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Drei Sonnen am Himmel

Jack London: Drei Sonnen am Himmel - Kapitel 4
Quellenangabe
typenarrative
authorJack London
titleDrei Sonnen am Himmel
publisherBüchergilde Gutenberg
year1934
translatorErwin Magnus
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150703
projectid3fc9a5e0
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Jees Uck

Das ist die Geschichte von Jees Uck, die Geschichte von Neil Bonner und Kitty Bonner und noch einigen Nachkommen Neil Bonners. Jees Uck gehörte einer dunkelhäutigen Rasse an, das ist nicht zu bestreiten, aber sie war keine Indianerin. Ebensowenig war sie eine Eskimofrau. Nicht einmal eine Innuitin. Wenn man auf der Spur der mündlichen Ueberlieferung zurückging, tauchte die Gestalt eines gewissen Skolz, eines Indianers vom Yukon auf, der in jungen Tagen nach dem großen Delta gewandert war, wo die Innuits wohnen. Und dort traf er eine Frau, deren man unter dem Namen Olillie gedenkt. Diese Olillie war nun das Kind einer Eskimofrau und eines Innuitmannes. Und Skolz und Olillie gebaren Halie, die zur Hälfte Toyaatin, zu einem Viertel Innuitin und zum letzten Viertel Eskimofrau war. Und diese Halie war die Großmutter Jees Ucks.

Nun heiratete aber Halie, in der schon drei verschiedene Rassen gemischt waren und die selbst durchaus kein Vorurteil gegen eine weitere Mischung hegte, einen russischen Pelzhändler namens Schpack, der seinerseits auch unter dem Namen »Großer Fettwanst« bekannt war. Schpack wird hier als Russe angeführt, weil es keine treffendere Bezeichnung gibt. Denn Schpacks Vater, ein slavischer Strafgefangener aus den unteren Provinzen, war aus den Quecksilberminen nach dem nördlichen Sibirien geflohen. Dort lernte er Zimba, eine Frau des Deer-Volkes kennen, und sie wurde die Mutter Schpacks, der wiederum der Großvater Jees Ucks wurde.

Wäre dieser Schpack nun nicht in seiner Kindheit von dem Volke, das den Rand des nördlichen Eismeeres mit seinem Elend verbrämt, gefangengenommen, so wäre er nicht der Großvater Jees Ucks geworden. Und folglich hätte auch die Geschichte nicht geschrieben werden können. Aber er wurde nun einmal von dem Küstenvolk gefangengenommen, entwich nach Kamschatka und gelangte dann mit einem norwegischen Walfänger in die Ostsee. Kurz darauf tauchte er in Sankt Petersburg auf, und es vergingen nicht viele Jahre, so reiste er denselben ermüdenden Weg ostwärts, den sein Vater ein halbes Jahrhundert früher mit Blut und Seufzern gewandert war. Aber Schpack war ein freier Mann, Angestellter der großen russischen Pelzkompanie. Und in dieser Eigenschaft reiste er immer weiter und weiter ostwärts, über das Beringsmeer bis nach Russisch-Amerika. Und in Pastolik, das nahe dem großen Delta des Yukons liegt, wurde er der Ehegatte Halies, die die Großmutter Jees Ucks werden sollte. Aus dieser Ehe stammte nur ein Mädchen, Tukesan.

Im Auftrage der Kompanie machte Schpack eine Kanufahrt von einigen hundert Meilen den Yukon hinauf bis zur Poststation Nulato. Halie und die kleine Tukesan begleiteten ihn. Das geschah im Jahre 1850, im selben Jahre, als die Flußindianer Nulato überfielen und es vom Erdboden auslöschten. Und das war auch das Ende Halies und Schpacks. In dieser furchtbaren Nacht entfloh Tukesan. Bis zu diesem Tage behaupten die Toyaats, nicht die Hand mit im Spiel gehabt zu haben. Aber wie dem auch sei, fest steht jedenfalls, daß die kleine Tukesan unter ihnen aufwuchs.

Tukesan wurde nacheinander zwei toyaatischen Brüdern zur Ehe gegeben, aber mit keinem von ihnen bekam sie ein Kind. Andere Frauen schüttelten deshalb die Köpfe, und es war nicht möglich, einen dritten toyaatischen Mann zu finden, der geneigt gewesen wäre, die kinderlose Witwe zu heiraten. Aber um diese Zeit lebte, viele hundert Meilen weiter aufwärts, in Fort Yukon ein Mann namens Spike O'Brien. Fort Yukon war eine Station der Hudson Bay Company, und Spike O'Brien war Angestellter dieser Firma. Er war ein tüchtiger Angestellter, war aber der Ansicht, daß der Dienst schlecht wäre, und setzte die Ansicht im Laufe der Zeit in die Praxis um, indem er desertierte. Die Fahrt durch die ganze Reihe von Stationen der Company bis zurück nach York Faktorei an der Hudson Bucht hatte ein ganzes Jahr in Anspruch genommen. Da es zudem lauter Stationen der Gesellschaft waren, von der er geflüchtet war, wußte er, daß er ihren Krallen nicht entgehen könnte. Es blieb ihm also nichts anderes übrig, als den Yukon hinabzufahren. Es war wohl richtig, daß kein Weißer es bisher gewagt hatte, den Yukon im Boot zu befahren, und kein Weißer wußte damals, ob der Yukon in das nördliche Eismeer oder in die Beringssee mündete. Aber Spike O'Brien war Kelte, und die Aussicht auf Gefahr war stets wie ein Köder gewesen, dem er nachlief.

Einige Wochen nach seiner Flucht trieb er die Nase seines Kanus gegen das Ufer im Dorfe der Toyaats. Er war ziemlich mitgenommen, beinahe verhungert und halbtot vor Flußfieber und verlor auch sofort das Bewußtsein. Während er langsam seine Kräfte wiedergewann, warf er in den Wochen, die jetzt folgten, seine Augen auf Tukesan und fand sie befriedigend. Genau wie der Vater Schpacks, der bis in sein hohes Alter hinein unter dem sibirischen Deer-Volk lebte, hätte auch Spike O'Brien seine alten Knochen bei den Toyaaten hinterlassen können. Aber die Romantik hatte ihn an den Wurzeln des Herzens gepackt und ließ ihn nicht mehr los. Wie er die Fahrt von Fort Faktorei nach Fort Yukon gemacht hatte, so wollte er auch, als erster aller Menschen, von Fort Yukon nach der See fahren und den Ruhm erringen, als erster die Nordwestpassage zu Lande bezwungen zu haben. Er reiste deshalb den Fluß hinab, errang den Ruhm, wurde aber nie in der Geschichte und in Liedern genannt. In späteren Jahren besaß er ein Logishaus für Matrosen in San Francisco und galt hier infolge der evangelischen Wahrheiten, die er erzählte, als einer der hervorragendsten Lügner, die man sich denken kann. Tukesan aber bekam mit ihm ein Kind, obgleich sie bisher kinderlos gewesen. Und dieses Kind war Jees Uck. Ueber ihre Abstammung ist hier so genau berichtet, um zu zeigen, daß sie weder Eskimofrau, noch Indianerin, noch Innuitin oder sonst etwas war.

Infolge des unruhigen Blutes in ihren Adern und der Erbschaft der vielen gemischten Rassen entwickelte Jees Uck sich zu einer wunderbaren jungen Schönheit. Sie mochte bizarr und orientalisch genug sein, um irgendeinen vorbeikommenden Ethnologen in Verlegenheit zu setzen. Geschmeidige und schlanke Anmut war ihr besonderes Kennzeichen. Abgesehen von einem belebenden Schwung der Einbildungskraft trat der Anteil des keltischen Blutes nicht in ihrem Wesen in die Erscheinung. Er mag vielleicht dem Blut unter der Haut eine besondere Wärme verliehen haben, die ihre Farbe weniger dunkel und ihre Gestalt schöner machte. Aber das konnte auch von Schpack herrühren, dem »Großen Fettwanst«, der das slavische Blut seines Vaters ererbt hatte. Schließlich hatte sie große funkelnde, schwarze Augen – das Auge des Mischlings, ein rundes, volles und sinnliches Auge, das die Mischung von dunkler und heller Rasse andeutet. Auch machte das weiße Blut in ihr – in Verbindung mit dem Bewußtsein, daß es da war – sie in gewisser Weise ehrgeizig. Im übrigen war sie in Erziehung und Lebensbetrachtung voll und ganz eine Toyaat.

