genossen hinüberschaute.

»Nein, aber wirklich, Stacy,« fuhr Barker unbeirrt fort. »Gute Kameraden thaten das früher immer in Not und Gefahr. Warum sollten wir es nicht thun, nun das Glück uns lacht?«

»Es wäre gar nicht so übel, alter Junge,« sagte Demorest. »Nur macht solche Losung, wie alle schönen Worte, meistens den Kohl nicht fett. Auch auf das erste beste Wolfsgeheul pflegt das ganze Rudel so rasch herbeizulaufen, wo es eine Beute zu holen gibt, als wäre es die schönste Losung. Aber halte du dies Gefühl nur fest und verwahr' es mit deinem Goldstaub zusammen unter dem Gürtel.«

»Barker ist ein gemütliches Haus, deshalb gefällt er mir,« sagte Stacy. »Er ist der einzige von uns, dessen Zukunft schon feststeht, weil er sie sich im voraus hat verbrieft und versiegelt geben lassen. Nun das Glück bei ihm einkehrt, braucht er sich bloß häuslich niederzulassen und sein Mädchen zu heiraten. Was würde wohl Kitty Carter, wenn sie erst Frau Barker ist, für ein Gesicht dazu machen, wenn unsereins ihren Mann nach Asien oder Afrika sprengen wollte? An dem Losungswort würde sie wenig Gefallen finden. Wenn er und sie erst ihr neues Kompagniegeschäft gründen, wird sie wohl nach den Teilhabern des alten nicht viel fragen.«

»Da irrst du dich doch gewaltig,« sagte Barker und wurde feuerrot. »Sie ist das beste Mädchen von der Welt und würde gewiß unsere Freundschaft verstehen, denn auf euch beide hält sie die größten Stücke. Während ich noch unschlüssig war, hat sie eifrig dafür gestimmt, daß ihr durchaus die Parzelle haben müßtet, der wir unser Glück verdanken. Ohne ihr Zureden wäre sie uns wahrscheinlich entgangen.«

»Das hat sie bloß um deinetwillen gethan,« erwiderte Stacy mit verhaltenem Gähnen. »Nun du deinen Anteil in der Tasche hast, wird sie sich unsertwegen nicht außer Atem setzen. Mir ist's übrigens lieber, wenn du uns daran erinnerst, daß wir ihr unser Glück verdanken, als daß sie es dir je ins Gedächtnis rufen sollte.«

»Was soll das heißen?« rief Barker erregt. Aber Demorest hatte sich schwerfällig erhoben und sich zwischen sie, mit dem Rücken ans Feuer gestellt, so daß sein riesiger Schatten auf die Wand fiel.

»Das soll heißen,« sagte er bedächtig, »daß du Unsinn schwatzest, und er auch. Doch dein Gewäsch kommt aus dem Herzen, und seins aus dem Kopf; drum ist mir deins lieber. Mich macht's aber müde, euch zuzuhören; ich dächte, ihr ginget zu was anderm über.«

Demorest zu widersprechen fiel keinem Menschen jemals ein. Barker konnte sich indessen noch nicht beruhigen. »Mir scheint doch, wir hätten alle Ursache, vergnügt und glücklich zu sein,« sagte er. »Es ist doch kein Verbrechen, daß wir die Goldader entdeckt haben. Im Gegenteil, von allen Arten Gelderwerb halte ich das für den redlichsten und glattesten; niemand wird ärmer dadurch; unser Glück thut den andern keinen Schaden. Seit Urzeiten liegt das Gold da für den Entdecker; wir haben es gefunden; kein Mensch hat es je vor uns berührt. Ob's euch ebenso geht, Jungens, weiß ich nicht; aber mir ist zu Mute, als wäre dies Geschenk ganz unmittelbar für uns bestimmt. Denn, mögen wir's nun verdienen oder nicht, wir erhalten es aus erster Hand – von Gott!«

Die beiden Männer warfen ihrem Gefährten einen raschen Blick zu; er wechselte die Farbe und lächelte dann verlegen, als schäme er sich der schwärmerischen Aufwallung, in die er geraten war. Aber Demorest blieb ganz ernst, und Stacys Augen leuchteten beim Feuerschein, während er nachdenklich erwiderte: »Daß das Goldgraben eine religiöse Handlung ist, habe ich noch nie gehört; aber wer weiß, Barker, mein Junge, ob du nicht recht hast. So wollen wir's uns denn wohl sein lassen!«

Doch rührte er sich nicht vom Fleck; ebensowenig wie seine Genossen. Die Flamme schlug höher empor, so daß man das rohe Gebälk und die ganze ureinfache Ausstattung der bescheidenen Hütte erkennen konnte; die Gestalten ihrer drei Bewohner, die da am Feuer saßen, schienen dagegen ins Riesenhafte zu wachsen.

»Wer hat die Thür zugemacht?« fragte Demorest nach einer Pause.

»Ich,« erwiderte Barker; »mir kam es kalt vor.«

»Mach' sie lieber wieder auf, nun das Feuer so hell brennt. Wenn einer von den Leuten unten heute abend noch bei uns vorsprechen will, kann es ihm den Weg zeigen.«

Stacy sah seinen Gefährten starr an. »Ich dachte, wir hätten sie alle auf morgen zum Abschiedsschmaus nach Boomville geladen, in der Voraussetzung, daß wir den letzten Abend hier in Frieden und Ruhe unter uns bleiben könnten.«

»Jawohl, aber wenn sich doch jemand einstellte, wäre es unfreundlich, ihm die Thür vor der Nase zuzumachen,« meinte Demorest.

»Mir scheint, dir ist ungefähr ebenso zu Mute, wie mir,« sagte Stacy; »unser Glück kommt dir überwältigend vor für uns drei allein. Ich meinerseits gestehe offen,« fuhr er fort und warf einen Blick nach dem Winkel in der Hütte, wo ein gewisser Haufen lag, der mit einem Tuch zugedeckt war, »daß ich mich ordentlich bedrückt fühle von seiner – spezifischen Schwere; es zwickt und zwackt mich in allen Gliedern, als sollte ich aufspringen und etwas unternehmen; und doch hält es mich hier fest. Weißt du, ich glaube eigentlich nicht, daß noch einer von den Jungen heraufkommt – außer wenn ihn die Neugier plagt. Unser Glück will ihnen nicht recht schmecken, obgleich sie morgen beim Abschiedsschmaus nicht fehlen werden.«

»Das liegt in der menschlichen Natur,« sagte Demorest.

»Sonderbar,« rief Barker eifrig; »was kann es nur bedeuten? Als ich heute nachmittag am 'alten Kentucky-Stollen' vorbeiging, wo die Marschalls sich seit vier Jahren abplagen, ohne etwas zu finden, schämte ich mich ordentlich ihnen ins Gesicht zu sehen. Sie nickten mir kaum zu, und ich schlich vorbei, als hätt' ich ihnen 'was zuleide gethan. Es ist mir ganz unverständlich.«

»Zu deiner Vorstellung von der ›Gabe Gottes‹ will das nicht recht passen, wie?« sagte Stacy. »Aber, damit jeder sich's wenigstens ansehen kann, wollen wir die Thüre öffnen.«

Er that es, und es war als hätte die Nacht auf der Schwelle gewartet und träte jetzt in Person durch die Gartenthür, um ihr einziger Gast zu sein und alles mit ihrer Gegenwart zu erfüllen. Sobald die kühle, balsamische Luft hereinströmte, atmeten sie freier. Vom Kamm des Gebirges war zwar der rote Rand verschwunden, aber die mächtige dunkle Masse hob sich deutlich gegen den jetzt klaren Himmel ab, auf dem die blassen Sterne noch immer so matt schimmerten, als wären sie nur ein Wiederschein der winzigen, verstreuten Lichtchen aus der Thalmulde drunten. Mit dem kühlen Hauch der Nachtluft, die auf dem Gipfel wehte, mischte sich ein kräftiger, durchdringender Duft, den die Kiefern auf dem Berghang ausströmten, auf welchem die warme Sonne den Tag über gebrütet hatte. Es herrschte lautlose Stille. Fernher, wie im Traum, klang nur das Gebell eines Hundes von dem unsichtbaren Fußsteg herauf, der fast eine Meile unter ihnen lag. Sie waren aufgestanden, hatten sich in die Thüröffnung gestellt und alle drei, wie auf Verabredung, das Gesicht gen Osten gewandt. Dahin pflegte der Goldgräber unwillkürlich zu blicken, wenn er der fernen Heimat gedachte, und er genoß dabei zugleich die herrlichste Aussicht. Denn jenseits der bewaldeten Gipfel lag eine dünne weiße Wolke, die man meist nur gegen den Abendhimmel gewahrte, als sei ein Stück von der Milchstraße herabgefallen. Unbeschreiblich zart und blaß, in weiter Ferne, und doch deutlich genug, um den erhabensten Eindruck zu machen, thronte sie dort stets an der nämlichen Stelle. Es war die Schneelinie der Sierra.

Die Freunde wandten sich ab und kehrten schweigend an ihren Platz zurück, während ein und derselbe Gedanke ihre Gemüter bewegte: Ja, es gab etwas, das sie nicht mit fortnehmen konnten, das auf immer unwiederbringlich dahinten blieb. Sie mußten es zurücklassen, samt dem urwüchsigen, gesunden Leben, das sie hier geführt, mit seiner fröhlichen Arbeit, seiner unerschütterlichen Hoffnungskraft, deren Segen sie erfahren hatten. War denn, was sie mitnahmen, wirklich ebenso wertvoll? – Sonderbarerweise mochte keiner von ihnen diesen gemeinsamen Gedanken aussprechen, während sie doch stets untereinander so offenherzig und mitteilsam gewesen waren. Selbst Barker schwieg; vielleicht dachte er an Kitty.

Auf einmal tauchten, ganz unerwartet, zwei Gestalten gerade in der Thüröffnung auf. Ihr plötzliches Erscheinen erschreckte die drei Genossen, die sich eben erst wieder gesetzt hatten. Sie dachten im Augenblick nicht daran, daß der schmale Lichtstreifen, der zur offenen Thür hinausschoß die Finsternis drinnen und draußen erst recht undurchdringlich machte, und daß die Ankömmlinge aus diesem Dunkel jetzt ins Licht traten, das ihnen den Weg gezeigt hatte. Den einen kannten sie nur zu gut. Es war Dick Hall, der Trunkenbold vom Kieferberg, den etliche Spaßvögel auch ›Whisky Dick‹ nannten, oder zur Abwechslung ›Alkey Hall‹, wie es eben kam.

Jedermann kannte das geschwollene, aufgedunsene Gesicht mit dem riesigen, roten, verwilderten Bart, der immer von Schnaps angefeuchtet war und Feuer zu sprühen schien. Wenn Dick einen Rausch hatte, was häufig der Fall war, pflegte er, um es zu verbergen, sich mächtig in die Brust zu werfen und seine Behauptungen mit der ausgesuchtesten Genauigkeit vorzubringen, das hatten alle schon gehört. Nur wenigen aber war es aufgefallen, welches starre Entsetzen, oder welche Lebensmüdigkeit manchmal in diesen blutunterlaufenen Augen lag – und keiner kümmerte sich darum.

Dick Hall war offenbar nicht darauf gefaßt gewesen, die drei stummen Gestalten in der Hütte zu finden. Einen Augenblick betrachtete er sie zweifelnd und verwundert, wie jemand, der gewohnt ist, daß ihn seine Wahrnehmungen täuschen. Saßen sie denn wirklich da? Seinen Gefährten anzusehen, damit er ihm die Thatsache bestätige, das wagte er nicht; er lächelte nur aufs Geratewohl.

