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Drei Gedichte

Ernst von Wildenbruch: Drei Gedichte - Kapitel 3
Quellenangabe
booktitleVom goldnen Überfluss
authorErnst von Wildenbruch
year1906
publisherR. Voigtländers Verlag
addressLeipzig
sendergerd.bouillon@t-online.de
titleDrei Gedichte
typepoem
modified20171101
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Kaiser Heinrich

          Die Rheines-Adler mit lastendem Flug,
    sie zogen den schwebenden Kreis,
als Heinrich kam auf Schloß Hammerstein,
    Kaiser Heinrich, ein flüchtender Greis.
Der Abendsonne verscheidende Glut
    lag zitternd auf Tälern und Höh'n;
Kaiser Heinrich sah in den strömenden Rhein:
    »O Deutschland, wie bist du so schön!
Ihr Berge mit rebendurchglühter Brust,
    du herdenbewandelte Trift,
ihr steht mir geschrieben tief in das Herz
    wie eine heilige Schrift.
Wie ein rauschendes Buch voll Märe und Lehr',
    Deutschland, so liegst du vor mir;
deine Kaiser machten zum Griffel das Schwert
    und schrieben den Inhalt dir.
Und wenn er zu Ende sein Tagewerk schrieb,
    tat jeder den Griffel zur Ruh',
er gab das Buch in des Nächsten Hand,
    und sprach: »Lies und schreibe nun du.«
Doch als mir der Vater das Buch übergab,
    war kindisch und schwach meine Hand,
es nahmen's die andren und lasen mir draus,
    was nicht in dem Buche stand.
Und als in dem Buch ich zu schreiben begehrt,
    da kamen die Tage des Fluchs!
Es hob sich von Mittag und Abend der Sturm
    und griff in die Seiten des Buchs.
Er warf sie herauf, er warf sie herab,
    er warf sie die kreuz und die quer;
mein Auge ward trübe vom wirbelnden Staub,
    und das Schreiben ward schwer, ward schwer.
So ist meine Schrift nun verworren, verzerrt,
    daß niemand sie lesen kann;
sie schütteln die Häupter und nennen mich heut
    einen alten, verworrenen Mann.
Mein Tag geht zur Neige, mein Werk ist getan,
    heut schreib' ich das letzte Blatt,
den Griffel tauch' ich ins eigene Herz,
    da trink' er am Blute sich satt.
Und ich schreibe hinein mit wankender Hand,
    und ich schreibe mit eigenem Blut,
daß die Schrift soll leuchten durch Länder und Zeit
    in roter flammender Glut:
Der Ehre verlustig, am Leben bedroht,
    vertrieben von Land und von Thron,
so flüchtet der Kaiser vor seinem Volk,
    der Vater vor seinem Sohn.« –
Die Sonne versank, dumpf rauschte der Rhein,
    an die Türe schlug es mit Macht:
»Deines Sohnes Reiter sprengen im Tal,
    zur Flucht, noch birgt uns die Nacht!«
Kaiser Heinrich trat in das schwankende Schiff:
    »O Warner, du mahntest mich recht,
die Nacht gehört dem versunkenen Mann
    und die Sonne dem neuen Geschlecht.«

 


 

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