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Drei Sonnen am Himmel

Jack London: Drei Sonnen am Himmel - Kapitel 3
Quellenangabe
typenarrative
authorJack London
titleDrei Sonnen am Himmel
publisherBüchergilde Gutenberg
year1934
translatorErwin Magnus
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150703
projectid3fc9a5e0
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Die Heirat der Lit-Lit

Als John Fox in das Land kam, wo der Whisky zu einer starren Masse gefriert, die man den größten Teil des Jahres hindurch als Briefbeschwerer benutzen kann, war er gänzlich frei von all den Idealen und Träumereien, die sonst dem Vorwärtskommen von Abenteurern, die eine bessere Kinderstube gehabt haben, Hindernisse in den Weg legen. An der unwirtlichen Grenze der Vereinigten Staaten geboren und erzogen, brachte er eine primitive Geistesart und eine Art, die Dinge anzufassen, wie sie nun einmal waren, mit nach Kanada, Eigenschaften, die ihm den Erfolg auf seiner neuen Lebensbahn ohne weiteres sicherten. Von einem einfachen Angestellten der Hudson Bay Company, der mit den Reisenden herumpaddelte und das Gepäck zwischen Seen und Flüssen auf seinem Rücken trug, stieg er schnell auf, wurde Faktoreileiter und übernahm die Leitung einer Handelsstation bei Fort Angelus.

Seine elementare Einfachheit ließ ihn sich eine eingeborene Frau nehmen, und infolge seines Eheglücks entging er der Unruhe und ziellosen Sehnsucht, die das Leben empfindsamer Männer zu einer Hölle machen, ihre Arbeit vernichten und sie selbst schließlich ganz zugrunde richten kann. Er lebte zufrieden, seine Art entsprach den Geschäften, die er zu betreiben hatte, und seine Laufbahn im Dienste der Company war deshalb von außergewöhnlichem Erfolg gekrönt. Ungefähr um diese Zeit starb seine Frau, wurde von ihrem Volke zurückverlangt und nach dem Ritual der Wilden hoch oben in einem hohlen Baumstamm beigesetzt.

Sie hatte ihm zwei Söhne geboren. Und als die Company ihn beförderte, reiste er mit ihnen noch tiefer hinein in die Einöde des nördlichen Territoriums, und zwar nach einem Ort, der Sin Rock genannt wurde. Hier, in einem wichtigen Pelzgebiet, übernahm er einen neuen Posten. Er verbrachte in dieser Gegend einige einsame und niederschlagende Monate. Das wenig ansprechende Aeußere der Indianermädchen stieß ihn ab, und seine Söhne, die im Aufwachsen waren und die Sorgfalt einer Mutter dringend brauchten, machten ihm viel Sorge. Da fielen seine Augen auf Lit-Lit.

»Lit-Lit ... nun, sie ist eben Lit-Lit ...«, auf diese Weise schilderte er sie verzweifelt seinem ersten Untergebenen, Alexander Mc Lean.

Es war noch zu kurze Zeit her, daß Mc Lean sein schottisches Heim verlassen hatte – er war noch nicht trocken hinter den Ohren, wie John Fox sich ausdrückte – und konnte sich deshalb noch nicht an die Heiratsgewohnheiten des Landes gewöhnen. Nichtsdestoweniger hatte er von seinem Standpunkt aus nichts dagegen, daß der Faktoreileiter seine unsterbliche Seele gefährdete. Er wurde nämlich selbst auf gefährliche Weise von Lit-Lit angezogen und empfand deshalb eine düstere Befriedigung, als sie den Faktoreileiter heiratete und dadurch sein eigenes Seelenheil bewahrte.

