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Drei Sonnen am Himmel

Jack London: Drei Sonnen am Himmel - Kapitel 5
Quellenangabe
typenarrative
authorJack London
titleDrei Sonnen am Himmel
publisherBüchergilde Gutenberg
year1934
translatorErwin Magnus
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150703
projectid3fc9a5e0
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Braunwolf

Das Gras war feucht vom Tau. Sie mußte deshalb Ueberschuhe anziehen und verspätete sich dadurch etwas. Als sie dann endlich aus dem Hause trat, fand sie ihren wartenden Gatten in Bewunderung vor einer Mandelknospe; die sich soeben öffnete. Sie warf einen suchenden Blick über das hohe Gras und nach den Obstbäumen.

»Wo ist Wolf?« fragte sie.

»Soeben war er noch da!« Walt Irvine riß sich mit einem Ruck aus den philosophischen und poetischen Betrachtungen, zu denen ihn das organische Wunder der Blume veranlaßt hatte, und überblickte prüfend die Landschaft. »Als ich ihn zuletzt sah, jagte er gerade einem Kaninchen nach.«

»Wolf! Wolf! Hierher, Wolf!« rief sie, als sie die Lichtung verließ und den Steg einschlug, der durch das Manzanillagebüsch mit den wächsernen Glockenblumen nach der Landstraße hinunterführte.

Irvine steckte seine beiden kleinen Finger zwischen die Lippen und unterstützte die Bemühungen seiner Frau durch einen schrillen Pfiff.

Sie hielt sich schnell die Hände vor die Ohren und zog eine Grimasse.

»Mein Gott, daß ein Dichter wie du, mit deinen zarten Nuancen und allem, was dazu gehört, so gräßliche Geräusche machen kann! Du zerreißt mir ja das Trommelfell. Dein Pfeifen –«

»Orpheus.«

»Und ich wollte gerade Straßenjunge sagen«, schloß sie streng.

»Das Dichten hindert nicht, daß man auch praktisch sein kann – jedenfalls hindert es mich nicht daran. Ich gehöre nicht zu den unnützen Genies, die nicht imstande sind, ihre Juwelen den Zeitschriften zu verkaufen.«

Er steckte eine Miene scherzhafter Ueberlegenheit auf und fuhr fort:

»Ich bin kein Barde, der in einer Mansarde haust, aber ebensowenig bin ich ein Salondichter. Und warum? Weil ich praktisch bin. Meine Dichtung ist keine schmutzige kleine Pfütze, die man nicht als anständigen Tauschwert ansieht und in eine blumengeschmückte Villa, eine süße Gebirgsquelle, einen Hain von Rotholzbäumen, einen Obstgarten mit siebenunddreißig Bäumen, eine lange Reihe von Brombeersträuchern und zwei kürzere Reihen von Stachelbeerbüschen verwandeln kann – gar nicht zu reden von einer Viertelmeile leise rieselnden Baches. Ich bin ein Verkäufer der Schönheit, und mein Ziel ist das Nützliche, liebe Madge. Ich singe mein Lied, und dank den Redakteuren der Zeitschriften verwandle ich diesen meinen Gesang in das Rauschen des Westwindes, der durch die Tannen seufzt, in das Murmeln des Wassers über bemooste Steine, das mir wiederum ein anderes Lied vorsummt, anders als das meine und doch dasselbe, nur in ... hm ... wunderbarer Verwandlung.«

»Wenn nur alle deine Liederverwandlungen wirklich so erfolgreich wären«, lachte sie.

»Nenne mir eine, die es nicht war.«

»Die beiden schönen Sonette, die du in eine Kuh verwandeltest, die in der ganzen Gegend als die schlechteste Milchkuh berüchtigt war.«

»Sie war aber schön«, begann er.

»Aber Milch gab sie nicht«, unterbrach ihn Madge.

»Aber schön war sie wirklich ... oder etwa nicht?« drängte er.

»Hier ist also ein Fall, bei dem Schönheit und Nutzen nicht übereinstimmen«, lautete ihre Antwort.

»Und da ist unser Wolf.«

Von dem mit Buschwerk bewachsenen Hang hörten sie das Knacken trockener Zweige, und dann erschienen – vierzig Fuß über ihnen – am Rande der steilen Felswand der Kopf und die Schultern eines Hundes. Seine Vorderpfoten stemmten sich hart gegen einen Stein, daß er sich löste. Mit gespitzten Ohren und spähenden Blicken folgte er dem Sturz des Steines, bis er vor die Füße der beiden Menschen fiel. Dann blickte er hinab und lachte sie mit offenem Maul an.

»Du Wolf! Was machst du denn?« und »Du süßer Wolf!« riefen der Mann und die Frau zu ihm hinauf.

Die Ohren bewegten sich beim Klang der Stimmen hin und her, und es sah aus, als ob der Kopf sich unter den Liebkosungen einer unsichtbaren Hand duckte.

Sie sahen ihn rücklings in das Dickicht kriechen und gingen dann weiter. Einige Minuten später schloß sich der Hund, der einer Biegung des Weges, wo der Abhang weniger schroff war, gefolgt war, ihnen in einer Miniaturlawine von kleinen Steinen und losem Kies an. Er war nicht aufdringlich in seiner Zärtlichkeit. Ein leichtes Klopfen und ein Streicheln über die Ohren vom Mann und eine etwas länger anhaltende Liebkosung von der Frau – und schon war er wieder den Weg ein Stückchen weitergelaufen. Nach echter Wolfsart glitt er mühelos über den Boden dahin.

