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Dr. Zimmertürs Ferienabenteuer

Frank Heller: Dr. Zimmertürs Ferienabenteuer - Kapitel 5
Quellenangabe
authorFrank Heller
titleDr. Zimmertürs Ferienabenteuer
publisherGrethlein & Co.
year1929
translatorMarie Franzos
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Doktor Zimmertürs Diamantencorner

1

»Ich möchte wirklich wissen, ob irgendein anderer Ort der Welt etwas Ähnliches aufzuweisen hat,« dachte Doktor Joseph Zimmertür und starrte mit vorgeschobener Unterlippe das Auslagefenster vor sich an.

Das ganze Fenster flammte von Diamanten, Diamanten und wiederum Diamanten. In einer Ecke der dicken Glasscheibe teilte eine vergoldete Inschrift mit: ›Van Buren ud Peereboom, Spezialisten in Edelsteinen, bijoux d'occasion‹. Die Fassade des nächsten Hauses wurde von einem einzigen Riesenfenster eingenommen; in der Ecke der Scheibe stand eine diskrete Inskription in Email: ›Dunkelschüler & Cie., Spezialisten in Diamanten, bijoux d'occasion‹. Das nächste und das nächstnächste Haus wiederum: die Fenster der Fassaden schleuderten kalte Lichtkaskaden hinaus: ›Nalbandian & Nalbandian, Diamantenspezialisten, J. & W. Rouspetzky, Juwelenhändler, Herzog, Kühl & Sinai, Kauf und Verkauf von Edelsteinen‹.

Der Doktor schob die Unterlippe noch weiter vor.

»Nein, weiß Gott, ich glaube nicht, daß eine ähnliche Straßenfassade in einer andern Stadt der Welt zu finden ist als in Nizza. Sieben Häuser und ebensoviel Juwelierauslagen, in denen die meisten Schmuckstücke keine Preiszettel haben und keines unter fünfundzwanzigtausend Frank ist. Um diese Fenster kreisen die Träume der Luxusfrauen der ganzen Welt wie ein Mückenschwarm. Hierher eilen sie, wenn sie in den Spielsälen gewonnen haben, und hierher wandern sie, wenn sie verloren haben, um Karat in Franken umzusetzen. Es gibt eintausendundeinen Schriftsteller, die die Riviera beschreiben, aber wenn sie alle mit Stummheit geschlagen wären, diese Steine würden reden – und besser als sie alle miteinander.«

Wieder wanderte sein Blick über die Schaustellung kalt-blitzender Geschmeide im Fenster. Armbänder aus Diamanten, breit wie Sklavenringe, Kolliers aus Diamanten, Ohrgehänge, Spangen, Tiaren aus Diamanten.

»Von der Kohle bist du gekommen, o Diamant,« sagte der Doktor. »Wirst du eines Tages wieder zu Kohle werden? Schon sind die synthetischen Smaragde und Rubine Wirklichkeit. Schon weigern sich alle Pfandleiher von Selbstachtung, Perlen zu beleihen, deren Ursprungszertifikat nicht in Ordnung ist. Du allein erstrahlst in untrüglichem Lichte. Du bist der Luzifer der edlen Steine. Wie, wenn du eines Tages fallen solltest gleich ihm? Von Kohle bist du gekommen ...«

Er wurde auf angenehme Weise in seinem Gedankengang unterbrochen. Eine junge Dame war vor der Auslage stehengeblieben. Sie war klein und zart, mit einem ägyptischem Profil und glänzend-schwarzem kurzem Haare. Sie sah die Diamanten an, spiegelte sich in der Glasscheibe, drehte sich auf dem Absatz herum, musterte die Straße und machte einige Schritte über das Trottoir. Die Blicke des Doktors folgten ihren roten Stöckeln und verirrten sich auch in andern Gegenden. Ihr Gang hatte etwas elektrisch Geladenes, so als müßte sie sich Gewalt antun, um nicht zu tanzen. War sie Tänzerin? Höchstwahrscheinlich. Jetzt kam sie zurück. Der Blick aus ihren oblongen, etwas schräggestellten Augen glitt gleichgültig über den Doktor hinweg, versank in die Auslage, begegnete ihrem eigenen Spiegelbild, schweifte weiter und fand endlich, was er suchte. Ein untersetzter Herr kam über das Trottoir heran. Wenn sie Ägypten war, so war er Assyrien; sein Bart war so kraus, als wäre er einem der Reliefs Ninives entlehnt, seine Augenlider und Nasenflügel so schwer und grausam wie die Nebukadnezars auf der Löwenjagd. Er war trotz der Sonne in einen Pelz gehüllt, und trug einen Hut mit rundem Kopfe. Sie eilte ihm mit kleinen, sprungartigen Schritten entgegen.

»Ah, da bist du endlich! Eine halbe Stunde habe ich auf dich gewartet!«

Er lächelte in seinen Bart. Seine Lippen waren fast ebenso rot wie die ihren.

»Mein Kind, ich habe von der Straßenecke aus gesehen, wann du gekommen bist. Vor akkurat sechs Minuten. Schreibe sie von meinen halben Stunden ab!«

Sie rümpfte die Nase.

»Das ist eine eigentümliche Art, sich zu entschuldigen! Und du bittest mich auch gar nicht, dir den Gegenstand zu zeigen, von dem wir gesprochen haben! Du bist wirklich sonderbar!«

Der Doktor kicherte so lautlos er konnte. Es war nicht fein zu horchen, aber wenn man Zuhörer einer Gratiskomödie wie dieser wurde, ging es über die menschliche Kraft, nicht zu sündigen.

»Er ist noch nicht verkauft!« fuhr sie fort. »Aber er liegt nicht an derselben Stelle wie gestern. Jemand hat ihn sich angesehen.«

»So?« gab der assyrische Bart zurück. »Ohne ihn zu kaufen? Dann ist er vielleicht doch nicht etwas so Besonderes, wie du glaubst!«

Unter den schweren Augenlidern ruhten seine Blicke auf ihr wie die des Löwen auf einem jungen Lämmlein. Aber er machte keine Miene, ihr zu dem Auslagefenster van Buren & Peerebooms zu folgen.

»Nichts Besonderes? So sieh doch selbst!«

Sie zog ihn zu dem Fenster hin.

»Sieh!«

Der Doktor folgte der Aufforderung bereitwillig – bereitwilliger als ihr Kavalier. Der Gegenstand, von dem sie gesprochen hatten, war ein Ring mit einem großen blitzenden Diamanten, in Onyx gefaßt und von zwei Halbmonden aus kleineren Diamanten umgeben. Was konnte er wert sein? Das war eine Frage, die für den Mann mit dem Bart offenbar des Interesses entbehrte, denn als sie ihm vorschlug, den Preis zu raten, schüttelte er nur den Kopf.

»Du bist wirklich galant! Nun, dann kann ich es dir selbst sagen: nur neunzigtausend.«

»Nur neunzigtausend?«

»Ja, oder war es fünfundneunzig? Das macht nichts, du bekommst ihn sicher für neunzig.«

Er lächelte höflich, aber bestimmt in seinen assyrischen Bart.

