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Drei Erzählungen

Jakob Wassermann: Drei Erzählungen - Kapitel 11
Quellenangabe
typenarrative
authorJakob Wassermann
titleDrei Erzählungen
publisherS.Fischer
addressBerlin
printrun64. bis 71. Auflage
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060710
projectida87c1f26
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Zehntes Kapitel

In derselben Nacht noch, gegen die Morgenstunden, kamen Tauwinde aus dem Süden. Siebengeist und der Lehrer waren heimgekehrt und verbrachten miteinander den schlaflosen Rest der Nacht in des Lehrers Zimmer. Abgerissene Erzählungen überdeckten die suchenden Gedanken. Siebengeist lachte über den Gang mit der Laterne, so wie nur er zu lachen verstand, und der Lehrer dachte wieder: ein Adonis. Jedoch glaubte er sich bevorzugt wie durch unvertilgbare Versprechungen.

Zwischen sechs und sieben Uhr schlief er noch einen kurzen Schlummer der Müdigkeit. Er träumte, daß er sich in den Affen Kümmerlich verwandelt habe, daß er auf dem Dach des alten Turmes stehe und Grimassen schneide, über die die ganze Welt und insbesondere eine Frau mit einer schwarzen Larve unbändig lachen mußte. Doch wunderlicherweise hatte dieser Traum für ihn etwas Quälendes, vielleicht deshalb, weil die Höhe des Turms ihn trotz aller Grimassen mit Angst erfüllte.

Als er um neun Uhr am Schulfenster stand und gleichgültig die Ziegelmauern der Synagoge anstierte, liefen auf der Straße Menschen zusammen. Ein Milchbauer hatte auf seinem Handwägelchen einen großen, dunklen Gegenstand liegen, der sich wie ein menschlicher Körper ausnahm. Der Milchbauer redete eifrig mit den Leuten und zwinkerte dabei erregt mit den Augen. Der Lehrer öffnete das Fenster und rief hinunter, was es denn sei. Man habe ein Mädchen erfroren auf dem Feld gefunden, hieß es, und diejenigen, die das sagten, es war der Schmied, ein Marktweib und der alte Löwy, gebürdeten sich außerordentlich sachkundig. Auch der Bäcker kam aus seinem Laden, indem er den Mehlstaub von den dicken Schenkeln klopfte. Die Kinder im Schulzimmer verließen alle ihre Plätze, drängten sich mit Wildheit an die Fenster, und Philipp Unruh sah sich alsbald seines Aussichtspunktes beraubt, da eine Horde von schwatzenden Mädchen ihn umringt und zurückgeschoben hatte. Er fand kein strafendes Wort, sondern blickte geistesabwesend auf einen der blondhaarigen Kinderköpfe.

Schnell wie Strohfeuer lief das Gerücht umher, daß eine Schauspielerin von Herrn Schmalichs Truppe erfroren in den Feldern gefunden worden sei. »Se woar im Schneei douglegn wier in ihrn Bettla,« sagte der Milchbauer zu Doktor Maspero, der den Leichnam besichtigte. Auch der Bürgermeister und ein gerichtlicher Funktionär stellten sich ein, und die Leute, die den Totenwagen fuhren, zeigten sich verdrießlich über die Arbeit, die nichts trug.

»In diesem begabten Mädchen steckte das Zeug zu einer Ophelia,« sagte Herr Schmalich zu den Mitgliedern seiner Truppe, als er die Gedächtnisrede während der Probe hielt. Dann kam noch etwas vom Pantheon der Kunst, vom Kampf ums Dasein und weiblicher Tugend.

