Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Maria Leitner >

Drei Reportagen

Maria Leitner: Drei Reportagen - Kapitel 2
Quellenangabe
authorMaria Leitner
titleDrei Reportagen
publisherUllstein
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180928
projectid8c745c16
Schließen

Navigation:
.

Als Stubenmädchen bei Mrs. Snob

1926

 

Ich lerne die Familie kennen

Er: Eine wahre Batterie von kosmetischen Artikeln; Puder, Entfettungstabletten, Haarwasser, Brillantine, parfümierte Pillen (»Ihr Atem wird wie eine Blume duften«), verschiedene Cold Creames (»Erfreuen Sie Ihre Geliebte mit einer seidenweichen Haut«).

Notizblätter, vollgeschrieben mit Zahlen. Hinter verschiedenen Zahlenreihen Temperamentsausbrüche: zwei bis drei Ausrufungszeichen.

Chewing Tabak.

Golfausrüstung.

Drei Magazine.

Ein großes Paket Fotografien. Urwaldbilder. Orangenhaine an südlichen Gestaden. Palmenalleen. Rosendickicht. Endlose Pampas. Die Rückseite der Fotografien mit Zahlen vollgeschmiert. Zeitungsausschnitte über Grundstücksverkäufe.

Sie: Eine wahre Batterie von kosmetischen Artikeln (siehe oben), Schminke von Coty, Lippenstift von Coty, L'Origan von Coty.

Handtücher mit Lippen- und Wangenabdrücken.

Die Tische, ein Pudermeer (von Coty).

Morgenröcke in allen Schattierungen des Grüns: apfelgrüne, meergrüne, giftgrüne, flaschengrüne, spinatgrüne, grasgrüne.

Morgenschuhe in allen Schattierungen des Grüns (siehe oben), goldgeschmückt, silberverziert, rosabestickt.

Abendschuhe, die Absätze mit Glassteinen besetzt.

Eine Kristallvase, laubfarbene Orchideen, zwischen grünen Straußfedern.

Einladungen zu einer Klubsitzung, zu einer Modeschau, zu einer Kunstausstellung.

Rechnungen, Rechnungen, Rechnungen.

Ein Autoprospekt, Warenhauskataloge aus Paris.

Ein Buch: Bridgeregeln, 1925.

 

Servieren

Er: Hätte keine gute Reklame für die von ihm benutzten Schönheitsmittel abgegeben. (Soweit ich feststellen konnte.) Speckhals, Glatze.

Sie: Führte einen siegreichen Kampf um Schönheit. War nicht in Grün, wie ich erwartet hatte.

Ich wollte nun Reporter sein, die amerikanische Familie in ihrer Intimität belauschen. Meine Ohren verwandelten sich zu einem Phonographentrichter.

Aber die amerikanische Familie war sehr schweigsam, jedenfalls solange ich im Zimmer war.

Ja, ich mußte zu meiner Beunruhigung bemerken, daß ich von der Beobachtenden zur Beobachteten wurde. Jede meiner Bewegungen wurde mit Interesse verfolgt, und dieses Interesse hob keineswegs meine Sicherheit.

Ich habe ein schwarzes Kleid an, daß mit Hilfe zahlreicher Sicherheitsnadeln ins Stubenmädchenhafte umgebogen wurde, und eine gepumpte, ziemlich ramponierte weiße Schürze. Ich fand, noch vor einer halben Stunde, daß ich verhältnismäßig gar nicht so schlecht darin wirke. (Wenn man kein Geld hat, muß man optimistisch sein.) Die amerikanische Familie schien aber meine gute Meinung über meine Erscheinung nicht zu teilen.

Es wunderte mich also nicht, daß nach dem Essen sie, die »Missus«, mich zu sprechen wünschte. (In Amerika bedeutet das nie etwas Gutes.) »Sie scheinen sich geirrt zu haben, als Sie mir sagten, Sie seien ein perfektes Stubenmädchen, ich werde Sie ja erst vollkommen abrichten müssen. Und ist das Ihre Uniform?« Sie zeigte auf mein Kleid. Und welcher Hohn lag in ihrer Stimme. Sie erklärte mir nun den Kleider-Ritus eines perfekten Stubenmädchens. In der Früh muß man ein blaues oder graues Waschkleid tragen, zum Lunch ein weißes, zum Dinner aber erscheint der dienende Geist in Schwarz mit weißem Kragen und Manschetten und einer tadellosen kleinen weißen Schürze.

