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Drei Brüder suchen das Glück

Paul Keller: Drei Brüder suchen das Glück - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Keller
titleDrei Brüder suchen das Glück
publisherBergstadtverlag Wilh. Gottl. Korn in Breslau
printrun1.-20. Auflage
year1929
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071107
projectid85ddee7b
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Zweite Begegnung

Beim Heimgang von einem Sonntagnachmittag-Ausflug, den sie mit Irene Bruckner gemacht hatte, begegnete Julia Richard, der auch nach Hause strebte. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als die Damen zu begrüßen und sie höflich ein Stück zu begleiten, da sie denselben Weg hatten. Als sie an der Ecke der Salzstraße angelangt waren, blieb Julia stehen und sagte:

»Also, jetzt wird noch nicht nach Hause gegangen; jetzt kehren wir erst einmal im »Zuckerhut« ein. August Breise hat gesagt: Julia, ich wünsche, daß du, ehe du dich von unserem vergötterten Irenchen trennst, vorher erst einmal in den ›Zuckerhut‹ mit ihr gehst, und daß du, wenn du einem unserer Jungen begegnest, ihn auf jeden Fall mitnimmst. Ja, das hat mein Mann gesagt, und ich muß ihm gehorchen.« Irene wandte ein, sie habe noch eine längere Abschrift anzufertigen, und Richard sagte, er habe leider auch noch zu arbeiten; aber Julia trat mit dem rechten Fuß auf und sagte:

»Was mein Mann angeordnet hat, das geschieht! Basta!«

So wanderten die drei weiter.

Sie saßen im »Zuckerhut« beisammen. Richard Bruckner weilte zum ersten Mal mit Irene Bruckner in einem Raume. Die Stimmung war anfangs gedrückt. Die Höflichkeit, die Richard Irene bezeugte, war um einige Grade zu steif, zu gewollt, die Zurückhaltung, deren sich Irene befleißigte, grenzte an Ängstlichkeit.

Nun, Tante Julia war da. Man mag über Julia Breise urteilen, wie man will, das eine muß man ihr lassen, an Wortgeläufigkeit hat es ihr niemals gefehlt. Sie hatte ein tapferes Herz und ein tapferes Mundwerk, und mit diesen beiden Waffen kommt man gut durchs Leben.

Julia plauderte munter drauf los, über alles mögliche, am meisten über ihren Semper Augustus, den sie zärtlich verhöhnte und mit ihren Grobheiten liebkoste.

So löste sich die Spannung, es kam ein heimliches Behagen auf, und als aufgebrochen wurde, reichten sich die beiden jungen Leute die Hände. Allerdings erst auf Befehl Julias, die es sich ernstlich verbat, daß zwei Verwandte, die beide einander nicht das Geringste zuleide getan hatten, nachdem sie einmal durch einen günstigen Zufall zusammengeführt worden waren, sich mit einer steifen Verneigung und einem zimperlichen Kopfnicken verabschiedeten. Zu Hause sagte Julia zu Richard:

»Weißt du, wie du dich benommen hast? Wie ein perplexer Ziegenbock vor einer jungen Antilope. Ja, staune nur; ich habe eine junge Antilope im Zoo gesehen, und was ein perplexer Ziegenbock ist, weiß ich auch. Das weiß ich von meinem August her, der häufig im Leben perplex gewesen ist. Aber nun im Ernst: Ihr Brucknerjungen habt nicht das mindeste Recht, euch gegen Irene zu sperren.«

»Wir sperren uns ja nicht; wir kennen sie gar nicht.«

»Du kennst sie nun, und daß die beiden anderen Jungen sie auch kennen lernen, dafür werde ich sorgen. Herrgott, sie hat euch nichts getan! Was kann sie für ihren Vater? Sie steht doch auf eurer Seite – gegen ihren eigenen Vater, des Unrechts wegen, das er an euch und eurer Mutter verübt hat.«

»Liebe Tante Julia, das ist von dieser jungen Dame an sich sehr edel, aber der Kampf, den sie auf sich genommen hat, ist ganz aussichtslos. Es gibt keine gesetzliche Handhabe, die uns auch nur zum bescheidensten Teil unseres Erbes zurückverhelfen könnte. Du solltest Fräulein Irene Bruckner bewegen, die Sache aufzugeben und uns unserem Schicksal zu überlassen.«

»Das tut sie nie. Was der Richter über den Kommerzienrat nicht vermag, wird das einzige Kind über den Vater vermögen.«

»Nein, Tante Julia! Diesen Mann stimmt niemand um, auch die eigene Tochter nicht.«

»Wie kannst du das behaupten? Du kennst ihn doch gar nicht.«

Richard wurde rot. Aber er straffte sich zu einem Entschluß.