Die wahrhaft vornehmen Kreise nahmen das Ereignis mit Güte und Ruhe hin. Nur die Frau Assessor, welche eine unglückliche Schwärmerei fürs Theater hegte, schickte einen Immortellenkranz mit einer blaßroten Schleife, auf welcher ein nicht weniger blasses Verslein zu lesen war. Die Frau Oberamtmann geriet darüber in eine boshafte Aufregung und erzahlte die ganze Geschichte im Kasinohof dem Herrn Adjutanten. »Kann solche Dummheit überboten werden!« rief die bewegte Dame aus. Der Herr Adjutant lächelte verzwickt, und als er zu Hause war, stellte er sich breitbeinig vor seinen Affen hin und redete ihn an: »Was sagst du, mein lieber Kümmerlich: ist es nicht rätselhaft, wie selbst die Dummen merken, daß die Dummen dumm sind?« Das Äffchen grinste höflich. »Der Tod ist ein Ereignis, mit welchem man rechnen muß,« sagte der Baron Apotheker ernst und poetisch gestimmt zu seiner Frau, welche wie versteinert am Bücherregal lehnte, mit herabhängenden Armen und verschränkten Fingern. Ihr sonderbares Wesen veranlaßte den Dichter kaum zu einem flüchtigen Nachdenken. Solche Naturen sind wie Messer ohne Klingen. Sie gleichen einem Schützen, der in der drohenden Pose des Anschlags steht, aber statt der Flinte ein Spazierstöckchen zwischen den Schultern hält. Sie kriechen herum wie aufgeblasene Regenwürmer und vermeinen einen Adlerflug zu nehmen. Bis zu ihrem Sterbebett werden sie den Tod für ein Ereignis halten, das Beachtung verdient.

Die junge Frau schleppte sich mühsam eine Treppe empor und pochte an Siebengeists Zimmer. Da alles still blieb, drückte sie auf die Klinke, jedoch, die Tür war verschlossen. Da pochte sie abermals und rief ein bittendes Wort, allein sie erhielt keine Antwort. Ihr schwindelte. Sie ging herab in die Apotheke und fragte den zweiten Gehilfen, wo das Strychnin sei. Im Grunde wußte sie, daß sie sich des Giftes nicht bedienen würde. Auch sie war angesteckt vom Lügengeist des Herrn. Auch sie hielt sich, wenn nicht für einen Adler, so doch für eine Schwalbe, eine sehnsüchtige, nestsuchende und war nur ein armes Würmchen.

Es war ein träumerischer Tag. Der Himmel, mattblau, grünlichblau, war von schleierdünnen Wolken durchzogen. Allenthalben lief geschäftig murmelndes Tauwasser zu Bächen zusammen. Durch den schwarzgesprenkelten Ackerschnee ragten die Stoppeln vom letzten Herbst. Bis zu den fernsten Waldgrenzen dehnte sich der Horizont, und die Februarsonne füllte das Land mit frühlinghafter Wärme.

Gegen die Zeit der Dämmerung kam Siebengeist zum Lehrer Unruh. »Machen wir einen letzten Gang,« sagte der Provisor, dessen Augäpfel auffallend ruhelos unter den Lidern hin und her irrten. Der Lehrer wußte sich nicht zu erklären, was damit gemeint war, aber er folgte. Für ihn hatte die Gegenwart noch keine Zunge. Wie ein Trunkener vergißt, was ihn trunken gemacht, so hatte er die Ursache dessen, was in ihm wühlte, aus der Empfindung verloren. Er begann nach rückwärts zu leben. Er erkannte sich selbst und das, was aus ihm geworden war, mit der Klarheit einer Halluzination. Ganz anders als früher schien es ihm jetzt seine eigene, angeborene Sprache, wenn er redete, schien ihm sein Gefühl, was er empfunden, und sein Urteil, was er beschlossen. Das Bild der Welt und ihrer Menschen verlor völlig den Anschein der Selbstverständlichkeit und des Unumstößlichen, und aus allen Dingen, aus allen Ereignissen, aus jedem Gesicht, aus jedem Hinschwinden des Tages und der Nacht tauchte etwas ungeheuer Geheimnisvolles auf, das ihn schaudern machte und ihn mit einer noch ganz anderen Trauer erfüllte, als derjenigen, die er in Siebengeist beobachtete. Aber wie sonderbar! Darüber schwebte wie das Licht über einem finstern Wald etwas wie Freiheits- und Einsamkeitsfreude.

