Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Jack London >

Drei Sonnen am Himmel

Jack London: Drei Sonnen am Himmel - Kapitel 8
Quellenangabe
typenarrative
authorJack London
titleDrei Sonnen am Himmel
publisherBüchergilde Gutenberg
year1934
translatorErwin Magnus
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150703
projectid3fc9a5e0
Schließen

Navigation:

Quartier für einen Tag

Es war das verfluchteste Wettrennen, das ich je erlebt habe. Mindestens tausend Hundegespanne waren auf dem Eis. Vor Rauch und Dampf konnte man nichts sehen. Zwei weiße Männer und ein Schwede erfroren in jener Nacht und ein Dutzend ruinierten sich die Lungen. Aber hatte ich nicht mit eigenen Augen den Boden des Tümpels gesehen? Er war von Gold so gelb wie ein Senfpflaster. Das war der Grund, daß ich den Yukon nach einem Goldfeld hinablief. Das war es auch, was den Anlaß zu diesem Wettrennen gegeben hatte. Und dann war nichts daran. Das sage ich ja: Es war nichts daran. Und ich hab's immer noch nicht herausgekriegt.

(Bericht Shortys.)

John Meßner klammerte sich mit der einen geübten Hand an die lange Lenkstange fest und hielt den Schlitten auf der Bahn. Mit der andern Hand, die auch durch einen Fäustling geschützt war, rieb er sich Wangen und Nase. Er rieb sich Wangen und Nase jeden Augenblick. Tatsächlich hörte er kaum auf, sie zu reiben, und als ihre Gefühllosigkeit immer schlimmer wurde, rieb er sie sehr kräftig. Seine Stirn lag unter dem Schirm der Pelzmütze, deren Kappen seine Ohren bedeckten. Der übrige Teil des Gesichts wurde durch einen dichten Bart geschützt, der goldbraun durch die Eiskruste schimmerte.

Hinter ihm hüpfte ein schwerbeladener Schlitten hin und her, und vor ihm arbeiteten fünf Hunde in einer Reihe. Das Seil, an dem sie den Schlitten zogen, scheuerte gegen Meßners Bein. Wenn die Hunde einer Biegung der Bahn folgten, sprang er über das Seil hinüber. Es waren viele Biegungen, und er war deshalb oft gezwungen, über das Seil zu springen. Zuweilen trat er dabei auf das Seil oder stolperte darüber, wie er denn die ganze Zeit sehr ungeschickt war und überhaupt eine so große Müdigkeit zeigte, daß der Schlitten hin und wieder sogar gegen seine Fersen stieß. Wenn er eine gerade Strecke erreichte, wo der Schlitten einen Augenblick ohne Führung weiterlaufen konnte, ließ er die Lenkstange los und schlug mit der rechten Hand gegen das harte Holz. Es wurde ihm schwer, den Blutumlauf in der Hand im Gange zu halten. Während er sich die eine Hand windelweich schlug, vergaß er jedoch nicht, sich auch Nase und Wangen weiter zu reiben.

»Auf alle Fälle ist es heute zu kalt zum Fahren«, sagte er. Er sprach laut, wie Leute tun, die viel allein sind. »Nur ein Narr läuft in dieser Temperatur herum. Wenn es nicht achtzig Grad unter Null sind, dann doch wenigstens neunundsiebzig.«

Er nahm seine Uhr heraus, und nach einigem Tasten gelang es ihm, sie wieder in die Brusttasche seiner dicken wollenen Jacke zu stecken. Dann betrachtete er den Himmel und ließ seinen Blick über den weißen Horizont im Süden schweifen.

»Zwölf Uhr«, murmelte er. »Klarer Himmel und sonnenlos.«

Zehn Minuten wanderte er schweigend weiter. Dann fügte er plötzlich, als ob er seine Rede gar nicht unterbrochen hätte, hinzu:

»Und dabei nicht weitergekommen – es ist auch viel zu kalt zum Wandern.«

Plötzlich rief er den Hunden »Prrr« zu und blieb stehen. Er schien sich sehr über seine Hand aufzuregen und begann, mit ihr wütend gegen die Lenkstange zu schlagen.

»Ihr – armen – Teufel!« wandte er sich an die Hunde, die sich schwerfällig auf das Eis hatten sinken lassen, um sich ein wenig auszuruhen. Durch die Heftigkeit, mit der er seine gefühllose Hand gegen das Holz schlug, kamen die Worte nur stoßweise heraus. »Was habt ihr denn verbrochen, daß ein zweibeiniges Geschöpf kommen kann, euch ein Geschirr anlegt, all eure natürlichen Neigungen unterdrückt und solche Sklavenbiester aus euch macht?«

Er rieb sich die Nase, nicht nachdenklich, sondern wild, um das Blut wieder in Umlauf zu bringen, und ließ die Hunde dann wieder laufen. Er wanderte über die gefrorene Oberfläche eines großen Flusses. Der erstreckte sich hinter ihm in einer mächtigen Kurve, die viele Meilen weit war und verlor sich in der Ferne in einem phantastischen Gewirr von Bergen, die sich schneebedeckt und stumm gen Himmel hoben. Vor ihm löste sich der Fluß in viele Kanäle auf, um die Last der vielen Inseln, die er auf seiner Brust trug, zu erleichtern. Auch diese Inseln waren weiß und stumm. Kein Tier flog durch die eisige Luft. Man hörte keinen Laut von Menschen. Und keine Spur von der Tätigkeit von Menschen war zu sehen. Die ganze Welt schlief, und der Schlaf ähnelte dem Tode.

Es schien, als ob John Meßner der allgemeinen Erstarrung unterliegen sollte. Die Kälte begann auch seinen Geist starr zu machen. Er trottete mit gesenktem Kopf, ohne sich umzusehen, weiter und rieb automatisch Backen und Nase, oder hämmerte mit der steuernden Hand gegen die Lenkstange, sobald er sich auf einer geraden Strecke bewegte.

