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Drei Frauenschicksale

Ellen Key: Drei Frauenschicksale - Kapitel 3
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authorEllen Key
titleDrei Frauenschicksale
publisherS. Fischer, Verlag, Berlin
year1908
translatorMarie Franzos
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Anne-Charlotte Leffler, Duchessa di Cajanello

Anne-Charlotte Leffler

1. Oktober 1849 – 21. Oktober 1892

Erstes Kapitel

Wenn ich siebzig Jahre alt bin, werde ich meine Biographie schreiben«, schrieb Anne-Charlotte Leffler mir einmal. »Und daß ich nie einen interessanteren, psychologisch merkwürdigeren, komplizierteren Roman als diesen erfinden werde, steht fest. Es geht mir wie Georges Sand – sie hat nie einen interessanteren Roman geschrieben als die Geschichte ihres Lebens – und dabei hat sie noch das Interessanteste verborgen und fortgelogen, aber das werde ich nicht tun.«

Diese aufrichtige Selbstbiographie ist leider nie geschrieben worden. Aber in demselben Geist der Ehrlichkeit, in dem Anne-Charlotte Leffler selbst ihre Beichte ablegen wollte, ist die folgende Lebensschilderung verfaßt.

Eine Charakteristik der Dichterin, ihrer Stellung zu ihrer Zeit und ihrer Bedeutung für die schwedische Literatur zu geben, ist hier nicht beabsichtigt. Sondern nur mit einigen Zügen das Bild einer Frau zu zeichnen, die in vollstem Maße das Los der genialen Offenherzigkeit teilen mußte: mißverstanden oder in die entgegengesetzte Kategorie eingeschachtelt zu werden, in die sie hineingehört hätte – wenn nicht überhaupt alle Kategorien untauglich wären, wo es sich darum handelt, eine ungewöhnliche Persönlichkeit zu charakterisieren oder ein Ausnahmeschicksal darzustellen.

 

Als Anne-Charlotte Leffler ihre »Bilder aus dem Leben« zu schreiben begann, ließ sich niemand, sie selbst am wenigsten, träumen, daß ihre letzten Lebensjahre ein eigentümlicherer Roman werden würden, als irgend eine ihrer Dichtungen. Ihre Schicksale waren bis dahin die denkbar gleichmäßigsten gewesen, und ihr Temperament ein solches, von dem man keine Überraschungen erwartete.

Anne-Charlotte Lefflers Mutter war das einzige Kind des Probstes Mittag, eines liebenswürdigen, vielseitig gebildeten Mannes, der schon als Magister in Upsala mit Doktor S. P. Leffler, einem der Herausgeber der »Bibliothek der deutschen Klassiker«, nahe befreundet war. Diese Tochter Mittags heiratete Lefflers Neffen, den späteren Rektor Leffler, und die einzige Tochter dieses Ehepaares war Anne-Charlotte, in der die literarischen Anlagen der väterlichen wie der mütterlichen Familie die reichste Entwicklung erlangen sollten.

Anne-Charlotte Leffler wurde im Oktober 1849 in Stockholm geboren. Das kleine Mädchen zeigte vom zartesten Alter an ein gesundes, wahrhaftes und sanftmütiges Temperament und sonnte sich daher auch von frühester Kindheit an in der zärtlichsten Zuneigung ihrer Eltern, ihrer drei Brüder wie auch der Großeltern. Verklärt vom Schimmer des Kindheitsparadieses lebten stets die Sommerbesuche im Pfarrhof des Großvaters in ihrer Erinnerung. Hier, am Strande des Vettersees, in einer der schönsten Gegenden Schwedens, tummelte sie sich in Freiheit umher; dahin sehnte sie sich den ganzen Winter in ihrem Stockholmer Heime; da wurde der Grund zu jener tiefen Liebe zur Natur gelegt, die sie zu einem immer leidenschaftlicheren Freiluftmenschen machte, dem Fußwanderungen, Segeltouren, Meerbäder und überhaupt das Leben in der Natur ein unabweisliches Bedürfnis waren.

In einem interessanten selbstbiographischen Entwurf (1890 geschrieben) sagt Anne-Charlotte Leffler:

»Meine Kindheit und meine erste Jugend war ungewöhnlich glücklich und harmonisch, ich kann sagen, daß ich bis zu meinem zwanzigsten Jahr absolut nichts erlebte, was man einen Kampf, einen Konflikt nennen könnte. Mein Elternhaus war nicht reich, aber es fehlte uns dort an nichts.« Sie schildert sich und die Brüder als scheu und verschlossen unter Fremden, aber froh und voll Einfälle, wenn sie miteinander waren. Gewöhnliche Mädchenspiele, Puppen, Kochenspielen usw. verabscheute sie. Aber sie schrieb schon mit sechs Jahren Märchen und spielte mit den Brüdern Theater, in der Weise, daß sie während des Agierens das Drama – gewöhnlich einen historischen Stoff – dichteten. Auch fürs Tanzen hatte sie keine Vorliebe. Sie erzählt von ihrer ungeheuren Schüchternheit bei Kindergesellschaften, die noch dadurch gesteigert wurde, daß ihre Mutter, die es mißbilligte, daß Kinder wie Modepuppen gekleidet wurden, sie nicht nach der Mode gehen ließ. Und sie fühlte sich daher in der Zeit der Krinoline in ihrem glatten, engen Kleidchen furchtbar minderwertig.

»Meine Anspruchslosigkeit und Schüchternheit«, fährt sie fort, »war so groß, daß ich es nicht einmal wagte, meine eleganter gekleideten Schulkameradinnen durch meine größeren Kenntnisse zu verdunkeln. Wenn die anderen eine Frage nicht beantworten konnten, tat ich so, als könnte ich es auch nicht, und nur durch einen Zufall entdeckte meine Lehrerin, daß ich in dem ganz bewandert war, worin ich ein ganzes Semester lang Unwissenheit geheuchelt hatte, eben infolge jenes eigentümlichen Schamgefühls, das mich hinderte, mich je selbst hervorzuheben.

Aus demselben Grunde war ich auch immer sehr ängstlich, jemandem meine Dichtungen zu zeigen, und wenn ich irgend einmal meinen Vertrautesten etwas vorlas, geschah es mit bebender Stimme und mit Tränen in den Augen. Ich schämte mich jedes Wortes, das ich niedergeschrieben hatte, falls nicht irgend ein kleines Beifallszeichen der Zuhörer ein wenig Wind in meine Segel brachte; in diesem Falle taute ich sofort auf und fuhr mit kühnerer Stimme fort.

Ein wenig Aufmunterung war für eine solche Natur Lebensbedingung. Bis zu meinem zwölften Jahr war ich unglücklicherweise in eine kleine vornehme Privatschule gegangen, wo die Mädchen Modepuppen und kleine Weltdamen waren, und wo ich mich gänzlich unverstanden und einsam fühlte. Aber mit dreizehn Jahren kam ich in eine große Schule, und hier machte ich mir gleich eine andere Stellung. Hier war der Mitschülerinnenkreis groß genug, so daß ich mir Freundinnen nach meinem Sinn wählen konnte; hier waren Kinder aus so vielen bürgerlichen Familien, daß Toilettefragen keine Rolle mehr spielten, sondern anstatt dessen der Wetteifer in Kenntnissen die Hauptsache war.«

Anne-Charlotte machte mit Ehren die Kurse durch, die vor mehr als dreißig Jahren das minimale Maß der Mädchenschulbildung bildeten. Bei den Lehrern erweckte sie besonders durch ihre schwedischen Aufsätze Aufmerksamkeit, und als sie einmal einen Aufsatz in Novellenform geschrieben hatte, wurde dieser der ganzen Klasse vorgelesen. Ihre Freude über diese Auszeichnung wurde doch durch den vorher vom Lehrer ausgesprochenen Verdacht getrübt, daß ihre Brüder ihr geholfen hätten: er traute ihr selbst diese Darstellungsgabe nicht zu.

Zusammen mit ihren liebsten Schulkameradinnen redigierte sie eine Zeitung »Utile Dulci«, spielte von ihnen selbst verfaßte melodramatische Stücke usw. Eine ihrer intimsten Freundinnen aus der Schulzeit hat Anne-Charlotte Leffler als sehr pflichttreu, aber dennoch heiter geschildert, herzensfroh über den Erfolg ihrer Kameradinnen, und ohne allen Hochmut, wenn sie selbst solchen hatte; immer gleichmäßig, offen, ehrlich, einfach, treu und gutgelaunt. Und diese Züge, die den Charakter des Schulmädchens bildeten, verblieben dem Weibe. Anne-Charlotte Lefflers frisches, von allen weiblichen Launen und Empfindlichkeiten freies Wesen, ihr auf die Wesentlichkeiten des Lebens gerichteter Blick wurde in der Zeit des Heranwachsens dadurch gestärkt, daß sie, wie sie einmal sagte, fast »Colducation« genoß – so treulich nahm sie an den Spielen und Studieninteressen ihrer Brüder und deren Kameraden teil.

Sie hat selbst – in dem erwähnten biographischen Entwurf – betont, daß sie sich in allen Perioden ihrer schriftstellerischen Tätigkeit, auch in der frühesten, an die Wirklichkeit hielt, so wie sie sie fühlte und erfaßte, und sie macht zugleich die richtige Bemerkung, daß sie, lange bevor sie eigentlich etwas Erzählenswertes zu sagen hatte, die Form beherrschte. Sie schrieb nämlich schon in den Schuljahren mit großer Leichtigkeit und ohne jeden Schwulst und Unnatur.

Mit fünfzehn, sechzehn Jahren kam die religiöse Krise, die, wie sie sagt, »jedes Mädchen, das mit ein bißchen Phantasie begabt ist, durchgemacht hat«. Während des Konfirmationsunterrichtes war sie stark ergriffen. »Die Religionsschwärmerei erfüllte«, sagt sie – »mein ganzes Seelenleben. Ich konnte mir nichts Schöneres denken, als mein Leben für die Sache des Christentums zu opfern.« Alle ihre Zukunftsträume gingen nun darauf hinaus, als Missionärsfrau nach Afrika zu reisen, und ihr männliches Ideal war natürlich der gerade Gegensatz zu ihrem eigenen Temperament, glich Ibsens Brand und forderte von seiner Gattin den Verzicht auf alle Freuden des Lebens.

Sie vermied in dieser Zeit weltliche Vergnügungen, ging fleißig in die Kirche und schmückte ihr Zimmer mit Bibelsprüchen. Die Unruhe um ihr Seelenheil erfüllte sie so stark, daß sie oftmals unter Tränenströmen ihrer Mutter ihre Sehnsucht anvertraute, ein Kind Gottes zu werden, wovon sie sich weit entfernt fühlte. Aber düsterer Fanatismus erlangte nie Macht über ihr Gemüt.

Die Familie verbrachte den Sommer 1866 auf einem Landgut in den Schären, und sie nahm da gerne an den Spielen und Streichen der übrigen Jugend teil, war aber ganz gleichgültig gegen die Aufmerksamkeit der jungen Herren. Sie träumte nur von ihrem Brand, und von ihm dichtete sie in ihrem ersten großen ungedruckten Roman, der jene sonnenklaren Begriffe und felsenfesten Grundsätze über Religion, Tugend, Leidenschaft und verschiedene andere, ebenso schwer zu lösende Fragen aufweist, durch die selbstsichere junge Menschen von fünfzehn bis siebzehn Jahren sich so wesentlich von der übrigen fragenden und kämpfenden Menschheit unterscheiden! Aber der Roman hat auch ungewöhnlichere Seiten: er zeigt Züge von erstaunlich feiner Psychologie, und man findet neben manchen Längen viele charakteristische Züge aus dem ländlichen, häuslichen Leben und vor allem eine gewisse breite, gerechte, objektive Auffassung auch jener Persönlichkeiten, die der Verfasserin unsympathisch sind, eine Gerechtigkeit, die bei Dichterinnen im Konfirmationsalter äußerst selten ist, aber für diese Schriftstellerin so charakteristisch werden sollte.

Die beiden älteren Brüder übten nach A. Ch. Lefflers eigenem Ausspruch den bestimmendsten Einfluß auf ihre literarische Entwickelung, wie auch auf ihre Lebensanschauung aus, in der das christliche Element allmählich verdrängt wurde und ziemlich bald verschwand. Durch ihre Kritik und ihre Anforderungen trugen die Brüder dazu bei, die Schwester vor dem Dilettantismus zu bewahren, in dem die weibliche Schriftstellerei so oft stecken bleibt. Sie zeigten ihr, wie wenig sie in der Schule gelernt hatte, und drangen eifrig auf weitere selbständige Studien; sie rieten ihr ab, ihre Versuche herausgeben, bevor diese reifer waren; selbst nahm sie auch von allem Anfang an ihre Schriftstellerei viel ernster als junge Damen unter zwanzig es tun pflegen. Die Eltern sowohl wie die Brüder ermunterten ihre literarische Begabung durch die lebhafteste Sympathie, und als ein sehr ungewöhnlicher Beweis dafür, wie die Familie ihre dichterischen Anlagen förderte, mag erwähnt werden, daß der Vater ihre erste anonyme Novellensammlung auf eigene Kosten drucken ließ.

Die Fortsetzung ließ einige Jahre auf sich warten. Denn ungefähr zur selben Zeit, in der die lebenslängliche Krankheit ihres Vaters begann, bat ein guter achtungswerter Mann, der Sohn alter Freunde ihrer Mutter, die damals zwanzigjährige Anne-Charlotte, seine Frau zu werden. Ihre Mutter so wie sie selbst hatten das Gefühl, daß ihr Schicksal in gute Hände kam und ein glücklicheres Los ihrer harrte als in dem jetzt so verdüsterten Heim. Und so wurde sie – ohne ein anderes Gefühl als das dankbarer Zuneigung – Braut. Die Verlobungszeit war doch nicht ohne Unruhe. Besonders war es ihr ein Bedürfnis sich das Versprechen – das sie auch erhielt – zu bedingen, sich ihrer Schriftstellerei widmen zu dürfen, die sie immer mehr als ihren Beruf empfand. Doch ihr Gefühl, daß der Bräutigam ihre Neigung zur Dichtkunst nur ungerne sah, beeinflußte sie so stark, daß sie während der zweijährigen Verlobungszeit »fast jede Äußerung der Kritzelsucht zurückdrängte«, woraus er die Hoffnung auf deren vollkommene Heilung schöpfte.

Unter A. Ch. Lefflers ungedruckten Skizzen aus jener Zeit findet man eine, die sehr eigentümlich ist, wenn man bedenkt, daß sie aus der Feder eines einundzwanzigjährigen Mädchens stammt. Sie schildert die Eindrücke, die ein Junggeselle von den verschiedenen, ehelichen Schicksalen einiger verheirateter Freunde erhält und schließt in folgender Weise:

– – – »Lege bei deiner Wahl kein Gewicht darauf, daß deine Frau heftiger, leidenschaftlicher Gefühle fähig sei. Die ruhige Liebe, die mit den Jahren wächst, wenn sie von Achtung und Vertrauen unterstützt wird, mag dir jetzt wenig begehrenswert erscheinen, wenn du einen jugendlichen Sinn hast. Aber das Leben hat nichts Vollkommenes zu bieten, und du mußt daher das Beste nehmen, was zugänglich ist. Mag sein, daß es dir nicht behagt, dich zuweilen von deiner Frau trennen zu müssen, damit die Liebe nicht erkalte; aber das Leben ist so, mein Freund, und auf jeden Fall findest du wohl wie ich, daß es besser ist, im Anfang sachte und behutsam zu fahren, als dem Wagen gleich einen so starken Schwung zu geben, daß er beim ersten Hügel umwirft.«

Wahrscheinlich trat A. Ch. Leffler mit ungefähr solchen Gedanken – in der Hoffnung, selbst zu beglücken – in ihr neues Heim, als sie im November 1872 die Frau des Assessors Gustaf Edgren wurde.

Zweites Kapitel

Im eigenen Heim begegnete ihr dieselbe Zuneigung wie im Elternhause, wo sie die einzige, zärtlich geliebte und freudebringende Tochter und Schwester gewesen war. In den neuen Verhältnissen wie in den alten blieb die Dichtung ihr tiefstes Interesse, aber es wurde ihr als junger Frau ebenso schwer wie in ihrer Mädchenzeit, sich ungestörte Ruhe zu verschaffen, um sich ihr ernst zu widmen. Aus dem Briefwechsel mit dem damals im Ausland weilenden ältesten Bruder erhält man ein lebhaftes Bild dieser Schwierigkeiten. In einem Briefe (1874), in dem sie zuerst schildert, wie sie jeden Vormittag ihrer Mutter ein Weilchen widmen will, und wie sie jeden Nachmittag zusammen mit ihrem Manne verbringt und wie wenig Zeit dann für ihre Arbeit übrigbleibt, erwidert sie als Selbstverteidigung auf die Beschuldigung des Bruders, daß sie ihre eigene Entwicklung vernachlässige:

»Eine andere Sache, die auch viel Zeit nimmt, ist die schauderhafte Unsitte, die die Stockholmerinnen haben, Vormittagsvisiten zu machen. Wenn ich jemals eine bekannte Schriftstellerin werden und als solche das Recht haben sollte, mich von dem allgemeinen Brauch loszusagen, dann würde ich nie eine Vormittagsvisite machen, noch eine solche annehmen, sondern ich würde mir anstatt dessen an einem bestimmten Nachmittag der Woche einen Empfangstag einrichten. Das würde mir viel ungestörte Arbeitszeit verschaffen, auf die ich jetzt nie rechnen kann. Ich trauere fast über jeden Tag, der vergeht, weil ich meine Zeit so schlecht anwende. Wenn ich bedenke, daß ich nun seit fast zwei Jahren nichts geschrieben habe, so verliere ich den Mut und glaube, daß nie etwas aus mir werden wird. Ach, daß das Menschenleben so kurz ist, besonders ein Künstlerleben, denn man kann doch nur höchstens zwanzig Jahre lang produzieren.«

Der Bruder hatte sie, als er ihr seinen Rat in bezug auf selbständige Studien gab, auch ermahnt, Naturwissenschaftliches zu lesen. Sie antwortete darauf:

»– – – die Menschen direkt ohne Bücher zu studieren, ist und wird immer mehr für mich das interessanteste Studium, und wenn ich lese, will ich am liebsten von Menschen lesen. Für abstraktere Studien habe ich keine Neigung ... Der Hauptgrund, warum ich im ganzen so wenig studiert habe, war und ist, daß meine Zeit so unglückselig zersplittert ist. Du kannst einwenden, daß das von mir selbst abhängt, und daß ich mir, als ich noch ein Mädchen war, meine Zeit ebenso gut hätte einteilen können, als es ein Jüngling immer tut. Aber hier ist es die wunderbare Macht der Tradition, die Hindernisse in den Weg legt. Ein Jüngling denkt sich gar nicht die Möglichkeit, daß er herumgehen und nichts tun könnte, weil er von Kindheit an lernt, daß er sich einer bestimmten Lebensaufgabe widmen und seine Jugend dazu verwenden muß, sich auf diese Aufgabe vorzubereiten. Ein Mädchen hört hingegen nie, daß sie eine andere Aufgabe hat als sich gut zu kleiden und liebenswürdig zu sein (ja, möglicherweise zu sticken und ein bißchen zu spielen und aus der Speisekammer Vorräte herauszugeben), um einen Mann zu bekommen. Wenn sie das auch nicht zu Hause direkt zu hören bekommt, und es auch nicht bewußt zu ihrer Lebensaufgabe macht, so liegt es doch sozusagen in der Luft, und die ganze Art, wie ihr Leben vom sechzehnten Jahre an eingerichtet wird, trägt dazu bei, ihr jede Lust an eigentlicher Arbeit zu benehmen. Ihr Leben wird eine Art Zwischenzustand, eine Art Wartezustand ohne Ziel, ohne irgendwelche bestimmte, gebieterische Pflichten. Und wie kann man verlangen, das ein sechzehnjähriges Kind, ohne andere Kenntnisse als die primitivsten, genug Selbständigkeit, genug Urteil und Charakter besitzen soll, um das Schiefe ihrer Stellung einzusehen und sich eine andere Existenz zu schaffen? Nein, sie treibt mit dem Strome, sie macht Toilette, geht aus und promeniert, liest Romane, stickt Tapisserie, mit anderen Worten, sie zersplittert ihre Zeit, sie leistet nichts, ohne darum je mit den Händen im Schosse dazusitzen, sie kommt zu nichts, ohne je etwas zu tun zu haben. Und diese leichtfertige, unverantwortliche Vergeudung einer kostbaren Zeit läßt dann fürs ganze Leben einen Fleck auf dem Charakter der Frau zurück. Sie hat nie gelernt, daß ein Mensch nicht das Recht hat, zu leben, ohne für ein bestimmtes Ziel zu arbeiten, daß etwas Erniedrigendes im Müßiggang liegt, etwas, dessen sich jeder halbwegs achtungswerte Mann klar bewußt ist. Und dieser Fleck auf ihrem Charakter darf doch nicht so sehr ihr selbst als dem Zeitgeist zugeschrieben werden. Aber Gott sei Dank, eine Besserung in dieser Hinsicht ist schon eingetreten, seit ich die Schule beendet habe, und ich hoffe, daß wir uns in diesem Falle in einer guten Richtung vorwärts bewegen. Wenn ich eine Tochter zu erziehen hätte, würde ich vor allem Gewicht darauf legen, ihr einzuprägen, daß sie eine bestimmte, individuelle Aufgabe im Leben hat, und daß ihre ganze Jugend dazu verwendet werden muß, sich auf diese Aufgabe vorzubereiten. Ich würde nicht gestatten, daß ihre Lehrzeit vor dem zwanzigsten Jahre abschlösse, und ich würde zusehen, daß sie während dieser ganzen Zeit auch gründlich arbeitete. Aber ich fürchte, daß ich in dieser Sache zu wortreich geworden bin. Ich werde so aufgeregt, wenn ich daran denke, wie meine eigene Jugendzeit und die meiner Altersgenossinnen verflossen ist, daß ich über diesen Gegenstand gar nicht genug sprechen kann. Ich war kürzlich in einer Versammlung, wo Herren und Damen über Frauenbildung diskutierten. Ich brannte vor Verlangen, das Wort zu ergreifen, um eine Menge Gedanken und Ansichten vorzubringen, von denen die anderen keinen Begriff zu haben schienen, aber ich war zu schüchtern, um so öffentlich aufzutreten, und ich ging darum nie mehr hin, weil ich es ebenso unmöglich fand zu schweigen wie zu sprechen. Wenn die Frage einmal schriftlich diskutiert wird, will ich es doch nicht unterlassen, das Wort zu ergreifen.«