Nun begann aber ein großes Feilschen, wer die Kosten meiner zeremoniellen Aufmachung tragen soll. Endlich einigten wir uns, ich werde das graue Waschkleid stellen, während mir die Missus die schwarze und weiße Uniform leihweise überlassen wird, und ich werde aussehen wie das perfekteste amerikanische Stubenmädchen.

 

Reinemachen

Während ich die Zimmer in Ordnung bringe, nur keine Übereilung, sehe ich mir näher die Einrichtung an. Die Wand ist unbekleidet. In Amerika »trägt« man jetzt keine Wandbilder, nur wenn man eigens eine Privatgalerie besitzt.

In einem Holzkasten steht die Graphik, für Mittelbürger, glatt, nichtssagend. Wieviel interessanter sind die Familienfotografien in Alben auf dem langen Tisch. Welch repräsentable Familie. Die Frauen alle tadellos gekleidet, juwelengeschmückt, die Männer ein wenig nachlässig in Sportanzügen, muskulös, angenehme, von Geist ungetrübte Gesichter, die Kinder wunderbar gepflegt und schön. Alles Familie der Frau, man sieht es, der gleiche Schlag, alteingesessen, mit klarer Vergangenheit, was davor war, rechnet nicht mit. Dann Daguerreotypien, die viel zu entzückend sind, um echt zu sein. Außerdem gibt es in den amerikanischen Familien viel zu viele Daguerreotypien. War Amerika vor 70 Jahren stärker bevölkert als heute? Braun getönt, auf leicht vergilbtem Grund, stehen sie da, die Vorfahren, die Bahnbrecher. Die Männer verwegen, aber treuherzig, die Frauen mütterlich, gütig lächelnd. Die Möbel, die als Hintergrund dienen, sind Museumsstücke, die Kleider könnten nicht stilvoller sein, und wie wunderbar gibt die Fotografie den schweren Glanz des Tafts wieder. Aha, hier scheint auch der Mann repräsentiert zu sein. Derselbe Speckhals, noch etwas unkultivierter. Besser, eine schlechte Familie zu haben, als gar keine. Das breite Gesicht, die Leibesfülle, die dicken Hände, alles scheint zu sagen: Man hat geschuftet, aber man hat es auch zu etwas gebracht.

Doch Schritte. Die Missus. Los, arbeiten.

Sie kommt ganz leise.

Ich beginne mit größtem Eifer, Möbel hin und her zu rücken. Die amerikanischen Möbel sind nicht schön, aber praktisch, leicht beweglich. Sie gehen auf Rädern.

Ich schleppe Reinigungswerkzeuge herbei, die ich sonst nie benütze, lege zur Verzierung Bürsten auf den Teppich. Ich schufte schrecklich. Sie sieht zu. Ob sie fühlt, welche Schande es ist, daß ich so schwer arbeite, während sie zusieht.

Doch nein, sie ruft plötzlich im Ton tiefster Entrüstung: »Aber Mary, Sie arbeiten ja nicht, Sie spielen nur!«

 

Ludmilla und die Doppelmonarchie

Die Missus stellte mich Ludmilla als Landsmännin vor, weil wir einmal in alten Zeiten beide Angehörige der österreichisch-ungarischen Monarchie waren. Man konnte ihr das verzeihen. Sie war eben in europäischer Völkergeschichte nur wenig bewandert.

Ludmilla ist Tschechin, und Ludmilla ist die Köchin.

Ludmilla empfing mich ungnädig.

Ludmilla erklärte mir, daß meine Vorgängerin auswärts geschlafen hätte, was ihr angenehmer war.

Ludmilla sagte mir, daß für meine übrigens auffallend wenig zahlreichen Kleider in den Schränken kein Platz vorhanden sei.

Ludmilla war der Augapfel der Familie.

Ludmilla hatte das leicht reizbare Temperament einer großen Künstlerin.

Man muß allerdings zugeben, daß sich Ludmilla dieses leicht reizbare Temperament leisten konnte, denn sie war zweifellos eine Künstlerin in ihrem Fach. Sie verstand sich, man muß es ihr lassen, auf Saucen und Braten und Torten.