Nach Körperbau, Pelz und Rute schien er ein richtiger Wolf zu sein, nur Farbe und Zeichnung straften das wölfische Aussehen Lügen. Darin verriet sich der Hund unverkennbar. Nie hatte ein Wolf eine Farbe gehabt wie er. Er war braun, tiefbraun, rotbraun, eine Orgie von Braun. Rücken und Schultern waren von einem warmen Braun, das an den Seiten blasser und unter dem Bauch zu einem Gelb wurde, das etwas schmutzig erschien, weil es mit Braun vermischt war. Das Weiß an Kehle und Pfoten und die hellen Flecke über den Augen wirkten ebenfalls etwas trübe, weil sich auch dort das Braun hartnäckig und unverwüstlich geltend machte. Selbst die Augen waren wie Zwillingstopase aus Gold und Braun.

Der Mann und die Frau liebten den Hund sehr, vielleicht nur deshalb, weil es so schwer gewesen war, seine Liebe zu erringen. Es war gar nicht so einfach gewesen, als er plötzlich in geheimnisvoller Weise aus dem Nichts in ihrer Bergvilla auftauchte. Seine Füße waren wund gewesen, und er selbst war ausgehungert. Vor ihren Fenstern hatte er ein Kaninchen getötet, war dann fortgekrochen und hatte sich bei der Quelle am Rande des Brombeergebüsches schlafen gelegt. Als Walt Irvine hinunter kam, um sich den Eindringling anzusehen, wurde er für seine Mühe angeknurrt, und ebenso erging es Madge, als sie ihm ein Friedensopfer in Gestalt einer großen Schüssel mit Brot und Milch gebracht hatte.

Er erwies sich als ein äußerst ungesellig veranlagter Hund, wollte sich nicht anrühren lassen und bedrohte sie, als sie es versuchten, mit gefletschten Zähnen und gesträubtem Haar. Nichtsdestoweniger blieb er, schlief an der Quelle, ruhte sich aus und fraß das Futter, das sie ihm gaben, nachdem sie es in sicherer Entfernung hingestellt und sich wieder zurückgezogen hatten. Seine schwer angegriffene Körperverfassung erklärte sein Bleiben zur Genüge. Und wenige Tage später, als er sich erholt hatte, verschwand er wieder.

Und damit wäre seine Geschichte wohl beendet gewesen, jedenfalls insofern Walt Irvine und seine Frau in Betracht kamen, wäre Irvine nicht ausgerechnet in jenen Tagen nach dem nördlichen Teile des Staates gerufen worden. Vom Zuge aus warf er zufällig – irgendwo zwischen Kalifornien und Oregon – einen Blick zum Fenster hinaus und sah seinen ungeselligen Gast, der neben dem Gleise herlief, braun und wolfsartig, müde, aber doch unermüdlich, vom Staub und Schmutz einer Wanderung von zweihundert Meilen bedeckt.

Nun war Irvine sehr impulsiv – war er doch ein Dichter. Er stieg an der nächsten Station aus, kaufte beim Schlächter ein Stück Fleisch und erwischte den Vagabunden am Rande der Stadt. Die Rückfahrt unternahmen beide in einem Güterwagen, und auf diese Weise kam Wolf zum zweiten Male nach der Bergvilla. Hier wurde er eine ganze Woche gemästet, und sowohl Mann wie Frau warben um seine Liebe. Aber es war ein sehr vorsichtiges Liebeswerben. Zurückgezogen und fremd wie ein Wanderer von einem anderen Stern knurrte er nur als Antwort auf ihre sanften Liebesworte. Er bellte nie. Seit er bei ihnen war, hatten sie ihn nie bellen hören.

Wie sie ihn gewinnen sollten, wurde ein wahres Problem für sie. Irvine liebte alle Probleme. Er ließ ein Messingschild verfertigen, auf dem graviert stand: An Walt Irvine, Glen Ellen, Sonoma, Kalifornien, zurücksenden. Dieses Schild wurde am Halsband befestigt und hing somit um den Hals des Hundes. Dann wurde er wieder losgelassen und verschwand natürlich auch prompt. Tags darauf kam ein Telegramm aus Mendocino. In zwanzig Stunden hatte der Hund eine Strecke von hundert Meilen nach Norden zurückgelegt und war auch noch unterwegs, als er erwischt wurde.

Er kehrte mit dem Wells Fargo Express zurück, wurde drei Tage gepäppelt, am vierten wieder losgelassen und lief abermals weg. Diesmal erreichte er das südliche Oregon, ehe er wieder gefangen und zurückgeschickt wurde. Kaum hatte er seine Freiheit wiedererlangt, so entfloh er auch schon, und immer lief er auf seinen Fluchtversuchen nordwärts. Er war von einem Wahn besessen, der ihn immer wieder nach dem Norden trieb. Es war offenbar der Heim-Instinkt, wie Irvine es nannte, nachdem er das ganze Honorar für ein Sonett ausgegeben hatte, um das Tier aus dem nördlichen Oregon zurückzubekommen.

Ein andermal gelang es dem braunen Vagabunden, halb Kalifornien, ganz Oregon und den größten Teil von Washington zu durchstreifen, ehe er erwischt und mit der Bemerkung »Gefunden« zurückgeschickt wurde. Besonders bemerkenswert war die Schnelligkeit, mit der er seine Wanderungen unternahm. Wenn er gemästet und ausgeruht war, verwandte er, sobald er wieder frei wurde, seine ganze Energie auf das Laufen. Es wurde festgestellt, daß er am ersten Tage nicht weniger als hundertfünfzig Meilen zurücklegte und danach, bis er gefangen wurde, durchschnittlich hundert Meilen täglich machte. Er kam immer mager, hungrig und verwildert zurück, lief aber, sobald er kräftig und ausgeruht war, wieder fort und bahnte sich seinen Weg nach dem Norden, alles irgendeiner kategorischen Forderung seines Blutes zufolge, die keiner verstand.

