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Dr. Zimmertürs Ferienabenteuer

Frank Heller: Dr. Zimmertürs Ferienabenteuer - Kapitel 3
Quellenangabe
authorFrank Heller
titleDr. Zimmertürs Ferienabenteuer
publisherGrethlein & Co.
year1929
translatorMarie Franzos
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Der verzauberte Prinz

1

An diesem Tage war Jonkheer van Blaringhem in Gesellschaft, als er gegen sechs Uhr in dem Apéritiflokal Doktor Zimmertürs in Mentone auftauchte. Mit ihm war ein junger Mann von 27 bis 28 Jahren, mit blank-schwarzem, in der Mitte gescheiteltem Haar und sittsam gesenkten Augen. Der Doktor rubrizierte ihn sofort als französisches Familiensöhnchen. Aber es zeigte sich, daß er ein waschechter Holländer war, wenn auch sein Name aus der spanischen Zeit der Niederländer stammte. Was seine Stellung im Leben betraf, so stimmte die Diagnose des Doktors hingegen vortrefflich; der junge Villarey war der beneidenswerte Besitzer eines soliden, ererbten Einkommens, und in allerletzter Zeit hatte er seine soziale Distinktion durch den Ankauf einer Villa an der Riviera noch gesteigert. Villenbesitzer an der Côte d'Azur zu sein, ist bekanntlich ein unfehlbarer Beweis, daß man zum Salz der Erde gehört. Vielleicht bemerkte er das ironische Aufleuchten in den Augen des Doktors, als dieser ihm gratulierte, denn er beeilte sich zu betonen, daß nicht alles Gold ist, was glänzt.

»Man sollte sich immer erst vergewissern, was für Nachbarn man bekommt, bevor man sich hier eine Villa kauft,« fuhr er fort. »Aber das vergißt man.«

»Nein so etwas!« rief der Doktor mit seinem mitleidigsten Tonfall. »Wirklich?«

Der frischgebackene Grundbesitzer erklärte errötend:

»Ich meine, ich vergaß es, und jetzt habe ich diesen Fabiano auf dem Halse. Das –« er suchte nach Worten, »– ist kein Vergnügen, kann ich Ihnen sagen!«

Er sah den Doktor zustimmungsheischend an, und dieser verbannte fast alle Ironie aus seiner Stimme und seinen Augen, als er erwiderte:

»Lieber Herr Villarey, ich meine, dies, Hausbesitzer im Paradies zu sein, könnte einen mit so ziemlich allem auf Erden versöhnen. Das meinen Sie vermutlich auch. Aber Sie machen es wie die chinesischen Mütter, wenn sie von ihren Kindern sprechen. Sie haben Angst, den Neid der Dämonen der Luft und des Wassers herauszufordern, und darum setzen sie ihr Eigentum herab!«

»Sie kennen Fabiano nicht!« protestierte der junge Mann. »Wenn Sie ihn kennen würden, würden Sie einsehen, daß gar nicht soviel nötig ist, um das Paradies in eine Hölle zu verwandeln.«

»Das Paradies hat ja immer die Hölle zum Nachbarn gehabt, wie die Theologen sagen,« wandte der Doktor ein. »Und gewisse Kirchenväter behaupten, daß der Anblick der Leiden der Verdammten die größte Wollust der Seligen ist.«

»Das ist ein schwacher Trost für die Verdammten,« beharrte Villarey. »Ich bin kein Theologe, und ich bin auch nicht literarisch, aber ich glaube, irgendein Franzose hat gesagt: ›Hüten Sie sich vor einem Mann, der nur eine Idee hat‹.«

»Das war Napoleon!« stellte Herr Blaringhem fest, indem er sich plötzlich in das Gespräch mischte. »Es muß Napoleon gewesen sein. Kellner, drei Cocktails!«

»Mein Nachbar, Herr Fabiano, hat nur eine Idee,« fuhr van Blaringhems junger Freund immer eifriger fort, »und diese Idee heißt Fabiano. Er ahnt nicht, daß es noch andere Menschen auf der Welt gibt. Ich versichere Ihnen, Doktor, er ahnt es einfach nicht!«

»Ich glaube Ihnen schon,« murmelte der Doktor. »Es ist kein so seltener Typus, der Typus Fabiano. Er ist es, der nach dem Glauben der Buddhisten bis in alle Ewigkeit mit dem Rad der Dinge kreisen wird. Bis wir nicht gelernt haben, jedes erschaffene Wesen, und sei es uns noch so widerwärtig, anzusehen und zu uns selbst zu sagen: › tat twam asi – das bist Du – früher,‹ sagt Buddha, werden wir nicht von dem Fluch der Wiedergeburt befreit sein.«

»Wiedergeburt?« rief Villarey. »Ich hätte wahrhaftig nichts dagegen, wenn Fabiano sofort wiedergeboren würde! Hören Sie? Sofort! Meinetwegen kann er weiter mit dem Rad der Dinge kreisen, solange er will, wenn es nur nicht in meiner Nähe geschieht. Ich bin überzeugt, das Rad der Dinge kann denen, die in der Nähe wohnen, nicht mehr Unbehagen verursachen als er seinen Nachbarn!«

»Was ist es denn?« erkundigte sich der Doktor lächelnd. »Teppichklopfen? Klavierspielen? Lautsprecher?«

»Das wäre ja gar nichts,« rief sein junger Landsmann. »Derlei ist man ja ausgesetzt, wo man auch wohnt. Aber den wenigsten Menschen würde es doch einfallen, eine Garage zu bauen, die zur Hälfte in Ihren Speisesaal hineingeht! Und wenn, so würden sie Sie doch wenigstens vorher verständigen!«

»Eine Garage, die in Ihren Speisesaal hineingeht?« wiederholte der Doktor. »Was meinen Sie?«