Aber die Hunde hielten die Augen offen. Sie blieben plötzlich stehen, wandten ihre Köpfe und blickten ihren Herrn und Meister mit Augen an, die traurig und voller Fragen waren. Ihre Wimpern waren voller Eis, ihre Mäuler ebenfalls, und Reif und Erschöpfung ließen sie alt und gebrechlich erscheinen.

Der Mann wollte sie schon wieder antreiben, aber er hielt inne, reckte sich mühselig und sah sich um. Die Hunde hatten neben einem Wasserloch haltgemacht – es war kein Riß im Eis, sondern ein richtiges Loch, von einem Menschen mühselig mit einem Beil durch das drei und einen halben Fuß dicke Eis geschlagen. Eine schwere Kruste von frischgebildetem Eis zeigte, daß es seit einiger Zeit nicht benutzt war. Meßner sah es an. Die Hunde wiesen schon den Weg, denn all die sehnsüchtigen, bereiften Mäuler waren auf die unsichere Schneespur gerichtet, die sich von der allgemeinen Fährte am Fluß abtrennte und den Uferhang der Insel hinaufführte.

»Schön, ihr armen, fußwunden Viecher«, sagte er. »Ich werde mal nachsehen. Ihr seid doch nicht um einen Deut weniger als ich darauf versessen, die Arbeit niederzulegen.«

Er erkletterte den Hang und entschwand den Blicken der Hunde. Die legten sich nicht hin, sondern blieben stehen und warteten gespannt auf seine Rückkehr. Der Mann kam auch bald wieder. Er nahm eine Zugleine vorn vom Schlitten und legte sie sich um die Schultern. Dann lenkte er die Hunde nach rechts und ließ sie den Hang im Lauf nehmen. Es war eine schwere Arbeit, aber ihre Müdigkeit verließ sie, als sie sich gegen den Schnee stemmten. Sie winselten vor Eifer und Freude, während sie sich mit dem letzten Aufwand von Kraft hügelan kämpften. Wenn einer von ihnen stolperte oder ausglitt, biß der ihm folgende ihm in die Hinterläufe. Der Mann rief ihnen ermunternd und drohend zu und warf sein ganzes Gewicht in die Zugleine, um den Tieren zu helfen.

Noch ein Ruck, und sie waren oben, bogen nach links ab und strebten einer kleinen, aus rohen Stämmen erbauten Hütte zu. Sie war unbewohnt und bestand nur aus einem Raum, der acht mal zehn Fuß maß. Meßner schirrte die Hunde ab, nahm das Gepäck vom Schlitten und trat in die Hütte. Der letzte Wanderer, der zufällig vorbeigekommen war, hatte etwas Brennholz hinterlassen. Meßner stellte seinen leichten eisernen Ofen auf und machte Feuer. Dann legte er fünf an der Sonne gedörrte Lachse in den Backofen, um sie aufzutauen. Aus dem Wasserloch füllte er Kaffeekanne und Kochtopf.

Während er wartete, daß das Wasser kochen sollte, hielt er sein Gesicht über den Ofen. Sein feuchter Atem hatte sich im Bart festgesetzt und war zu einer Eiskruste gefroren, die er jetzt aufzutauen versuchte. Als sie schmolz und das Wasser auf den Ofen tropfte, zischte es, und ihm stieg Dampf entgegen. Er löste mit den Fingern kleine Eisklumpen aus den Haaren. Sie fielen prasselnd zu Boden.

Wildes Geheul seiner Hunde vor der Tür hob an. Er hörte auch das wolfsartige Knurren und Heulen fremder Hunde und den Klang von Stimmen. Dann wurde an die Tür geklopft.

»Herein!« rief Meßner. Seine Stimme klang dumpf, weil er im Augenblick ein Stückchen Eis zwischen den Lippen hatte, das im Schnurrbart festsaß und das er gerade abzusaugen versuchte.

Die Tür öffnete sich. Meßner warf einen Blick durch die Dampfwolke und sah einen Mann und eine Frau, die an der Türschwelle zögerte.

»Kommen Sie herein!« sagte er gebieterisch. »Und schließen Sie die Tür!«

Da der Dampf seine Augen verhüllte, konnte er sich kein rechtes Bild von ihrer Erscheinung machen. Die ledernen Nasen- und Wangenschützer, die die Frau trug und die Ohrenklappen ihrer Mütze ließen von ihrem Gesicht nur ein dunkles Augenpaar sehen. Der Mann hatte schwarze Augen und war glattrasiert, mit Ausnahme der Oberlippe, doch war der Schnurrbart so vereist, daß er den Mund ganz verbarg.

»Wir möchten gern wissen, ob es noch eine Hütte hier in der Nähe gibt«, sagte er, indem er gleichzeitig seinen Blick über die karge Ausstattung des Raumes schweifen ließ. »Wir dachten, daß die Hütte hier unbewohnt wäre.«

»Sie gehört mir auch nicht«, antwortete Meßner. »Ich habe sie erst vor einigen Minuten gefunden. Kommen Sie nur herein und machen sich's bequem. Platz ist genug da, und Sie brauchen Ihren Ofen nicht erst aufstellen. Hier ist Platz für uns alle.«

Beim Klang seiner Stimme blickte die Frau ihn mit lebhafter Neugier an.

»Zieh deine Sachen aus«, sagte ihr Begleiter zu ihr. »Ich werde die Hunde ausspannen und hole dann Wasser, daß wir kochen können.«

Meßner brachte die aufgetauten Lachse hinaus und fütterte die Hunde. Er mußte sie auch gegen das fremde Gespann schützen, und als er wieder in die Hütte trat, hatte der andere schon das Gepäck hereingeschleppt und Wasser geholt. Meßners Wasser kochte schon. Er goß Kaffee in seine Kanne, mischte ihn mit einer halben Tasse kalten Wassers und nahm dann seinen Topf vom Ofen. Er taute ein paar Sauerteigzwiebacks im Backofen und wärmte gleichzeitig einen Topf mit Bohnen auf, die am Abend zuvor gekocht, aber während der Fahrt am Morgen gefroren waren.