Als sie noch ein junges Mädchen war, trat eines Winters Neil Bonner in ihr Leben. Aber das tat er genau auf dieselbe Weise, wie er ins Land kam, nämlich ein wenig zaudernd. Tatsächlich kam er sogar sehr wider Willen ins Land. Zwischen einen Vater, der nur Kupons schnitt und Rosen pflegte und eine Mutter, die den gesellschaftlichen Verkehr über alles liebte, hatte er sich eigentlich verirrt. Er war durchaus nicht lasterhaft. Aber ein Mann, der Fleisch im Leibe und sonst auf der ganzen Welt nichts zu tun hat, muß seine Energie irgendwie zur Entfaltung bringen, und ein Mann dieser Art war Neil Bonner. Er entfaltete seine Energie in solcher Weise und in solchem Maßstab, daß sein Vater, Neil Bonner sen., als die Katastrophe eintraf, in panischem Schrecken aus seinem Rosenbeet auftauchte und seinen Sohn mit staunenden Augen anblickte. Dann verschwand er zu einem Freund, der sich ähnlichen Interessen widmete, und mit dem er sich über Kupons und Rosen zu besprechen pflegte, und zwischen diesen beiden wurde das Schicksal des jungen Neil Bonner festgelegt. Er mußte gehen, zunächst auf Probe, um seine harmlosen Torheiten unterdrücken zu lernen, um sich später zu ihrem hervorragenden Standpunkt heraufschwingen zu können.

Nachdem dies beschlossen war – der junge Neil war ein bißchen reuig und sehr beschämt – war alles übrige ja leicht genug. Die Freunde besaßen ein großes Aktienpaket der P. C. Company. Diese P. C. Company besaß ihrerseits ganze Flotten von Fluß- und Ozeandampfern, und neben diesem Durchpflügen der See beutete sie auch Hunderttausende von Quadratmeilen des Landes aus, das auf den Karten der Geographen in der Regel durch weiße Flecken angegeben wird. Die P. C. Company schickte also den jungen Neil Bonner nach dem Norden, wo die weißen Flecken auf den Karten zu sehen sind, um dort ihre Interessen zu wahren und so brav wie sein Vater zu werden. »Fünf Jahre einfaches Leben, Erdverbundenheit und ohne Versuchungen werden einen Mann aus ihm machen«, sagte der alte Neil Bonner und kehrte sofort wieder zu seinen Rosen zurück. Der junge Neil biß die Zähne zusammen, stellte sein Kinn in den richtigen Winkel ein und ging auf die Arbeit los. Als Untergebener machte er seine Arbeit gut, und seine Chefs waren mit ihm zufrieden. Nicht, daß die Arbeit ihm Freude bereitet hätte, aber sie war das einzige, was noch hinderte, verrückt zu werden.

Das erste Jahr wünschte er, tot zu sein. Im zweiten Jahre verfluchte er Gott. Im dritten Jahre teilte er sich zwischen diesen beiden Standpunkten, und in der daraus entstehenden Verwirrung geriet er in Streit mit einem Mann von Autorität. Dieser Streit machte ihm das größte Vergnügen, obgleich der Mann mit der Autorität das letzte Wort behielt, und dieses Wort Neil Bonner an einen Ort schickte, der seinen bisherigen Aufenthaltsort als ein reines Paradies erscheinen ließ. Aber er ging dorthin, ohne mit der Wimper zu zucken, denn der Norden hatte ihn wirklich zu einem Manne gemacht.

Hier und da findet man auf den weißen Flecken der Karte kleine Kreise, die wie der Buchstabe o aussehen und neben diesen Kreisen stehen – auf der einen oder der andern Seite – Namen wie »Fort Hamilton«, »Yanana Station« oder »Twenty Miles«, was einen zu dem Glauben verführt, daß die weißen Flecke ganz voll von Städten und Dörfern sind. Aber es ist ein eitler Glaube. »Twenty Miles«, das genau wie alle anderen Stationen dieser Art aussieht, besteht aus einem Blockhaus von der Größe eines gewöhnlichen Eckladens, mit Räumen, zu denen man auf einer Treppe hinaufsteigt. Ein stelzbeiniger Lagerschuppen auf Pfählen mag sich hinten im Hof befinden, außerdem einige Hintergebäude. Der Hof hat keinen Zaun und geht bis zum Horizont und noch ein unbestimmbares Stück darüber hinaus. Andere Häuser sind überhaupt nicht zu sehen, wenn auch die Toyaatindianer hin und wieder eine oder zwei Meilen den Yukon abwärts ein Winterlager beziehen. So sieht »Twenty Miles« aus, einer von den vielen Fangarmen der P. C. Company. Hier macht der Vertreter mit Hilfe eines Assistenten Tauschgeschäfte mit den Indianern, um ihr Pelzwerk zu bekommen, und manchmal auch ein Geschäft mit vorbeiwandernden Minenarbeitern, wobei der Goldstaub als Zahlungsmittel gilt. Hier sehnen sich Vertreter und Assistent den ganzen Winter lang nach dem Frühling, und wenn der Frühling dann kommt, liegen sie fluchend auf dem Dach, während der Yukon das Gebäude umspült. Und hier war es, wo Neil Bonner im vierten Jahre seines arktischen Aufenthaltes eine Anstellung erhielt.

Er verdrängte keinen anderen Agenten, der seinetwegen hätte versetzt werden müssen, denn sein Vorgänger hatte Selbstmord begangen. »Weil er das Leben hier nicht ertragen konnte«, sagte der Assistent, der noch da war. Freilich erzählten die Toyaaten, wenn man bei ihnen am Feuer saß, eine andere Version. Der Assistent war ein Mann mit eingefallenen Schultern und hohler Brust. Sein Gesicht sah wie das einer Leiche aus, seine Wangen waren hohl, was nicht einmal sein dünner schwarzer Bart zu verbergen vermochte. Er hustete viel, als ob seine Lungen von der Schwindsucht angegriffen wären, während seine Augen den halb verrückten, fieberhaften Glanz hatten, den man bei Schwindsüchtigen im letzten Stadium findet. Sein Name war Pentley – Amos Pentley – und Bonner konnte ihn vom ersten Tage an nicht leiden, wenn er auch Mitleid mit diesem armen zum Tode verurteilten Teufel empfand. Sie konnten sich gegenseitig nicht ausstehen, diese beiden Männer, die von allen Menschen auf der Erde am meisten darauf angewiesen waren, auf gutem Fuß miteinander zu stehen, weil sie allein von Angesicht zu Angesicht mit der Kälte, Stille und Dunkelheit des langen Winters leben mußten.

Schließlich kam Bonner zu dem Schluß, daß Amos nicht ganz richtig im Kopfe war, ließ ihn deshalb in Ruhe und verrichtete den größten Teil der Arbeit mit Ausnahme des Kochens selber. Aber auch jetzt hatte Amos nur finstere Blicke und unverstellten Haß für ihn übrig. Für Bonner war das ein schwerer Ausfall, denn das lächelnde Gesicht eines Wesens seiner eigenen Art, ein freundliches Wort, die Sympathie eines Kameraden, der dasselbe Unglück erlebt – alles das bedeutet unendlich, viel. Und der Winter hatte eben erst begonnen, als ihm die verschiedenen Gründe aufgingen, aus denen der frühere Vertreter mit einem solchen Assistenten seinem Leben selbst ein Ende hatte machen müssen.

In Twenty Miles war es sehr einsam. Die weiße Einöde erstreckte sich nach beiden Seiten bis zum Horizont. Der Schnee, der wie Reif war, warf seinen weißen Mantel über das Land und begrub alles in der Stille des Todes. Tagelang war es klar und kalt, und das Thermometer hielt sich beständig auf vierzig bis fünfzig Grad unter Null. Dann kam plötzlich ein Umschwung. Das bißchen Feuchtigkeit, das die Atmosphäre tränkte, häufte sich zu dicken grauen Wolkenmassen, es wurde ziemlich warm, das Thermometer stieg auf zwanzig unter Null. Und die Feuchtigkeit fiel vom Himmel herab in Gestalt von harten Eiskörnern, die wie trockener Zucker oder fliegender Sand unter den Füßen knirschten. Dann wurde es wieder klar und kalt, bis sich abermals genügend Feuchtigkeit angesammelt hatte, um die Erde vor der Kälte des Weltraumes zu schützen. Das war aber auch alles. Sonst geschah nichts. Es gab keine Stürme, keine wirbelnden Gewässer, keine rauschenden Wälder, nur das fast automatische Niederströmen der angesammelten Feuchtigkeit. Die bemerkenswerteste Begebenheit, die diese langweiligen Wochen aufzuweisen hatten, war vielleicht das Hinaufgleiten der Temperatur auf die gänzlich unerwartete Höhe von fünfzehn Grad minus. Um das wieder gutzumachen, peitschte dann aber der Weltraum die Erde mit seiner Kälte, bis das Quecksilber gefror und das Spiritusthermometer auf mehr als siebzig Grad unter Null sank und vierzehn Tage dort stehenblieb, worauf es zerbarst. Wieviel kälter es dann noch wurde, war nicht mehr festzustellen. Eine andere in ihrer Regelmäßigkeit tödlich eintönige Begebenheit, war die beständige Verlängerung der Nächte, bis der Tag nur noch ein Aufflackern des Lichts in der Dunkelheit war.