»Wenn ich übertreibe, dann jedenfalls nicht sehr,« versicherte Villarey. »Sein Grund geht bis zu meinem Giebel, der so eine Art Feuermauer ist. Ursprünglich hat eine Zwillingsvilla neben der meinen gelegen, aber der frühere Besitzer ließ sie niederreißen und legte auf dem Grund einen Garten an. Als ich meine Villa kaufte, grenzte sie an einen Park mit Palmen und Mimosen. Nun hat Fabiano angefangen, die Palmen in der einen Hälfte des Parks zum Fällen zu markieren. Und wenn genügend viele gefällt sind, gedenkt er Wand an Wand mit meinem Speisesaal eine Garage zu bauen. Das kann gemütlich werden, was? Aber nicht genug damit. Meine Mauer soll zur Hälfte auf seinem Grund stehen, und er gedenkt sie als die eine Wand seiner Garage zu verwenden! Sein Baumeister hat bereits begonnen, die Mauer abzuklopfen, um zu sehen, wie solid sie ist! Heute um sechs Uhr früh wurde ich von den Hacken und Spaten der Arbeiter geweckt und habe schon ge-geglaubt, die Welt ge-geht unter!«

Er stotterte vor Erregung. Der Doktor rief:

»Aber das ist ja unerhört! Wie darf er so etwas?«

»Das weiß ich nicht, aber fo-formell hat er sicher das Recht zu tun, was er will.«

»Wer ist er?« fragte der Doktor. »Wie sieht er aus?«

»Er ist Rentier, natürlich, wie alle Menschen in diesem Lande,« antwortete der junge Villarey mit nicht besonders logischer Überlegenheit. »Wie er aussieht? Er ist ein kleiner dicker Stöpsel von fünfzig Jahren, und er hat solche rote Augen – wie heißen sie doch? Albinoaugen – genau wie ein Kaninchen. Man sollte nicht glauben, daß ein solcher Mensch Anlaß hätte, eitel zu sein! Aber er ist es! Ich habe mit meinen eigenen Augen gesehen, daß er mindestens zweimal die Woche zum Coiffeur rennt, um sich frisieren zu lassen! Was sagen Sie dazu?«

Der Doktor schüttelte betrübt den Kopf über diesen Beweis menschlicher Eitelkeit. Das Gespräch wendete sich andern Themen zu. Es kam zur Sprache, daß der junge Villarey persische Miniaturen sammelte und ganz kürzlich eine Prachtausgabe von Tausendundeine Nacht aufgestöbert hatte.

»Tausendundeine Nacht ist ein bewunderungswürdiges Buch,« sagte Doktor Zimmertür träumerisch. »Es hat dreißig Generationen gefesselt und wird noch hundert fesseln. Jahr für Jahr wird es in größeren Auflagen verkauft als irgendeines der neuen Succèsbücher des Jahres. Und nicht am wenigsten merkwürdig ist, daß es tiefere Wurzeln in der Wirklichkeit hat, als man glauben sollte!«

»Hahaha!« lachte van Blaringhem und schlug sich auf die Knie, so daß es dröhnte wie ein Pistolenschuß. »Doktor Zimmertür glaubt an Sindbad den Seefahrer! Doktor Zimmertür glaubt an Ali Baba und die vierzig Räuber!«

»Sie sch-scherzen, Doktor!« stammelte der junge Villarey. »Wurzeln in der Wirklichkeit! Können Sie mir vielleicht die Adresse des Vogels Rock geben? In diesem Falle würde ich ihn gleich auf meinen N-nachbarn hetzen! Oder w-wissen Sie, wo ich Aladdins Geist treffen kann? Ich könnte ihn vielleicht dazu bringen, Fabianos Garage ebenso rasch niederzureißen, als er sie aufbaut!«

»Ich habe nun eigentlich gerade nicht an den Vogel Rock gedacht,« lächelte der Doktor. »Obgleich man ja die Vermutung ausgesprochen hat, daß der Vogel Rock mit den ausgestorbenen Riesenvögeln auf Madagaskar identisch war – Aepyornis gigas. Daß der Vogel Rock gerade auf Madagaskar sein Unwesen trieb, erzählt kein Geringerer als Marco Polo. Nein, ich dachte weniger an solche Details als beispielsweise an all die Erzählungen von versteinerten Prinzen und Prinzessinnen. Was ist eine solche Verhexung anderes, als was wir heutzutage eine fixe Idee nennen, eine Suggestion oder eine Hypnose? Reden Sie einem Hypnotisierten ein, daß er keinen Muskel rühren kann, und er kann es nicht! Er ist ebenso petrifiziert wie nur irgendein Prinz in Tausendundeine Nacht. Aber eine Hypnose dauert nicht lange an, sagen Sie! Nein, allerdings nicht. Wohl aber eine Selbsthypnose. Es ist für den Patienten ebenso schwer sie zu überwinden, wie über seinen eigenen Schatten zu springen. Er glaubt, daß er nicht kann, und er kann nicht. Er ist ebenso versteinert wie der Prinz von den Elfenbeininseln.«

»Hm!« sagte van Blaringhem.

»Ich bin überzeugt, daß der Doktor recht hat,« versicherte Villarey. »Aber sagen Sie mir, Doktor, wo gibt es einen Zauberer, der Fabiano eine solche Behandlung angedeihen lassen kann? Wenn er von der Mitte abwärts versteinert wird, kann er nicht Auto fahren, und kann er nicht Auto fahren, so braucht er keine Garage. Sie verstehen meinen Gedankengang.«

»Es bedarf dazu keines Zauberers,« sagte der Doktor lachend. »Sie können sicher sein, daß Ihr Freund Fabiano ebenso versteinert ist wie der Prinz, von dem ich sprach. Die meisten von uns, die die erste Jugend hinter sich haben, sind es. Unser Seelenleben verkalkt um die Wette mit unsern Adern. Wir sitzen da wie Memnonssäulen, den Blick auf das Verflossene gerichtet, und jeden Morgen und jeden Abend lassen wir unsere Klagelieder zur Erinnerung an etwas ertönen, das gewesen war und nicht mehr ist. Es ist für uns heilig, es ist Tabu, und man darf sich ihm nur unter den Zeremonien nähern, die etwas, das Tabu und heilig ist, gebühren.«

»Es ist möglich, daß er versteinert ist,« gab Villarey zu, »aber nicht in dem Grade, wie ich es wünschen würde. Ich habe an seiner Petrifizierung keine Freude, solange sie ihn nicht verhindert, Auto zu fahren. Hätten Sie mir dabei helfen können – das hat mir nämlich Jonkheer van Blaringhem vorgespiegelt – er behauptete nämlich, Sie wüßten für alles Rat, aber ...«

Er unterbrach sich und blickte melancholisch zu Boden. Der Doktor gluckste wie eine Henne, die ein Ei gelegt hat.

