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Drei Teilhaber

Bret Harte: Drei Teilhaber - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorBret Harte
titleDrei Teilhaber
publisherVerlag von Robert Lutz
printrunFünfte Auflage
yearo.J.
translatorMargarete Jacobi
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20151008
projectid10667f27
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Achtes Kapitel

Im Lauf des Tages wuchs die Aufregung über die Finanzkrisis mehr und mehr. Der Pulsschlag der großen Welt war in das sonst so friedliche und abgelegene Hymettus gedrungen und machte sich auf allen Verandas und Korridoren fühlbar. Mit der Post, oder mit Extraboten kamen Briefe und Depeschen an, und auf dem Telegraphenamt der neuen Postanstalt am Kieferberg sammelte sich eine stets wachsende Schar von Gästen und Dienern. Zu der natürlichen Besorgnis aller Beteiligten gesellte sich ein durch mancherlei Gerüchte künstlich genährtes Fieber. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Kunde, daß ein großer Spekulant, ein Gast des Hotels, der zugleich Direktor der Telegraphengesellschaft war, den Drahtbetrieb zu seinem ausschließlichen Gebrauch aufgekauft habe und die Depeschen fälsche, da das Fallen der Kurse in seinem Interesse sei. Die Entrüstung der Menge war so groß, daß man schon hier und da nach Lynch-Justiz schrie. Reisende, die von Sacramento, San Francisco und Marysville kamen, brachten die unglaublichsten Berichte und Sensationsnachrichten mit. In den großen Städten erklärte sich eine Firma nach der andern für bankerott. Altansässige Häuser, die seit dem Frühling 49 bestanden und seitdem alle Gefahren glücklich überwunden hatten, wurden durch diese rätselhafte, unsichtbare und unfaßbare Panik zu Falle gebracht. Von hochgeachteten Handelsgesellschaften, die um ihrer altmodischen Vorurteile willen verspottet worden waren, erzählte man sich schamlose Börsenspekulationen. Einen allgemein verehrten Geistlichen und Würdenträger der Kirche fand man mit einer Kugel im Herzen tot vor seinem Schreibtisch, auf dem er noch zuletzt das Bekenntnis seiner Schuld niedergeschrieben. Fremde Bankiers schickten ihr Geld außer Landes. Man bereitete eine Eingabe an die Regierung vor, sie möge den Staatsschatz zur Verfügung stellen. Es hieß, alle Schiffe, die Gold- und Silberbarren führten, sollten mit Beschlag belegt werden; kurz, selbst die abgeschmacktesten, widersinnigsten Erfindungen wurden geglaubt und weiter verbreitet.

Und gleichzeitig mit dieser fieberhaften Leidenschaft hatte die Sommerhitze zugenommen. In den letzten zwei Wochen war der Thermometer bei fortwährendem Sonnenschein bis zu einer abnormen Höhe gestiegen; auf den Straßen der Grubenbezirke brannte der Metallstaub wie rotglühende Nadeln auf der Haut, und selbst bei Nacht vermochte der Bergwind die glühende, überhitzte Atmosphäre nicht zu kühlen. Unheilverkündende Rauchwolken sah man tagüber in den fernen Thälern aufsteigen und sich nachts in Feuersäulen verwandeln. Dann zeichneten sich auch die Umrisse der Berggipfel auf dem dunkeln Himmel wie mattrote Linien ab, gleich einem verlöschenden Feuerwerk. Sogar das große Hotel knisterte und knatterte von oben bis unten; all das bemalte und dünn fournierte Holzgetäfel schrumpfte zusammen und verbreitete beim Austrocknen einen abscheulichen Dunst. Das reiche Stuckwerk zerbarst und fiel von den Gesimsen herab; unter den türkischen Teppichen gähnten weite Spalten in den Dielen. Die großen Glasfenster ließen sich nicht mehr in die Höhe schieben, sie steckten unbeweglich fest in ihren Rahmen und vermehrten nur noch die Hitze; warmer Kieferduft zog durch den ganzen Speisesaal – alle Gerichte schmeckten danach. Und trotzdem hörte das Gerede von Aktien und Anteilscheinen nicht auf; die Leute spitzten bei jedem Löffel Suppe die Ohren, um die neuesten Nachrichten zu erhaschen.