 

Man sieht in dem eben Angeführten den Kampf eines von Natur weichen Temperaments, sich unter Verhältnissen, deren Druck für einen intensiveren und stärkeren Charakter gering oder gleich null gewesen wäre, zur Persönlichkeit durchzuringen. Tatsächlich waren ihre Schwierigkeiten sehr klein, aber alle Kraftproben müssen ja relativ bemessen werden, und für sie war es eine Kraftprobe, sich trotz der eben geschilderten Umstände Zeit für ihr eigentliches Interesse zu verschaffen. In den oben erwähnten selbstbiographischen Aufzeichnungen erzählt sie, daß einige Monate nach ihrer Verheiratung die Lust zur Schriftstellerei so unbezwinglich hervorbrach, daß sie in vierzehn Tagen »Die Schauspielerin« schrieb. Es ist sehr eigentümlich, daß A. Ch. Leffler ihre erste, mehr beachtete Arbeit fürs Theater verfasste. Sie war dem Theater aus religiösen Gründen lange ausgewichen. »Erst als Braut«, sagt sie, »war ich einige wenige Male ins Theater gekommen; ich hatte Hamlet gesehen und war tief ergriffen gewesen, ein paar moderne Lustspiele und hatte mich durch den leichtsinnigen und oberflächlichen Ton derselben in meinem ganzen rigorosen, noch halb pietistischen Sittlichskeitsgefühl tief empört gefühlt, und dies war meine ganze Theatererfahrung. Es war also unleugbar ein mehr als kühnes Unterfangen, ein Stück, das in vierzehn Tagen geschrieben und nur von einem jüngeren, befreundeten Mädchen gelesen war, dem dramatischen Theater einzuschicken.« Sie schildert das entzückte Staunen, mit dem sie die Nachricht von der Annahme des Stückes empfing, den Reiz und die Pikanterie, die darin lag, selbst in Gesellschaft auf die Frage zu antworten, wie das Stück ihr gefalle, und ob sie nicht wisse, wer es geschrieben habe, usw. Sie fährt fort:

»Das Gefühl, mitten im Parkett zu sitzen, zu hören, wie das Publikum den Verfasser ruft und wie ein Schauspieler vortritt und mitteilt, daß die Theaterdirektion selbst nicht wisse, wer der Verfasser ist – und dabei ruhig in dem Bewußtsein zu sein, daß kein einziger neugieriger Blick sich auf einen selbst richtet, daß man bloß ein Zuschauer unter den anderen ist – das ist eine Freude, die man später nie mehr kostet; auch bekommt man nie mehr die vollkommen unverfälschten Urteile über seine Arbeit zu hören, nachdem man einmal genötigt gewesen ist, seine Person als Repräsentantin seiner Dichtung hinauszustellen.«

Über dieses erste, heimliche, berauschende Dichterglück schrieb sie auf einer Nordlandsreise ein Gedicht in Prosa. Sie nannte es »Phantasie am Sollefteåfall«. Es erzählt in Märchenform von einer jungen Fichte, die rascher wächst als alle ihre Schwestern, um bald abgehauen zu werden und dem Falle zuzueilen, der ihr ganzes Herz gefangen genommen. Für diesen beseligenden, ersehnten Augenblick, in dem der Fall sie in seine große feurige Umarmung schließen wird, opfert sie alles. Das Märchen schließt so:

»Ein langes Leben des Leidens und des langsamen Dahinsiechens erwartete die arme Fichte auf der anderen Seite des Wasserfalls; sie sollte nie mehr den grünen Wald sehen, nie mehr den Gesang der Vögel hören, nie, nie das Rauschen des Falles vernehmen und seine schäumenden Wellen erblicken. Aber was weiter! Sie hatte ja die Stunde ihrer Seligkeit gehabt, und die füllte ihr ganzes übriges Leben aus. Laßt uns die junge Fichte nicht beklagen! Der ist nicht unglücklich, der eine wahrhaft glückliche Erinnerung besitzt!«

Was beim Niederschreiben dieses lyrischen Ausbruchs in erster Linie den Sinn der jungen Verfasserin bewegte, ist leicht zu ahnen. Sie war selbst durch die Liebe zum dichterischen Beruf in einen Wirbel hineingerissen worden, der ihr das einfache Glück gewöhnlicher Frauen rauben und viel Leiden im Gefolge haben würde, aber der ihr auch schon viel Freude geschenkt – und sie wollte ihr Ausnahmeschicksal nicht mit Alltagsidyllen vertauschen. Aber tiefer als dieses unmittelbare Gefühl lag ganz gewiß eine träumende Sehnsucht nach der größeren Leidenschaft, die, wenn sie einmal in das Schicksal einer Frau eingegriffen hat, sie nie den Frieden wiedergewinnen läßt, den sie besessen, bevor sie sich von der geheimnisvollen, rauschenden Tiefe locken ließ – diese Leidenschaft, die sie die »Schauspielerin« so leicht für ihren Beruf opfern ließ, weil die Dichterin selbst noch nichts von einer anderen Leidenschaft wußte als der für einen Beruf.

Sie schrieb jetzt – in kurzen Zwischenräumen – drei neue Dramen. Und in zwei derselben, im »Vikar« und in der »Elfe«, entsteht der Konflikt durch das Streben einer begabten Persönlichkeit, sich aus Verhältnissen, die ihre Entwicklung hemmen, loszureißen. In der »Schauspielerin« siegt der Künstlerberuf über die Liebe; der Vikar ordnet die Forderungen der Liebe denen der Wissenschaft unter; die Elfe ist auch im Begriff, sich aus dem Druck der äußeren Verhältnisse wie aus dem inneren Zwange loszuringen, der durch ihre Zuneigung zu dem Manne fühlbar wird, dessen verständnislose Liebe ihre persönliche Entwicklung hemmt. Aber hier hört man schon die große unbekannte Tiefe aus der Ferne brausen: die Möglichkeit, daß die Liebe, die die Elfe bis dahin nicht gekannt, eine tragische Lösung veranlassen könnte, hat der Dichterin vorgeschwebt – ja, der ursprüngliche Plan war sogar, die Lösung so zu gestalten, daß die Elfe dem Zuge der Liebe folgte, und dies einen definitiven Bruch herbeiführte. Eine solche Lösung widerstritt doch der damaligen, persönlichen Entwicklung der Verfasserin zu sehr. Das Stück schließt anstatt dessen mit Resignation auf Seiten der Elfe.

Die Annahme, daß A. Ch. Lefflers Entwicklung stark von »Ein Puppenheim« beeinflußt wurde, ist ein oft gehörter Irrtum. Alle ihre schon erwähnten Dramen waren vor »Ein Puppenheim« geschrieben, und Ibsen wurde für sie wie für viele andere nordische Frauen nicht die Weckung, wohl aber die Stütze bei ihrem Streben nach persönlicher Entwickelung.

Weit davon entfernt, daß »Ein Puppenheim« irgendeine plötzliche Revolution in A. Ch. Lefflers Auffassung der Männer oder der Ehe herbeiführte, sprach sie im Gegenteil mit Verwunderung, ja beinahe mit Mißbilligung über Noras Handlungsweise. »Hätte sie sich nicht vielleicht besser selbst finden können, wenn sie geblieben wäre, als wenn sie ihrer Wege ging?« Diese Frage warf A. Ch. Leffler in der Gesellschaft auf, in der ich sie zum ersten Male sah. Sie war schon damals in ihrem Kreise als Schriftstellerin bekannt, und man lauschte darum eifrig ihrem Urteil über die damals unaufhörlich diskutierte Nora. Viele wunderten sich an diesem Abend über das Zögernde ihres Urteils über Noras Handlungsweise. Aber daß ihre Äußerungen zu dieser Zeit sozusagen tastend erschienen, hing enge mit ihrem inneren Leben zusammen. Zu Beginn der achtziger Jahre machte sie nämlich in mehr als einer Hinsicht eine Epoche des Suchens durch. Aus dieser Zeit sind mehrere interessante Briefe vorhanden, die sowohl ihre innere Entwicklung beleuchten, wie auch ihre Ansichten über die Dichtung und ihre eigene Aufgabe innerhalb derselben.

Sie erklärt z. B. zu diesem Zeitpunkt, daß sie »nicht berufen sei, Romane zu schreiben«, und fährt fort:

»Ich habe eine so stark ausgeprägte tendenziöse Richtung, daß ich einer Arbeit, in der es nicht gilt, irgendeine besondere Idee herauszuarbeiten, die von größerer Bedeutung für unsere Zeit und unser Land ist, kein richtiges Interesse entgegenzubringen vermag. Es ist die Aufgabe des Dramas mehr als irgendeiner anderen Kunstform, modern zu sein, d. h. die brennenden Fragen der Gegenwart zu behandeln.«

Einige Jahre später durchlebt sie eine Periode der Mutlosigkeit. Dem ersten großen Erfolg – der »Schauspielerin« – waren keine weitern gefolgt, und sie schreibt (1877):

»Einmal Erfolg zu haben und dann nie mehr, das ist doch traurig. Ich habe viele Pläne zu großen Arbeiten, aber komme aus Zeitmangel nie dazu, sie auszuführen. Daß meine Zeit so zersplittert ist, bleibt mein steter Kummer und wird auch meine Entwicklung hindern. Ich kann zu keiner einzigen Stunde des Tages darauf rechnen, vollkommen ungestört zu sein. Den ganzen Vormittag laufen alle möglichen Leute aus und ein, und all die kleinen Angelegenheiten, denen man sich nicht entziehen kann, wenn man ein Haus zu führen hat, peinigen mich ganz unglaublich, gerade weil sie so unverhältnismäßig mehr Zeit in Anspruch nehmen, als das Resultat wert ist. Ich würde viel lieber gewisse Stunden des Tages an einer noch so uninteressanten Arbeit arbeiten, wenn ich dann die übrigen Stunden ungestört sein könnte, anstatt in dieser Weise meine ganze Zeit zu zersplittern, ohne daß ich eigentlich das Gefühl habe, damit etwas Nützliches zu leisten. Ich fange an zu glauben, daß es ein großer Mißgriff der Natur ist, daß ich ein Weib geworden bin, denn die Art von Tätigkeit, die eigentlich dem Weibe zukommt, paßt gar nicht für meine Veranlagung. O, wenn ich anstatt dessen wie ein Mann mein ganzes Leben einer intellektuellen Arbeit widmen könnte, studieren, mich entwickeln, arbeiten und auf diese Weise alle meine Seelenkräfte stärken und stets vorwärts schreiten, anstatt alle meine Seelenkräfte an kleine häusliche Obliegenheiten zu vergeuden, die ich überdies schlecht mache, und an soziale und konventionelle Verpflichtungen wie ein inhaltsloses und seelenmordendes Gesellschaftsleben, mit dem ich weder mir selbst noch anderen nütze! Ich führe kurz gesagt ein unnützes, untätiges Leben, und es wird mir ganz himmelangst, wenn ich daran denke; denn ich bin doch von der Natur genügend gut ausgerüstet worden, um wirken und irgendwelche Spuren hinterlassen zu können. Ich weiß, du wirst mir antworten, daß alles nur meine eigene Schuld ist und daß mich eigentlich nichts hindert, zu studieren und mich zu entwickeln, wenn ich es wirklich will. Aber es ist wahrhaftig nicht so leicht, ohne die geringste Anleitung zu arbeiten, ohne die Gelegenheit, sich je einmal mit Menschen, die ähnliche Interessen haben, auszusprechen ...«

1878 schreibt sie: »Es ist nicht leicht, immer ›die Fahne der Idee hochzuhalten‹, wie der alte Student bei Ibsen so richtig bemerkt. Diese materielle, kleinsinnige Welt, von der man doch auf jeden Fall von allen Seiten umgeben ist, will einen beständig auf ihr Niveau hinabziehen, und es gibt Stunden, wo es wenigstens einer stärkeren Seele bedürfte als der meinen, um sich nicht versucht zu fühlen, zu glauben, daß all die Ideale, die in uns leben, lauter von einer krankhaften Phantasie erzeugte Gaukelbilder sind, die dem klaren Tageslicht der Wirklichkeit, will sagen, der Prosa, des Kleinsinns, des Eigennutzes, der Mißgunst, der Nichtswürdigkeit weichen müssen.«

In demselben Brief spricht sie von dem »nüchternen Realismus«, zu dem sie sich teils durchgekämpft, teils natürlich entwickelt hat, und den sie doch nicht als das für sie ganz Natürliche empfindet. Sie spricht die Sehnsucht aus, »zu schwärmen und ein paar kurze Sommermonate ein wenig verrückt zu sein; denn ich bin den ganzen langen Winter so unendlich nüchtern, daß meine Phantasie den Hungertod stirbt, und meine Ideale mir den Rücken kehren.« Und dieses Bedürfnis wollte sie durch einen zeitweiligen Aufenthalt an einer norwegischen Volkshochschule befriedigen, wo sie glaubte, auf »seelenerquickenden Verkehr mit begabten Menschen, die ganz für ein ideelles Interesse leben«, rechnen zu können. Sie antwortet auf den Einwand, daß sie auf diese Art ihre Anonymität als Schriftstellerin verraten würde, daß sie sich aus ihrer Anonymität gar nichts mache; sie mache sich nur etwas daraus, Sympathie zu finden. Und in bezug auf andere konventionelle Bedenklichkeiten ruft sie aus:

»Ist man verpflichtet, sich auch den engherzigsten konventionellen Gesetzen zu unterwerfen, wenn man doch durch die Tätigkeit seines ganzen Lebens einen Protest gegen die Gesetze bildet, die gewöhnlich das ganze Leben einer Frau binden und begrenzen? Für das Vaterland sterben ist sublim, aber in einem Duell für den falschen Begriff Ehre zu fallen, ist lächerlich. Oder mit anderen Worten, ein ideales Interesse einer persönlichen Pflicht zu opfern, kann schön sein, aber es einem konventionellen Gesetz zum Opfer zu bringen, ist jämmerlich.« Sie fährt fort, von ihrem Bedürfnis nach Gedankenaustausch mit sympathischen Menschen zu sprechen, denn anderen gegenüber ist sie äußerst zurückhaltend über das, was der »Kern und die Triebkraft« ihres Lebens ist, ihre schriftstellerische Tätigkeit. »Es ist möglich«, sagt sie, »daß ich nie eine Künstlerin werde, aber dann werde ich auch nie eine normale Frau, kann also unter keinen Umständen nach den gewöhnlichen Gesetzen der Weiblichkeit beurteilt werden oder mich ihnen unterwerfen. Ich bin eine Rebellin gegen mein Geschlecht und unzweifelhaft eigentlich zum Manne geschaffen, mit den Interessen und den Anlagen eines Mannes, und nichts von der Fähigkeit einer Frau, sich selbst für andere zu vergessen. Ich bin im Gegenteil ganz und gar von mir selbst und meinen eigenen Wünschen, Interessen und Bedürfnissen ausgefüllt. Wäre ich ein Mann geworden oder wäre ich zwanzig Jahre später auf die Welt gekommen, so hätte ich mich dem Studium gewidmet, was mir als das beneidenswerteste Glück erscheint. Es gibt nicht eine von den gewöhnlichen Beschäftigungen der Frau, die mir nicht von Natur aus widerwärtig wäre, und es um so mehr wird, je weiter ich mich entwickele. Ein Glück für mich ist, daß ich diese tief unweibliche Seele unter einer vollkommen weiblichen Maske verberge; wäre mein Auftreten ebenso emanzipiert wie mein innerer Mensch, ich wäre verloren. Aber so stellt man mir allgemein das Zeugnis aus, ungewöhnlich weiblich und schüchtern zu sein, und man erklärt, nie eine so wenig emanzipierte Schriftstellerin gesehen zu haben.«

Im Anschluß an das Urteil der Kritik, daß es der »Elfe« an Handlung fehle, sagt sie, daß sie gerne wissen möchte, was man in einem modernen realistischen Drama unter Handlung verstehe, und fährt fort:

»Ich für mein Teil glaube, daß die alten konventionellen Forderungen, die man an die Technik des Dramas stellte, für unsere Zeit nicht mehr passen. Das Drama darf nicht wie früher ein kunstvoll zusammengesetztes Gebäude sein, in dem der Verfasser eine Menge Ereignisse zusammenführt und sie so sehr als möglich verwickelt, um sie dann in den Schlußszenen zu lösen. Es muß dem Leben enger folgen, um die Wahrheitsforderungen unserer Zeit befriedigen zu können; der Verfasser mit seinen vielen Marionettenfäden darf nicht mehr sichtbar werden, sondern das Ganze muß sich einfach und natürlich entwickeln, ohne Knalleffekte, ohne entscheidende, große, äußere Handlungen. Soweit ich es verstehe, soll von den alten Forderungen an das Drama nur eine einzige bestehen bleiben, nämlich die, daß es eine Charakterentwickelung enthalten muß. Die Hauptperson vor allem, aber auch all die anderen handelnden Personen müssen in gewissem Betracht aus jeder Szene als andere hervorgehen, als da sie eintraten ... Es ist ja möglich, daß ich unrecht habe, aber dann verstehe ich nicht, was dramatische Handlung heißen will, und möchte sehr gerne darüber belehrt werden. Bezieht sich das Wort auf irgendeine rein körperliche Handlung, muß man reisen oder kommen, Gift nehmen, Briefe schreiben, an Türen lauschen, falsche Unterschriften unterzeichnen, zu geheimen Zusammenkünften gehen, intrigieren, damit es Handlung genannt werden kann? Ist dies der Fall, dann kann ich nie ein Drama schreiben. Denn mein einziger Wunsch und meine einzige Lust ist, das Leben und die Menschen so zu schildern, wie ich sie mit eigenen Augen gesehen, oder wie ich sie auf Grund dessen, was ich gesehen, geahnt habe, ohne alle gekünstelten Intrigen, ohne alle konstruierte Handlung. Und gelange ich zu der Überzeugung, daß das Drama nicht die Kunstform ist, die das gestattet, so werde ich ihm ohne Zögern den Rücken kehren und zur Novelle übergehen, wo man sich nicht von konventionellen Formenregeln knebeln zu lassen braucht, sondern das Leben so getreu verfolgen kann, als man will.«

Drittes Kapitel

Anne-Charlotte Lefflers Briefwechsel bestätigt ihre eigene Äußerung, daß es in ihrer Entwickelungsgeschichte keine großen Krisen gegeben habe. Sie sagte einmal, ihre religiöse Lebensanschauung sei das Produkt einer sehr langsamen Umgestaltung; langsam waren auch die Veränderungen, die ihre Gefühle in anderer Richtung durchmachten. In den eben angeführten Briefen sind doch dessen ungeachtet mehrere Züge von großem Interesse, weil sie sowohl die Entwicklung charakterisieren, die A. Ch. Leffler mit den intellektuell begabten Frauen ihrer Generation gemeinsam hatte, wie die ihr selbst eigentümliche. Die meisten Frauen reiferen Alters, die sich in unserer Zeit einer geistigen Arbeit widmen, haben eine Periode durchgemacht, in der sie in Verzweiflung über alle die Hindernisse, die das Familienleben wie auch konventionelle Ansichten über die Aufgabe der Frau vor ihnen auftürmten, gerade so wie A. Ch. Leffler darüber klagten, daß es ein großer Irrtum der Natur sei, daß sie Frauen geworden, da sie eigentlich zu Männern geschaffen waren. Die meisten haben wie sie, während ihre Individualität für Freiheit und Entwickelung kämpfte, diesen Kampf als Beweis dafür gehalten, daß sie nichts von der Fähigkeit des Weibes hatten, sich hinzugeben und sich selbst zu vergessen. Von Anne-Charlotte Leffler klingt diese Selbstanschuldigung rührend naiv, wenn sie zugleich ihrer Mutter nie das Vergnügen eines täglichen Besuches versagt, ihrem Manne nicht die Freude eines ungestörten Beisammenseins an den Nachmittagen, wenn die Interessen ihrer Freundinnen bei ihr immer ein williges Ohr finden und die Angelegenheiten ihrer Bekannten einen stets bereiten Diensteifer. Die »weibliche Maske«, die, wie sie glaubt, eine männliche Seele verbirgt, ist nach ihrem eigenen wirklichen Antlitz modelliert, und einige Jahre später lächelte sie selbst über diesen durch die konventionelle Auffassung der Weiblichkeit hervorgerufenen Glauben an ihre eigene Unweiblichkeit. Sie hatte – wie die meisten reichen Menschen – lange keine Ahnung von den wirklichen Reichtümern ihrer Natur und deren geheimnisvollen Tiefen. Aber recht bald wurde sie sich doch klar, daß es wichtigere Bestimmungen für die Weiblichkeit gebe, als zu nähen, Obst einzukochen und in Gesellschaft zu gehen; daß die intellektuelle Begabung dem Wesen der Weiblichkeit ebensogut wie dem der Männlichkeit Ausdruck geben kann, und daß es eine ebenso berechtigte Selbstsucht bei der Frau wie beim Manne ist, sich ungestörte Ruhe für ihre geistige Entwickelung und ihre geistige Arbeit zu verschaffen.