»Was Jonkheer van Blaringhem versprochen hat, muß ich mich wohl bemühen zu halten! Ich besuche Sie morgen und schaue mir Ihren Quälgeist an.«

»Kommen Sie lieber heute abend,« bat Villarey. »Ich habe ihn manchmal abends in seinem Garten gesehen, und ich sage Ihnen, das ist ein sehenswürdiger Anblick! Und heute abend ist Mondschein.«

»Was tut er denn, wenn es Mondschein ist? Tanzt er zu Ehren Dianas? Oder macht er ihr schmähliche Vorschläge wie seinerzeit Caligula?«

»Kommen Sie, dann werden Sie schon sehen!« ermahnte ihn Villarey lakonisch.

Und damit ging er.

2

Es war etwas nach neun Uhr, als der Doktor an der Villa klingelte. Über den Landspitzen gegen Italien lag ein pinienblauer Nebelhauch, und in seinem feuchten Dunkel wuchs langsam eine rote Riesenblume heran: der Mond stieg über die Gestade empor, an denen er seit alters her mit unumschränkter Macht herrscht, und das Mittelmeer breitete grüßend einen roten Thronteppich über seine Wellen.

Die Tür zur Villa wurde von dem Besitzer selbst geöffnet. Er führte den Doktor sogleich in den Garten hinaus.

»Ich habe den Kaffee draußen servieren lassen,« sagte er. »Der Abend ist ja warm genug, oder was meinen Sie, Doktor?«

Der Abend war so vollendet schön, wie es nur ein südländischer Abend und südländische Schönheit sein kann, vollendet bis in die kleinste Einzelheit, betäubend, beinahe überwältigend.

»Und dann können wir uns meinen geschätzten Nachbar ansehen, ohne uns genieren zu müssen,« fügte der junge Villenbesitzer im Flüsterton hinzu. »Wir dürfen nur nicht zu laut sprechen.«

»Hat – hm – die Vorstellung schon begonnen?« fragte der Doktor und schüttelte van Blaringhem die Hand.

»Nein,« antwortete der Gastgeber. »Welcher Likör ist Ihnen gefällig?«

»Bitte Kakao,« sagte der Doktor, der seiner Rasse gemäß ebenso eingenommen für Süßigkeiten war wie ein junges Mädchen.

Drei Zigarren glühten um die Wette. Der Mond stieg langsam höher und höher und warf zackige Lichtgürtel durch die Palmenkronen. Villarey erhob sich und verschwand zu einer Laube, die im Schatten lag.

»Nein, er hat noch nicht angefangen,« sagte er bei seiner Rückkehr. »Aber jetzt kann es nicht mehr lange dauern.«

Es verging eine halbe Stunde, aber als er wieder von einer Wanderung zur Laube zurückkehrte, hatte er nur dieselbe Mitteilung zu machen.

»Er ist nicht zu sehen! Das kann ich nicht begreifen. Bei dieser Beleuchtung!«

Er trank ungeduldig sein Likörglas aus. Das Gespräch stockte. Während der Mond stieg und stieg, fragte sich der Doktor, was für eigentümliche Dinge es sein konnten, denen der unbekannte Fabiano sich um diese Zeit in seinem Garten hingab. Dieser Garten war gegen die Straße zu durch eine hohe Mauer geschützt, und eine ähnliche Mauer bildete die Grenze zu Villareys Besitzung. Er konnte sich folglich ganz ungeniert fühlen. Aber was in aller Welt konnte ein fünfzigjähriger Mann in seinem Garten um – der Doktor sah auf seine Uhr – halb elf Uhr abends allein treiben? Ein heiseres Flüstern riß ihn aus seinen Grübeleien: der junge Villarey hatte einen dritten Ausflug zur Laube unternommen, und dieses Mal offenbar mit größerem Erfolg. Seine Gäste erhoben sich rasch und folgten ihm auf den Zehenspitzen.

In der Laube sahen sie, daß drei kurze Leitern an die Mauer zum Nachbargarten gelehnt waren. Zweige und Blätter waren vorsorglich zur Seite gebogen, und mit ein wenig gutem Willen hatte man freien Ausblick. Sie beeilten sich jeder eine Leiter zu erklettern und legten das Auge an das Guckloch.

Was sie sahen, war vorerst nicht sonderlich auffallend. Sie sahen einen blühenden Garten, dessen Palmen und Mimosen so hoch und zahlreich waren, daß sie die Aussicht auf Monsieur Fabianos Villa ganz verdeckten. Ferner sahen sie einen dicken, ältlichen Herrn, der auf einem Rasenplan saß und zu dem gelben Trabanten der Erde emporstarrte. Aber als sie näher zusahen, fiel ihnen etwas Sonderbares auf: der ältere Herr saß nicht wie die meisten Menschen seines Alters gesessen wären. Er hockte, wie Jungen es zu tun pflegen, seine fetten Beine waren unter ihm eingebogen, und seine prallen Knöchel ruhten auf der Rasenfläche. Der Hals war vorgestreckt, der Mund stand halb offen, und die Augen, die den Mond anstarrten, waren so blank und leer wie zwei Spiegel.

»Ist er das?« fragte der Doktor.

»Ja!« nickte sein Gastgeber.

»Was um Himmels willen treibt er da?« murmelte van Blaringhem. »Er sieht ja aus wie ein Schnelläufer, der gerade starten will!«

»Pst!« ermahnte der Hausherr. »Stören Sie ihn um Gottes willen nicht!«

Der Doktor rieb seine krumme Nase so eifrig, als gälte es, sie um jeden Preis blank zu polieren; das war eine seiner Methoden, die Denktätigkeit anzuregen.