»Guten Abend,« sagte Demorest freundlich.

Whisky Dick strahlte übers ganze Gesicht.

»Gunnabend, Gunnabend Jungens – wollt 'mal sehen, wie 's euch geht. Erlaubt, daß ich euch meinen alten Freund William Steptoe von Red Gulch vorstelle. Stepschu – Steptoe – isch staschoniert – isch stascho –« lallte er, hielt dann inne, bekam das Schlucken, winkte ernsthaft mit der Hand und fuhr darauf, wie vorwurfsvoll, mit Würde fort: »wohnt gegenwärtig unten auf dem Damm. Wir wollten unsere besten Glück – wünsche – Glück und Segensch –« er hielt wieder inne, lehnte sich an den Thürpfosten und sagte entschlossen: »Segenswünsche aussprechen.«

Sein Gefährte schlug eine rohe Lache auf, schob Dick unsanft beiseite und trat in die Hütte. Er war ein kräftiger, untersetzter Mann, mit kurz geschorenem Bart und Haar, das wie Moos an seinem runden Kopf zu kleben schien. Mehr verstohlen als neugierig blickte er in der Hütte umher und sagte dann mit einer Unverfrorenheit, die jeglicher Gutmütigkeit ermangelte: »Also ihr seid die gelungenen Kerle, die den großen Treffer gemacht haben? Ich komm' da eben mit Alkey, dem alten Saufaus, den Berg heraufgestampft und dachte, ich wollt' vorsprechen, um mir das Dings 'mal anzusehen. Na, hier sitzt ihr ja, weiß Gott, beisammen, thut euch dicke und scheert euch den Henker um die ganze Welt.«

»Zeige doch Herrn Steptoe – den Whisky,« sagte Demorest zu Stacy und wendete sich dann ruhig an Dick, indem er Steptoe gerade so wenig Beachtung schenkte wie dieser seinem unglücklichen Gefährten erwiesen hatte. »Ihr habt uns einen ordentlichen Schreck eingejagt. Wir hatten euch gar nicht den Pfad heraufkommen sehen.«

»Nein; wir kamen hinten 'rum, weil es Steptoe Spaß machte. Er wollte gern die Rückseite der Hütte sehen,« sagte Dick und schielte dabei unruhig, doch mit verzwungener Gleichgültigkeit nach dem Whisky, welchen Stacy dem Fremden einschenkte.

»Was schwatzest du da für Zeug!« rief Steptoe grob und trat mit herausfordernder Miene vor Dick hin. »Du konntest mit deinen wackligen Beinen nicht auf dem geraden Wege bleiben, drum mußtest du 'ne Schwenkung machen. Meiner Seel', hättest du nicht den Schnaps hier auf dem Gipfel gerochen, du würdest dich nie heraufgefunden haben.«

»Laß gut sein, Dick,« sagte Demorest; »mich freut's, daß du noch hergekommen bist und ich hoffe, du läßt dir den Schnaps recht gut schmecken, zum Lohn für die viele Mühe.« Barker sah Demorest verwundert an. Seines Kameraden ungewöhnliche Nachsicht gegen den Trunkenbold überraschte ihn. Aber auf einen Wink von Demorest führte er Dick nach dem Tisch in der Ecke, auf dem ein zinnerner Becher neben der Korbflasche stand. Schon im nächsten Augenblick hatte Dick die rohe Aeußerung seines Begleiters ganz und gar vergessen.

Demorest blieb an der Thür stehen und schaute in die finstere Nacht hinaus.

»Na,« sagte jetzt Steptoe, den leeren Becher hinsetzend, »nun laßt 'mal euern Goldfund sehen. Unsre Augen werden ja wohl stark genug sein, um den Glanz zu ertragen.« Stacy zog das Tuch von dem bisher verdeckten Gegenstand in der Ecke; eine tiefe, bleierne Schmelzpfanne kam zum Vorschein, auf der einige große Quarzstücke zusammengehäuft lagen. Zuerst fielen den Beschauern die glitzernden Krystalle der Glimmererde in den Adern des marmorweißen Quarzes am meisten ins Auge; als sie aber näher herzutraten, konnten sie das mattgelbe Gold erkennen, das die verwitterten und löchrigen Teile des Gesteins füllte, als flösse es geschmolzen hindurch. Ihre Blicke funkelten noch heller wie der Glimmer; selbst Barker und Stacy, denen doch der Schatz nichts Neues mehr war, sahen ihn mit leuchtenden Augen an.

»Welcher Klumpen ist wohl am kostbarsten?« fragte Steptoe mit unsicherer Stimme.

Stacy deutete mit dem Finger darauf.

»Der ist ja kleiner als die andern.«

»Nehmen Sie ihn doch 'mal in die Hand,« rief Barker mit knabenhaftem Eifer.

Steptoes kurze, dicke Finger umfaßten das Quarzstück mit der Gier eines Raubvogels; er strengte alle Muskeln an, bis er purpurrot im Gesicht wurde, konnte es aber nicht aufheben.

»Die Leute in der Münze von Frisco machten sich oft 'nen Spaß,« sagte Dick, dem der Branntwein die Zunge gelöst hatte; »wenn Damen zum Besuch kommen, boten sie eins von den Kästchen voll Goldstücke, die fünftausend Dollars enthalten, derjenigen zum Geschenk an, die so freundlich sein wollte, es vom Tisch mitzunehmen. 's war nicht größer als einer von den Klumpen. Herrjemine, wie die Dirnen zugriffen und dran zerrten, bis sie 's zuletzt aufgeben mußten! Von dem zifisch – (er gluckste) spezi –.« Er hielt würdevoll inne und fuhr dann mit großer Anstrengung fort: »dem spezifischen Gewicht des Goldes wußten sie natürlich nichts.«

»Schweig still!« fuhr ihn Steptoe an. Dann wandte er sich zu Stacy: »Aber wo ist das übrige? Ihr habt doch noch viel mehr,« sagte er in schroffem Ton.

»Wir haben's heute früh nach Boomville geschickt. Morgen übernimmt die Gesellschaft unsere Parzelle, die wir an sie verkauft haben und läßt Poch- und Stampfwerke errichten. Die Aufsicht führt sie schon jetzt; ein Trupp Arbeiter ist bereits an Ort und Stelle.«

»Und was habt ihr wohl dafür bezahlt gekriegt, wenn man fragen darf?« erkundigte sich Steptoe mit erzwungenem Lächeln.

»Bei Geschäften ist solche Frage nicht gerade gebräuchlich,« versetzte Stacy gleichfalls lächelnd.

»Fünfhunderttausend Dollars nebst Dividenden,« sagte plötzlich Demorest, der noch immer an der Thür stand.

Die Blicke der beiden Männer begegneten sich. In Steptoes Augen brannte das verzehrende Feuer des Neides, das ließ sich nicht verkennen. Demorest betrachtete ihn mit einer gewissen vornehmen Kälte, und als von draußen Stimmen neuer Ankömmlinge laut wurden, wandte er sich ab.

»Fünfhunderttausend ist'n schönes Stück Geld,« sagte Steptoe heiser auflachend; »kein Wunder, daß euch der Kamm so verdammt davon schwillt. Aber 'ne Frage steht jedem frei.«

Hier setzte es sich Dick unglücklicherweise in seinen benebelten Kopf, daß der Freund, den er in die Gesellschaft eingeführt hatte, nicht mit der gebührenden Achtung behandelt werde, und er vergaß darüber Steptoes Rücksichtslosigkeit gegen ihn selbst. Sich würdevoll an die Wand lehnend, gab er sein Mißfallen in Haltung und Gebärde zu erkennen. »Daß mein alter Freund nur durch Geschäftsgründe beeinfluscht wird,« begann er, »daran isch kein – Sweifel.« Er schwieg, besann sich und fügte mit großem Nachdruck hinzu: »Wenn ich sage, daß er selbst eine wertvolle Parzelle in Red Gulch besitzt und – ich weiß das gewisch – große Angebote gehabt hat – so wird es, denke ich, genügen.«

Stacy und Barker, denen der unglückliche Ruf der Red Gulch-Grube wohl bekannt war, konnten sich des Lachens nicht enthalten, was Steptoes Aerger noch erhöhte. Er lachte zwar mit, warf aber dem arglosen Dick einen rachsüchtigen Blick zu. »Und was wollt ihr denn mit den Stücken dort anfangen?« fragte er, nach dem Schatz deutend.

»O, die nehmen wir mit. Jeder bekommt einen Klumpen zur Erinnerung. Wir haben drum gelost, und Demorest hat gewonnen. Der, den man mit einer Hand nicht heben kann, gehört ihm,« sagte Stacy.

»Ich wollt' ihn schon heben. Aber Sie hätten wohl nicht Lust mich auf die Probe zu stellen, wie es die Leute im Münzamt machen, he?«

Er begleitete diese Bemerkung zwar mit dem gewöhnlichen rohen Gelächter, aber in seinem lauernden Blick lag ein so zweideutiger Ausdruck, daß Stacy schon eine scharfe Erwiderung auf der Zunge hatte. In dem Augenblick trat jedoch Demorest wieder in die Hütte, gefolgt von einem halben Dutzend Bergleuten, die von der unten gelegenen Ortschaft heraufkamen. Es waren zwar noch junge Burschen, aber doch schon alte Bewohner der Gegend. Bei ihrer jahrelangen Abgeschlossenheit und fruchtlosen Arbeit, hatten sie sich eine gewisse kindliche Einfalt in Denkweise und Benehmen bewahrt, die einen teils rührenden, teils komischen Eindruck machte. Bisher waren sie noch nie so keck gewesen, die drei Freunde auf dem Kieferberg in ihrer Ruhe zu stören; nur eine harmlose Neugier und der Umstand, daß sie mit allen Ortsbewohnern zu dem morgenden Abschiedsschmaus geladen waren, und den Gastgebern ihren schüchternen Dank dafür kundgeben wollten, hatte sie hergeführt. Vielleicht lockte sie auch die Aussicht, einen Abend lang sich aller trüben Gedanken zu entschlagen und an einem vollen Glase gütlich zu thun, ohne zahlen zu müssen.

In ihrer Gesellschaft, und doch nicht zu ihnen gehörig, befand sich ein junger Mann, der zwar das Englische ohne fremden Accent sprach, aber offenbar einer andern Nation und Rasse angehörte. Sowohl aus diesem Grunde, als weil er eine gewisse Nettigkeit im Anzug mit einschmeichelnden Manieren verband, legte man ihm den Spitznamen ›der Graf‹ oder ›der Franzos‹ bei, obgleich er eigentlich aus einer vlämischen Familie stammte. Wegen seiner Sprachkenntnisse hatte man ihn zum Agenten der Vereinigten – Grubengesellschaft gemacht.

Barker stieß einen Freudenruf aus, als er ihn sah, denn er bewunderte den jungen Ausländer insgeheim wegen seines feinen Schliffs, wiewohl er selbst der natürlichste Mensch von der Welt war. Nur ein unbestimmtes Gefühl, daß weder Stacy noch Demorest diese Empfindung teilte, hatte ihn bisher verhindert des ›Grafen‹ Bekanntschaft zu suchen. Jetzt war er stolz darauf, daß Paul Van Loo mit einer Verbeugung in die Hütte trat, als wäre sie ein Empfangszimmer; denn daß dies im Grunde eine Taktlosigkeit war, weil es die andern Anwesenden in eine unbehagliche Stimmung versetzte, kam ihm nicht in den Sinn.