»Ich gedenke ihn nicht für neunzigtausend zu nehmen.«

»Du gedenkst nicht ...«

»Nein.«

»Was meinst du?«

»Genau, was ich sage. Drücke ich mich im Französischen so schlecht aus, daß du mich nicht verstehst?«

»Du gedenkst den Ring nicht zu kaufen, um den ich dich bitte?«

»Nein, das gedenke ich nicht.«

Sie sah ihn an. Er hielt ihrem Blicke stand. Der Doktor rieb sich die Hände. Das zog sich zu einer Schlacht zusammen, zu einem späten Nachklang der Kämpfe zwischen Ägypten und Assur. Aber gerade im entscheidenden Augenblick wurde er um seine Gratisunterhaltung geprellt: Assur streckte die Waffen.

»Das heißt – ich gedenke ihn nicht jetzt zu kaufen.«

Die ägyptischen Nasenflügel beruhigten sich langsam.

»Ah, nicht jetzt? Du bist vielleicht momentan in Geldverlegenheit, mon pauvre chéri? Wann gedenkst du ihn zu kaufen?«

Der Mann mit dem Nebukadnezarbart zog einen Schreibblock, der merkwürdigerweise aus Papier und nicht aus Ziegeln war.

»Wir haben heute den zweiten. Hm. H – m. Freitag, den neunzehnten, verspreche ich dir den Ring zu kaufen, mein Kind – wenn du ihn dann noch haben willst!«

Er lachte laut über die letzten Worte, wie über einen besonders gelungenen Witz, und sie stimmte in seine Heiterkeit ein, bis ihr plötzlich etwas einfiel.

»Du mußt ihnen aber sagen, daß sie ihn solange reservieren!«

Er schüttelte den Kopf.

»Ist nicht nötig!«

»Hast du nicht gehört, was ich dir eben sagte? Von gestern auf heute hat sich ihn jemand angesehen! Und du willst ihn doch erst in siebzehn Tagen kaufen! Es ist geradezu lächerlich sich zu denken, daß er dann noch da sein wird!«

Die Szene, auf die der Doktor vorhin gehofft hatte, war offenbar im Begriff loszubrechen.

»Wenn du es ihnen nicht sagst, so ist das, weil du ihn nicht kaufen willst, und wenn du ihn nicht kaufen willst, so ist das, weil du gar nicht verdienst, daß ich dich liebe!«

Zum zweitenmal gab Assur klein bei. Der frisierte Bart verschwand in den Laden, und gleich darauf wurde der Ring zu neunzigtausend Frank aus dem Schaufenster der Herren Van Buren & Peereboom weggenommen. Als er wieder herauskam, schmiegte sie sich an ihn, biegsamer als ein Schilfrohr des Nils.

» Pauvre chéri, hast du Pech im Bakkarat gehabt?«

»Nein, liebes Kind, das nicht.«

»Dann erwartest du dir Geld von irgendeiner Transaktion?«

Er lachte abermals lange und herzlich.

»Das könnte man allerdings sagen! Ja, ich hoffe wirklich ein bißchen Geld bei einer Transaktion zu verdienen!«

Er geleitete sie galant zu einem Auto. Im Abschiedsaugenblick wiederholte sie:

»Du bist sicher, daß du sie gebeten hast, ihn bis zum neunzehnten wegzulegen?«

Er antwortete mit eigentümlich glitzernden Augen:

»Nein, liebes Kind, nur bis morgen!«

Und da er ihren Gesichtsausdruck sah, fügte er mit einem schallenden Lachen hinzu:

»Sei ganz ruhig, das genügt! Das genügt vollkommen!«

Dann rettete er sich über die Straße in den Jardin Albert I. Sie saß einen Augenblick mit unschlüssigem Gesicht da. Dann zuckte sie die Achseln, als wollte sie sagen: Einer der dummen Späße der Männer! Das Auto rollte fort.

Der Doktor folgte ihrem Kavalier. Der interessierte ihn. Daß sie Französin war, war sicher, aber was für ein Landsmann konnte er sein? Er bekam umgehend Antwort auf diese Frage. Im selben Augenblick blieb der Mann mit dem Barte vor Hachettes Kiosk stehen und kaufte sich eine Zeitung. Der Doktor erkannte die Ausstattung schon von weitem: ›Algemeen Handelsblad‹. Ein Holländer! Ein Landsmann – wo hatte der Doktor seine Augen gehabt?

Ja, diese Frage konnte er sich wahrlich stellen! Joost Everdingen war keiner der Herren, von denen dreizehn auf ein Dutzend gehen! Es war ein Herr, für den ein Cadeau zu neunzigtausend Frank keine größere Rolle zu spielen brauchte als eine Schachtel Schokolade für einen gewöhnlichen Sterblichen. Und am allerwenigsten ein Cadeau in Form von Diamanten!

Denn Herr Everdingen war Spezialist eben in Diamanten. Er war der Besitzer des größten Engrosgeschäftes Amsterdams in diesem Artikel – und die Diamanten kommen nicht nur nach Amsterdam, um geschliffen, sondern auch um verkauft zu werden!

Dies war Herrn Everdingens Stellung im Leben! Aber hier in Nizza zog er es offenbar vor, eine bescheidenere Rolle zu spielen. Warum? Der Doktor glaubte es zu verstehen, aber da seine unkurierbare Lust, seine Nase in fremde Angelegenheiten zu stecken, an diesem Tage förmliche Orgien feierte, beschloß er, seine Theorie zu bekräftigen. Es kostete ihn keinerlei Mühe, Herrn Everdingen bis zu dem Hause zu folgen, in dem er wohnte – ein elegantes Hôtel garni, wo bessere Junggesellen sich per Woche oder Monat ein pied-à-terre mieteten. Ebenso leicht ging es, die Theorie mit Hilfe von ein paar Banknoten bestätigt zu sehen. Herr Joost Everdingen war im Hotel unbekannt. Hingegen hatte Herr Max Meyer aus Amsterdam seit zwei Monaten ein kleines Appartement inne, in dem er fast ausschließlich Damenbesuche empfing, und fast ausschließlich den Besuch einer und derselben Dame.

Der Doktor zog sich zurück, mit Früchten der Erkenntnis ebenso beladen wie die Späher seiner Vorväter mit Trauben und Feigen, als sie aus dem gelobten Lande wiederkehrten. Noch am selben Nachmittag konnte er sein Wissen noch weiter bereichern. Eine Theateraffiche zeigte ihr Bild mit Überschrift; sie hieß Rachel Roustan und trat im Alcazar auf. Der Doktor verbrachte den Abend damit, einen Tanz zu bewundern, der wirklich verdient hätte auf den Friesen in Heliopolis abgebildet zu werden. Als er endlich einschlummerte, träumte er, daß er Herrn Everdingen zuvorkam, den Ring für neunzigtausend Frank kaufte und ihn eigenhändig an eine ihrer rosigen Zehen steckte. Als er zur Wirklichkeit zurückkehrte, begrüßte ihn ›L'Eclaireur de Nice‹ mit folgenden Überschriften:

Ist die Mär der Diamanten vorbei? Ein Bewohner Nizzas löst das Problem, Koh-i-noors herzustellen!