Neil Bonner war ein gesellig veranlagtes Wesen. Die Dummheiten, für die er hier jetzt büßen mußte, waren nur eine Folge seines übertriebenen Bedürfnisses nach Gesellschaft. Und jetzt befand er sich hier, im vierten Jahre seines Exils, in der Gesellschaft – wenn dieses Wort hier angebracht ist – eines mürrischen, schweigsamen Geschöpfes, in dessen düsteren Augen ein Haß glomm, der ebenso bitter wie unberechtigt war. Und Bonner, für den Rede und Kameradschaft einfach das Leben selbst bedeuteten, ging einher, wie ein Gespenst vermutlich einherwandelt, gequält von den Erinnerungen an endlose Feste eines früheren Daseins. Am Tage waren seine Lippen fest zusammengekniffen, sein Gesicht streng. Nachts aber rang er die Hände, wälzte sich im Bett hin und her und weinte wie ein kleines Kind. Und er erinnerte sich dabei oft eines gewissen Mannes von Autorität und verfluchte ihn die langen Stunden hindurch. Er verfluchte auch Gott. Aber Gott hat Verständnis für dergleichen. Er könnte es nicht über sein Herz bringen, die armen Sterblichen zu rügen, wenn sie in Alaska Anfälle von Blasphemie bekommen.

Und nach dieser Station Twenty Miles kam nun Jees Uck, um Mehl und Speck und farbige Perlenschnüre und schöne Scharlachstoffe für ihre Handarbeiten zu kaufen. Und außerdem kam sie, ohne es jedoch zu wissen oder zu wollen, um einen einsamen Mann noch einsamer zu machen und ihn in unruhigem Schlaf die leeren Arme ausstrecken zu lassen. Denn Neil Bonner war nur ein Mann. Als sie zum erstenmal in den Laden kam, sah er sie lange an, wie ein Verschmachtender wohl einen überströmenden Brunnen betrachten mag. Und dank dem Erbteil Spike O'Briens lächelte sie ihm kühn in die Augen, nicht wie dunkelhäutige Wesen den Menschen der königlichen Rasse anlächeln sollen, sondern wie eine Frau einen Mann anlächelt. Es war einfach unvermeidlich. Aber er konnte es nicht einsehen und wehrte sich ebenso tapfer und leidenschaftlich gegen sie, wie er gleichzeitig von ihr angezogen wurde. Und sie? Sie war eben Jees Uck, die durchaus als Toyaat-Indianerin erzogen war.

Sie kam sehr oft nach der Station, um einzukaufen. Und oft saß sie auch am großen Kamin und plauderte in gebrochenem Englisch mit Neil Bonner. Und bald kam es so weit, daß er sich nach ihren Besuchen sehnte und an den Tagen, an denen sie nicht kam, traurig und ruhelos wurde. Zuweilen nahm er sich zusammen und überlegte, und dann wurde sie mit Kälte empfangen, mit einer Zurückhaltung, die sie verblüffte und ärgerte, und die – wovon sie fest überzeugt war – auch nicht aufrichtig war. Meistens aber hatte er gar nicht den Mut nachzudenken, und dann ging alles gut, und es gab nur Heiterkeit und Lachen. Und Amos Pentley sah zu und schnappte wie ein gestrandeter Katzenhai nach Luft, während sein trockener Husten aus dem Grabe zu kommen schien. Er, der das Leben liebte, war nicht imstande zu leben, und es nagte an seiner Seele, daß andere es können sollten. Deshalb haßte er Neil Bonner, der so außerordentlich lebenskräftig war und in dessen Augen die Freude aufblitzte, sobald er Jees Uck sah. Für Amos genügte der bloße Gedanke an Jees, um sein Blut brausen und pochen zu lassen, bis es mit einem Blutsturz endete.

Jees Uck, deren Wesen ganz einfach, deren Gedankengang natürlich war und die nie gelernt hatte, das Leben in subtileren Mengen abzuwägen, las in Amos Pentley wie in einem offenen Buch. Sie warnte Neil Bonner ehrlich und unumwunden in wenigen Worten. Aber er lachte nur über ihre offensichtliche Angst. In seinen Augen war Amos ein armer, elender Tropf, der hoffnungslos dem Grabe zuwankte. Und Bonner, der selbst viel durchgemacht hatte, wurde es leicht, großzügig zu verzeihen.

Aber eines Morgens geschah es, daß er – bei einem plötzlichen Witterungswechsel – vom Frühstückstisch aufstand und in den Laden ging. Jees Uck war schon da, mit Wangen, die von der Wanderung gerötet waren. Sie wollte einen Sack Mehl kaufen. Einige Minuten darauf stand er draußen im Schnee und band den Mehlsack auf ihren Schlitten. Als er sich bückte, spürte er eine gewisse Starre im Hals und hatte etwas wie eine Vorahnung eines drohenden körperlichen Zusammenbruchs. Und als er den letzten Halbstich in den Riemen machte und dann versuchte, sich aufzurichten, wurde er von einem jähen Krampf gepackt und sank in den Schnee. Mit angespannten Muskeln lag er zitternd da; den Kopf zurückgeworfen, die Glieder wie verrenkt, den Rücken wie einen Bogen gespannt und den Mund schief und verzerrt, sah er aus, als ob er Glied für Glied auf die Folter gespannt würde. Ohne Schreien, ja, ohne einen Laut von sich zu geben, stand Jees Uck im Schnee neben ihm. Aber im Krampf hatte er ihre beiden Fußgelenke gepackt, und sie war deshalb außerstande, ihm zu helfen, solange dieser Krampf anhielt. Nach wenigen Augenblicken löste sich die Spannung jedoch, und er blieb schwach und ohnmächtig liegen. Seine Stirn war in Schweiß gebadet, und um seine Lippen stand Schaum.

»Schnell«, murmelte er mit fremder, heiserer Stimme. »Schnell, hinein!« Er begann auf Händen und Knien zu kriechen, aber sie hob ihn auf, und, von ihren jungen Armen unterstützt, gelang es ihm schneller vorwärts zu kommen. Als er im Laden war, wurde er wieder vom Krampf gepackt, und sein Körper rang sich aus ihrer Umschlingung los und rollte und wälzte sich auf dem Fußboden. Amos Pentley kam auch und sah mit neugierigen Augen zu.

»Oh, Amos«, rief sie verzweifelt und hilflos. »Er stirbt, glaubst du?« Aber Amos zuckte nur die Achseln und blieb stehen, um zuzusehen.

Bonners Körper wurde wieder schlaff, die gespannten Muskeln lösten sich, und ein Ausdruck von Erleichterung trat in sein Gesicht. »Schnell«, knirschte er zwischen den Zähnen, während sein Mund sich unter dem Beginn eines neuen Krampfanfalls und seiner Bemühungen, ihn zu beherrschen, verzerrte. »Schnell, Jees Uck! Die Medizin! Los, zieh mich hin!«

Sie wußte, wo der Medizinschrank stand: Im Hintergrund des Raumes, auf der anderen Seite des Ofens, und dorthin zog sie ihn jetzt an den Beinen, während er mit dem Krampf kämpfte. Als der Anfall vorbei war, begann er, sehr schwach und elend, den Schrank zu durchsuchen. Er hatte Hunde sterben sehen, die dieselben Symptome zeigten, wie er und wußte deshalb, was zu tun war. Er hielt eine Flasche mit Chloralhydrat in der Hand, aber seine Finger waren zu schwach und kraftlos, um den Korken herauszuziehen. Jees Uck tat es für ihn, während er von einem neuen Anfall gepackt wurde. Als der vorbei war, wurde ihm die offene Flasche gereicht. Er blickte in die großen schwarzen Augen einer Frau und las darin, was Männer immer in den Augen einer liebenden Frau gelesen haben. Er nahm einen tüchtigen Schluck von der Medizin und sank dann wieder zurück, bis ein neuer Krampfanfall vorüber war. Dann stützte er sich matt auf den Ellbogen.

»Höre zu, Jees Uck«, sagte er sehr langsam, als ob er einerseits wüßte, daß Eile nottat, und sich andererseits fürchtete, sich zu beeilen. »Tu, was ich dir sage. Bleib an meiner Seite, aber rühre mich nicht an. Ich muß mich sehr ruhig verhalten, aber du darfst nicht von mir gehen.« Sein Kinn schob sich vor, und sein Gesicht begann unter den vorausgehenden Schmerzen der Krämpfe zu zittern und sich zu verzerren, aber er schluckte und kämpfte, um sich zu beherrschen. »Geh nicht fort. Und laß auch Amos nicht fortgehen. Verstehst du? Amos muß hierbleiben.«

Sie nickte, und ihn überkam der erste von einer langen Reihe von Krampfanfällen, die allmählich an Stärke und Häufigkeit abnahmen. Jees Uck beugte sich über ihn, vergaß aber sein Verbot nicht und wagte deshalb nicht, ihn anzurühren. Einmal wurde Amos sehr unruhig und tat, als ob er in die Küche gehen wollte, aber ein schneller Blick aus ihren Augen bezwang ihn, und von jetzt an blieb er sehr ruhig, abgesehen von seinem schweren Atem und seinem gespenstigen Husten.