Ihre oben angeführten Briefe zeigen auch, daß A. Ch. Lefflers Geschichte nicht nur wie die der meisten begabten modernen Frauen war, sondern daß sie auch typisch für die der meisten Frauen der oberen Stände genannt werden kann. Zuerst die Träume des »Familienmädchens« von der Ehe als Lebensziel und ihre Gefühle der Leere, während sie darauf wartet; dann die nicht ungewöhnliche Entdeckung der verheirateten Frau, daß sie doch nicht die Wirklichkeit des Lebens gefunden, und ihre Kränkung darüber, daß sie nicht einmal durch geordnete ernste Arbeit an dieser Wirklichkeit teilnehmen kann.

Allmählich führte doch A. Ch. Leffler ihre Emanzipation von den sogenannten Pflichten der Geselligkeit durch. Als Hausfrau war und blieb sie pflichttreu und umsichtig, aber als ihre Schriftstellerei einen bedeutenden Einnahmeposten im Budget ausmachte, hielt sie sich nicht mehr für verpflichtet, allzuhäufig zu gehorchen, wenn ihre resolute Dienerin sie vom Schreibtisch in die Küche rief. Immer besser lernte sie es auch, ihre Zeit so einzuteilen, daß weder das Heim noch ihre Arbeit zu kurz kam, und sie fand dadurch auch Ruhe, Sprachen, Geschichte und besonders Literatur gründlicher zu treiben. Als sie eine bekannte Schriftstellerin wurde, verwirklichte sie auch ihren Traum, sich den täglichen Visiten zu entziehen, indem sie sich eine bestimmte Empfangszeit einrichtete. Sie erlangte allmählich – doch ohne Egoismus oder Pedanterie – jene Fähigkeit der Arbeitskonzentration, die einer künstlerischen Begabung ihren ethischen Ernst verleiht; und als jemand von der Reife ihrer Arbeiten im Vergleich mit anderen zeitgenössischen sprach, äußerte sie: »Bedenken Sie doch meine günstigen Arbeitsbedingungen! Keine ökonomische Notwendigkeit zwingt mich, Schleuderarbeit zu produzieren, wie junge Schriftsteller es so oft müssen; und« – fügte sie mit einem tief wehmütigen Tonfall hinzu – »keine kleinen Füßchen springen in meinem Arbeitszimmer aus und ein, wie in dem so vieler anderer Schriftstellerinnen, und stören die Ruhe dort. Würde ich nicht mein Bestes leisten, wäre ich ja geradezu unmoralisch!«

Daß sie die Mutterschaft entbehren mußte, gab ihrem Wunsche, wenigstens dichterisch einen Einsatz für das Leben der Menschheit zu leisten, eine ergreifende Intensität. Bei der Verheiratung eines der Brüder schreibt sie in einem Briefe, in dem man jenes Entbehren zwischen jeder Zeile liest:

»Wer Kinder hinterläßt, stirbt nie, seine Gaben, seine Anlagen, seine Charakterentwickelung kehren in kommenden Geschlechtern wieder. Das gilt nun freilich von jeder reichen geistigen Arbeit, ja, man kann sagen, daß jeder Mensch, der nach Maßgabe seiner Kräfte gearbeitet hat, dadurch einen Einsatz für die Menschheit geleistet hat, der ihn selbst überleben wird, aber das gilt doch in einer ganz besonders innigen und persönlichen Weise in bezug auf die Vererbung.«

Ihre immer stärkeren, künstlerischen Entwickelungsforderungen brachten auch eine immer stärkere Sehnsucht nach neuen Eindrücken, neuen Verhältnissen mit sich. Sie schreibt im Hinblick auf die mathematischen Arbeiten ihres ältesten Bruders, Professor Mittag-Lefflers:

»Meine Probleme sind die Menschen, und ich habe alle gelöst, die ich getroffen habe. Unter solchen Verhältnissen muß natürlich die Quelle der Inspiration bald versiegen. Ich sollte ja nicht klagen, denn ich bin so glücklich, als es bei jener Einschränkung der Freiheit möglich ist, die daraus resultiert, daß man eine Frau ist. Das einzige, worüber ich klage, ist, daß ich nicht lieber als einer der »Herren der Schöpfung« auf die Welt gekommen bin.«

 

Während A. Ch. Lefflers erste literarische Tätigkeit eigentlich dem Theater gewidmet war, schrieb sie doch auch Novellen und Essays über dramatische oder literarische Fragen. Man begann zu ahnen, daß Frau Edgren Schriftstellerin war, aber für das große Publikum war es doch eine Überraschung, als sie im Jahre 1882 mit ihrer Novellensammlung »Aus dem Leben« unter ihrem eigenen Namen hervortrat.

Als dies geschah, erhielt die schwedische Literatur eine neue und große Schriftstellerin. Sie hatte das Publikum nicht dadurch ermüdet, daß sie es ihre unsicheren Schritte auf der Schriftstellerlaufbahn verfolgen ließ: sie trat ihm nun als eine beherrschte, künstlerisch sichere Dichterpersönlichkeit entgegen, die wußte, was sie wollte, und konnte, was sie wollte. Ihr Erfolg war außerordentlich und unumstritten. In der ersten Sammlung »Aus dem Leben« waren inhaltsreiche Motive, so wie der Geschmack der älteren Zeit sie liebte, – ein Geschmack, der glücklicherweise wieder anfängt, – aber gleichzeitig war da eine wirklichkeitsgetreue, maßvolle Darstellung, ein Realismus, so wie ihn die neue Zeit ersehnte. Hier begegnete man einer modern denkenden und fühlenden Persönlichkeit, aber einer, die weder Kampfsucht noch Parteisinn zeigte, sondern im Gegenteil eine verständnisvolle, menschliche Auffassung des Lebens in ihren mit Kraft sowohl wie mit Gefühl gezeichneten Bildern aus demselben an den Tag legte.

Man staunte über diese feine Beobachtung, diese durchsichtige Wahrheitsliebe in der Schilderung des Beobachteten, diesen selten einfachen, prunklosen, festen und klaren Stil.

Die Verfasserin schrieb (1881), bevor das Buch erschien, über ihre neue Arbeit:

»Sie hat auf jeden Fall das Verdienst, ursprünglich zu sein, d. h. kein Aufguß von alten Romanen, sondern auf eigne, ganz selbständige Beobachtungen aus dem Leben selbst gegründet. Und schon dies (mit irgendwelchem Talent in der Schreibweise selbst verbunden) ist hinreichend, um sogar recht großes Aufsehen in einem Lande zu erwecken, wo Strindbergs »Rotes Zimmer« bis jetzt das einzige Lebenszeichen einer neuen Zeit in der Literatur war.«

Sie hat selbst den richtigen Gesichtspunkt für ihren großen Erfolg angedeutet; sie gab etwas Neues, das ihr eigen war; man begegnete Ursprünglichkeit, nicht Widerhall. Aber gleichzeitig hatte A. Ch. Leffler das Glück, daß die Zeit gewünscht hatte, das zu erhalten, was sie zu geben hatte: sie kam weder zu früh noch zu spät, sondern gerade im richtigen Augenblick für einen großen Erfolg. Dieser war auch ganz ungewöhnlich: die bei unseren Literaturverhältnissen äußerst seltene Notwendigkeit von zwei neuen Auflagen in kurzer Zeit bildete den unverkennbarsten Beweis dafür.

Durch den Erfolg der ersten Sammlung mutig geworden, entschloß sie sich, auch eine Novelle – »Aurora Bunge« – herauszugeben, in der sie mit genialer Intuition das vom Kultus ihrer eigenen Schönheit ausgefüllte Leben einer Ballkönigin geschildert hat. Der ursprünglichen Anlage nach eine reiche, gesunde Weibnatur, wird ihre Persönlichkeit durch das Weltleben zerstört, aber ihr natürlicher Mensch beginnt in einer Sommerszeit auf dem Lande zu erwachen. Da begegnet dieses von animalischer Gesundheit strotzende Wesen, selbst von dem Frühlingsleben der Natur berauscht, einem Manne aus dem Volke, einem Leuchtturmwächter, der für sie die Naturkraft inkamiert, und sie folgt blind diesem Zuge. Ihre von Selbstanbetung erfüllte Seele lernt doch nicht die Liebe kennen, so auch nicht die Keuschheit, und sie zeigt die ganze Korruption der Weltlichkeit, als sie später durch eine Konvenienzpartie die Folgen der Handlung verdeckt, die – im Vergleich damit – Gesundheit und Wahrheit war.

In einer anderen Skizze, »Eine Hochzeit«, hatte die Schriftstellerin anfangs eine tiefere Auffassung des Gegenstandes – der Freiheit der Liebe – aber sie scheute davor zurück, ihren kühnen Gedanken in dieser Richtung zu verfolgen. Obgleich sie so, wie sie bemerkte, dem Konventionalismus zuliebe gegen ihr künstlerisches Gewissen gesündigt hatte, entstand doch auf jeden Fall große Unruhe, als der zweite Teil von »Aus dem Leben« (1883) herauskam. Man erhob den Vorwurf der Tendenz vor der leidenschaftslos objektiven Schilderung »Im Krieg mit der Gesellschaft«, den des Skandals vor der genialsten »Aurora Bunge«. In der erstgenannten Novelle brach sie ja nicht den Stab über eine Frau, die von Mann und Kindern fortging! Denn daß diese Frau unglücklich wurde, war nicht genug: ein objektives Lebensbild konnte man nicht begreifen. Und die »unsittliche Absicht« bei Aurora Bunge war ja nur zu greifbar!

Die Verfasserin litt unter dieser falschen Auffassung, aber sie ließ sich nicht einschüchtern. Im Gegenteil schrieb sie (im Juni 1883):

»Schwer kann es wohl zu tragen sein – besonders für ein »schwaches Weib« – zu wissen, daß man von einer großen Menge respektabler Leute als ein Apostel der Irrlehren und der Unsittlichkeit angesehen wird – aber hat man nur ein paar Freunde, die einen gegen den schlimmsten, den einzigen wirklich vernichtenden aller Angriffe, den inneren Zweifel, stützen – so geht es schon.«

Viertes Kapitel

Das Jahr 1883 bildet in vieler Beziehung einen Wendepunkt in Anne-Charlotte Lefflers Entwicklungsgeschichte und bringt ihr in verschiedener Hinsicht erhöhte Klarheit über sich selbst, vor allem darüber, was sie eigentlich denkt und will.

Mit der zweiten Sammlung »Aus dem Leben« hatte sie sich von den Vertretern der Frauensache besorgte Fragen und Warnungen zugezogen, und sie erhält einmal ums andere Anlaß, sich selbst ihren eigenen ethischen und literarischen Standpunkt zu präzisieren, dadurch, daß sie genötigt ist, ihn anderen klarzumachen. Warum sagte sie nicht gerade heraus – wunderten sich die Bekümmerten – was sie mit »Eine Hochzeit«, mit »Aurora Bunge«, mit »Im Krieg mit der Gesellschaft« meinte? Sie antwortet, daß sie verstehen will, nicht urteilen; daß sie immer, noch lange bevor sie über die Kunst reflektierte, selbst den nachhaltigsten Eindruck von jenen Dichtungen empfangen hatte, in denen die Konflikte ungelöst blieben: »Was bedeuten all diese Kümmernisse, Schwierigkeiten und Sorgen, dachte ich, wenn ihnen so leicht abgeholfen ist?« Und sie weist darauf hin, daß sie schon in ihrer ersten Novellensammlung sowie in ihren ersten Dramen dieselbe Abneigung gegen eine positive Entscheidung oder einen harmonischen Schluß gezeigt hatte. Sie schließt mit der Versicherung, daß sie dabei ihrer Individualität gefolgt ist, nicht irgendeiner Theorie. »Ich glaube nicht an Theorien«, fährt sie in demselben Briefe fort, »ich glaube, daß jeder Schriftsteller sich nach seiner eigenen Individualität entwickeln soll, und die meine ist nun einmal die, an die eigene Denkfähigkeit des Lesers zu appellieren, indem ich sorgfältig vermeide, ihm einen Fingerzeig zu geben, wie er denken soll. Die Harmonie einer Erzählung wird, glaube ich, nicht dadurch errungen, daß der Verfasser seinen Personen behilflich ist, die Konflikte zu lösen, sondern dadurch, daß die Charaktere eine folgerichtige Entwicklung erhalten.«

Dieses »ästhetische Glaubensbekenntnis«, wie sie es nennt, blieb bis zuletzt das ihre, und sie hatte nicht selten neuerlich Anlaß, es in verschiedenen Formen zu wiederholen. Daß ihr ungeachtet dieser ausgesprochenen Objektivität ihrer Anlage so oft vorgeworfen wird, daß sie urteilt oder Partei für ihre Persönlichkeiten nimmt, kurz, daß sie tendenziös ist, beruht zum großen Teile auf einer Begrenzung ihrer künstlerischen Fähigkeiten.

Sowohl als Dramatikerin wie als Novellistin schilderte sie Charaktere mehr durch Beschreibungen und eigene Urteile, als durch das unmittelbare Auftreten, Sprechen und Wesen der Personen. Sie erzählte große charakteristische Züge sowie eine Menge kleiner, malender Details, aber sie wußte sie nicht immer zu einem Gesamtbild des Charakters zu verschmelzen, der mit Notwendigkeit so war und nicht anders sein konnte. Die Schilderung erscheint deshalb oft in den Dienst einer bestimmten Absicht gepreßt. Die Details waren hingegen so unmittelbar kopiert, daß sie die Anklage hervorriefen, daß sie den oder den »abgezeichnet« – während oft nichts anderes als gerade irgendein äußerlicher, zufälliger Zug der betreffenden Persönlichkeit abgelauscht war.

Von dieser Zeit ab wurde Frau Edgren von der Gruppe der Frauenrechtlerinnen mit der Etikette »verdächtig« versehen. Als sie nachher »Wahre Frauen« schrieb, wurde sie allerdings sogleich von männlicher Seite zur »Frauenrechtlerin« gestempelt, und – weil sie eine der äußerst wenigen Frauen war, die ohne alle Frage unter den bedeutenden Schriftstellerinnen genannt wurden – war man in der frauenrechtlerischen Phalanx froh, sie zu ihren Reihen zählen zu können, aber doch geschah es nur unter sehr wesentlichen Vorbehalten.

Von ihrer eigenen Seite waren die Reservationen, zu den Verfechterinnen der Frauensache gerechnet zu werden, noch größer. Sie kannte schon damals, aber billigte nicht das Programm einer wahren »Frauenrechtlerin«, das Programm, das sie folgendermaßen ironisierte:

»Eine Schriftstellerin, die diese Etikette bekommen hat, muß die Frau immer als in sittlicher Beziehung hoch über dem Manne stehend schildern, und sich stets zum Paladin ihrer Würde, Tugend und Selbständigkeit aufwerfen. Gebricht es einer Frau an einer dieser Eigenschaften, muß sie stets mit Entrüstung geschildert werden, oder man muß auch beweisen, daß ihre Schwäche in diesem Fall von der ungerechten Behandlung des Mannes oder der verkehrten Gesellschaftsordnung herrührt.«

Sie war jedoch entschlossen, weiter das zu schildern, was sie selbst vom Leben, nicht, was sie vom frauenrechtlerischen Programm sah: nur so fühlte sie, daß sie »sie selbst« blieb – das, wofür sie so hartnäckig gekämpft. Die Selbständigkeitsleidenschaft stimmte sie nicht nur feindlich gegen die Weltlichkeit, Oberflächlichkeit und Unselbständigkeit der Frauen, sondern auch gegen alle Programmoberflächlichkeit. Für sie bestand die Frauenfrage nie in erster Linie darin, daß Frauen das oder jenes werden können, sondern darin, daß sie unter allen Verhältnissen sie selbst sein dürfen. Dafür ließ sie alle ihre Heldinnen kämpfen, das beschäftigte bis zuletzt – in dem Roman »Enger Horizont« – ihre Phantasie und ihre Feder.

 

Um die Zeit, als Anne-Charlotte Leffler mit der zweiten Sammlung »Aus dem Leben« hervortrat, hatte sie doch selbst noch einen engen Horizont um sich.

In Dänemark und Norwegen, wo der geistige Gesichtskreis damals so viel weiter und die literarische Bildung so viel moderner war als in Schweden, fand sie durch ihre beiden ersten Sammlungen »Aus dem Leben« viele Bewunderer.

In Schweden hingegen vertrat nur ein kleiner modern denkender literarischer Kreis die Ansicht, daß die schriftstellerische Bedeutung der Verfasserin durch die zweite Sammlung »Aus dem Leben«, die die tonangebende Kritik heftig angegriffen hatte, gewachsen war. Der kleine Kreis sollte Recht behalten. Frau Edgrens literarischer Ruhm wurde bald nicht nur skandinavisch, sondern europäisch. Aber die Erfolge wogen nicht den Schmerz über das Unbehagen auf, das einige ihrer Nächsten durch all die rücksichtslosen Angriffe und indiskreten Kommentare empfanden, denen sie in der Heimat ausgesetzt war. Ihre durch Rücksichten gegen Mann und Mutter veranlaßten Konzessionen riefen in ihr stets ein tiefes Gefühl der Selbstverachtung hervor. Selbst hatte sie sehr wenig Empfindlichkeit gegen öffentliche Kritik, und sie suchte eifrig alle private, die ihr aus freundlichem Interesse zuteil wurde, und war stets dankbar dafür. Und – wenn ihre eigene Überzeugung dem Kritisierenden Recht gab – unterzog sie sich mit Freuden der Mühe einer Umarbeitung. Doch wollte sie nie jene Kritik anerkennen, deren Maßstab der Konventionalismus, nicht die Kunst war. Sie wußte sich gewöhnlich im Recht, wenn sie etwas wagen wollte, und das starke Gefühl ihrer eigenen Gemütsreinheit gab ihr gesteigerten Mut, Stoffe zu behandeln, die man damals – und noch heute – zur sogenannten »Schmutzliteratur« warf, auch wenn sie in ernstester Absicht behandelt wurden.

Dadurch wurde der Gesichtspunkt für das Zentrale ihrer schriftstellerischen Persönlichkeit gefälscht. Dies war ganz naiv und rein jene Leidenschaft, ohne die niemand ein Dichter wird: die Wahrheitsliebe in der Schilderung der Offenbarungen des Lebens und ihres eigenen Herzens. Aber diese Liebe zur Wahrheit kam nun stets in Kollision mit ihrem für die Empfindungen der anderen sehr feinfühligen Sinn; und ihr Haß gegen den Konventionalismus hing mit der Erfahrung zusammen, daß ihrer weichen Natur die Gefahr angeboren war, aus allzu großer Rücksicht seinen Forderungen zu weichen.

Aber in dem Maße, in dem sie fühlte; wie die Energie ihrer Leidenschaft für die Wahrheit durch ihre Privatverhältnisse gehemmt wurde, steigerte sich ihr Einsamkeitsgefühl, ihre Sehnsucht nach Sympathie. Und diese Gefühle waren es, die zu der schließlichen Umgestaltung ihres Lebens mitwirkten, als sie endlich der vollen geistigen Gemeinschaft begegnete, die sie damals so tief vermißte.

Niemand, nicht einmal ihre Mutter, blickte um diese Zeit in ihr Inneres. Eine unveränderliche, zarte Freundlichkeit gegen ihren Mann, dem sie zu ihrem Schmerze durch ihre Schriftstellerei nur Qual bereitete; eine innige Dankbarkeit für die Liebe, die sie von ihm empfing, eine ruhige Würde, die alle Neugier zurückwies, – all das machte den Eindruck einer ungestörten Harmonie in ihrem Privatleben. Wie leer in jeder Beziehung ihre Ehe war, das wußte nicht einmal ihre Mutter – bis Anne-Charlotte Leffler im Begriff stand, diese Ehe aufzulösen.

 

Auch nachdem diese Epoche abgeschlossen war, suchte sie nie eine Beschönigung für den Bruch zu finden, indem sie das Verflossene umgestaltete oder herabsetzte. Im Gegenteil: die Gerechtigkeit, die sie dichterisch übte, übte sie auch im Leben; sie besaß dadurch die in solchen Fällen seltene Großzügigkeit, die Erinnerung an das Gute festzuhalten, das sie – trotz vieler tief berechtigter und unbefriedigter Forderungen – besessen, und sie suchte die Verantwortung für ihre Handlungen nicht von den eigenen Schultern auf die eines anderen zu wälzen.