2

Er lachte herzlich und begann den Artikel zu lesen. Der Inhalt entsprach seinen Erwartungen: er war eine einzige Serie von Ausrufungszeichen und Superlativen, und dazwischen als zusammenhaltendes Zement ein schlecht verhehltes, aber bodenloses Staunen, daß es ein Sohn des sonnigen Nizza war, der diese Lorbeern erntete! Monsieur Bignon, so lautete der Name des Erfinders, hatte seiner Erfindung Jahre seines Lebens gewidmet, aber erst in den letzten Tagen hatte er seine Versuche von Erfolg gekrönt gesehen. Wenn er dem Publikum nicht bekannt war, so war es, weil er im stillen gearbeitet hatte, und wenn er der Gelehrtenwelt nicht bekannt war, so war es, weil sie in der Regel für solche Probleme wie Diamantenfabrikation nur ein Achselzucken übrig hat. Aber – und hier stand die Zeitung vor Verehrung und Bewunderung geradezu Kopf – gerade dieser Tage hatte Monsieur Bignon ein Attest der Wissenschaft erhalten, das für zwei galt: der große Professor Vernet aus Paris, der seine Ferien an der Riviera verbrachte, hatte einem seiner Experimente beigewohnt, und es war völlig wunschgemäß ausgefallen. Zwei Diamanten waren hergestellt und von führenden Juwelieren für echt erklärt worden. Sie waren in der Telegrammhalle des ›Eclaireur‹ ausgestellt – unter Bewachung – betonte die Zeitung, aber beeilte sich hinzuzufügen:

»Übrigens wird es vielleicht nicht mehr lange dauern, bis man Diamanten ebenso unbewacht herumliegen lassen wird wie beispielsweise Kiesel! Hält die Erfindung unseres illustren Landsmannes, was sie verspricht – und wir haben keinen Grund daran zu zweifeln, nachdem wir Professor Vernets Gutachten gelesen haben – gehört die Zeit der natürlichen Diamanten nunmehr der Sage an. Man kann dies im Hinblick auf die Kapitalien, die in diesen Steinen festgelegt sind, bedauern – aber was? Die Entwicklung nimmt ihren unerbittlichen Lauf – und sie fragt nicht danach, welche Illusionen sie zertrümmert!«

Der Doktor legte die Zeitung weg und begann sein Riechorgan eifrig zu polieren. Das war eine seiner fünf Arten, die Denktätigkeit zu stimulieren. Und er hatte das Gefühl, daß sie stimuliert werden mußte. Hier gab es etwas zu denken! Man hatte schon viele Versuche gemacht, künstliche Diamanten herzustellen, und manche davon waren gelungen, aber in einer Weise, die eigentlich nur eine glänzende Niederlage bedeuteten; die künstlichen Diamanten waren wertlos! Sie hatten die Größe von Stecknadelköpfen. Aber was andern mißlungen war, sollte also Monsieur Bignon, einem Erfinder, von dem noch niemand etwas gehört hatte, geglückt sein! Es klang unglaublich, und doch mußte man seine Skepsis zügeln, denn Professor Vernet, der große Professor Vernet, der Nobelpreisträger und Entdecker physikalischer Gesetze, die bereits in den Elementarunterricht aufgenommen waren, hatte selbst einem Experiment beigewohnt und bestätigt, daß es gelungen war!

Wie würde es gehen, wenn er recht hatte? Wie würde es gehen, wenn jemand wirklich die Kunst fände, Gold zu machen? Ein solcher Mann konnte sich damit begnügen, unermeßlich reich zu werden, entweder indem er seine Erfindung selbst exploitierte, oder indem er sein Patent den Goldaktiengesellschaften verkaufte, damit sie es nicht exploitierten. Oder er konnte auch sein Geheimnis veröffentlichen – und mit einem Schlage wäre der einzige stabile Wertmesser der Erde wertlos! Bankhäuser würden zusammenbrechen, Reichtum in Rauch aufgehen, der ganze komplizierte Bau, den man Weltfinanzen nennt, würde einstürzen wie ein Kartenhaus! So würde es gehen, wenn jemand die Kunst fand, Gold zu machen. In etwas geringerem Grade würde dasselbe eintreffen, wenn jemand die Kunst entdeckte, Diamanten zu machen. Aber wenn auch der Zusammenbruch der Diamanten die Weltökonomie nicht in so einschneidender Weise berühren würde wie der des Goldes, so war doch eines sicher: der Zusammenbruch würde sich um so rascher vollziehen. Der Wert des Diamanten ist nicht stabil. Er hängt von Angebot und Nachfrage ab, wie der des Goldes, aber während das Angebot beim Gold der Nachfrage bei weitem nicht genügt, ist das Verhältnis beim Diamanten ein anderes: schon jetzt muß man das Angebot sorgfältig regeln, um den Wert der weißen Steine nicht herabzusetzen. Und wenn Monsieur Bignon mit seinen Behauptungen recht hatte – gute Nacht dann, all ihr strahlenden Fassadenauslagen mit den Namen Van Buren & Peereboom, Nalbandian & Nalbandian, Dunkelschüler und Rouspetzky! Dann werden keine Frauenaugen träumerisch durch eure Scheiben starren! Dann werden die Klagerufe eurer Trauer und eures Schmerzes gen Himmel steigen, begleitet von dem Schrei eurer tausend Brüder in den Versatzämtern! Dann wird sich ein Jammer erheben, wie in den alten Märchen, wenn das Morgenrot kam, und das Gold zu welkem Laub wurde! Aber hat Monsieur Bignon recht? Sehen wir uns vor allem einmal die ausgestellten Resultate seiner Arbeit an!