Demorest war das alles zum Ekel in seiner jetzigen verbitterten Stimmung; er fand seine gezwungene Untätigkeit kaum erträglich und wartete begierig auf ein Telegramm von Stacy. Barker hatte er seit dem zweiten Frühstück nicht mehr zu sehen bekommen. Da entstand plötzlich eine lebhafte Bewegung auf der Veranda; ein Wagen, in dem eine schöne alte Dame mit grauem Haar saß, war am Hotel vorgefahren. In dem Stimmengewirr um ihn her vernahm Demorest den Namen der Frau Van Loo; dann hörte er hier und da flüstern, ihr Sohn sei am Canyon-Bahnhof festgehalten worden, aber man habe noch keinen Haftbefehl gegen ihn erlassen. Es herrschte die allgemeine Annahme, daß die Bank Van Loo nicht strafrechtlich zu verfolgen wage, ja man erzählte sich ganz offen, er habe nur als Sündenbock dienen müssen, um den Argwohn von höhergestellten Schuldigen abzulenken. Jedenfalls schien Frau Van Loos ruhiges, sicheres Auftreten diese Behauptungen zu bestätigen.

Während Demorest gerade darüber nachdachte, ob es nicht ein bloßes Hirngespinst von ihm sei, daß auch die Mutter, wie der Sohn, bestimmend in sein Leben eingreifen werde, kam ein Kellner im Auftrag der Frau Van Loo, die ihn gern ein paar Augenblicke auf ihrem Zimmer sprechen wollte. Am vergangenen Abend hätte er kaum seine Ungeduld zügeln können, um von ihr Aufklärung über die rätselhafte Photographie zu erhalten; aber inzwischen war ein starker Umschlag in seinen Gefühlen erfolgt, und er erwartete nichts Gutes. Doch war es immerhin möglich, daß der Direktor der Dame seinen früheren Wunsch, sie zu sehen, mitgeteilt hatte und sie ihn nur deshalb um einen Besuch bitten ließ.

Demorest fand Frau Van Loo in dem Wohnzimmer, wo er mit seinen Freunden zur Nacht gespeist hatte. Sie empfing ihn mit ausgesuchter Höflichkeit und einer gewissen Würde, von der er nicht recht wußte, ob sie natürlich oder angenommen sei. Jedenfalls war eine große Aehnlichkeit mit dem Wesen ihres Sohnes unverkennbar.

»Der Hoteldirektor hat mir gesagt,« begann sie mit etwas ausländischem Accent, »daß Sie jetzt meine Zimmer inne haben, wozu er Sie ermächtigt hat. Da Sie mich bei meiner Rückkehr zu sprechen wünschten, nahm ich an, Sie würden meine etwaigen Pläne lieber aus meinem eigenen Munde hören, als durch Vermittelung einer Dienstperson. Es war meine ursprüngliche Absicht, die Wohnung noch einige Wochen zu behalten, allein die gegenwärtige schreckliche Finanzkrisis, die meinen Sohn auf so schmähliche Weise an die Oeffentlichkeit bringt, nötigt mich nach San Francisco zurückzukehren, bis sein guter Ruf von allen falschen Beschuldigungen gereinigt sein wird. So möchte ich Sie denn bitten, mich noch einige Stunden im ungestörten Besitz dieser Zimmer zu lassen, damit ich meine Koffer packen und einige Andenken mitnehmen kann, von denen ich mich fast niemals trenne.«

»Ihre Wünsche, gnädige Frau, stimmen ganz mit den meinigen überein,« lautete Demorests ernste Erwiderung. »Es hat mir von vornherein widerstrebt, die Zimmer in Ihrer Abwesenheit, wenn auch nur vorübergehend zu benutzen. Da Sie aber von Ihren Andenken reden, will ich Ihnen gestehen, daß eins derselben meine Neugier in hohem Maße reizt und ich schon deshalb eine Unterredung mit Ihnen gesucht habe. Es handelt sich um eine Photographie, die auf dem Kaminsims in Ihrem Schlafzimmer steht und deren Original ich zu kennen glaube.«

Frau Van Loo bewegte ihren Fächer anmutig hin und her. »Natürlich das Bild einer Dame,« sagte sie, sich Kühlung zufächelnd.