Nachdem er jedoch ein ganzes Jahr vergebens zu entfliehen versucht hatte, fand er sich in das Unvermeidliche und entschloß sich, in der Villa zu bleiben, wo er das erstemal ein Kaninchen getötet und an der Quelle geschlafen hatte. Doch selbst nach diesem Entschluß verging noch längere Zeit, bis der Mann und die Frau ihre Bemühung, ihn zu streicheln, wirklich von Erfolg gekrönt sahen. Es war ein großer Sieg, denn sie allein durften ihn anrühren. Er war sehr wählerisch, und es gelang keinem Gast der Villa, ihn je zu berühren. Ein langes Knurren begrüßte jeden Versuch dieser Art. Wenn jemand wirklich den Mut bewies, sich dennoch zu nähern, fletschte der Hund die Zähne, und das Murren wurde zu einem wilden Knurren, das so furchtbar und bösartig war, daß es selbst dem Tapfersten Respekt einflößte, wie es auch den Hunden der Bauern Schrecken einjagte, die zwar das übliche Hundeknurren kannten, aber noch nie das Fauchen eines Wolfes erlebt hatten.

Er hatte keine Vorgeschichte. Sein Leben begann sozusagen mit Walt und Madge. Er war aus dem Süden gekommen, aber sie hatten nie das geringste von dem Besitzer gehört, dem er doch offenbar entlaufen war. Frau Johnson, ihre nächste Nachbarin, die sie mit Milch versorgte, erklärte, daß er augenscheinlich ein Klondike-Hund sei. Ihr Bruder hatte in jenem fernen Lande nach aufgegebenen Goldadern gesucht, und sie hielt sich deshalb für eine besondere Autorität auf diesem Gebiete.

Aber sie stritten sich gar nicht mit ihr in dieser Frage. Denn an beiden Ohren Wolfs waren die Spitzen augenscheinlich einmal so ernsthaft erfroren gewesen, daß sie nie wieder vollkommen heilen wollten. Außerdem sah er ganz wie die Photographien von Alaskahunden aus, die sie in den Magazinen und Zeitungen fanden. Sie dachten oft über seine Vergangenheit nach und versuchten sich aus allem, was sie gehört und gelesen hatten, sein Leben dort im Nordlande zu rekonstruieren. Daß dieses Land im hohen Norden ihn immer wieder anzog, wußten sie ja schon. Noch jetzt konnte es geschehen, daß sie ihn nachts leise heulen hörten. Und wenn der Wind aus Norden wehte und schneidender Frost in der Luft war, konnte eine große Unruhe über ihn kommen, so daß er ein langes Klagen erhob, von dem sie wußten, daß es Wolfsgeheul war. Aber bellen tat er nie. Keine Herausforderung konnte ihm diesen Hundelaut entlocken.

In der Zeit, da sie ihn zu gewinnen trachteten, hatten sie lange Aussprachen, wem von ihnen beiden der Hund eigentlich gehörte. Sie erhoben beide Anspruch auf ihn, und jedesmal, wenn er ihnen Zärtlichkeiten erwies, erklärte jeder von ihnen, daß sie ihm gegolten hätten. Anfangs war der Mann am besten daran, wenn auch hauptsächlich eben deshalb, weil er ein Mann war. Es war ganz einleuchtend, daß Wolf keine Erfahrungen mit Frauen gemacht hatte. Er verstand die Frauen einfach nicht. Madges Röcke waren etwas, das ihm nie ganz recht war. Ihr Rascheln genügte, daß sich ihm die Haare sträubten, und an windigen Tagen konnte sie ihm überhaupt nicht nahe kommen.

Andererseits aber war es Madge, die ihm sein Futter gab. Sie war es auch, die in der Küche herrschte und mit deren Genehmigung – und nur dann – er das heilige Gebiet der Küche betreten durfte. Dank diesen besonderen Verhältnissen gelang es ihr, das Hindernis, das ihre Kleider schufen, zu überwinden. Da aber gab Walt sich ganz besondere Mühe, indem er es zur Gewohnheit machte, daß Wolf zu seinen Füßen lag, wenn er schrieb. Freilich verlor er dadurch sehr viel Zeit, weil er ihn immer wieder streicheln oder anreden mußte. Schließlich errang Walt auf diese Weise den Sieg, der aber wahrscheinlich nur dadurch bedingt wurde, daß er eben ein Mann war. Madge versicherte freilich, daß sie eine Viertelmeile von einem weiteren rieselnden Bach und mindestens noch zwei durch ihren Tannenwald seufzende Westwinde gehabt haben würden, wenn Walt seine Energie hauptsächlich auf die Verwandlung von Liedern verwendet und es Wolf überlassen hätte, unbeeinflußt seinem angeborenen Geschmack und seiner Urteilskraft zu folgen.

»Es ist übrigens Zeit, daß du mich an das Sonett erinnerst«, sagte Walt nach fünf Minuten langem Schweigen, während sie den Weg ruhig weitergegangen waren. »Es wird ein Scheck auf dem Postamt liegen, denke ich, und wir werden ihn gleich in schönes Buchweizenmehl, ein Glas Honig und ein Paar neue Schuhe für dich verwandeln.«

»Und in schöne Milch von der schönen Kuh der Frau Johnson«, fügte Madge hinzu. »Morgen ist nämlich der Erste, daß du es weißt.«

Walt blickte, ohne es zu wissen, ein wenig finster drein, dann aber erhellte sich sein Gesicht wieder, und er schlug mit der Hand auf die Brusttasche.

»Nun laß nur. Ich habe hier eine sehr schöne neue Kuh, die beste Milchkuh in ganz Kalifornien.«

»Wann hast du sie geschrieben?« fragte sie eifrig und fügte tadelnd hinzu: »Und mir hast du sie nicht gezeigt?«

»Ich habe sie aufbewahrt, um sie dir an einer besonderen Stelle vorzulesen, wie hier zum Beispiel«, antwortete er und wies mit der Hand auf einen trockenen Baumstamm, auf den sie sich setzen konnten.

Ein schmaler Bach kam aus dichtem Farngestrüpp, rann über bemooste Steine unmittelbar zu ihren Füßen über den Weg. Aus dem Tal hörten sie den süßen Gesang der Feldlerchen, während große, gelbe Schmetterlinge über ihren Köpfen vom Schatten in den Sonnenschein und wieder zurück flatterten.