Der Doktor eilte auf kurzen Beinen in die Telegrammhalle des ›Eclaireur‹. Schon von weitem konnte er sehen, daß etwas Ungewöhnliches im Zuge war. Die Avenue de la Victoire glich einer abgebundenen Ader, die so anschwillt, daß sie zu platzen droht. Ein halbes Dutzend Polizisten war kommandiert, den Zustrom zur Halle zu regeln. Tropfenweise sickerte die Menschenflut durch den einen Torweg hinein und zu dem andern hinaus. Die Fassade des Hauses war mit riesenhaften Plakaten voll handgeschriebener Telegramme bedeckt und diese Telegramme besagten:

 

»Paris, den 3. Die Nachricht von Bignons Erfindung und Professor Vernets Gutachten erregt hier unerhörtes Aufsehen. Die Börse reagierte sofort. De Beers fielen um zwölf Punkte, Jaegersfontein um fünfzehn und Bluefontein um achtzehn. Die Wissenschaft lehnt es ab, sich auszusprechen, bis nähere Nachrichten vorliegen, aber man betont, daß das Problem ausschließlich technischer Natur ist und daß eine Lösung sich sehr gut denken läßt.«

»London, den 3. An der hiesigen Börse, die konservativer ist als die französische, zeigten die Diamantpapiere durchgehends geringere Schwankungen aus Anlaß des Telegramms aus Nizza. Nervöse Spekulanten beeilten sich jedoch zu verkaufen, wodurch der Kurs durchgehends um sechs bis acht Points gedrückt wurde.«

»Amsterdam, den 3. Das Telegramm aus Nizza berührt die Stadt ja in einem ihrer Lebensnerven. Tonangebende Kreise verhalten sich überaus skeptisch, aber es herrscht unverkennbare Nervosität. An der Börse fielen die zunächst berührten Papiere um folgende Punkte: Pietersfontein zwölf ...«

 

In diesem Augenblick preßte der Menschenstrom den kleinen rundlichen Körper des Doktors durch den Torbogen der Telegrammhalle zu einer Vitrine in deren Mitte. Wenn die Zeitung eine Attacke auf Monsieur Bignons Steine gefürchtet hatte, so war diese Furcht überflüssig gewesen. Denn das Gedränge war derart, daß es nahezu unmöglich war, die Arme zu heben. Endlich konnte der Doktor selbst zu dem ersehnten Ziele vordringen. In einer kleinen Glasvitrine lagen zwei Diamanten auf einer Samtdecke – das heißt, er vermutete, daß es Diamanten waren, denn zwei grauweiße Dinger von der Größe eines gewöhnlichen Kieselsteins haben nicht viel mit dem Begriff gemeinsam, den man sich im allgemeinen von diesen edlen Steinen macht. Aber die Fachleute sagten, daß es Diamanten waren, und also war es wohl so. Das Entscheidende war die Größe, und da war kein Irrtum möglich. Die beiden Steine waren nicht überwältigend groß, aber sie hatten mindestens einen Zentimeter im Durchschnitt, und die größten, die Moisson hergestellt hatte, maßen einen Millimeter! Hatte Monsieur Bignon diesen Stein hergestellt, den die Fachwissenschaft für Diamanten erklärte, so sah es wirklich schlimm für die ›richtigen‹ Diamanten aus ...

Der Menschenstrom trieb die kleine volle Gestalt des Doktors weiter, dem Ausgang zu. An der Fassade des Telegrammbureaus gegen die Avenue de la Victoire leuchteten schon neue Anschläge:

»Johannesburg, Südafrika, den 3. Die Mitteilung aus Frankreich erregt hier ungeheures Aufsehen. Man tröstet sich damit, daß Behauptungen wie die Monsieur Bignons schon oft aufgestellt wurden, ohne sich zu bewahrheiten. Aber die stets empfindliche Diamantenbörse reagierte sofort, indem Jaegersfontein um elf Punkte sanken, während de Beers ...«

Endlich konnte sich der Doktor aus der Umarmung der Hydra befreien. Er schöpfte tief Atem und schlenkerte dem Jardin Albert I. zu, den strahlenden Auslagefenstern der Herren Van Buren & Peereboom und Konsorten. Er ging langsam wie einer, der geht, um von einem zum Tode Verurteilten Abschied zu nehmen. Und er dachte, dachte ...

3

In den nächsten zwei Tagen liefen weitere Telegramme ein. Sie bestätigten nur das Bild, das die ersten Depeschen gegeben hatten: alle Diamantenpapiere der ganzen Welt rasselten sachte, aber sicher herunter. Am Morgen des dritten Tages faßte Doktor Zimmertür einen Entschluß: er telegraphierte seinem Freunde, dem Chefredakteur des ›Telegraaf‹ und bat ihn um die Vollmacht, als Korrespondent der Zeitung in dieser Frage aufzutreten.

Die Vollmacht traf am nächsten Tag ein. Gleichzeitig brachten die Morgenblätter die Mitteilung, daß ein Vertreter eines großen holländischen Diamantensyndikats in Nizza eingetroffen sei, um sich von dem Werte der Erfindung zu überzeugen und eventuell Monsieur Bignon das Patent abzukaufen. An den Börsen war eine Pause in der Baisse eingetreten, aber die Mitteilung von der Aktion des holländischen Syndikats rief eine sofortige Wirkung in Paris hervor: de Beers und Konsorten fielen durch die Bank um zehn bis zwanzig Punkte. Am selben Nachmittag begab sich Doktor Zimmertür in die Rue Bary.

Dort hatte Monsieur Bignon sein Laboratorium. Die Vollmacht von ›De Telegraaf‹ hatte nicht die Wirkung, die der Doktor erhofft hatte. Das Mädchen, das ihm öffnete, erklärte kurz und bündig, Monsieur Bignon sei in diesen Tagen zu beschäftigt, um alle Menschen zu empfangen, die kamen. In einigen Tagen – es war noch nicht bestimmt, wann – würde Monsieur Bignon sein Experiment in Anwesenheit einer Anzahl geladener Männer der Wissenschaft wiederholen. Zu dieser Vorführung würde auch die Presse Zutritt haben. Wenn Monsieur sich vorzumerken wünschte, stand es ihm frei.

Der Doktor schrieb seinen Namen auf eine Liste und wollte eben gehen, als ein Mann in mittleren Jahren den Kopf in das Vorzimmer hinaussteckte, um das Dienstmädchen zu rufen. Es war offenbar der Herr des Hauses. Keiner Zeitung war es gelungen, ein Bild von ihm zu publizieren – Monsieur Bignon verabscheute es angeblich, sich photographieren zu lassen. Man begriff dies besser, wenn man ihn sah, eine Schönheit konnte man ihn gerade nicht nennen. Er war klein und zottig wie ein Pudel, hatte zerstreute Augen und bemerkenswert kleine Hände mit bemerkenswert schwarzen Nägeln. Aber das kam vielleicht vom Beruf, dachte der Doktor kichernd. Als Beruf zu haben, Kohle in Diamanten zu verwandeln, mußte wohl ungefähr auf einer Stufe damit stehen, Lokomotivheizer zu sein.

Er blieb vor dem Hause stehen und sah es philosophisch an. Während er dies tat, kam ein Herr die Straße herauf. Er blieb vor Monsieur Bignons Haus stehen, klingelte an und wurde eingelassen. Und gegen die Erwartung des Doktors nicht wieder hinausgewiesen. Noch nach einer halben Stunde war er nicht herausgekommen. Offenbar hatte er triftigere Gründe für seinen Besuch als der Doktor, der doch als Vertreter der Weltpresse gekommen war. Und das interessierte den Doktor, denn der Herr, der eben jetzt auf Monsieur Bignons Zeit Beschlag legte, war kein anderer als Joost Everdingen, dessen Bekanntschaft er einige Tage zuvor gemacht hatte.

