Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Jakob Wassermann >

Drei Erzählungen

Jakob Wassermann: Drei Erzählungen - Kapitel 9
Quellenangabe
typenarrative
authorJakob Wassermann
titleDrei Erzählungen
publisherS.Fischer
addressBerlin
printrun64. bis 71. Auflage
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060710
projectida87c1f26
Schließen

Navigation:

Achtes Kapitel

Siebengeist war ein großmütiger Lustigmacher, der sich selbst vergessen konnte, um Myra zu erheitern. Wenn er anfing, zu plaudern und Gesichter zu schneiden, blieb sie nicht ernst. Was trieb er doch nicht alles! In derselben Stunde war er Fabulist und Taschenspieler, Schlangenmensch und komischer Musikant, sprang über die Tische und parodierte die Schauspieler, formte Damen aus Schnee und dichtete närrische Sonette über seine Laufbahn als Apotheker. Myra hatte viel Freude an ihm. Sie schenkte ihm einen schmalen Reif mit einem winzigen Rubin, und dafür gab ihr Siebengeist ein goldenes Herz, welches die Inschrift trug: vers Dieu va. Philipp Unruh fühlte sich als Zaungast und suchte Einsamkeit. Unsichtbar ging Myra an seiner Seite bei den weiten Spaziergängen, unsichtbar ging sie in seinem Haus umher. Unhörbare Reden wechselte sie mit ihm, schenkte ihm Vertrauen, billigte seine Entschlüsse. So erhielten sein Sehen und Denken, seine Gebärden und Worte eine verzweifelte und verschwiegene Glut. Auf allen Wegen, an allen Mauern stand ihr Name, und wurde er wirklich genannt, so erschrak der Lehrer wie ein Verbrecher, der unerkannt die Früchte seiner Tat genießt. So vor Doktor Maspero, der beim nächtlichen Heimgang von Myra sprach.

Der Provisor sei ein Narr, meinte dieser gescheite Mann, und alle Welt habe recht, ihn zu verdammen wegen seiner Narrheit. Was für eine Bedeutung habe dies törichte Scharmuzieren? Ein bettelarmes Persönchen, das weder hübsch noch klug sei und zweifellos einen wahnsinnigen Zug in den Augen trage. Niemand wisse, was sie dabei wolle.

»Ein altes Wort lautet: was ein Weib will, das will Gott,« murmelte der Lehrer.

»So? Eine jammervolle Sentenz, Schulmeister! Ich glaube, Ihnen sitzen Gespenster im Magen. Sei's drum! Ich gönne jedem sein Plätzchen an der Sonne. Gute Nacht.«

Der Lehrer fühlte sich verlassen. Er blickte spähend durch die fallenden Schneeflocken, als erwarte er einen Freund, mit dem er die Nacht verbringen könnte. In der Tat tauchte eine schwarze, hagere Gestalt aus der Finsternis auf. Es war der Herr Adjutant. Beim Anblick des Lehrers packte er sofort begeistert seinen Hut, schwenkte ihn gegen das Firmament und schrie den Abendgruß, als ob er seinem Landesfürsten zujauchzte. Gleich darauf ging er wieder stelzengerade und lautlos seines Weges weiter, und sein gravitätischer Schritt machte den Schnee klirren. Philipp Unruh empfand auf einmal eine wunderliche Sympathie für diesen Mann, der seine einsame Wohnung nur mit einem zärtlich geliebten Affen teilte, dem er den aparten Namen Kümmerlich gegeben hatte.