Die Antwort verdroß Demorest höchlich. Ihn überkam plötzlich das Gefühl, wie sentimental sein Verlangen im Grunde doch sei, ja es widerstand ihm, diese fremde Frau, deren Sohn seinen Namen gefälscht hatte, zu seiner Vertrauten zu machen – das geliebte Mädchen auch nur vor ihr zu nennen.

»Das Bild ist in Venedig gemacht,« begann er zögernd.

Allein Frau Van Loo war weniger zurückhaltend. »Ah! das ist meine liebste Freundin – ein entzückendes Bild, nicht wahr? Und Sie sagen, Sie kennen sie? – O natürlich. Sie sind ja der Herr Demorest, welcher – jetzt fällt mir's ein – die alte Liebesgeschichte. Wahrhaftig, Sie sind ein wunderbarer Mensch. Es ist ja mindestens fünf Jahre her, und Sie haben's noch nicht vergessen! Das muß ich ihr doch gleich schreiben.«

Ihr schreiben! – Also war die Nachricht von ihrem Tode nichts als eine Lüge gewesen! Er fühlte seinen Glauben, seine Hoffnung schwinden, die Zukunft versank vor ihm; ja er war nahe daran, alle Selbstbeherrschung zu verlieren.

»Ich glaube, Sie haben meine Neugier schon befriedigt,« brachte er mühsam hervor. »Vor fünf Jahren hat man mir mitgeteilt, sie sei tot. Nur das Datum auf der Photographie, die zwei Jahre später gemacht ist, veranlaßte mich, Sie mit meinen Fragen zu belästigen. Es lag mir daran, die Wahrheit zu erfahren.«

»Daß sie noch vor zwei Jahren, als ich sie zuletzt sah, ganz lebendig war und dieser Welt angehörte, kann ich bezeugen,« erwiderte Frau Van Loo mit flüchtigem Lächeln. »Vermutlich haben ihre Verwandten diese List – die ich sehr albern finde – gebraucht, um das Verhältnis zu lösen, weil sie andere Pläne hatten. Aber – wie ist mir denn – hatte nicht schon vorher eine kleine Entzweiung stattgefunden? Man sprach doch von einem schlimmen Brief, den die junge Dame von Ihnen erhalten hatte, über den sie äußerst entrüstet war. Das heißt, nicht lange; sie vergaß die ganze Sache sehr bald. Wenn Sie ihr jetzt ein reizend liebenswürdiges Billet schreiben, würde vermutlich noch nichts verloren sein. Wir Frauen sind so leicht zu versöhnen, Herr Demorest. Freilich ist sie viel umworben, wie alle jungen Amerikanerinnen, deren Väter ihnen eine anständige Mitgift aussetzen können; aber doch ließen sich die Eltern vielleicht bewegen, sie lieber einem ihrer reichen Landsleute zu geben, als einem armen Prinzen. Nur schwärmen alle jungen Republikanerinnen für vornehme Titel und adliges Blut, und unsere liebe Freundin macht darin keine Ausnahme. Versuchen könnte man es aber immerhin. Eine fünfjährige Treue und Hingebung fällt doch auch einigermaßen ins Gewicht. Es ist ganz wie ein Roman. Soll ich ihr nicht schreiben, daß ich Sie zufällig getroffen habe und Sie gesund und glücklich sind? Weiter nichts. Bitte, gestatten Sie es mir. Es würde mir die größte Freude machen!« fügte sie lächelnd hinzu.

»O nein, es wäre eine ganz unnütze Mühe,« versetzte Demorest gelassen. »Nun ich erfahren habe, daß die Todesnachricht eine Fälschung war, weiß ich genug. Auch will ich Ihre Zeit nicht länger in Anspruch nehmen. Bitte beeilen Sie sich ja nicht unnötig mit dem Einpacken. Ich fahre vermutlich noch heute nach San Francisco und werde die Zimmer zur Nacht nicht brauchen.«

»So erlauben Sie mir wenigstens, Ihnen zum Dank für die Gefälligkeit das Bild als Andenken zu überreichen,« sagte Frau Van Loo, die sich in ihr Schlafzimmer begab und mit der Photographie zurückkehrte. »Mir scheint. Sie haben nach Ihrer fünfjährigen Beständigkeit ein größeres Anrecht darauf als ich.«

Demorest wußte als gebildeter Mann, daß er das Geschenk nicht zurückweisen dürfe; er nahm daher die Photographie mit einer tiefen Verbeugung in Empfang und empfahl sich.