Von unten stieg noch ein anderes Geräusch zu ihnen empor und störte Walt, als er gerade beginnen wollte, leise aus seinem Manuskript vorzulesen. Es war das Stapfen schwerer Füße, hin und wieder unterstrichen vom Rascheln eines Steines, der unter den Füßen hinwegglitt. Als Walt zu Ende gelesen hatte und seine Frau anblickte, um ihr Urteil zu hören, tauchte an der Wegbiegung ein Mann auf. Er war barhaupt und verschwitzt. In der einen Hand hielt er ein Taschentuch, mit dem er sich das Gesicht abwischte, während er in der anderen einen neuen Hut und einen zerknitterten Kragen trug, den er abgelegt hatte. Es war ein kräftig gebauter Mann, und die Muskeln quollen ihm aus seinem peinlich neuen, fertiggekauften Anzug heraus.

»Heiß heute«, begrüßte ihn Walt. Walt hegte großes Vertrauen zu ländlicher Demokratie und ließ nie eine Gelegenheit vorbeigehen, ohne sie in die Praxis umzusetzen.

Der Mann blieb stehen und nickte.

»Das will ich glauben. Ich bin nicht so an die Wärme gewöhnt«, meinte er, sich halb entschuldigend. »Ich bin mehr für die Temperatur um Null herum.«

»Die werden sie hierzulande kaum finden«, lachte Walt.

»Scheint mir auch nicht«, gab der Mann zur Antwort. »Aber ich bin auch nicht hierhergekommen, um mich danach umzusehen. Ich suche meine Schwester. Vielleicht wissen Sie, ob sie noch am Leben ist. Sie heißt Johnson. Frau William Johnson.«

»Dann sind Sie der Bruder aus Klondike«, rief Madge, und ihre Augen blitzten vor Neugierde »Von Ihnen haben wir schon viel gehört.«

»Ja, meine Dame, der Bruder bin ich«, antwortete er bescheiden. Ich heiße Miller. Skiff Miller. Ich dachte mir schon, daß die Leute staunen würden.«

»Da sind Sie auf dem rechten Wege. Nur, daß Sie den Fußsteg gegangen sind.« Madge stand auf, um ihm den Weg zu zeigen. Sie wies nach der Schlucht, die sich eine Viertelmeile weiter oben befand. »Sehen Sie den verbrannten Wald dort oben? Gehen Sie den schmalen Weg, der nach rechts liegt. Das ist der kürzeste Weg nach ihrem Hause. Sie können gar nicht fehl gehen.«

»Jawohl. Ich danke schön, meine Dame, herzlichen Dank«, sagte er.

Er machte verschiedene Versuche, sich zu entfernen, schien aber auf etwas ungeschickte Weise angewachsen zu sein. Er starrte Madge mit einer unverhüllten Bewunderung an, die ihm selbst gar nicht bewußt war, und die – mit ihm selbst – in der steigenden Flut der Verlegenheit ertrank, die sich seiner bemächtigte.

»Wir möchten gern etwas aus Klondike von Ihnen hören«, sagte Madge. »Können wir nicht einmal hinkommen, während Sie bei Ihrer Schwester sind? Oder noch besser – kommen Sie herüber und essen bei uns Mittag!«

»Ja, sehr gern, vielen Dank«, murmelte er ganz mechanisch. Dann raffte er sich auf und fügte hinzu: »Ich bleibe ja nicht lange hier. Ich gehe wieder nach dem Norden. Ich fahre schon heute abend wieder ab. Sehen Sie, ich habe einen Postvertrag mit der Regierung.«

Als Madge ihr Bedauern hierüber ausgedrückt hatte, machte er einen neuen vergeblichen Versuch, zu gehen. Aber er konnte seinen Blick nicht von ihrem Antlitz losreißen. In seiner Bewunderung vergaß er sogar seine Verlegenheit, und jetzt war die Reihe an ihr, zu erröten und verlegen zu werden.

Walt hatte sich soeben entschieden, daß der Augenblick für ihn gekommen war, etwas zu sagen, um die peinliche Situation zu erleichtern, als gerade im rechten Augenblick Wolf, der im Gebüsch herumgeschnüffelt hatte, in seiner Wolfsart angetrottet kam.

Die Verlegenheit Skiff Millers schwand sofort. Die schöne Frau vor ihm entglitt seinem Gesichtskreis. Er hatte nur noch Augen für den Hund. Und ein großes Staunen malte sich auf seinem Gesicht.

»Donnerwetter! Nee, so was!« sagte er langsam und feierlich.

Nachdenklich setzte er sich auf den Stamm, ohne zu bemerken, daß Madge stehen mußte. Beim Klang seiner Stimme hatte Wolf die Ohren zurückgelegt, dann öffnete sich sein Maul zu einem großen Lachen. Er lief langsam zu dem Fremden hin und beroch erst dessen Hände. Dann begann er sie mit seiner Zunge zu lecken.

Skiff Miller klopfte dem Hunde den Kopf und wiederholte dabei langsam und feierlich: »Donnerwetter! Nee, so was!«

»Entschuldigen Sie, meine Dame«, sagte er dann. »Ich wurde eben nur ein bißchen überrascht. Weiter nichts.«

»Wir sind auch überrascht«, antwortete sie leichthin. »Wir haben noch nie erlebt, daß Wolf zu einem Fremden ging.«

»Sie nennen ihn also Wolf?« fragte der Mann.