»Still!« mahnte der junge Villarey noch einmal. »Jetzt geht es los!«

Er hatte recht; die Vorstellung begann, und es war eine der seltsamsten Vorstellungen, die der Doktor je miterlebt hatte. Plötzlich ging es wie ein Ruck durch Monsieur Fabianos Glieder, und ehe die Zuschauer es sich versahen, begann er sich in kleinen kurzen Sätzen über den Rasen fortzubewegen. Die ganze Schwere seines rundlichen Körpers ruhte auf den Knöcheln und Zehen. Sein Mund, der früher halb offen gestanden hatte, war nun geschlossen, aber die Lippen bewegten sich ununterbrochen, so als ob sie etwas kauten. Dabei gingen die Sprünge immer weiter. Sie bewegten sich nicht in gerader Linie, sondern in einem Kreise mit einem Durchmesser von ungefähr fünf Metern. Als der Doktor den Mittelpunkt dieses Kreises suchte, fand er ihn in einem einsamen Rosenstrauch, schwer von duftenden Blüten. Um diesen Strauch hopste Monsieur Fabiano in Kreisen, die immer enger und enger wurden und schließlich zu dem Strauche hinführten. Dort angelangt, näherte er das Gesicht den taubesprengten Rosen, rieb sich daran und bohrte plötzlich den ganzen Kopf in den Strauch – um ihn gleich darauf mit einem sonderbar heiseren Schrei zurückzuziehen. Offenbar hatte er sich an den Dornen gestochen, die nun einmal auch von den schönsten Rosen unzertrennlich sind. Eine Weile blieb er wie betäubt sitzen. Die Beschauer konnten deutlich hören, wie ein leises, glucksendes Schluchzen sich den Weg aus seiner Kehle bahnte. Dann hüllte sich der Mond in eine Wolke. Als er wieder über die blauen Tiefen des Nachthimmels segelte, war Monsieur Fabiano auf dem Wege zu seiner eleganten Villa, deren Giebel weiß zwischen den Baumkronen leuchtete. Er ging hastig und hochaufgerichtet, aber sein Kopf war gesenkt, als wäre er von wichtigen geschäftlichen Erwägungen in Anspruch genommen und hätte es sehr eilig.

Die drei Spione kletterten von ihren Leitern herunter und sahen sich mit Gesichtern an, die sie nicht einmal zu beherrschen versuchten.

»Was sagen Sie, Doktor?« rief der junge Villarey.

»Wie ein Frosch! Wie ein Frosch!« rief Herr van Blaringhem. »Ein Mann in seinem Alter! Nein, in meinem Leben ...«

»Und es ist nicht das erstemal, daß Sie dies sehen?« fragte der Doktor.

»Das erstemal? Es ist – lassen Sie mich mal sehen – es ist das dritte- oder viertemal. Nun, was sagen Sie?«

»Ich sage, eines ist außer jedem Zweifel. Ihr Nachbar ist einer jener verzauberten Prinzen, von denen wir heute nachmittag sprachen. Wenn Sie nur das Zauberwort kennen würden, könnten Sie ihn zu allem Erdenklichen zwingen!«

»Wenn Sie mir das Wort sagen können, Doktor, so weiß ich schon, was ich zu tun habe.«

»Wie ein Frosch!« wiederholte van Blaringhem noch einmal. »Ein Mann in meinem eigenen Alter hopst im Mondschein herum wie ein Frosch.«

»Sind Sie so sicher, daß das einen Frosch vorstellen sollte?« fragte der Doktor.

Jonkheer van Blaringhem starrte ihn mit offenem Munde an.

»Sie meinen, daß das etwas vorstellen sollte?« fragte er mißtrauisch.

»Natürlich! Denken Sie vielleicht, daß so etwas zufällig vor sich geht? Ich versichere Ihnen, eine Vorstellung wie diese hier ist von einem strengeren Regisseur inszeniert, als je irgendein Theater gehabt hat. Jeder Effekt, von Anfang bis zu Ende, hat seinen Sinn. Da ist keine überflüssige Geste, kein überflüssiges Wort!«

»Mit Worten war er ja nicht sehr freigebig,« sagte Villarey. »Der einzige Laut, den er von sich gab, klang wie eine Art Gemisch aus Lachen und Weinen.«

»Was für eine Bedeutung kann es haben, worauf ein Tollhäusler verfällt?« rief van Blaringhem. »Gar keine! Das werden Sie mir nicht einreden!«

»So?« sagte der Doktor kalt. »Glauben Sie, daß die Sonne zufällig auf und unter geht! Glauben Sie, daß der Apfel zu Boden fällt, weil er Lust hat? Das glauben Sie nicht! Aber Sie glauben, daß das, was in Ihnen vorgeht, zufällig vorgeht! Ich versichere Ihnen, daß Sie im Irrtum sind. Das hängt ebensowenig von einem Zufall ab, als das, was Monsieur Fabiano heute in seinem Garten trieb, von einem Zufall abhing – und das will nicht wenig besagen. Sie nennen ihn einen Tollhäusler und glauben die Sache damit erklärt zu haben. Ich will einen Eid darauf ablegen, daß er nicht verrückt ist. Aber wenn ich erklären soll, was in ihn gefahren ist, kann ich bis auf weiteres nichts anderes sagen, als daß er verzaubert ist – verzaubert wie der Prinz von den Elfenbeininseln!«

Er verstummte. Seine beiden Freunde sahen ihn mit einem Ausdruck an wie erwachsene Kinder, denen man Märchen erzählt, halb mißtrauisch, halb fasziniert. Villareys Gedanken kehrten zu der Szene zurück, die er eben gesehen hatte.

»Ich weiß nicht, ob es der Mond war,« sagte er, »aber es kam mir vor, als ob er eine lange, in die Stirn fallende Silberlocke gehabt hätte. Hat einer von Ihnen sie gesehen?«

Der Doktor erwachte aus seinen Gedanken.

»Ich habe sie gesehen,« antwortete er scharf. »Nun und? Hat er sie denn nicht immer?«

»Nein!« lachte Villarey. »Aber da Sie sie sahen, ist sie also vorhanden! Dann verstehe ich schon besser, warum er unaufhörlich zum Friseur rennt! Um sich die Locke färben zu lassen.«

Herr van Blaringhem schlug sich noch einmal auf die Knie.