Bonner schlief. Das Flimmern, das den Tag andeutete, erlosch. Amos zündete, überwacht von den Augen der Frau, die Petroleumlampe an. Es wurde Abend. Durch das nördliche Fenster sah man, wie der Himmel von der Pracht des Nordlichtes übergossen wurde, das flammte und flackerte und in der Dunkelheit erlosch. Eine Weile darauf wurde Neil Bonner wach. Zuerst sah er, ob Amos immer noch da war, dann lächelte er Jees Uck zu und stand auf. Alle Muskeln waren steif und schmerzten, und er lächelte trübe, als er sich untersuchte und befühlte, wie um festzustellen, wie groß der erlittene Schaden sei. Dann wurde sein Gesicht streng und geschäftsmäßig.

»Jees Uck«, sagte er. »Nimm eine Kerze. Geh in die Küche. Es steht Essen auf dem Tisch. Zwiebacks und Bohnen und Speck. Und in der Kanne auf dem Ofen ist Kaffee. Stell alles hier auf den Ladentisch. Hol auch ein paar Gläser und Wasser und Whisky, den du auf dem obersten Bort in der Vorratskammer findest. Vergiß den Whisky nicht.«

Nachdem er einen steifen Whisky getrunken hatte, durchsuchte er noch einmal den Medizinschrank, hin und wieder stellte er, offenbar in bestimmter Absicht, verschiedene Flaschen und Phiolen beiseite. Dann nahm er sich die Speisereste vor und unterwarf sie einer eingehenden Untersuchung. Er hatte auf der Universität nicht ohne Nutzen in einem Laboratorium gearbeitet und besaß Einbildungskraft genug, um mit den begrenzten Materialien befriedigende Resultate zu erzielen. Der ausgeprägt starr krampfartige Zustand, der seine Anfälle gekennzeichnet hatte, vereinfachte seine Aufgabe, und er brauchte deshalb nur eine Probe zu machen. Der Kaffee ergab nichts, ebensowenig die Bohnen. Den Zwiebacks widmete er das größte Interesse. Amos, der nichts von Chemie verstand, betrachtete ihn mit unveränderter Neugier. Jees Uck aber, die ein bodenloses Vertrauen in die Weisheit des weißen Mannes und namentlich in die Neil Bonners setzte, und die nicht nur nichts davon verstand, sondern auch wußte, daß sie nichts verstand, beobachtete mehr sein Gesicht als seine Hände.

Schritt für Schritt schaltete er verschiedene Möglichkeiten aus, bis er sich der endgültigen Probe näherte. Er benutzte eine dünne Phiole als Reagenzröhre und hielt sie zwischen sich und das Licht, während er das langsame Niederschlagen eines Salzes durch die Lösung in der Reagenzröhre beobachtete. Er sagte nichts, aber er sah, was er zu sehen erwartet hatte. Und Jees Uck, deren Augen an seinem Gesicht hingen, sah noch etwas – etwas, das sie wie eine Tigerin auf Amos losspringen und mit unerhörter Gewandtheit und Stärke seinen Körper rückwärts über ihre Knie zwingen ließ. Ihr Messer flog aus der Scheide und hob sich, blinkend im Schein der Lampe. Amos knurrte, aber Bonner legte sich dazwischen, ehe das Messer sein Ziel erreicht hatte.

»Du bist ein gutes Mädchen, Jees Uck. Aber kümmere dich nicht darum, laß ihn laufen.«

Gehorsam ließ sie den Mann los, aber deutlicher Widerspruch stand in ihrem Gesichte geschrieben. Und der Körper Amos' fiel auf den Boden. Bonner gab ihm einen Tritt mit seinem mokassinbekleideten Fuß.

»Steh auf, Amos«, befahl er. »Du wirst noch heute abend deine Sachen packen und gehen.«

»Sie meinen doch nicht, daß ...« brach es wild aus Amos heraus.

»Ich meine, daß du einen Versuch gemacht hast, mich zu ermorden.« Neil sprach kalt und ruhig. »Ich kann auch sagen, daß du Birdsall getötet hast, obgleich man in der Company glaubt, daß er es selbst getan hat. In meinem Fall hast du Strychnin genommen. Gott allein weiß, womit du ihn ermordet hast. Hängen kann ich dich nicht lassen – dazu bist du dem Tode sowieso zu nahe. Aber Twenty Miles ist zu klein für uns beide, und deshalb mußt du verschwinden. Es sind zweihundert Meilen bis zum Heiligen Kreuz. Die kannst du schaffen, wenn du nicht übertreibst. Ich gebe dir Lebensmittel, einen Schlitten und drei Hunde. Du bist ebenso gesichert, wie wenn du im Gefängnis wärest, denn aus dem Lande kannst du nicht heraus. Und ich will dir noch eine Chance geben. Du bist ja schon beinahe tot. Gut – ich werde der Firma nichts mitteilen, bevor der Frühling kommt. Inzwischen ist es deine Sache, zu sterben. Jetzt los!«

»Du, jetzt geh zu Bett«, drängte Jees Uck, als Amos mitten in der Nacht nach dem Heiligen Kreuz aufgebrochen war. »Du kranker Mann jetzt, Neil!«

»Und du bist ein gutes Mädchen, Jees Uck«, antwortete er. »Hier hast du meine Hand darauf. Aber du mußt nach Hause gehen.«

»Du liebst mich nicht«, sagte sie einfach.

Er lächelte, half ihr in die Parka und begleitete sie zur Tür. »Nur zu sehr, Jees Uck«, sagte er weich. »Nur zu sehr.«

Nach dieser Episode legte sich das Leichentuch der arktischen Nacht noch tiefer, dichter und schwärzer über das Land. Neil Bonner sah, daß er nicht verstanden hatte, selbst das mürrische Gesicht des mörderischen und todgeweihten Amos richtig einzuschätzen. Denn jetzt wurde es furchtbar einsam in Twenty Miles. »Um der Liebe Gottes willen, Prentiß, schicken Sie mir einen Mann«, schrieb er an den Vertreter in Fort Hamilton, das dreihundert Meilen flußabwärts lag. Sechs Wochen später brachte ein Indianer die Antwort. Sie war bezeichnend: »Tod und Teufel. Beide Füße erfroren. Brauche ihn deshalb selbst. Prentiß.«

Um die Lage noch zu verschlimmern, waren die meisten Toyaaten auf die Fährte einer Renntierherde nach dem Hinterland gezogen, und Jees Uck war mitgegangen. Aber der Umstand, daß sie ihm so fern war, schien sie gleichzeitig näher als je zu bringen. Neil Bonner sah sie vor sich, Tag für Tag, im Lager und unterwegs. Es ist aber nicht gut, allein zu sein. Oft verließ er, barhäuptig und verzweifelt, das stille Haus und schüttelte die geballte Faust gegen den Tagesschimmer, der am südlichen Horizont auftauchte. Und in stillen kalten Nächten verließ er sein Bett und stolperte ins Freie hinaus, wo er das Schweigen aus aller Kraft seiner Lunge beschimpfte, als ob es ein fühlbares und empfindsames Wesen war, das er wecken konnte. Und er brüllte die schlafenden Hunde an, bis sie immer wieder heulten. Ein rauhhaariges Tier nahm er sogar mit ins Haus und tat, als wäre dies der Mann, den Prentiß ihm geschickt hätte. Er versuchte, den Hund zu erziehen, daß er anständig im Bett unter der Decke schlief, mit bei Tische saß und aß, wie ein Mensch essen muß. Aber das Tier, das kaum etwas anderes als ein gezähmter Wolf war, empörte sich, suchte sich die dunkelsten Ecken aus und knurrte und biß ihn ins Bein, so daß er ihn schließlich prügelte und hinauswarf.

Dann ergriff ihn die Idee, alles zu personifizieren. Sie nahm ihn völlig gefangen. Alle Kräfte seiner Umgebung wurden in lebende Wesen verwandelt. Sie waren atmende Wesen, die kamen, um mit ihm zusammenzuleben. Er schenkte der primitiven Götterwelt neues Leben. Baute der Sonne einen Altar, wo er Kerzen aus Talg und Speck brannte. Und auf dem Hof, der nicht umzäunt war, verfertigte er neben dem hochstelzigen Lagerhaus einen Schneeteufel, dem er Gesichter zu schneiden und den er zu verhöhnen pflegte, wenn das Quecksilber in seiner Röhre sank. Natürlich war das alles nur Spielerei. Das sagte er sich selbst und wiederholte es ein über das andere Mal, um sich selbst zu überzeugen, und vergaß dabei nur, daß Wahnsinn geneigt ist, sich durch Glaubenmachen und Spielerei auszudrücken.