Die verlegene Pause, die beim Eintritt der neuen Ankömmlinge entstand, war nicht von langer Dauer. Wieder wurde das Tuch von der kostbaren Pfanne entfernt, und es war seltsam anzusehen, wie die Augen eines jeden von derselben fieberhaften Glut funkelten, während sich alle zu dem Goldschatz drängten. Selbst der höfliche Paul stieß die andern mit den Ellbogen fort, doch machte sein geziertes ›Pardon‹ in Barkers Augen diesen Ausbruch des rohen Naturtriebs wieder gut. Weit lehrreicher war es jedoch zu beobachten, wie die älteren Ortsbewohner diesen Beweis der Laune des treulosen Glückes auffaßten. Umsonst hatten sie unter mühseliger Arbeit jahrelang geduldig gewartet; nicht ihnen, sondern den unerfahrenen Neulingen hatte das Glück seine Gunst zugewandt. Als sie jedoch ihre Augen wie geblendet auf die drei Teilhaber richteten, stand weder Neid noch Böswilligkeit darin geschrieben; keine Klage kam über ihre Lippen, sie zollten ihnen aufrichtige Bewunderung. Es war rührend und kindlich zugleich, daß dies offenkundige Zeugnis von dem Reichtum der Natur ihre Hoffnungskraft neu belebte: das Gold war dagewesen – sie hatten es sich nur entgehen lassen. Aber, wo dies herkam, konnte noch mehr gefunden werden. Es war ja der beste Beweis von der Ergiebigkeit des Kieferberges. So deutlich spiegelten sich diese Gedanken in ihren Mienen, daß ein gelegentlicher Beobachter, der ihre strahlenden Blicke mit dem nachdenklichen Ausdruck der wirklichen Besitzer verglich, sicherlich geglaubt hätte, sie seien die glücklichen Finder. Ihr Anblick erregte Barkers Mitgefühl; Stacy verwunderte sich darüber, Demorests Gesicht wurde noch ernster und Steptoe sah sie mit Verachtung an. Nur Whisky Dick verharrte anscheinend in stumpfsinniger Teilnahmlosigkeit, denn er war gerade im Begriff, einen verzweifelten Versuch anzustellen, um sich aufzuraffen. Schließlich gelang es ihm auch; ja er brachte es sogar so weit, daß er auf einen Stuhl steigen und den Becher erheben konnte, der freilich in seiner Hand auf bedenkliche Weise schwankte. Das that jedoch der Festigkeit seiner Stimme keinen Abbruch als er begann:

»Meine Herren! Lassen Sie uns auf einen glücklichen Erfolg des – – des – «

»Des nächsten Unternehmers trinken!« fiel Barker ungestüm ein und sprang auf einen zweiten Stuhl, von dem er mit strahlender Freundlichkeit auf die Anwesenden herabschaute. »Und möge das Glück denen lächeln, die es schon längst verdient hätten!«

Seine warme und aufrichtige Begeisterung machte dem Schweigen ein Ende, in das sich alle gehüllt hatten. Andere Trinksprüche wurden ausgebracht und bald herrschte allgemeine Heiterkeit. In seiner gehobenen Stimmung gesellte sich Barker zu Van Loo und erzählte ihm voll Vertraulichkeit, mit dem ihm eigenen jugendlichen Feuer, das große Geheimnis seiner Verlobung mit Kitty Carter. Van Loo hörte ihm höflich und aufmerksam zu, auch ließ er es nicht an den herkömmlichen Glückwünschen fehlen. Dabei wanderten jedoch seine Blicke unstät bald zu Stacy, und dann wieder nach dem Goldschatz hinüber. Barkers leicht erregbares Gemüt überkam ein Gefühl der Enttäuschung. Vielleicht hatte er den feinen Weltmann mit seinem Herzenserguß gelangweilt, oder durch die offene Mitteilung den guten Ton verletzt? Seine Unerfahrenheit kam ihm aufs neue zum Bewußtsein, und er trat betrübt zur Seite, während Van Loo die Gelegenheit benutzte, um Stacy anzureden.

»Ich höre soeben, daß Barker mit Fräulein Carter versprochen ist,« sagte er mißbilligend, und ein überlegenes Lächeln spielte um seine Lippen. »Ist das wirklich wahr?«

»Jawohl. Warum denn nicht!« lautete Stacys unumwundene Antwort.

Van Loo lächelte verbindlich. »Freilich, warum sollte es nicht wahr sein? Aber einigermaßen unerwartet ist es doch.«

»Sie kennen einander schon so lange wie er hier auf dem Kieferberg wohnt,« erwiderte Stacy.

»Gewiß – ohne Zweifel,« sagte Van Loo. »Ich dachte nur, daß er jetzt – «

»Hm – er hat jetzt Geld genug um zu heiraten und wird es thun.«

»Was meinen Sie – ist er nicht etwas zu jung?« fuhr Van Loo noch immer in mißbilligendem Tone fort. »Und sie hat nichts. Wartet den Gästen in ihres Vaters Hotel zu Boomville bei Tische auf, nicht wahr?«

»Jawohl. Was thut das? Wir wissen es alle.«

»Natürlich. Für sie ist's ein großes Glück – und für ihren Vater. Er bekommt einen reichen Schwiegersohn. Etwa zweihunderttausend wird wohl sein Anteil betragen. Kann mir denken, wie entzückt der alte Carter ist.«

Der Gedanke war Stacy auch schon gekommen; ihn aber aus dem Munde des überklugen jungen Fremdlings bestätigen zu hören, sagte ihm keineswegs zu. »Ich wette, Barker wird darüber nicht böse sein,« versetzte er trocken und wandte sich ab. Innerlich ärgerte er sich jedoch nicht wenig, daß man glaubte, einer der drei ausgezeichneten Teilhaber vom Kieferberg hätte sich anführen lassen, wie ein junger Gimpel.

Plötzlich verstummte das Gespräch in der Hütte; das laute Lachen hörte auf. Unwillkürlich drehten sich alle um und schauten nach der Thür. Von dem finstern Bergabhang her tönte ein wundervoller Tenor zu ihnen herauf, dessen Wohlklang durch die Entfernung noch erhöht, wie eine Geisterstimme aus der Dunkelheit schallte:

»Wenn ich ins Ausland geh',
Dich nimmer wiederseh',
Dann weine, weine,
So, ganz alleine.«

Die Männer sahen einander an. »Das ist Jack Hamlin,« sagten sie. »Was führt den her?«

»Wo frisches Fleisch ist, sammeln sich die Wölfe,« sagte Steptoe mit seinem rohen Lachen und einem Seitenblick auf den Goldschatz. »Habt ihr nicht gewußt, daß er gestern von Red Dog herübergekommen ist?«

»Ihr braucht Jack nur freie Hand zu lassen und ihm sein Spiel nicht zu stören, dann gewinnt er euch den ganzen Rummel dort ab, eh' noch die Sonne aufgeht,« sagte einer der alten Ortsbewohner.

»Und tags darauf hat er alles wieder verloren,« fügte ein anderer hinzu.

»Aber so oder so, er läßt sich kein graues Haar drum wachsen und verzieht keine Miene,« äußerte ein dritter. »Weiß Gott, ich hab' ihn singen hören wie jetzt, wenn er mit fünftausend Dollars in der Tasche vom Spieltisch aufstand, oder keinen roten Heller mehr im Sack hatte.«

Van Loo, der eigentümlich lächelnd zugehört hatte, fiel jetzt mit größter Mißbilligung ein: »Man muß doch aber auch bedenken, was für einen schädlichen Einfluß ein solcher Mensch auf die armen Bergarbeiter ausübt, die ihr Brot so sauer verdienen müssen und den Ertrag einer ganzen Woche an ihn verspielen wie nichts. Das überlegt niemand; aber ich weiß, wie schwer es hält, von den Goldwäschern das Pachtgeld für das Graben herauszubekommen, wenn er im Lager gewesen ist.«

Er sah sich mit wichtiger Miene unter den Anwesenden um, aber auf seine Rede folgte nur lautes Gelächter. »Oho, Franzos,« rief ein alter Ansiedler, »du sprichst nur so, weil dein kleiner Bruder 'mal mit Jack spielen wollte wie ein Erwachsener. Jack aber sagte, er solle machen, daß er vom Spieltisch fortkäme. Da ist er bockbeinig geworden, und Jack hat ihn zur Thür hinausgesetzt.«

Van Loo wurde rot vor Zorn; jede Spur seiner früheren höflichen Gelassenheit war im Umsehen verschwunden, und harte Linien traten in seinem Gesicht hervor. Demorest schlug sich ins Mittel.

»Im Grunde ist doch kein großer Unterschied,« sagte er, »ob man Geld in ein Loch am Boden steckt, weil man hofft, mehr Geld herauszugraben, oder ob man's zu demselben Zweck auf eine Karte setzt. Ein Glücksspiel bleibt es immer.«

Der entzückende Gesang war inzwischen näher gekommen; plötzlich brach er ab und ging in ein herzbewegendes, melodisches Pfeifen über, mit dem der Sänger sein Lied schloß. Einen Augenblick später erschien Jack Hamlin selbst in der Thüröffnung.

Mochte es jetzt auch um seinen Geldbeutel beschaffen sein, wie es wollte, jedenfalls stimmte Hamlins vollständige Gemütsruhe und Kaltblütigkeit ganz und gar zu der Beschreibung, die man vorhin von seiner Person gemacht hatte. Er bot einen so saubern und erquickenden Anblick wie ein Erdbeerbaum in dem staubbedeckten Walde. Ein Geruch von duftender Seife und frisch gebügelter Wäsche entströmte ihm; an seiner weißen Weste war kaum ein Fältchen zu entdecken, die Lackstiefel zeigten keine Spur von Staub oder Schmutz. Er hatte sich den Panamahut mit dem schwarzen Band besonders keck aufs Ohr gesetzt, und aus seinen braunen Augen guckte ein verwegener Schalk, der bereit war, jedem abfälligen Urteil die Spitze zu bieten. Mit einem einzigen Blick verstand er es, die Lage der Dinge vollkommen richtig zu erfassen, als ob er bei der ganzen vorhergehenden Unterhaltung zugegen gewesen wäre.

»Und willst du ganz allein
Süßliebchen treu mir sein!«

trällerte er noch leise auf der Thürschwelle und fuhr dann munter in ungebundener Rede fort: »Hallo, Jungens, hier bin ich und möchte das Neugeborene begrüßen; hoffentlich sind die lieben Angehörigen alle in bestem Wohlsein! Aha, da ist es ja. Recht schön willkommen!« fuhr er fort und näherte sich bedächtig dem Goldschatz. »Meiner Treu – Drillinge – und so dick und rund! Hat man sie schon gewogen?«

Offenherzigkeit war eine hervorragende Eigenschaft auf dem Kieferberg und der Umgegend. »Wir sprachen eben davon, Jack,« sagte ein alter Ortsbewohner, »daß wenn man dir freie Hand läßt und dein Spiel nicht stört, du im stande wärst, dich noch vor Tagesanbruch mit dem Haufen dort auf und davon zu machen.«

»Mir kam eben in den Sinn,« erwiderte Jack lustig, »daß hier Leute unter euch sind, die das auch ohne irgendwelche unnütze Einleitung fertig brächten.« Sein braunes Auge ruhte einen Moment auf Steptoe, dann wandte er sich plötzlich zu Van Loo und streckte ihm die Hand entgegen. Ueberrascht und verlegen im Beisein der andern, wollte der junge Mann zögernd einschlagen, als Jack kaltblütig, und wie zerstreut, seine Hand wieder zurückzog und in die Tasche steckte. »Ich dachte, Sie würden gerne wissen wollen, was Ihr kleiner Bruder macht,« sagte er zu Van Loo und sah dabei Steptoe an. »Ich bin ihm unterwegs begegnet; er irrt hier auf dem Berge herum und ist ganz betrunken.«

»Ich habe ihn schon oft gewarnt,« begann Van Loo, der sehr rot geworden war.