Man darf sich auch nicht wundern, daß selbst die strenge schottische Seele Mc Leans Gefahr lief, von dem Sonnenschein, der aus den Augen Lit-Lits strahlte, aufgetaut zu werden. Sie war sehr hübsch. Sie war schlank wie eine Weide, und ihr Gesicht hatte nichts von der Derbheit und temperamentlosen Stumpfheit der meisten Indianerfrauen. Sie wurde Lit-Lit genannt, weil sie schon als Kind so flatterhaft gewesen und wie ein Schmetterling umhergehüpft war, weil sie launenhaft und fröhlich war, und weil sie ebensogern lachte, wie sie herumhüpfte und tanzte.

Lit-Lit war die Tochter Snettishanes, eines berühmten Häuptlings des Stammes. Ihre Mutter war ein Mischling gewesen. An einem schönen Sommertage fuhr der Faktoreileiter zu ihrem Vater, um die Verhandlungen wegen der Heirat zu beginnen. Er saß mit dem Häuptling vor dessen Wohnung, eingehüllt vom Rauch eines Moskitofeuers. Sie unterhielten sich über alles mögliche unter der Sonne oder wenigstens von allem, was es im Nordland unter der Sonne gibt – nur nicht von der Heirat. John Fox war ausschließlich gekommen, um über die Heirat zu reden. Snettishane wußte das, und John Fox wußte, daß der andere es wußte, und deshalb vermieden beide mit peinlichster Sorgfalt dieses Thema. Man pflegt solche Dinge als Zeichen indianischer Schläue anzuführen. In Wirklichkeit ist es die durchsichtigste Einfalt.

Die Stunden vergingen, und Fox und Snettishane rauchten unzählige Pfeifen und sahen sich mit wunderbar gespielter Unschuld an. Im Laufe des Nachmittags spazierte McLean und sein kaufmännischer Kollege Mc Tavish mit nichtsahnender Gleichgültigkeit zum Flusse hinab. Als sie eine Stunde später wiederkamen, waren Fox und Snettishane mitten in einer höchst zeremoniellen Diskussion über den Zustand und die Qualität des von der Company in den Handel gebrachten Pulvers und Räucherspecks begriffen. Lit-Lit, die schon erriet, was der Faktoreileiter mit seinem Besuch beabsichtigte, hatte sich leise ans Fenster der Hütte geschlichen und guckte zu den beiden Wortkämpfern hinaus, die am Moskitofeuer saßen. Ihre Wangen waren gerötet, und ihre Augen strahlten glücklich, denn sie war stolz, daß kein Geringerer als der Faktoreileiter, der in der nordländischen Hierarchie Gott am nächsten stand, sie erwählt hatte. Sie war nach echter Frauenart neugierig, was für ein Mann es war. Das Flimmern der Sonne auf dem Eis und der Rauch des Lagerfeuers hatten sein Gesicht braun gebrannt, so daß ihr Vater ebenso hell war wie er, während sie sogar heller erschien. Sie war unbewußt froh darüber, aber wirklich unmittelbar erfreute es sie, daß er stark und groß war, wenn sein mächtiger schwarzer Bart sie auch fast mit Furcht erfüllte, weil er so fremdartig aussah.

Sie war sehr jung und wußte deshalb nichts von der Art der Männer. Siebzehnmal hatte sie gesehen, wie die Sonne gen Süden wanderte und sich hinter dem Horizonte verbarg, und siebzehnmal hatte sie gesehen, wie die Sonne wiederkam und Tag und Nacht am Himmel blieb, bis es überhaupt keine Nacht mehr gab. Und in all diesen Jahren war sie von Snettishane eifersüchtig gehegt und gepflegt worden. Er stellte sich stets zwischen sie und ihre Freier, hörte voller Verachtung die jungen Jäger an, die um ihre Hand baten, und wies sie ab, als stände Lit-Lit über allen Angeboten. Snettishane war ein gerissener Händler. Lit-Lit war für ihn ein Kapital, das er gut investieren wollte. Sie stellte in seinen Augen sogar ein Kapital dar, aus dem er nicht nur einen einmaligen Gewinn, sondern unberechenbare Gewinne herausschlagen wollte.