Mitten im Winter kam eines Tages ein Jesuitenmissionar, Vater Champreau, nach Twenty Miles. Bonner stürzte sich auf ihn, schleppte ihn ins Haus, klammerte sich an ihn an und weinte, und der Priester weinte schließlich vor lauter Mitleid mit. Dann wurde Bonner irrsinnig lustig und machte eine ganz überflüssige Festlichkeit daraus, während er tapfer schwur, daß sein Gast nie abreisen dürfe. Vater Champreau mußte in einem dringenden Auftrag seiner Gesellschaft so schnell wie möglich nach Salt Water und fuhr schon den nächsten Morgen ab, von der Drohung begleitet, daß Bonners Blut über sein Haupt kommen würde.

Und die Drohung wäre beinahe Wirklichkeit geworden, als die Toyaaten von ihrem langen Jagdausflug nach ihrem Winterlager zurückkehrten. Sie brachten viel Pelzwerk mit, und es gab Geschäftigkeit und Unruhe in Twenty Miles. Auch Jees Uck kam, um Perlen, Scharlachstoffe und alles mögliche andere zu kaufen, und Bonner kam wieder zu sich. Eine Woche lang wehrte er sich. Dann kam das Ende eines Abends. Sie stand auf, um sich zu verabschieden. Sie hatte nicht vergessen, daß er sie einmal zurückgewiesen hatte, und derselbe Stolz, der Spike O'Brien bewogen hatte, die Fahrt durch die Nordwestpassage zu machen, lebte auch in ihr.

»Ich gehe jetzt«, sagte sie. »Gute Nacht, Neil.«

Aber er stellte sich hinter sie. »Nein, so ist es nicht richtig«, sagte er.

Und als sie ihm mit einer plötzlichen frohen Bewegung ihren Kopf zudrehte, beugte er sich vor, langsam und feierlich, als ob er eine heilige Handlung beginge, und küßte sie auf die Lippen. Die Toyaat hatten sie nie gelehrt, was ein Kuß auf den Mund bedeutete, aber sie verstand es doch und freute sich.

Als Jees Uck kam, wurde alles wieder hell. Sie war königlich in ihrem Glück, eine Quelle unendlicher Wonne. Die Einfachheit ihres Wesens und ihre naiven kleinen Einfälle schufen eine ungeheure Summe erfreulicher Ueberraschungen für den überzivilisierten Mann, der sich herabgelassen hatte, sie aufzunehmen. Nicht nur, daß sie ein Trost in seiner Einsamkeit war, ihre Einfachheit verjüngte auch seine abgestumpfte Seele. Es war, als könnte er nach langer Wanderung wieder seinen Kopf in den Schoß der Mutter Erde legen. Kurz: in Jees Uck fand er die Jugend der Welt wieder – ihre Jugend, Kraft und Freude.

Und um alles zu erfüllen, was er brauchte, und gleichzeitig um zu verhindern, daß sie einander satt werden könnten, traf ein gewisser Sandy Mc Pherson in Twenty Miles ein – ein Mann, der ein so guter Kamerad war wie irgendeiner, der je unterwegs gepfiffen und am Lagerfeuer eine Ballade angestimmt hat. Ein Jesuit hatte sich nach seinem Lager begeben, das einige hundert Meilen weiter den Yukon aufwärts lag, um noch rechtzeitig die letzten Worte am Grabe von Sandys bisherigem Partner zu sprechen. Und als der Priester aufgebrochen war, hatte er gesagt: »Mein Sohn, du wirst jetzt sehr einsam werden.« Und Sandy hatte traurig den Kopf gebeugt. »In Twenty Miles«, hatte der Priester hinzugefügt, »sitzt ein einsamer Mann. Ihr beide könnt einander brauchen, mein Sohn.«

Deshalb wurde Sandy als der dritte im Bunde auf der Station willkommen geheißen – als Bruder des Mannes und der Frau, die hier hausten. Er nahm Bonner mit auf die Elchjagd und zur Wolfpürsche, und Bonner reichte ihm dafür einen abgegriffenen und viel herumgetragenen Band und lehrte ihn Shakespeare lieben, bis Sandy seinen Schlittenhunden, so oft sie aufrührerisch werden wollten, fünffüßige Jamben vordeklamierte. Und an den langen Abenden spielten sie Karten, plauderten und stritten sich über das Universum, während Jees Uck frauenhaft im Lehnstuhl saß und ihre Mokassins und Socken stopfte.

Der Frühling kam. Die Sonne stieg im Süden empor. Das Land vertauschte seine düsteren Gewänder mit dem Kleide lächelnder Fröhlichkeit. Ueberall lächelte das Licht und lud das Leben ein. Die balsamischen Tage wurden wieder länger, und die Augenblicke von Dunkelheit in den Nächten verschwanden ganz. Der Fluß strömte und fauchende Dampfboote forderten die Wildnis heraus. Es gab Bewegung und Lärm, neue Gesichter und neue Taten. In Twenty Miles erschien ein neuer Assistent, und Sandy Mc Pherson brach mit einer Goldsucherschar nach dem Koyokuk-Lande auf. Und es kamen Zeitungen, Magazine und Briefe an Neil Bonner. Und Jees Uck sah traurig drein, denn sie verstand, daß seine Sippschaft über die Welt hinweg mit ihm sprach.

Die Nachricht, daß sein Vater das Zeitliche gesegnet hatte, berührte ihn nicht allzu stark. Der alte Neil Bonner hatte in seinen letzten Stunden einen liebevoll verzeihenden Brief an seinen Sohn diktiert. Ferner kamen offizielle Briefe von der Gesellschaft, die ihm allergnädigst anbot, den Posten seinem Assistenten zu übergeben, und ihm erlaubte, abzureisen, sobald er Lust dazu hätte. In einem längeren juristischen Dokument übermittelten ihm seine Anwälte das unendliche Verzeichnis der Aktien und Obligationen, Grundstücke, Mietseinnahmen und beweglichen Güter, die jetzt durch das Testament des Vaters sein Eigentum geworden waren. Und ein zierliches, mit Siegel und Monogramm versehenes Briefchen flehte Neil an, zu seiner trauernden und liebenden Mutter zurückzukehren.

Neil Bonner überlegte schnell, und als die »Yukon Belle« auf ihrem Wege nach dem Beringsmeer an das Ufer heranschnaufte, reiste er ab – reiste mit der alten, immer wieder neuen Lüge auf den Lippen, daß er bald zurückkehren würde.

»Ich werde wiederkommen, liebe Jees Uck, vor dem ersten Schneegestöber«, versprach er zwischen den letzten Küssen auf dem Fallreep.

Und er versprach es nicht nur, sondern meinte es aufrichtig, wie die meisten Männer es unter solchen Umständen tun. Er erteilte dem neuen Vertreter Thompson Weisung, seiner Frau Jees Uck unbegrenzten Kredit einzuräumen. Und als er vom Deck der »Yukon Belle« den letzten Blick nach der Küste warf, sah er ein halbes Dutzend Männer, die im Begriff waren, die Wände eines Blockhauses zu errichten, das das bequemste Haus auf tausend Meilen die Küste entlang werden sollte – das Haus Jees Ucks und auch das Haus Neil Bonners –, bevor der erste Schnee fallen würde! Denn er hatte die unbedingte Absicht, wiederzukommen. Jees Uck war ihm sehr lieb geworden, und außerdem stand dem Norden eine goldene Zukunft bevor. Mit dem Geld seines Vaters wollte er diese Zukunft verwirklichen. Ein ehrgeiziger Traum schwebte ihm vor. Mit seinen vierjährigen Erfahrungen und gestützt durch die freundliche Mitwirkung der Company wollte er wiederkehren, um der Cecil Rhodes von Alaska zu werden. Und er wollte wiederkehren, so schnell wie der Dampf es schaffen konnte, und sobald er die Angelegenheit seines Vaters, die er noch gar nicht kannte, geordnet und seine Mutter, die er vergessen hatte, getröstet hatte. –

Es gab natürlich ein großes Hallo, als Neil Bonner aus der Arktik zurückkehrte. Die Lichter wurden angesteckt und die Fleischtöpfe aufs Feuer gestellt, und er nahm von allem und fand alles sehr gut. Er war nicht nur gebräunt und gefurcht, er war ein neuer Mensch unter der neuen Haut geworden. Er packte die Dinge richtig an, hatte Ernst und Selbstbeherrschung gelernt. Seine alten Kameraden wurden verblüfft, als er es ablehnte, die Dummheiten der alten Tage wieder aufzunehmen, während der alte Freund seines Vaters sich zufrieden die Hände rieb und sich als Autorität fühlte, wenn es galt, störrische und eitle Jugend auf die richtige Bahn zu lenken.

