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Drei Reportagen

Maria Leitner: Drei Reportagen - Kapitel 3
Quellenangabe
authorMaria Leitner
titleDrei Reportagen
publisherUllstein
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180928
projectid8c745c16
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Unruhiges Südamerika

1931

 

Länder, die an ihrem Überfluß zugrunde gehen

Der südamerikanische Kontinent müßte eigentlich ein Paradies sein, stimmten die Schlagwörter, mit denen die europäische und nordamerikanische Wirtschaftskrise erklärt wird. Die Überbevölkerung, angeblich eine der Ursachen der Arbeitslosigkeit, trifft auf Südamerika nicht zu. Hier leben bestimmt keine Völker ohne Raum, aber auch von Raum ohne Volk kann keine Rede sein.

Braucht man Arbeiter, so stehen keine Gewerkschaften wie in Australien oder Nordamerika den Arbeitgebern störend im Wege. Sie können, wenn sie billige Arbeitskräfte brauchen, Kulis aus Java, aus Indien, aus Afrika importieren.

Südamerika ist reich. Es besitzt viele Bodenschätze, Kohle, Eisen, Magnesit, Salpeter, Gold, Diamanten, Kupfer, Petroleum (doch über das Petroleum soll noch später ausführlicher gesprochen werden). Südamerika ist fruchtbar. Sein Boden ernährt mühelos Kaffee, Zucker, Weizen, alle tropischen Früchte, aber auch die der gemäßigten Zonen. Argentiniens Viehzucht allein könnte Europa mit Fleisch versorgen. Südamerika hat keinen Weltkrieg durchgemacht, einige Kriegserklärungen, die nur pro forma erfolgten, blieben ohne ernsthafte Konsequenzen. Südamerika braucht nicht für Kriegsinvaliden, für Kriegswaisen zu sorgen, Südamerika muß keine zerstörten Gebiete aufbauen. Auf Südamerika lastet kein Dawes-, kein Young-Plan.

Wie sieht es dort aber in Wirklichkeit aus? Was hört man von den Südamerikanern, die doch die glücklichsten Menschen sein müßten? Man hört von ihnen, und das scheint sehr staunenswert, genau, wörtlich genau dieselben Klagen, die wir in Deutschland so gut kennen, die überall in der Welt wiederholt werden: »Diese furchtbare Krise.« – »Noch nie gab es eine solche Arbeitslosigkeit.« – »Wir haben einen wahren Käuferstreik.« – »Bald können wir alle Geschäfte zumachen.« – »Unsere Schuldenlasten sind unerträglich.« Ich hörte diese vertrauten Sätze auf entlegenen Inseln, im wildesten Urwald, auf Plantagen und in den Städten. Südamerika, das an den Welthändeln nicht teilgenommen hat, krankt an den Folgen des Krieges genauso wie die Staaten, die ihn führten.

Der gesunkene Lebensstandard in Deutschland, die Arbeitslosigkeit haben eine direkte Wirkung auf den Kaffeemarkt in Brasilien, auf die Weizenfarmer in Argentinien, auf die Zuckererzeuger auf Kuba. Die hohen Zölle, die überall die einheimische Produktion schützen, tragen noch zu ihren unüberwindlichen Schwierigkeiten bei. Lebensmittel sind in Hülle und Fülle da, doch niemand kann sie kaufen. Ein Pfund bester Kaffee kostet 20, 30 Pfennig, ein Pfund Rohzucker 5, 6 Pfennig. Tabak, Früchte haben fast keinen Preis. Der inländische Markt ist überhaupt nicht aufnahmefähig. Je mehr man die Produktion einschränkt, um so größer wird die Zahl der Arbeitslosen, die natürlich auch das Wichtigste nicht erstehen können. (Eine Arbeitslosen-Versicherung kennt man in Südamerika überhaupt nicht.)

Den einzigen Ausweg, um diese Krise zu besiegen, sieht man in der Vernichtung. Man läßt die Früchte verfaulen, man will den Kaffee ins Meer werfen, und die Chadbourn-Kommission, die Kuba »sanieren« soll, verlangt die »Beiseitelegung« von anderthalb Millionen Tonnen Rohzucker. Nur dann könnte Amerika weitere Kredite bewilligen. »Beiseitelegung« bedeutet, klarer ausgedrückt, Verbrennung des Zuckers. Aber es bedeutet auch die Vernichtung unzähliger kleiner Farmer.