»Vor schlechter Gesellschaft – natürlich,« fiel Jack ihm munter ins Wort; »und trotzdem glaube ich, daß er den Branntwein, der ihn benebelt, zum Teil von Steptoe dort bekommen hat.«

»Zum Spaß habe ich ihm ein Glas Whisky eingeschenkt; wie konnte ich auch denken, daß der dumme Junge sich gleich betrinken würde,« sagte Steptoe in rauhem Ton; doch sah er mehr verstört als zornig aus.

Hamlin umspannte seine schlanke Taille mit beiden Händen und schaute nachdenklich auf seine blanken Stiefel. »Das Schlimme bei Steptoe ist nur,« sagte er, »daß er eine so weichherzige Neigung für alle Schwachheiten hat. Immer möchte er sich der Leute annehmen, die nicht für sich selber sorgen können, ob's nun Whisky Dick ist, wenn er was im Kopfe hat, oder irgend ein Nigger, der ein paar Goldkörner findet; oder gar Van Loos verirrtes Lämmchen mit dem kleinen Rausch. Aber, was mich betrifft, Jungens, so irrt ihr euch gewaltig. Heut' abend bringt ihr mich zu keinem Spiel. Ich hab' 'nen Feiertag, und den widme ich nur dem Gesang und wohlgefälliger Betrachtung. Aber,« fuhr er zu den drei Teilhabern gewendet fort, und seine Miene veränderte sich plötzlich auf ganz bezaubernde Art, »ich konnte der Versuchung nicht widerstehen, hier heraufzukommen um euch und euren Fund zu sehen, wiewohl ihr mir ganz fremd seid, und ich vermutlich weder euch noch ihn je wieder zu Gesicht bekommen werde. Das Glück stellt sich viel öfter ein, als man gemeinhin denkt, man muß nur dran glauben. Aber lange bleiben thut es nicht; drum rat' ich euch, haltet die Augen offen, und klammert euch mit aller Macht dran fest, wenn's grade bei euch ist. So – nun geh' ich wieder!«

Alle Bitten der Wirte – die er offenbar auf ebenso plötzliche wie unbegreifliche Weise durch sein Wesen bezaubert hatte – ihn zu längerem Bleiben zu bewegen, waren vergeblich. Mit leichtem Schritt eilte er von dannen, und bald hörte man wieder seinen melodischen Gesang, während er den Berg hinabstieg. Auch war es durchaus nicht zu verwundern, daß die übrigen, von seiner unwiderstehlichen Anziehungskraft getrieben, ihm folgten und unwillkürlich in sein Lied mit einstimmten. Steptoe und Van Loo blieben ganz allein zurück und waren zuletzt, aus reiner Verlegenheit, gezwungen, sich der davonziehenden Gesellschaft anzuschließen. Schon im nächsten Augenblick hüllte sich die Hütte wieder in nächtliche Ruhe und Schweigen. Als die letzten Stimmen am Bergabhang verhallten, herrschte auf dem Gipfel die alte ungestörte Einsamkeit.

Die Freunde waren jedoch nicht wieder in ihre fruchtlose Träumerei versunken, aus welcher sie der Ueberfall der fremden Ankömmlinge geweckt hatte. Sie beschäftigten sich jetzt mit mancherlei Vorbereitungen, weil sie die Hütte am nächsten Morgen in aller Frühe zu verlassen gedachten. Einen Tag und eine Nacht wollten sie dann noch in Boomville zubringen, wo sie in Carters Hotel den Abschiedsschmaus für die Bewohner vom Kieferberg bestellt hatten. Ihre Unterhaltung wollte nicht recht in Gang kommen. Barker verhielt sich ernst und nachdenklich, seit Van Loo seine warmherzigen Mitteilungen so kühl aufgenommen hatte, und Stacy war noch zu ärgerlich über Van Loos abfällige Bemerkungen, um wie gewöhnlich seinen Scherz mit Barker zu treiben. Sie sprachen sich hauptsächlich sehr wohlwollend über Jack Hamlin aus, mit dem sie bisher noch nie persönlich verkehrt hatten, weil er als berufsmäßiger Spieler in keinem guten Ansehen stand; sogar der kritische Demorest äußerte, daß er wünschte, sie hätten ihn schon früher gekannt. »Aber«, fügte er gedankenvoll hinzu, »man lernt den wahren Wert der Menschen und Dinge immer erst schätzen, wenn man sie verlassen muß, oder wenn sie uns verlassen.«

Barker und Stacy sahen ihren Gefährten verwundert an. Es war etwas so Ungewöhnliches, daß Demorest sein Bedauern auf solche Art kundthat, besonders wo es sich nur um gesellige Beziehungen handelte.

»Man versichert,« bemerkte Stacy, »daß, wer Jack Hamlin gut kennt und in seinem Beruf mit ihm zu thun bekommt, weit eher die wertvollsten Besitztümer los wird als ihn selber.«

»Sprich doch nicht den Leuten, die mit Jack gespielt und ihr Geld an ihn verloren haben, solchen Unsinn nach,« sagte Demorest spöttisch. »Viel lieber würde ich ihm trauen als –« Er hielt plötzlich inne, schaute nach Barker hin, der in Gedanken versunken dasaß, und setzte hastig hinzu: »als irgend einem von der Bande, die den Stab über ihn bricht.«

Wieder entstand eine Pause; die Freunde hatten ihre früheren Sitze eingenommen und starrten traumverloren vor sich hin. Endlich sagte Stacy nach einem tiefen Atemzug: »Hätten wir die drei Goldklumpen nur lieber auch mit fortgeschickt!«

»Weshalb?« fiel ihm Demorest rasch ins Wort.

»Weshalb? – Nun, weil sie ganz verteufelt schwer auf mir lasten; sie pressen mir förmlich die Brust zusammen,« versetzte Stacy mit gezwungen scherzhaftem Ton. »Ihr verdammt großes, spezifisches Gewicht wird wohl schuld daran sein. Es lockt mich ganz und gar nicht, mit ihnen in demselben Zimmer zu schlafen; wir drei sind nicht Manns genug, um solchen Schatz zu bewachen.«

»Du glaubst doch nicht etwa, daß irgend jemand wagen würde –« rief Demorest.

Um Stacys trotzigen Mund spielte ein verächtliches Lächeln. »Nein, daran habe ich nicht gedacht – das wäre längst nicht so schlimm. Die schweren Goldklumpen selber sind's, vor denen mir bangt, weil sie uns in ihre Gewalt bekommen haben, und uns nun und nimmer wieder loslassen. Mir ist als hätten wir einen Spukgeist ausgegraben, einen Alp, der uns zu erdrücken trachtet.«

»Ich weiß ganz gut, was Stacy meint,« sagte Barker in großer Erregung und riß seine grauen Augen weit auf; »dasselbe Gefühl habe ich auch gehabt. – Könnten wir nicht draußen vor der Hütte ein Loch graben und das Gold die Nacht über dort einscharren? Es wäre dann sozusagen wieder an seinem alten Platze; vielleicht behagt ihm das.«

Die beiden andern lachten. »Für schreienden Undank gegen die Vorsehung würde ich's halten, wollten wir die Himmelsgabe so bald wieder zurückgeben,« meinte Stacy. »Auch könnte ja der erste beste Goldgräber, der des Weges käme, den Schatz finden und behalten. Du weißt, das ist Bergmannsrecht, wenn man das Land nicht durch Vorkauf erworben hat.«

Der Gedanke an eine solche Möglichkeit brachte Barker einigermaßen aus der Fassung; er wußte nichts zu erwidern. Demorest war aufgestanden. »Nach meinem Gefühl,« sagte er, »thut ihr jetzt beide am besten, euch schlafen zu legen, denn morgen müssen wir früh munter sein.« Er breitete die Decke wieder über die kostbare Pfanne im Winkel und fügte lachend hinzu: »Damit die Goldklumpen bei Nacht nicht lebendig werden und euch Alpdrücken machen.« Nun schloß er die Thür, die nur lose in den Angeln hing und weder Schloß noch Riegel hatte. Stacy bemerkte, daß er einen flüchtigen Seitenblick darauf warf und seufzte. »Dies Gefühl der Sicherheit werden wir in San Francisco vermissen – vielleicht sogar schon in Boomville,« murmelte er.

Obgleich es kaum zehn Uhr war, begannen Stacy und Barker jetzt unter häufigem Gähnen sich auszukleiden. Ihr Gespräch sprang dabei fortwährend von einem Gegenstand zum andern über. Barker hatte schon einen Strumpf ausgezogen und sich das Beinkleid über den Arm gehängt, als er noch mitten in einer lustigen Geschichte war; gleich darauf lagen sie alle beide bequem ausgestreckt in ihren Schlafkojen.

»Na, Demorest, gehst du denn nicht auch zur Ruhe?« klang Stacys Stimme unter der Bettdecke hervor.

»Noch nicht,« gab der Angeredete von seinem Platz am Feuer zurück. »Wißt ihr, 's ist unsere letzte Nacht in der alten Hütte, und die möchte ich nicht verschlafen.«

»Richtig,« rief Barker voll Eifer und versuchte sich der Decken zu entledigen. »Hört einmal, Jungens: wir sollten eine ordentliche Nachtwache halten und alle drei wenigstens bis Mitternacht munter bleiben. Wartet nur – gleich stehe ich wieder auf!«

Allein Demorest hatte schon mit einer Hand den nackten Fuß seines jugendlichen Genossen ergriffen, noch ehe dieser damit den Boden berühren konnte. Er steckte ihn sorgfältig wieder unter die wollene Decke, die er dicht um ihn hüllte und sagte mit fester Stimme und wahrhaft väterlicher Miene:

»Das laß nur gefälligst bleiben. Sprich dein Gebet, mein Sohn, und leg' dich schlafen. Morgen früh sollst du so frisch sein wie eine Lerche, beim Wiedersehen mit Fräulein Kitty. Nach dem Schmaus kannst du Wache halten, so lange und so viel du willst. Ich habe dir schon Gute Nacht gesagt, und damit Punktum!«

Barkers schwacher Widerspruch war nur von kurzer Dauer; er schmiegte sich fest in die Kissen, und dann folgte eine plötzliche Stille. Bald darauf tönte von Stacys Lager her ein vernehmliches Schnarchen; dann herrschte lautloses Schweigen.

Nachdem Demorest das Feuer geschürt und einen riesigen Wurzelstock in die Flamme geschoben hatte, nahm er seinen Platz wieder ein, lehnte sich in den Stuhl zurück, senkte die Augenlider und begann zu träumen.

Es war der alte Traum, den er nun schon seit drei Jahren alltäglich träumte. Oft hatte er ihn sogar beim Nachmittagsschlaf befallen, wenn er im Schatten eines Kastanienbaums auf seiner Parzelle von der Arbeit ruhte; und saß er nachts am Feuer, während seine Kameraden schliefen, so blieb er niemals aus. Ein Traum aus vergangener Zeit war es; aber so lebendig, daß er nicht selten Gegenwart und Wirklichkeit in einen traumhaften Zustand verwandelte, aus dem der Schläfer bald zu erwachen hoffte.