Ludmilla war mir gegenüber von größter Einsilbigkeit.

Es geschah in der Küche, daß Ludmilla zu sprechen anhub. Sie öffnete Hühnchen mit einem scharfen Messer, während ich verzweifelt Silber putzte. Es war ein richtiges Anheben, ein ständiges Crescendo. Sie begann erst klagend: »Soll ich denn immer Sklavin fremder Menschen bleiben, fern von allen leben, die mir lieb sind, in dieser stinkenden Küche ersticken?« (Das ist stark übertrieben. Die Fenster stehen weit offen, wir sind in White Plains, einem Villenvorort New Yorks, und die Luft ist für hiesige Verhältnisse ausgezeichnet.) »Zerstört hat man meine Jugend, meine Zukunft, zum Krüppel haben sie meinen Liebsten geschossen.«

Ich muß hier einschalten, daß Bogumil, Ludmillas Liebster, im Krieg ein Bein verloren hatte, jetzt nur sehr wenig verdienen konnte, weshalb Ludmilla das Amt übernahm, die Grundlagen eines Familienherdes, einige Dollars, in der Ferne zusammenzusparen.

Mein ganzes Mitgefühl hätte sich nun natürlicherweise Ludmilla zuwenden müssen, wenn mich nicht daran ein unbegreiflicher, ja besorgniserregender Umstand gehindert hätte.

Denn Ludmilla schien, während sie mit dem blitzenden Messer herumhantierte, ihre Anklagerede direkt gegen mich zu richten. Was sollte das bedeuten?

.

Und während nun Ludmilla die Gedärme aus den Hühnchen trennte, stellte sich heraus, daß Ludmilla für alle Unbill, welche die Tschechen während des Krieges erlitten, mich persönlich verantwortlich machen wollte.

»Ja«, schrie Ludmilla, »wer ist an allem schuld, nur die Ungarn und die Österreicher.«

»Oh, Ludmilla, ist es also ein Wunder, daß es Kriege gibt, da doch die Welt von Ludmillas wimmelt? Wie leicht haben es diejenigen, die Nutzen vom Krieg ziehen, denn nichts ist einträglicher, als auf die Dummheit der Menschen zu spekulieren. Ludmilla also haßt mich wegen meiner Nationalität. Hier in der Ferne, wo wir gleiche Fremde, gleiche Arbeitssklaven sind. So leicht, so nachhaltig lassen sich also Menschen aufhetzen.«

Ludmilla schlug mit großem Lärm Eischaum. Sie sagte nichts. Ich weiß gar nicht, ob sie mich gehört hatte.

Nachmittags kam sie mit kleinen Päckchen in unser Zimmer und war sehr geschäftig. Sie legte Eiscreme in eine Kristallschüssel, zerschnitt Bananen, schob dazwischen Erdbeeren, dann krönte sie das Ganze sehr kunstvoll mit Schlagobers.

Das prachtvolle Gebilde aber schob sie wortlos vor mich hin. Es war klar, Ludmilla hatte mir die Doppelmonarchie verziehen.

 

Fensterputzen

»Heute werden Sie die Fenster putzen«, sagte mir die Missus in dem selbstverständlichsten Ton der Welt.

Ich brachte Lappen, Wasser, schleppte eine Leiter heran. Rieb die Fenster. Und ging auf der Leiter ziemlich planlos auf und ab.

.

(Einmal wird sie doch gehen.)

Aber sie blieb und beobachtete ziemlich verwundert mein Treiben.

»Was machen Sie denn eigentlich? Sie müssen sich doch heraussetzen«, sagte sie in einem ebenso selbstverständlichen Ton.

Wie, mich heraussetzen, bin ich denn Harold Lloyd?

Ich wunderte mich schweigend.

»Sie haben die Nerven (das könnte man aber auch so übersetzen: die Frechheit), 70 Dollar Monatslohn zu verlangen, und können nicht einmal ein Fenster putzen. Warum überlegen Sie so lange? Haben Sie etwa schon im zweiten Stock Angst? Andere Menschen müssen dreißig Stockwerk hoch Fenster putzen.«

Ich überlegte still: Wenn sie es mir vormacht, dann bin ich bereit, es ihr nachzumachen. Die Sache wird dann nicht so gefährlich sein. Ich sagte also mit der unschuldigsten Miene der Welt: »Würden Sie so gut sein und mir zeigen, wie man es macht.«

Nach dem Blick zu urteilen, den sie mir jetzt zuwarf, muß ich eine große Frechheit begangen haben.