Und nachdem sie in einer Weise erzogen worden war, die dem Nonnentum so nahe kam, wie die Verhältnisse innerhalb eines Stammes es überhaupt möglich machen, betrachtete sie jetzt mit großer mädchenhafter Unruhe den Mann, der sicherlich ihretwegen gekommen war, den Gatten, der sie alles, was ihr bisher vom Leben verborgen gewesen, lehren sollte – das herrische Wesen, das ihr Gesetz werden und alle ihre Handlungen für den Rest ihrer Lebenstage ermessen und bestimmen sollte.

Als sie aber so zum Fenster der Hütte hinausschaute, erregt und durchschauert von dem Gedanken an das seltsame Schicksal, das nach ihr griff, enttäuschte es sie doch, daß der Tag allmählich verging und ihr Vater und der Faktoreileiter immer noch feierlich alle möglichen Dinge besprachen, die anderes betrafen und gar nichts mit der Heirat zu tun hatten. Als die Sonne im Norden immer tiefer sank und Mitternacht sich näherschlich, begann der Faktoreileiter unverkennbare Vorbereitungen zum Aufbruch zu treffen. Als er sich zum Gehen anschickte, sank Lit-Lits Mut, hob sich aber gleich wieder, als Fox stehen blieb und sich halb auf dem Absatz umdrehte.

»Uebrigens, Snettishane«, sagte er .. »Ich möchte gern eine Squaw haben, die für mich waschen und die Kleider ausbessern könnte.«

Snettishane grunzte und schlug Wanidani, ein altes und zahnloses Weib, vor.

»Nein, nein«, unterbrach der Faktoreileiter. »Was ich will, ist eine Gattin. Ich habe ein wenig darüber nachgedacht, und da fiel mir jetzt eben ein, daß du vielleicht jemand wüßtest, die ich heiraten könnte.«

Snettishane schien Interesse zu fassen, worauf der Faktoreileiter wieder umkehrte, um wie zufällig und gleichgültig noch etwas zu bleiben und dieses neue Thema zu besprechen.

»Vielleicht Kattu?« fragte Snettishane.

»Die hat ja nur ein Auge«, wandte Fox ein.

»Laska?«

»Ihre Knie sind zu weit auseinander, wenn sie aufrecht steht. Kips, der dickste von deinen Hunden, kann zwischen ihren Beinen laufen.«

»Senati?« fuhr der unerschütterliche Snettishane fort.

Aber jetzt tat John Fox, als würde er wütend und rief: »Was sind das alles für Torheiten? Bin ich denn alt, daß du mich mit alten Weibern verheiraten willst? Habe ich keine Zähne mehr? Sind meine Beine lahm? Bin ich vielleicht blind? Oder bin ich so arm, daß kein helläugiges Mädchen mich freundlich ansehen will? Donnerwetter nochmal! Ich bin der Faktoreileiter, reich und mächtig, eine Macht hier im Lande, und die Männer zittern vor meinen Worten und folgen ihnen.«

Snettishane war innerlich sehr befriedigt, wenn sein sphinxhaftes Gesicht es auch nicht ausdrückte. Jetzt gedachte er den Faktoreileiter zu reizen und ihn zu nötigen, mit der Verhandlung zu beginnen. Da Snettishane ein so einfaches Geschöpf war, daß er nur einen Gedanken zurzeit fassen konnte, war er imstande, diesen Gedanken schon länger zu verfolgen als Fox. Denn so einfältig John Fox auch schien, war er doch kompliziert genug, um mehreren unklaren Gedanken gleichzeitig nachgehen zu können, aber er vermochte nicht einen davon so konzentriert oder aus solchem Abstand zu verfolgen wie der Häuptling.