Während er nun allein in einer Ecke der Veranda saß, merkte er zu seiner Verwunderung, wie gering der Eindruck war, den die Unterredung bei ihm zurückgelassen hatte; seine frühere Anschauung war dadurch nicht beeinflußt worden. Hatte man auch die Nachricht von dem Tode seiner Verlobten erfunden, so änderte das doch nichts an der Thatsache, daß sie zwar lebte, aber für ihn gestorben war – offenbar mit ihrer Einwilligung. Mit oder ohne Absicht hatte Frau Van Loo den Gegensatz zwischen ihrem und seinem Leben während dieser fünf Jahre deutlich hervorgehoben. Er erkannte jetzt die ganze Thorheit seiner Gefühlsschwärmerei ebenso klar, wie am vergangenen Abend. Nicht einmal den Trost hatte er, daß er einer erbärmlichen Lüge, die andere erfunden hatten, zum Opfer gefallen war. Sie selbst wußte um den Betrug und hatte ihre Treulosigkeit noch durch den Vorwand mit dem unliebsamen Brief zu bemänteln gesucht.

Er zog ihr Bild heraus und betrachtete es; aber nicht mit den Augen eines Liebenden. War sie wirklich so viel stärker und selbstgefälliger geworden? Oder war die durchgeistigte Anmut und Zartheit, die er an ihr verehrt hatte, nur ein Gaukelspiel seiner Einbildungskraft gewesen? Vielleicht hatte sie immer so ausgesehen? Ja, dies war das schwache Geschöpf, das eine so kleinliche Rache nehmen und so schnell vergessen konnte. Eine solche Gestalt hatte er nicht erwartet als Marmorbild auf ihrem Grabe zu finden, das er so lange gesucht hatte, um sie dort zu beweinen. – Er brach in lautes Lachen aus.

Es war entsetzlich heiß, und die Unthätigkeit machte ihm das noch fühlbarer. Wo blieb nur Barker, und warum telegraphierte ihm Stacy nicht? Was hatten denn die Leute dort im Hofe vor? Sollten neue Nachrichten gekommen sein, die Unglück und Verderben brachten? Vielleicht war er schon jetzt zum Bettler geworden; doch ihn kümmerte das nicht – waren Treue und Glauben dahin, so mochte auch sein Reichtum verloren gehen!

Die Menge draußen schaute jedoch nur nach dem Dach des Hotels; er sah jetzt, daß eine schwarze Rauchwolke über den Hof dahinzog, und es roch stark nach verbranntem Ruß. Rasch eilte er die Verandatreppe hinunter zu den versammelten Gästen und Dienern und gewahrte, daß der Rauch nur aus einem Schornstein aufstieg. Man sagte ihm, derselbe sei in Brand geraten; der Rauch käme aus dem Kamin in Frau Van Loos Schlafzimmer. Als die erschreckten Diener an die verschlossene Thüre der Dame anklopften, hatte sie erwidert, sie verbrenne nur alte Briefe und Zeitungen, die sie nicht im Koffer mitnehmen wollte. Natürlich war eine allgemeine Entrüstung darüber entstanden, daß das Hotel bei dieser Gluthitze einer solchen Feuersgefahr ausgesetzt worden sei und der Direktor hatte Frau Van Loo eine Szene gemacht, welche damit endete, daß sie in hellem Zorn das Hotel mit ihren nur halb gepackten Koffern verließ. Doch selbst nachdem sich der Rauch verzogen hatte und das Feuer im Kamin und Schornstein gelöscht war, verspürte man noch den ganzen Tag über einen scharfen Geruch von schwelendem Kieferholz, der in den oberen Stockwerken durch die Dielen drang.