 

Die einförmigen Verhältnisse, in denen Anne-Charlotte Leffler lebte, übten wohl oft einen hemmenden Druck auf ihre Produktion aus, aber bereicherten andererseits ihre Schriftstellerei um viele der wirklichkeitstreuen Züge, die in ihrer Dichtung die bewundernswertesten sind.

Ihrer fröhlichen Gutmütigkeit gelang es lange, dem Milieu, das sie nicht umgestalten konnte, einen versöhnenden Schimmer zu leihen. Hätte Anne-Charlotte nicht in einer von Fragen aufgewühlten Zeit gelebt, hätte sie weniger von dem Drange des Idealisten empfunden, das Dasein umzugestalten, dessen mannigfache Mißrichtungen und Probleme ihrer Zeit so sehr zum Bewußtsein kamen, würde sie vielleicht ihre satirische Ader zu wirklichem Humor vertieft haben. Aber sie gehörte einer Generation an, die handeln wollte – auch in der Dichtung – und die sich darum nicht damit begnügte, bloß zu schauen. Wenn sie das irgendeinmal tat, war sie als Künstlerin besonders glücklich. Da schuf sie einmal aus einem Lächeln und einer Träne die Perle, die »Gustel bekommt das Pastorat« heißt. Da breitete sie um »Tante Malvinas« kleine Alltagsseele das verklärende Licht eines großen Schmerzes, so daß diese arme, verspottete »pauvre honteuse« als eine eigentlich tragische Persönlichkeit hervortrat.

Sonja Kovalevska sagte von der erstgenannten, humoristischen Novelle, daß sie sie tiefer ergriffen habe, als ein Trauerspiel, denn sie enthalte die ganze Tragik des Lebens: daß wir alle von Illusionen leben, an Illusionen sterben, und daß nur ganz wenige so glücklich sind wie Gustels Mutter, mit ihren Illusionen sterben zu dürfen.

»All das Tiefsinnige hab' ich ja gar nicht gemeint«, wendete Anne-Charlotte ein. »Ich wollte nur das Schicksal dieser Menschen schildern.« »Aber es ist unser aller Schicksal«, rief Sonja aus. »Ein Dichter gibt ja intuitiv so viel mehr, als woran er selbst gedacht hat. Und dann kommt die dumme Kritik und zeigt die philosophische oder moralische oder soziale »Tendenz« des Schriftstellers auf, wo doch die ganze Sache nur die ist, daß der Dichter durch seine Schilderung andere dahin gebracht hat, zu philosophieren oder zu moralisieren!«

Anne-Charlotte Lefflers fester – durch keinen Mißerfolg zu erschütternder Glaube – ging dahin, daß sie vor allem eine dramatische Dichterin war. Nach einer anderen Richtung hingegen erkannte sie ihre Begrenzung, nämlich in bezug auf das Lyrische. Erst in ihren letzten Lebensjahren machte sie in einem scherzhaften Sängerkampf mit Sonja Kovalevska einige Verse. Den Sinn für lyrische Poesie entwickelte sie wohl allmählich, aber wirklich ergriff sie gewöhnlich nur das Lyrisch-Epische. Wenn reine Lyrik sie fesselte, dann war es durch malerische, nicht durch musikalische Schönheiten.

Wie so viele andere unserer nordischen Schriftsteller, betrieb sie zeitweilig als Dilettantin mit Eifer die Malerei und antwortete – auf die Frage, ob dies nicht eine Zersplitterung ihrer Kräfte sei – es habe im Gegenteil jene Fähigkeit entwickelt, die der Schilderer in Worten geradesogut wie der Schilderer in Farben ausbilden muß: nämlich zu sehen.

Diese Fähigkeit ist gerade die entscheidende für ihre dichterische Begabung. Durch sie hat ihre Produktion das echt nationale Gepräge, das sie in Europa bekannt gemacht hat. Denn nicht durch den Reichtum der Ideen oder die Kühnheit der Phantasie haben ihre Bilder »Aus dem Leben« Bewunderung erregt, sondern durch ihre Treue in der Spiegelung des schwedischen Heim- und Gesellschaftslebens ihrer Zeit. Diese Treue wird ihnen ihren bestehenden Wert in unserer Literatur geben.

Fünftes Kapitel

Trotz der oben angedeuteten zurückhaltenden Einflüsse stürzte sich Anne-Charlotte Leffler mit immer wachsendem Mute, immer weiterem Gesichtskreis, einem immer größeren Einsatz ihrer Persönlichkeit auf die Aufgabe, die sich die Literatur in den achtziger Jahren stellte: die Wirklichkeitsschilderung. Und gleichzeitig fing sie an, sich den Repräsentanten der modernen Literaturrichtung zu nähern.

Eine wesentliche Ursache dafür, daß Anne-Charlotte Leffler den Schutz der Anonymität ablegte, war ihre Sehnsucht, einen reicheren Verkehr zu finden, indem sie sich ihren literarischen Gesinnungsgenossen näherte. Nun, wo die Schriftstellerin in weiten Kreisen bekannt war, fand Frau Edgren, daß sie auch andere literarische Persönlichkeiten in ihrem Heim sehen konnte. Das Edgrensche Haus wurde ein Sammelplatz für viele literarische Persönlichkeiten Stockholms, und diese trafen dort auch mit hervorragenden Schriftstellern aus den Nachbarländern zusammen, die die Stadt besuchten.

Es herrschte eine Atmosphäre des Behagens und der Ruhe in dem Kreise, in dem Anne-Charlotte die Wirtin war. Bei ihr gab es keinen Schimmer von Pose, von Eifer, sich geltend zu machen; hingegen besaß sie eine große Fähigkeit des Hervorlockens, derselben Art, wie Sonja Kovalevska sie an George Eliot beschrieben hat. Anne-Charlotte gelang es oft, andere interessant zu machen, weil sie das Gespräch auf die Themen brachte, in denen jeder etwas Echtes zu geben hatte. Sie strengte die Menschen nie an, um sie genialisch oder witzig zu machen; man blieb in ihrer Nähe vor allem natürlich, weil sie es selbst in so hohem Grade war. Sie betrug sich mit einer ruhigen Anspruchslosigkeit; der Ausdruck, ein wenig verdrießlich, wenn sie schwieg, wurde fröhlich und hell, wenn sie lächelte oder sprach. Wer sie genau kannte, sah oft an einer tieferen Färbung des frischen Teints, hörte an einer Vibration der klaren, weichen Stimme – die durch ein leichtes Lispeln ihr charakteristisches Gepräge erhielt – daß sie trotz ihrer großen Weltgewandtheit noch schüchtern war. Sie zögerte oft, ein Urteil zu fällen, es fehlte ihr jedes Bedürfnis nach positiv formulierten Ansichten, und sie scheute jede Art von Koteriewesen. Die einzige Verschwörung, die je in ihrem Salon stattfand, war ein Übereinkommen zwischen einigen Schriftstellern, sich – der neuen Orthographie anzuschließen!

Wenn man Anne-Charlotte Leffler als eine Walküre in den streitbaren Reihen des sogenannten »Jungen Schweden« schildert, verrät man dadurch eine vollständige Unkenntnis ihrer wie des »Jungen Schweden«. Durch ihre Lebensanschauung, ihre Sympathien, ihre schriftstellerische Individualität stand sie Seite an Seite mit den Repräsentanten der jungen Literatur. Aber sowenig diese je eine Partei bildeten, sondern nur durch eine gewisse Gemeinsamkeit der Ideen und Sympathien zusammengehalten wurden – eine Gemeinsamkeit, die große Verschiedenheiten der Ansichten so wie der Temperamente durchaus nicht ausschloß – sowenig würde Anne-Charlotte Leffler, selbst wenn eine solche Partei existiert hätte, dieser ihre Freiheit zum Opfer gebracht haben. Zu ihrer Freiheit rechnete sie auch die Bewahrung der Achtung für die Ansichten ihrer konservativen Freunde. Es sind Andeutungen laut geworden, daß sie um ihres Erfolges willen Bundesgenossen in beiden Lagern gesucht hätte. Eine derartige Berechnung war Anne-Charlotte Lefflers Natur völlig fremd. Sie suchte keine neuen Verbindungen unter den Konservativen, aber sie behielt ihre alten Freunde, auch wenn sie ihren neuen nicht genehm waren. Sie hatte ein so weites menschliches Verständnis, einen so großen Freisinn des Charakters – nicht nur der Ansichten – daß Parteigesichtspunkte nie für ihre Sympathie entscheidend werden konnten, die sich hingegen immer zu wirklichen Persönlichkeiten hingezogen fühlte, welche Färbung deren Ansichten auch haben mochten.

Wer Anne-Charlotte Lefflers Kreis als einen von Parteifanatismus oder Literatursnobtum durchdrungenen auffaßte, hat nie die Zusammenkünfte in dem gastfreundlichen, behaglichen Heim, in dem sie den Ton angab, mitgemacht. Man merkte da wohl, wie in allen Kreisen, daß das frühere Talent zu konversieren, mit Leben, Leichtigkeit und Witz, sowie mit Maß, Inhaltsreichtum und Anmut Gedanken auszutauschen, nicht zu den schönen Künsten gehört, die die Gegenwart kultiviert. Aber die literarischen Abende in diesem Heim hatten doch einen Inhalt, den man nunmehr in allen Salons Stockholms vergeblich suchen dürfte. Da glühte bei den Anhängern der neuen Ideen ein fröhliches Gefühl der Kameradschaft in einem großen, jugendlich gläubigen Streben, mehr Wahrheit und Glück in die Welt zu bringen; da gab es lebhafte Gespräche über literarische, dramatische und künstlerische Fragen; hie und da wurde eine Novelle oder ein Gedicht vorgelesen. Ringsumher auf den Tischen lag eine reiche Menge neuer, besonders nordischer Literatur, die Anlaß zu Gedankenaustausch gab. Man fühlte sich dank der Liebenswürdigkeit der Hausleute rasch in den mit einem Gemisch von bürgerlicher Solidität und künstlerischer Regellosigkeit geordneten Räumen heimisch, und die Hausfrau verstand es, den Zusammenkünften das Gepräge ihres eigenen Wesens zu geben, in dem die ruhige Sicherheit der Weltdame sich ungesucht mit einer mädchenhaften Fröhlichkeit und künstlerischen Ungezwungenheit vereinigte. Sie ließ es nie zu, daß jemand sich außerhalb des Kreises fühlte, dessen Mittelpunkt ohne jede Bemühung ihrerseits gewöhnlich sie selbst war, nicht weil sie am meisten sprach, sondern weil sie am besten zuhörte, mit dem impulsiven, lebendigen Interesse, das unverkennbar ist, dem sympathisch ermunternden Eifer, mit dem sie, selbst in den Jahren, wo ihr persönliches Leben am aufgewühltesten war, stets den Gefühlen oder Bestrebungen anderer entgegenkam.

Besonders liebenswürdig war die Freundlichkeit, die sie ihren literarischen Kollegen entgegenbrachte. Sie war es z. B., die sich den Schriftstellerinnen Alfhild Agrell und Viktoria Benedictson näherte, und wenn die Dramen der ersteren, die Novellen der letzteren zuweilen auf ihre Kosten gepriesen wurden, sprach sie mit Herzlichkeit von ihrem Erfolg. »In der Literatur,« äußerte sie einmal, »gilt glücklicherweise das Gesetz der Konkurrenz nicht. Je mehr Gutes jeder dort produziert, desto mehr Platz bereitet man für ein anderes und Besseres.« Ebenso frei wie sie von Neid und von Intrigen war, war sie auch von Herrschsucht und Mißtrauen. In ihrer ehrlichen Aufrichtigkeit konnte sie zuweilen durch ein Zuviel, nie durch ein Zuwenig sündigen. Wenn man sie näher kennen lernte, fand man sie vor allem gut: bonne comme du bon pain, wie jemand von George Sand gesagt hat. Niemand hörte sie auf Kosten anderer witzig sein, und selten fand man sie strenger im Urteil, als daß diese oder jene Person oder Erscheinung ihr »unsympathisch«, »konventionell« oder »banal« vorkam – und selbst dies fand sie selten. Sie sah ein, daß die Naturgabe, die Dummheit heißt, zum Behagen des Lebens nicht ganz entbehrlich ist, und behandelte sie darum überall, wo sie nicht selbst rücksichtslos auftrat, mit Rücksicht.

Anne-Charlotte Lefflers äußere Persönlichkeit war eine solche, die sie in jedem Kreise bemerkt machte, aber sie war nicht das, was man einen glänzenden Gesellschaftsmenschen zu nennen pflegt, wie z. B. Sonja Kovalevska. Wenn man die beiden Freundinnen in einem Salon sah, hatte Sonja meist einen Kreis von Zuhörern um sich, während Anne-Charlotte in dem Kreise, der sich um sie bildete, selbst Zuhörerin war. In ihrer Konversation bewunderte man nicht so sehr die witzigen Einfälle oder die Originalität des Gedankens als den sachlichen Inhaltsreichtum. Wenn sie eine Lebensgeschichte erzählte, erhielt man immer das wirklich Charakteristische in klarer und bestimmter Form; sie löste den Marmorblock sozusagen los und führte ihn in seinem natürlichen Zustand vor. Wenn Sonja sich desselben Materials bemächtigte, stürzte sie sich, ein Michel Angelo des Gesprächs, mit heftiger Energie darauf, und bald sah man die Konturen einer Gestalt, wo man früher bloß einen Stoff gesehen. Es war immer so, wie Anne-Charlotte Leffler erzählte. Es hätte so sein können, wie Sonja das Erzählte auffaßte – und es wäre dann interessanter gewesen!

In Ermangelung von Stoff modellierte Sonja Nußschalen. So hatte sie z. B. einmal gelesen, daß, wenn der Mensch im Verhältnis zu seinem Volumen dieselbe Fähigkeit zu springen hätte, wie ein Floh, er in einem Sprunge den Mond erreichen könnte. Und nun entwickelte sie ihre ganze Beredsamkeit, um mit astronomischen, mathematischen, physikalischen und mechanischen Beweisen darzulegen, daß die zukünftige Aufgabe der Kultur und der Erziehung, der sie sich wenigstens widmen wollte, darin bestehe, die Springfähigkeit der Menschen so zu entwickeln, daß sie, wenn die Erde unbewohnbar zu werden anfing, sich und die Erinnerung an die Erdenkultur durch einen Sprung auf einen anderen Planeten retten könnten! Und diesen Scherz trieb sie mit so gutgespieltem Ernst, daß der komische Eindruck überwältigend war.

Im Laufe des Gespräches geschah es häufig, daß Anne-Charlotte Leffler einen eigenen oder einen fremden Gedanken hinwarf, und daß Sonja ihn dann auslegte. So zitierte die erstere einmal die Äußerung einer Dänin: »es bedarf der Genialität, um zu lieben«, ein Ausspruch, der von einigen anwesenden jungen Schriftstellern hartnäckig dahin mißverstanden wurde, daß nur Genies lieben können. Nachdem Sonja vergebens versucht hatte, den Gedanken klar zu machen, rief sie, als die Herren gegangen waren, aus: »Nein, es ist unglaublich, wie naiv selbst begabte Männer sind, wenn es sich um die Liebe handelt! Hier gehen nun diese netten jungen Herren und schreiben Bücher über die Sache und wissen nicht, daß einige Menschen Genie für die Erotik haben, so wie andere für Musik oder Mechanik, und daß für diese erotisch Genialen die Liebe die Lebensfrage wird, für andere Menschen bloß Episode. Und gewöhnlich geht es so – nach Darwins Theorien ist es ja natürlich – daß die erotische Genialität sich in die erotische Stupidität verliebt, das ist ja gerade eines der allerkompliziertesten Probleme des Lebens – und diese Jungen haben es nicht einmal gesehen! Aber wenn es ein Gebiet gibt, auf dem selbst eine ganz dumme Frau klüger ist als ein gescheiter Mann, so ist es in allen Fragen, die die Liebe berühren. Als ich sechs Jahre alt war und meine erste Liebe zu einem Studenten hatte, eine große, stumme Liebe, die ich nur den beiden Steinlöwen im Garten meines Großvaters anvertraute – da war ich schon pfiffiger in der Sache als diese jungen Herren!«

Anne-Charlotte Leffler hörte lächelnd den Strom von Beredsamkeit an, der noch lange rauschte, bis er sich schließlich mit einer bei ihren Scherzen sehr häufigen Wendung gegen »die gemeine Anne-Charlotte« kehrte, die den Männern den Handschuh hingeworfen hatte, aber Sonja den Streit ausfechten ließ! Tatsächlich verhielt es sich so, daß Anne-Charlotte es ebensowenig wie irgendein anderer übers Herz brachte, Sonja zu unterbrechen, wenn diese in Zug kam; sie war dann so tief, so sprudelnd humoristisch, so lyrisch hinreißend, so klar schildernd, daß man nur lauschte. Anne-Charlotte mit ihrer naiven Gutgläubigkeit, die einer ihrer größten Reize war, nahm Sonjas Scherz oft halb für Ernst – was natürlich Anlaß zu neuer Heiterkeit gab.

Den allergrößten Genuß gewährte es Sonja, mit ihrer psychologisch-genialen Intuition aus einem Nichts, einer Geste, einem Tonfall eine Persönlichkeit, ein Schicksal zu konstruieren. Keine ihrer geistreichen Eigentümlichkeiten vermochte Anne-Charlottes Bewunderung in höherem Grade zu erregen. Die Anekdote beleuchtet besser als die Behauptung, und darum soll hier ein Beispiel angeführt werden. Eine für die Entwicklung ihres Landes jetzt sehr tätige Polin war einmal die Reisegefährtin Sonja Kovalevskas, die ein Gespräch mit ihr anknüpfte, und die Polin nach ihren Plänen fragte. Nachdem diese sie ihr mitgeteilt hatte, sagte Sonja: »Sie werden Ihnen gelingen. In jedem Leben treten Augenblicke ein, wo die ganze Zukunft davon abhängt, daß man im rechten Moment das Rechte wählt; wird dieser Moment versäumt, ist unser ganzes Leben verfehlt. Sie sind eine von jenen, die recht wählen können.« »Aber woher wissen Sie überhaupt etwas von mir?« wendete die Polin ein. »Ich sah Sie an der Station von Ihrer Mutter Abschied nehmen«, antwortete Sonja. »Sie lächelten ihr zu, zeigten sich ruhig und heiter, um sie zu trösten, aber als der Zug sich in Bewegung gesetzt hatte, weinten Sie. Ich sah sogleich, daß Sie sowohl Mut wie Herz haben; solche Menschen können im rechten Augenblick recht wählen.«

Sonja Kovalevska freute sich an der Diskussion um ihrer selbst willen; sie baute oft selbst die Windmühlen auf, die sie schließlich angriff. Anne-Charlotte Leffler wiederum interessierte sich mehr für den Gegenstand als für die Diskussion und nahm diese mit jener Ruhe, die Sonja, welche vor allem Ruhe bewunderte, imponierte. Sonja behauptete manchmal, daß die Menschen, mit denen sie gar nicht besonders gerne sprach, aber die »kühl und still wie Marmor oder sanft wie Samt« wirkten, sie harmonisch machten, wenn sie nur im selben Raum war wie sie. Bei Anne-Charlotte Leffler fand sie nicht nur die Harmonie des Temperaments, sondern auch all die Weite des Geistes, die sie brauchte, um sich verstanden zu fühlen. Das psychologische Interesse und die Klarheit des Denkens war das gemeinsame Gebiet in ihren Intelligenzen, während im übrigen ihre Begabung in den meisten Punkten verschieden war. Sonja dachte oft in Bildern und hatte jene Art von Natursinn, der in der Natur das liebt, was mit dem eigenen Seelenzustand zusammenklingt oder ihn symbolisiert; und dadurch, daß sie nur die Gesamtheit der Natur sah, nicht die Einzelheiten – denn sie war sehr kurzsichtig – wurde die Stimmung für sie das Wesentlichste des Natureindrucks. Anne-Charlotte liebte die Natur hingegen in all ihren Gestalten, aber mehr mit dem Natursinn des Freiluftmenschen als dem des Dichters. Sie drückte ihre Gedanken fast nie in Bildern aus, selten konzentrierte sie sie in Sentenzen, aber sie war ebenso bezaubert von Sonjas genialem Reichtum nach diesen beiden Richtungen, wie diese von Anne-Charlottes ungefärbter und klarer Weise, ihre Ideen mitzuteilen.