Er nahm all seine Sachen vom Ofen, um den Neuangekommenen Platz zum Kochen zu machen und stellte sein Essen auf die Proviantkiste, während er sich auf die zusammengerollten Bettdecken setzte, um seine Mahlzeit zu beginnen. Zwischen den einzelnen Bissen sprach er über Wanderungen und Hunde mit dem anderen Manne, der seinen Kopf über den Ofen hielt und das Eis in seinem Schnurrbart auftaute. Es befanden sich zwei Bettstellen in der Hütte, und der Fremde warf sein Bettzeug in das eine, sobald er seinen Schnurrbart in Ordnung gebracht hatte.

»Wir wollen hier schlafen«, sagte er. »Wenn Sie nicht diese Bettstelle vorziehen. Sie sind zuerst gekommen und haben also das Recht zu wählen, nicht wahr?«

»Schon gut«, antwortete Meßner. »Ein Bett ist genau so gut wie das andere.«

Er breitete seine eigenen Decken in der anderen Bettstelle aus und setzte sich dann auf den Rand. Der Fremde steckte eine kleine Reisehandtasche, wie Aerzte sie benutzen, unter die Decken am einen Ende der Bettstelle, damit sie als Kissen diente.

»Arzt?« fragte Meßner.

»Ja«, lautete die Antwort. »Aber ich kann Ihnen versichern, daß ich nicht nach Klondike gekommen bin, um zu praktizieren.«

Die Frau war eifrig mit Kochen beschäftigt, während der Mann Speck in Scheiben schnitt und den Ofen heizte. Das Licht in der Hütte war nur schwach. Es sickerte durch ein kleines Fenster herein, dessen Scheibe aus einem mit Speck eingefetteten Bogen Schreibpapier bestand. John Meßner konnte deshalb nicht genau feststellen, wie die Frau eigentlich aussah. Er versuchte es auch gar nicht. Er schien nicht das geringste Interesse für sie zu hegen. Sie hingegen warf von Zeit zu Zeit neugierige Blicke nach der dunklen Ecke, in der er saß.

»Ach, ist das ein herrliches Leben!« rief der Arzt begeistert und hörte einen Augenblick auf, sein Messer am Ofenrohr zu schleifen. »Was ich so daran liebe, ist der Kampf, der Versuch, alles mit eigenen Händen zu tun, die Einfachheit, die Wirklichkeit von allem.«

»Die Temperatur ist jedenfalls wirklich genug«, lachte Meßner.

»Wissen Sie, wie kalt es tatsächlich ist?« fragte der Arzt.

Der andere schüttelte den Kopf.

»Nun, ich will es Ihnen sagen. Vierundsiebzig unter Null auf dem Spiritusthermometer draußen am Schlitten.«

»Das heißt hundertundsechs unter dem Gefrierpunkt. Zu kalt zum Reisen, nicht?«

»Der reine Selbstmord«, lautete das Urteil des Arztes. »Man strengt sich zu sehr an. Man atmet schwer, weil man die eisigkalte Luft in die Lungen bekommt. Sie ruiniert die Lungen, läßt den Rand des Gewebes erfrieren. Dann kriegt man einen trockenen, harten Husten, wenn das tote Gewebe abgestoßen wird, und im nächsten Sommer stirbt man an Lungenentzündung und wundert sich dabei, was eigentlich mit einem los ist. Ich werde eine Woche hier in der Hütte bleiben, vorausgesetzt, daß das Thermometer nicht auf mindestens fünfzig Grad steigt.

»Sag mal, Teß«, meinte er einen Augenblick später. »Glaubst du nicht, daß der Kaffee bald fertig ist?«

Als der Name der Frau genannt wurde, kam plötzlich Leben in John Meßner. Er warf ihr einen schnellen Blick zu, während ein flüchtiger Ausdruck – das Gespenst eines längst begrabenen Unglücks, das plötzlich wieder auferstand – über sein Gesicht huschte. Im nächsten Augenblick war es ihm indessen durch eine ungeheure Willensanspannung gelungen, das Gespenst wieder zu bannen. Sein Gesicht war ebenso gelassen wie zuvor, obgleich er noch immer wachsam blieb, da ihn, was er bei der schlechten Beleuchtung des Raumes vom Gesicht der Frau hatte sehen können, nicht befriedigt hatte.

Ganz mechanisch hatte sie zuerst die Kaffeekanne wieder auf den Ofen gestellt. Erst als sie das getan hatte, warf sie einen Blick auf Meßner. Er hatte sich indessen schon zusammengenommen. Sie sah deshalb nichts als einen Mann, der auf dem Rand seines Bettes saß und die Spitzen seiner Mokassins betrachtete. Als sie sich aber wie zufällig nach der anderen Seite wandte, um weiter zu kochen, sah er sie schnell an, aber auch sie warf einen Blick auf ihn, und ihre Augen begegneten sich deshalb. Er ließ seinen Blick weiter zu dem Arzt schweifen, aber eine Andeutung von Lächeln kräuselte doch seine Lippen als Anerkennung für die Art, wie sie ihn in die Falle gelockt hatte.

Sie nahm eine Kerze aus der Proviantkiste und zündete sie an. Ein Blick auf das grell beleuchtete Gesicht genügte Meßner. In der kleinen Hütte betrug selbst der größte Abstand nur wenige Schritt, und im nächsten Augenblick stand sie neben ihm. Sie hielt ihm absichtlich die Kerze dicht vors Gesicht und starrte ihn mit Augen an, die vor Furcht und Staunen weit geöffnet waren. Er lächelte sie beruhigend an.

»Was suchst du, Teß?« rief der Arzt.