Snettishane fuhr ruhig mit der Aufzählung der wählbaren Mädchen fort, aber jedesmal, wenn er einen Namen nannte, bezeichnete John Fox ihn als unmöglich, indem er die verschiedensten Einwände erhob. Wieder stand er auf und schickte sich an, nach dem Fort zurückzukehren. Snettishane sah ihn gehen und machte keinen Versuch, ihn zurückzuhalten. Er erreichte auch, was er wollte, denn Fox blieb von selber stehen.

»Da fällt mir ein«, meinte der Faktoreileiter: »Wir haben beide Lit-Lit vergessen. Ich möchte doch wissen, ob sie mich nicht nehmen würde.«

Snettishane nahm die Andeutung mit ernstem Gesicht entgegen, obgleich seine Seele hinter der Maske mächtig grinste. Es war ein unbestrittener Sieg. Wäre der Faktoreileiter nur einen Schritt weitergegangen, so hätte er Snettishane gezwungen, selbst den Namen Lit-Lits zu nennen. Aber der Faktoreileiter hatte diesen Schritt eben nicht gemacht.

Der Häuptling gedachte nicht, sich über Lit-Lits Eignung auszusprechen, bevor er den weißen Mann zum nächsten Schritt in der Verhandlung verleitet hatte.

»Gut ...« überlegte der Faktoreileiter laut. »Die einzige Möglichkeit, es festzustellen, ist, daß man es versucht.« Er begann etwas lauter zu sprechen. »Ich will also zehn Decken und drei Pfund Tabak, guten Tabak, für Lit-Lit geben.«

Snettishane antwortete mit einer Bewegung, die anzudeuten schien, daß die gesamten Decken und der gesamte Tabak in der ganzen Welt ihm nicht den Verlust Lit-Lits und ihrer mannigfachen Tugenden ersetzen könnten. Als der Faktoreileiter ihn nötigte, einen Preis festzusetzen, forderte er kühl fünfhundert Decken, zehn Gewehre, fünfzig Pfund Tabak, zwanzig rote Kleider, zehn Flaschen Rum, eine Spieldose und die allgemeine Unterstützung des Faktoreileiters, zuzüglich eines Platzes an seinem Herd.

Der Faktoreileiter schien einen Schlaganfall zu bekommen, was immerhin den sofortigen Erfolg hatte, daß die Zahl der Decken auf zweihundert reduziert und der Platz am Herde gestrichen wurde. An sich war letzteres auch eine unerhörte Forderung, die bei den Heiraten weißer Männer mit einheimischen Mädchen völlig ungebräuchlich war. Nach dreistündigem Kuhhandel gelangte man zu einer Verständigung. Für Lit-Lit sollte Snettishane hundert Decken, fünf Pfund Tabak, drei Gewehre, eine Flasche Rum und dazu die Unterstützung und Freundschaft seines Schwiegersohnes erhalten. Nach Ansicht John Fox' waren das immer noch zehn Decken und ein Gewehr mehr, als Lit-Lit wert war. Und als er endlich in früher Morgenstunde – die Sonne stand gegen drei Uhr gerade im Norden – aufbrach, kam ihm die unangenehme Klarheit, daß Snettishane ihn bei diesem Geschäft übers Ohr gehauen hatte.

Müde, aber siegesstolz ging Snettishane zu Bett und entdeckte dabei Lit-Lit, ehe es ihr gelungen war, zu entschlüpfen.

Er grunzte verständnisvoll: »Du hast also selbst gesehen. Hast selbst gehört. Demnach ist die große Weisheit und Klugheit deines Vaters dir offenbart worden. Ich habe einen großen Kampf für dich gewonnen. Nimm dir meine Worte zu Herzen und geh den Weg, den ich dir sage. Geh, wenn ich sage ›geh‹; komm, wenn ich dir befehle ›komm‹, und wir werden fett werden durch den Reichtum dieses großen Mannes, der ein Narr ist durch seine Größe.«