Anne-Charlotte besaß nicht Sonjas feinen psychologischen Sinn, in dem wie in einer Stimmgabel jeder Ton und Halbton der Stimmungen anderer vibrierte. Aber vor allem waren ihre Phantasie und ihre Gedankengebiete verschieden. Das Menschenleben in seiner anschaulichen Wirklichkeit, seinen konkreten Konflikten, war das, was Anne-Charlotte interessierte; das Lebensrätsel packte sie nicht so, daß es ihr keine Ruhe ließ – nur eine kurze Zeit in ihrer Jugend war sie von religiösen Fragen ausgefüllt – sie versank selten in die unaussprechliche Gefühlswelt, die für den Stimmungsmenschen das wirklichste Dasein ist. Sie wurde nicht leicht hingerissen, und in ihrem Naturell war keine Musik: sie hörte sogar selten lange der Musik zu, die andere machten, die bildende Kunst hingegen interessierte sie. Sonja, die durch ihre erwähnte Kurzsichtigkeit nur selten einen Einheitseindruck von bildender Kunst empfangen konnte, fühlte sich doch immer von dem wirklich genialen eines Vorwurfs ergriffen, während sie gestand, die Ausführung nicht zu verstehen. So konnten sie eigentlich nur die Poesie und die Musik in jener tiefen Art ergreifen, die die Kunst ebenso wie das Leid oder das Glück zu einem Erlebnis macht, durch das man wachsen oder welken kann, vor Qual erblassen oder vor Freude weinen. Und vor allem jene Poesie und Musik, die sich gleich der ihres eigenen Geistes in rauschender Brandung am Mysterium des Lebens brach oder sich vor der »Insel der Seligen« oder der »Toteninsel« zur Ruhe legte. Der mit Böcklins besten Werken Vertraute kann sich eine gewisse Vorstellung von Sonja Kovalevskas Phantasie – und Ideenwelt machen. Für sie wie für ihn war das Lebensrätsel das Zentrum. Auch Sonja war von jenem Grauen erstarrt worden, das er in dem starren, halberloschenen Blick der Medusa konzentriert; auch sie hatte in dem intensiven, melancholischen Lebensgefühl gebebt, das er in seinen Frühlingslandschaften ausgedrückt hat, wo stille Bäche sich durch hohes Gras schlängeln, in dem pausbäckige Kinder die Blumen des Frühlings pflücken und wo zwischen den schlanken Stämmen halbbelaubter Pappeln nackte jugendliche Glieder hervorschimmern. Auch sie hat sich vor der orkanartigen Plötzlichkeit der Leidenschaft oder des Schmerzes zusammengekrümmt, in jenem Schrecken, dem er in den von Stürmen gejagten Wolken und gebogenen Bäumen Form gegeben; auch sie ist vor dem Unaussprechlichen stille gestanden, wie er es durch »Das Schweigen im Walde« oder die Ruhe des »Heiligen Hains« veranschaulicht; auch sie hat aus dem Chaos des Naturlebens den Ton aus der Muschel des Tritons und der Syrinx des Satyrs gehört.

Dieser, aus Sinnes- und Geistesleben, aus Naturmacht und Kultur verwobene Stoff der symbolischen Kunst und Dichtung, war Anne-Charlotte Lefflers Produktion wie ihrem Temperament ziemlich fremd. Da hörte man bloß – zum Schrecken der Tanten – hie und da einen Ton aus Pans Flöte. Ihre Anlage war die der Realistin, und nur die Gegenwart, die sie beobachten konnte, fesselte ernstlich ihren Blick. Sonjas Traum von der Zukunft war hingegen ihre eigentliche Gegenwart.

Die Verschiedenheit zwischen den beiden Freundinnen erstreckte sich bis in jene kleinen Züge, denen Sonja eine so charakteristische Bedeutung geben konnte. Wenn Sonja z. B. grüßte, streckte sie die Hand mit einer hastigen, überrumpelten Bewegung aus, und die zarten, nervösen Finger rissen sich rasch wie ein flatternder Vogelflügel aus der Hand des anderen – man hatte in diesem Händedruck den ganzen Impuls- und Stimmungsmenschen. Es lag hingegen eine ruhige Anmut in Anne-Charlotte Lefflers Art, ihre schönen Arme mit den feinen Handgelenken, den gutgeformten, länglichschmalen, weißen Händen zu bewegen; wenn sie grüßte, streckte sie die Hand mit einer gewissen Reserve aus, aber einmal gegeben, lag sie weich und fest in der des anderen. In solchen kleinen wie in großen Dingen machte sie den Eindruck einer ganzen, ausgeglichenen, harmonischen Persönlichkeit; auch ihre äußere Erscheinung wurde immer charakteristischer.

Ihr selbständiges, hurtiges Wesen machte sie manchen Männern unsympathisch; mehr als einer hingegen, der tiefer blickte, fand sich so angezogen, daß er das Gefühl hatte, sie für sein Glück zu spät gesehen zu haben; und die meisten Männer und Frauen bewunderten in ihr die mutige, klardenkende und ernste Dichterin. Die wenigen Freundinnen hinwiederum, die ihr näher traten, auf Spaziergängen im Walde oder Plauderstündchen in ihrem schönen Arbeitszimmer – wo ein großer Schreibtisch und volle Bücherregale von dessen ernstem Zweck sprachen, während ein Diwan, einige Kunstgegenstände, Blattpflanzen und andere dekorative Gegenstände dem Ganzen ein trauliches Gepräge gaben – diese wußten, daß sie nicht in erster Linie eine Intelligenz war, sondern eine echt weibliche Natur, deren Probleme noch lange nicht gelöst waren.

Auf einer Wanderung im Walde an einem reiffrostschimmernden Wintertage brach Anne-Charlotte Leffler in einen Lobgesang auf die Schönheit des Winters aus, den sie mehr als den Sommer liebte. Wie sie dastand, Kraft und Elastizität in jeder Linie der hochaufgerichteten Gestalt, das dunkelblonde, schon leicht schneegesprenkelte, krause Haar unter der Pelzmütze hervorquellend, den Kopf mit kühnem Schwunge zurückgebogen, die vollen, frischen, roten Lippen geöffnet, um voll die Luft einzuatmen, die klarblauen Augen von Naturfreude strahlend, da rief ich, an das eben unterbrochene Gespräch anknüpfend:

»Du bist selbst – und deine Dichtung auch – gerade solch ein klarer, etwas kalter Wintertag. Aber vielleicht kommt eine Zeit, wo Eros, den du, wie du eben sagtest, fürchtest, den Schnee schmelzen wird.«

»Vielleicht«, war die Antwort. »Sein Schicksal kann niemand voraus sehen. Nur soviel weiß ich, daß ich die Liebe nur deshalb fürchte, weil ich ahne, daß, wenn sie in mein Leben einbricht, sie eine alles beherrschende, vielleicht alles zerstörende Macht sein wird.«

Sechstes Kapitel

Auf mehreren Reisen und Sommeraufenthalten in verschiedenen Teilen des Landes hatte Anne-Charlotte Leffler Schwedens Natur gründlich kennen gelernt, und sie liebte sie tief. Durch die Verhältnisse in den achtziger Jahren wurden jedoch bei ihr wie bei vielen anderen ihrer literarischen Zeitgenossen manche Seiten ihres ursprünglich sehr warmen Patriotismus etwas gedämpft. Noch 1875 war ihre Vaterlandsliebe so lebendig, daß sie schrieb, jeder Mensch, »der etwas wirklich Gutes für die Menschheit leisten wolle, müsse in erster Linie für sein eigenes Land wirken, das dann die errungenen Resultate in die ganze Welt verbreitet.« Erst durch die Berührung mit den Nachbarländern Finnland, Dänemark, Norwegen – erweiterte Anne-Charlotte Leffler ihren Horizont. Allmählich kam sie mit den meisten hervorragenden Persönlichkeiten in diesen Ländern in Verbindung.

Anne-Charlotte Leffler hatte auch kürzere Reisen nach Deutschland und der Schweiz unternommen, aber die erste eigentliche Studienreise fand recht spät statt, als sie von einer unwiderstehlichen Sehnsucht nach Leben in größeren Formen, mit mehr Möglichkeiten zu vielseitiger Entwicklung gepackt wurde, einer Sehnsucht, die von der Qual genährt war, in Rede, Schrift und Handlungen auf die kleinen Verhältnisse des Heimatlandes mit ihren banalen Gesichtspunkten, die sie aus ganzer Seele geringschätzte, Rücksicht nehmen zu müssen.

Das europäische Kulturleben, von dem Sonja Kovalevska gleichsam ein Brennpunkt war, lockte – durch den Umgang mit ihr – Anne-Charlotte Leffler immer mehr und mehr. Und mit einer Freundin, Julia Kjellberg – die auf dieser Reise ihren jetzigen Gatten, den bayrischen Sozialdemokraten Georg v. Vollmar, kennen lernte – trat Frau Edgren zu Neujahr 1884 eine längere Reise nach Dänemark, Deutschland, England und schließlich Paris an. Durch Anne-Charlotte Lefflers literarischen Ruhm und durch Empfehlungsbriefe, besonders von Sonja, fanden die beiden begabten Schwedinnen reichliche Gelegenheit, in den verschiedensten Kreisen die geistigen Hauptströmungen und führenden Persönlichkeiten der Gegenwart zu studieren.

Beide hatten schon früher angefangen, sich für den Sozialismus zu interessieren; und in Deutschland sowohl wie in England kamen sie nun nicht nur mit Vertretern des Sozialismus, Anarchismus und anderer Richtungen, sondern auch aller möglichen religiösen und wissenschaftlichen Bewegungen in Berührung. Anne-Charlotte Leffler gewöhnte sich daran, mit Leuten zu verkehren, die ihrer Ansichten wegen im Gefängnis gesessen hatten, »und ihre Eindrücke in der buntesten Mischung zu empfangen«. Eine Stunde hörte sie z. B. Karl Marx' seelenvolle Tochter Eleanor Aveling die Ideen ihres Vaters auslegen, in der anderen Bradlaugh oder Mrs. Besant dieselben bekämpfen; sie besuchte theosophische, positivistische, atheistische, ästhetische Soireen; sie wurde mit Personen mit spiritistischen, revolutionären, hochkirchlichen, freikirchlichen Ansichten zusammengebracht. Ihre ästhetischen Interessen wurden durch die sozialen und religiösen Fragen in den Hintergrund gedrängt; sie fühlte, wie sie bei den Diskussionen rings um sie immer skeptischer wurde, immer überzeugter, daß sowohl in sozialen wie in religiösen Fragen die absolute Wahrheit nirgends zu finden sei. Schon lange war sie sich darüber klar geworden, daß kein Denkender ein blinder Anhänger irgendeiner kirchlichen oder anderen Gemeinschaft sein kann. Der englische Agnostizismus und Evolutionismus wurde die Welterklärung, die ihrer eigenen am nächsten kam, und die Spencersche Ethik, die altruistisch-individualistische, die Morallehre, die ihr als die lebensfähigste erschien.

 

Auf der Reise selbst schilderte sie ihre Beobachtungen aus dem »modernen London«, und nach ihrer Rückkehr fuhr sie fort, ihre Eindrücke an verschiedenen Stellen mitzuteilen. In dem 1885 gegründeten Frauenverein Idun Neu-Idun (es gibt einen Männerverein, der nur den Namen Idun führt) entspricht in gewissem Maße dem Lyceumklub in Berlin. hielt sie den ersten Vortrag, eine Schilderung der englischen Reformkleidungsbewegung, und bewirkte dadurch, daß eine solche Bewegung im selben Jahre bei uns in Gang kam. Von dieser Zeit an begann Anne-Charlotte Leffler selbst die Reformideen an ihrer schon früher eleganten und farbenreichen, aber nun auch originellen Toilette zur Anwendung zu bringen, – eine Kleinigkeit, die jedoch für ihren nach allen Richtungen erwachenden Individualismus, mit dem sie ihren immer ausgesprocheneren Sozialismus so gut vereinte, Bedeutung hat. In ihren Aufsätzen begann sie ihren Gedanken über das soziale Problem, das sie immer mehr beschäftigte, Ausdruck zu geben. Zuerst warf sie in mehreren Essays die Frage auf, ob das Gesetz unerschütterlich ist, das jetzt zu gebieten scheint, daß der Arbeiter hungern muß, während die Lebensmittel in den Magazinen verderben; daß er barfuß gehen muß, während Mengen von Schuhzeug unverkauft sind; daß er in einer elenden Baracke hausen oder obdachlos umherwandern muß, während große Wohnungen unvermietet dastehen und schmucke Heime durch seine Arbeit geschaffen werden? Und endlich findet ihr Interesse für die soziale Frage in dem Drama »Wie man Gutes tut«, dichterischen Ausdruck.

Ihre Eindrücke aus den Wohnungen der Armen, in denen sie heimisch war, und aus den Wohltätigkeitsbazaren Stockholms, in denen sie weniger heimisch war, waren der Wirklichkeitsstoff, über den sie verfügte. Im übrigen waren Gestalten und Konflikte mit Rücksicht auf den Zweck geschaffen: einen Protest gegen die Mißverhältnisse der Gesellschaft auszusprechen. Dieses Drama wurde dadurch die erste ausgeprägte Tendenzdichtung, die die Verfasserin geschrieben, wenn man nämlich dem Worte Tendenzdichtung seine richtige Bedeutung gibt, die einer Dichtung, bei der die Absicht des Verfassers, eine gewisse Idee auszusprechen, nicht seine Phantasie oder seine Wirklichkeitsbeobachtung das Entscheidende für die Entstehung der Dichtung war. Das Stück hatte die gewöhnlichen Schwächen des Tendenzdramas, obgleich es eine neue Stärke der Dichterin zeigt: ihr neu erwachtes Bewußtsein für die sozialen Probleme der Zeit.

 

Die als dogmatisch und selbstsicher angesehene Frau Edgren war tatsächlich so verschieden von dieser Auffassung als nur möglich. Sie war äußerst impressionabel, hatte in einer Menge Fragen gar keine Prinzipien, nur impulsive Neigungen; war sehr empfänglich für die Ansichten anderer, versuchte sie nur selten durch Beweise zu widerlegen und schloß gewöhnlich, wenn sie die Meinungen zweier Diskutierender angehört hatte, damit, beiden Recht zu geben, außer wenn einer von ihnen die Sache des Konventionalismus vertreten hatte, denn darüber war sie sich immer im klaren. Sie sagte einmal mißmutig von sich selbst: »Ich habe förmlich Angst mit Menschen zu sprechen, die von dem Gegensatze dessen, was ich zu denken glaube, tief überzeugt sind, denn ich bin ein Wachs, dem jede starke Überzeugung ihr Gepräge aufdrücken kann. Zu meinem Glück gibt es so wenige starke Überzeugungen.«

Bei Anne-Charlotte wäre es schwer, einige jener Mängel zu entdecken, die man Charakterfehler nennt. Aber man merkt leicht verschiedene »leere Räume«. Das größte derartige Vakuum war der vollständige Mangel an Widerstandskraft gegen jene, die ihr nahe standen. Dieser Mangel beruhte auf ihrem warmen Gefühl, während sie hingegen, wie gesagt, großen Mut hatte, wenn es galt, öffentliche Angriffe zu ertragen – denn keine Eitelkeit machte sie in dieser Beziehung feig. Aber ihre ebenerwähnte Schwäche gegenüber der Einwirkung anderer war hingegen so groß, daß sie zuweilen ihre wichtigen Entschlüsse von den Ansichten anderer bestimmen, ja ihr eigenes Rechtsgefühl umstimmen ließ. Dies steigerte sich in ihren letzten Lebensjahren durch ihren unbedingten Glauben an das Prinzip der Relativität in allen, auch in ethischen Fragen. Sie war tief davon durchdrungen, daß es nichts absolut Rechtes oder Unrechtes gebe, sondern daß alles von dem Individuum selbst nach dem besonderen Einzelfall entschieden werden müsse, und daß – bevor man das Gegenteil wußte – die Annahme, daß die Wahl nach gewissenhafter Prüfung stattgefunden hatte, »nicht nur die einzig barmherzige, sondern auch die einzig vernünftige Art war, die Handlungen der Menschen zu nehmen.« So konnte ihre mangelnde Selbständigkeit kein Korrektiv in der Achtung für das allgemeine Rechtsgefühl finden, von dem sie in demselben Briefe schrieb: »Ich habe dieser Großmacht zu oft getrotzt, um noch ein Fünkchen Respekt für sie übrig zu haben. Ich weiß zu gut, daß es gewöhnlich bloß ein Urteil der Borniertheit über das ist, was sie nicht versteht.«

Ein anderes Vakuum war das Fehlen jener leichtbewegten, rasch sympathischen Sensibilität, die einem Dichter die Innigkeit der Anschauung für die Gestalten, die er schildert, gibt, sowie im Leben für die Menschen, mit denen er verkehrt. Anne-Charlotte Leffler war bei ihren Beobachtungen des Lebens von einem echten, aber ruhigen Interesse erfüllt, und das spiegelt sich in ihren Schilderungen wieder. Jedoch sie vermochte oft nicht, ihre Gestalten mit jenem vibrierenden Licht des Mitgefühls zu umhauchen, das in der Dichtung ebenso stimmungsvoll wirkt, wie die blauen Töne in einer Landschaft. In ihren Handlungen zeigen sich nicht selten die fein sympathischen Gefühlsmenschen als die tiefsten Egoisten, weil ihre ausgeprägteste Sympathie doch gewöhnlich ihnen selbst gilt und ihre eigentliche Zärtlichkeit die für ihre eigenen Gefühle ist. Sie genießen ihre Stimmungen und legen all ihre Glut hinein, während der weniger rasch Empfindende gewöhnlich mehr Wärme als Triebkraft für sein Handeln und als Feuer für seine Gefühle übrig hat. Und je mehr Anne-Charlottes eigenes Schicksal sie absorbierte, desto weniger vermochte sie vollendete Kunst zu geben. Einem dichterischen Naturell, das episch, nicht lyrisch ist, gelingt es nämlich selten, sich in erregter Stimmung oder in einem Zustand, wo die Eindrücke einander jagen, reich und fest auszudrücken; es braucht Ruhe, sowohl um die Eindrücke zu verarbeiten, wie um sie wiederzugeben. Aber Anne-Charlotte Lefflers empfänglicher Sinn wurde nunmehr sowohl von äußeren wie von inneren Erfahrungen beunruhigt. Das glückliche Gleichgewicht zwischen Inhalt und Form, zwischen wirklichkeitstreuer Beobachtung und Nachdenken über das Beobachtete, zwischen Realismus der Schilderung und Schwung des Gefühls, das die Mehrzahl ihrer früheren Arbeiten auszeichnete, begann in gewissem Maße erschüttert zu werden.

Siebentes Kapitel

Was im äußeren wie im inneren Sinn Unruhe in ihr Leben brachte, war, daß sie sich der Liebe genähert hatte, nicht der großen lebensentscheidenden, doch dem Vorhof der Liebe, einer stark erotisch betonten Seelenverwandtschaft oder Freundschaft, der doch keiner der Beteiligten gestatten wollte, mehr zu werden.

In den nun folgenden Jahren hielt Anne-Charlotte Leffler sich viel in Norwegen und Dänemark auf, und in Stockholm wurde der eifrige, anregende Verkehr mit Sonja Kovalevska fortgesetzt. Die vielen, in dieser Zeit empfangenen neuen Lebenseindrücke spiegeln sich reich, aber unruhig in »Eine Sommergeschichte«. Anne-Charlotte Leffler fühlte, daß bei ihrem Temperamente die durchlebte, nicht die noch fortdauernde Entwicklung der Produktion erhöhte Kraft gab. Sie schreibt so (Juni 1886):

»Es war die Ansicht der Romantik: je reicher das persönliche Leben, je stärker die Konflikte, desto besser die Produktion. Aber die moderne Schule, vor allem Zola, vertritt die entgegengesetzte Ansicht, und ich glaube mit größerem Recht. Je weniger persönliche Konflikte, sagen sie, desto mehr aufgesparte Kraft, die man in das Kunstwerk legen kann. Ich fühle, daß das wahr ist. Vor den Kämpfen und Gefühlen des persönlichen Lebens verblaßt die Kunst und wird von untergeordneter Bedeutung; nur wenn das eigene Leben nicht auf unsere Phantasie Beschlag legt, kann diese frei schaffen. Nur wenn man seine Gefühle nicht an die Wirklichkeit vergeudet, kann man Leidenschaft und Glut in die Dichtung legen.«

Schon in »Weiblichkeit und Erotik I.« hatte Anne-Charlotte Leffler mit außerordentlicher Feinheit die neue psychologische Erscheinung der Gegenwart geschildert, die Stellung der modernen, entwickelten, weiblichen Individualität zur Erotik. Da hatte sie die Heldin ihr Glück von sich weisen lassen, als dieses ihr von dem Manne, den sie liebte, geboten ward, weil sie fühlte, daß er gerade von dem Modern-Individuellen, dem persönlich Entwickelten in ihrem Wesen nicht angezogen, ja geradezu abgestoßen wurde, während der naive, unentwickelte Mädchentypus, das alte Frauenideal, ihn sogleich bezauberte.

Anne-Charlotte Leffler griff nie tiefer ins Leben, das Leben, das rings um uns gelebt wird, als mit der erwähnten Novelle und mit »Eine Sommergeschichte«, wo sie eine nicht nur liebende, sondern auch geliebte entwickelte weibliche Persönlichkeit eine Ehe schließen läßt. So bekommt diese die für menschliche Kräfte fast überwältigende Aufgabe zu lösen: ganz die Gattin und mitfühlende Lebenshelferin zu sein, ganz die Mutter ihrer Kinder, ganz Hausfrau und ganz eine Individualität mit eigenen Entwicklungs- und Arbeitsforderungen. Hier läßt die Verfasserin zum ersten Male die erotische Forderung zu einer ebenso starken Macht im Leben eines Weibes werden wie die persönliche Entwicklungsforderung, und darum wird auch das Leben dieser Heldin ein zersplittertes, denn sie kann beiden Forderungen nicht gerecht werden.