»Haarnadeln«, antwortete sie, während sie zu ihrer Bettstelle ging und in ihrem Kleidersack zu suchen begann.

Sie verzehrten ihre Mahlzeit, die sie auf ihrer Proviantkiste angerichtet hatte, während sie selbst auf Meßners Kiste ihm gegenüber saßen. Er hatte sich auf sein Bett gelegt, um sich auszuruhen, und lag jetzt auf der Seite, den Kopf auf den Arm gestützt. In dem engen Raum war es, als säßen alle drei zusammen bei Tisch.

»Aus welchem Teil der Staaten kommen Sie?« fragte Meßner.

»Aus San Francisco«, gab der Arzt zur Antwort. Aber ich bin immerhin schon zwei Jahre hier im Lande.«

»Ich komme auch aus Kalifornien«, sagte Meßner.

Die Frau sandte ihm einen flehenden Blick, aber er lächelte nur und fuhr fort:

»Aus Berkeley, wissen Sie.«

Der andere blickte auf.

»Universität?« fragte er.

»Ja. Immatrikulation 1886.«

»Ich meine Dozent«, erklärte der Arzt. »Sie sehen fast so aus.«

»Tut mir leid«, gab Meßner lächelnd zurück. »Ich möchte lieber für einen Goldsucher oder einen Hundefahrer gehalten werden!«

»Ich finde, er sieht einem Professor nicht ähnlicher, als du einem Arzt«, mischte die Frau sich in die Unterhaltung.

»Ich danke Ihnen«, sagte Meßner. Dann wandte er sich wieder an ihren Begleiter: »Darf ich vielleicht fragen, wie Sie heißen, Doktor?«

»Haythorne, wenn Ihnen mein Wort genügt. Meine Visitenkarten ließ ich mit der übrigen Zivilisation zu Hause.«

»Und Frau Haythorne.« Meßner lächelte und verbeugte sich.

Die Frau warf ihm einen Blick zu, der mehr erbost als bittend war. Der Arzt wollte nach dem Namen des anderen fragen und hatte schon den Mund geöffnet, um der Frage Worte zu verleihen, als Meßner ihm zuvorkam.

»Da fällt mir plötzlich ein, Doktor, daß Sie vielleicht meine Neugier befriedigen können. Vor zwei oder drei Jahren war eine Art Skandal in den Dozentenkreisen. Die Frau eines Professors der englischen Sprache verschwand – verzeihen Sie, Frau Haythorne – mit einem Arzt aus San Francisco, soviel ich verstand, obgleich ich im Augenblick nicht auf seinen Namen kommen kann. Erinnern sie sich an die Sache?«

Haythorne nickte. »Es erregte damals ziemlich viel Aufsehen. Er hieß Womble – Graham Womble. Er hatte eine glänzende Praxis. Ich kannte ihn ein wenig.«

»Ja – was mich interessieren würde: Was ist eigentlich aus den beiden geworden? Haben Sie etwas darüber gehört? Sie hinterließen keine Spur, weder Haut noch Haar.«

»Nein, er vertuschte seine Fährte sehr gut.« Haythorne räusperte sich. »Das Gerücht sagte, sie wären in der Südsee mit einem Schoner in einem Taifun untergegangen oder so was Aehnliches.«

»Das habe ich nie gehört«, sagte Meßner. »Erinnern Sie sich auch an die Geschichte, Frau Haythorne?«

»Ausgezeichnet«, antwortete sie in einem Ton, dessen Selbstbeherrschung in einem verblüffenden Widerspruch zu dem Zorn stand, der in ihrem Gesicht flammte, das sie abwandte, um es Haythorne zu verbergen.

Der wollte den andern schon wieder nach seinem Namen fragen, als Meßner bemerkte:

»Dieser Dr. Womble war doch, nach allem, was ich gehört habe, ein sehr hübscher Mensch ... und ... hm ... soll auch große Erfolge bei Frauen gehabt haben.«

»Nun – wenn das wirklich der Fall war, dann hat er jedenfalls gründlich Schluß damit gemacht nach dieser Geschichte«, murmelte Haythorne.

»Und die Frau soll eine wahre Xanthippe gewesen sein – jedenfalls nach dem, was man mir erzählte. In Berkeley hieß es allgemein, daß sie ihrem Mann das Leben – na, wie soll ich mich ausdrücken – nicht gerade zum Paradies gemacht hatte.«

»Das hab ich nie gehört«, antwortete Haythorne. »In San Francisco sagte man eher das Gegenteil.«

»So eine Art Märtyrerin, wie? Ans Kreuz der Ehe genagelt?«

Der Arzt nickte. Meßners graue Augen leuchteten vor freundlicher Neugier, als er fortfuhr:

»Na, anders war es ja auch nicht zu erwarten – jede Medaille hat zwei Seiten. Als ich in Berkley lebte, sah ich natürlich nur die eine Seite. Sie ist offenbar ziemlich viel in San Francisco gewesen, scheint es.«

»Ein bißchen Kaffee bitte«, sagte Haythorne.

Die Frau füllte seine Tasse wieder und brach gleichzeitig in leises Lachen aus.

»Ihr sitzt da und klatscht wie ein paar Marktweiber«, schalt sie.