»Ich kenne ihn. Ich habe das Hintermberghalten satt. Also, Kommerzienrat Bruckner befand sich auf demselben Schiffe, mit dem ich von Neapel nach Konstantinopel fuhr. Wir sahen uns täglich.«

»Ach! Das muß angenehm gewesen sein! Habt ihr euch denn versöhnt? Habt ihr von der Geldsache gesprochen?«

»Nein!«

»Wie kamt ihr zusammen?«

»Ja – das ist – eben das Leben an Bord – da kann man auf der engen Fläche schlecht jemand ausweichen, man läuft sich von selbst in die Hände.«

»War sonst noch eine bekannte Person aus unserer Stadt an Bord?«

»Nun, unser Elmar.« »War nicht auch die Schauspielerin Sabine Sabina auf dem Schiff?«

»Woher weißt du das?« fragte Richard erschrocken.

»Ach, Gottes Wege sind wunderbar; Julia Breises Wege sind auch manchmal ziemlich wunderbar. Nachgeschnüffelt habe ich euch nicht, darauf könnt ihr euch verlassen. Sag', mein Junge, bist du der Sabine Sabina nachgereist? O, du brauchst nicht zu erröten. Du brauchst mir gar nicht zu antworten. Du kannst jetzt im stillen bei dir denken: Was geht das die alte, neugierige Tante an und kannst sagen: Nein, ich bin ihr nicht nachgereist, ohne daß du ein großer Lügner bist.«

»Ich bin ihr nachgereist.«

»Und Elmar auch?«

»Ja, Elmar auch!«

»Nun, sie ist sehr schön, und ihr seid jung. Wer wird auf euch schimpfen oder über euch lachen? Ich nicht! Und August sicher auch nicht. Ich rechne es dir hoch an, Richard, daß du es mir freiwillig gesagt hast. – Aber, was wollte der alte Kommerzienrat auf dem Schiffe? War das Zufall?«

»Nein, der Kommerzienrat ist auch der Sabine Sabina nachgereist.«

Julia lehnte sich in ihren Korblehnstuhl zurück. Ein Naturwunder trat ein – die Sprache versagte ihr. Als sie sich endlich wieder gesammelt hatte, sagte sie:

»Also, lieber Richard, wenn du mich jetzt für perplex hältst, dann hast du recht. Der alte Esel läuft dem jungen Dinge nach! Ist so etwas zu glauben? Hat jemand jemals schon so etwas gehört? Seit Sodom und Gomorrha ist das nicht mehr vorgekommen. Ja, ist sie denn seine Geliebte?«

»Nein!«

»Oder soll sie seine Geliebte werden?«

»Nein! Er wird sie heiraten.«

»Hei – hei...«

Das Naturereignis wiederholte sich, diesmal in verstärktem Maße, so wie bei einem starken Gewitter der zweite Donnerschlag schwerer ist als der erste. Julia Breise humpelte hinaus nach dem Vorraum und kam nach geraumer Zeit mit zwei gefüllten Likörgläschen zurück.

»Trink' einen Kümmel mit mir, Richard, mir ist schlecht geworden.«

Als sie sich gestärkt hatte, fragte sie matt vom Korblehnstuhl aus:

»Ist nicht der alte Kerl beinahe neunzig Jahre alt?«

»Dreiundsechzig ist er!«

»Da ist er doch nicht mehr heiratsfähig!«

»Wer kann das wissen?« »Ich weiß es; denn August ist erst achtundfünfzig, aber nochmals zu heiraten, würde ihm sauer werden. Warum will denn der alte Gockel noch einmal heiraten?«

»Er hofft, noch Kinder zu kriegen.«

Das war der dritte Stoß, der warf Frau Julia um. Sie erholte sich schwer, bekam eine Art Lachkrampf. Dann ging sie nach dem Vorraum, brachte wieder zwei Gläschen und stellte sie auf den Tisch.

»Kinder! Eigne Kinder! Solche, die von ihm selbst stammen?«

»Ja!«

Julia wischte sich die Tränen aus den Augen und preßte die Hand aufs Herz. Es nahm sie arg mit. »Kinder!« hauchte sie. »Eigene Kinder! Solch verrückten Aberglauben gibt es auf der Welt!«

Sie setzte sich schwer in den Korbstuhl. Es schüttelte sie. »Da wart ihr also sozusagen Nebenbuhler, der Kommerzienrat, Elmar und du?«

»Schweig' davon, Tante, über diese Verirrung bin ich längst hinaus. Elmar auch.«

»Ja, ja, schon gut! Ihr seid jung; ihr dürft ruhig mal so eine Dummheit machen. Aber der alte Esel, dieser Pinsel ohne Haare! Ja, schämt er sich denn nicht?«