Was hatte der Mann mit dem assyrischen Bart mit Monsieur Bignon zu verhandeln? Kam er, um für seine Juwelen um Gnade zu bitten? Das konnte sich wohl kaum lohnen! Kam er, um über den Ankauf von Monsieur Bignons Erfindung zu unterhandeln? Das war möglich, ja sogar wahrscheinlich. In den Zeitungen hatte ja gestanden, daß ein holländisches Syndikat in dieser Angelegenheit einen Vertreter nach Nizza entsendet hatte. Allerdings hatten sie geschrieben, daß dieser Vertreter erst jetzt in der Stadt eingetroffen sei, während Herr Everdingen schon ziemlich lange in der Stadt weilte. Aber das brauchte nichts zu bedeuten. Er hatte eben inkognito da gewohnt, um entzückende Bekanntschaften zu pflegen. Wirklich entzückende Bekanntschaften, denen er sich doch weigerte, einen armseligen Ring für neunzigtausend Frank zu kaufen. Das heißt, er weigerte sich nicht direkt, ihn zu kaufen, er weigerte sich nur, ihn vor dem 19. ...

Warum hatte sich Herr Everdingen geweigert, den Ring vor dem 19. zu kaufen?

Die Frage konnte sinnlos erscheinen. Er weigerte sich ganz einfach, weil es ihm so paßte, oder weil es ihm Spaß machte, seine entzückende Bekannte in Spannung zu erhalten, oder weil er sehen wollte, ob sie ihn ›um seiner selbst willen‹ liebte. Davon wünschen sich ja Herren in seinen Vermögensverhältnissen beständig zu überzeugen. Alle diese Antworten waren ganz befriedigend. Aber es gab eine andere Antwort, die, wenn es sich um einen Herrn von seinem Typus handelte, noch befriedigender gewesen wäre.

Herr Everdingen konnte den Kauf aufgeschoben haben, um die Ware billiger zu bekommen!

Jawohl, um die Ware billiger zu bekommen. Das wäre die allernatürlichste Erklärung gewesen, wenn nicht eine Tatsache dagegen gesprochen hätte: Diamanten werden in vierzehn Tagen nicht billiger. Das heißt, in der Regel nicht. Augenblicklich bestand allerdings Aussicht, daß sie im Laufe dieser Zeit wesentlich billiger werden konnten – ja, ebenso billig wie Kiesel, wie die Zeitungen andeuteten. Und was war der Anlaß? Ja, daß Monsieur Bignon, mit dem Herr Everdingen eine Konferenz hatte, die nun schon über eine Stunde währte, eine kleine Erfindung gemacht hatte!

Hatte Herr Everdingen schon vorher um Monsieur Bignons Erfindung gewußt?

Als Diamantenhändler konnte er möglicherweise Gerüchte über das, was bevorstand, gehört haben. Aber glaubte er an diese Gerüchte? Ausgeschlossen! Dann würde er seiner Geliebten nicht versprochen haben, ihr am 19. einen Diamantring zu geben – dem Datum, an dem die Diamanten al pari mit Kieseln stehen würden, wenn die Erfindung sich bewährte! Das wäre doch ein allzu zweifelhaftes Cadeau für eine junge Dame, auf deren Freundschaft man Wert legt! Folglich mußte man wohl davon ausgehen, daß er nicht die leiseste Ahnung von der bevorstehenden Katastrophe hatte. Folglich war wohl sein Besuch bei dem Erfinder – er dauerte nun schon fast anderthalb Stunden – ein Geschäftsbesuch im Namen des holländischen Syndikats und nichts anderes.

Der Doktor zuckte bei einer plötzlichen Erinnerung zusammen. Was hatte Joost Everdingen ihr doch zu Anfang ihrer Begegnung gesagt? ›Ich werde dir ihn am 19. kaufen, wenn du ihn dann noch haben willst!‹ Das konnte ein Scherz sein, und er hatte auch selbst herzlich darüber gelacht. Aber es konnte auch etwas ganz anderes bedeuten – es konnte bedeuten, daß er die Katastrophe voraussah! Und was hatte er gesagt, als sie sich trennten und sie ihn fragte, ob er den Juwelier ersucht habe, den Ring bis zum 19. wegzulegen? Er hatte geantwortet: ›Nein, nur bis morgen! Sei ganz ruhig, mein Kind, das genügt vollkommen!‹

Das hatte er gesagt. Und am nächsten Morgen hatte der ›Eclaireur‹ die katastrophale Mitteilung publiziert, nach der man kaum einen Run auf Diamantringe zu befürchten brauchte! War das Zusammentreffen eigentümlich oder nicht?

Es war mehr als eigentümlich. Aber noch eigentümlicher war jedenfalls die Art, wie Joost Everdingen die Neuigkeit mitteilte, wenn er sie vorher geahnt hatte. Die Neuigkeit berührte ihn in seinem Lebensnerv, und nichtsdestoweniger hatte er aus vollem Halse gelacht, als er ihr gegenüber darauf anspielte! War er über den Gedanken an Geld so erhaben? Sein äußerer wie sein innerer Typ sprachen dagegen. Aber gab es irgendwelche Erklärungen für einander so widersprechende Tatsachen, wie daß Everdingen die Erfindung möglicherweise kannte, ihre Folgen voraussah und trotzdem hell auflachte?

Ja, es gab eine Erklärung, und sie blitzte dem Doktor plötzlich auf, während er das Haus in der Rue Bary betrachtete. Sie überwältigte ihn so sehr, daß er es kaum auf seinem selbstgewählten Posten aushalten konnte. Aber er harrte doch aus und hatte später das Vergnügen, Herrn Joost Everdingen, als er endlich nach einem zweistündigen Besuch das Haus des Erfinders verließ, unbemerkt zu begleiten. Everdingens Marschroute ging von einem Juwelenhändler zum andern. In einem Geschäft nach dem andern lauschte er teilnehmend den Klagechören, die sich nur mit der großen Trauer an der Mauer von Jerusalem vergleichen ließen. Und in jedem Geschäft ließ er sich für den 19. die feinsten Schmuckstücke reservieren.

Für einen Mann, der direkt von dem Vernichter der Diamanten kam, war das unleugbar eine eigentümliche Beschäftigung. Aber der Doktor glaubte die Erklärung dafür zu finden, als er am nächsten Morgen im ›Eclaireur‹ folgende Notiz las:

»Den definitiven Beweis für seine Behauptung, daß er beliebig große Diamanten herstellen kann, gedenkt Monsieur Bignon, unser berühmter Landsmann, Donnerstag, den 18. dieses, zu liefern, wie wir soeben erfahren. Das große Experiment wird in Anwesenheit von Professor Vernet, einer Anzahl anderer Gelehrter und Vertretern der Presse stattfinden.

Der Ausgang ist über jeden Zweifel erhaben, versicherte der Erfinder selbst unserm Vertreter mit einem Lächeln. Da das Experiment eine Zeit von ungefähr sechs Stunden in Anspruch nimmt, wird das Publikum erst am 18. spät abends das Resultat erfahren.