»Es ist wirklich so interessant«, sagte Meßner lächelnd und wandte sich wieder an den Arzt: »Ihr Mann hat offenbar keinen besonders guten Ruf in San Francisco gehabt?«

»Im Gegenteil, er war der richtige Moralpauker«, brach es aus Haythorne mit einem Eifer heraus, der offenbar übertrieben war. »Er war ein kleines pedantisches Männchen ohne einen Tropfen rotes Blut in seinen Adern.«

»Haben Sie ihn gekannt?«

»Hab' ihn nie gesehen. Ich habe mich nie für Professorenkreise interessiert ...«

»Das ist auch wieder nur eine Seite von der Medaille«, sagte Meßner mit einer Miene, als erwöge er die Frage objektiv. »Weil er nicht so sehr mitzählte – das ist wahr, jedenfalls in rein physischer Beziehung –, obgleich ich doch nicht sagen kann, daß er ganz so schlimm war, wie man sagt Er nahm großen tätigen Anteil an den Turnübungen der Studenten. Und er war durchaus nicht unbefähigt. Er schrieb einmal ein Weihnachtsstück, das ihm einige Anerkennungen verschaffte. Ich habe auch gehört, daß er zum Chef der englischen Abteilung vorgesehen war, aber da passierte diese Geschichte, und er zog sich zurück, verschwand. Sie zerschlug völlig seine Karriere – oder es schien doch so. Jedenfalls galt die Sache – von unserer Seite der Medaille aus betrachtet – allgemein als ein schwerer Schlag für ihn. Man war auch der Ansicht, daß er seine Frau sehr lieb hatte.«

Haythorne hatte inzwischen seine Kaffeetasse geleert und murmelte gleichgültig etwas vor sich hin. Dann steckte er sich seine Pfeife an.

»Es war nur ein Glück, daß sie keine Kinder hatten«, fuhr Meßner fort.

Haythorne warf einen Blick nach dem Ofen. Dann setzte er sich die Mütze auf und zog sich die Fäustlinge an.

»Ich gehe hinaus und hole ein bißchen Brennholz«, sagte er. »Dann kann ich die Mokassins ausziehen und es mir bequem machen.«

Die Tür schlug hinter ihm zu. Eine lange Minute herrschte Schweigen. Der Mann blieb in derselben Stellung auf seinem Bett liegen. Die Frau saß auf der Proviantkiste und wandte ihm ihr Gesicht zu.

»Was beabsichtigst du, zu tun?« fragte sie plötzlich.

Meßner blickte sie mit gelassenem Gleichmut an. »Was meinst du, daß ich tun werde? Keinen Auftritt hoffentlich. Du siehst, ich bin müde und wund vom Laufen, und man liegt so gut in diesem Bett ...«

Sie nagte an ihrer Oberlippe und schäumte vor Wut.

»Aber ...« begann sie heftig. Dann ballte sie die Fäuste und verstummte.

»Ich hoffe, du hegst nicht den Wunsch, daß ich Herrn ... hm ... Herrn Haythorne töten soll?« sagte er höflich, fast bittend. »Es würde furchtbar störend sein, und ich kann dir versichern, daß es gänzlich überflüssig ist.«

»Aber etwas mußt du doch tun«, rief sie.

»Ganz im Gegenteil – ich finde es selbstverständlich, daß ich nichts tun werde ...«

»Du willst hierbleiben?«

Er nickte.

Sie sah sich verzweifelt in der Hütte um und warf einen Blick auf die Bettdecken, die noch unaufgerollt auf der anderen Bettstelle lagen. »Jetzt wird es bald Abend. Du kannst nicht hier bleiben. Du kannst es nicht! Ich sage dir, du kannst es einfach nicht.«

»Natürlich kann ich. Ich darf dich vielleicht daran erinnern, daß ich die Hütte zuerst gefunden habe, und daß ihr folglich meine Gäste seid.«

Wieder wanderten ihre Blicke durch den Raum, und als sie wieder das Bett sah, malte sich Grauen auf ihrem Gesicht.

»Dann müssen wir also gehen«, sagte sie entschlossen.

»Unmöglich. Du hast den trockenen, harten Husten – wie Herr ... hm ... Herr Haythorne ihn so treffend beschrieben hat. Wahrscheinlich hast du dir schon die Lunge ruiniert. Außerdem ist er ja Arzt und weiß Bescheid. Er würde es nie erlauben.«

»Was willst du denn tun?« fragte sie wieder in einem leisen, ruhigen Ton, der einen Ausbruch erwarten ließ.

Meßner betrachtete sie in einer Weise, die fast väterlich erschien und etwas von dem tiefen Mitleid und der Geduld enthielt, wohinter er seinen Blick zu verbergen versuchte.

»Meine liebe Theresa, wie ich dir bereits vorhin sagte: ich weiß es nicht. Ich habe wirklich nicht die leiseste Ahnung.«

»Oh, du treibst mich zum Wahnsinn!« Sie sprang auf und rang ihre Hände in ohnmächtiger Wut. »Du warst nie so wie jetzt.«

»Ich pflegte die Sanftheit und Freundlichkeit selbst zu sein«, nickte er zustimmend. »Das war wohl der Grund, daß du mich verließest.«

»Du bist jetzt so ganz anders ... so grauenhaft ruhig. Du machst mir angst und bange. Ich fühle, daß du dir etwas Furchtbares ausgeheckt hast. Aber was du auch tun willst, so tue es nicht unüberlegt. Versprich mir, dich nicht aufzuregen.«

»Ich rege mich nicht mehr auf«, unterbrach er sie. »Nicht mehr, seit du weggegangen bist.«

»Du hast dich ... sehr zu deinem Vorteil verändert«, gab sie zurück.

Er lächelte zustimmend. »Während ich darüber nachdenke, was ich tun werde, will ich dir erzählen, was du jedenfalls tun mußt ... nämlich Herrn ... hm ... Herrn Haythorne erzählen, wer ich bin. Das wird unseren Aufenthalt hier in dieser Hütte ... etwas ... etwas korrekter in gesellschaftlicher Beziehung gestalten, nicht wahr?«

»Warum bist du mir in dieses furchtbare Land nachgekommen?« fragte sie ganz plötzlich.