Sie ging wortlos zum Telefon und bestellte einen Fensterputzer. (Einen jener Künstler, die ohne mit der Wimper zu zucken in Wirklichkeit vollführen, was Filmschauspieler trickweise machen.)

Ich erwartete nun, daß ich fliegen werde. (Es muß nicht unbedingt durchs Fenster sein.)

Aber die Missus sagte nichts. Es ist sicher leichter, sich zu beherrschen, als eventuell Unbequemlichkeiten zu haben. Und Ludmilla war gerade sehr unberechenbarer Laune, außerdem sollte morgen eine Abendgesellschaft stattfinden.

 

Ludmilla und Bogumil

Von Bogumil war schon einmal flüchtig die Rede. Aber man muß schon ausführlicher über ihn sprechen, da er eine sehr wichtige Rolle in unserem Haushalt spielte.

Bogumil stand auf Ludmillas Kommode, in einem breiten Goldrahmen. Es wäre unmöglich, ihn zu übersehen. Obgleich er ein künstliches Bein hat, »sieht er doch sehr fesch aus«, wie Ludmilla sagt.

Dieser Bogumil verstand es, von Prag den ganzen Villenhaushalt in White Plains zu beherrschen. Schrieb nämlich Bogumil schöne Briefe an Ludmilla, war Ludmilla wie verwandelt. Die Arbeit flog nur so in ihren Händen, kochen tat sie unvergleichlich, schwärmte die Missus. Leider habe ich diese Zeiten nicht erlebt. Damals, als ich kam, hatte Bogumil schon lange nichts von sich hören lassen.

Ludmilla erwog des öfteren ihre Rückreise, begann sich für die Abfahrtzeiten der Dampfer zu interessieren, erkundigte sich bei dem Mister nach dem Stand der tschechischen Krone und stellte umfangreiche Berechnungen auf.

Nachts weinte sie oft, schlug die Wände mit den Fäusten und schrie: »Goad, o Goad.«

Bogumil verursachte auch, daß die Missus ihr Herz entdeckte und richtiges menschliches Interesse an Ludmillas Schicksal zeigte. Wir erwogen sogar, ob man Bogumil, ohne Ludmillas Wissen, nicht schreiben sollte. Denn diese Ungewißheit war nicht nach dem Geschmack der Missus.

Am Tage vor der großen Abendgesellschaft erkundigte sie sich sogar, als ich die Morgenpost brachte, ob kein Brief für Ludmilla gekommen sei. Allerdings war mit Recht zu befürchten, daß Ludmillas seelische Schmerzen sie sogar hindern könnten, für das leibliche Wohl der Gäste in entsprechender Weise zu sorgen.

Manchmal aber schlug auch Ludmillas Laune um, und sie wurde von richtiger Lebensfreude gepackt. Bei einer solchen Gelegenheit zeigte sie mir auch eine Fotografie, auf welcher sie neben einem Jüngling mit frischem Gesicht und einer Sportmütze am Steuerrad eines Autos abgebildet war.

Ich fragte, um etwas zu sagen, ob das Auto dem Jüngling gehört. Ludmilla wollte sich totlachen: »Das Auto ist doch eine Attrappe. Wir haben uns auf Coney Island aufnehmen lassen. Ich schick die Karte noch heute nach Prag. An meine Freundin, die Bogumil öfter sieht. Ob ich ihr noch extra schreiben soll, daß sie ihm das Bild nicht zeigen soll, das würde ihn noch eifersüchtiger machen?«

Ludmilla wartete meine Ratschläge nicht ab, sondern holte ihre Füllfeder hervor und begann zu schreiben. Ich muß bemerken, daß, während sie schrieb, sie wiederholt noch die Fotografie des jungen Attrappen-Autofahrers angesehen hatte.