Die Verfasserin stellt hiermit den Konflikt dar, der sich täglich im Leben zahlloser, entwickelter Frauen abspielt. In einer Besprechung der »Sommergeschichte« sagte ich, daß »die Zukunft vielleicht die Belletristik der zweiten Hälfte unseres Jahrhunderts als die Literatur von der Frau und über die Frau bezeichnen wird«, was bedeutet, daß die wichtigste neue »Hauptströmung« in der Literatur das Hervortreten des weiblichen Elementes ist, die Bekenntnisse der Frauen über sich selbst, die neue Auffassung der Männer von der modernen Frauennatur und ihre Konflikte mit derselben, mit einem Worte, all der reiche Stoff, der durch das Schreiben von und über die Frauen eine der charakteristischsten literarischen Eigentümlichkeiten des Jahrhunderts geworden ist. Und ich wiederhole hier, was ich schon oft betont habe: daß keine von all den Fragen, die die dichterische Intuition oder Psychologie in Beziehung auf die Frau beschäftigt haben oder noch beschäftigen werden, jene Bedeutung hat wie der von Anne-Charlotte dargestellte Konflikt zwischen den Forderungen der modernen weiblichen Persönlichkeit und jenen der Ehe. Es gibt nur wenig Gebiete des Menschenlebens, die nicht von diesem Konflikt berührt werden, und seine Lösung ist eines der ernstesten Probleme, an denen die Gegenwart zu arbeiten hat. Aber als Anne-Charlotte darauf hinwies, erfuhr sie dasselbe Schicksal wie andere weitblickende Dichter: von dem in diesem Punkt noch nicht erwachten Zeitbewußtsein verkannt zu werden. Und sie wurde nicht nur von den Männern mißverstanden, sondern auch von den Vertreterinnen der Frauensache.

Anne-Charlotte war, wie die vorhergehende Darstellung gezeigt hat, durch eigene Erfahrung zum Kernpunkt der Frauenfrage gelangt, der tief berechtigten Befreiungsforderung der weiblichen Persönlichkeit, die unter anderem auch das Recht in sich schließt, selbstbewußt und selbstbestimmend ihre Kräfte für die Entwicklungsarbeit einzusetzen, sei es mittelbar in der Familie, sei es unmittelbar im öffentlichen Leben. Sie wollte, daß weder Gesetz noch Sitte das volle Wahlrecht des Weibes auf jedes Studien- und Arbeitsfeld beschränke; sie wollte, daß die Ehefrau ganz mündig sei, in der Macht über ihre Person, ihr Eigentum und ihre Kinder dem Mann in Rechten wie in Verantwortlichkeit gleichgestellt, und sie respektierte jedes vernünftige Streben im Dienste dieser Befreiung. Aber sie wollte vor allem das Recht der Frau, ihr eigenes Schicksal, namentlich das erotische, individuell zu gestalten. Und dieser ihr Wille war der Grund, weshalb sie – ebenso wie Ernst Ahlgren, Sonja Kovalevska und andere ihrer Altersgenossinnen – immer mehr ihre Sympathie für die Bestrebungen der Frauenrechtlerinnen verlor, weil diese ihnen von einer Befreiung zu einer neuen Fessel für die weibliche Persönlichkeit auszuarten schienen. Denn im Verlaufe des Kampfes geschieht es, daß die Stärke hart wird und die Freiheitsfreunde ihrerseits zu Unterdrückern werden. Dies war bei den Verfechterinnen der Emanzipation im Norden eingetroffen. Sie hatten nicht eingesehen, daß die Befreiung des Weibes aus dem Zwange des Gesetzes und der Sitte ein Mittel und nicht ein Ziel ist; sie hatten vergessen, daß das Ziel wirkliche Freiheit für die verschiedenen weiblichen Persönlichkeiten ist, ihre verschiedenen Wege zu gehen, jede der besonderen Bestimmung ihrer Individualität zu folgen und so durch ihre verschiedenartigen Kräfte der Entwicklungsarbeit erhöhten Reichtum zuzuführen. Und von dieser Art der Befreiung hatte Anne-Charlotte geträumt und gedichtet.

Man verlangte aber nun umgekehrt, daß, wie sie sich ausdrückte, alle Frauenrechtlerinnen »in Scharen wie eine Schafherde auftreten« sollten; nach dem frauenrechtlerischen Programm denken, sprechen und handeln, nicht nach ihrem eigenen Gewissen und Denken, und daß keine in irgend einer Hinsicht sich über die anderen erheben oder von ihnen abstechen sollte. Schon bei den von ihr 1875 besprochenen Schulversammlungen stimmte die Empfindung eines drohenden neuen Konventionalismus in der Frauenbildung – die Examenkonvention – Anne-Charlotte oppositionell; das Gefühl, daß die Frauen – in ihrem berechtigten Kampf gegen die von den Männern gegebenen Gesetze und die von den Männern aufrechterhaltenen Vorurteile – nun ihrerseits ungerecht geworden waren, ließ sie (in »Wahre Frauen«) den Mangel an Charakter und echter Gemütsreinheit der Frau als mitwirkende Ursache der Selbstsucht oder des Leichtsinns der Männer betonen. Aber vor allem widerstrebte es Anne-Charlottes eigener schon früher oppositioneller, nun immer ausgeprägterer Individualität, sich von den Geboten lenken zu lassen, die die Frauenrechtlerinnen aufgestellt hatten.

Das erste dieser Gebote war, daß die Handlungen oder Arbeiten der Frau nicht nach ihrem menschlichen oder künstlerischen Gehalt beurteilt werden dürfen, sondern nach dem Nutzen oder Schaden, den sie der Frauensache bringen. Das zweite befahl, daß die Frau in der Literatur nie anders dargestellt werde, als ein von aller erotischen Sinnlichkeit unberührtes Wesen, und daß diese ganze Seite der Liebe am besten als das Unreine und Niedrige auszurotten wäre – ein gegen das Leben sowie die Kunst und Dichtung gleich feindliches Tantendogma, das Anne-Charlotte mit gutem Grunde als verderblicher für gesunde Sittlichkeit und volles eheliches Glück haßte als männliche Tyrannei oder Leichtsinn. Das dritte Gebot untersagte jeder Frau, die sich den Ruf der Gemütsreinheit erhalten wollte, das Genie irgend eines Schriftstellers zu bewundern, der eine indifferente oder polemische Stellung zu den frauenrechtlerischen Bestrebungen oder dem erwähnten Tantendogma einnahm. Das vierte Gebot befahl jeder Frau, jede psychologische oder naturwissenschaftliche Untersuchung, die nicht mit der Behauptung schließt, daß Mann und Weib an geistiger Begabung und physischer Ausdauer einander völlig gleich sind, als einen Frevel an der heiligen Frauensache zu betrachten. Das fünfte Gebot verlangte von der echten Frauenrechtlerin, zu glauben, daß die Wohlfahrt der Menschheit ausschließlich davon abhänge, daß Frauen alle möglichen männlichen Examina ablegen und alle möglichen männlichen Arbeiten zugewiesen bekommen, auch wenn die Frauen dadurch gar nicht die für sie beste Arbeit erhalten, auch wenn die Arbeit dadurch nicht in die dafür geeignetsten Hände kommt – was doch die Bedingung für die Arbeitsfreude des einzelnen wie für den Nutzen, den die Gesellschaft von der Arbeit hat, ist.

In all diesen »du sollst« und »du sollst nicht« der Frauenrechtlerinnen sah Anne-Charlotte – und ich mit ihr – die Gefahr, daß die Frauenemanzipation eine tote Dogmatik, nicht eine lebendige Wahrheit werden könnte. Sie fühlte, daß die Frauenfrage etwas unendlich Tieferes und Zusammengesetzteres ist als die Frauenrechtlerinnen begriffen hatten. Sie hatte selbst zu oft die Bedeutung und den Wert männlicher Kameradschaft erfahren, um je die Wahrheit zu unterschätzen, daß es gerade die Verschiedenheiten zwischen Mann und Weib sind, die dem Leben Reichtum geben; daß jede Art von Kampfstellung zwischen den Geschlechtern ein die gesunde Entwicklung verzögerndes Unglück ist, während das Ziel in der gegenseitigen Befreiung und Harmonisierung von Mann und Frau besteht, in erster Linie durch die Ehe. Sie hatte selbst zuviel Erfahrung über die Frauen, um nicht zu wissen, daß die wichtigste geistige Seite der Emanzipation die Befreiung der Frauen – auch der Emanzipationsfrauen – aus ihren eigenen Vorurteilen, Kleinlichkeiten und Einseitigkeiten ist. Sie war der Ansicht, daß die Frauensache sich von nun ab in die große soziale Frage eingliedern müsse. Und vor allem erkannte sie, daß die Ehefrage für die moderne entwickelte weibliche Persönlichkeit der wichtigste Teil der Frauenfrage ist.

Hatte Anne-Charlotte schon früher den Verdacht gehegt, daß die Frauenfrage nicht mehr in tieferem Sinne eine Befreiungsfrage war, so fühlte sie sich von dieser Zeit an in ihrer Überzeugung bestärkt, und war fester entschlossen denn je, ruhig ihren eigenen Weg zu gehen. Sie fand, daß die sogenannten befreiten Frauen nichts von der Freiheit begriffen, die sie für die weibliche Eigenart verkündigte: sich neue eheliche Formen zu schaffen. Aber sie war überzeugt, daß die Zeit ihr recht geben würde – was ja auch schon heute der Fall ist, wo ein Paar nach dem anderen sein Zusammenleben so einrichtet, wie es ihm selbst am besten zusagt.

Anne-Charlotte Leffler schrieb 1886 über »Eine Sommergeschichte«:

»Ich habe versucht, so genau, als es in der Möglichkeit meiner Begrenzung lag, den geschilderten Konflikt zu durchleben, und ich bin zu dem ganz positiven Resultat gelangt, daß eine bessere Lösung als die gegebene nicht möglich war. Die Lösung war, daß Ulla – die Malerin – ihr Leben zwischen einer Zeit im Heime und einer der Kunst gewidmeten Zeit teilte, und daß Falk – der Mann – dies dadurch ermöglichte, daß er einen neuen Lebensberuf ergriff. Über alles andere in dem Buche kann ich schwanken, nicht aber über die Richtigkeit der Lösung. Ich weiß, daß ich mich dem vulgären Mißverständnis aussetze, ich wolle predigen, es sei nun die Reihe an dem Manne, sein Lebenswerk für das der Frau zu opfern, was mir natürlich nie eingefallen ist. Aber ich meine, daß, wenn einer verzichten muß, es der sein soll (oder, ich will nicht »soll« sagen, um nicht unklar zu werden, »muß«, meine ich), der unabhängig vom Geschlecht die weniger ausgeprägte intellektuelle Individualität hat. Ulla konnte nichts anderes tun als malen – sie war einseitig, aber stark in dieser ihrer Einseitigkeit. Falk hingegen war von der Natur nicht bestimmt ein einziger Weg angewiesen; er konnte seinen Lebensberuf wählen und auf verschiedene Gebiete einschwenken. Und weil nun die Situation so war, daß einer von beiden etwas von seinem Eigenen opfern mußte, war es an ihm, es zu tun. Überdies: er tat es nicht allein, sie opferte auch viel. Sieh, wie sie sich ganz entwickelt und verändert hat, seit sie mit ihm vereint ist. Daß sie in Zukunft zeitweilig getrennt leben müssen, wenn sie auf Reisen ist, halte ich nicht für ein Unglück. Warum sollte von dem ehelichen Zusammenleben nicht dasselbe gelten, was für jedes andere Zusammenleben zwischen Menschen gilt, nämlich, daß sie sich besser und freier entwickeln, wenn sie nicht unaufhörlich aneinander kleben? Eine Familie, in der die Kinder immer daheim bleiben, oder Geschwister, die zusammen altern! Wie stereotyp werden sie nicht! Warum sollte es Ehegatten nicht ebenso ergehen! Und das ist auch gewiß der Fall. Nein, ich empfehle eine kleine Nordpolreise hie und da! Das erhält die Liebe frisch und die Persönlichkeit frei!«

 

Die früher hervorgehobene Schmiegsamkeit in Anne-Charlottes Temperament war Sonja Kovalevska gegenüber besonders auffallend. Wenn Anne-Charlotte in ihrer Biographie Sonjas diese als die tyrannisch Fordernde schildert, neben der ein anderer seine Selbständigkeit nicht beibehalten konnte, so ist diese Klage nicht objektiv wahr. Sonja hatte eine so ungewöhnliche Gabe des psychologischen Verständnisses, einen so weiten Gesichtskreis, daß sie es weder versuchte, jemandem direkt ihre Meinung aufzudrängen, noch es indirekt tat, indem sie Geringschätzung für die Auffassung des anderen bekundete. Aber ihre Genialität und Intensität mußte einen starken Einfluß auf alle ausüben, um wieviel mehr auf die empfängliche Anne-Charlotte, deren Klage über den Druck, den Sonja ausübte, die gewöhnliche Anklage der Weichheit gegen die Macht einer stärkeren Persönlichkeit über ihre eigene Schwäche ist.

Anne-Charlotte Leffler konnte z. B. der Versuchung nicht widerstehen, ihre Pläne mit Sonja durchzudiskutieren, bis sie die Lust verlor, sie auszuführen oder in ihrer Auffassung der Psychologie der Charaktere irregemacht wurde, oder sich von ihren zu Sonjas Ideen und Arbeitsplänen hingezogen fühlte. In bezug auf Sonjas Forderungen in der Freundschaft galt dasselbe. Wenn Anne-Charlotte z. B. mit den Worten von Sonja Abschied nahm: »Wir können uns morgen nicht treffen, ich muß arbeiten!« dann brach Sonja freilich in einen Strom scherzhafter Vorwürfe aus: »Treuloses Weib, elendes Wesen! Wie lang ist denn das Leben? Kann man es sich gestatten, einen Augenblick der Freude zu versäumen? Das ist zu wahnsinnig, das gebe ich nicht zu« usw. Aber hätte Anne-Charlotte, während Sonja Atem holte, die Gelegenheit wahrgenommen, ihren Wunsch zu wiederholen, würde Sonja sich beruhigt haben. Nun hingegen lagen die Verhältnisse gerade dem entgegengesetzt, was die Menschen annahmen, wenn sie die kleine zarte, im Wesen zurückgezogene, nervöse Sonja, und die hochgewachsene, ruhige, sichere Anne-Charlotte sahen: die erstere beherrschte die letztere ganz. Aber Anne-Charlotte empfand lange den Reichtum des Zusammenlebens als so groß, daß sie erst nach der in Sonjas Biographie so lebhaft geschilderten Zusammenarbeit an dem Doppeldrama »Der Kampf ums Glück« sich des Druckes voll bewußt wurde. Diese Arbeit hinderte leider Anne-Charlotte, ihren eigenen, von reichen persönlichen Beobachtungen, von großem Lebensinhalt erfüllten Roman »Rings um die Ehe« zu vollenden. Er war im Plane kühner als irgend ein Werk, das Anne-Charlotte je zur Ausführung brachte. Die Heldin darin war nämlich eine Frau, die, als die Verhältnisse ihre Ehe mit dem Manne, den sie liebte, unmöglich machten – doch nicht auf die Mutterschaft verzichten wollte. Ihr Gefühl für die Berechtigung dieser aus einer gegenseitigen Liebe und einem klaren, reifen Entschluß hervorgegangenen Mutterschaft war so stark, daß sie ihr Kind offen anerkannte und es selbst – doch nicht in Schweden – durch ihre Arbeit erhielt.

Der »Kampf ums Glück« war ein unmögliches Experiment: eine ästhetisch unhaltbare Aufgabe zu lösen und zwei verschiedene Dichtertemperamente zu verschmelzen. Und als sich Anne-Charlotte Leffler zu Neujahr 1888 nach einigem Zögern entschloß, nach Rom zu fahren, geschah es zum Teil, weil sie das Bedürfnis fühlte, sich selbst von Sonja zurückzunehmen, um sich ihrer Arbeit zu widmen. Daß sie gerade nach Italien fuhr, kam daher, daß ihr Adoptivbruder den Wunsch ausgesprochen hatte, daß sie sein Lieblingsland besuchen sollte, nach dem sie sich immer gesehnt – schon 1881 hatte sie, in der Hoffnung, einmal nach Italien zu kommen, italienisch gelernt – aber das sie noch nie gesehen. Als dieser junge Mann 1886 starb, hatte er Anne-Charlotte Leffler eine Summe für eine italienische Reise hinterlassen. Ahnte er wohl, daß diese für sie auch in anderem Sinne, als er gemeint, bedeutungsvoll werden sollte?

Achtes Kapitel

Nachdem sie den Winter in Rom verbracht hatte, begleitete Anne-Charlotte im Frühling ihren Bruder, Professor Mittag-Leffler, nach Afrika. Auf dem Heimweg trafen sie in Neapel einen der mathematischen Bekannten ihres Bruders, Pasquale del Pezzo, Marquis von Campodisola. Ein gemeinschaftlicher Freund, den sie auf dem Rückweg von Tunis nach Palermo getroffen, hatte Professor del Pezzo in einer Weise geschildert, die Anne-Charlottes lebhaftes psychologisches Interesse erregt hatte, weil seine Entwicklungsgeschichte das Gepräge desselben Pathos trug wie ihre eigene: des Kampfes um die Befreiung der Persönlichkeit aus der Macht der Verhältnisse. Er gehörte einer äußerst konservativen, legitimistischen Familie an, die sich in der Opposition gegen all die Veränderungen befand, die Italien seit den fünfziger Jahren durchgemacht hatte. Aber er, der älteste Sohn, – dessen Geburtsjahr mit dem des neuen Italien zusammenfiel – hatte sich von den Vorurteilen freigemacht und sich den Bestrebungen des jungen Italien angeschlossen. Gegen alle Familientraditionen hatte er eine staatliche Anstellung – als Professor der Mathematik an der Hochschule von Neapel – gesucht, und er war ebenso stolz auf diesen selbsterrungenen Titel, als er sich seinen ererbten gegenüber gleichgültig zeigte.

Während ihre Geschwister dann weiter nach dem Norden fuhren, blieb Anne-Charlotte Leffler in Capri. Im Juni schrieb sie mir von dort:

»– – – Das Leben ist seltsam reich an Einfällen und neuen Erfahrungen, mein Leben wenigstens. – Capri ist ein berückender Ort. Das wunderliche Hotel Pagano – wo alle Künstler der Welt Wände und Türen dekoriert haben – mit tiefen Loggien auf das Meer hinaus und einem kleinen von berauschendem Blumenduft erfüllten Garten, der von wein- und rosenbehangenen Mauern eingefriedet ist, vor denen des Abends die Mandolinenspieler, ihre glühenden Liebeslieder singend, vorüberziehen – dieser Winkel birgt einige Blätter aus meiner Lebensgeschichte. Das Leben, das wirkliche Leben, ist etwas anderes als Traum und Sehnsucht. Wir sind zu romantisch, zu sentimental, zu kontemplativ dort oben im Norden. Vom Süditaliener muß man leben lernen, er kann es. Ich schreibe Tollheiten, findest du vielleicht. Aber früh genug komme ich wieder zu dem grauen Himmel des Nordens mit seinen schweren Träumen. Auf Capri ist das Leben voll Lebensfreude.«

Die Absicht, zu dem Leben unter dem grauen nordischen Himmel zurückzukehren, wurde nicht verwirklicht. In dem Lande, das zu besuchen ihr sterbender Freund sie mit einer Art von prophetischer Ahnung gebeten, weil »wer Italien nicht gesehen, nur ein halber Mensch ist«, war sie dem Erlebnis begegnet, das erst ihr inneres, dann ihr äußeres Leben völlig umgestalten sollte. Das fortgesetzte Zusammensein mit Pasquale del Pezzo entwickelte sich zu der gegenseitigen, alles umfassenden lebensentscheidenden Liebe, die Anne-Charlotte Leffler nach schweren inneren Kämpfen dazu brachte, (1889) ihre erste Ehe zu lösen. Und erst jetzt erfuhren ihre Nächsten, daß die Ehe, die nun gelöst wurde, eigentlich nie eine gewesen war; daß ihr Mann – bei all seiner anbetenden Zärtlichkeit – sie nie zur wirklichen Gattin oder zur Mutter hätte machen können. Dieses Halbleben mit einem Halb-Manne zu zerbrechen, fiel Anne-Charlotte Leffler doch sehr schwer, weil es nicht geschehen konnte, ohne dem Manne Schmerz anzufügen, was für ihre Natur das Allerschwerste war. Über ihr Recht – das ja in solchen Fällen sogar die katholische Kirche zugibt – war sie nie im Zweifel. Ihr Zögern war nur durch ihr Mitgefühl verursacht.

Einige Monate später wurde Pasquale del Pezzo durch den Tod seines Vaters Herzog von Cajanello; und nun, als Oberhaupt der Familie, türmten sich neue Schwierigkeiten zu den schon vorhandenen vor der Schließung einer Ehe mit einer geschiedenen protestantischen Schriftstellerin auf. Wie ganz er auch selbst ein Sohn des jungen Italien war – niemand sagt sich doch leichten Herzens von den tatsächlichen Verhältnissen seines Vaterlandes oder von den Traditionen eines hocharistokratischen Geschlechtes los, das vom neunten Jahrhundert an mit die Geschichte Neapels gemacht hat.