Am nächsten Tage wurde nichts Geschäftliches im Lager erledigt. Der Faktoreileiter gab schon vor dem Frühstück Whisky – zur großen Freude Mc Leans und Mc Tavishs –, die Hunde erhielten die doppelte Ration und er selbst zog seine feinsten Mokassins an. Vor dem Fort wurden große Vorbereitungen für einen Potlatsch getroffen. Potlatsch bedeutet »Geschenke geben«, und es war John Fox' Absicht, seine Heirat mit Lit-Lit durch einen Potlatsch zu verkünden, der an Glanz mit ihrer Schönheit wetteifern sollte. Im Laufe des Nachmittags traf der ganze Stamm zum Feste ein. Männer, Frauen, Kinder, ja, selbst Hunde fraßen sich zum Ersticken voll, und es gab – selbst unter den zufälligen Besuchern und verirrten Jägern aus anderen Stämmen – keinen, der nicht einen Beweis von der Großzügigkeit des Bräutigams erhalten hätte.

Lit-Lit, die scheu und ängstlich bis zu Tränen war, erhielt von ihrem bärtigen Gatten ein neues Kalikokleid, wunderbar gestickte Mokassins, ein mächtiges seidenes Tuch, das über ihr rabenschwarzes Haar gebunden wurde, eine purpurne Schärpe um den Hals, kupferne Ohr- und Fingerringe und eine ganze Schüssel voll Tombakschmucksachen, darunter auch eine Waterburyuhr. Snettishane konnte sich bei diesem Anblick kaum zügeln, aber er nahm sich in acht und hielt sich ein wenig abseits.

»Nicht diese Nacht, auch nicht die nächste«, sagte er nachdenklich zu ihr, »aber in den kommenden Nächten bist du es, die ich rufe, wenn du mich wie einen Raben am Flußufer drüben schreien hörst. Dann stehst du auf, verläßt deinen Gatten, der ein Narr ist, und kommst zu mir.«

»Nein, nein«, fuhr er schnell fort, als er die Unzufriedenheit in ihrer Miene sah, weil sie dem wunderbaren neuen Leben den Rücken kehren sollte. »Kaum wird das geschehen sein, so wird dein großer Gatte, der ein Narr ist, winselnd nach meiner Hütte kommen. Dann mußt auch du jammern und sagen, daß dir dieses nicht gefällt, daß du jenes nicht liebst, und daß es schlimmer ist, die Frau des Faktoreileiters zu sein, als dem Preis entspricht, der für dich bezahlt wurde, und daß du deshalb mehr Decken und mehr Tabak und mehr Reichtum für deinen armen Vater, für den unglückliehen Snettishane haben willst. Vergiß es nicht, wenn ich nachts wie ein Rabe am Flußufer schreie.«

Lit-Lit nickte. Sie wußte wohl, wie gefährlich es war, ihrem Vater nicht zu gehorchen. Außerdem war es ja nur ein kleines Opfer, das er von ihr forderte – eine kurze Trennung von dem Faktoreileiter, der noch froher sein würde, wenn er sie wiederbekam. So kehrte sie also zum Fest zurück, und kurz vor Mitternacht nahm der Faktoreileiter sie an der Hand und führte sie unter Späßen und Rufen, wobei die Frauen sich besonders hervortaten, nach dem Fort.

Lit-Lit entdeckte sehr bald, daß eine Ehe mit dem Oberhaupt eines Forts noch besser war, als sie je geträumt hatte. Sie brauchte nicht mehr Brennholz und Wasser zu holen und streitsüchtige Männer an allen Ecken zu bedienen. Zum erstenmal in ihrem Leben konnte sie im Bett liegen bleiben, bis das Frühstück auf dem Tisch stand. Und was für ein Bett das war! Sauber, weich und bequem wie kein Bett, das sie je gesehen hatte. Und was für ein Essen sie bekam! Mehl, das zu Zwiebacks gebacken war, frisches feines Gebäck und Brot – dreimal täglich und zwar alle Tage, und soviel man nur haben wollte.