An dem Nachmittag nun, an dem ich Fenster putzen sollte und an dem Vorbereitungen zu der Abendgesellschaft getroffen wurden, bekam Ludmilla einen telefonischen Anruf. Mit größter Bereitwilligkeit gestattete ihr die Missus auszugehen. »Sie brauchen nicht nach Hause eilen. Mary wird schon alles richten.« Ich war starr und fand die Missus unmoralisch.

Ludmilla zog sich sehr sorgfältig an. Sie brannte sich mit der elektrischen Brennschere einige prachtvolle Wellen ins Haar. Sie probierte ihre gesamte Garderobe an, bis sie sich zu einem pompösen Abendkleid entschloß. Sie warf die Puderquaste mehrmals gegen ihre Nase und stieg auf die Kommode, um im Spiegel besser ihre Füße sehen zu können.

Ludmilla kam erst am nächsten Morgen nach Hause. Sie sprach keine Silbe. Als sie sich kämmte, fiel ihr Blick auf den einbeinigen Bogumil in dem breiten goldenen Rahmen. Dieser Blick war von unvergleichlicher Ironie erfüllt.

Am selben Abend aber stand in dem breiten, goldenen Rahmen nicht mehr der einbeinige Bogumil, sondern der junge, frische Attrappen-Autofahrer.

 

Die Abendgesellschaft

Es wäre amüsant, aber viel zu umfangreich, einmal genau eine Abendgesellschaft zu beschreiben. Jeden einzelnen Teilnehmer. Denn so uninteressant sie auch scheinen mögen, repräsentieren sie immer genau ihre Klasse, ihr ganzes Land, durch ihre Art, Schnäpschen zu trinken, Hummer zu öffnen, Austern zu schlürfen, den großen Schlemm im Bridge zu verkünden, Kleider zu bewundern und abzuschätzen oder einer Freundin einen ungewöhnlichen Fächer nachlässig zu zeigen, aus Paris.

Der Tisch könnte genau beschrieben werden, die lila Kerzen in gleichen Abständen, die winzigen Kristallvasen mit lila Orchideen. Das silberbestickte lila Kleid der Hausfrau.

Die verstehenden Blicke, die plötzlich auftauchenden kleinen Feindseligkeiten.

Das Halbdunkel, in das alle Räume getaucht sind, denn nur Kerzen brennen im Lande des Lichtes und der Elektrizität.

Aber auch die Gediegene aus der Provinz dürfte nicht vergessen werden, mit dem großen, unmodernen Haarknoten, den sie aber im Ankleidezimmer einfach abnehmen kann.

Oder der Tugendhafte, mit der Brille und den unwahrscheinlichen Bartkoteletten, der hinter dem Rücken seiner Frau mit dem Dienstmädchen zu flirten versucht.

Natürlich müßte auch das Dienstpersonal eine entsprechende Rolle spielen.

Der griechische Aushilfsdiener, der schon lange stellungslos ist, der mit unheimlicher Schnelligkeit Speisemassen in seinem Mund verschwinden läßt und der seinen von Haß, Staunen und Bewunderung gemischten Ausdruck zu einer leeren Maske zusammenreißt, sobald er die Zimmer betritt.

Der Neger, der als Portier fungiert, mit unbeweglich ernstem Gesicht die Türen der Autos aufreißt und in der Küche, zur größten Freude des Dienstpersonals, die Gäste unvergleichlich kopiert.

Die Köchin, mit dem neuen Liebesglück, doch noch mit etwas Sehnsucht nach dem alten.

Der zwölfjährige »messenger boy«, der ein Telegramm bringt und nun dank dieses Liebesglückes atemlos und stumm Kuchen verschlingen darf.

Den Hintergrund aber müßten ferne Urwälder und ihre Bewohner bilden. Sicher sehr malerisch. Als Gegengewicht könnte eine graphische Tabelle die in ihnen ruhenden Spekulationswerte zeigen.

Denn, obgleich nicht mit absoluter Bestimmtheit zu sagen ist, ob man an diesem Abend Urwälder verkaufte – ihre Fotografien wurden jedenfalls herumgereicht –, ist es zweifellos, daß sie in erster Linie den glänzenden Verlauf dieses Abends ermöglichten.

Vielleicht könnte man aber noch beiläufig erwähnen, daß das Dienstpersonal, halbtot vor Müdigkeit, überhaupt nicht für Abendgesellschaften war.

.
 << Kapitel 1  Kapitel 3 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.