Nachdem Frau Van Loo fortgefahren war, trat der Hoteldirektor mit Demorest in ihr Zimmer. Der Marmorkamin war verräuchert und fleckig; überall lag die schwarze Asche von verbranntem Papier umhergestreut.

»Nach meiner Ansicht,« sagte der Direktor finster, »ist die alte Hexe nur hergekommen, um einen Haufen Papiere zu verbrennen, die ihr Sohn ihr aufzuheben gegeben hatte und aus welchen sich seine Schuld beweisen ließ. Die Sache sieht höchst verdächtig aus. Als ich ihr sagte, in diesem hölzernen Hotel könne ich keinen Schmelzofen dulden, während der Thermometer in meinem Bureau auf hundert Grad Fahrenheit stehe, geriet sie in solche Wut, daß ich glaube sie war froh, einen Vorwand zu finden, um so schnell wie möglich wieder fortzukommen.«

Demorest hörte nur zerstreut auf diese Worte. Sein gewöhnlicher Gleichmut hatte ihn verlassen, denn Stacys versprochenes Telegramm blieb noch immer aus und er machte sich die größte Sorge um ihn. Schon um zwölf Uhr war Stacy ohne Zweifel in San Francisco angekommen, das wußte Demorest und er entschloß sich eben, nicht länger zu warten und den nächsten Zug der Zweigbahn zu benutzen, als zwei Reiter in den Hof gesprengt kamen. Wie gewöhnlich liefen alle Gäste von der Veranda herbei, um zu hören, welche Nachricht sie brächten. Es stellte sich jedoch heraus, daß der eine der Ankömmlinge Barker war, auf einem über und über mit Schaum bedeckten Pferde; in dem andern aber, einem höchst flotten und feingekleideten Fremden, dessen Mustang glatt gestriegelt und ebenso fleckenlos war wie er selbst, erkannte Demorest auf den ersten Blick Jack Hamlin. Er hatte ihn seit jenem Tage vor fünf Jahren nicht wiedergesehen, an dem er die drei Teilhaber samt ihrem Schatz nach Boomville geleitet und ihm das rätselhafte Päckchen eingehändigt hatte.

Während die beiden rasch vom Pferde stiegen und auf ihn zukamen, durchzuckte es Demorest wie eine Ahnung, daß er wieder vor einer wichtigen Schicksalswendung stehe. Auf einen Wink Barkers führte er sie nach einer abgelegenen Ecke der Veranda. Das Gesicht seines jungen Freundes sah nachdenklicher und älter aus, das merkte er wohl, doch klang noch derselbe unverwüstliche Frohsinn aus dem Ton seiner Stimme, als er lachend rief: »Das Signal zum Aufsitzen ist gegeben! Jetzt heißt es ›in den Sattel und auf und davon!‹«

»Aber ich habe keine Depesche von Stacy erhalten,« rief Demorest verwundert. »Er wollte mir von San Francisco aus telegraphieren, falls er mich brauchte.«

»Er ist gar nicht hingekommen,« erwiderte Barker. »Am Bahnhof ist Jack auf Van Loo gestoßen; dann hat er Stacy eine Depesche nachgesandt, die ihn auf halbem Wege erreichte und zur Umkehr bewog. Jack ist ihm über Hals und Kopf entgegengeritten und hat zuletzt seinem Werk die Krone aufgesetzt, indem er eine Botschaft von Stacy an uns überbrachte, daß wir alle am Fuß des Kieferberges, nahe beim Damm zusammentreffen sollten. Ich bin Jack begegnet, als ich auf den Bahnhof ritt und bin mit ihm zurückgekommen. Er wird dir alles übrige erzählen und ich will einen Eid leisten, daß er die reine Wahrheit spricht, denn Jack ist ein Ehrenmann durch und durch,« fügte er hinzu, seine Hand liebevoll auf Hamlins Schulter legend.