Sind die Revolutionen in Brasilien, in Argentinien, Bolivien, Peru, die Aufstände auf Kuba und Havanna Folgen dieser Politik? Zum Teil sicher ja. Doch gibt es noch andere Gründe. Aus den Wirtschaftsschwierigkeiten läßt sich erklären, daß eine breite Schicht der Bevölkerung die Revolution mitmacht, in Hoffnung auf eine Besserung. Aber im Grunde wird an der Lage nichts geändert, wenn statt des Generals A der General B ans Ruder kommt. Die eigentlichen Ursachen der Revolutionen sind ganz andere, und die Revolutionen selbst sind bedrohliche Vorzeichen der schlimmsten Verwicklungen.

Noch bis vor wenigen Jahren war der Hauptbankier Südamerikas England. Als aber die wirtschaftlichen Schwierigkeiten immer größere Geldmittel verschlangen, begannen die südamerikanischen Staaten, sich an Wall Street zu wenden. Die Amerikaner verlangten natürlich Gegenleistungen. Sie rissen in einem Tempo Konzessionen an sich, daß bald England, früher Alleinherrscher in Südamerika, sich benachteiligt fühlte. Brasilien zum Beispiel nahm vor einigen Jahren eine Anleihe in den Staaten auf. Kurz darauf erhielt Ford Konzessionen für vier Millionen Acker am Fluß Tapajoz im Staate Para für seine Gummiplantagen. Später wurden in Itabira Eisenerzlager gefunden, die man für die größten der Welt hält. Brasilien brauchte wieder Geld. Die Staaten gaben es, doch verlangten sie Itabira und erhielten es auch. Die vielen Anleihen machen Brasilien immer ärmer. Die Brasilianer sagen: »Brasilien, das nichts mit dem Krieg zu tun hatte, das reich ist, steht sich finanziell verhältnismäßig schlechter als Deutschland. Brasilien muß fast ein Viertel seines gesamten Ausgabe-Etats für Außenschuldzinsen verwenden, wohlgemerkt, nur für die Zinsen, ohne die Schulden amortisieren zu können.«

Die Verhältnisse in Peru, Argentinien, Bolivien, Chile, Kolumbien sind ganz ähnlich. Diese reichen Länder haben nichts als Schulden. Die Naturschätze, durch die sie ihre Lage bessern könnten, gehören nicht mehr ihnen, sondern ihren Gläubigern.

Einer der wichtigsten Naturschätze in Südamerika ist das Petroleum. Man kann die Rolle des »flüssigen Goldes« in allen Unruhen nicht übersehen.

In Peru besitzen die Amerikaner 81 Prozent der Petroleumfelder, in Venezuela 40 Prozent, in Kolumbien sogar 100 Prozent. Die Geschichte dieser »100 Prozent« wäre ein Roman für sich.

In Maracaibo, der Petroleum-Hauptstadt in Venezuela, erklärte mir ein Angestellter der amerikanischen Petroleumgesellschaften die außerordentliche Wichtigkeit der Ölfelder in Südamerika. Da gab es Tabellen, Erdkarten, auf denen nur Bohrtürme eingezeichnet waren; da gab es Berichte aus allen Ölfeldern der Welt.

Auf einem Atlas war die Petroleumerzeugung der Welt graphisch dargestellt. Die Vereinigten Staaten führten bei weitem. Im Jahre 1929 haben sie 68 Prozent der gesamten Weltproduktion geliefert; Venezuela, das an zweiter Stelle steht, 9,4 Prozent; Sowjetrußland, an dritter Stelle, 6,6 Prozent.

Auch bei dem Verbrauch des Petroleums führen die Staaten. 60 Prozent des Weltbedarfs wird von ihnen in Anspruch genommen.

Wie anders aber sieht die Karte aus, auf der die Petroleumvorräte abgebildet sind. Der riesige Punkt, der die Produktion der Staaten anzeigt, ist zusammengeschrumpft. Nur 10 Prozent der Weltvorräte befinden sich in den Staaten, 35 Prozent in Südamerika und Mittelamerika, 15 Prozent in Sowjetrußland.