Wieviel wird Freitag, den 19., ein Koh-i-noor wert sein!«

Wieviel würde der Ring zu neunzigtausend Frank am 19. wert sein? Das war es, was der Doktor sich fragte. Und die übrigen Steine, die sich Herr Everdingen für diesen Tag hatte weglegen lassen! Eines war sicher, er wußte, was er jetzt selbst zu tun gedachte: er gedachte an seine Bank in Amsterdam zu telegraphieren, Donnerstag, den 18., alles anzubringen, was er von einer bestimmten Sorte Aktien auf dieser Welt sein eigen nannte.

Er tat es. Am nächsten Tage teilten die Zeitungen mit, daß der Vertreter des holländischen Diamantensyndikats, Herr Joost Everdingen, eine Abmachung mit Monsieur Bignon über den Ankauf des Patents seiner Erfindung getroffen hatte. Monsieur Bignon würde die Beschreibung seiner Methode in einem versiegelten Kuvert in einem Banksafe deponieren. Wenn das große Experiment gelang, würde das Syndikat sie ihm für eine Summe abkaufen, die nicht genannt wurde, aber sich mit mindestens acht Ziffern, in Gulden, schrieb.

Diese Mitteilung rief an den Börsen der ganzen Welt einen förmlichen Erdrutsch hervor. De Beers, Jaegersfontein, Griqualand, alle südafrikanischen Papiere fielen wie Papierdrachen bei Windstille. An der Pariser Börse tangierten de Beers den Tausender, nachdem sie noch vor zehn Tagen fünfzehnhundert gestanden hatten. Die Papiere der kleineren Aktiengesellschaften fielen noch tiefer. Donnerstag, den 18., telegraphierte der Doktor zur größeren Sicherheit noch einmal an seine Bank.

Und so kam der Tag vor dem Experiment.

4

Monsieur Bignon reichte einen Stahlzylinder hin und ließ ihn herumgehen, so wie ein Prestidigitateur seinen Hut herumgehen läßt, um zu demonstrieren, daß er leer ist. Die Anwesenden überzeugten sich, daß er leer war – diejenigen, die so nahe herankommen konnten. Denn das Laboratorium war gesteckt voll. Professor Vernet, ein ehrwürdiger Graukopf mit wallendem Bart, nahm den Ehrenplatz auf einem Fauteuil ein. Eine Anzahl anderer Gelehrter umgab ihn wie ein respektvoller Areopag. Den übrigen Teil des Zimmers nahmen die Journalisten ein. Da waren Korrespondenten der ›Times,‹ der ›Daily Mail‹, des ›New York Herald‹ und aller größeren französischen Zeitungen. Da war schließlich Doktor Zimmertür als Repräsentant des ›Telegraaf‹ und neben ihm ein jüngerer Herr, mit dem er hie und da einige Worte wechselte – wie die Preßkarte angab, der Vertreter des ›Allgemeen Handelsblad‹.

Nun räusperte sich Monsieur Bignon und hielt eine Ansprache:

»Bevor ich mein Experiment beginne, will ich jenen der Anwesenden, die sich möglicherweise noch nicht näher mit der Sache befaßt haben, erklären, um was es sich eigentlich handelt. Es handelt sich darum, Diamanten zu machen. Was sind Diamanten? Diamanten sind kristallisierte Kohle. Was ist erforderlich, um sie herzustellen? Dazu sind drei Dinge erforderlich: Kohle, Wärme und Druck. Auf diese Art hat die Natur sie hervorgebracht. Unter dem unerhörten Druck und der Hitze im Innern der Erde ist in fernen Zeitaltern Kohle, ganz gewöhnliche Kohle, wie wir sie alle aus unserer Kohlenkiste kennen, geschmolzen und zu blitzenden Diamanten kristallisiert worden. Diesen Prozeß gedenke ich nachzuahmen. Den Stahlzylinder, den ich eben herumgehen ließ, und der einen Druck von vielen hundert Atmosphären aushalten kann, gedenke ich mit einer Kohlenmischung zu füllen, die mein Geheimnis ist. Hierauf werde ich ihn in meinen speziell konstruierten Ofen legen, mit dem ich eine Temperatur von mehreren tausend Grad erreichen kann. Wenn ich den Zylinder wieder herausnehme, wird er einen Diamanten von mindestens sieben Karat enthalten. Dies ist meine Behauptung, und was ich Sie bitte, ist zu kontrollieren, ob es mir gelingt, sie zu beweisen oder nicht.«

Man applaudierte. Der Erfinder verbeugte sich lächelnd, aber sichtlich nervös. Der Korrespondent des ›Allgemeen Handelsblad‹ beugte sich zu Doktor Zimmertür vor und flüsterte:

»Welche Tasche?«

Doktor Zimmertür antwortete:

»Rechte Hosentasche, wenn ich nicht irre. Können Sie das deichseln?«

Sein Kollege nickte. Der Erfinder begann seine Ingredienzien zu mischen. Er stand an einem Tisch, unmittelbar vor Professor Vernet und den andern Gelehrten, die aufmerksam jede seiner Gebärden verfolgten. Rings um sich, auch auf seiner eigenen Seite des Tisches, hatte er die Journalisten. Das schien ihn nicht im geringsten zu genieren. Er lächelte nur affabel, wenn einer von ihnen zufällig an ihn anstieß. Mit ruhigen, beinahe mechanischen Handbewegungen wog er Dosis um Dosis pulverisierter Kohle ab. Nun schien er fertig zu sein, denn er sah sich nach dem Stahlzylinder um, der dazu bestimmt war, die Mischung aufzunehmen. Er lag etwas entfernt von ihm auf dem langen Tisch. Monsieur Bignon beugte sich über den Tisch vor, um den Zylinder zu erfassen, aber er lag nicht in seiner Reichweite. Es dauerte einen Augenblick, bis den Anwesenden klar wurde, was er wünschte. Dann streckten sich sofort ein halbes Dutzend Arme dienstfertig aus, um ihm zu helfen. Man hörte ein ›Pardon‹ vom Korrespondenten des ›Algemeen Handelsblad‹, der in der Eile an den Erfinder angestoßen war. Monsieur Bignon lächelte höflich zurück, nahm den Stahlzylinder, der an einem Ende offen war, demonstrierte noch einmal, daß er leer war und ließ dann langsam die vermischten Ingredienzien in sein Inneres verschwinden. Dann schraubte er den Deckel zu, so daß der Zylinder nun geschlossen war, öffnete das Türchen des elektrischen Ofens und sagte:

»Meine Herren, ich lege jetzt den Stahlzylinder hier hinein. Sie haben alle den Vorbereitungen zum Experiment beigewohnt. Es hieße ihre Geduld auf eine zu harte Probe stellen, wenn ich ihnen zumuten würde zu bleiben, bis das Experiment beendigt ist, denn das wird mindestens sechs Stunden dauern. Mißverstehen Sie mich nicht! Alle, die Lust haben, können bleiben. Aber die andern dürfen überzeugt sein, daß sie nichts versäumen, wenn sie erst um sechs Uhr nachmittag wiederkommen. Eine andere Sache ist, daß die notwendige Kontrolle ausgeübt werden muß. Wer will sie übernehmen?«

Es wurde beschlossen, die Kontrolle Professor Vernet und einem andern Herrn als Repräsentanten der Wissenschaft und den Korrespondenten der ›Times‹ und des ›Figaro‹ als Repräsentanten der Presse zu übertragen. Hierauf entfernte sich die große Masse der Journalisten und Gelehrten.