Madge nickte. »Aber ich kann seine Freundlichkeit gegen Sie gar nicht verstehen, wenn es nicht sein sollte, weil Sie aus Klondike kommen. Er ist ein Klondikehund, wissen Sie.«

»Ja, ja«, sagte Miller geistesabwesend. Er hob eine der Vorderpfoten Wolfs, untersuchte die Fußballen, drückte und betastete sie mit dem Daumen. »Ein bißchen weich geworden«, meinte er dann. »Es ist lange her, daß er unterwegs war.«

»Ich muß gestehen«, unterbrach Walt ihn, »es ist höchst merkwürdig, daß er sich das alles von Ihnen gefallen läßt.«

Skiff Miller stand auf. Jetzt machte die Bewunderung für Madge ihn nicht mehr verlegen. Mit scharfer, geschäftsmäßiger Stimme fragte er:

»Seit wann haben Sie ihn denn?«

Aber eben in diesem Augenblick öffnete der Hund, der seinen Kopf an den Beinen des Fremden rieb und sich an ihn schmiegte, sein Maul und bellte. Es war nur ein einzelner, abgebrochener Laut, kurz und fröhlich, aber es war ein Bellen.

»Das ist ja etwas ganz Neues«, meinte Skiff Miller.

Walt und Madge starrten sich an. Das Wunder war geschehen. Wolf hatte gebellt.

»Das ist das erste Mal, daß ich ihn je bellen gehört habe«, sagte Madge.

»Auch das erstemal, daß ich ihn bellen höre«, erklärte Miller.

Madge lächelte ihn an. Der Mann hatte offenbar Humor.

»Das kann ich mir denken«, sagte sie. »Denn es ist ja erst fünf Minuten her, daß Sie ihn kennen gelernt haben.«

Skiff Miller warf ihr einen scharfen Blick zu, während er in ihrem Gesicht die Tücke zu finden suchte, die er hinter ihren Worten argwöhnte.

»Ich dachte, Sie hätten mich verstanden«, sagte er langsam. »Ich dachte, Sie wären darüber gestolpert, als Sie sahen, wie er zu mir ist. Er ist mein Hund. Und er heißt nicht Wolf. Er heißt Braun.«

»Oh, Walt!« rief Madge unwillkürlich ihrem Manne zu.

Walt hielt sich in der Defensive.

»Wie können Sie wissen, daß es Ihr Hund ist?« fragte er.

»Weil er es ist«, lautete die Antwort.

»Das ist eine billige Behauptung«, sagte Walt scharf.

Skiff Miller sah ihn in seiner langsamen, nachdenklichen Weise an, dann fragte er, während er mit dem Kopf auf Madge wies:

»Woher können Sie denn wissen, daß sie Ihre Frau ist? Sie sagen auch nur: Weil sie es ist, und ich sage, das ist nichts als eine Behauptung. Der Hund gehört mir. Ich habe ihn ernährt und erzogen, und ich glaube, daß ich es wissen muß. Passen Sie auf. Ich werde es Ihnen beweisen.«

Skiff Miller wandte sich zu dem Hunde. »Braun!« Seine Stimme klang scharf und bestimmt, und bei diesem Klang legten sich die Ohren des Hundes wie unter einer Liebkosung zurück. »Rechts!« Der Hund machte eine Schwenkung nach rechts. »Jetzt gerade aus.« Und der Hund hielt plötzlich in seiner Schwenkung inne und lief in Uebereinstimmung mit dem Befehl geradeaus.

»Ich kann es auch mit Pfeifen machen«, sagte Miller stolz. »Er war mein Leithund.«

»Aber Sie werden ihn doch nicht mitnehmen?« fragte Madge zitternd.

Der Mann nickte.

»Wieder nach dem schrecklichen Klondike, wo man soviel durchmachen muß?«

Er nickte und fügte hinzu: »Oh, das ist gar nicht so schlimm. Sehen Sie mich an. Ich bin doch ein ziemlich gesundes Exemplar, nicht wahr?«

»Aber die Hunde! Das furchtbar harte Leben, die herzzerbrechende Arbeit, der Hunger, die Kälte! Oh, ich habe soviel davon gelesen, ich weiß Bescheid.«

»Ich war mal nahe daran, ihn zu essen, am Kleinen Fischfluß«, berichtete Miller barsch. »Wenn ich nicht zufällig am selben Tage einen Elch geschossen hätte – das war das einzige, was ihn rettete ...«

»Ich wäre lieber gestorben«, rief Madge.

»Hier liegen die Dinge anders«, erklärte Miller. »Sie brauchen keine Hunde zu essen. Wenn Sie aber mitten drin sitzen, dann denken Sie eben ganz anders über die Sache. Sie waren eben niemals mitten drin und wissen daher auch nichts davon.«

»Das ist es ja eben«, wandte sie eifrig ein. »Hier in Kalifornien ißt man keine Hunde. Warum wollen Sie ihn da nicht hierlassen? Er ist glücklich hier. Er wird nie Futter entbehren müssen, das wissen Sie. Er wird nie unter Härte oder Kälte zu leiden haben. Hier ist weder der Mensch noch die Natur wild und grausam. Hier ist alles sanft und freundlich. Er lernt nie wieder eine Peitsche kennen. Und was das Wetter betrifft? Nun, hier schneit es überhaupt nie.«

»Dafür ist auch eine ganz verfluchte Hitze im Sommer. Sie müssen schon entschuldigen«, lachte Skiff Miller.

»Aber Sie haben mir noch nichts geantwortet«, fuhr Madge leidenschaftlich fort. »Was für ein Leben können Sie ihm dort im Norden bieten?«

»Lebensmittel, wenn ich welche habe, und die hab' ich ja meistens«, lautete die Antwort.

»Und sonst?«

»Keine Lebensmittel.«

»Und die Arbeit?«

»Selbstverständlich – eine ganze Menge Arbeit«, fuhr es ungeduldig aus Miller heraus. »Arbeit ohne Ende, Hunger und Kälte und alles mögliche andere Elend, alles kriegt er, wenn er mit mir geht. Aber das liebt er eben. Das ist er gewöhnt. Das ist das Leben, wie er es kennt. Dazu ist er geboren und erzogen. Aber Sie wissen nichts davon. Sie haben keine Ahnung, wovon Sie sprechen. Aber der Hund gehört eben dorthin. Und dort ist er auch am glücklichsten.«

»Aber der Hund wird nicht gehen«, erklärte Walt entschlossen. »Wir brauchen die Sache also gar nicht weiter zu erörtern.«

»Was soll das heißen?« fragte Skiff Miller. Er zog die Augenbrauen hoch, und eine Blutwelle rötete seine trotzige Stirn.