»Wie ein Frosch! Ein Mann in meinem Alter – wie ein Frosch!«

»Warum versteifen Sie sich auf einen Frosch?« fuhr ihn der Doktor an, von diesem Mangel an Phantasie irritiert. »Warum nicht ebensogut wie ein Känguruh oder wie ein Kaninchen?«

Er unterbrach sich und wiederholte langsam:

»Ja, warum nicht wie ein Kaninchen?«

Er polierte eifrig sein Riechorgan. Sichtlich selbst von der Gedankenkatatonie getroffen, die ihn eben bei van Blaringhem gereizt hatte, wiederholte er einmal ums andere:

»Ja, warum nicht wie ein Kaninchen?«

Villarey starrte ihn an.

»Sagen Sie mir,« rief der Doktor und packte ihn am Arme, »hat er nicht so mit dem Munde gemacht?«

Er kaute mit den Lippen.

»Ja,« antwortete sein Gastgeber.

»So macht es doch eben ein Kaninchen!« rief der Doktor. »Kein Zweifel! Er ist ein Kaninchen!«

»Wer ist ein Kaninchen?« fragte van Blaringhem verblüfft.

»Er! Monsieur Fabiano! Der Besitzer der Nachbarvilla! Darum hopst er auf seinem eigenen Rasen in dieser Weise herum! Ich hatte es ja schon früher gesagt, die Vorstellung hatte einen bestimmten Sinn, und nun ist der Sinn klar: er ist in ein Kaninchen verzaubert!«

»So?« sagte Villarey ironisch. »Ich habe aber nie gehört, daß Kaninchen mit dem Kopf in einen Strauch fahren, an dem sie sich stechen müssen. Dazu sind sie viel zu vorsichtig. Aber das hat er gerade getan. Und jetzt, wo ich nachdenke, fällt es mir ein, daß er es jedesmal so gemacht hat. Na –«

»Nun, und machen Frösche es so?« brüllte der Doktor. »Oder Känguruhs? Ich bin sicher, daß er ein Kaninchen ist – wenn auch – wenn auch natürlich Einzelheiten an dieser Verzauberung sind, die ich nicht – noch nicht ...«

Er versank in Gedanken.

»Wenn er ein Kaninchen ist, müßte er seine Pflichten erkennen,« sagte Villarey. »Ein Kaninchen hat keine Garage zu bauen. Es hat sich mit einem Loch in der Erde zu begnügen.«

»Wir wollen sehen, was wir tun können, um ihn zu zwingen, seiner Natur zu folgen,« erwiderte der Doktor, aus seinen Gedanken erwachend. »Wo wohnt sein Friseur? Das wissen Sie ja.«

»Es ist Paul in der Avenue Carnot,« erklärte sein Gastgeber. »Also ein Kaninchen ist er? Na, und in was gedenken Sie ihn zu verwandeln? Ich erinnere mich, daß die Hexenmeister in Tausendundeine Nacht ihre Opfer in eine Schlange, einen Löwen und einen Maulesel zu verwandeln pflegten, alles im Laufe von zehn Minuten. Ist es das, was Sie zu tun gedenken?«

»Warten Sie nur, Sie werden schon sehen!« mahnte der Doktor, mit den Augen blinzelnd. »Aber unterdessen können Sie mir immerhin noch einen Kakaolikör anbieten, wenn Sie Lust haben.«

»Sie sollen ein Faß Likör haben, wenn Sie das Rätsel lösen,« versprach Herr Villarey. »Und zwei, wenn Sie das Kaninchen in die Erde zaubern können, wo es hingehört!«

3

Barbiere und Friseure haben zu allen Zeiten in dem Rufe gestanden, geschwätzig zu sein. Es kommt selten vor, daß ihre Kunden dieses Laster noch unterstützen, indem sie auf das hören, was sie sagen. Aber daß ein Kunde nicht nur dies tut, sondern so weit geht, daß er noch dafür bezahlt, die Konversation anzuhören – ein solcher Fall darf wohl ohne Zögern in die Welt der Sagen oder in die Zeit, als die Tiere redeten, verwiesen werden. Und doch begab sich dieses Mirakel am folgenden Tag in einem höchst alltäglichen Frisiersalon in der Avenue Carnot in Mentone.

An diesem Morgen kam nämlich in aller Frühe ein kleiner untersetzter Herr von ausgeprägt jüdischem Gesichtstypus in das Geschäft. Er ließ sich von dem Besitzer rasieren, und als dies unter Austausch vieler Betrachtungen über das Wetter und die Saison erledigt war, brachte er einen Vorschlag vor, den der Depilateur an der Avenue Carnot zuerst nicht ernst nehmen wollte. Aber ja, es war so. Der Kunde mit der krummen Nase war bereit, fünfzig Frank, sage fünfzig Frank zu bezahlen, wenn der Besitzer des Frisiersalons eine Konversation mit einem näher bezeichneten Kunden anknüpfte, und in diese Konversation auf eine gewisse vorbestimmte Weise und in einer gewissen vorbestimmten Reihenfolge drei bestimmte Worte verflocht: ›Silberlocke, Kaninchen und Rose‹.

Der Anblick des Fünfzigers jagte die Verblüffung des Friseurs in die Flucht: das Geschäft wurde ohne Schwierigkeiten abgeschlossen.

»Um wieviel Uhr pflegt er zu kommen?«

»Gewöhnlich so um diese Zeit.«

»Gut, ich patrouilliere inzwischen draußen.«

Der Kunde mit der krummen Nase verschwand auf das Trottoir, wo er auf und ab spazierte, bis ein beleibter fünfzigjähriger Herr mit zerstreutem Gesicht und gerunzelten Augenbrauen den Frisiersalon betrat. Im selben Augenblick ging er ihm nach und nahm auf dem Stuhle neben dem seinen Platz.

»Eine Friktion,« sagte er dem Gehilfen.

Der Mann mit dem zerstreuten Gesicht sagte dem Friseur, der ihn selbst bediente, gar nichts. Er war offenbar ein Stammkunde, der seine Wünsche nicht zu äußern brauchte. Der Friseur holte Flaschen und Tiegel und wärmte Wasser. In dem Spiegel, der die ganze Wand einnahm, konnten die beiden Kunden einander nach Belieben mustern. Aber nur der eine machte von dieser Möglichkeit Gebrauch.