Hamlin zuckte leicht zusammen bei dieser Berührung. Er hatte Barker verschwiegen, daß er seine Frau zusammen mit Van Loo angetroffen und sich deshalb zuerst in die Sache gemischt hatte. Nun erzählte er, wie er den Flüchtling auf der Poststation eingeholt und dieser ihm Steptoes und Halls Verschwörung gegen die Bank und Marschall verraten habe, unter der Bedingung, daß er sein Entkommen nicht hindere. Infolge dieser Enthüllung habe er zuerst Stacy die Depesche nachgeschickt und sei ihm dann bis zur nächsten Station der Zweigbahn entgegengeritten. »Als ich ihn sah, bemerkte ich gleich, ihr Herren,« fuhr Hamlin mit ungewöhnlichem Ernst fort, »daß er nicht nur mein Telegramm erhalten hatte, sondern auch sämtliche Nachrichten, die den ganzen Morgen über durch die Luft schwirrten. Er sah aus wie jemand, dem es keinen Unterschied mehr macht, ob er sich gleich aus der Stelle das Leben nimmt, oder ob ihm jemand anderes eine Kugel durch den Kopf jagt. ›Ich will selbst hinkommen,‹ sagte er und telegraphierte, die Bank solle den sachverständigen Grubeninspektor nicht schicken. Dann gab er mir den Auftrag, euch beide zu benachrichtigen und herbeizuholen.« Jack schwieg eine Weile und fügte dann gutgelaunt hinzu: »Er fragte mich auch, was ich dafür haben wollte, wenn ich ihm beistände, falls es zu einer Schlägerei käme, und ich antwortete: ›Ein Glas Whisky!‹ Denn seht, Jungens, ich habe 'ne Art Feiertag und da hätte ich nichts dawider, um alter Erinnerungen willen das Spiel mit Steptoe zu Ende zu bringen, das ich so vor ungefähr fünf Jahren begonnen habe.«

»Vorwärts denn!« rief Demorest mit funkelnden Blicken; »laßt uns so rasch wie möglich aufbrechen! – Doch zuvor noch ein Wort,« sagte er zu Hamlin gewendet und trat mit ihm auf die Seite: »Wir sind zwei ledige Männer, Sie und ich,« flüsterte er rasch, »aber Barker hat Weib und Kind. Die Sache könnte ernsthaft werden.«

»Ich glaube, was sein Weib betrifft,« erwiderte Hamlin unbeirrt, »so wird es weder ihm noch ihr viel ausmachen, ob es blutige Köpfe setzt.« Jack hatte schon unterwegs aus Barkers Fragen, denen er geschickt ausgewichen war, erkannt, daß ihm der schlimme Streich seiner Frau nicht ganz verborgen geblieben war.

Die Antwort gab Demorest einen Stich ins Herz. Nach allem was Stacy angedeutet und was er selbst seit seiner Rückkehr von Frau Barker gesehen hatte, bedurfte es nur dieser Bestätigung, um seinen Glauben an des Freundes eheliches Glück völlig zu erschüttern. »Gut, dann gehen wir alle zusammen, wie in früherer Zeit,« sagte er und fügte mit bitterm Lachen hinzu: »Vielleicht ist es um so besser, daß wir kein Weib ins Vertrauen zu ziehen brauchen.«

Eine Stunde später verließen die drei Männer ohne Aufsehen zu erregen das Hotel. Ihre Abwesenheit wurde während des Abends von den Gästen kaum bemerkt. Frau Barker, die sich von ihrer ermüdenden Fahrt vollkommen erholt hatte, war sehr aufgeräumt. Sie trug ein reizendes helles Sommerkleid und wußte viel von den Strapazen zu erzählen, denen sie bei der Gluthitze auf dem Rückweg ausgesetzt gewesen war: »Hätte ich nicht gedacht, daß mein Mann sich ängstigen würde, so wäre ich erst gegen Abend zurückgekommen,« sagte sie. »Er ist mir auch vor lauter Besorgnis eine Meile weit auf der Straße entgegengegangen.« Sie sah sich bei diesen Worten nach Frau Hornburg um, aber diese hatte sich früh auf ihr Zimmer zurückgezogen; ihr war die Abwesenheit der beiden Freunde sicherlich nicht entgangen.