Kein Wunder, daß dies Traumbild ihn auch an jenem Abend heimsuchte, wie schon so oft zuvor. Allmählich tauchte aus der Dunkelheit die Erscheinung eines blonden jungen Mädchens auf, das ihm gegenüber auf einem der leeren Stühle saß. Es war stets dasselbe hübsche Kindergesicht mit dem halb ängstlichen, halb erstaunten Ausdruck; dieselbe schlanke, anmutige Gestalt, aber immer in glänzenden Diamantenschmuck und Perlen gekleidet – im grellsten Gegensatz zu seinem eigenen groben Anzug und der armseligen Umgebung. Schweigend, mit halb geöffneten Lippen saß sie da, bis der flüsternde Nachtwind irgend eine Saite der Erinnerung berührte, und eine wohlbekannte Stimme sich der seinigen zugesellte. Denn zu solchen Zeiten war ihm, als spräche er, obgleich seine Lippen geschlossen blieben und die Worte für keines Menschen Ohr vernehmbar waren, außer für das ihrige.

»Ja, so ist's,« sagte er traurig.

»So ist es,« wiederholte die Stimme in leisem Flüsterton.

»Du weißt nun alles,« fuhr er fort. »Du weißt, daß mir endlich beschieden ist, um was ich gearbeitet und gebetet habe. Alles was wir zu unserm Glück brauchten, womit ich dich hätte erringen können, ist mir schließlich zu teil geworden; aber ach, zu spät!«

»Zu spät!« tönte es auch aus ihrem Munde.

»Erinnerst du dich noch des Tages, an dem wir zum letztenmal beisammen waren?« hob er wieder an. »Deine Eltern und Angehörigen bestanden darauf, du solltest mich aufgeben, um meiner Armut willen. Sie hatten dir Vorwürfe gemacht und dir einzureden gesucht, daß mich nur dein Reichtum anlockte. Da beschloß ich in die weite Welt zu gehen und erst zurückzukehren, wenn dieser Argwohn mich nicht mehr treffen könnte. Weißt du es noch, Geliebte? Du klammertest dich an mich und flehtest, ich möchte bei dir bleiben, oder dich mitnehmen. Nur mit ihnen allein lassen sollte ich dich nicht; lieber wolltest du mit mir fliehen. Damals trugst du dasselbe Kleid wie heute, mein Herzblatt; derselbe Ausdruck banger Furcht stand in deinen Kinderaugen zu lesen, und ich sehe noch, wie deine Diamanten funkelten, als du dich zitternd an mich schmiegtest und ich dir die Bitte abschlug. Ich war zu stolz, um dein Verlangen zu gewähren, oder vielmehr zu schwach und zu feige. Ich ging fort und verzehrte mich hier vor Sehnsucht zwischen Bergen und Felsgestein; aber meine Körperkraft wuchs; und du, mein Lieb, wohl geborgen im Schutz und Schirm der Deinigen, du –« Er hielt inne und begrub sein Gesicht in den Händen. Der Nachtwind fegte durch den Kamin, daß die Asche im Herde aufwirbelte. »Ich bin gestorben,« flüsterte die leise Stimme.

»Dann ward mir alles auf Erden gleichgültig,« fuhr er fort. »Manchmal nur erwärmte sich mein Herz für meinen jungen Kameraden, wenn ich seine unschuldige, treue Liebe zu dem Mädchen sah, an das doch seine Hoffnungen nicht heranreichen durften, trotz ihrem niedrigen Stande. In ihm bemitleidete ich mich selber. Um Heimat, Freunde und Glück kümmerte ich mich nicht mehr – mein altes Leben war vergessen. Jetzt aber kehrt mir das alles wieder zurück – nur damit ich erfahre, wie hohl und leer die Erdengüter sind, für die ich dich dahingegeben habe, und mich erfüllt Schmerz und Bitterkeit. Meine Verbannung geht zu Ende, aber in dieser letzten Nacht sehe ich beim Blick in die Zukunft nichts als Neid, Mißtrauen und gemeine Selbstsucht, die rings ihr Haupt erheben. Zu spät! Zu spät!«

Jetzt schwand der ängstlich fragende Blick aus den Augen, die noch immer auf ihn gerichtet waren; klar und hell schauten sie ihn an, als wollten sie Gutes verkündigen. War es das Stöhnen des Windes im Kamin, oder vernahm er wirklich die geflüsterten Worte: »Für mich ist es zu spät, Geliebter, aber nicht für dich. Ich bin zwar tot, aber noch lebt die Liebe. Sei glücklich, Philipp. In deinem Glück kann auch ich wieder zum Leben erwachen.«

Er fuhr empor. Beim flackernden Feuerschein sah er, daß der Stuhl leer war. Er hörte das Rauschen eines Gewandes – oder hatte ein Windstoß die Asche knisternd bewegt? Kühle Luft quoll ihm entgegen, und es roch nach frisch aufgegrabener Erde. Ein Schauer lief ihm durch Mark und Bein; dann saß er hoch aufgerichtet da. Nein, das war kein Traum, keine abergläubische Wahnvorstellung. Er fühlte wirklich einen schwachen, feuchten Luftzug, der an seinen Füßen vorbei auf dem Boden nach dem Kamine zu strömte. Schon wollte er sich erheben, als er plötzlich lauschend innehielt und regungslos auf seinem Platz verharrte.

Ein seltsamer Ton, den er schon vernommen hatte, als er noch ganz von dem Traumgesicht befangen war, kam ihm jetzt deutlich zum Bewußtsein. Es hörte sich an, als streife ein Schleppkleid über den Boden, oder als fege man mit einem weichen Besen die Sandwege rein. Sein Ohr war gewöhnt, jeden Laut in Berg und Wald zu unterscheiden, aber das klang weder wie das Nagen des Eichhorns oder der Ratte, noch wie das Kratzen der Wildkatze; auch rieb sich kein Bär das zottige Fell. Es rührte auch nicht von einem Menschen her; die langen, tiefen Atemzüge seiner schlafenden Kameraden unterschieden sich deutlich von jenem einförmigen Laut. Nicht einmal, ob er aus dem Innern der Hütte oder von draußen kam, vermochte er zu sagen. Plötzlich fiel sein Blick auf den Haufen im Winkel. Wahrhaftig, das Tuch, welches über den Goldschatz gedeckt war, bewegte sich hin und her!

Demorest schnellte von seinem Sitz empor – geräuschlos, vorsichtig, drohend und entschlossen. Der Träumer, der Verlassene, der stolze Verächter des Reichtums war auf einmal wie umgewandelt, bei diesem mitternächtigen Angriff auf seinen kostbaren Besitz. Jetzt bewegte sich das Tuch nicht mehr, aber der leise, raschelnde Ton ließ sich wieder vernehmen. Schnell zog er ein langes, blitzendes Jagdmesser aus dem Stiefelschaft und stand mit drei unhörbaren Schritten neben dem Haufen. Da sah er nichts anderes, als was er zu sehen erwartet hatte – eine schmale, wagerechte Oeffnung zwischen dem Gebälk der Hütte und dem Lehmboden, die von draußen durch das langsame Wühlen unsichtbarer Hände immer breiter und tiefer wurde. Die kalte Luft, welche durch den Spalt in den geheizten Hüttenraum strömte, machte sich jetzt deutlich fühlbar. Das Rascheln begann von neuem; jetzt hörte es auf und vier Finger einer Hand, deren Fläche nach unten gekehrt war, schoben sich vorsichtig zwischen dem freigelegten Fußboden und dem untersten Balken hindurch. Wie ein Blitzstrahl fuhr Demorests Jagdmesser auf die verräterische Hand nieder. Man vernahm keinen Schrei. Trotz der Spannung des Augenblicks konnte sich Demorest nicht des Gefühls der Bewunderung erwehren für die Selbstbeherrschung des unsichtbaren Verbrechers. Die verstümmelte Hand wurde rasch zurückgezogen; aber ebenso schnell war auch Demorest schon nach der Thür gestürzt und in die Dunkelheit hinausgeeilt.

Einen Augenblick fühlte er sich von dem plötzlichen Wechsel wie verwirrt und betäubt. Dann sah er eine fliehende Gestalt über Hals und Kopf davonlaufen und warf sich auf sie. Von dem Anprall fielen beide Männer zu Boden, und schon bei der ersten Berührung erkannte Demorest an dem Branntweingeruch und dem wirren Bart, daß es Whisky Dick war. Er fühlte aber auch, daß die Hände, die der furchtsame, hilflose Mensch ihm wie abwehrend entgegenstreckte, weder von Erde noch Blut besudelt waren. Mit einem Fluch schleuderte er den Trunkenbold von sich und stürzte nach der Hinterseite der Hütte. Er kam jedoch zu spät. Wohl sah er die umhergestreute Erde und das tiefe Loch, welches nur von jener Hand gegraben sein konnte – aber sonst war nichts zu erblicken.

Er kehrte zu Whisky Dick zurück. In den Augen des elenden Wichts lag zwar noch ein Ausdruck starren Entsetzens, aber er hatte sich gewaltsam emporgerafft, stand auf den Füßen und spielte den Beleidigten. Wie sich Demorest unterstehen dürfe, fragte er zornig, einen ganz unbeteiligten Ehrenmann, der ruhig des Weges käme, draußen vor seiner Hütte mir nichts dir nichts zu überfallen! Jawohl, außerhalb der Hütte, das wolle er beschwören.

»Was hattest du hier um Mitternacht noch zu suchen!« fragte Demorest.

Um Mitternacht? Wer wollte ihm das verbieten? Mußte er etwa mit den Hühnern ins Bett kriechen – wie eine Schlafmütze, um zehn Uhr? Er sei in Gesellschaft von Männern gewesen, die ihre Thüren nicht verschlössen und die Jungens zum Haus hinaus würfen, wenn der Abend eben anfange gemütlich zu werden. Ob Demorest denn glaube, er werde sich von ihm gängeln und tätscheln lassen, wie Barker?

»Es ist noch jemand anders hier gewesen,« sagte Demorest streng, ohne den Blick von Whisky Dick abzuwenden. Da verloren die Augen des Trunkenbolds plötzlich ihren gläsernen Ausdruck, der ihm die wirkliche Welt verschleierte, und Demorest las darin ein so unverfälschtes Grauen, daß er es nicht ertrug und rasch zur Seite sah. Aber schon hatte der wohlthätige Schleier Dicks Sinne aufs neue umnebelt. – Niemand sei dagewesen, keine ›Menschen-scheele‹, behauptete er im Ton beleidigter Unschuld. Ob Demorest etwa meinte, seine Freunde würden wie Schafe dabeigestanden haben, um zuzusehen, wie man ihn ›misch–han–delte‹.

Demorest wandte ihm den Rücken und schritt wieder der Hütte zu, während Dick, noch immer vor sich hin murrend, den Pfad bergunter taumelte. Nun Demorests Aufregung verflogen war, empfand er nur noch Ekel und Widerwillen über den ganzen Vorfall, statt des Grolls und der Entrüstung. Er hatte den feigen Versuch, ihnen das erbärmliche Gold zu rauben, entdeckt und auf fast ebenso brutale Weise vereitelt; an dem Schatze klebte bereits Blut.

Erleichtert atmete er auf, als er zu seiner Ueberraschung fand, daß die Kameraden von dem Ueberfall nichts bemerkt hatten und von der großen geistigen Erregung und körperlichen Anstrengung der letzten Zeit übermannt, noch in tiefem Schlafe lagen. Sollte er sie wecken? Behüte! Er hätte ja auch zugleich ihren Argwohn und ihre Rachsucht wachrufen müssen. Ein nochmaliger Raubanfall stand nicht zu befürchten; der Schuldige würde sich schwerlich selbst verraten, und schon am nächsten Morgen waren sie weit weg von hier. Nein, die Ehre der Ansiedlung sollte rein bleiben, und das Dunkel der Vergessenheit das Verbrechen zudecken – so war es am besten.

