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Drei Reportagen

Maria Leitner: Drei Reportagen - Kapitel 4
Quellenangabe
authorMaria Leitner
titleDrei Reportagen
publisherUllstein
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180928
projectid8c745c16
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Industrie im Urwald

1931

 

»Arbeitet man denn überhaupt im Urwald? Dann ist es vielleicht gar kein echter?«

»Sie werden es schon sehen, wenn Sie hinfahren. Und daß er nicht echt ist, darüber brauchen Sie sich wirklich keine Sorgen zu machen.«

Es ist nicht so schwierig, nach dem Urwald zu kommen, wenn man einmal in Guayana ist. Von Paramaribo, der Hauptstadt Surinams, fährt jede Woche ein Schiff nach Moengo, das an der Grenze Französisch-Guayanas liegt. Das Boot fährt auf kleinen Flüssen, etwa 150 englische Meilen, immer durch den Busch und hält nur an Neger- und Indianerdörfern.

Es ist eine merkwürdige Gesellschaft, die sich hier zusammengefunden hat. Buschneger, Indianer, Javaner, Inder, Weiße sind durcheinandergemengt. Es gibt auch einen Araber, einen Chinesen und einen Japaner, so daß auf unserem kleinen primitiven Schiff wohl alle Rassen der Welt vertreten sind. Es ist eine phantastische »Arche Noah«, die in den Urwald fährt.

Da ist die Gruppe von Buschnegern, »städtisch« angezogen, nämlich mit steifen Hüten und großen bunten Tüchern, die an den Schultern zusammengeknüpft sind.

»Das sind Balata-Arbeiter«, erklärt mir ein Holländer. »Sie haben Balata abgeliefert, jetzt fahren sie nach Hause. Bis zur nächsten Regenperiode bleiben sie in ihrem Dorf, dann gehen sie wieder als Kontraktarbeiter.«

»Könnten sie denn nicht in ihrem Dorf bleiben und Balata in der Nähe sammeln und es dann verkaufen?« (Balata ist eine bessere und wertvollere Art von Kautschuk.)

»Das könnten sie wirklich nicht. Erstens ist das Balata, auch wenn es wild wächst, keineswegs Allgemeingut. Die Konzessionen haben große Gesellschaften. Die einzelnen Neger könnten auch nicht rationell arbeiten. Sie bekommen jetzt ihre Ausrüstungen von den Gesellschaften mit einem genauen Arbeitsplan. Es gibt Karten, auf denen jeder einzelne Balatabaum aufgezeichnet ist. Man kann auch im Urwald genau feststellen, wieviel ein Arbeiter ungefähr zu schaffen fähig ist. Sein Verdienst wird natürlich dementsprechend reguliert.«

»Also Akkordarbeit im Urwald.«

Unter den Buschnegern befindet sich auch einer scheinbar höheren Ranges. Er trägt eine alte Lakaienuniform und einen zerzausten Zylinder, über seiner Brust hängt ein Blechschild mit holländischer Inschrift, die ihn als Distriktgouverneur bezeichnet.

»Das sind Geschenke der holländischen Regierung an ihre Buschneger-Gouverneure. Das hebt ihre Autorität bei ihren Stammesgenossen. Jedenfalls ist das die Meinung in Holland. In Wirklichkeit gehen sie weiter nackt im Urwald und tragen die Uniform nur bei feierlichen Anlässen, wenn sie in die Stadt fahren.«

Der Holländer ist ein Polizeibeamter, der eine Inspektionsreise zu den Buschpolizeistationen macht.

»Buschpolizei? Gibt es das auch? Geschehen vielleicht Morde oder Diebstähle unter den Indianern und Buschnegern?«

»Nein, das nicht, es wäre auch gar nicht Angelegenheit der Buschpolizei.«

»Ja, was hat denn die Polizei da zu tun? Bewacht sie die Bäume und die Tiger?«

»Zu tun hat sie genug, sie muß zum Beispiel die Bücher in den ›Company-Magazins› kontrollieren.«

»Company-Magazins, was ist denn das?«

»Das sind die Geschäfte im Urwald.«

Geschäfte, Polizei, Akkordarbeiter, ist das noch Urwald? Ja, zweifellos, wir fahren durch den Urwald. Am Ufer bewachen ihn undurchdringliche Mangroven, die ihre zartrosa und gelben Blüten in den klaren Gewässern spiegeln. Über dem Gestrüpp erheben sich Fächerpalmen, Kantamasis mit feuerfarbenen Dolden, Palisander mit violetten und Mahagonibäume mit wachsfarbenen Blüten. Gründämmernde Creeks tauchen auf, die Kanäle und Verkehrswege des Urwalds, Kolibris hausen in ihnen und goldköpfige Kiskadis. Wir hören das laute Kreischen einer großen Papageienfamilie. Plötzlich erscheint am Rande eines Creeks ein einsames Haus.