Während der Friseur arbeitete, beeilte er sich, sein Mundwerk gehen zu lassen.

»Ich sage ja nichts,« begann er, »denn es ist ja mein Beruf, das zu tun, was ich tue, aber eigentlich ist es doch jammerschade, eine solche Locke wie die des Herrn zu färben.«

Der Kunde antwortete nicht.

»Da gibt es viele,« fuhr der Friseur fort, »die froh wären, wenn sie eine solche Locke hätten, Ça donne de la distinction. Das sieht interessant aus!«

Der Kunde brummte irgend etwas Unverständliches zur Antwort. Der Friseur kämmte sein Haar, das trotz der fünfzig Jahre reich und glänzend war, und sagte bewundernd:

»Nicht ein graues Haar an irgendeiner andern Stelle. C'est épatant! Wenn man eine solche Locke hat und sonst gar kein graues Haar, dann hat man sie meistens schon in der Jugend bekommen – so um dreißig rum. Ich könnte wetten, daß der Herr seine Locke schon solange hat. Ich kann mir vorstellen, daß die Frauen ganz verrückt damit waren – aber ja, richtig, der Herr läßt sie sich ja färben! Hat sie sich der Herr immer ...«

Der Kunde setzte sich auf seinem Stuhl auf und bohrte zwei schon von Natur rote Augen in die Pupillen des Friseurs, mit einem Ausdruck, der keine siebzig Ausleger brauchte, um verstanden zu werden. Der Friseur beeilte sich, die Unterhaltung abzubrechen. Eine Zeitlang arbeitete er schweigend weiter, aber dann legte er von neuem los.

»Heute,« vertraute er dem Kunden an, »bekomme ich zu Mittag meine Leibspeise. Können der Herr raten, was es ist? Kaninchen! Lapin, sauté chasseur! Ich weiß nicht, ob der Herr, der so reich ist, sich etwas aus Kaninchen macht, aber ich sage immer: Kaninchen, das ist das Wildbret des Armen!«

Die Augen des Kunden, die der Spiegel reflektierte, waren zusammengekniffen und starrten das Spiegelbild des Friseurs mit einem lauernden Ausdruck an.

Der Friseur setzte die Konversation unbefangen fort:

»Es ist doch komisch, nicht wahr, Monsieur, daß die Frauen immer zu den Tieren greifen, wenn sie uns einen Kosenamen geben wollen. Nicht wahr? Ich hatte eine kleine Freundin in Paris, die nannte mich immer ihren kleinen Bären oder ihren kleinen Elefanten! Mon petit ours, mon petit éléphant! Haha! Jetzt bin ich verheiratet und rangiert, und jetzt nennt mich meine Frau ihr kleines Kaninchen. › Mon petit lapin,‹ sagt sie, › mon petit lapin chéri ...‹«

Er verstummte jäh. Der Mann, den er behandelte, war aufgesprungen. Seine Augen waren nun erheblich röter, als sie von Natur aus waren, und sie brannten beinahe erschreckend. Er brüllte mit fast unverständlicher Stimme:

»Mensch! Was meinen Sie! Bin ich hier, um mich behandeln zu lassen, oder um Ihre – Ihre Eseleien – Ihre Blödessen, Ihre Stupiditäten anzuhören – was gehen mich Ihre Freundinnen an? Oder Ihre Frau? Wollen Sie mich behandeln und den Mund halten, sonst ...«

Er sank langsam auf seinen Stuhl zurück. Der Friseur nahm, erschreckt und gekränkt zugleich, seine Arbeit wieder auf. Der Nachbar des hitzigen Kunden beobachtete ihn unverwandt im Spiegel. So allmählich glättete sich sein Gesicht wieder, aber die Augen glühten noch, wie die Augen eines Tieres, das man bis zur Raserei gereizt hat und das jetzt dumpf knurrend zum Gitter hinausstarrt. Dann wurde sein Blick fern, er sah sein eigenes Spiegelbild nicht; es war, als blickte er durch den Spiegel hindurch in einen andern Raum, eine andere Zeit. Er schien sich dort zu verlieren, denn als der Friseur seine nächste Bemerkung vorbrachte, verstand er sie nicht gleich; es war, als müßte seine Seele einen weiten Weg wandern, um zur Wirklichkeit zurückzukehren, und als sie dies tat, geschah es mit einem Knall – ungefähr so, wie wenn ein festgespanntes Gummiband wieder in seine Lage zurückschnellt.

Der Friseur war mit der eigentlichen Behandlung fertig; es erübrigte noch die Friktion, ohne die in Frankreich keine Haarbehandlung vollständig ist, und seine Frage lautete:

»Was für ein Parfüm darf ich geben? Veilchen oder Rosen? Rosen, nicht wahr?«

Und da der Kunde nichts antwortete und nicht zu verstehen schien, fügte er mit einem einschmeichelnden Lächeln hinzu:

»Nicht wahr, Monsieur haben Rosen am liebsten? Das sagte ich mir vom ersten Augenblick an, wo ich Monsieur sah. Voilà un monsieur, qui doit aimer les roses!«

Da geschah es, daß das Gummiband in seine Lage zurückschnellte und der Knall kam. Der Mann mit der jetzt fortgezauberten Silberlocke sprang von dem Stuhl auf, wendete sich gegen den entsetzten Friseur, erhob beide Hände, wie um ihn zu erwürgen, und donnerte:

»Was zum – was zum –? Rose! – roses! – Bin ich in einem Kreuzverhör? – Was meinen Sie damit, mich zu fragen, ob ich Rosen – genug! Adieu!«

Er riß den Frisiermantel herunter, schien ihn dem Friseur ins Gesicht werfen zu wollen, überlegte es sich dann und schleuderte ihn in die Waschschüssel, riß Hut und Stock an sich und stürzte zur Tür hinaus. Der Friseur und sein Gehilfe starrten ihm wie gelähmt nach. Der Doktor beschloß, seinen eigenen Abschied kurz zu gestalten.