Er rollte ein kleines Faß vor die Oeffnung, glättete den aufgewühlten Lehmboden und stellte die Pfanne mit dem Goldschatz wieder zurecht. In der Unruhe ihrer Abreise am frühen Morgen würden die Kameraden gewiß nichts Auffälliges bemerken, darauf konnte er sich verlassen. Als er an Stacys Lagerstatt vorbeikam, warf er einen Blick auf den Schläfer; dieser lag auf dem Rücken, atmete schwer und fuhr sich mit den Händen nach der Brust, als ob seine seltsame Vorstellung von dem Alpdrücken des Goldes zur Wahrheit geworden sei. Eben wollte ihn Demorest wecken, da seufzte Stacy wie erleichtert auf und drehte sich nach der Seite. Der schlafende Barker bot einen freundlicheren Anblick; seine feuchten Locken schmiegten sich dicht an die jugendliche Stirn, und unter dem seidenweichen braunen Bärtchen spielte ein Lächeln um die geöffneten Lippen. Er schien im Begriff zu sprechen, und Demorest, dem es schon früher oft Spaß gemacht hatte, sich mit ihm zu unterhalten, wenn er schlief, beugte sich in brüderlicher Liebe zu ihm nieder. Er erwartete, aus des Jünglings Munde den Namen des geliebten Mädchens zu hören; aber Barker murmelte nur: »Drei – hundert – tausend Dollars.« – Mit ernster Miene wandte sich der ältere Freund ab. Auch hier hatte der Einfluß des Goldes die Oberhand.

Nachdem Demorest noch einen Stuhl vor die unverschlossene Thür gestellt hatte, so daß keiner sie von außen öffnen konnte, ohne Lärm zu machen, warf er sich völlig angekleidet auf sein Lager, das Gesicht dem einzigen Fenster der Hütte zugewendet, welches nach Osten sah. Nicht etwa als hätte er gefürchtet, man würde noch einen Versuch anstellen, das Gold heimlich, oder mit Waffengewalt zu rauben! Zwar war er überzeugt, daß sich mehrere Personen bei dem Ueberfall beteiligt hatten, denn ein einzelner wäre außer stande gewesen, die schwere Beute fortzuschaffen. Allein daran dachte er jetzt nicht; er wollte nur die Morgendämmerung abwarten. Es dauerte eine geraume Zeit bis er den schwachen, schillernden Farbenglanz am Himmel gewahrte, der durch das Verschwinden der blassen Schneelinie den neuen Tag ankündigte. Ein Vogel zwitscherte auf dem Dach. Die Luft war kühl. Demorest wickelte sich in seine Decke und schloß die Augen – nur auf einen Moment, wie er glaubte. Als er sie jedoch wieder aufthat, sah er, daß helles Tageslicht durch die weit geöffnete Thür hereinströmte. Im Nu stand er auf den Füßen – aber es mußte wohl Stacy gewesen sein, der hinausgegangen war und jetzt eben mit einem Krug Quellwasser zurückkam, um den Kessel zu füllen. Stacy war fertig angezogen und sah so ernst aus, daß Demorest, seines unruhigen Schlummers eingedenk, ihn lachend fragte, ob das Gold ihn im Traume verfolgt habe. Statt der Antwort stellte Stacy zu seiner Verwunderung den Krug hin, warf einen raschen Blick auf den noch schlafenden Barker und sagte mit leiser Stimme:

»Du mußt mir einen Gefallen thun, ohne mich nach dem Grunde zu fragen. Später erkläre ich dir alles.«

Demorest sah ihn starr an. »Was soll ich thun?« fragte er.

»Die Packpferde werden in ein paar Minuten hier sein. Halte dich nicht damit auf, noch etwas in Ordnung zu bringen oder mitzunehmen, sondern sorge, daß das Gold in die Satteltaschen geschafft wird. Nimm Barker mit, und mache dich sofort nach Boomville auf den Weg. Ich werde euch später einholen.«

»Ist nicht noch Zeit des Näheren darüber zu reden?« fragte Demorest.

»Nein,« gab Stacy kurz zurück. »Denke, ich sei verrückt geworden, oder halte mich für einen Hasenfuß, wenn du willst, nur mach', daß du mit dem Golde fortkommst, und nimm Barker mit. Ich bin unzurechnungsfähig und nicht Herr meiner selbst, solange das Zeug noch in der Hütte ist.« Er preßte die Lippen fest zusammen und seine schwarzen Augen funkelten.

Demorest kannte Stacys kampflustigen und praktischen Charakter. Er hatte sich selbst von dem festen Schlaf seines Kameraden in der Nacht überzeugt und mußte es für ausgeschlossen halten, daß er um den Raubversuch wisse. Auch die aufgewühlte Erde an der Hinterseite der Hütte hatte Stacy schwerlich bemerkt, sonst würde er schon aus Neugier nach einer Erklärung geforscht haben. Nur einen Augenblick überlegte Demorest, dann sagte er:

»Nun gut, ich thue dir den Willen.«

»So werde ich Barker wecken – aber sag' ihm nichts weiter, als daß er gleich fort soll.«

Stacys Weckmethode bestand darin, daß er Barker ohne alle Umstände in die Höhe hob, und ihn aufrecht an die offene Thür stellte. Der junge Mann war an diese spartanische Behandlung bereits gewöhnt, er wankte nur noch ein paar Sekunden mit geschlossenen Augen hin und her, gleich einer unausgewickelten Mumie; dann setzte er sich auf den Boden und zog seine Strümpfe an. Zuerst wollte er gar nichts davon hören, daß sie nicht alle drei zusammen fortgehen sollten, er fand es viel zu unkameradschaftlich, aber endlich willigte er doch ein und kam allmählich in die Kleider. Auch Barker hatte allerlei Traumgesichte bei Nacht gehabt; eins davon war, daß sie an der Stelle, wo jetzt die alte Hütte stand, eine schöne Villa bauen wollten und sich feierlich geloben, dort alljährlich eine Woche mit einander zu verleben. »Bequemer wär's freilich, wenn die Villa in Boomville wäre, wo man leichter hinkommen kann,« sagte er und rutschte dabei auf dem Boden entlang, um eins seiner verstreuten Kleidungsstücke zu erreichen, worauf die andern ihm von den Gefährten zugeworfen wurden, so daß er nur die Hand auszustrecken brauchte. »Aber schließlich ist's doch besser, wir bauen sie hier oben, wo sie einen Aussichtspunkt bildet, den man überall vom Black-Spur-Gebirge sehen kann. Wenn wir sie dann nicht benutzen, könnte sie als Zufluchtshütte für verarmte Bergleute und Goldwäscher oder müde Reisende dienen, ähnlich wie ein Alpenhospiz; jemand müßte sie natürlich für uns verwalten. Auch daran habe ich schon gedacht; Van Loo ist wie geschaffen für dies Amt, weil er zwei Sprachen spricht und ein so feines Benehmen hat. Käme nun so ein armer Deutscher oder Franzose des Weges, der in Not geraten ist, da brauchte Van Loo nur seine Muttersprache aus dem Sack zu holen. Seht, Jungens, alle diese Kleinigkeiten wollen wohl überlegt sein. Wir könnten das Haus ›Kameraden-Ruhe‹ nennen, oder ›die Villa der drei Teilhaber‹.«

»Fang' nur erst damit an, uns in Ruhe zu lassen!« sagte Stacy. »Schwatz' nicht so viel, und trinke deinen Kaffee.«

»Ich will den Plan zeichnen,« fuhr Barker begeistert fort, ohne die Unterbrechung zu beachten; »ich habe schon alles im Kopf. Nur muß ich mir den Platz vorher noch einmal ansehen; er liegt gerade hinter der Hütte.« Mit einem Stiefel und einem Strumpf angethan wollte er zur Thür hinaus, aber Stacy hielt ihn am herabhängenden Gürtel fest, drückte ihn auf einen Stuhl und gab ihm den zinnernen Becher voll Kaffee in die Hand.

»Behalte den Plan nur einstweilen im Kopf, alter Junge,« sagte Demorest, »denn hier kommen die Packpferde mit den Treibern.« Das genügte vollkommen, um die Aufmerksamkeit des lebhaften jungen Mannes von dem Gegenstand abzulenken; rasch beendete er seinen Anzug und half dann, den Goldschatz in die ungeheuren Satteltaschen des Maultiers zu verpacken, was ihnen nur mit vereinten Kräften gelang. Schon färbten die ersten Strahlen der Sonne den Berggipfel. Stacy lehnte an der Thür, schützte sich mit der Hand die geblendeten Augen und reichte Demorest seine beiden Flinten. Dieser zögerte einen Moment. »Willst du nicht lieber eine behalten?« fragte er und sah seinem Teilhaber zum erstenmal mit einem gewissen Anflug von Neugier ins Gesicht. Das Sonnenlicht war wohl schuld, daß Stacy so komisch blinzeln mußte. »O nein,« versetzte er, »und hier, nimm auch meinen Revolver mit. Es ist mir schon etwas wohler zu Mute,« fuhr er mit einem Blick auf die gefüllten Satteltaschen fort; »aber ein Schießgewehr darf man mir noch nicht anvertrauen. Sobald das zweite Maultier bepackt ist, komme ich euch nachgeritten.«

Etwas beruhigter, obgleich noch immer voller Zweifel und Verwunderung, schulterte Demorest die Flinte und folgte mit Barker, der die andere trug, dem Treiber nach, welcher hinter seinem Packpferd den Pfad bergab ging. Eigentlich schämte er sich, an einem so ungewöhnlichen Aufzug beteiligt zu sein; zwei bewaffnete Männer, die bei hellem Tageslicht ein beladenes Maultier geleiten, das sah recht lächerlich aus. Zum Glück gingen die Bergleute zu dieser frühen Morgenstunde noch nicht an ihr Tagewerk; die Tunnelarbeiter saßen gerade beim Frühstück und niemand kam ihnen auf dem Bergpfad entgegen. An der Stelle jedoch, wo der Pfad die Hauptstraße kreuzte, sah Demorest plötzlich, wie Steptoe und Whisky Dick, offenbar in eifrigem Gespräch aus dem Gebüsch auftauchten. Sein alter Argwohn und Widerwille gegen die beiden Menschen kehrte zurück; er wollte sich zwar vor Barker nichts davon merken lassen, doch durfte sein junger Freund auch nicht ganz unvorbereitet bleiben, falls ihnen Gefahr drohte. So rief er denn Barker zu, er solle ihm folgen und eilte rasch an dem beladenen Maultier vorüber. Als er sich nach dem Gefährten umblickte, sah er, zu seiner nicht geringen Befriedigung, daß dieser die Flinte in Bereitschaft hielt, als sei er darauf gefaßt, sich verteidigen zu müssen. Im nächsten Augenblick wurden Steptoe und Whisky Dick ihrer ansichtig und zeigten sich augenscheinlich überrascht; es lag daher wohl kein Grund vor, Feindseligkeiten von ihnen zu erwarten. Steptoe flüsterte Whisky Dick ein paar Worte zu, worauf beide plötzlich eine Strecke vor ihnen auf dem Pfade stehen blieben und mit possenhafter Gebärde die Hände in die Höhe streckten, was für ein Zeichen völliger Hilflosigkeit gilt.

»Zum Henker,« rief Steptoe und brach in rohes Gelächter aus, »wir dachten wahrhaftig, ihr wärt Straßenräuber. Aber jetzt sehe ich, daß ihr nur euern Goldschatz bewacht. Eine sehr vornehme Manier, die bis jetzt, so viel ich weiß, auf dem Kieferberg noch nicht Brauch war. Die Dinge müssen schon recht schlimm stehen, dort oben, wenn ihr so mit der Flinte einhergegangen kommt.«

Demorest sah nur die vier Hände an, welche offenbar so deutlich zur Schau gestellt wurden, um ihm die Hinfälligkeit seines Argwohns zu beweisen. Daß sie nicht die geringste Spur einer Wunde oder Verstümmelung zeigten, machte ihm einen viel größeren Eindruck, als die beleidigenden Worte.