»Ich sage, daß der Hund gar nicht gehen wird, und damit ist die Sache erledigt. Ich glaube auch gar nicht, daß es Ihr Hund ist. Vielleicht haben Sie ihn irgendwo gesehen. Vielleicht haben Sie ihn schon einmal seinem Besitzer weggenommen. Aber der Umstand, daß er auf die üblichen Kommandos der Alaskafahrer hört, beweist noch lange nicht, daß der Hund Ihnen gehört. Jeder Hund aus Alaska würde Ihnen ebenso gehorchen wie er. Außerdem ist er offenbar ein wertvolles Tier, wie es die Hunde in Alaska sein sollen, und das erklärt zur Genüge, daß Sie ihn gern haben möchten. Jedenfalls müssen Sie zuerst beweisen, daß er Ihnen gehört.«

Skiff Miller blieb kalt und ruhig, aber die trotzige Röte seiner Stirn wurde noch ein wenig dunkler, und die starken Muskeln unter dem dunklen Anzug strafften sich. Er sah sich den Dichter von oben bis unten an, um die Stärke seiner schlanken Gestalt zu prüfen.

Das Gesicht des Klondikers nahm einen verächtlichen Ausdruck an, als er schließlich sagte: »Ich sehe nichts, was mich hindern könnte, den Hund an Ort und Stelle und in diesem Augenblick mitzunehmen.«

Das Gesicht Walts wurde flammend rot, und die Muskeln an seinen Armen und Schultern schienen sich zu straffen. Seine Frau sprang ängstlich in die Bresche.

»Vielleicht hat Herr Miller recht«, sagte sie. »Ich meinerseits fürchte, daß er es hat. Wolf scheint ihn zu kennen und hört offenbar auf den Namen Braun. Er war auch sehr zutraulich zu ihm, und du weißt ja, daß er das noch nie gewesen ist. Denk auch daran, wie er gebellt hat. Das war einfach ein Freudenausbruch. Und Freude worüber? Ohne Zweifel, weil er Herrn Miller gefunden hat.«

Walts Muskeln entspannten sich, und er ließ hoffnungslos die Schultern wieder sinken.

»Ich fürchte, du hast recht, Madge«, sagte er. »Wolf ist nicht Wolf, sondern Braun und gehört sicher Herrn Miller.«

»Aber vielleicht verkauft Herr Miller ihn«, schlug sie vor. »Wir könnten ihn ja kaufen.«

Skiff Miller schüttelte den Kopf. Er war nicht mehr kriegerisch, sondern freundlich gesinnt und wollte sich gern ebenso großzügig zeigen, wie man es ihm gegenüber war.

»Ich hatte fünf Hunde«, sagte er, während er nachdachte, wie er seiner Ablehnung die sanfteste Form geben könnte. »Er war der Leithund. Es war das beste Gespann von ganz Alaska. Es hatte nicht seinesgleichen. Ich lehnte 1898 ein Angebot von fünftausend Dollar dafür ab. Damals standen Hunde überhaupt hoch im Preise, aber das war es nicht, was den Preis so phantastisch machte. Es war das Gespann an sich. Braun war der beste von ihnen. In dem Winter schlug ich zwölfhundert Dollar für ihn ab. Ich verkaufte ihn damals nicht, und ich will ihn auch jetzt nicht verkaufen. Außerdem habe ich verdammt viel übrig für den Hund. Seit drei Jahren sehne ich mich nach ihm. Ich wurde beinahe krank, als ich entdeckte, daß er gestohlen war ... nicht seines Wertes wegen, sondern weil ... na, weil ich ihn verflucht lieb habe, das ist es eben, ich bitte um Entschuldigung, meine Dame. Ich wollte meinen Augen nicht trauen, als ich ihn jetzt sah. Ich glaubte einfach zu träumen. Es war zu schön, um wahr zu sein. Sehen Sie, ich habe ihn ja großgezogen. Ich habe ihn zu Bett gebracht, richtig warm, jede Nacht. Seine Mutter war gestorben, und ich päppelte ihn mit kondensierter Milch zu zwei Dollar die Dose, zu einer Zeit, als ich mir sowas für meinen eigenen Kaffee nicht leisten konnte. Er hat nie eine andere Mutter gekannt als mich. Er lutschte immer an meinem Finger, das süße kleine Biest, an diesem Finger hier.«

Und Skiff Miller, der zu bewegt war, um weiterreden zu können, hielt einen Zeigefinger in die Höhe, damit sie ihn sehen könnten.

»Ausgerechnet dieser Finger ... « versuchte er hervorzubringen, als ob er dadurch den Beweis erbrächte, daß der Hund sein Eigentum war, und wie innig sie zusammengehörten.

Er starrte noch immer seinen gehobenen Finger an, als Madge zu sprechen begann.

»Aber der Hund«, sagte sie. »Sie haben ja gar keine Rücksicht auf den Hund selbst genommen.«

Skiff Miller blickte ganz verwirrt auf.

»Haben Sie auch an ihn gedacht?« fragte sie.

»Ich verstehe nicht, wo Sie hin wollen«, lautete seine Antwort.