Neben der Post befand sich ein uraltes Gebäude, in welchem Myra mit ihrer Mutter wohnte. Die zwei Fenster waren erleuchtet und durch gelbe Rollvorhänge verdeckt. Der Lehrer stand im Schnee auf der andern Seite der Gasse und lehnte sich an die Türe des Kürschnerladens. Eine Silhouette ward auf dem Vorhang sichtbar: das Profil eines Mannes, das auftauchte und verschwand. Dann erschien derselbe Kopf noch einmal, nahe beim Fenster und deshalb sehr klein und scharf und wurde unter beständigem lebhaften Nicken immer größer. Ein zweites Bild, ein Frauenhaupt erschien daneben, und beide verharrten nun in Ruhe, als ob sie sich unverwandt ansähen, neigten einander zu, wichen von neuem zurück, und gleichzeitig erschien am zweiten Fenster ein anderer Schatten, bei dessen Anblick sich Philipp Unruhs Stirne unwillkürlich verdüsterte. Dieser Schatten, klar begrenzt von Licht, war den beiden übrigen bewegungslos zugewandt, als flösse sein Dasein von ihnen aus. Haare fielen abenteuerlich in die Stirn, deutlich war die feine Nase gezeichnet, deutlich der verschlossene Mund. Das ganze Spiel der drei körperlosen Gestalten hatte etwas so Unwirkliches und Phantastisches, daß der Lauscher bisweilen staunend in die Dunkelheit starrte, auf die friedlichen Häuser im Umkreis, und mit eigentümlicher Gewalt die Ruhe spürte, die in allen schneebedeckten Gassen ausgebreitet war. Aber dies erschien ihm nur als ein täuschendes Kleid, unter dessen unbewegten Falten verheerende Leidenschaften brüteten, um die Erde zu bedrohen und zu erschüttern. Er selber war ergriffen, ja gefoltert und wagte nicht, darüber ins klare zu kommen. Ungeduldigen neuen Lebens voll, sah er millionenfaches Leben um sich in eisiges Schweigen gehüllt durch die stummen Kräfte der Natur.

Nun geschah etwas Sonderbares. Die beiden Schatten erhoben sich gleichzeitig, ohne von einander zu weichen. Der dritte Schatten streckte die Arme aus, flehentlich oder beschwörend. Dann glitt der eine Frauenschatten zum zweiten Fenster. Die ausgestreckten Arme fielen herab, und die ganze Gestalt versank. Die zweite wuchs geisterhaft empor, beugte sich auf und nieder mit beängstigender Hast. Die Silhouette des Mannes stand regungslos, eine Hand gegen das Gesicht gepreßt, – und plötzlich ward alles schwarz und finster.

Der Lehrer seufzte bang. Unschlüssig und erratend stand er da, als ein Tor zugeschlagen wurde und jemand auf die Straße gestürzt kam. Unruh sah, daß es Myra war, in bloßen Kleidern, ohne winterliche Hülle, und mit einem halben Ausruf schritt er ihr entgegen. Mit tastendem Schritt näherte sie sich ihm, und er spürte ihre Hand in seinen Arm sich förmlich einkrallen. Mit einem Blick, der von Angst, Erschöpfung und Verzweiflung stier geworden war, schaute sie gleichsam durch sein Gesicht hindurch. Das alles geschah lautlos. Auch im Hause regte sich nichts, und die Fenster oben blieben schwarz.

Philipp Unruh sah ein Geschöpf vor sich, auf dessen Wort und Aufschluß er nicht rechnen durfte, das nur noch mit einem Schein äußeren Lebens begabt, sich ihm überließ wie ein Gegenstand. Die augenscheinliche Gefahr, die außerordentlichen Umstände verliehen ihm Besinnung und Kraft des Entschlusses. Seine scheuen, dumpf brennenden Gefühle verkrochen sich in der Stunde der Tat. Er nahm Myra auf den Arm und eilte mit ihr durch die Nacht dem Schulhaus zu. Leicht schien ihm seine Last, aber das ungewisse Vibrieren des Körpers in seinen Armen ließ beinahe sein Blut stocken. Die leere, stumme Nacht eilte vor ihm her und verwirrte seinen Blick. Er fragte sich gar nicht, wohin er anders mit der willenlosen Myra gehen könne, als in seine eigene Behausung. Er hörte hinter sich, doch ziemlich ferne schon, Stimmen in der Finsternis, und eine davon schrie in hellem Ton immer wieder dasselbe Wort. Er achtete nicht darauf, sah nur mit Neugierde und Mißtrauen die Straße entlang, denn ihm schien, als sei er in ein bisher unbekanntes Land geraten.