»Mich freut's, daß ihr keine Waffen bei euch habt und doch nicht außer stande seid, sie zu handhaben,« sagte er in gelassenem Ton, während er an ihnen vorbeischritt und wieder hinter dem Maultier zurückblieb. Barker hatte den ganzen Vorfall sehr komisch gefunden; er wollte sich ausschütten vor Lachen über Whisky Dick. »Daß Steptoe sich einen solchen Spaß ausdenken könnte, hätte ich ihm gar nicht zugetraut,« sagte er. »Es muß ja auch ganz gefährlich ausgesehen haben, wie wir beide mit den Flinten vor dem Maultier herliefen. Aber als du mir zuriefst, glaubte ich wirklich, es sei etwas los und wir sollten uns unserer Haut wehren. Whisky Dick hat übrigens seine Rolle vortrefflich gespielt. Während er die Hände in die Höhe hielt, schlotterten ihm die Kniee, als packte ihn eine wahre Todesangst.«

Demorest hatte die gleiche Beobachtung gemacht, doch äußerte er nichts darüber. Die Frage, ob der erbärmliche Trunkenbold sich gezwungen, oder aus freien Stücken zum Mitschuldigen des nächtlichen Raubanfalls gemacht habe, wurde ihm noch widerwärtiger, nun er im Begriff stand, den Schauplatz der That auf immer zu verlassen. Sein Traum der letzten Nacht war ihm dadurch entheiligt worden, und seine Freude über die glückverheißende Wendung, die er zum Schluß noch genommen, hatte sich in Bitterkeit verwandelt. Barker, der neben ihm ging, sah, wie ein Schatten von Schwermut sich auf das schöne Antlitz seines Gefährten lagerte. Das geschah häufig, und doch hatten die Kameraden nie versucht die Ursache dieser immer wiederkehrenden düstern Stimmung zu ergründen. Aber sie erregte Barkers innigstes Mitgefühl und dämpfte auch jetzt seinen jugendlichen Frohsinn. So empfanden es denn beide wie eine Erleichterung, als in ihrem Rücken Hufschlag ertönte; sie hatten den Thalgrund erreicht, und Stacy kam ihnen nachgeritten. »Ich bin dem zweiten Maultier, das unsere übrigen Habseligkeiten trägt, vorausgeeilt,« sagte er. »An denen wird sich schwerlich jemand vergreifen, und ich hielt es für besser, rasch zu euch zu stoßen.«

»Du hast also die Sache ins reine gebracht?« fragte Demorest, ihm fest ins Auge schauend.

»Versteht sich. Sieh nur hin!«

Er wandte sich im Sattel um und deutete nach dem Gipfel des Berges, von dem sie eben herabgestiegen kamen. Höher als die Kiefern, die den unteren Abhang bestanden, höher als die Felsschichten und kahlen Klippen, stieg eine dichte schwarze Rauchsäule kerzengerade in die windstille Luft empor.

»Das ist unsere alte Hütte, die vom Feuer verzehrt wird,« sagte Stacy mit wohlgefälligem Lächeln. »Bis wir nach Boomville kommen, wird schwerlich noch viel davon übrig sein.«

Demorest und Barker starrten ihn in maßloser Verwunderung an. »Hast du sie angesteckt?« fragte Barker, der vor Erregung zitterte.

»Ja,« erklärte Stacy. »Der Gedanke, daß das alte Nest dem Steppenwolf und der Wildkatze als Zuflucht dienen sollte, war mir unerträglich. Da habe ich sie beim Abschied in Rauch aufgehen lassen.«

»Aber –« wandte Barker ein.

»Es ist kein Aber dabei,« meinte Stacy gelassen. »He, wie war's denn mit deinem neuen Plan – mit der Kameraden-Ruhe, die du zu bauen denkst? Wolltest du denn beides haben – auch noch die Hütte daneben?«

»Und du hast das gethan, damit nicht Fremde in unsrer lieben alten Bude hausen sollen?« rief Barker mit leuchtenden Augen. »Wahrhaftig, Stacy, solche romantische Idee hätte ich dir nicht zugetraut.«

»In mir steckt noch manches, was du nicht weißt, alter Junge; vielleicht mehr als ich selber so recht verstehe.«

»Nur hätten wir alle beisammen sein müssen,« fuhr Barker voll Eifer fort. »Es hätte mit einer gewissen Feierlichkeit geschehen sollen, weißt du, wie eine Spende, die den Göttern dargebracht wird, bei der man so eine Art Trankopfer auf den Boden gießt.«

»Etwas Petroleum habe ich wenigstens darüber gesprengt, damit die Geschichte rascher von statten gehen sollte. Wenn du das Feuerwerk sehen willst, Barker, brauchst du übrigens nur bis zur letzten Ecke des Rotwalds auf der Straße zurückzulaufen. Dort ist die Stelle, wo man die beste Aussicht hat.«

Barker ließ sich das nicht zweimal sagen, und sobald er verschwunden war, sahen sich die beiden Männer verständnisvoll an. »Was hat denn das alles zu bedeuten?« fragte Demorest mit großem Ernst.

»Ich will dir's sagen, lieber Freund,« lautete Stacys Antwort: »Hätten wir nicht unverschämtes Glück gehabt – einen ebenso blinden Glückszufall wie bei dem Goldfund, so wären wir beide, samt unserm Barker dort drüben, vor etwa zwei Stunden in jener Rauchwolke gen Himmel gewirbelt. – Denke dir, Philipp,« fuhr er leise, aber mit Nachdruck fort, »als ich heute morgen draußen war, um Wasser zu holen, fiel mir ein sonderbarer Geruch auf. Ich ging um die Hütte herum und entdeckte an der Hinterseite ein unter dem Fußboden gegrabenes Loch; an dem Eckbalken aber war trockenes Reisig aufgehäuft, und eine Kanne voll Petroleum stand daneben. Das Reisig war sogar schon mit Petroleum begossen, es brauchte nur noch angezündet zu werden. Nur, daß ich eine Stunde früher herauskam als sie dachten, hat die Teufel fortgescheucht. Ihr Plan war, Feuer an die Hütte zu legen, das Petroleum in das Loch zu gießen, uns im Rauch zu ersticken und sich des Schatzes zu bemächtigen. Es war alles vorher genau abgekartet.«

»Keineswegs,« sagte Demorest ruhig.

»Was!« rief Stacy. »Ich habe ja die ganze Bescherung mit eigenen Augen gesehen und habe das Petroleum weggenommen und versteckt. Als ihr fort wart benutzte ich es, um die Hütte anzuzünden, weil ich glaubte, die Leute, welche ich in Verdacht habe, würden kommen, um ihr Werk zu betrachten.«

»Ihr erster Plan war ganz anders,« versicherte Demorest; »sie sind anfänglich nur auf Raub ausgegangen. Hör' mir zu.« Mit kurzen Worten erzählte er nun dem überraschten Stacy seine Erlebnisse in der vergangenen Nacht. »Nein, die Hütte in Brand zu stecken ist ihnen erst später eingefallen; – das war ein Racheakt,« setzte er finster hinzu.

»Wenn der Räuber eine Wunde an der Hand davongetragen hat, wie du sagst, so wird er sich daran ohne Schwierigkeit wiedererkennen lassen,« äußerte Stacy.

»Was ich verwundet habe, war nur eine Hand,« erwiderte Demorest; »der Plan ist jedoch einem Kopf entsprungen, von dem ich nichts zu sehen bekam.« Hierauf teilte er dem Freunde seinen Argwohn mit, dessen Grundlosigkeit jedoch durch die Begegnung mit Steptoe und Whisky Dick anscheinend erwiesen worden sei.

»Also deshalb haben sie sich nicht bei der Brandstätte eingefunden!« rief Stacy lebhaft.

»Hattest du denn auch Verdacht auf die beiden?« fragte Demorest.

Der andere zögerte einen Augenblick. »Ja,« versetzte er dann kurz.

Demorest schwieg eine Weile. »Warum hast du mir das nicht gleich heute früh mitgeteilt?« fragte er mit sanftem Vorwurf.

Stacy deutete nach Barker hin, den sie in der Ferne sahen. »Ich wollte nicht, daß er es erführe, und hielt es für besser, wenn ein Teilhaber vor zweien ein Geheimnis hat, als daß zwei es einem verschweigen. Weshalb hast du denn dein Erlebnis in der letzten Nacht vor mir verborgen?«

»Vermutlich aus demselben Grund,« antwortete Demorest mit schwachem Lächeln. »Weißt du aber, Jim, daß ich schon oft gedacht habe, wir sollten es uns zur Pflicht machen, ebenso offenherzig zu sein, wie Barker. Vor lauter Angst, durch unsere Kenntnis des Bösen seiner Unschuld zu schaden, schicken wir ihn mit seinen 300 000 Dollars ohne alle Vorbereitung in die Welt hinaus.«

»Wohl wahr, alter Freund; komm, gieb mir die Hand,« sagte Stacy, und beide Männer tauschten einen kräftigen Händedruck.

»Uebrigens ist er durchaus kein Dummkopf,« fuhr Demorest nach einer Pause fort. »Als wir Steptoe auf der Straße trafen, machte er sich gleich zum Widerstand bereit und war drauf und dran, den Hahn seiner Flinte zu spannen, ehe ich noch ein Wort sagen konnte. Und ich hatte weder das Herz ihn dafür zu loben, noch ihn auszulachen.«

Nicht lange so kam der Gegenstand ihrer Unterhaltung den Bergpfad hinunter und auf sie zugesprungen. Er hatte die Feuerbestattung mit angesehen. Es war schrecklich traurig, aber wunderschön, wirklich ein großartiger Anblick! Daß Stacy einen so poetischen Einfall haben könnte, hätte er nie gedacht. Aber er wollte ihnen noch etwas anderes erzählen; etwas ganz Prachtvolles!

»Was denn?« fragte Demorest.

»Ich will's euch sagen, aber ihr dürft mich nicht verspotten: Ihr kennt doch den Jack Hamlin? Stellt euch vor, Jungens, daß er die ganze Zeit auf seinem Mustang um uns herumgeritten ist, und uns und unser Packtier fortwährend im Auge behalten hat. Bald hält er sich links von unserm Weg, bald wieder rechts; aber immer in gleicher Entfernung. Ich hab's euch verschwiegen, Jungens, weil ich dachte, ihr würdet mich auslachen; mir kommt's nämlich so vor, als ob er sich besonders zu uns hingezogen fühlte, seit er gestern abend in der Hütte war. Nun schweift er in der Gegend herum, damit er sozusagen dafür sorgen kann, daß uns nichts zustößt. Ich wollte ihn euch schon immer zeigen, aber ich dachte, ihr würdet sagen, er hätte es auf unser Gold gemünzt.«

»Da wären wir sehr im Irrtum gewesen,« sagte Stacy mit einer Wärme, die Demorest überraschte. »Du hast mit deinem Instinkt gewiß das Richtige herausgefunden, alter Junge.«

»Jetzt ist er dort drüben,« fuhr Barker höchlich geschmeichelt fort; »gerade in einer Linie mit uns, auf dem Richtweg. Er ist nicht später aufgebrochen als wir und hätte auf seinem schnellen Pferde schon vor einer Stunde in Boomville sein können. Es ist die reinste Güte von ihm, daß er uns bewacht.«

Bei diesen Worten deutete er nach einem Kastanienwäldchen, an dessen fernem Rand Hamlin soeben sichtbar wurde. Obgleich sich sein wildes Prairiepferd nur mit starkem Arm zügeln ließ, saß er doch anscheinend in nachlässiger Haltung mit völligem Gleichmut im Sattel. Daß noch andere Leute in der Nähe wären, schien er nicht zu wissen, sich auch wenig darum zu kümmern. Er hatte den schönen Kopf etwas zurückgeworfen, als trällere er ein Liedchen nach seiner gewohnten Art; aber die Entfernung war zu groß, als daß die Melodie ihr Ohr erreichen, oder Barkers freundlicher Ruf zu ihm hinüberdringen konnte.