Die Gesellschaft blieb bis zu später Stunde beisammen, denn die Hitze schien immer drückender zu werden, und der sonderbare Geruch von verbranntem Holz brachte das Gespräch wieder darauf, daß Frau Van Loo so leichtsinnig gewesen war, den Kamin in Brand zu setzen. Manche behaupteten, es könne noch viele Tage dauern, bis man den Geruch aus dem Hause wieder los würde; andere versicherten, er käme von den Waldbränden her, die jetzt schon in gefährlicher Nähe wären. Ein Herr meinte, die vereinzelte Lage des Hotels böte die größte Sicherheit vor Feuersgefahr, worauf ihm jedoch ein berühmter Bergsteiger entgegnete, das Feuer im Walde spränge oft auf ganz rätselhafte Weise von einer Kuppe zur andern, ohne daß man gewahr würde, wie es sich fortpflanze.

Man fing nun an, allerlei Geschichten von Hotels zu erzählen, die in Brand geraten waren, und was für komische Auftritte sich dabei zu ereignen pflegten; auch gab jeder seine Meinung darüber zum Besten, was man im Fall einer Gefahr zuerst thun, und welche Dinge man retten solle.

»Bei einer Feuersbrunst,« rief Frau Barker keck, »würde ich jedenfalls meinen Mann für das Kind sorgen lassen, und nur suchen mich und meine Diamanten in Sicherheit zu bringen. An diese würde Barker doch nicht denken, das weiß ich.«

Endlich verließen die Gäste, von der Hitze und den mancherlei Aufregungen des Tages völlig erschöpft, die Veranda, und zogen sich in ihre Zimmer zurück. Eine Weile sah man die düstere Masse des großen Gebäudes noch von Lichtern erhellt, die in regelmäßigen Zwischenräumen durch die offenen Fenster strahlten, bis allmählich eins nach dem andern erlosch. Eine Stunde später war das ganze Hotel in Schlummer versunken.

Man erzählte sich später, daß um vier Uhr morgens ein Hausknecht gähnend heraufkam und das Licht in einem der oberen Gänge auslöschte; da sah er im Dunkeln oben an der Wand einen hellen Schein und erkannte zu seinem Entsetzen, daß eine rote Flamme am Gesims entlang züngelte. Rasch lief er ins Bureau und gab das Alarmzeichen, aber als er gleich darauf mit Hilfsmannschaften zurückkehrte, sah er sich im Korridor durch eine undurchdringliche Rauchmasse, aus der gedämpfte Blitze zuckten, am Vordringen gehindert. Jetzt waren auch die Bewohner der unteren Stockwerke erwacht; sie sprangen aus den Betten und eilten halb angekleidet in den Hof hinunter, wo sie nur noch sehen konnten, wie die Flammen aus den oberen Fenstern zum Dach hinauf schlugen, das krachend zusammenstürzte. Durch einen Spalt in dem überheizten Schornstein, an einer Stelle zwischen zwei Stockwerken, hatte sich die Feuersbrunst zuerst langsam fortgepflanzt; dann aber trat die eigentliche Katastrophe mit solcher Plötzlichkeit ein, daß den Ueberlebenden keine Zeit zum Besinnen blieb. Verwirrt und betäubt irrten sie noch halb schlafend und kaum bekleidet im Walde umher, und wußten sich nicht zu erinnern, ob sie vom Balkon hinunter geklettert, oder aus dem Fenster gesprungen waren. Andere Leute, im oberen Stock, erwachten gar nicht aus dem Schlaf, sondern erstickten in ihren Betten, ohne noch einen Todesschrei auszustoßen. Von Anfang an waren alle überzeugt, daß es hoffnungslos sei, dem Feuer Einhalt zu thun; ihrem blinden Instinkt folgend, flohen die Gäste aus dem brennenden Gebäude; doch sah man auch zarte Frauen gleich Nachtwandlerinnen stumm aber sicher über vorstehende Simse und Dächer dahinschreiten, von denen sie unter andern Umständen herabgestürzt wären. Es entstand kein Gedränge, weder Geschrei noch Verwirrung. Nur als Frau Barker mit aufgelöstem Haar im Hof zur Besinnung kam, einen Schreckensschrei ausstieß und in das Hotel zurückstürzte, kam es zu einer Art Panik. Denn Frau Hornburg, die vollständig angekleidet, als hätte sie die Nacht durchwacht, in ihrer Nähe gestanden hatte, eilte ihr auf dem Fuße nach. Wie wahnsinnig rannte Frau Barker in ihre Gemächer hinauf, zu deren Fenstern, wie man vom Hof aus sehen konnte, schon Rauch und Qualm herausströmte. Plötzlich rang Frau Hornburg verzweiflungsvoll die Hände; ihr fiel ein, daß Frau Barker ihr noch vor wenigen Stunden erzählt hatte, der kleine ›Sta‹ sei mit der Wärterin in dem oberen Stock einquartiert worden! Nicht um des vergessenen Kindes willen war sie zurückgekehrt – sie wollte ihre Diamanten holen!