Vier Jahre hatte Neil Bonners Gehirn brach gelegen. Nur wenig Neues war ihm zugeführt worden, aber es war ein Prozeß der Auslese gewesen. Es war sozusagen von allem Gleichgültigen und Ueberflüssigen gereinigt worden. Hier im Süden hatte er schnelle Jahre verlebt, und in der Wildnis des Nordens hatte er dann Zeit gefunden, die verworrene Masse von Erfahrungen zu klären. Seine oberflächlichen Standpunkte waren in alle Winde verstreut, und neue Gesichtspunkte waren auf der Grundlage tieferer und breiterer Verallgemeinerung entstanden. Der Duft und der stete Anblick des Bodens hatten ihm geholfen, die innere Bedeutung der Zivilisation zu erfassen, während er sich gleichzeitig einen klaren Blick für ihre Mängel und ihre Macht bewahrt hatte. Es war eine ganz einfache kleine Philosophie, die er sich geschaffen hatte. Ein sauberes Leben war der Schlüssel zum Glück. Nur die Erfüllung der Pflicht heiligt. Man muß sauber leben und seine Pflichten erfüllen, um wirken zu können. Und Wirksamkeit ist wiederum die einzige Erlösung. Denn »für das Leben zu wirken«, in reichem, immer reicherem Maße, bedeutete, daß man mit dem Wesen der Dinge und dem Willen Gottes übereinstimmte.

Ursprünglich war er Städter. Und sein frischer Griff ins Leben nebst seiner männlichen Auffassung der Menschlichkeit verliehen ihm einen feineren Sinn für die Zivilisation und machte sie ihm um so lieber. Mit jedem Tag kam die Stadt mit ihrer Bevölkerung seinem Herzen näher, wurde die Welt größer vor seinen Blicken. Und gleichzeitig verschwand Alaska mit jedem Tage in weitere Ferne und wurde immer unwirklicher. Und da geschah es, daß er Kitty Sharon traf – eine Frau von seinem eigenen Fleisch und Blut und von seiner Art. Eine Frau, die ihre Hand in die seine legte und ihn an sich zog, bis er den Tag und die Stunde und die Jahreszeit vergaß, wenn der erste Schnee in Yukon fällt.

Jees Uck ging in ihrem großen Blockhaus umher und verträumte drei goldene Sommermonate. Dann kam in fliegender Eile der Herbst, bevor der Winter hereinbrach. Die Luft wurde dünn und scharf, die Tage wurden dünn und kurz. Der Fluß begann träge zu fließen, auf den stillen Tümpeln bildete sich eine Haut von Eis. Alles, was nur vorübergehend dort lebte, zog nach dem Süden, Schweigen legte sich über das Land. Das erste Schneegestöber kam, und das letzte Dampfboot, das auf dem Heimwege war, warf sich mit dem Mut der Verzweiflung gegen die schwimmenden Eisschollen. Dann wurde alles Gewässer von einer festen Eiskruste bedeckt, von unzerbrechlichen Schollen und Feldern, bis der Yukon mit seinen Ufern eine einzige Ebene bildete. Und als es soweit war, und der Fluß stillstand, verloren die blinkenden Tage sich in der Dunkelheit.

John Thompson, der neue Vertreter, lachte, aber Jees Uck glaubte noch an unglückliche Zufälle mit Fluß und Ufer. Neil Bonner war wohl irgendwo zwischen dem Chilcoot Paß und St. Michaels eingefroren, denn die letzten Reisenden des Jahres werden immer vom Eise erfaßt, so daß sie das Boot mit dem Schlitten vertauschen und viele lange Stunden hinter den eilenden Hunden verbringen müssen.

Aber keine eilenden Hunde kamen flußauf oder flußab nach Twenty Miles. Und John Thompson erzählte Jees Uck mit einer gewissen Freude, die er nur schlecht verhehlte, daß Neil Bonner niemals zurückkehren würde. Bei dieser Gelegenheit machte er sie auch – und zwar in brutaler Weise – darauf aufmerksam, daß er ja selbst ledig sei. Jees Uck lachte ihm ins Gesicht und begab sich wieder in ihr großes Blockhaus. Aber mitten im Winter, zu der Zeit, wenn alle Hoffnungen verwelkt und das Leben überhaupt am schwächsten dahinströmt, mußte Jees Uck feststellen, daß sie keinen Kredit mehr im Laden hatte. Das war John Thompsons Werk. Er rieb sich die Hände und ging auf und ab, stellte sich in seine Tür, starrte zu Jees Ucks Haus und wartete. Aber er mußte lange warten. Denn Jees Uck verkaufte ihr Hundegespann an eine Gesellschaft von Goldsuchern und bezahlte ihre Lebensmittel in bar. Und als John Thompson es sogar ablehnte, ihr Bargeld zu nehmen, lieferten die Toyaatindianer ihr alles, was sie brauchte, und brachten es ihr mit Schlitten im Dunkel der Nacht.

Im Februar kam die erste Post über das Eis, und da las John Thompson in den Gesellschaftsnotizen einer fünf Monate alten Zeitung die Nachricht von der Hochzeit Neil Bonners mit Kitty Sharon. Sie hielt die Tür nur halb offen und ließ ihn draußen stehen, während er die Neuigkeit erzählte – und als er geendet hatte, lachte sie stolz und wollte es nicht glauben. Im März brachte sie – und sie war ganz allein – einen Knaben zur Welt, ein tapferes Stückchen neues Leben, worüber sie staunte. Und in derselben Stunde saß – ein Jahr später – Neil Bonner an einem anderen Bett und betrachtete staunend ein anderes Stückchen neuen Lebens, das zur Welt gekommen war.

Der Schnee am Boden schmolz, und das Eis des Yukon zerbrach. Die Sonne wanderte wieder nach dem Norden und schritt dann wieder südwärts. Als das Geld für die Hunde verbraucht war, kehrte Jees Uck wieder zu ihrem Volke zurück. Oshe Ish, ein kundiger Jäger, erbot sich, für sie und ihr Kind auf die Jagd zu gehen und ihr Lachse zu fangen, wenn sie ihn heiraten wollte. Und Imego und Ha Jo und Wy Nooch, alle ohne Ausnahme tüchtige Jäger, machten ihr ähnliche Vorschläge. Aber sie zog es vor, allein zu leben, sich selbst Fleisch und Fisch zu verschaffen. Sie nähte Mokassins, Parkas und Handschuhe ... warme, praktische Dinge, die gleichzeitig dem Auge angenehm waren, sowohl durch die Pelzfransen wie durch die Perlstickerei. Und sie verdiente sich mit diesen Arbeiten nicht nur gute und reichliche Nahrung, sondern konnte sogar Geld zurücklegen. Und eines schönen Tages löste sie Karten für eine Fahrt mit der »Yukon Belle« den Fluß hinab.

In St. Michaels wusch sie in der Küche der Poststation Teller. Die Angestellten der Company wunderten sich über diese seltsame Frau mit dem auffallend schönen Kinde, aber sie stellten keine Fragen, und die Frau selbst würdigte sie keiner Auskunft. Zur rechten Zeit jedoch, bevor die Beringsstraße in diesem Jahre vom Eis verschlossen wurde, nahm sie sich einen Platz auf einem verirrten Robbenfänger, der südwärts fuhr. In diesem Winter kochte sie für die Familie Kapitän Markheims in Unalsaska, und als der Frühling kam, reiste sie mit einem Whiskyboot weiter südwärts bis Sitka. Später tauchte sie in Metlakathla auf, das in der Nähe von St. Mary an einem Ende der Pan–Halbinsel liegt, wo sie während der Lachszeit in einer Kocherei arbeitete. Als es Herbst wurde und die Siwashfischer sich anschickten, nach Pugetsund zurückzukehren, bestieg sie mit einigen Familien zusammen ein großes Zedernholz–Kanu und drang mit diesen Leuten in das gefahrvolle Chaos an der Küste Alaskas und Kanadas vor, bis sie die Straße von Juan de Fuca passiert hatten. Und dann führte sie ihren Knaben an der Hand über das harte Steinpflaster von Seattle.

Hier traf sie Sandy Mc Pherson, der an einer windigen Ecke stand und sich sehr wunderte. Als er ihre Geschichte gehört hatte, war er sehr empört – doch kaum so zornig, wie er geworden wäre, wenn er etwas von Kitty Sharon gewußt hätte. Aber die erwähnte Jees Uck mit keinem Wort, da sie noch immer nicht daran glaubte. Sandy, der das Benehmen Neils gemein und schmutzig fand, versuchte ihr vergeblich von der Fahrt nach San Francisco abzuraten, wo Neil Bonner sich, wenn er zu Hause war, vermutlich aufhielt. Und als er sein Bestes in dieser Beziehung getan hatte, machte er ihr die Sache so leicht wie möglich, kaufte Fahrkarten für sie und begleitete sie zum Zuge, während er ihr zulächelte und »verdammte Schande« in seinen Bart murmelte.