»Ja, kann man denn überhaupt die Vorräte feststellen?«

»Ganz genau nicht, aber ungefähr.« Aber das Verhältnis kann für die Staaten eher ungünstiger werden. Es ist wahrscheinlicher, daß man neue Quellen in Südamerika entdeckt, als in den Staaten.

»Was wird aber dann später geschehen? Wenn Amerika trotz der geringen Vorräte soviel produziert, können dann nicht die Petroleumquellen langsam versiegen?«

»Viele sehen das in Amerika voraus. Man macht Propaganda für die Streckung der Vorräte. Schon seit Jahren wird darüber geschrieben, daß Amerika der schlimmsten Krise entgegengeht, wenn sich die Petroleumpolitik nicht ändert. Der Erfolg war: die Produktion stieg ständig. Im Jahre 1927 war die Ausbeute 890 000 724, im Jahre 1929 erhöhte sie sich auf 1 005 598 680 Barrel. In diesem Jahr wird sie etwas fallen, aber aus nur rein wirtschaftlichen Gründen: man will die Preise halten. Da sehen Sie zum Beispiel Mexiko. Im Jahre 1925 war es nach den Staaten das wichtigste petroleumerzeugende Land. Seit diesem Höhepunkt fällt die Produktion ständig, keineswegs weil man sie einschränken will, sondern weil bald nichts mehr da ist. Der rücksichtslose Raubbau beginnt, sich zu rächen. Tampico, noch vor wenigen Jahren eine der wichtigsten Zentralen, sinkt langsam zu vollkommener Bedeutungslosigkeit. Der aufsteigende Stern ist Maracaibo.«

»Ist das Versickern der mexikanischen Ölfelder nicht auch für die kalifornischen ein schlechtes Vorzeichen?«

»Beim Petroleum kann man nichts prophezeien, aber es gibt genug Schwarzseher in Amerika, die behaupten, es sei möglich, daß es schon in fünf Jahren mit den Petroleumvorräten zu Ende ginge.«

»Was geschieht aber dann?«

»Ja, dann. Man muß ja nicht ein unverbesserlicher Pessimist sein und an das Schlimmste denken. Aber freilich, die Vereinigten Staaten sind nicht Mexiko, die könnten nicht tatenlos zusehen. In Mexiko fällt die Währung, verschlechtert sich die Handelsbilanz, aber das starke Fallen der Petroleumförderung übt doch keine entscheidende Wirkung aus. Für die Staaten ist das Petroleum aber eine Lebensnotwendigkeit. Die Industrie braucht Heizöl, die Autos brauchen Benzin. Die ganze Kriegsflotte wird mit Öl geheizt. Zum größten Teil verdankt Amerika seinen industriellen Aufschwung dem Petroleum. Natürlich könnten die Quellen nicht so plötzlich versiegen. Man malt die Lage mehr aus propagandistischen Gründen so dunkel aus, grade weil schon ein verhältnismäßiges Fallen der Produktion fühlbar wurde.«

»Gibt es denn keinen Ausweg?«

»Sicher, die Staaten haben ja die wichtigsten Petroleumkonzessionen in Südamerika.«

Dieser Ausweg ist grade der Hauptgrund für die letzte südamerikanische Revolution, denn nicht nur die Staaten, auch England hat Konzessionen. Die Umstürze sind ein Kampf um den Einfluß der beiden Großmächte.

Durch den Weltkrieg, mit dem Südamerika unmittelbar überhaupt nichts zu tun hatte, entstanden auch dort die schwersten Wirtschaftskrisen. Sie zwangen die südamerikanischen Staaten zu Anleiheaufnahmen bei den Großmächten. Durch ihre Schulden werden sie in neue Krisen verwickelt. Kein Ereignis bleibt isoliert, nirgends, auch in den entferntesten Winkeln der Erde kann etwas geschehen, das nicht alle gleichmäßig anginge. Die Welt ist ein organisches Ganzes, auch wenn sich die einzelnen Teile noch so heftig bekämpfen.

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