Briefe aus dieser Zeit beleuchten Anne-Charlotte Lefflers inneres Leben, und da ich weiß, daß ich dadurch keine für sie peinliche Unzartheit begehe, soll sie in dem folgenden selbst die kurze Mär ihres Glücks erzählen, in der man die Bekräftigung ihrer eigenen Worte findet, daß das Leben des Herzens nicht nur in der weiblichen, sondern in der menschlichen Natur das Wesentliche ist, und daß auf diesem zentralen Gebiete des menschlichen Lebens der in geistiger Beziehung Höchststehende sich mit dem Wenigstbegabten begegnen kann.

Sie schrieb im Winter 1889:

– – – »Was ich in diesem halben Jahre erlebt habe! Alle Gemütsbewegungen von den süßesten, beseligendsten bis zu den aufreibendsten – –. Ich glaube, ich kenne niemanden, der so glücklich gewesen ist wie ich in dieser Zeit. Ich kenne niemanden, der so vollkommene Liebe genossen. Und auch niemanden, der zu gleicher Zeit in so strittigen Konflikten gelebt hat. –

Ich habe die Liebe gefürchtet – und ich hatte recht. Denn als ich in Florenz im Begriffe stand, heimzureisen und mich von dem zu trennen, der mein alles geworden ist, da fühlte ich, daß dies für mich Untergang war, hoffnungsloser Untergang. – – Aber nun hat sich alles in Harmonie gelöst. Und ich finde mich mit dem großen Problem, ganz, voll und ausschließlich zu lieben und doch mein eigenes, individuelles inneres Leben zu bewahren gut ab. Aber nie haben sich auch zwei Menschen so vollkommen verstanden, wie wir beide doch so verschiedenen Naturen. Sprache, Erziehung, Rasse, Charaktere – all das trennt uns ... Auch das Alter, denn Anne-Charlotte war zehn Jahre älter als Pasquale del Pezzo. Und doch trennt uns nichts – – – Man irrt sich glücklicherweise oft, wenn man glaubt, das ganze Leben auf eine Karte gesetzt zu haben. Das Leben ist reicher an neuen Ideen und Möglichkeiten, als man manchmal glaubt. Und ich bin so froh erstaunt über die unglaubliche Spannkraft meiner eigenen Natur, darüber, daß ich es vermocht habe, so ganz und reich neu aufzuleben. – – Ich habe viele Arbeitspläne im Kopf. Von Neapel bin ich ganz entzückt und schätze mich unbeschreiblich glücklich, hier in stetem Sonnenschein leben zu können, mit der herrlichsten Aussicht über Meer und Land, sowie ich nur die Nase vor die Türe stecke – während man mir von daheim von lauter Dunkelheit schreibt. Eine in bezug auf Himmel und Natur begünstigtere Stadt als Neapel gibt es in ganz Europa nicht. Und ich, die ich die Natur so unbeschreiblich liebe, ich genieße es jeden Tag, stets mitten in der Natur und doch in einer großen Stadt zu leben. Italien hat in dem Grade mein Herz gewonnen, daß ich nicht glaube, daß ich noch jemals im Norden glücklich leben könnte.«

Im Sommer 1889 machte Anne-Charlotte Leffler mit Mutter und Geschwistern einen längeren Besuch in der alten teuren Kinderheimat am Vettersee. Sie gab im Herbst eine neue Novellensammlung »Aus dem Leben« heraus und reiste dann mit Sonja Kovalevska nach Paris. Den Aufenthalt dort hat sie selbst in einem Buche über Sonja geschildert, von der Anne-Charlotte sich trennte, als sie nach Rom weiterfuhr. Es war eine für sie selbst sehr aufgeregte Zeit, und damals begannen die beiden Freundinnen stumm nebeneinander einherzugehen – stumm über ihre innersten Gefühle. Anne-Charlotte zeigte in dieser Zeit dem geliebten Manne gegenüber eine seltene Tiefe echt weiblicher Hingebung, selbstloser Opferwilligkeit, vertrauensvoller und verstehender Großmut in jenem schweren Jahr des Wartens, das verfloß, bevor sie ihre neue Ehe einging. Sie faßte ihr Gemütsstimmung in folgenden Zeilen zusammen:

»– – – Ich lebe einsam hier in Rom, aber trotz der äußeren Einsamkeit habe ich all den Reichtum vollkommenen Glücks in mir; es ist mir, als hätte ich eine so große Gabe Gottes empfangen, wie kein Mensch, den ich kenne, sie erhalten hat – besonders nicht in meinem Alter.«

Am 7. Mai 1890 wurden Anne-Charlotte Leffler und der Herzog von Cajanello auf dem Capitolium in Rom bürgerlich und nachher nach besonderem päpstlichem Consens kirchlich katholisch getraut – die schwer erreichbare Bedingung für die Einwilligung seiner Mutter. Bald darauf gingen sie zusammen nach Schweden. Dort lernte der Neapolitaner die hellen Nächte des Nordens lieben, des Winters Schnee und Eis, das er zum ersten Male sah, den Christbaum im schwedischen Heim, aber vor allem die zärtlich geliebte Mutter und Geschwister der Gattin. Bei alledem fühlte Anne-Charlotte ihr Glück wachsen durch diese sympathische Liebe, die all das ihre zu seinem machte, all das seine zu ihrem, diese Liebe, die – nach seinen eigenen Worten – des Südländers wie des nordischen Weibes »Seele und Herz, heimlichste Gedanken und verborgenste Phantasien gefesselt, und die nicht früher sterben konnte, als bis eines von ihnen zu leben aufhörte.«

Im Frühling desselben Jahres war der zweite Teil von »Weiblichkeit und Erotik« erschienen. Die Dichterin wollte darin schildern, wie das Stolze und Herbe in der Persönlichkeit einer entwickelten modernen Frau von der Liebe, dem großen allgemeinmenschlichen Gesetz des Lebens besiegt werden kann, und wie ihre volle Hingebung es vermag, die oberflächliche Verliebtheit eines Mannes in echte Liebe zu verwandeln: also ein Lobgesang an Eros' Macht, ein leidenschaftlicher Lobgesang, in dem doch vielleicht zuviel vom Taumel der Liebe war, als daß er voll verstanden werden konnte. Obgleich die Schilderung, was das Äußere betrifft, den Erlebnissen der Verfasserin nicht entspricht, ist sie doch im inneren Sinne eine Zeichnung von persönlichen Gefühlen, allerdings eine einseitige Zeichnung. Der Zauber des bis dahin ungekannten Glücks einer jugendlich feurigen Verliebtheit fand darin Worte, leider aber nicht die ebenso tiefe Erfahrung der großen Liebe, die beiden Gatten das Ideal und die Harmonie in einem der innigsten ehelichen Verhältnisse offenbart hatte.

Während des erwähnten, ein halbes Jahr dauernden Besuches in Schweden schrieb Anne-Charlotte Leffler in drei Tagen »Familienglück«, eine ihrer besten dramatischen Arbeiten, aufgebaut auf ihrem warmen Gefühl für das Recht der Jugend, das Leben auf eigene Verantwortung zu leben. Aber sonst fühlte sie sich weniger als je zuvor geneigt zu dichten: sie wollte sich ganz dem Glücke hingeben, für ihr eigen Teil voll zu leben.

Denn Anne-Charlotte Leffler hatte die seltene Gabe, das Leben zu leben. Sie besaß, was einer unserer Dichter das schöne Geheimnis der Jugend genannt, das zu vergessen, was man »von Vergangenheit und Zukunft weiß«.

Elastisch und ungebrochen wie eine Zwanzigjährige trat Anne-Charlotte mit vierzig Jahren in ihr neues Leben, und sie brachte in dasselbe die in hohem Grade weibliche Natur mit, aus der spontan und energisch die Kräfte der Fröhlichkeit, der Hingebung, der Gesundheit und der Unmittelbarkeit strömen. Diese Kräfte waren es, die sie stets verjüngten und verschönten. Vergleicht man ihr rundes, unentwickeltes, kindlich unaufgewachtes Gesicht auf dem Porträt aus ihrem zwanzigsten Jahr mit Bildern der Vierzigjährigen, wo das seelenvolle Antlitz von den feurigen Augen beleuchtet wird, die unter dem ergrauten, aber vollen Haare strahlen, – so sieht man ein, daß nicht die Natur, sondern das Leben der Künstler gewesen ist, der diese Züge verfeinert und veredelt hat.

In einem Gespräch zwischen dem Bildhauer Walter Runeberg und Sonja Kovalevska bemerkte der erstere, daß er ältere Männer mit entwickeltem Seelenleben interessanter zu modellieren fand als junge Männer, während es ihn hingegen nicht interessierte, ältere Frauen zu modellieren. Sonja Kovalevska nahm das Thema auf und gab in ihrer lebhaften Weise Runeberg darin recht, daß der entwickelte ältere Mann ein besserer Vorwurf für den Künstler ist als die gealterte Frau; aber, sagte sie, dies kommt daher, weil das Leben so selten die Persönlichkeit in der Frau entwickelt, sondern sie im Gegenteil abplattet oder zermalmt. » Wenn die Persönlichkeit einer Frau sich einmal entwickelt, wird sie mit dem Alter ebenso interessant für den Künstler wie der ältere Mann«, meinte Sonja. »Sehen Sie nur Anne-Charlotte an! Wer würde nicht lieber jetzt ihre Büste machen als vor zwanzig Jahren?«

Vor allem ist es Glück, was uns das Antlitz Anne-Charlottes zeigt, die damals – anläßlich der Einrichtung ihres neuen Heims die von junger Liebe vibrierenden Worte schreiben konnte:

»Ich möchte, daß alles in meinem Gefühl für Pasquale neu und frisch wäre; es erscheint mir als ein Unrecht gegen ihn, daß ich schon früher irgend eines der Interessen gehabt habe, die jetzt mit unserem Leben zusammenhängen.«

Anne-Charlotte war gerade einer jener Menschen, die die erotische Genialität haben, über die sich in Sonjas Salon ein so lebhaftes Gespräch entsponnen hatte. Und beinahe mit Sonjas Worten schrieb Anne-Charlottes vom Schmerz vernichteter Gatte nach ihrem Tode: »Sie hatte das Genie der Liebe, – denn die Liebe ist eine Genialität gerade so wie die Kunst, wie die Wissenschaft. Nicht alle Menschen können lieben. Aber sie konnte es zur Vollkommenheit.«

Im Februar 1891 hatte das Ehepaar sein Heim in Neapel in Ordnung. Sie hatten ihr Nest an der Via Tasso gebaut, der Gasse der Dichter und der Liebenden, die zwischen Gärten und grünenden Höhen hinanklettert, von denen man die herrlichste Aussicht über das Meer hat. Das Haus wurde auf einem ganz anderen Fuße eingerichtet, als dem, den die Traditionen eines Herzogs von Cajanello verlangten: denn beide Gatten hatten dasselbe Grauen vor dem Konventionellen und denselben Vorsatz, sich dessen Einfluß zu entziehen. Aber das Haus war auch im Innern schön ausgestattet. In einem Zimmer waren sowohl Möbel wie Draperien ganz und gar schwedisch, und diesen Raum ersah Anne-Charlotte zu ihrem Arbeitszimmer.

 

Im Sommer 1891 besuchte Anne-Charlotte Leffler mit ihrem Gatten abermals Schweden und Norwegen; in dieser Zeit vollendete sie den ersten Entwurf ihres Märchenspiels, »Die Wege der Wahrheit«, eine Arbeit, die ihr durch das lebhafte Interesse, das ihr Mann dafür zeigte, besonders lieb war. Er, der sie ihre neuen Arbeiten immer zuerst für ihn mündlich ins Italienische übersetzen ließ, hatte nun so gut schwedisch gelernt, daß er vollständig verstand, was sie schrieb. In den vorhergehenden Jahren hatte er sie sowohl in die klassische Literatur – durch Übersetzungen der griechischen und römischen Dichter – wie in die ältere und neuere italienische Literatur, Ariosto, Dante, Petrarca u. a. eingeführt, und sie war nun mit seiner Sprache und der Literatur seines Vaterlandes ganz vertraut. Welche Wirkung diese neuen Einflüsse auf ihre Dichtung ausgeübt hatten, läßt sich schwer sagen. In den »Wegen der Wahrheit« – wo kühne moderne Gedanken in das Gewand des Märchens gekleidet sind – machen sich die Eindrücke der südländischen Phantasie des Mannes bemerkbar. Sie schrieb 1892 aus Neapel:

»– – – Ohne selbst einen Schritt zu tun, um jemanden aufzusuchen – im Winter haben wir absolut zurückgezogen gelebt, ohne Besuche zu machen oder Einladungen irgendwohin anzunehmen – sehe ich mich so allmählich von einem sympathischen, literarischen Kreis umgeben, der es sich in den Kopf gesetzt hat, mich zur italienischen Schriftstellerin zu machen. Die Motive, an die ich denke, sind doch bis auf weiteres alle schwedisch. – – – Dank der einfachen Formen des italienischen Gesellschaftslebens bringt der erwähnte Kreis die Abende hier sehr oft zu, ohne je eingeladen zu werden. Im vorigen Winter hatten wir einen bestimmten Abend; dieses Jahr empfangen wir an allen Abenden von 9-11. Eine Tasse Tee ist alles, was geboten wird, d. h. was ich biete, denn in vielen Familien wird gar nichts gegeben, und die meisten wollen nichts haben, nicht einmal eine Tasse Tee. Oft geben sich zwei, drei, auch fünf, sechs hier Rendezvous, oft kommen sie einzeln.«

So einfach schildert sie selbst ihre Stellung in der literarischen und wissenschaftlichen Welt Neapels. Aber durch die Aussprüche ihrer neuen Freunde, sowie der Presse nach ihrem Tode, sieht man, daß das Heim des Ehepaares, tatsächlich angefangen hatte, der Mittelpunkt des literarischen Lebens in Neapel zu werden. Eine italienisch-englische Schriftstellerin, Signora Zampini-Salazar, sagt, daß das Heim der Duchessa Cajanello ohne Zweifel der bedeutendste literarische Salon Italiens geworden wäre, denn die Hausfrau besaß alle Voraussetzungen, sowohl um einen solchen Kreis zu sammeln, wie um ihn festzuhalten. Signora Zampini schilderte 1892 in einer italienischen Zeitung den Zauber des halb nordischen, halb italienischen Heims, sonnig durch das strahlende Glück der Gatten, durch die Herzlichkeit der einfachen, anspruchslosen und doch so stattlichen Hausfrau, mit der elastischen hohen Gestalt und dem nordischen Typus – sie wirkte, nachdem ihr krauses Haar ergraut war, ganz blond. Durch ihre ehrliche Freundlichkeit, ihr seelenvoll-fröhliches Wesen besaß die Herzogin von Cajanello für ihre neuen Freunde eine noch stärkere Anziehung als früher für die alten, nachdem ein neuer Reiz, die Weichheit und Wärme des Glücks, hinzugekommen war.

Literarisch bekannt in Italien wurde sie unter anderem durch eine Übersetzung des Dramas »Wie man Gutes tut«. Sie hatte das Schauspiel vorher gründlich umgearbeitet und es auf drei Akte konzentriert. Das Buch, das von der italienischen Kritik mit großem Beifall begrüßt wurde, leitete eine sehr genaue und gute Studie über die neuere schwedische Literatur von Benedetto Croce ein, der jetzt eine leitende Stellung als einer der ersten Literaturhistoriker Italiens einnimmt.

Daß Anne-Charlotte Leffler überhaupt einer der europäisch bekanntesten schwedischen Schriftstellernamen war – darüber hörte man von ihr selbst nie etwas. Erst nach ihrem Tode erfuhr ich z. B., wie oft sie in der ausländischen Presse geschildert und besprochen worden ist, welche große Zahl ihrer Arbeiten ins Norwegische, Dänische, Finnische, Deutsche, Russische, Englische, Holländische, Kroatische und nun schließlich Italienische übersetzt wurde. Von dem, was sie tun wollte, nicht von dem, was sie getan, vor allem nicht von dem, was andere darüber gesagt, interessierte es sie zu sprechen. Und jetzt, in ihren neuen Verhältnissen, mit der vollen sympathischen Zustimmung ihres Mannes, sprach sie die Absicht aus, zu schreiben, ohne sich je von all den Rücksichten hemmen zu lassen, die früher ihr Leben herabgedrückt und die Kraft ihrer Dichtung beeinträchtigt hatten. In welchem Grade der Herzog von Cajanello auch in und mit der Schriftstellerin lebte, beweist unter anderem der Eifer, mit dem er nach dem Tode seiner Gattin ihre Arbeiten ins Italienische übersetzte.

Neuntes Kapitel

Einige Tage vor ihrem Tode sagte mir Sonja Kovalevska: »Du weißt, daß es in der Familie Cajanello sechzehn Generationen hindurch immer einen Pasquale oder einen Gaetano gegeben hat, und nun wünscht sich Anne-Charlotte natürlich einen kleinen Gaetano. Sie wird ihn auch bekommen. Sie bekommt alles, was sie will. Wenn sie die Lust anwandeln sollte, eine Sommerfrische auf dem Mars zu haben, so wird die Wissenschaft bis dahin ein Luftschiff erfinden Zwischen Rom und Neapel passiert man die Station Cajanello, die ihren Namen nach dem dort gelegenen Gut der Familie führt. Aber da dieses nicht genügend bebaut war. hatte die Familie ihren Palast in einem kleinen nahegelegenen Städtchen, wo eine uralte Pinie »Pinie des Duca« genannt wird. Sie war nahe daran, zu verkümmern, aber in demselben Jahre, in dem A. Ch. Leffler der Familie einen neuen kräftigen Schößling schenkte, bekam auch die alte Pinie einen solchen.«.

Sonja war wie immer prophetisch gewesen: im Frühling 1892 erwartete Anne-Charlotte Leffler das Glück, das sie in ihrer ersten Ehe so schmerzlich entbehrt hatte, Sie schrieb in dieser Zeit:

»Manchmal kommt eine große Angst über mich, weil ich finde, daß wir zu vollkommen und intensiv glücklich sind, als daß dies so fortdauern und sich noch weiter steigern könnte, und dann glaube ich, daß ich sterben werde oder das Kind nicht ganz gut ausgerüstet zur Welt kommen wird. Sonst bin ich froh, daß es in der herrlichsten Zeit des Jahres kommen soll.

Wie wunderschön der Monat Mai hier ist, das kann sich niemand denken, der es nicht gesehen hat. Alles Blüte, alles Obstreichtum, die süsse, duftgeschwängerte Meeresluft – die ganze Via Tasso duftet nun von Rosen, Orangen- und Zitronenblüten; wir essen täglich Erdbeeren, Kirschen, Orangen, alles hier an den Hausecken gewachsen, und nun kommen so allmählich Mandeln, Pfirsiche, Aprikosen, Feigen u. a. Die ganze Via Tasso ist nur eine Reihe von Obstgärten, die alle auf Terrassen über das Meer hängen. –

Ich bin wohl und hoffnungsvoll und gehe wie ein echtes, rechtes Weib umher und freue mich darauf, die kleine Wiege himmelblau herausgeputzt zu sehen – alles ist hellblau, auf einen Gaetano berechnet; hier so wie in Schweden bekommen die Buben himmelblau.«

Sie legte nun oft die Feder weg, um die Nadel zur Hand zu nehmen, denn sie wollte nicht auf die ihr liebe Arbeit an der Layette des erwarteten Kleinen verzichten.