Unter denen, die gingen, war auch Doktor Zimmertür. Aber der Nachmittag war noch kaum halb vergangen, als er zurückkehrte. In seiner Gesellschaft befand sich noch immer der Korrespondent des ›Algemeen Handelsblad‹. War es ein Zufall, daß kurz vorher ein anderer Herr in das Laboratorium eingelassen wurde, ein Herr mit assyrischem Bart und assyrischen Augenlidern? Es war kaum ein Zufall, denn kaum war der Doktor in das Zimmer getreten, als er diesen Herrn mit einem strahlenden Lächeln begrüßte, sich an Professor Vernet wendete und sagte:

» Cher maître, wir sind vollzählig! Lassen Sie uns beginnen!«

Professor Vernet erhob sich ungestüm. Sein ehrwürdiges Greisengesicht war sehr blaß.

»Sie meinen wirklich,« stammelte er, »daß – daß ...«

»Ich meine,« erwiderte der Doktor und verriegelte die Tür, »daß Monsieur Bignon ein ausgezeichneter Taschenspieler ist, aber doch nicht so tüchtig in diesem Fache wie mein Freund hier« – er wies auf den Vertreter des ›Handelsblad‹. »Das wäre übrigens auch zuviel verlangt. Mein Freund hier, dem es gelungen ist, sich eine Korrespondentenkarte des ›Handelsblad‹ zu verschaffen, ist kein anderer als Caesar Leoncini – aber Sie kennen doch alle Leoncini, den König der Zauberkünstler!«

Monsieur Bignon, die zwei Korrespondenten und Joost Everdingen starrten alle wie hypnotisiert den kleinen Doktor an. Eine Serie von Ausrufen ertönte:

»Leoncini! War hier falsches Spiel?«

»Was sagt er da?«

»Wie sind Sie hereingekommen? Wer sind Sie überhaupt? Antworten Sie!«

Dieser letzte Ausbruch kam von Everdingen und war an den Doktor gerichtet. Dieser erwiderte ihm mit unbeirrbarer Liebenswürdigkeit:

»Ich bin in ganz erlaubter Absicht hergekommen, Herr Everdingen, ich wüßte gern, ob man von Ihnen dasselbe behaupten kann!«

Neue Ausrufe ertönten von dem Diamantenhändler, von dem Erfinder, von den Zeitungsleuten. Der Doktor wartete, bis die Erregung sich etwas gelegt hatte, dann rief er:

»Meine Herren, darf ich Sie um Ruhe bitten! Wenn Sie mir versprechen zuzuhören, kann ich Ihnen eine der seltsamsten Geschichten garantieren, die Sie je vernommen haben. Ich habe Professor Vernet meine Referenzen gegeben, er kann Ihnen sagen, daß ich ein ehrlicher Mann bin.«

Der alte Gelehrte neigte bestätigend den Kopf als Antwort auf die Fragen der Korrespondenten:

»Er hat mir Referenzen meiner hochgeschätzten Kollegen, der Professoren Gabriel Bonvalot und Hippolyte Beauchamps, beide Mitglieder der französischen Akademie, gegeben. Sie bezeugen, daß er ein hochgeachteter Gelehrter in seinem Heimatland ist. Aber daß ich, ich Lucien Vernet, mich zweimal von einem Betrüger hinters Licht führen lasse, und mich für eine Erfindung verbürge, die ...«

»Beruhigen Sie sich, cher maître!« sagte der Doktor. »Nichts ist verzeihlicher. Natürlich sollte man Erfinder geradeso wie spiritistische Medien einer Leibesvisitation unterziehen.« Er wendete sich an die Korrespondenten. – »Sie, meine Herren, wissen jetzt, wer ich bin. Hören Sie nun die Geschichte, die ich Ihnen versprochen habe! Vor ein paar Monaten kam Herr Joost Everdingen, Diamantenhändler aus Amsterdam, nach Nizza. Irgendwie hörte er von einem Erfinder, einem Monsieur Bignon, der sich jahrelang mit dem Problem, Diamanten zu machen, beschäftigt hatte. Eines Tages kam ihm eine geniale Idee. Wenn sich plötzlich das Gerücht verbreitete, daß Monsieur Bignon Erfolg gehabt hatte, und wenn dieses Gerücht von verantwortlicher Seite bestätigt wurde, wie würde es dann den Diamantenpapieren an der Börse und den Diamanten in den Geschäften ergehen? Eine Baisse in beiden, wie die Welt ihresgleichen nie gesehen, mußte die Folge sein. Er entwickelte Monsieur Bignon seinen Plan, und nach entsprechendem Zögern ging Monsieur Bignon darauf ein. Die Kunst war, ein geglücktes Experiment durchzuführen und es sich bestätigen zu lassen. Die erstere Kunst erlernte Monsieur Bignon dank einer natürlichen Fingerfertigkeit sehr leicht. Die zweite Schwierigkeit wurde dadurch behoben, daß Professor Vernet gerade an der Riviera weilte und ...«

»Und alt und blind war wie eine Eule,« ergänzte der Genannte mit bitterer Stimme.

»Keine Ursache, maître, keine Ursache! Nun wohl, das Experiment wurde gemacht und für gelungen erklärt. Die Telegramme gingen durch die ganze Welt, die Börsen erbebten, und die Diamantenhändler waren schreckgelähmt – aber nicht genug für Herrn Everdingens Pläne! Er wollte den großen Coup seines Lebens machen, einen Coup, der nie vergessen werden sollte, wenn die Welt auch nicht erfuhr, daß er ihn gemacht hatte – und was bisher geschehen war, war nur ein Vorspiel dazu. Er ließ die Zeitungen verkünden, daß ein neues entscheidendes Experiment heute, den 18., stattfinden sollte. Morgen, den 19., würde er seinen großen Schlag führen, nachdem die Kunde durch die Welt gegangen war, daß das neue Experiment gelungen war und die Diamanten ausgespielt hatten. Sie fragen sich vielleicht, wie Herr Everdingen im vorhinein wissen konnte, daß das Experiment gelingen würde! Das will ich Ihnen sofort sagen! Herr Everdingen konnte es wissen, weil er Monsieur Bignon eigenhändig mit einem ungeschliffenen Diamanten von sieben Karat versehen hatte. Diesen Diamanten in die Kohlenmischung zu schmuggeln, mit der er den Zylinder füllte, war Monsieur Bignons Aufgabe. Auf diese Weise war man sicher, alle Enttäuschungen zu vermeiden! Monsieur Bignon fädelte die Sache sehr fein ein. Er ließ die Zeugen des Experiments sich so um ihn drängen, daß der eine dem andern die Aussicht verstellte, und im entscheidenden Moment lenkte er die allgemeine Aufmerksamkeit von seiner rechten Hand ab, indem er die linke nach seinem patentierten Stahlzylinder ausstreckte. Während man ihm half, ihn zu ergreifen, ließ er Herrn Everdingens Diamanten in die Kohlenmischung verschwinden – das heißt, so glaubte er, aber da irrte er sich! Eine Sekunde zuvor hatte mein Freund Leoncini, der angebliche Korrespondent des ›Handelsblad‹ Herrn Everdingens Diamanten mit einem andern vertauscht, den ich für schweres Geld erstanden hatte und der den Vorteil besitzt, in unzweideutiger Weise markiert zu sein. Woher ich wußte, wo sich der Diamant befand? Nach Monsieur Bignons vielen nervösen Gesten war es unverkennbar, daß er in seiner rechten Hosentasche lag, und ...«