Plötzlich ließ er die bisher straff gehaltenen Zügel schießen; der Mustang that einen mächtigen Satz, einen Augenblick sah man noch das blanke Zaumzeug und die silbernen Sporen aufblitzen, dann war Jack Hamlin verschwunden. Da aber der Pfad, auf dem er ritt, eine Meile weiter unten ihren Weg kreuzte, war die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, daß sie ihm wieder begegnen könnten.

Sie waren jetzt bis zum Thal von Boomville hinabgestiegen und bogen in einen engen ›Arroyo‹ ein, den auf beiden Seiten düstere Weidenbäume umgaben, welche jede Aussicht verdeckten. Es war das Bett eines Bergstroms, der im Winter vom Fels gestürzt kam und quer über den Pfad lief, dem sie bisher gefolgt waren. Jetzt hatte ihn die durstige Ebene eingesogen, und zwischen den zwei bis fünf Fuß hohen Ufern war ein trockener Weg entstanden. Eben wollte der Maultiertreiber den engen Durchgang betreten, als er plötzlich einen raschen Blick hinter sich warf. »Madre de Dios,« rief er entsetzt und zerrte sein Tier mit der kostbaren Last so viel wie möglich zur Seite. Sein scharfes Ohr hatte zuerst, von dem Pfad in ihrem Rücken her, fernen Hufschlag vernommen, und als die Freunde sich umwandten, sahen sie drei Reiter, die in fliegender Eile den Berg hinab auf sie zugestürmt kamen. Nach ihrer schwärzlichen Hautfarbe zu urteilen, waren es offenbar gewöhnliche mexikanische Vaqueros; sie trugen unter den steifen Sombreros schwarzseidene Tücher um den Kopf gebunden, was den Gesichtern ein noch düstreres Aussehen gab. Da sie den rasenden Lauf ihrer Pferde entweder nicht einhalten konnten, oder nicht wollten, schien ein Zusammenstoß in der engen Schlucht unvermeidlich. Aber dicht vor dem Eingang veränderten sie urplötzlich die Richtung; wilde Flüche ausstoßend sprengten sie auf das linke Ufer des Arroyo und waren bald im Schatten der Weidenbäume verschwunden.

Froh, der Gefahr so glücklich entronnen zu sein, setzte die kleine Gesellschaft ihren Weg fort; als sie jedoch ihrer Entrüstung über den unverschämten Spaß der offenbar betrunkenen Vaqueros Luft machen wollten, wurden sie plötzlich durch einen Ausruf Barkers unterbrochen. Er hatte soeben einen Reiter bemerkt, der regungslos wie eine Bildsäule unweit von ihnen im Arroyo hielt, als hätte er beobachten wollen, welchen Ausgang die Sache nehmen werde. Sie selbst waren seiner zwar vorher nicht ansichtig geworden, aber gewiß hatten die Mexikaner ihn erspäht. Kaum verhallte der Hufschlag ihrer Pferde, so sprengte jener Reiter auch schon wieder mit Leichtigkeit den Uferrand hinan, von wo er herabgekommen sein mußte. Sie verloren ihn aus dem Gesicht; aber ein flüchtiger Blick hatte genügt um sie zu belehren, daß es Jack Hamlin war. Als sie die Stelle erreichten, wo er Halt gemacht hatte, sahen sie, daß dort der Pfad einmündete, auf dem sie ihn zuerst erblickt hatten. Er war wirklich während des ganzen Weges immer nur eine kleine Strecke von ihnen entfernt geblieben, wie Barker ganz richtig beobachtet hatte.

Aber jetzt näherten sie sich auch dem Ziel ihrer Wanderung. Als sie den Arroyo glücklich hinter sich hatten, erkannten sie die ersten Häuser von Boomville auf der großen Poststraße. Ja, die sechsspännige Postkutsche kam eben selber den steilen Hügel heraufgekeucht, der auf der letzten halben Meile erklommen werden muß. Unwillkürlich blieben die Freunde stehen, als das schwere Fuhrwerk ächzend und knarrend an ihnen vorbeischwankte. In ihrem gewöhnlichen Arbeitsanzug, sonnverbrannt, mit Staub bedeckt, die Flinten noch in der Hand, mochten sie wohl einen Anblick darbieten, der absonderlich genug war, um die Aufmerksamkeit der Insassen zu erregen. An den Fenstern des Postwagens zeigten sich verschiedene Gesichter – auch hübsche und kluge darunter – welche zu Barkers großem Unbehagen die kleine Gesellschaft mit neugierigen Blicken von Kopf bis zu Fuß musterten. Der kalifornische Pionier ist im allgemeinen sehr empfindlich gegen die unverhohlene Kritik der reisenden ›Grünschnäbel‹ vom Osten, wie er sie nennt. Kein Wunder, daß der junge Barker vor Zorn rot wurde, und daß selbst Demorest und Stacy, obgleich bärtige Männer, ihren Verdruß nicht ganz bemeistern konnten. Bei dieser unerwarteten Berührung mit der großen Welt, in die sie so bald eintreten sollten, schämten sie sich ihrer äußeren Erscheinung und waren zugleich ärgerlich, daß sie sich schämten. Nicht ohne geheime Befriedigung hörten sie jetzt Barker sagen: »Die würden erst einmal ihre Augen aufreißen, wenn sie wüßten, was dort in der Satteltasche steckt!« – und doch schalten sie ihn, wegen seiner Großthuerei. Als die Straße immer belebter wurde, beschleunigten sie ihre Schritte, um nur so schnell wie möglich zu reinen Kleidern und den Segnungen der Zivilisation zu gelangen.

Nur Demorest blieb allmählich hinter den beiden andern zurück. Die Begegnung mit der Postkutsche hatte ihm die begrabene Vergangenheit aufs neue heraufbeschworen. Er fühlte, daß sein altes Traumgesicht wieder lebendig wurde und sah sich von Zeit zu Zeit nach den dunkeln Linien des Black-Spur-Gebirges um, in dessen Schatten es ihm so oft erschienen war. Vielleicht blieb der Traum dort auf immer zurück und verflüchtigte sich langsam, wie die dünne Rauchsäule, die noch von ihrer brennenden Hütte aufstieg.

Seine Kameraden, die solche schweigsame Stimmungen an ihm schon kannten, waren einstweilen vorausgeeilt. Da hörte er hinter sich den Paßgang eines Pferdes, das mit weichem, tänzelndem Schritt auf der mit dickem Staub bedeckten Landstraße einherkam; gleich darauf berührte ihn Jack Hamlins Reithandschuh an der Schulter. Der Mustang, auf dem Jack saß, triefte förmlich von Schweiß und Schmutz, aber Jack selbst sah so frisch und fleckenlos aus wie immer. Er nahm eine schüchterne, verlegene Miene an, die ihm ganz köstlich zu Gesicht stand und schlug sich, während er sprach, mit dem Lasso auf die Knöpfe, die seiner Sammethose an der Seite als Zierat dienten. »Ich hätte gern noch ein Wort mit Ihnen geredet, ehe Sie die Gegend verlassen,« sagte er und blickte zu Boden; »aber solange Sie alle beisammen waren, getraute ich mir's nicht. Drum will ich die Gelegenheit benutzen, da ich Sie hier allein treffe.«

»Wir haben Sie diesen Morgen ein paarmal von weitem gesehen und haben bedauert, daß Sie nicht zu uns stießen,« sagte Demorest in freundlichem Ton.

»Das hätt' ich wohl thun können,« gab Jack lustig zur Antwort; »nur mochte sich mein Pferd nicht entschließen, ob es lieber ein Vogel oder ein Eichhorn sein wollte: wenn es nicht davonflog, kletterte es die Bäume hinauf. Für einen mexikanischen Klepper ist es gar kein schlechtes Pferd; aber sobald es merkt, daß irgend eine Teufelei im Werke ist, muß es allemal mit dabei sein, durch dick und dünn. Ich hatte mir vorgenommen. Sie und Ihre Ladung vollends nach Boomville zu geleiten, und hab's auch gethan. Wenn ich ein paar Burschen finde, die durch und durch weiß und rein sind, wie Sie alle drei, so zieht's mich unwiderstehlich zu ihnen hin, obgleich ich selbst etwas ans Bräunliche streife. Auch habe ich Ihnen noch 'was zu übergeben.«

Er zog aus den Falten seines roten Gürtels ein kleines, sauber in weißes Papier eingeschlagenes Päckchen heraus und fuhr fort, während er es in der Hand hielt: »Heute früh, ehe die Sonne aufging, kam ich zufällig nach dem Kieferberg. In der Dunkelheit stieß ich auf Ihre Hütte – und auf noch jemand. Zuerst dachte ich, es wäre einer von Ihnen, der dort auf den Knieen lag um sein Gebet zu sprechen; aber an der Art wie der Kerl ausriß als er mich kommen hörte, merkte ich, daß er nicht Betens und Fastens halber da war. Als ich sodann zur Hinterseite der Hütte kam, glaubte ich, irgend eine Ihnen befreundete Seele hätte Holz und Reisig gesammelt, damit Sie zum Frühstück Feuer anmachen könnten. Aber ich wollte mich dabei nicht beruhigen und warf mich auch auf die Kniee, wie es jener Mensch gethan hatte, und da sah ich – nun, ich sah vermutlich nichts anderes, Herr Demorest, als was Sie auch gesehen haben. Aber das genügte mir noch nicht. Der Kerl hatte in der Erde herumgewühlt, als suche er etwas. So suchte ich denn ebenfalls – und ich habe es gefunden. Hier ist es; ich will es Ihnen geben; denn wer weiß, ob Sie es nicht noch eines schönen Tages brauchen können. Bei den Leuten, mit denen Sie künftig leben werden, finden Sie schwerlich etwas Aehnliches. Es ist ›einzig in seiner Art‹, wie die Raritätensammler in Frisco sagen – vielleicht drängt es Sie noch über kurz oder lang, zu erforschen woher es stammt, und wohin es paßt. Bitte machen Sie das Papier nicht eher auf als bis ich Ihren Kameraden noch einmal glückliche Reise gewünscht habe. Leben Sie wohl!«

Er schüttelte Demorest die Hand, gab ihm das Päckchen und sprengte davon, um Stacy und Barker einzuholen. Von ersterem nahm der Spieler mit einem kräftigen Händedruck Abschied, klopfte dann dem beglückten Barker freundschaftlich auf den Rücken, und schon im nächsten Augenblick sah man seinen roten Gürtel und die blinkenden Silbersporen in der Ferne verschwinden.

Das seltsame Päckchen in der Hand schaute ihm Demorest halb belustigt, halb verwundert nach. Dann schickte er sich langsam an, seinen Kameraden zu folgen, öffnete das Papier im Gehen, und stand plötzlich still. In dem Päckchen lag der welke, blutlose Mittelfinger einer menschlichen Hand, der beim ersten Glied abgeschnitten war!

Zuerst hielt er ihn auf Armeslänge von sich und wollte ihn wegschleudern. Dann aber wickelte er ihn mit grimmiger Miene wieder in das Papier, das er sorgfältig in die Tasche steckte, und schritt schweigend hinter seinen Gefährten drein.

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