»Sehen Sie, das ist ein Geschäft, die Niederlassung einer großen guayanischen Balata-Aktiengesellschaft.«

»Und warum kontrolliert die Polizei die Bücher?«

»Wir müssen feststellen, ob die Höchstpreise nicht überschritten und die Konten der Arbeiter auch richtig geführt werden.«

»Höchstpreise im Urwald, Konten?«

»Ja, die Höchstpreise sind schon hoch genug, wir müssen darauf achten, daß die Arbeiter nicht übervorteilt werden. Die Kontraktarbeiter bekommen von den Gesellschaften nicht nur ein Boot und Ausrüstung, sondern auch einen Kredit. Jeder Arbeiter hat in dem Geschäft, das seinem Arbeitsplatz am nächsten liegt (diese Nähe ist allerdings manchmal eine Entfernung von ein bis drei Tagen), ein Konto. Hier kann er Schnaps, Tabak und Konserven kaufen. Die Abrechnung erfolgt erst bei Ablauf des Arbeitskontraktes.«

»Ja, können denn die Arbeiter nicht einfach türmen? Sie haben ein Boot, Ausrüstung, sie haben Schulden. Können sie nicht leicht in der Wildnis in den menschenleeren Gegenden entkommen?«

»Ja, dazu sind wir doch da, die Polizei.«

»Ich dachte, nur zur Kontrolle der Bücher. Und Sie sind doch auch nur wenige. Wie könnten Sie jemand in diesem ungeheuer großen Wald verfolgen?«

»Ja, ungeheuer groß, das stimmt. Deutschland hätte fünfmal Platz in den Guayanas, auch wenn man von den Städten und Siedlungen absieht. Und doch können wir hier leichter jemand verfolgen als in einer Großstadt, denn jeder Mensch im Urwald ist eine Sensation, wie es etwa ein Tiger wäre in den Straßen von Amsterdam. Die Neuigkeiten des Urwaldes werden sehr ausführlich besprochen, ja sogar telegrafiert. Auf großen, mit Ziegenfell bespannten Trommeln klopfen ihre Finger mit bewunderungswürdiger Geschicklichkeit lange und kurze Laute, die sehr weit tragen und ähnlich sind wie das Morsealphabet.«

Und die Polizei kennt die Bedeutung dieser Zeichen.

Das Schiff hält jetzt bei einem Buschnegerdorf. Wir haben auch einen Missionar an Bord, der einige Stationen weiterfährt, aber auch hier bekannt ist. Er wird in Taki-Taki, der Sprache der guayanischen Buschneger, mit Fragen bestürmt. Man weiß hier nämlich schon, daß unser Schiff eine besondere Sensation birgt, eine Schauspielertruppe, die nach Moengo fährt. Die Buschneger möchten die Schauspieler sehen.

Die Mitglieder der Schauspielertruppe gehören zwar nicht zum Urwald, aber auch durch sie kann man einiges über ihn erfahren. Das Haupt der Truppe ist die Prinzessin Dschili Dschali (jedenfalls nennt sie sich so). Da es schwierig ist, hier mit Exotik Eindruck zu machen, ist sie noch nebenbei Star der Moulin Rouge aus Paris. Das zieht schon mehr im Urwald. Die Mitglieder der Truppe, bei denen die Chefin wenig beliebt ist, bezweifeln sowohl ihr Prinzessinnen- wie ihr Startum. Sie behaupten, sie sei eine gewöhnliche Negerin aus Martinique. Unleugbar aber ist ihre Energie und ihre Sprachenbegabung. Sie spricht englisch mit ihrem Manager (den hat die Urwaldtruppe auch), französisch mit ihrem Partner, spanisch mit dem Bariton und deutsch mit der »Musik« und dem Clown.