»Vielleicht hat der Hund auch selbst eine Meinung in dieser Beziehung zu äußern«, fuhr Madge fort. »Vielleicht hat er auch seine Wünsche und seine Sympathien. Sie lassen ihm ja gar keine Wahl. Sie haben nie an die Möglichkeit gedacht, daß er Kalifornien vielleicht Ihrem Alaska vorzieht. Sie denken nur daran, was Ihnen angenehm und lieb ist. Sie behandeln ihn genau, wie Sie einen Sack Kartoffeln behandeln würden. Oder ein Bündel Heu.«

Das war ein ganz neuer Gesichtspunkt und machte sichtlich großen Eindruck auf Herrn Miller, der jetzt dasaß und über die Sache nachdachte. Madge machte sich seine Unentschlossenheit zunutze.

»Wenn Sie ihn wirklich lieben, dann würde das, was ihn glücklich macht, auch Sie glücklich machen«, argumentierte sie.

Skiff Miller überlegte immer noch. Madge warf ihrem Mann einen triumphierenden Blick zu, den er mit warmer Zuneigung beantwortete.

»Wie meinen Sie das eigentlich?« fragte der Klondiker plötzlich.

Jetzt war die Reihe an ihr, verwirrt zu werden. »Ja, was meinen Sie?« fragte sie.

»Glauben Sie, daß er lieber in Kalifornien bleiben will?«

Sie nickte energisch. »Ich bin davon überzeugt.«

Skiff begann wieder, sich die Sache zu überlegen, aber diesmal laut. Und gleichzeitig ließ er seinen Blick kritisch über das umstrittene Tier schweifen.

»Er war immer ein guter Arbeiter. Er hat ein tüchtiges Stück Arbeit für mich geleistet. Er hat nie gefaulenzt und war der reine Teufel, wenn es galt, einem neuen Gespann Mores zu lehren. Einen Kopf hat der Hund! Er kann alles, was er will – nur nicht reden. Er versteht alles, was Sie ihm sagen. Gucken Sie ihn sich nur an. Er weiß ganz genau, daß wir von ihm sprechen.«

Der Hund lag zu Skiff Millers Füßen. Der Kopf ruhte auf den Pfoten, die Ohren waren lauschend gespitzt, die Augen folgten lebhaft und eifrig dem Klang der Worte, wie sie von den Lippen erst des einen, dann des anderen kamen.

»Und es geht jetzt eine Menge in ihm vor. Es wäre gut, ihn in den kommenden Jahren zu haben. Und ich habe ihn lieb. Ich hab' ihn ganz verflucht und höllisch lieb.«

Ein- oder zweimal öffnete Skiff Miller den Mund, schloß ihn aber jedesmal wieder, ohne etwas zu sagen. Schließlich begann er:

»Ich will Ihnen sagen, was ich tue. Was Sie da gesagt haben, meine Dame, ist gar nicht ohne. Der Hund hat schwer gearbeitet, und vielleicht hat er sich einen ruhigen Hafen verdient und das Recht erworben, selbst die Wahl zu treffen. Aber so oder so – wir wollen ihm selbst die Sache überlassen. Was er sagt, wird gemacht. Ihr Herrschaften, bleibt hier sitzen. Und ich nehme Abschied und gehe weg, als ob es ganz zufällig wäre. Wenn er bleiben will, kann er bleiben. Wenn er aber mit mir gehen will, dann lassen Sie ihn gehen. Ich werde ihn nicht rufen, und Sie dürfen es auch nicht.«

Er blickte Madge mit plötzlich erwachendem Mißtrauen an und fügte hinzu: »Aber Sie müssen natürlich mit offenen Karten spielen. Ihn nicht überreden, wenn ich Ihnen den Rücken gewandt habe.«

»Selbstverständlich sind wir korrekt«, begann Madge, aber Skiff Miller unterbrach sie mitten in ihren Beteuerungen.

»Ich kenne die Frauen«, erklärte er. »Ihre Herzen sind weich. Wenn ihre Herzen mit im Spiel sind, gucken sie leicht in die Karten, und dann lügen sie wie der Deibel ... entschuldigen Sie bitte, meine Herrschaften. Ich spreche ja bloß von Frauen im allgemeinen.«

»Ich weiß nicht, wie ich Ihnen danken soll«, sagte Madge mit zitternder Stimme.

»Ich sehe nicht ein, wieso ich Ihnen einen Grund gegeben habe, mir zu danken«, antwortete er. »Braun hat sich noch nicht entschieden. Und was meinen Sie dazu, wenn ich ganz langsam wieder weggehe? Es wäre nur ganz in Ordnung, denn hundert Schritte von hier bin ich schon außer Sicht.«

Madge erklärte sich einverstanden und fügte hinzu: »Und ich verspreche Ihnen nochmals aufrichtig, daß wir nichts tun werden, um ihn zu beeinflussen.«

»Gut ... und ich glaube, dann kann ich ebensogut gleich gehen.« Skiff Miller sagte es mit dem gewöhnlichen Tonfall eines Mannes, der sich verabschieden will.

Bei dieser Aenderung seiner Stimme hatte Wolf schnell den Kopf gehoben, und noch schneller sprang er auf, als der Mann und die Frau sich die Hände reichten. Er stellte sich auf die Hinterbeine und legte ihr die Vorderpfoten auf die Schulter, während er gleichzeitig Skiff Miller die Hände leckte. Als dieser dann Walts Hand schüttelte, wiederholte Wolf dies Tun und legte sein ganzes Gewicht auf Walt, während er beiden Männern die Hände leckte.

»Es ist kein Vergnügungsausflug, das kann ich Ihnen sagen«, lauteten die letzten Worte des Klondikers, als er sich umdrehte und langsam den Weg zurückging.

Wolf blieb stehen und sah ihn sich zehn Schritt weit entfernen. Er war selbst voller Eifer und Erwartung, als ob der Mann gleich umkehren und zurückkommen müsse. Dann sprang Wolf ihm mit einem leisen, schnellen Winseln nach, holte ihn ein, nahm seine Hand mit zögernder Zärtlichkeit zwischen die Zähne und bemühte sich, ihn freundlich zum Stehen zu bringen.

Als ihm das mißlang, stürzte er zurück, wo Walt Irvine saß, nahm seinen Rockärmel zwischen die Zähne und versuchte vergeblich, ihn zu dem weggehenden Manne hinzuziehen.