Ein solcher Ueberfluß war schier unbegreiflich.

Um ihre Zufriedenheit noch zu vermehren, war der Faktoreileiter von kluger Freundlichkeit. Er hatte eine Frau begraben, er wußte, wie man mit schlaffen Zügeln regieren mußte, die nur hin und wieder gestrafft werden mußten – dann freilich sehr kräftig. »Lit-Lit hat hier am Orte zu sagen«, erklärte er am Tage nach der Hochzeit beim Tisch. »Was sie sagt, wird getan. Verstanden?« Und Mc Lean und Mc Tavish verstanden. Sie wußten auch, daß der Faktoreileiter eine schwere Hand hatte.

Aber Lit-Lit nutzte das nicht aus. Sie nahm sich ein Beispiel an ihrem Manne, der ihr gleich die Sorge für seine jungen Söhne übertrug. Sie räumte ihnen größere Annehmlichkeiten und Freiheiten ein, als er ihnen gegeben hatte. Die beiden Knaben priesen ihre neue Mutter laut. Mac Lean und Mc Tavish stimmten ihnen bei. Und der Faktoreileiter prahlte mit seinem ehelichen Glück, bis sämtliche Einwohner des Sin-Rock-Bezirks über Lit-Lits gutes Benehmen und seine Zufriedenheit unterrichtet waren.

Als Snettishane, den Visionen unübersehbarer Gewinne des Nachts nicht schlafen ließen, dies erfuhr, meinte er, daß der Augenblick zum Eingreifen für ihn gekommen war. In der zehnten Nacht nach ihrer Hochzeit wurde Lit-Lit durch das Krächzen eines Raben aus dem Schlaf geweckt und wußte, daß Snettishane am Flußufer auf sie wartete. In ihrem großen Glück hatte sie die Verabredung ganz vergessen, und jetzt fiel sie ihr wieder ein, und hinter der Verabredung tauchte die kindliche Furcht vor dem Vater auf. Eine Weile lag sie ängstlich und zitternd in ihrem Bett. Sie hatte keine Lust, wegzugehen, fürchtete sich aber, zu bleiben. Zuletzt errang jedoch der Faktoreileiter in aller Stille den Sieg, und seine große Güte, aber nicht weniger seine gewaltigen Muskeln und sein viereckiges Kinn schenkten ihr den Mut, den Ruf Snettishanes zu überhören.

Als sie morgens aufstand, war sie freilich sehr ängstlich, und während sie ihren Pflichten nachging, bebte sie vor dem Augenblick, da ihr Vater kommen würde. Im Laufe des Tages begann sie indessen wieder mutiger zu werden. John Fox schalt mit lauter Stimme Mc Lean und Mc Tavish wegen irgendeines unbedeutenden Pflichtversäumnisses aus und stärkte dadurch ihre Tapferkeit. Sie achtete darauf, daß sie ihn nicht aus den Augen verlor, und als sie ihn in das große Lager begleitete und sah, wie er die mächtigen Ballen herumwarf, als ob es Federkissen wären, bestärkte auch das sie in ihrem Ungehorsam gegen den Vater. Es war auch das erstemal, daß sie das Lagerhaus sah (Sin Roch war die Hauptverteilungsstelle für eine ganze Reihe kleinerer Stationen) und die endlosen Mengen von Waren, die hier aufgestapelt waren, machten einen starken Eindruck auf sie.

Dieser Anblick und das Bild von der leeren Hütte Snettishanes, das in ihrem Gedächtnis auftauchte, überwanden auch, die letzten Zweifel. Aber erst einige Worte, die sie mit einem ihrer Stiefsöhne sprach, überzeugten sie ganz. »Ist weißer Papa gut?« fragte sie, und der Knabe antwortete, daß sein Vater der beste Mann sei, den er je getroffen hätte. In dieser Nacht schrie der Rabe wieder. In der folgenden Nacht schrie er noch energischer. Der Faktoreileiter wurde sogar dadurch geweckt und warf sich einen Augenblick unruhig hin und her. Dann sagte er laut: »Hol der Teufel den Raben!« Lit-Lit versteckte sich unter der Decke und lachte still vor sich hin.