Die »Musik« ist ein junger Wiener, er verdankt seine abenteuerlichen Fahrten den in Unordnung geratenen Verhältnissen in Europa. Als er lange genug arbeitslos war, fuhr er nach Venezuela, wo er einen Freund hatte, der ihm Arbeit versprach.

»Dort habe ich auch im Urwald gearbeitet, ich war Buchhalter, dann rationalisierte man unseren Betrieb, und ich wurde abgebaut. Gerade als ich mein letztes Geld ausgab, gastierte die Truppe bei uns, der Pianist bekam eine schwere Dysenterie, und ich wurde sein Nachfolger. Jetzt reise ich weiter in den Urwald, spiele Klavier bei 40 Grad Hitze für drei Dollar Auftrittsgage. Wir haben oft nur zwei, drei Spieltage in der Woche. Wie man davon leben kann, das ist das wirklich Abenteuerliche. Die Reisespesen bezahlt die Prinzessin. Sie ist eine tüchtige Frau, aber sie hat ein furchtbares Temperament. Sie führt auch Regie. Ihre Raserei bei den Proben ist auch abenteuerlich.«

»Gerade bei dieser Frau muß ich Clown sein; gestatten Sie, Hermann Schulze. Ich zog auch aus, um reich zu werden. Wie weit habe ich es nun gebracht? Ich spiele Violine mit einer Säge vor Wilden und bin froh, wenn ich sie zum Lachen bringen kann. Ich war nicht Buchhalter, wie mein verehrter Freund, sondern richtiger Gold- und Diamantengräber. Aber das ist auch eine faule Sache. Lizenzen, Claims, das sind alles so schöne Formalitäten, damit man sich einbilden kann, man hat irgendwelche Rechte; doch wenn die großen Konzessionäre kommen, können die kleinen zum Teufel gehen. Es gibt soviel Klauseln und Spitzfindigkeiten, ein einzelner kann doch nichts gegen sie ausrichten.«

Das Schiff hält wiederholt, die meisten Inder und Javaner steigen aus. Sie haben kleine Plantagen, sie pflanzen Zucker, Bananen, Kokos. Eine übermenschliche Arbeit mitten im Urwald. Die Frauen, von unwahrscheinlicher Zierlichkeit, verrichten Arbeit, die man einem Neger-Schwerarbeiter nicht zutrauen würde. Wie kommen überhaupt diese Inder, diese Javaner nach den Guayanas, nach Südamerika? Es sind Kulis, die aus Indien und Java mit Fünfjahrkontrakt importiert werden. Nach fünf Jahren können sie sich auf Abzahlung Land kaufen. Der Anbau der Plantagen wird von einer Zentrale aus kontrolliert und nach einem Plan festgesetzt. Auch diese scheinbar weltverlorenen Pflanzungen unterliegen einer zentralen Wirtschaftspolitik.

Als sich das Schiff Moengo nähert, herrscht undurchdringliche, unvorstellbare Dunkelheit. Moskitoschwärme überfallen das Schiff, man hört in der Nähe Brüllen und Kreischen.

Plötzlich aber taucht eine in elektrischen Lichtern strahlende Stadt auf, man hört das gleichmäßige Dröhnen und Knattern von Maschinen, Autohupen dringen zu uns, zementierte weiße Straßen leuchten auf, Häuserreihen.

Viele Menschen stehen am Landungssteg und warten auf die Ankunft des Schiffes. Es ist genauso, als käme man in einer kleineren amerikanischen Industriestadt an. Es scheint unwahrscheinlich, daß rundherum Urwald lebt.

In den Betrieben wird noch gearbeitet, Bohrmaschinen zischen, hohe Essen sprühen Feuer, Öltanks stehen am Horizont. Wir stehen mitten im Reich des Bauxits, des Minerals, aus dem das Aluminium hergestellt wird.

Ich werde im Auto abgeholt. Meine Begleiter zeigen stolz auf die nagelneuen Gebäude. Hier die Kirche, das Kino, das Hospital, die Villen der Angestellten. Die Arbeitersiedlungen sind gleichförmig, nur je nach Rasse ihrer Bewohner etwas verschieden. Hier leben die Javaner, dort die Surinamer Neger.