Sie waren zum Leichenhaus gewandert, einem Backsteinhäuschen, das verlassen in der Abenddämmerung lag. Siebengeist ging zur Totengräberwohnung und ließ aufsperren. Der Mann, unter dem Druck von Siebengeists Hand willfährig geworden, brachte eine Art Stallämpchen mit einem Blendblech und ließ die beiden allein. Zwei Särge standen inmitten des Raums, halb aufrecht gegen eine Bank gelehnt. In dem einen lag eine Greisin, deren Lider nicht ganz geschlossen waren, so daß sie, was vor sich ging, argwöhnisch zu beblinzeln schien. Ihr Gesicht war gelb wie frisches Baumholz und hatte einen außerordentlich höhnischen und feindseligen Ausdruck. Auf ihrer faltigen Stirne lief gemächlich eine Fliege umher. Der ganze Kopf bekam überdies durch eine hohe weiße Haube mit blauen Bändern ein theatralisches und bizarres Aussehen.

Daneben lag Myra. Auf der einen Wange war ein seltsamer roter Fleck, wie ein Überbleibsel des Lebens. Die Unterlippe war ein wenig herabgesunken, wodurch das Gesicht müde, fast schlaftrunken aussah. Die Stirne sah aus wie geschliffen, und um die Augen lag ein abweisender, kindlich überlegener Zug. Die Hände waren leicht gefaltet. Der Ärmel des Gewands wurde leise von der Abendluft bewegt und erzeugte einen tierähnlichen Schatten über den Fingern.

Siebengeist kniete nieder und legte still den Kopf auf den Sargrand. Sein Rücken begann zu zucken, und die rechte Hand suchte den Boden. Der Lehrer dachte etwas Unbestimmtes, Frommes über den Tod, verwarf aber leidenschaftlich diese Gedanken wieder und zwang seine Blicke, auf dem mißtrauischen Gesicht der alten Frau haften zu bleiben. Er ärgerte sich über die freche Fliege, die wie schlafend auf einem Augenlid saß. Und plötzlich sah er, wie Siebengeist sich ein wenig erhob, seine Lippen langsam dem Antlitz Myras näherte, und wie er lautlos seinen Mund auf ihren toten Mund drückte.

Philipp Unruh stieß einen schwachen Schrei aus und fühlte den Boden unter sich wanken. Ihm brannte die Kehle und das Herz und das Gehirn, als ob er im Feuer stände, aber mit unbegreiflicher und erschreckender Raschheit kehrte eine eisige Ruhe in ihn zurück. Er legte die Hände vor die Augen und kehrte das Gesicht dem Kirchhof zu und dem Stückchen Wald hinter der Mauer. In diesem Augenblick hatte er Tod und Leben gleichzeitig in einem elementaren Bild empfunden.

Beim Heimwärtsgang stand die Mondsichel über den Dächern des Städtchens. Von der Eisenbahn tönte ein langgezogenes Hornsignal herüber. Die Dunkelheit ist lästig und drückend, dachte Philipp Unruh. Er begann den Tag der Nacht vorzuziehen, wo eine bittere und verschwommene Traurigkeit so leicht Nahrung finden konnte. Sie gingen hinter den Garten am Rand der Äcker und Siebengeist fing an zu reden. Er gefiel sich in Kapriolen des Geistes, in blasphemischen Anklagen, seufzte schwer und war dann wieder still. Alles nahm sich wie beabsichtigter Wahnsinn aus. Von seinem hübschen Gesicht war wie im Rausch jede Besonnenheit verschwunden, und was er tat, trug das Zeichen von überhebendem Schmerz. »Gute Nacht, Schulmeister,« sagte er. »Meine Seele ist leer wie ein ausgebranntes Haus.«

Was er doch für Worte gebraucht, dachte der Lehrer. Er verspürte plötzlich einen nagenden Hunger, denn seit vielen Stunden hatte er nichts gegessen. Er trat neben dem Schulhaus in den Laden des Bäckers und verlangte frisches Schwarzbrot und ein wenig Butter.