Hier unterbrach ihn ein Aufbrüllen des Erfinders:

»Er lügt! Er beschuldigt mich in demselben Atemzug, in dem er selbst gesteht, falsches Spiel mit mir getrieben zu haben!«

»Lieber Freund,« sagte der Doktor, »wenn Sie wünschen, wollen wir mit Vergnügen bis heute abend warten und sehen, ob Ihr Experiment gelungen ist. Ich erhebe nur auf einen Diamanten Anspruch, den, der meine Initialen trägt. Alle, die Sie selbst erzeugt haben, mögen Sie behalten!«

Der Erfinder starrte ihn an, Mord in den Augen. Joost Everdingen erhob sich.

»Ich habe den freien Phantasien eines mir unbekannten Menschen zugehört,« sagte er. »Das einzig Wahre daran ist, daß ich an Monsieur Bignons Erfindung glaubte und daß ich mich offenbar getäuscht habe. Monsieur Bignon, Sie haben sehr schlecht an mir gehandelt. Sie haben mein Vertrauen mißbraucht!«

»Nicht so sehr, als Sie das seine mißbraucht haben würden, wenn Sie Gelegenheit dazu gehabt hätten!« gluckste der Doktor. »Morgen, wenn die ganze Welt unter dem Eindruck des Rapports aus dem Laboratorium erzittert wäre, beabsichtigten Sie, so viele Diamantenaktien, als Ihre Mittel gestatteten, aufzukaufen – und übermorgen, wenn Monsieur Bignon seinen Anteil verlangt haben würde, hätten Sie ihn öffentlich beschuldigt, bei dem Experiment geschwindelt zu haben. Es zu beweisen, wäre leicht gewesen, denn wie hätte Monsieur Bignon sein Experiment wiederholen können, ohne Ihre ungeschliffenen Diamanten zur Verfügung zu haben? Im selben Augenblick wären Ihre neuerworbenen Papiere um hundert Prozent gestiegen, und Sie wären Ihre Schuld an Bignon los gewesen! Aber genug davon, was Sie zu tun gedachten! Hören Sie jetzt, was Sie tun werden! Sie fragen sich vielleicht, warum die Polizei nicht hergerufen wurde? Ausschließlich Professor Vernet zuliebe. Er soll nicht in diese ganze Sache hineingezogen werden. Aber ein Protokoll über das, was wirklich vorgegangen ist, wird aufgesetzt und von sämtlichen Anwesenden unterfertigt werden, und sollte Sie je die Lust anwandeln, Revanche zu nehmen, wird es sofort veröffentlicht werden. Haben Sie verstanden?«

Der Diamantenhändler sah seinen kleinen Gegner mit glühenden Pupillen an.

»Und wenn ich mich nicht füge?« zischte er.

»So publizieren wir den ganzen Bericht schon jetzt, und Sie werden die Folgen zu tragen haben – Herr Max Meyer!«

Der Mann mit der Nebukadnezarmaske schwieg lange. Endlich sagte er:

»Es würde mich wirklich interessieren zu wissen, welchen Anlaß Sie hatten, sich in diese Sache zu mischen, Sie ... Sie ...«

»Verfluchter Saujud!« ergänzte der Doktor dienstfertig. »Ich hatte denselben Anlaß wie gewisse meiner Vorväter, die prophetische Gaben hatten. Wenn sie vor die Könige in Assur hintraten, deren Bart Sie so geschickt kopieren, war es, um zu sagen: ›Gib das Volk frei, Herr König, denn es klagt in der Gefangenschaft!‹ Dasselbe sage ich! Durch siebzehn Tage ist die Klage meines Volkes aus Juweliergeschäften und Pfandleihanstalten aufgestiegen, durch Ihre Schuld, Herr Everdingen, und wäre ich nicht auf den Plan getreten, wie würden sie erst morgen, den 19., gejammert haben! Ich trat auf den Plan, und morgen werden die Tränen meines Volkes gestillt sein und sein Wehklagen wird verstummen!«

»Sie traten auf den Plan!« zischte der Mann mit dem Bart. »Allerdings! Aber ich glaube nicht, daß Sie das gehindert hat, in der Zwischenzeit auf Kosten Ihres Volkes an der Börse zu spekulieren, Sie ...«

»Ganz richtig!« räumte der Doktor mit einem Kichern ein. »Ich werde morgen um diese Zeit einiges verdient haben, und unleugbar auf Kosten meiner Brüder! Aber so ist es immer bei uns gewesen – und übrigens bleibt es ja in der Familie! Aber nun wollen wir zusehen, daß dieses Protokoll geschrieben und unterzeichnet wird.«

5

Am nächsten Morgen brachten die Zeitungen der ganzen Welt ein Telegramm, in dem mitgeteilt wurde, daß Monsieur Bignons Stahlzylinder, als er am Vortag versuchte, einen Diamant größeren Kalibers herzustellen, in die Luft geflogen war.

»Offenbar,« schrieben einige von ihnen unter der Rubrik ›Explodierte Erfindung‹, »können die Diamantenhändler einstweilen noch ruhig schlafen.«

Am selben Abend empfing Fräulein Rachel Roustan vom Alcazar ein Etui mit dem Ring, den sie vor siebzehn Tagen so lebhaft bewundert hatte. Aber auf der Visitenkarte stand nicht: Max Meyer, sondern: ein anonymer Bewunderer; und sie ahnte nicht im allerentferntesten, daß der anonyme Bewunderer – der den Ring vorsichtsweise gekauft hatte, bevor das oben erwähnte Telegramm in die Welt hinausging – mit einem Herrn im ersten Parkett identisch war, der vergeblich bemüht war, ihre Aufmerksamkeit auf seine rundliche kleine Person zu lenken, und mit einem Seufzer ging, als dies nicht gelingen wollte.

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