Ganz früh am Morgen trat Snettishane auf unangenehme Weise in die Erscheinung. Er mußte sein Frühstück in der Küche bei Wanidani einnehmen. Er lehnte das »Frauenessen« ab, und kurz darauf stellte er seinen Schwiegersohn im Lagerhaus, wo die Geschäfte erledigt wurden. Er sagte ihm, er hätte gehört, daß seine Tochter ein solches Juwel sei. Deshalb sei er jetzt gekommen, um mehr Decken, mehr Tabak und mehr Gewehre zu erhalten – vor allem Gewehre. Er wäre seiner Ansicht nach übervorteilt worden und sei jetzt gekommen, damit ihm Gerechtigkeit zuteil würde. Aber der Faktoreileiter hatte weder Decken noch Gerechtigkeit zu vergeben. Darauf teilte Snettishane ihm mit, er habe bei den »Drei Steinen« den Missionar getroffen, und dieser hätte ihm erklärt, daß Ehen dieser Art nicht im Himmel geschlossen wären, und daß es folglich seine Pflicht als Vater sei, seine Tochter zurückzunehmen.

»Ich bin jetzt ein guter Christ«, schloß Snettishane seine Erklärung. »Und ich wünsche, daß meine Lit-Lit ins Paradies kommen soll.«

Die Antwort des Faktoreileiters war kurz und bündig. Er forderte nämlich seinen Schwiegervater auf, sich zum Teufel zu scheren, und begleitete ihn mit einem Griff am Genick und am Zipfel seiner Decke das erste Stück dieses Weges, jedenfalls bis zur Tür.

Aber Snettishane schlich sich auf die andere Seite und durch die Küche ins Haus. Er traf Lit-Lit in dem großen Wohnzimmer.

»Vielleicht hast du letzte Nacht zu fest geschlafen, als ich am Ufer rief«, begann er mit einem düsteren Blick.

»Nein, ich war wach und hörte dich.« Ihr Herz klopfte so stark, als sollte sie ersticken, aber sie sprach ruhig weiter. »Und vorgestern Nacht war ich auch wach und hörte dich rufen und ebenfalls in der vorhergehenden Nacht.«

Und infolge ihres übergroßen Glücks und aus Furcht, daß es ihr genommen werden sollte, stürzte sie sich in einen wirklich originellen und glühenden Vortrag über Lage und Rechte der Frau – der erste Vortrag über Frauenrecht, der je nördlich vom dreiundfünfzigsten Grad gehalten worden ist.

Der Vortrag machte indessen keinen Eindruck auf den Zuhörer. Snettishane gehörte noch dem finsteren Zeitalter an. Als sie eine Pause machte, um Atem zu schöpfen, sagte er drohend: »Ich schreie heute nacht wieder wie ein Rabe ...«

In diesem Augenblick betrat der Faktoreileiter das Zimmer und warf Snettishane hinaus.

In der Nacht krächzte der Rabe länger als je. Lit-Lit, die in leichtem Schlummer lag, hörte ihn und lächelte. John Fox warf sich unruhig hin und her. Dann wachte er auf und warf sich noch unruhiger hin und her. Er knurrte und fauchte, fluchte laut und fluchte leise und sprang schließlich aus dem Bett. Er tastete sich durch das große Wohnzimmer hinaus und nahm eine geladene Schrotflinte vom Haken, mit Vogelschrot geladen, das der unzuverlässige Mc Tavish darin gelassen hatte.