»Hier ist die Bezahlung für meine Behandlung und die des andern Herrn,« sagte er hastig, »und hier ist ein Fünfziger extra als Dank für Ihre Mühe. Haben Sie keine Angst, ich werde Ihnen schon andere Kunden schicken – aber übrigens wird er schon wiederkommen. Ich kenne ihn, das ist ein Gewohnheitsmensch. Adieu!«

Damit stürzte auch er zur Tür hinaus, und der Frisiersalon in der Avenue Carnot, der an diesem Tag ein oder zwei Wunder gesehen hatte, nahm sein gewohntes prosaisches Aussehen wieder an – wenn man davon absieht, daß es sehr lange dauerte, bis die beiden Fachleute wieder imstande waren, die Tagesereignisse mit jener Leichtigkeit zu besprechen, die für den Beruf des Friseurs stets als charakteristisch gegolten hat.

4

»Nun, wie ist es, Doktor? Wie geht es mit der Verzauberung? Und in welche neue Tiergattung haben Sie ihn zunächst verwandelt?«

Der Doktor sank pustend auf das Sofa des Cafés.

»Es liegt in niemandes Interesse,« sagte er, »ihn in eine andere Tiergattung verwandelt zu wünschen, auch steht es nicht in meiner Macht, so etwas zu tun. Dazu bedürfte es einer Hexe, und auch für sie wäre es nicht ganz leicht. Ihre Berufsschwester hat ihr Werk zu gründlich getan.«

Er starrte den Trank an, den der Kellner hingestellt hatte, und murmelte etwas, das seine Zuhörer dunkel als Latein empfanden:

» Non facit hoc verbis, facie tenerisque lacertis devovet et flavis nos puella comis

»Ist das eine Zauberformel, Doktor?«

»Nein, nur eine alte Reflexion, wie Verhexungen vor sich gehen – nicht mit verbis, nicht mit Zauberworten, sondern mit ganz andern Mitteln. Nun ist die Frage die: Wollen Sie an Monsieur Fabiano schreiben, oder wollen Sie ihn aufsuchen?«

Villarey starrte den Doktor an:

»Ihn aufsuchen? Ich versichere Ihnen, daß das nicht den geringsten Zweck hätte. Er hat mir in der unzweideutigsten Weise die Tür gewiesen. Ihm schreiben? Er würde den Brief zerreißen oder ihn uneröffnet zurückschicken. Schreiben Sie selbst, Doktor! Wenden Sie Ihre Zauberformeln an! Genieren Sie sich nicht!«

Der Doktor nickte.

»Also gut!«

Er bestellte beim Kellner Feder, Tinte und Papier und kalligraphierte mit seinen zierlichen Buchstaben eine Epistel. Er versiegelte sie, ließ einen Boy kommen und vertraute ihm das Schreiben an.

»Du mußt auf Antwort warten!« schärfte er ihm ein. »Vergiß das nicht! Du mußt warten, wie lange es auch sein mag, aber Antwort mußt du haben!«

Der Boy verschwand.

»Was haben Sie geschrieben, Doktor?«

»Warten Sie, dann werden Sie schon sehen, junger Freund! Warten Sie, und Sie werden sehen!«

Die Zeit verstrich, eine halbe Stunde, drei Viertelstunden, eine Stunde. Van Blaringhem sah sarkastisch auf die Uhr, aber Villarey war wirklich erstaunt.

»Eine Stunde, und der Junge ist noch nicht da! Wenn ich angeklingelt hätte, ich wäre binnen fünf Minuten über alle Treppen hinunter gewesen.«

»Anderthalb Stunden!« Van Blaringhem fand eine natürliche Erklärung für das Ausbleiben des Boys.

»Er ist ins Kino gegangen!«

Villarey schüttelte den Kopf.

»Ich kenne den Jungen. Das würde er nie tun!«

Auf den Glockenschlag zwei Stunden nach seinem Abmarsch kam der Boy zurück. Er hatte einen Brief in der Hand. Es war nicht der Brief, den er mitgenommen hatte. Der Doktor entlohnte ihn und öffnete den Brief. Er warf einen Blick hinein und sagte:

»Sie können ruhig schlafen, Herr Villarey. Keine Garage wird Ihre Villa und Ihren Speisesaal beeinträchtigen.«

»Meinen Sie das im Ernste?« rief der reiche Jüngling. »Wie können Sie das wissen? Lassen Sie mich den Brief sehen!«

Der Doktor reichte ihm den Brief.

»Aber hier steht ja nichts von all dem, was Sie sagen,« rief er verblüfft und enttäuscht. »Hier steht ja nur ein einziges Wort ...«

»Was für ein Wort?« fragte Jonkheer van Blaringhem eifrig.

»Hier steht nur: ›Ja – Fabiano‹,« erwiderte der junge Villarey. »Das bedeutet ja nichts.«

»Auch nicht, wenn es die Antwort auf eine klar formulierte Frage ist?« wunderte sich der Doktor.

»Was für eine Frage?«

»Die Frage lautete so: ›Versprechen Sie, Ihren schönen Garten in Frieden zu lassen? Versprechen Sie, Ihre Rosen in Frieden zu lassen? Versprechen Sie, keine Garage zu bauen? Antworten Sie: ja oder nein?‹«

Villarey starrte ihn an.

»Das haben Sie ihn gefragt! Und er hat ›Ja‹ geantwortet! Wie haben Sie den Brief unterzeichnet?«

»Mit meinem Namen.«

»Kennt er Sie?«

»Nein.«

Villarey riß sich das Haar in die Stirn.

»Da weiß ich überhaupt nicht mehr ein und aus!«

»Ich werde Ihnen den Anfang des Briefes vorlesen, dann werden Sie ihn vielleicht verstehen,« erwiderte der Doktor. Er lautete so: ›Monsieur! Einer, der die Geschichte Ihres entschwundenen Glückes kennt, Einer, der gestern abend bei Mondschein ungeachtet der Mauern um Ihren Garten Gelegenheit hatte zu sehen, daß die Erinnerung daran noch in Ihnen fortlebt – die Erinnerung an sie! Die Unvergeßliche, die Holde und Grausame! Die Erinnerung an Rose – Einer, der dies weiß und mit seinem Wissen vorderhand noch allein steht, fragt Sie: ›Versprechen Sie‹ – aber den Rest des Briefes kennen Sie ja schon!«

Van Blaringhem schlug sich auf die Knie, so daß es dröhnte.