Das Schulhaus, ihm längst vertraut in jedem Winkel, barg heute Gefahren. Unter dem Stiegeneck waren glänzende Augen. Hoch im Gitterfenster leuchtete ein verräterisches Licht. Es war kein Mensch im ganzen Gebäude, denn die Wirtschafterin schlief im Haus des alten Löwy. Bis zur Kraftlosigkeit ermattet, nach Atem keuchend, schleppte er Myra die Treppen empor, stieß die Zimmertüre auf, legte das junge Mädchen auf das Vett und machte Licht.

Sie hatte die Augen geschlossen. Zum erstenmal sah er ihr Gesicht bleich. Er benetzte ihre Schläfe mit Wasser und murmelte ihren Namen vor sich hin. Sie rührte sich nicht. Er legte das Ohr auf ihre Brust, und als er keinen Herzschlag vernahm, wurden vor Schrecken seine Augen feucht. Die verbrecherische Kraft eines kaum geahnten Wunsches habe ihn gezwungen, sie hierherzubringen, so glaubte er jetzt. Er riß das Fenster auf, um jemand zu erspähen, der zum Doktor laufen könne. Aber der Hof lag finster und öde. Er schrie: Johanna! dann: Kunigunde! und noch einige, denen er vielleicht den Schlaf aus den Lidern rufen konnte. Er rannte ins Schulzimmer, schaute dort hinaus, straßauf, straßab, aber er wurde nichts gewahr als eine drückende Verlassenheit, die sich zu regen schien unter dem gleichmäßigen Fall der Schneeflocken.

Jedoch als er zurückkam, von Frost und Angst geschüttelt, saß Myra aufrecht im Bett.

Sie lächelte; ein wunderliches, stumpfes, unveränderliches Lächeln. Die schöne Rundung der Unterlippe, die seine, etwas träumerische Linie der oberen traten in bezaubernder Klarheit hervor. Von einer eigentümlichen, furchtsamen Freude ergriffen, sagte der Lehrer: »Sie sind wach?« und seine Stimme bebte. Sein Beginnen kam ihm frevelhaft vor. Er hatte sich ihrer bemächtigt, das war es. Eine Verantwortung nahte, vor der er zusammenbrechen würde. Er bewunderte und fürchtete zugleich jene Person, die er selbst noch vor einer halben Stunde gewesen war, jene wild und unbekümmert handelnde Person. Sorgenvoll und überlegend stand er auf der Schwelle, der Rechenschaft gewärtig, die man von ihm fordern würde. Aber in seiner innersten Seele ergriff er Besitz von Myra und ging mit sich zu Rate, ob er nicht das Tor vor Eindringlingen schützen solle. Endlose Stunden der Nacht würden folgen, und am Morgen? Das Ende von allem.

Das junge Mädchen schauderte vor der hereinfließenden Kälte, und so schloß er die Türe. Er setzte sich an das Bett und fragte Myra, ob sie krank sei, er wolle gehen und den Arzt holen.

Sie antwortete nicht, sondern blickte aufmerksam ins Licht der Lampe. Mit traurigen Augen sah sie der Lehrer an. In wahrhaft ungestümer Gewalt erwachte der Wunsch in ihm, den so nahen Mund zu küssen. Überlegungen wie Kriegspläne formten sich, und er blickte dabei zurück auf sein Leben wie in eine graue, regnerische Heide. Er lehnte die Stirn an den Bettpfosten und fing unvermittelt zu weinen an wie ein Knabe. Die Erkenntnis seiner Leidenschaft und seines leidenschaftlichen Gemütes machte ihn in hohem Grade bestürzt, wie es oft bei religiösen und einsamen Naturen der Fall ist.

»Ach, du bist es, Wilhelm?« sagte Myra tonlos. »Warum liest du mir nicht vor? Lies mir doch vor aus dem lustigen Stück.« Sie lächelte wie früher und legte ihre Hand auf die seine. Philipp Unruh richtete sich auf und hielt zitternd ihre Hand fest. Er vermeinte seine eigenen Gedanken zu sehen, wie sie auf einmal wirr und schwarz wurden.