»Vor fünf Jahren gab es hier nur Wildnis. Aber all die Schwierigkeiten dieser fünf Jahre kann sich schwer ein Außenstehender vorstellen. Anfangs war das größte Problem die Herbeischaffung von Arbeitskräften. Unsere Agenten konnten nur mit Mühe und Not Leute bekommen, die bereit waren, hier zu arbeiten. Natürlich war es nicht das beste Material, die meisten waren ungelernte Kräfte. Die Buschneger und Indianer, die uns jetzt bitten, sie einzustellen, wollten sich anfangs gar nicht dazu bewegen lassen, bei uns zu arbeiten. Alle Bestandteile zu dem Bau, die wichtigsten Lebensmittel mußten direkt aus den Staaten transportiert werden. Wir alle litten unter Malaria und Gelbfieber. Dann warfen technische Komplikationen den ganzen Finanzierungsplan um. Der große Aufschwung der Flugzeugindustrie und die Abrüstungskonferenz, die die Tonnage der Kriegsschiffe beschränkte, trugen zur Bewilligung der weiteren großen Geldmittel bei. Beim Kriegsschiffbau wird jetzt nämlich sehr viel Aluminium gebraucht, um die Tonnage zu drücken, und natürlich werden bei den Flugzeugen nur Leichtmetalle verwendet. Die Stadt ist fertig, aber wir haben jetzt Schwierigkeiten anderer Art.«

»Ist der Arbeitermangel noch nicht behoben?«

»Im Gegenteil, wir haben Arbeiter aus allen fünf Weltteilen, aber die Arbeitslosigkeit beginnt auch schon bei uns ein Problem zu werden.«

Wir halten vor einem schloßartigen Gebäude, es ist das Haus des Managers, der auf Reisen ist. Hier soll ich wohnen. Die Halle ist mit Mahagoni getäfelt, sie führt zu Ballsaal, Bibliothek-, Musik- und Wohnzimmern. Herrliche Perserteppiche bedecken den Boden. Gemälde heben sich von Rosen- und Zedernholz ab. Die Wände meines Schlafzimmers sind mit Palisander bekleidet, das Bett steht, gegen Moskitos geschützt, inmitten feinsten Drahtgehäuses, mit automatisch zuklappender Tür. Das Badezimmer ist mit raffiniertestem Komfort ausgestattet.

Die Buschneger erzählen sich, daß in diesem Haus böse Geister umgehen, weil auf dieser Stelle ihr heiliger Baum gefällt wurde.

Von den bösen Geistern merke ich nichts, aber ich erwache durch Dynamitexplosionen und lautes Sirenengeheul. Die Arbeiter aus den fünf Weltteilen eilen zu ihrer Arbeitsstätte. Man sieht viele Fahrräder, ja sogar Motorräder, und die höheren Angestellten fahren im Auto.

»Das Bauxit wird sozusagen auf dem laufenden Band vom Lager zu den Schiffen transportiert, die es direkt nach New Orleans in die Fabrik bringen. Wir laden und löschen mit der Stoppuhr, aber freilich, die kleinste Ungenauigkeit kann den ganzen Betrieb auch zum Stillstand bringen. Hier ist das Laboratorium. Alle Viertelstunde werden die gewonnenen Erze analysiert. Ist der Eisengehalt zu groß, wird an jenen Stellen die Gewinnung sofort eingestellt. Wir können uns auf hochwertiges Bauxit beschränken. Wir könnten von hier mindestens hundert Jahre lang die ganze Welt mit Bauxit versorgen. Jetzt wird schon der Plan erwogen, auch hier eine Aluminiumfabrik zu gründen.«

Vor einer der Maschinen, in denen mit ungeheurem Lärm das Erz zerstampft wird, verrichtet ein Neger merkwürdige Zeremonien. Er verbeugt sich tief und macht Armbewegungen, als wollte er die Maschine beschwören.

»Das ist ein Buschneger«, sagt der Ingenieur, »er hat noch Angst vor der Maschine. Er hält sie für einen bösen Geist, den man besänftigen muß. Aber auch die Neger des Urwalds gewöhnen sich an sie. Dann fällt schnell der Urmensch von ihnen ab. Wir haben schon Streiks gehabt, sie nehmen an ihnen teil, genauso wie die anderen Arbeiter. Ja, wenn wir vor Amerika und Europa flüchten wollen, der Urwald ist nicht mehr der richtige Ort.«

 

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