»Und auf einen solchen Brief hat er ›Ja‹ geantwortet! Hahaha! Hahaha!«

Villarey strich sich das Haar aus der Stirn.

»Ich fange an zu verstehen,« sagte er mit glitzernden Augen. ›Einer, der mit seinem Wissen vorderhand noch allein steht‹ – genau genommen ist das ja ein Erpresserbrief, den Sie da geschrieben haben, Doktor!«

»Genau genommen wird es wohl so sein,« gab der Doktor zu. »Finden Sie, daß er etwas Besseres verdient?«

»Was denken Sie von mir?«

»Aber ich verstehe gar nichts!« protestierte van Blaringhem. »Was ist denn eigentlich geschehen? Und wie hat der Doktor es herausbekommen?«

»Gestern abend,« erwiderte der Doktor, »haben wir gemeinsam gewisse Tatsachen beobachtet. Welche? Erstens sahen wir einen älteren Herrn, der eitel genug ist, sein Haar einmal die Woche zu färben. Was kann man, ohne allzu kühn zu sein, von ihm vermuten? Daß er, als er jünger war, noch eitler gewesen ist, nicht wahr? Und für wen machte er sich damals schön? Wir wagen, ohne besonderes Schwanken zu antworten: für eine Frau. Was tut nun dieser Herr, als wir ihm zusehen? Er führt einen eigentümlichen Tanz um einen Rosenstock auf. Nach van Blaringhems Ansicht sah er dabei aus wie ein Frosch, meiner Ansicht nach wie ein Kaninchen. Zu Ende des Tanzes steckt er den Kopf in den Strauch, sticht sich an den Dornen und weint vor Rührung. Wie erklärte ich mir das? Ich sagte, der Mann ist verzaubert. Was bedeutet dieser Ausdruck im modernen Sprachgebrauch? Daß er von einer fixen Idee besessen ist. Von Herrn Villarey erfahren wir, daß diese Idee sich seiner in gewissen Intervallen bemächtigt, am stärksten bei Vollmond. Jedesmal zwingt sie ihn, eine Rolle zu spielen, die ihm im täglichen Leben fremd ist, nämlich die Rolle eines Kaninchens. Wie sich eine solche Idee seiner bemächtigen konnte? Wenn wir diese Frage beantworten sollen, sehen wir uns unerbittlich gezwungen zu der Frau zurückzukehren. Eine Frau kann alles aus einem Manne machen – diese Beobachtung haben nicht wenige Schriftsteller gemacht – und eine andere Tatsache, die französische Frau betreffend, wurde heute vormittag von einem Freunde von mir, einem Friseur, folgendermaßen formuliert: ›Das ist das Sonderbare an den Frauen, wenn sie uns Kosenamen geben wollen, greifen sie immer zu den Tieren, um sie zu finden! Sie nennen uns ihren kleinen Bären, ihren kleinen Elefanten und ihr kleines Kaninchen.‹ Der Mann hatte recht. Ein Name hat eine wunderbare Macht. Die alten Märchen wußten das besser als irgend jemand. Wenn man den Namen des Riesen kennt, kann man ihn zwingen, sein Geheimnis preiszugeben. Einmal kannte Monsieur Fabiano eine Frau, und er liebte sie. Sie nannte ihn ihr kleines Kaninchen, oder möglicherweise, im Hinblick auf seine Stirnlocke, ihr kleines Silberkaninchen. Ist sie gestorben? Hat sie ihn verlassen? Was weiß ich? Was ich weiß, ist, daß er sie noch immer liebt, trotz der Ehe mit Madame Fabiano, und in mondhellen Nächten – warum in mondhellen Nächten? Ach, schon Virgil sprach von des Mondes amica silentia! – in Mondscheinnächten, wo die Erinnerung ihn am tiefsten ergreift, da vergißt er die Gegenwart, vergißt sich selbst, vergißt, daß er der Egoist Fabiano ist und wird wieder das kleine Kaninchen seiner Freundin. Ihr zu Ehren und zum Andenken tanzt er Kaninchentänze um einen Rosenbusch in seinem schönen Parke. Warum um einen Rosenstrauch? Liegt die Erklärung nicht offenkundig zutage? Rose ist kein seltener Name. Sie hieß Rose – das nahm ich an, als ich meinen Brief schrieb, und es hat sich bewahrheitet. Und sagt uns nicht das Schluchzen des alten Egoisten, als er den Kopf in die Rosen steckt und sich an ihren Dornen sticht, alles, was wir über ihren Charakter zu wissen brauchen? Darum schrieb ich: sie, die unvergleichliche, die holde und grausame Rose! Ist all dies unglaublich? Gewiß nicht. Wir Armen, die wir über die erste Jugend hinaus sind, haben alle Gewohnheiten, die mindestens ebenso sonderbar sind, wenn wir uns dessen auch nicht bewußt werden. Das einzige Eigentümliche daran ist, daß Monsieur Fabiano, als man ihm all das nachweist, ohne weiteres verspricht, von seiner neuen Lieblingsidee, der Garage, abzustehen.«

Villarey und van Blaringhem hatten atemlos zugehört. Bei den letzten Worten des Doktors fing der reiche Jüngling zu lachen an:

»Ist das das einzige, was Ihnen sonderbar vorkommt? Dann kennen Sie Madame Fabiano nicht! ›Einer, der mit seinem Wissen noch allein steht‹ – ich kann Ihnen nur sagen, sie gehört der höchsten Schwergewichtsklasse an, und ich versichere Ihnen, eine Auseinandersetzung zwischen ihr und ihm wäre eine noch spannendere Vorstellung geworden als die, die wir gestern abend sahen!«

Der Doktor saß schweigend da.

»Der versteinerte Prinz!« murmelte er. »Ich beneide ihn – ich beneide ihn, nicht um seine Villa, aber ich beneide ihn, weil ...«

Er wechselte das Thema.

»Sie brauchen sich nicht vor der Garage zu fürchten, Herr Villarey,« sagte er lächelnd, und nach unserer Vereinbarung schulden Sie mir zwei Faß Likör.

»Lassen Sie mich gleich eine Anzahlung leisten!« sagte der junge Villenbesitzer und winkte dem Kellner.

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