»Nein, durchaus nicht. Er putzt sich ganz auf jung heraus, hat von Anfang der Reise an einen Angestellten aus Wien mit, der ihn rasiert, massiert, manikürt, schminkt, frisiert und onduliert.«

»Diese Einbalsamierung wird die alte Mumie nötig haben! Wo ist er jetzt?«

»Ich weiß es nicht. Von Konstantinopel aus fuhr er zu Schiff mit den anderen nach Ägypten. Verabschiedet haben wir uns nicht. Es war ein Graf Luwowsky mit auf dem Schiff, der zu mir und Elmar sehr freundlich war. Er hatte große Pläne für mich, an die ich freilich nicht recht glauben wollte. Der Graf versprach unaufgefordert, mir Berichte über die Weiterreise zu senden, hat das aber nicht getan. Ich weiß nicht, wo der Kommerzienrat sich gegenwärtig aufhält, ob er verlobt oder sogar bereits verheiratet ist. Mir ist das gleichgültig, denn ich habe mich von der unwürdigen Leidenschaft, die mich jäh angefallen hatte wie eine heimtückische Krankheit, frei gemacht.«

»Schimpf' doch nicht auf dich selber, Richard. Wenn ich solch ein junger, hübscher Kerl wäre, wie du bist, poussierte ich auch. – Also, er könnte am Ende jetzt gar schon verheiratet sein ? Geht denn das?«

»Er wollte sich entweder auf einem deutschen oder einem italienischen Konsulat trauen lassen.«

»So – so! Nun, das junge Weib kann doch den alten Krauter unmöglich lieben.«

»Wahrscheinlich nicht!«

»Also, sie verkauft sich, das Ferkel?«

Richard schwieg.

»Läßt sich so ein junger Leib an ein Totengerippe schmieden für Geld! Siehst du, Richard, ich hab' ja mit meinem August wirklich nicht das große Los erwischt, aber ohne Liebe heiraten – Geldes wegen – pfui Teufel! Die Frauen, die das tun, sind wie die Lohndirnen. Hier ist die Ware und da ist's Geld! Pfui Teufel!«

»Nun,« dämpfte Richard die Empörung Julias, »viele Vernunftehen sind recht glücklich oder wenigstens gut erträglich, während andererseits viele Liebesehen sehr bald in die Brüche gehen.«

»Ich bin nur für die Liebe – wenn auch mein August – ach, reden wir nicht immer von dem alten Racker! Aber, was wird er zu all diesen Nachrichten sagen? Ich muß hin ins Continental; ich muß ihm das alles bald sagen. Ich halte es nicht aus, bis er nach Hause kommt. – Ja, da fällt mir ja brühheiß ein: Was wird denn das Irenchen dazu sagen? O Gott, das Irenchen! Er ist doch ihr Vater!« »Für Fräulein Irene wird das freilich recht peinlich sein.«

»Ich muß hin zu ihr, muß ihr alles sagen, muß sie warnen.«

»Bitte, tue das nicht, Tante Julia! Du würdest Fräulein Irene unnütz beunruhigen, und sie hat wohl das Gleichmaß der Seele nötig.«

»Es freut mich, daß du für sie eintrittst, aber es muß doch was geschehen!«

»Was soll geschehen? Wir kennen nicht einmal die Adresse des Kommerzienrats, wir wissen nicht, ob er schon verheiratet ist. Und wenn das nicht der Fall wäre, wer könnte eine Eheschließung verhindern? Fräulein Irene nicht!«

»Sag', Richard, mir wird himmelangst – wenn nun der Alte wirklich die Sabine heiratet und mit ihr Kinder kriegt, gleichviel auf welche Weise – sind diese Krabaten dann erbberechtigt?«

»Kinder, die aus seiner neuen Ehe stammen, sind natürlich voll erbberechtigt.«

»Zu gleichen Teilen wie Irene?«

»Zu gleichen Teilen, falls nicht etwa der Alte, ergrimmt über den Widerstand der Tochter, deren Quote aufs Pflichtteil herabsetzt.«

»Quote und Pflichtteil – ich weiß nicht, was das ist – aber der alte Gauner sieht ganz nach Quote und Pflichtteil aus. Paß auf, er beschummelt das Irenchen genau so, wie er euch Brucknerjungen beschummelt hat. O, der Satan!«

»Nun, wir müssen abwarten. Nur nicht Fräulein Irene vorzeitig beunruhigen. Sie wird es zeitig genug erfahren. Vielleicht schreibt mir der Graf Luwowsky doch noch Bescheid.«

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