»Ach du mein Gott, sieht man den Herrn Lehrer auch einmal,« sagte der Bäcker, und mit halb pfiffigem, halb verlegenem Gesicht schraubte er das blakende Licht tiefer. Er war eigentlich recht bestürzt, denn auf dem Ladentisch vor sich hatte er einen großen Folianten aus des Lehrers Bücherkiste liegen. Er hatte sich eben nach Herzenslust an einer Kriegsbeschreibung ergötzt. Der Lehrer sah sogleich das Buch und schlug erstaunt die Hände zusammen: »Herr Bäckermeister, Sie wissen wohl gar nicht, wessen Eigentum das ist?« sagte er unsicher, wie alle gutmütigen Menschen, wenn sie einem andern auf Schelmenstreiche kommen.

Was nun den Bäcker betrifft, so begann er eine Geschichte zu erzählen, die durchaus kein Ende nehmen wollte. Diese Geschichte wurde allgemach recht verwickelt und bot schließlich selbst dem Erzähler Schwierigkeiten. Sprüche zur Weltweisheit mischten sich darein wie Aniskörnchen in den Brotteig, nur zuletzt kam, einer Apotheose zu vergleichen, der Preis des Handwerks, welches ebenso sein Gutes habe, wie die Gelehrsamkeit.

Philipp Unruh lächelte. Der humoristische Mann, der ihm gegenüber auf dem Backtrog saß, hatte in der Glorie seiner Lügenhaftigkeit etwas seltsam Versöhnendes, und es lag wie eine unwiderstehliche Heiterkeit in jedem dieser Lügenworte, die weder gewogen, noch gezählt waren. Daß er wieder in den Besitz seiner Bücher kam, erfreute ihn, doch in anderm Grade, als er je geglaubt. Es war wie ein Geschenk, und er betrachtete sein Eigentum wie etwas, das er nie besessen. Er wußte, daß es da nur tote Dinge, tote Blätter gab. Die Vergangenheit ist etwas Gestorbenes, dachte er; wer ihren Leichnam küßt, macht das Gesicht des Todes doppelt furchtbar; was er berühren mag, wird dem Leben entfremdet sein.

Es war ein so milder Abend, daß es den Lehrer wieder fort von seiner Behausung trieb, und er beschloß, gegen das Altmühlufer hinunter zu wandern. Als er in die enge Kirchengasse bog, sah er sich gegenüber auf der Schwelle eines beleuchteten, schmalen Hausflurs ein kleines Mädchen sitzen, welches das Gesicht in die Schürze gelegt hatte und weinte. Ein Knabe von vielleicht zwölf Jahren stelzte ernsthaft über die Gasse und fragte mit Würde, beide Hände tief in die Hosentaschen gesenkt: »Warum weinst du denn?« Die Kleine hob das Gesicht, und Philipp Unruh, der im dunklen Schatten stehen blieb, erkannte das Mädchen der Frau Süßmilch. »Ich kann meine Aufgabe nicht lernen, sie ist zu schwer,« schluchzte das Kind. Der Knabe räusperte sich, spreizte die Beine, legte die Hände auf den Rücken und begann: »Du bist meine schlechteste Schülerin, Süßmilch. Aus dir wird im Leben nichts werden. Du hast ja lauter Heu im Kopfe. Pfui!« Philipp Unruh sah, daß ihn der Bursche nachäffte, und errötete in seinem Versteck. Das kleine Mädchen aber trocknete die Augen, stützte den Kopf in das Händchen, schaute wehmütig zum klaren Sternenhimmel auf und sagte aus tiefstem Herzensgrund: »Ach ja! Unser Herr Lehrer ist ein sehr böser Mann.«

Der Lehrer ging langsam über die Gasse, nahm das Mädchen auf die Arme und küßte es lächelnd auf die Stirn.

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