Der Faktoreileiter schlich sich vorsichtig aus dem Hause und zum Flußufer hinunter. Das Krächzen hatte aufgehört, aber er legte sich ins Gras und wartete. Die Luft war kühl und balsamisch, und nach der Hitze des Tages atmete die Erde ihm beruhigend entgegen. Eingefangen vom Rhythmus des Ganzen wurde der Faktoreileiter schläfrig und schlummerte bald, den Kopf auf den Arm gelegt, ein.

Fünfzig Schritt von ihm entfernt hockte Snettishane, mit dem Kopf auf den Knien, den Rücken gegen Fox gekehrt. Auch er schlief, von der milden Stille der Nacht besiegt. Eine Stunde verging – dann wachte er auf und begann, ohne den Kopf zu heben, die heiseren Kehllaute des Rabenkrächzens durch die Luft hallen zu lassen.

Der Faktoreileiter fuhr aus dem Schlummer auf, aber nicht, wie der zivilisierte Mensch, mit einem plötzlichen Ruck, sondern mit dem leisen, konzentrierten Hinübergleiten vom Schlafen ins Wachen. das den Wilden kennzeichnet. Beim unsicheren Licht der Nacht sah er einen dunklen Gegenstand im Gras und legte seine Büchse an. Ein neues Krächzen setzte ein und im selben Augenblick drückte er ab. Die Grillen hielten mit ihrem Zirpen inne, die wilden Vögel mit ihrem Schnattern, und das Krächzen des Raben hörte mit einem Schlage auf. Dann hörte man einen tiefen Seufzer, und es wurde still.

John Fox lief zu der Stelle hin, wo das Ding, das er getötet hatte, liegen mußte, aber seine Finger faßten einen groben Haarschopf, und er hob das Gesicht Snettishanes gegen das Sternenlicht. Er wußte, wie eine Schrotflinte auf fünfzig Schritt Entfernung wirkt, und er wußte auch, daß er Snettishane zwischen die Schultern und ins Kreuz getroffen hatte. Und Snettishane wußte, daß er das wußte, aber keiner von ihnen machte die geringste Andeutung davon.

»Was tust du hier?« fragte der Faktoreileiter. »Zu dieser Zeit sollten alte Knochen schon längst im Bett liegen.«

Snettishane wahrte seine Würde, obgleich die Hühnerposten in seinem Fleisch brannten.

»Alte Knochen wollen nicht schlafen«, sagte er feierlich. »Ich weine über meine Tochter, meine Tochter Lit-Lit, die lebte und jetzt tot ist, und die ohne Zweifel in die Hölle des weißen Mannes wandelt.«

»Weine künftig am anderen Ufer, so daß man dich vom Fort aus nicht hören kann«, sagte John Fox und drehte sich um. »Denn das Geräusch deines Weinens ist stärker als angenehm und läßt andere nachts nicht schlafen.«

»Mein Herz ist wund«, antwortete Snettishane. »Und meine Tage und Nächte sind schwarz vor Kummer.«

»So schwarz wie der Rabe«, sagte John Fox.

»So schwarz wie der Rabe«, wiederholte Snettishane.

Nie mehr aber hörte man das Krächzen des Raben am Ufer des Flusses. Lit-Lit entwickelte sich mit jedem Tage mehr und ist immer noch sehr glücklich. Es gibt auch Schwestern der Söhne, die John Fox mit seiner ersten Frau hatte, welche in einem hohlen Baum bestattet wurde. Der alte Snettishane besucht das Fort nicht mehr. Aber er kann stundenlang mit seiner dünnen, greisenhaften Stimme von der Undankbarkeit der Kinder im allgemeinen und seiner Tochter Lit-Lit im besonderen reden. Seine letzten Jahre werden von dem Bewußtsein verbittert, daß er übervorteilt wurde. Und selbst John Fox hat längst die Behauptung zurückgenommen, daß der Preis für Lit-Lit um zehn Decken und ein Gewehr zu hoch war.

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