Das ersehnte Kind kam unter unerhört schweren Qualen, die sie noch in der Erinnerung lange als eine sinnlose Grausamkeit der Natur quälten. Aber als sie das nächste Mal schrieb, war in ihren Briefen vor allem nur von dem Reichtum die Rede, der in ihr Leben gekommen und sie gelehrt, »vom siebenten Juni an eine neue Zeitrechnung zu beginnen«. Ihre Briefe waren nun von der entzücktesten Mutterfreude über ihren kräftigen, schönen kleinen Jungen erfüllt, von all den Zukunftsträumen, die Mütter an der Wiege des ersten Sohnes träumen, von der tiefsten Dankbarkeit für all dies Glück. Sie schrieb so:

»Es ist etwas Eigentümliches um das Gefühl, das man instinktiv hat, seine Klage sowie seine Freude an jemanden zu richten, den man als für das Ganze verantwortlich empfindet. Sicher ist, daß nun, wo ich mich so unendlich glücklich fühle, das Bedürfnis der Danksagung in mir sehr stark ist.«

Nach einer Schilderung des Äußeren ihres kleinen Sohnes fährt sie fort:

»Die Augen sind schon so aufmerksam und ausdrucksvoll, ja, er hat nie das Schwebende im Blick gehabt wie andere Neugeborene, sondern er sah sich vom ersten Augenblick an sehr aufmerksam in dieser neuen Welt um. Und er liebt schon Neapels berühmten Himmel! Ich werde manchmal so wunderlich ergriffen, ja zu Tränen gerührt, wenn ich mit ihm auf dem Schoße auf dem Balkon sitze und sehe, wie er seinen Blick mit einem Ausdruck absorbierter Entzückung zum Himmel wendet, ganz bezaubert daliegt und ihn lange, lange anstarrt. Wenn er im Zimmer weint und unruhig ist, brauche ich ihn nur auf den Balkon hinauszutragen und seinen Blick emporzurichten, dann wird er sogleich still. All seine übrigen Zeichen des Verständnisses sind ja eigentlich in diesem Alter nicht anders als z. B. bei einem klugen Hündchen, aber dies ist etwas so ausgesprochen Seelisches, daß es mir einen seltsamen Eindruck macht. Ich hatte übrigens nie geglaubt, daß ein Wickelkind so interessant sein könnte. Ich sagte – so wie alle alten Junggesellen – ein Kind sei erst dann ein Mensch, wenn es anfange zu gehen und zu sprechen. Aber das ist durchaus nicht wahr. Übrigens fängt er schon bald an zu sprechen. Aber wenn er so daliegt und für sich selbst murmelt, kann ich so deutlich in den Lauten, die er hervorbringt, die ersten Elemente der Sprache unterscheiden, kann ganz genau den Unterschied zwischen Zufriedenheit, Ungeduld oder irgend einem bestimmten Wunsche hören. – – – Da es sowohl für mich wie für Pasquale das erste Mal ist, daß wir die Entwickelung eines so kleinen Kindes beobachten und verfolgen, erscheint uns alles, jeder kleine Schritt vorwärts, sehr merkwürdig, und wir hegen wohl im tiefsten Innern den heimlichen Gedanken, daß kein anderes Kind je so merkwürdig gewesen ist wie er. – – – Wie viele Träume träumen wir über dem blonden Kopf unseres Knaben! Er wird Mathematiker, Dichter oder Künstler werden, das ist ausgemacht! Ich fürchte, daß wir zu große Ansprüche an seine Intelligenz stellen und ganz unzufrieden sein werden, wenn er nicht ein Genie ist.«

Ihre Zeit war nun ganz von all den lieben Sorgen für das Kind ausgefüllt. Für die kluge Umsicht und den praktischen Verstand, der sie in allen Lagen zu der auch für die Forderungen des Alltagslebens voll tauglichen und dessen Situationen ganz beherrschenden Frau gemacht hatte, fand sie nun reichliche Verwendung bei der Pflege ihres Kindes, der Beaufsichtigung der Dienerschaft und ihres Haushalts, eine Aufgabe, die für die Gewohnheiten einer nordischen Frau unter italienischen Verhältnissen viele Schwierigkeiten barg, welche sie doch durch ihren sonnigen Gleichmut besiegte. Und sie schien sich zu vervielfachen, um überall zuzureichen. Sie schrieb im Sommer:

»Manchmal fällt es mir schwer, mein eigenes altes Ich mit der italienischen Gattin, Hausfrau und Mutter zu identifizieren, die sich doch schon so heimisch in ihrer neuen Welt bewegt, daß ihr meistens zumute ist, als wäre sie dort geboren. Es erscheint mir eigentlich ganz unfaßbar, daß ich eine so lange unter so ganz anderen Verhältnissen durchlebte Daseinsperiode hinter mir habe, und das Verflossene fängt an, mehr und mehr unwirklich zu werden.«

Diese letzte Äußerung ist jedoch nicht in dem Sinne zu verstehen, als wäre etwas von der Liebe für ihre alte Heimat aus ihrem Herzen geschwunden. Sie hungerte nach Nachrichten von Mutter, Geschwistern und Freunden; sie war selbst eine sehr fleißige Briefschreiberin, und ihre Briefe mit der unregelmäßigen schwer leserlichen Schrift waren die besten, die man sich denken kann, nie »verfaßt«, immer spontan, natürlich, gesprochen. Und auch in dieser von ihrem persönlichen Glück so übervollen Zeit hatte sie Sinn für alles, was sich in dem geistigen oder literarischen Leben im Heimatlande regte, und äußerte ihre lebhafte Freude über alles Gute, was hervortrat.

Nach einigen »unbeschreiblich herrlichen« Wochen auf dem geliebten Capri kehrte das Ehepaar nach Neapel zurück, und nachdem die Hausmutter das Heim für den Winter geordnet, hoffte sie zum Arbeiten zu kommen. Sie schrieb jedoch:

»Mein Sohn und mein Mann lassen mir doch nicht viel Zeit für mich selbst. Gaetano ist nun schon ein großer Junge, der nicht wie ein Baby behandelt und in eine Wiege gelegt werden will, sondern der den ganzen Tag vom Morgen bis zum Abend in Bewegung sein möchte, herumgetragen werden, alles sehen und hören, was um ihn vorgeht, und an allen Gesprächen mit seiner noch wortlosen, aber ausdrucksvollen Sprache teilnehmen.– – – Mein kleiner Junge entwickelt sich riesig, und obgleich Alfhild Agrell gewiß recht hat, wenn sie sagt, daß alle jungen Herren in diesem Alter »ganz ungewöhnlich entwickelt« sind, so bin ich doch naiv genug, zu behaupten, daß dieser ganz unglaublich frühreif in jeder Beziehung ist, wenigstens als schwedisches Kind betrachtet, die italienischen sind im allgemeinen aufgeweckter. Du kannst dir nicht denken, was für ein schelmisches Lachen der Kleine hat, er lacht, so daß es im Halse Gluck sagt, und windet sich förmlich vor Heiterkeit. Und wie er plaudert! Lange Geschichten erzählt er mit der moduliertesten Stimme und ist äußerst entzückt, wenn man ihm etwas erzählt, oder ihm Verse deklamiert, ebenso wie er über Besuche sehr erfreut ist, und sie sehr artig mit dem liebenswürdigsten Lächeln empfängt. Er freut sich ungeheuer über sein kaltes Bad; in Capri haben wir ihn mit ins Meer genommen.« Dieser »kleine Junge« ist jetzt im Jünglingsalter und scheint bis auf weiteres die Versprechungen zu erfüllen, die er gab. Sein Vater nahm ihm bald eine schwedische Erzieherin, jetzt seine zweite Mutter; Sprache und Land seiner Mutter sind ihm dadurch ebenso vertraut wie die seines Vaters.

Gaetanos Mutter fühlte sich nun zum ersten Male in voller innerer und äußerer Harmonie, fühlte, wie ihre eigenen tieferen Lebenserfahrungen auch ihre Auffassung des Menschenlebens vertieft hatten. Sie sehnte sich darum lebhaft, den großen Roman fortzusetzen, den sie schon im Winter 1890 in Rom begonnen und über dessen ersten Entwurf sie damals schrieb:

»– – Ich arbeite an meinem Roman, und obgleich ich freilich nicht sagen kann, daß ich schon so recht hineingekommen bin, so hoffe ich doch, daß er sich so allmählich zu etwas von all dem vielen entwickeln wird, das ich von Anfang an darin gesehen. Ich befinde mich doch gerade jetzt im ärgsten Moment der Desillusion. Solange man den Plan nur im Kopfe hat, sieht alles so reich und schön aus; wenn man dann anfängt, den ersten Entwurf niederzuschreiben, wird er so wunderlich platt und banal, man – oder ich, denn allen geht es wohl nicht so, – habe gleichsam das Gefühl, daß ich nicht imstande bin, mir die Zügel schiessen zu lassen und Intensität in die einzelnen Szenen zu bringen, bis ich es nicht das zweitemal schreibe. Das erstemal ist alles nur Andeutung, und darum unendlich farblos. Und während der ganzen ersten Niederschrift, mit Ausnahme weniger glücklicher Tage, wo eine Szene fertig geboren wird, gehe ich mit umdüstertem Gemüt herum und glaube, daß ich alles Talent verloren habe und eine Idiotin geworden bin. Das ist eine schlimme Geschichte und wird diesmal wohl den ganzen Frühling dauern, denn der Plan ist ziemlich breit angelegt und noch lange nicht fertig.«

Über dieses selbe Buch schrieb sie im Oktober 1892 an die Ihren:

»Ich schreibe nun mit glücklichem Schwung an »Enger Horizont«. Ich glaube, es kann die bedeutende Arbeit einer reifen und welterfahrenen Schriftstellerin werden, die nicht mehr für irgend eine Tendenz kämpft sondern ganz einfach das Leben so breit, so unparteiisch und so allgemein menschlich als möglich schildern will. Alle Seiten von Verhältnissen zwischen Menschen – d. h. der am meisten allgemeinmenschlichen Verhältnisse – spielen hier mit. Verhältnisse – mehrere verschiedene – zwischen Eltern und Kindern, zwischen Ehepaaren, jungen und alten, zwischen Liebenden, zwischen Geschwistern, zwischen Schwiegertöchtern, Schwiegersöhnen, Schwägern, zwischen Freunden und Freundinnen, zwischen Enkeln und Vater- und Muttereltern, all das mit Sympathie und Mitgefühl beleuchtet, ohne Spur von Bitterkeit, mit einem gutmütigen Wohlwollen für alle Gestalten – ja, kurz gesagt, ein auf breiter Basis ruhendes großes menschliches Buch soll es werden, über das man weinen und lachen kann. Es wächst mit Riesenschritten in mir, und das Material ist unermeßlich reich.«

Signora Zampina schildert ihre letzte Arbeitszeit so:

»In den letzten Tagen hatte sie wieder angefangen zu arbeiten, in ihrem schönen, sonnigen Schreibzimmer mit der Aussicht über das ferne, brausende Neapel und über den azurblau glänzenden Golf. Nie hatte sie mit solcher Leichtigkeit geschrieben, nie einen solchen Reichtum an Ideen gefühlt. In wenigen Tagen hatte sie sechs Kapitel beendigt. Sie war zufrieden, und die Gedanken strömten frisch und spontan hervor. Am Montag fühlte sie, während sie schrieb, einen schmerzhaften Fieberschauer ihren Körper durcheilen. Sie hatte blitzschnell eine furchtbare Vision: das war der Tod, der an ihr Herz gepocht hatte.«

Anne-Charlotte hatte mit fieberhaftem Eifer gearbeitet; sie nahm sich nicht einmal die Zeit, zu essen. Und als ihr Mann um drei Uhr kam und ihr die Feder aus der Hand nahm, indem er sie bat, sich zu schonen, da sie über ein zunehmendes Unwohlsein geklagt, sagte sie, indem sie sich wie stets seinem Wunsche fügte: »Aber ich habe ja so viel zu schreiben, wie soll ich zu allem Zeit finden?«

Sie wurde auf das sorgsamste von ihrem Manne, Signora Zampini und drei geschickten Ärzten gepflegt – doch alles vergebens. Das Übel erwies sich als eine heftige Blinddarmentzündung. In den Qualen der rasche Fortschritte machenden Krankheit hatte sie nicht einen Gedanken an sich selbst. »Sondern sie machte sich Sorgen wegen ihres Mannes, der einige Nächte nicht geschlafen; darüber, daß sie sich nicht genug mit dem Kind beschäftigen konnte; daß die Kammerfrau sich ermüdete, und daß die Pflegerin nicht genug schlief«. Mit ihrer schwachen Stimme bat sie Signora Zampini, deren Worte ich hier angeführt, nach all dem zu sehen und selbst nicht mehr zu wachen, sondern sich niederzulegen: für die Kranke war es genug, sie in der Nähe zu wissen.

»Sie sprach«, erzählt Signora Zampini weiter, »von ihrer alten Mutter und ihrem ältesten Bruder, nach denen sie sich sehnte und die so traurig darüber sein würden, nicht zur Zeit zu kommen, um sie noch am Leben zu finden. Sie war resigniert, zu sterben, das Leben zu verlassen, das so reich und schön war, aber sie litt unter dem Schmerz, den ihr Tod anderen verursachen würde.«

Sie war selbst darauf bedacht, daß die Daheimweilenden die Nachricht ihrer Krankheit in der für sie am wenigsten beunruhigenden Weise erhielten. Vor ihrem Manne verhehlte sie ihre Ahnungen von einem unglücklichen Ausgang der Krankheit; und ein klares Bewußtsein von der Nähe des Todes scheint sie selbst nicht gehabt zu haben, im Gegenteil, noch ein paar Stunden vor dem Ende war die Lebenshoffnung bei ihr sowie bei ihrer Umgebung nicht ganz erloschen. Am 21. Oktober, am fünften Tage nach dem Ausbruch der Krankheit – als der Mann, von Schmerz überwältigt, für einen Augenblick das Zimmer verlassen hatte – begann der leichte Todeskampf. Als er gleich darauf mit wiedergewonnener Selbstbeherrschung eintrat, konnte sie nicht mehr sprechen, aber ihr schöner, trauriger Blick begegnete mit Zärtlichkeit und Sehnsucht dem seinen. Ihren Kopf an die Hand des Mannes schmiegend, hauchte sie ihren letzten Seufzer in demselben Augenblicke aus, in dem er sie ein letztes Mal küßte.

Erst einige Monate vorher hatte sie ihr leider so bald bewahrheitetes Vorgefühl von der Unberechenbarkeit des Schicksals ausgesprochen, jenes Vorgefühl, das, solange Menschenherzen sich freuten, stets der Schatten des übergroßen Glücks gewesen ist. Sie blieb nur so lange am Leben, bis sie ihr durch ungetrübte Mutterfreude vervollkommnetes Liebesglück hinausgejubelt hatte, dann ward sie fortgerissen, rasch und grausam, fortgerissen von ihren Teuren und ihrem Lebenswerk.

 

Es ist mir eine große Freude gewesen, daß Anne-Charlotte Lefflers italienische Freunde oft sogar dieselben Worte wie ich gebraucht haben, um sie zu charakterisieren, ohne daß der eine etwas von den Aussprüchen des anderen wußte. So schrieb Benedetto Croce:

»Wir haben eine edle Frauengestalt verschwinden sehen, ein glänzendes Denker- und Künstlergenie, das mitten in einer starken literarischen Tätigkeit stand, die ihrem reichen inneren Leben entsprach. Sie hätte uns noch viele große, schöne und tiefe Dinge sagen können, wie sie uns schon viele gesagt hat. Ihr Leben war in Wahrheit das Leben der Auserwählten ... Sie besaß einen Verstand, der ebensogroß war wie ihr Herz, und sie hatte die Welt und alle ihre Teile mit der Ruhe des Philosophen betrachtet, um sich zum Schlusse immer wieder dem Erhabenen mit jenem Enthusiasmus zuzuwenden, der einer Seele innewohnt, die liebt.«

Der Herzog Andria Carafa erzählte, daß die Huldigung, die Anne-Charlotte Leffler am allermeisten erfreute, die war, daß – in einer norwegischen Kleinstadt – ein Mädchen, das zufällig Anne-Charlotte Lefflers Namen unter denen der ankommenden Reisenden gesehen, sie aufsuchte und sie bat, ihr die Hand küssen zu dürfen, weil ihr ihre Bücher so viel Gutes getan hatten. Anne-Charlotte Leffler konnte sich später dieser einfachen Huldigung nie ohne Rührung erinnern – »denn was sie vor allem war, das war gut, in echter Weise und im tiefsten Grunde ihres Wesens gut«.

Der Herzog fährt fort, zu schildern, wie er persönlich einen lebhaften Eindruck dieser Güte empfing, als er vergeblich versucht hatte, ihr Schauspiel »Come si fa il bene« in Mailand anzubringen, und sie sich für ihre Person aus der Ablehnung gar nichts machte, sondern bloß bemüht war, ihn über die Demütigung, die er persönlich über das Mißlingen empfand, mit dem freundlichsten Lächeln und den Worten zu trösten: »Das bedeutet gar nichts. Es wird ein andermal sein.«

»Es gab«, sagt er, »kein kleines Geschehnis oder Unglück, das sie nicht mit liebevollem Verständnis studiert hätte. In ihrer Nähe fühlte man sich immer als ein besserer Mensch.«

Und so Signora Zampini:

»Sie nahm an den Freuden und Erfolgen ihrer Freunde ebenso wie an ihren Sorgen mit jener unvergleichlichen herzlichen Aufrichtigkeit teil, die sie uns so teuer machte. Ihre neapolitanischen Freunde hingen mit lebhafter Zuneigung an ihr und sprachen oft mit Enthusiasmus von ihr, wie auch der Schmerz, sie verloren zu haben, bei ihnen lebhaft und tief ist. Ihre weibliche Persönlichkeit ließ ihren literarischen Ruf ganz vergessen. In ihrer aus edlen Eigenschaften und reichen Gefühlen geschaffenen Natur war ein alles dominierender Grundton: sie war aufrichtig in ihren Gefühlen, die sie mit großer Offenheit und dabei ungemein maßvoll im Ausdruck mitteilte; nicht nur in ihren Gesprächen sondern auch in ihren Büchern zeigte sie dieselbe glückliche Harmonie, Klarheit und freimütige Wahrheitsliebe; tief und echt war sie in ihrem Gefühl als Gattin und Mutter. Niemand hörte sie etwas Böses über etwas oder jemanden sagen. Sie hatte durch ihren Einblick in die Leiden, das Elend und die Verbrechen der Menschheit ein großes Verständnis erreicht, das sie allen verzeihen, gegen alle mild und mitfühlend sein ließ. Sie meinte, daß der Verbrecherische durch seine eigene Schlechtigkeit so viel leide, daß er nicht noch durch die Empörung der anderen gestraft werden solle. Es ist sehr traurig, böse zu sein, sagte sie oft, und sie hatte nicht den Schatten eines Rachegefühls. Wir werden immer der einfachen Güte dieses großen Herzens gedenken.«

 

Anne-Charlotte Leffler suchte in Sonja Kovalevskas Persönlichkeit den Grund zu ihrem Mangel an Glück. Leichter gefunden ist der Grund zu ihrem eigenen Überfluß an Glück. Während des größeren Teils ihres Lebens beruhte er nicht auf Ausnahmeverhältnissen, sondern auf ihrem eigenen glücklichen Temperament.

Anne-Charlotte Leffler war eine der seltenen Naturen, die Gleichgewicht und Harmonie als Naturgabe besitzen, nicht als Resultat von Kämpfen und Resignation. Sie konnte ihre eigene Persönlichkeit behaupten, ohne das Gefühl für die der anderen zu verlieren: sie konnte auch jenen gegenüber Gerechtigkeit üben und Verständnis zeigen, die ihr feindlich gegenüberstanden oder sie verkannten. Ihr Temperament hatte eine sonnige Mittagsklarheit, die sie hinderte, je die Wirklichkeit zu komplizieren oder zu übertreiben; sie sah ihr eigenes Recht wie das der anderen in vollkommen richtigen Proportionen. Diese ihre einfache Auffassung der Lebensverhältnisse ließ sie – als Dichterin sowohl wie als Mensch – zuweilen psychologische Knoten durchhauen, die andere vielleicht in mühevollerer Weise gelöst hatten. Aber sie verlangte nicht, daß alle ihre Art, Lebensprobleme zu lösen, die zusammengesetzten Naturen überaus verwickelt erschienen, billigen sollten; sie wünschte nur, daß man ihr gegenüber den Edelmut übe, von dem sie selbst durchdrungen war: den Glauben, daß die Handlungen ihrer Freunde, – auch die, welche sie nicht verstand – in Übereinstimmung mit deren eigener Auffassung vom Rechten standen. Sie war sanft, weich, maßvoll in allen Verhältnissen zu anderen Menschen und in all ihren Forderungen an sie. Sie hatte die Gabe, immer und allenthalben das Leben so zu sehen, wie es war, weder das zu verringern, was es gibt, noch das zu begehren, was es nicht schenkt.

Diese große gesunde generöse Anschauung des Lebens vergilt das Leben zuweilen damit, daß es dem so Sehenden das Glück schenkt.

Was diejenigen, die A. Ch. Leffler nahe gestanden, vor allem von ihr in Erinnerung behalten werden, ist das, was sie bei ihr am meisten geliebt haben. Das war etwas Größeres als die große Schriftstellerin. Es war eine Seele ohne Trug, eine Einfachheit ohne Prahlerei, ein Mut ohne Trotz, ein Charakter in großen offenen ehrlichen Zügen. Was man vor allem betrauert, das ist ein so gutes und freundschaftstreues Herz, ein so echtes und spontanes Mitgefühl, eine so liebenswürdige Ausgeglichenheit, Empfänglichkeit und Unmittelbarkeit des Naturells, daß für jeden, der A. Ch. Leffler kennen lernte, der Eindruck der Schriftstellerin bald durch den Eindruck der großangelegten, gesunden und wahren weiblichen Persönlichkeit in den Schatten gestellt wurde.

Es gibt keinen Trost für einen Tod wie diesen auf dem spät erreichten und darum so intensiv gefühlten Höhepunkt des Glücks; mit durch reichere Lebenserfahrungen gewonnenen reicheren Möglichkeiten, bedeutende Werke zu schaffen – denn gerade in dem ruhigen Sonnenlicht des Spätsommers pflegen ja die Früchte zu reifen.

Trost kann er nicht genannt werden, der aus der Tiefe des Lebensschmerzes geborene Gedanke, daß der Tod auf dem Höhepunkt des Glücks und der Kraft die Gabe guter Götter ist.

Ist es so, dann war sie ein Schoßkind des Glücks bis zuletzt, sie, der es beschieden war, in die ewige Ruhe hinüberzugleiten, solange in innerem wie in äußerem Sinn ihr Lebenslos in Campagna Felice lag.

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