Rasselnd und rumpelnd fuhr der Zug durch Sonnenschein und nächtliche Finsternis, schwankend und schlingernd von Sonnenaufgang bis Sonnenaufgang, bisweilen stolz in den winterlichen Schnee der Bergesgipfel steigend, dann wieder in sommerliche Täler hinuntersausend, hier am Rande der Abgründe, dort quer durch die Berge. Und dieser Zug führte Jees Uck und ihren Sohn nach dem Süden. Aber sie fürchtete sich nicht vor dem eisernen Roß, und ebensowenig ließ sie sich von der grandiosen Zivilisation von Neils Volk verblüffen. Es schien eher, als ob sie mit größerer Klarheit als zuvor erkannte, welch Wunder es war, daß ein Mann aus einer so gottähnlichen Rasse sie in seine Arme geschlossen hatte. Nicht einmal das lärmende Gewirr San Franciscos mit dem nie ruhenden Hafen, den menschenausspeienden Fabriken und dem donnernden Verkehr vermochte sie zu verwirren. Statt dessen wurde ihr bald der jämmerliche Schmutz Twenty Miles und des nur aus Fellzelten bestehenden Toyaatdorfes klar. Und sie betrachtete den Knaben, der sich an ihre Hand klammerte und staunte nur darüber, daß sie ihn mit einem solchen Manne empfangen hatte.

Sie zahlte dem Fuhrmann fünf Münzen und stieg dann die Stufen zu Neils Haustür hinauf. Ein schiefäugiger japanischer Diener verhandelte erst eine Zeitlang vergeblich mit ihr, dann ließ er sie ein und verschwand. Sie blieb in der Diele stehen, die ihrer einfachen Auffassung nach das Gastzimmer sein mußte – der Schauraum, in dem alle Schätze des Hauses ausgestellt waren, mit der offenen Absicht, zu paradieren und zu blenden. Wände und Decke bestanden aus getäfeltem und poliertem Rotholz. Der Boden war glatter als das glatteste Eis, und sie suchten einen festen Halt für ihre Füße auf einem der großen Pelzteppiche, die auf der gebohnerten Oberfläche eine gewisse Sicherheit gaben. Ein mächtiger Kaminplatz – ein übertrieben großer Ofen – so schien es ihr – gähnte an der Wand gegenüber. Ein Strom von Licht durchflutete, durch Glasgemälde gemildert, den Raum, und in der fernsten Ecke schimmerte weiß eine marmorne Gestalt.

So viel und noch mehr hatte sie gesehen, als der schiefäugige Diener wieder erschien und sie durch einen zweiten Raum, von dem sie nur einen flüchtigen Eindruck erhielt, in einen dritten führte, aber beide verdunkelten den blendenden Eindruck, den sie von der Diele bekommen hatte. Und in ihren Augen schien es, als ob das Haus eine unendliche Menge von ähnlichen Räumen enthalten müßte. Sie waren alle so lang und so breit, und die Decke war so unbegreiflich fern. Zum erstenmal, seitdem sie die Zivilisation des weißen Mannes kennengelernt hatte, wurde sie von einem Gefühl der Ehrfurcht ergriffen. Neil, ihr Neil lebte in diesem Hause, atmete diese Luft und legte sich hier nachts zum Schlafen. Es war schön, alles, was sie hier sah, und es gefiel ihr – aber sie empfand auch die Meisterschaft und die Weisheit, die dahinter lag. Es war der konkrete Ausdruck der Macht, in die Form der Schönheit gegossen, und es war die Macht, die sie unbeirrbar ahnte.

Und dann erschien eine Frau von königlichem Wuchs mit einer Glorie von Haar gekrönt, das wie eine goldene Sonne war. Es schien Jees Uck, als käme sie ihr wie eine tänzelnde Musik über stilles Gewässer entgegen. Selbst ihr wogendes Gewand war wie ein Lied, das ihr Körper durch seinen Rhythmus begleitete. Jees Uck war selbst eine Männerbezwingerin. Da waren Oche Ish und Imego und Hah Yo und Wy Nooch, um gar nicht von Neil Bonner und John Thompson und anderen weißen Männern zu sprechen, die sie angeschaut und ihre Macht empfunden hatten. Aber sie starrte in die großen blauen Augen und auf die blütenweiße Haut dieser Frau, die auf sie zuschritt, um sie zu begrüßen, und sie musterte sie mit den Blicken einer Frau, die mit den Augen eines Mannes sehen wollte und fühlte, wie sie als Männerbeherrscherin hinschwand und vor dieser strahlenden und blendenden Erscheinung unbedeutend wurde.

»Sie wollen meinen Mann sprechen?« fragte die Frau. Und Jees Uck schnappte nach Luft, als sie die Stimme hörte, die wie flüssiges Silber war – eine Stimme, die nie barsche Rufe an knurrende Hunde hatte schreien, sich nie einer brutalen Sprache hatte anpassen müssen, und die nie durch Sturm und Kälte und Lagerrauch heiser geworden war.

»Nein«, antwortete Jees Uck langsam und unsicher, da sie sich bemühte, ihrem Englisch Ehre zu machen. »Ich bin gekommen, um Neil Bonner zu sprechen.«

»Das ist ja mein Mann«, lachte die Frau.

Dann war es also wahr! John Thompson hatte an jenem weißen Februartag, als sie so hochmütig gelacht und ihm die Tür vor der Nase zugeschlagen hatte, nicht gelogen. Wie sie einst Amos Pentley niedergeworfen und ihr Messer über ihn geschwungen hatte, so fühlte sie auch jetzt das Bedürfnis, sich auf diese Frau zu stürzen, sie zu Boden zu schleudern und ihr das Leben aus dem schönen Gesicht zu kratzen. Aber Jees Uck besann sich schnell, und Kitty Bonner merkte nichts und ließ sich nie träumen, wie nahe ihr einen Augenblick der plötzliche Tod gewesen war.

Jees Uck nickte nur, zum Zeichen, daß sie verstand, und Kitty Bonner erklärte ihr, daß Neil jeden Augenblick zu erwarten war. Dann nahmen sie Platz – auf lächerlich bequemen Stühlen – und Kitty bemühte sich, ihre seltsame Besucherin zu unterhalten, während Jees Uck ihr Bestes tat, um ihr dabei zu helfen.

»Sie haben meinen Mann im Norden gekannt?« fragte Kitty einmal.

»Ja, gewiß, ich waschen die Wäsche«, antwortete Jees Uck. Ihr Englisch begann plötzlich grauenhaft zu werden.

»Und das ist Ihr Junge? Ich habe selbst ein kleines Mädchen.«

Kitty ließ ihr Töchterchen holen, und während die Kinder auf ihre Art schnell bekannt wurden, vertieften sich die Mütter in die übliche Unterhaltung der Mütter, während sie Tee aus Tassen tranken, die so zerbrechlich waren, daß Jees Uck fürchtete, die ihre zwischen ihren Fingern in tausend Stücke zu zerdrücken. Nie hatte sie so feine und schöne Tassen gesehen! In ihren Gedanken verglich sie sie mit der Frau, die den Tee eingoß, und als Gegensatz tauchten vor ihrem inneren Auge die Kallebassen und kleinen Schüsseln des Toyaatdorfes auf und die plumpen Humpen von Twenty Miles, mit denen sie sich selbst verglich. Und in solchen Formen und Gleichnissen stellte sie das ganze Problem in ihrer Seele dar. Sie war besiegt. Hier saß eine Frau, die ganz anders als sie befähigt war, die Kinder Neil Bonners zu gebären und zu erziehen. Wie sein Volk das ihrige übertraf, so übertrafen die Frauen seiner Art auch sie. Sie waren die Beherrscherinnen der Männer, wie diese die Beherrscher der Welt waren. Sie betrachtete die blütenweiße Zartheit von Kitty Bonners Haut und dachte daran, wie sonnengebräunt die ihrige war. Sie blickte von der weißen Hand auf ihre braune Faust – die eine war von der Arbeit geprägt und durch die Führung von Peitsche und Paddel abgehärtet, während die andere nie Arbeit gekannt und weich wie die eines Säuglings war. Aber trotz dieser Schwäche und unverkennbaren Weichheit fand Jees Uck, als sie in die blauen Augen blickte, doch denselben Herrscherwillen, den sie in den Augen Neil Bonners und in den Augen aller, die seinem Volke angehörten, gefunden hatte.

»Nein, so was – da ist ja Jees Uck!« sagte Neil, als er eintrat. Er sagte es ganz ruhig, ja, in einem Ton herzlicher Freude, als er zu ihr trat und ihr beide Hände schüttelte. Aber gleichzeitig sah er ihr mit einem unruhigen Blick, den sie verstand, in die Augen.