»Nimm dasselbe Buch,« fuhr Myra leise fort. »Du weißt, was du auf eine leere Seite geschrieben hast. Es war das Schönste, Seligste. Die Mutter hat es gelesen und kam mit dem Messer gegen mich. Oh, cela ne fait rien, sagt Madam Biraud. Du siehst es ja, ich lache und jetzt lies, lies vor!«

Als Philipp Unruh zögerte, wurde sie ungeduldig, und ihr Mund verzog sich gramvoll. Da griff er mechanisch nach jener Ansbacher Chronik, die ihm allein von seinen Büchern geblieben war, blätterte mit bebenden Fingern und las von alten Ereignissen, vom markgräflichen Leben am Hof, von den Emigranten, von Denkmälern und Baubefugnissen, von Pest und Kriegslage, kurz, was eben in solch einer Chronik Wichtiges zu stehen pflegt. Inhaltsloser und sinnloser waren ihm niemals Worte vorgekommen. Ihm schien, als grübe er Staub aus finstern Verstecken. Myra lauschte entzückt jeder Silbe und freute sich, als ob es eine amüsante Szene sei, deren Entwicklung sie zu hören bekomme. Allmählich wurden ihre Züge schlaff; sie lehnte sich zurück, ihre Augen schlossen sich, und sie schien zu schlafen, wahrend der Lehrer aufgewühlten Herzens weiter las, den stillen Raum mit seinen monotonen Lauten füllend.

Plötzlich fuhr Myra empor. »Glaubst du es denn nicht,« rief sie aus, mit einer inbrünstigen Hingebung in ihrer Stimme, in ihren Geberden, in ihrem Gesicht, »glaubst du es denn nicht? Für dich könnte ich ja sterben!« Sie lachte glücklich und fiel wieder auf das Kissen zurück.

Philipp Unruh schlug die Chronik zu und stützte den Kopf in die Hand. Ihm war bang und weich zu Mut. Diese Worte, gleichviel ob sie ihm galten oder nicht, waren nun zu ihm gesprochen worden. Er durfte die Vergangenheit vergessen, ohne sie betrauern zu müssen. Diese Worte brachten sein Gemüt in Schwingung, wie der Glockenschall die Luft in einer Kirche bewegt. Er wußte, eine solche Stunde des Zutrauens, eine solche Nacht der Wunder würde nicht wiederkehren in seinem Leben, und unersättlich sog er alle Hoffnungsmöglichkeiten in sich ein, als könne dadurch seine Zukunft beschützt werden. Ringsum war alles Leben lebendig, geschmückt durch Hingabe und Zärtlichkeit, 6Z ja selbst durch Gefahr und Tod. Denn der Tod ist es weit, gestorben zu werden, wenn er etwas raubt, das zu besitzen sich lohnt. So wurde sein Geist weitschauend durch die Macht eines Augenblicks, welcher die Ewigkeit enthielt.

Er überzeugte sich, daß Myra nun wirklich schlief, uud erhob sich geräuschlos. Er legte das Buch auf die Lade und dachte angestrengt nach. Wenn Myra krank lag und im Fieber redete, was sollte er dann mit ihr beginnen? Die Leute waren zu fürchten, denen der Tag Kunde bringen würde, wer nächtlicherweile in des Lehrers Haus eingezogen sei. Darüber mußte er wachen, mehr als über sein Glück. Höher als dies stand ihm die Sitte. Sie regelte nach seiner Überzeugung den Mechanismus der Welt im kleinen wie im großen.

Es war keine Zeit mehr zu versäumen. Betrübt warf er seinen Mantel wieder um die Schulter, trat neben die Schlafende und blickte lange auf das regungslose Gesicht, dem der Schlummer einen vergrämten und angestrengten Ausdruck verliehen hatte. Dann stellte er die Lampe auf den Schrank und ging leise hinaus. Er wollte zu Siebengeist, um mit ihm zu beraten, was hier zu tun sei.

Ohne das Tor zu versperren, betrat er die Straße. Es schlug zwölf Uhr vom Turm. Der Himmel war klar geworden und zitterte vor Kälte. In graublauer Dämmerung lagen Dächer und Giebel.

 << Kapitel 8  Kapitel 10 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.