»Du darfst nicht glauben, daß ich mich nach dir umgesehen habe, Theresa. Deine Eitelkeit soll nicht den Triumph erleben, der in einem solchen Mißverständnis liegen könnte. Unsere Begegnung ist vollkommen zufällig. Ich habe damals das akademische Leben aufgegeben und bin fortgezogen. Um ganz aufrichtig zu sein, kam ich nach Klondike, weil ich mir dachte, daß ich dich hier am wenigsten finden würde.«

Man hörte jemand gegen die Tür stoßen, dann ging sie auf und Haythorne trat mit einem Arm voll Brennholz in die Hütte. Sofort machte Theresa sich daran, die Teller abzuräumen. Haythorne ging wieder hinaus, um mehr Brennholz zu holen.

»Warum hast du uns nicht gleich vorgestellt?«, fragte Meßner.

»Ich werde es ihm schon sagen«, antwortete sie und warf den Kopf zurück. »Glaube nur nicht, daß ich mich fürchte.«

»Ich habe noch nie erlebt, daß du dich vor irgend etwas fürchtest.«

»Und ich fürchte mich auch nicht vor einem Geständnis«, sagte sie, und ihr Gesicht und ihre Stimme wurden sanft.

»Aber ich fürchte, daß ein Geständnis deinerseits eine indirekte Ausnutzung sein würde – eine Art Ausnutzung der Reue, eine Selbstverherrlichung auf Kosten Gottes.«

»Werde, bitte, nicht literarisch«, schmollte sie mit wachsender Zärtlichkeit. »Ich habe nie diese Art geliebt. Im übrigen fürchte ich mich durchaus nicht, dich zu fragen, ob du mir verzeihen kannst.«

»Es gibt nichts zu verzeihen, Theresa. Ich sollte dir eher danken. Es ist freilich wahr, daß ich anfangs viel gelitten habe. Und dann wurde es mir auf einmal klar, daß ich glücklich war, sehr glücklich sogar ... es kam wie ein herrlicher Frühling über mich. Es war eine höchst verblüffende Entdeckung.«

»Aber was würdest du sagen, wenn ich am liebsten zu dir zurückkehren würde?« fragte sie.

Er warf ihr einen sonderbaren Blick zu. »Ich würde sehr verwirrt werden.«

»Ich bin noch immer deine Frau. Du weißt, daß wir nicht geschieden sind.«

»Ich weiß«, überlegte er. »Da bin ich eben sehr nachlässig gewesen. Es wird mit das Erste sein, was ich jetzt tun werde.«

Sie trat zu ihm und legte ihm die Hand auf den Arm. »Du willst mich nicht mehr, John?« Ihre Stimme war sanft und kosend. »Wenn ich dir nun sagte, daß ich mich geirrt habe? Wenn ich dir sagen würde, daß ich sehr unglücklich bin? Und ich bin es tatsächlich. Und ich habe mich auch geirrt.««

Meßner begann ängstlich zu werden. Er merkte, daß seine Kraft unter dem leichten Druck der Hand zu schmelzen begann. Er lief Gefahr, die Herrschaft über die Situation zu verlieren, seine ganze wunderbare Ruhe war im Begriff, sich zu verflüchtigen. Sie sah ihn mit sanften Blicken an, und auch er wurde weich. Er fühlte sich am Rande eines Abgrundes, außerstande, der Kraft zu widerstehen, die ihn zu überwältigen drohte.

»Ich möchte gern zu dir zurückkehren, John. Ich komme heute zu dir zurück ... jetzt gleich.«

Wie in einem Alpdruck kämpfte er mit sich unter der Berührung ihrer Hand. Während sie sprach, schien ihm, als lausche er dem leise wiegenden Gesang der Loreley. Es war, als spielte irgendwo ein Klavier.

Plötzlich sprang er auf, schob sie, als sie ihn zu umarmen versuchte, von sich und flüchtete zur Tür. Er war von panischer Furcht ergriffen.

»Ich werde irgend etwas Verrücktes tun«, rief er.

»Ich habe dir doch den Rat gegeben, dich nicht aufzuregen«, lachte sie spöttisch und trat an den Ofen hinüber, um die Teller abzuwaschen. »Keiner sehnt sich nach dir. Ich habe nur ein bißchen mit dir gespielt. Ich bin glücklicher, wo ich jetzt bin.«

Aber Meßner glaubte ihren Worten nicht. Er erinnerte sich, mit welcher Leichtigkeit sie stets die Front wechseln konnte. Jetzt hatte sie dasselbe getan. Es war eine Ausbeutung auf Umwegen. Sie war nicht glücklich bei dem andern Manne. Sie hatte entdeckt, daß sie eine Dummheit gemacht hatte. Bei diesem Gedanken loderte seine Eitelkeit auf. Sie wäre gern zu ihm zurückgekehrt, und doch war das das Einzige, was er nicht wünschte. Ohne es zu wissen, drückte er den Türgriff nieder.

»Du brauchst nicht wegzulaufen«, lachte sie. »Ich beiße dich nicht.«

»Ich laufe nicht weg«, erklärte er mit kindischem Trotz, während er sich gleichzeitig die Fäustlinge anzog. »Ich will nur etwas Wasser holen.«

Er nahm die leeren Eimer und Töpfe und öffnete die Tür. Dabei warf er einen Blick auf sie zurück.

»Und vergiß nicht, Herrn ... hm ... Herrn Haythorne zu erzählen, wer ich bin.«

Meßner zerschlug die Kruste, die sich im Laufe einer Stunde auf dem Wasser gebildet hatte, und füllte seine Eimer. Aber er kehrte nicht gleich nach der Hütte zurück. Er ließ die Eimer am Wege stehen und ging schnell auf und nieder, um nicht zu frieren, denn die Kälte biß wie Feuer in seiner Haut. Sein Bart war von dem gefrorenen Atem schon wieder ganz weiß geworden, als die erstaunten und zornigen Brauen endlich zur Ruhe kamen und sein Gesicht einen Ausdruck von Entschlossenheit annahm. Er hatte sich entschieden und wußte, welchen Weg er gehen sollte. Seine kalten Lippen und Wangen verzerrten sich zu einem Lächeln, als er daran dachte. Es hatte sich schon eine Eisschicht auf den Eimern gebildet, als er sie aufnahm und sich nach der Hütte begab.