Wolfs Erregung wurde immer größer. Er wünschte überall zu sein. Er wäre am liebsten an beiden Stellen, bei dem alten und bei dem neuen Herrn gleichzeitig gewesen, und die Entfernung zwischen beiden wurde ja immer größer. Er sprang erregt herum, machte kurze, nervöse Wendungen, bald zu dem einen, bald zu dem andern hin. Wußte nicht, was er selbst wollte. Wollte beides und war außerstande, zu wählen. Stieß scharfe Schreie aus und begann laut zu schnaufen.

Plötzlich setzte er sich nieder, hob die Nase in die Luft, öffnete und schloß das Maul wieder und wieder, mit jedem Male riß er es weiter auf. Diese ruckweisen Bewegungen stimmten mit den wiederholten Zuckungen überein, die seine Kehle überfielen, und von denen jede immer ernster und intensiver wurde als die vorige. Im Takt mit den ruckweisen Bewegungen und den Zuckungen begann der Kehlkopf zu vibrieren, erst ohne Laut, nur von dem Schnaufen begleitet, mit dem er die Luft aus den Lungen ausstieß, dann aber mit einem tiefen, leisen Brummen, dem tiefsten Ton, den das menschliche Ohr vernehmen kann. Das alles war nur die Einleitung zum Heulen.

Aber als das Heulen gerade schon der vollen Kehle entströmen wollte, schloß sich das weitgeöffnete Maul wieder, die krampfhaften Zuckungen hörten auf, und er sah lange und unbeweglich dem weggehenden Manne nach. Plötzlich wandte er den Kopf und sah mit einem festen Blick Walt an. Die Frage wurde aber nicht beantwortet. Der Hund erhielt weder ein Wort, noch ein Zeichen – keine Andeutung und keinen Schlüssel zu dem großen Rätsel, wie er sich benehmen sollte.

Ein schneller Blick auf die Wegbiegung, der sein alter Herr und Meister sich immer mehr näherte, erregte ihn wieder. Er sprang mit einem Schrei auf und wandte seine Aufmerksamkeit, von einem neuen Einfall erfaßt, jetzt Madge zu. Bisher hatte er sie ignoriert, als ihn jetzt aber seine beiden Herren im Stich ließen, hatte er nur noch sie. Er lief zu ihr hin und schmiegte seinen Kopf in ihren Schoß, stieß mit seiner Nase ihren Arm an, ein alter Trick, den er immer benutzte, wenn er etwas erbetteln wollte. Er zog sich wieder von ihr zurück und begann wie im Spiele zu springen und sich zu winden, schlängelte sich und tänzelte, hob bald die Vorderpfoten, bald wühlte er den Boden mit ihnen auf. Er kämpfte mit seinem ganzen Körper, von den einschmeichelnden Blicken und wackelnden Lauschern bis zu der wedelnden Rute, um den Gedanken, der ihn beschäftigte, zum Ausdruck zu bringen, weil es ihm nicht gegeben war, sich auf andere Weise verständlich zu machen.

Bald aber hörte auch das auf. Er wurde niedergeschlagen, als er die Kälte dieser Menschen empfand, die noch nie kalt zu ihm gewesen waren. Er konnte keine Antwort aus ihnen herauslocken, keine Hilfe erlangen. Sie nahmen keine Rücksicht auf ihn. Es war, als ob sie tot wären.

Er wandte sich ab und starrte dem alten Meister nach. Skiff Miller wollte gerade um die Ecke biegen. Im nächsten Augenblick würde er den Blicken entschwunden sein. Aber er drehte nicht den Kopf, ging geradeaus, langsam und methodisch, als ob es ihm vollkommen gleichgültig wäre, was dort geschah.

Und auf diese Weise verschwand er aus dem Gesichtskreise. Wolf erwartete, daß er wieder zum Vorschein kommen sollte. Er wartete eine lange Minute, stumm, ruhig, ohne Bewegung, wie in Stein verwandelt – aber in einen Stein, der voller Eifer und Sehnsucht war. Er bellte ein einziges Mal und wartete. Dann drehte er sich um und trottete zu Walt zurück. Er beschnüffelte seine Hand und ließ sich schwerfällig zu seinen Füßen nieder. Dort blieb er liegen und beobachtete die Stelle des Weges, wo dieser, leer, dem Blick entschwand.

Das schmale Bächlein, das über die bemoosten Steine rieselte, schien plötzlich sein Gurgeln zu verdoppeln. Wären nicht die Feldlerchen gewesen, so hätte man keinen anderen Laut gehört. Die großen gelben Schmetterlinge flatterten stumm im Sonnenlicht oder verloren sich in den schläfrigen Schatten. Madge warf ihrem Gatten einen triumphierenden Blick zu.

Aber wenige Minuten darauf sprang Wolf wieder auf. Entschluß und Ueberlegung prägten seine Bewegungen. Er warf weder dem Mann noch der Frau einen Blick zu. Seine Augen waren nur auf den Weg gerichtet. Er hatte seinen Entschluß gefaßt. Sie erkannten es. Und sie erkannten auch, daß der Kampf, insofern sie in Betracht kamen, erst jetzt begonnen hatte.

Er fiel in einen ruhigen Trott, und Madges Lippen spitzten sich schon zu dem kosenden Laut, den sie ihm nachzurufen gedachte. Aber dieser Laut kam nicht. Unwillkürlich sah sie ihren Mann an und bemerkte die Strenge, mit der er sie betrachtete. Die Spannung der Lippen löste sich wieder, und sie seufzte nur hörbar.

Der Hund begann zu laufen. Immer größer wurden die Sprünge, die er machte. Nicht ein einziges Mal wandte er den Kopf. Seine Wolfsrute stand starr hinter ihm hoch. Er bog scharf um die Ecke und entschwand ihren Blicken.

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