»Ach, Neil!« sagte sie. »Sie sehen sehr gut aus.«

»Das ist wirklich fein, Jees Uck«, antwortete er herzlich, während er Kitty heimlich mit prüfenden Blicken betrachtete, um irgendwelche Anzeichen dessen zu finden, was zwischen den beiden vorgegangen war. Und doch kannte er seine Frau gut genug, um zu wissen, daß sie es nie verraten hätte, selbst, wenn das Schlimmste zwischen ihnen geschehen wäre.

»Ich kann gar nicht sagen, wie ich mich freue, Sie einmal wiederzusehen«, fuhr er fort. »Wie ist es Ihnen ergangen? Haben Sie eine Goldmine gefunden? Und wann sind Sie angekommen?«

»Oh, ich heute angekommen«, erklärte sie, und unwillkürlich kehrte sie zu den gutturalen Tönen der Heimat zurück. »Ich habe keine Mine gefunden, Neil. Sie kennen Capt'n Markheim, Unalsaska? Ich kochen lange Zeit in seinem Haus. Kein Geld ausgeben. Viel gesparen, sehr viel. Sehr gut nach Land der Bleichgesichter gehen, denken ich, und sich ansehen. Sehr schön ist Land der Bleichgesichter, sehr fein«, fügte sie hinzu. Ihr Englisch verwirrte ihn, denn Sandy und er hatten sich beständig bemüht, ihre Sprache zu verbessern, und sie hatte sich als fähige Schülerin erwiesen. Jetzt schien es, als wäre sie wieder zu ihrer Rasse gesunken. Ihr Gesicht war ausdruckslos, völlig ausdruckslos und verriet nichts. Auch Kittys ruhige Brauen schienen ihn zu verspotten.

Was war geschehen? Wieviel war gesagt? Wieviel nur erraten?

Während er mit diesen Problemen rang, und während Jees Uck mit den ihrigen kämpfte – nie war er ihr so wunderbar und so groß erschienen – herrschte Schweigen.

»Denken Sie, daß Sie meinen Mann in Alaska gekannt haben!« sagte Kitty sanft.

Ihn gekannt! Jees Uck warf unwillkürlich einen Blick auf den Knaben, den sie geboren hatte, und mechanisch folgten seine Augen ihrem Blick zum Fenster, wo die Kinder spielten. Es war ihm, als ob ein eisernes Band sich um seine Stirn preßte. Seine Knie gaben nach und sein Herz pochte ungestüm und schlug wie eine geballte Faust gegen seine Brust. Sein Junge! Das hatte er sich nie träumen lassen.

Die kleine Kitty Bonner, die in ihrem dünnen Tüllkleidchen und mit den rosigsten Wangen und den blauesten tanzenden Augen, wie eine Fee aussah, streckte die Arme aus, spitzte einladend die Lippen und wollte dem Knaben einen Kuß geben. Aber der Junge, der schmal, geschmeidig und sonnengebräunt war und einen ledernen Anzug mit Haarfransen und Klunkern trug, welcher seine Verwendung auf See und bei harter Arbeit verriet, widerstand ihren Annäherungsversuchen kühl. Er hielt seinen Körper straff und steif, so aufrecht, wie es den Kindern wilder Völker eigentümlich ist. Er war ein Fremder in einem fremden Land, unbezwungen und ohne Furcht und glich, wie er dastand, fast einem ungezähmten Tier: stumm und wachsam, die schwarzen Augen von Gesicht zu Gesicht funkelnd, ruhig, solange die Ruhe dauerte, aber bereit zum Sprung und Kampf, zum Würgen und Kratzen für das Leben, wenn die Anzeichen der ersten Gefahr drohten.

Der Gegensatz zwischen dem Knaben und dem Mädchen war auffallend, aber nicht Mitleid erregend. Dazu war zuviel Kraft in dem Knaben, heimatlos, wie er durch die Generationen von Schpack, Spike O'Brien und Bonner geworden war. Aber in seinen Zügen, die rein geschnitten wie eine Kamee und fast klassisch in ihrer Strenge waren, enthüllten sich die Macht und das Heldentum seines Vaters und seines Großvaters und des einen, der als »Großer Fettwanst« berühmt war, von dem Seevolk gefangengenommen wurde und nach Kamtschatka entfloh.

Neil Bonner beherrschte seine Rührung, schluckte und würgte daran, obgleich sein Gesicht gutgelaunt lächelte und die Freude zeigte, die man empfindet, wenn man einen Freund trifft.

»Ihr Junge, Jees Uck?« sagte er. Und dann wandte er sich an Kitty: »Ein reizender kleiner Kerl. Der wird mit seinen beiden Händen etwas ausrichten in der Welt.«

Kitty nickte zustimmend. »Wie heißt du?« fragte sie.

Der junge Wilde funkelte sie mit seinen schnellen Augen an, und sein Blick zögerte einen Augenblick auf ihrem Gesicht, als suchte er dort die Absicht hinter der Frage.

»Neil«, antwortete er bedachtsam, als die Untersuchung ihn befriedigt hatte.

»Das ist die Injunsprache«, fiel Jees Uck ein und erfand schnell, aus einer augenblicklichen Inspiration heraus, eine neue Sprache. »Er Injun sprechen, ni–al bedeuten ›Nußknacker‹. Er sagte: ›Ni–al, ni–al!‹ Immer er das sagte: ›Ni–al!‹ Dann ich gab ihm den Namen. So sein Name immer ›ni–al‹ gewesen.«

Nie hatten Worte einen gesegneteren Klang in den Ohren Neil Bonners gehabt als diese Lüge, die so glatt von Jees Ucks Lippen strömte. Dies war das sichere Zeichen, und er wußte jetzt, daß Kittys Brauen keinen Grund gehabt hatten, sich zu runzeln.

»Und sein Vater?« fragte Kitty. »Er muß ein schöner Mann gewesen sein.«

»Oh ja«, lautete die Antwort. »Sein Vater sehr schöner Mann. Sicherlich.«

»Hast du ihn gekannt, Neil?« fragte Kitty.

»Ihn gekannt? Ja, sehr«, antwortete Neil und sprang in Gedanken nach dem unheimlichen Twenty Miles und zu dem Manne zurück, der dort allein mit seiner Sehnsucht gewesen war.

Und hier sollte die Geschichte von Jees Uck eigentlich aus sein, weil sie ihrer Entsagung die Krone aufgesetzt hatte. Als sie nach dem Norden zurückkehrte, um wieder in ihrem großen Blockhaus zu leben, fand John Thompson, daß die P. C. Company doch einen Versuch machen sollte, ihre Geschäfte ohne seine Hilfe zu betreiben. Der neue Vertreter und seine Nachfolger bekamen alle den Auftrag, daß die Frau Jees Uck alle Lebensmittel und Waren, gleichgültig in welchen Mengen sie sie wünschte, haben sollte, und zwar ohne Entgelt. Außerdem zahlte die Company Frau Jees Uck eine jährliche Pension von fünftausend Dollar.

Als der Junge das geeignete Alter erreicht hatte, nahm Pater Champreau sich seiner an, und es dauerte nicht lange, so erhielt Jees Uck regelmäßig Briefe aus dem Jesuitenkollegium in Maryland. Später kamen diese Briefe aus Italien und noch später aus Frankreich. Und schließlich kehrte ein gewisser Pater Neil nach Alaska zurück, ein Mann, der dem Lande unendlich viel Gutes tat, und der seine Mutter über alles liebte. Später fand er ein größeres Arbeitsgebiet und stieg zu hohem Ansehen in der Gesellschaft.

Als Jees Uck aus San Francisco nach dem Norden zurückkehrte, warfen ihr die Männer immer noch Blicke zu und begehrten sie. Aber sie lebte sehr zurückgezogen, und man hörte nie andere als anerkennende Worte über sie. Eine Zeitlang wohnte sie bei den barmherzigen Schwestern des Heiligen Kreuzes, wo sie lesen und schreiben lernte und einige Erfahrung in praktischer Heilkunde und Krankenpflege erwarb. Danach kehrte sie in ihr großes Blockhaus zurück und versammelte die jungen Mädchen des Toyaatdorfes um sich, um ihnen die Wege zu zeigen, die sie in dieser Welt gehen mußten, Sie ist weder katholisch noch protestantisch, diese Schule in dem Hause, das Neil Bonner für Jees Uck, seine Gattin, erbaute, aber die Missionare aller Sekten betrachteten sie mit derselben Sympathie. Die Türglocke hat niemals Ruhe, und müde Goldsucher und Männer, die vom Wandern erschöpft sind, verlassen den flutenden Fluß oder die gefrorene Fährte, um einen Augenblick bei Jees Uck zu verweilen und sich an ihrem Feuer zu wärmen. Und in Kalifornien sitzt Frau Kitty Bonner und freut sich über das aufopfernde Interesse, das ihr Gatte für das Erziehungswesen in Alaska hegt und über die großen Beträge, die er dafür ausgibt. Und obgleich sie oft lächelt und spottet, ist sie in ihrem tiefsten Herzen und ganz im geheimen nur um so stolzer auf ihren Gatten.

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