Als er eintrat, sah er, daß der andere auf ihn wartete. Er stand am Ofen und sein Benehmen war von einer gewissen steifen, unbeholfenen Unsicherheit geprägt.

Meßner stellte seine Eimer und Töpfe nieder.

»Freut mich, Ihre Bekanntschaft zu machen, Graham Womble«, sagte er in konventionellem Ton, als ob sie einander vorgestellt wären.

Aber er reichte dem andern nicht die Hand. Womble seinerseits blickte ihn unfroh an. Er fühlte gegen Meßner den Haß, den man immer geneigt ist, gegen den zu empfinden, dem man ein Unrecht angetan hat.

»Sie sind also der Kerl«, sagte Meßner mit betontem Erstaunen. »Na, sehr gut ... sehen Sie, ich freue mich tatsächlich, Sie kennenzulernen. Ich bin etwas ... na, etwas neugierig darauf gewesen, was Theresa an Ihnen gefunden hat ... wo, sozusagen, das Verführerische in Ihnen stecke. Na ja.«

Und er blickte den anderen von oben bis unten an, ungefähr wie ein Pferd, das man kaufen will.

»Ich weiß natürlich, was Sie mir gegenüber empfinden müssen«, begann der andere.

»Reden wir nicht davon«, unterbrach ihn Meßner mit übertriebener Herzlichkeit in Stimme und Benehmen. »Reden wir nicht davon. Was ich wissen möchte, ist, wie Sie Theresa finden? Entspricht sie Ihren Erwartungen? Hat sie sich gut aufgeführt? Ist das Leben seitdem nur ein glücklicher Traum gewesen?«

»Sei nicht so dumm«, unterbrach ihn Theresa.

»So bin ich nun mal«, klagte Meßner.

»Sie können sehr gut einsichtig und praktisch dabei sein«, sagte Womble scharf. »Wir möchten jetzt gern wissen, was Sie zu tun gedenken?«

Meßner machte eine gutgelungene Bewegung völliger Hilflosigkeit. »Ich weiß wirklich nicht. Es ist eine von den unvorhergesehenen Situationen, auf die man sich nicht vorbereiten kann.«

»Wir können nicht alle drei hier in der Hütte bleiben.«

Meßner nickte beifällig.

»Einer von uns muß gehen.«

»Das steht fest«, stimmte Meßner ihm bei. »Wenn drei nicht denselben Raum zur selben Zeit einnehmen können, muß einer von ihnen verschwinden.«

»Und dieser Eine sind Sie«, erklärte Womble barsch. »Es sind nur zehn Meilen bis zum nächsten Lager, und das können Sie ohne Schwierigkeit machen.«

»Hier steckt der erste Fehler in Ihrer Folgerung«, wandte Meßner ein. »Warum soll gerade ich es sein, der gehen muß? Ich habe diese Hütte zuerst gefunden.«

»Aber Teß kann doch nicht gehen«, erklärte Womble. »Ihre Lunge ist schon angegriffen.«

»Da haben Sie natürlich recht. Sie kann in dieser Kälte keine zehn Meilen riskieren. Sie muß also auf jeden Fall hierbleiben.«

»Dann ist es also, wie ich gesagt habe«, erklärte Womble in einem Ton, der die Aussprache abschließen sollte.

Meßner räusperte sich. »Ihre Lunge ist doch ganz in Ordnung, nicht wahr?«

»Ja, natürlich, aber was hat meine Lunge damit zu tun?«

Wieder räusperte der andere sich und begann dann mit peinlicher und überlegener Gelassenheit zu sprechen.

»Mein Gott, gar nichts, nur – na, daß es eben, wie Sie selbst sagen, keinen Grund gibt, warum Sie die Kälte nicht ertragen sollten, jedenfalls die schäbigen zehn Meilen. Das ist für Sie doch keine Schwierigkeit.«

Womble warf Theresa einen schnellen, mißtrauischen Blick zu und entdeckte in ihren Augen eine Andeutung von belustigter Ueberraschung.

»Nun?« fragte er.

Sie zögerte, und eine Welle von Zorn verdunkelte ihr Gesicht. Er wandte sich zu Meßner.

»Genug damit. Hier können Sie nicht bleiben.«

»Selbstverständlich kann ich.«

»Ich würde es nicht zugeben.« Womble zuckte geringschätzig die Schultern. »Die Entscheidung hier treffe ich.«

»Ich werde aber trotzdem bleiben«, beharrte der andere.

»Dann werde ich Sie hinauswerfen.«

»Dann werde ich wiederkommen.«

Womble machte eine Pause; um seine Stimme zu festigen und die Selbstbeherrschung wiederzugewinnen. Dann begann er langsam und mit leiser, nervöser Stimme zu sprechen.

»Sehen Sie, Meßner, wenn Sie es ablehnen, von hier wegzugehen, muß ich Sie verprügeln. Wir sind hier nicht in Kalifornien. Ich werde Sie mit meinen Fäusten zu Brei schlagen.«

Meßner zuckte die Achseln.

»Wenn Sie das tun, werde ich eine Versammlung der Goldgräber einberufen und das Vergnügen haben, Sie an einem Strick am nächsten Baum baumeln zu sehen. Wie Sie ganz richtig bemerken, sind wir hier nicht in Kalifornien. Es sind einfache Leute, die Goldgräber hier, und ich brauche nichts zu tun, als ihnen die Merkmale der Schläge zu zeigen, die Wahrheit über Sie zu erzählen und ihnen meine Ansprüche auf meine Frau vorzutragen.«

Die Frau machte einen Versuch zu sprechen, aber Womble wandte sich heftig zu ihr.

»Du verhältst dich ruhig«, rief er.