Frau Hornburg rief ihren Namen, erhielt aber keine Antwort. Der Rauch strömte schon die Treppe herunter. Einen Augenblick blieb sie vor Entsetzen wie angewurzelt stehen, dann holte sie tief Atem und eilte hinauf. Auf dem ersten Treppenabsatz stolperte sie über einen Körper – die Wärterin lag bewußtlos auf der Erde. Frau Hornburgs Fall war jedoch ihre Rettung; sie bemerkte, daß man nahe am Boden freier atmen könne. Vor ihr schien eine offene Thür zu sein. Sie kroch auf Händen und Füßen dahin. Das Angstgeschrei eines Kindes, das im Dunkeln aus dem Schlaf erwachte, gab ihr den Mut sich zu erheben, ins Zimmer zu treten und das Fenster aufzustoßen. Beim Schein der züngelnden Flammen konnte sie eine kleine, im Bett aufgerichtete Gestalt erblicken – es war ›Sta‹. Sie durfte keinen Augenblick verlieren, denn bei dem Zug vom offenen Fenster kam der Rauch ins Zimmer geströmt. Glücklicherweise hatte der Knabe mit kindlichem Instinkt die Aermchen um ihren Hals geschlungen. Sie flüsterte ihm zu, recht fest zu halten und kletterte zum Fenster hinaus. Ein schmaler Sims, kaum breit genug für ihre Füße, lief längs dem Hause bis zum nächsten Balkon. Mit dem Rücken an die Mauer gelehnt schob sie sich vorsichtig auf dem Sims weiter, um aus dem Bereich des Rauches zu gelangen, der jetzt dem Fenster entströmte. Da ergriff sie ein Schwindel; die Last des Kindes an ihrer Brust gab ihr das Uebergewicht nach vorn, wo der Abgrund gähnte. Sie schloß die Augen und drückte das Kind mit gekreuzten Armen fest an sich. So stand sie regungslos da; vom Hof aus, durch den wirbelnden Rauch gesehen, mochte sie wohl einer in der Mauernische aufgestellten Madonna mit dem Kinde gleichen. In diesem Augenblick hörte sie eine Stimme von oben ihr Mut zurufen, und das Ende eines zusammengedrehten Leintuchs berührte ihr Gesicht. Sie griff danach und hielt sich fest. Zugleich vernahm sie einen lauten Zuruf von unten; man brachte eine Leiter herbei, und starke Hände hoben sie mit ihrer Last vom Sims herunter. Nun erst schlug sie die Augen nach dem oberen Fenster auf, von wo ihr die Hilfe gekommen war. Rauch und Flammen strömten daraus hervor. Wer der Brave gewesen, der ihr so heldenmütig die einzige Möglichkeit seiner Rettung zum Opfer gebracht hatte, blieb für immer unbekannt.

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Kaum vier Meilen vom Hotel entfernt, warteten in jener Nacht mehrere Männer unweit des Dammes am Fuß des Kieferberges auf die Morgendämmerung. Als sich am Himmel über der Bergkuppe, die zwischen ihnen und Hymettus lag, eine rote Glut zeigte, sagte Hamlin:

»Wieder ein neuer Waldbrand; ein recht großer obendrein, und wie mir scheint diesseits des Black-Spur-Gebirges.«

»Wißt ihr,« meinte Barker nachdenklich, »ich dachte gerade daran, wie damals unsere alte Hütte auf dem Kieferberg in Flammen aufging. Es sieht aus, als wäre es dieselbe Stelle.«

»Still!« rief Stacy in scharfem Ton.

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