In scharfem Gegensatz dazu standen die Worte Meßners: »Bitte misch dich nicht hinein, Theresa.«'

Wie es sich auch mit ihrem Zorn verhielt, jedenfalls wurde ihre Lunge so gereizt, daß sie einen Anfall von dem trockenen, harten Husten bekam. Sie stand, mit gerötetem Gesicht und die Hand gegen die Brust gepreßt, da und wartete, bis der Hustenkrampf vorbei war.

Womble warf ihr einen düsteren Blick zu, während er auf ihren Husten lauschte.

»Es muß etwas geschehen«, sagte er. »Ihre Lunge darf nicht der Kälte ausgesetzt werden. Sie darf nicht hinausgehen, ehe es wärmer geworden ist. Und ich verzichte nicht auf sie.«

Meßner räusperte sich, spie aus, räusperte sich wieder, wie um sich zu entschuldigen, und sagte dann: »Ich brauche etwas Geld.«

Im selben Augenblick zeigte sich Verachtung in Wombles Gesicht. Endlich hatte der andere sich erniedrigt und noch elender gemacht, als er selber war.

»Sie haben doch einen tüchtigen Beutel mit Gold«, fuhr Meßner fort. »Ich habe gesehen, wie Sie ihn vom Schlitten nahmen.«

»Wieviel wollen Sie denn haben?« fragte Womble und in seiner Stimme lag ebensoviel Verachtung wie in seinem Gesicht.

»Ich habe eine kleine Schätzung von dem Beutel vorgenommen, und ich sollte meinen ... hm ... ich sollte meinen, daß er ungefähr zwanzig Pfund wiegt. Was würden Sie sagen, wenn wir die Geschichte auf viertausend schätzen?«

»Aber das ist ja alles, was ich besitze, Mensch!« rief Womble.

»Dafür haben Sie sie ja bekommen«, sagte der andere schlau. »Soviel muß sie Ihnen doch wohl wert sein. Denken Sie, was ich dabei aufgebe. Es ist sicher ein angemessener Preis.«

»Gut!« Womble stürzte durch das Zimmer, um den Goldbeutel zu holen. »Es eilt mir, mit Ihnen fertig zu werden, Sie giftiges Gewürm!«

»Jetzt irren Sie sich« lautete die lächelnde Antwort. »In sittlicher Beziehung ist der Mann, der eine Bestechung gibt, genau so schlecht wie der, welcher sie nimmt. Der Hehler ist ebenso schlimm wie der Stehler, wissen Sie ja. Und Sie haben gar keinen Grund, sich damit zu trösten, daß Sie bei diesem kleinen Geschäft der moralisch Ueberlegene sind.«

»Zur Hölle mit Ihrer Sittlichkeit ...« brach es aus dem anderen heraus. »Kommen Sie jetzt schnell und überwachen Sie selbst das Wiegen des Goldes. Ich könnte Sie ja vielleicht betrügen.«

Und die Frau stand in ohnmächtiger Wut an die Schlafstelle gelehnt, dabei und beobachtete, wie sie selbst in Gestalt von gelbem Staub und Goldklumpen auf die Waage gelegt wurde, die auf die Proviantkiste gestellt war. Die Waage war nur klein, und es war deshalb notwendig, die Schale immer wieder zu füllen. Aber Meßner kontrollierte die Arbeit mit pedantischer Genauigkeit.

»Es ist zuviel Silber dazwischen«, bemerkte er, als er den Goldsack wieder zuband. »Ich glaube nicht, daß es volle sechszehn Dollar die Unze gibt. Sie sind etwas besser dabei weggekommen als ich, Womble.«

Er hob den Sack liebevoll auf und trug ihn mit gehöriger Hochschätzung des wertvollen Inhaltes zu seinem Schlitten hinaus. Dann kehrte er zurück, nahm seine Kannen und Töpfe, verpackte alles in der Proviantkiste und rollte seine Bettdecken zusammen. Als der Schlitten geladen und die Hunde angeschirrt waren, kehrte er noch einmal in die Hütte zurück, um seine Fäustlinge zu holen.

»Guten Abend, Teß«, sagte er, als er in der Tür stand.

Sie wandte ihm ihr Gesicht zu und rang nach Worten, war aber zu erregt, um der Leidenschaft, die in ihr tobte, Ausdruck verleihen zu können.

»Guten Abend, Teß«, sagte er, als er in der offenen Tür stand.

»Bestie!« gelang es ihr hervorzustoßen.

Dann drehte sie sich um, wankte zum Bett hin und warf sich darauf. Sie barg ihr Gesicht in die Decke und schluchzte: »Ihr Bestien! O ihr Bestien!«

John Meßner schloß leise die Tür hinter sich, und als er die Hunde angetrieben hatte, warf er einen letzten Blick auf die Hütte, während große Erleichterung in seinem Gesicht geschrieben stand. Er ließ den Schlitten wieder am Fuße des Abhangs neben dem Wasserloch halten. Er zog den Goldbeutel unter den Riemen hervor und trug ihn zum Wasserloch. Es hatte sich schon eine neue Schicht von Eis darauf gebildet. Er zerschlug sie mit der Faust. Dann löste er den Knoten, der den Beutel schloß, mit den Zähnen und schüttete den ganzen Inhalt in das Wasser. An dieser Stelle war der Fluß sehr seicht und zwei Fuß unter der Oberfläche konnte er das gelbe Gold auf dem Grunde düster glänzen sehen. Er spie in das Loch hinein.

Dann ließ er die Hunde den Weg am Yukon entlanglaufen. Sie heulten müde und zeigten keine Lust zur Arbeit. Er selbst klammerte sich mit der rechten Hand an die Lenkstange. Mit der Linken rieb er sich Nase und Wangen. Als die Hunde um eine Ecke bogen, stolperte er über das Seil.

»Vorwärts, ihr armen, wundfüßigen Tiere!« rief er. »Immer vorwärts!«

 << Kapitel 7  Kapitel 9 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.