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Dr. Thorns Lebensabend

Rudolf Hawel: Dr. Thorns Lebensabend - Kapitel 8
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authorRudolf Hawel
titleDr. Thorns Lebensabend
publisherGerlach & Wiedling
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Achtes Kapitel

»Heute kommt mein Sohn zurück«, sagte Herr Johann Thorn zu Herrn Breuer, den er im Hausflur traf. »Wir werden abends eine kleine Fête geben, wenn Herr Breuer auch ein Stündchen sich bei uns einfinden wollten?«

Herr Breuer sagte zu.

»Welche Sorte von Süßigkeiten liebt der heimkehrende Jüngling ganz besonders?« fragte der Eingeladene.

»Nichts von dem ...« wies Thorn stolz ab; »wenn Sie ihm aber eine Freude machen wollen«, setzte er dann nach einigem Nachdenken fort – »Schaumtorte hat er schon als kleiner Knabe sehr gern gegessen. Ich glaube aber, daß seine Mutter bereits vorgesorgt hat.«

Schaumtorte aß nämlich die ganze Familie sehr gern.

»Also, ich werde ganz bestimmt kommen – vielleicht so gegen acht Uhr?« sagte Breuer.

»Ja, ja – ganz gut. Lise kommt erst um halb acht Uhr aus der englischen Stunde nach Hause!«

»Also, ich werde Punkt dreiviertel acht mich einfinden.« Im Bahnhof harrte Herrn Thorns eine seltsame Überraschung. Er suchte lange, lange in der Menschenmenge nach seinem vielgeliebten Sohne, bis ihn auf einmal ein junger Herr in Lodenkleidung mit grünem Jägerhut sehr devot grüßte.

»Guten Abend, Herr von Thorn!« sagte der junge Herr und verbeugte sich.

Herr Thorn, der etwas kurzsichtig war, erkannte erst an der Stimme den Sohn.

»Du bist's, Eugen? Wie kommst du in diese Kleider?«

»Der Onkel hat sie mir gekauft!« war die prompte Antwort.

»Wieso kommt der dazu, dir neue Kleider zu kaufen?« fragte entrüstet der stolze Vater, »wie kannst du so etwas von ihm annehmen?«

»Ich hab ja das Essen auch nicht gezahlt«, antwortete prompt der Sohn.

»Essen – du warst sein Gast – da mußte er das tun – aber neue Kleider! Das ist eine Demütigung für mich! Und wie ein Bauernbub siehst du aus! Man muß sich schämen, mit dir zu gehen!«

»Du mußt ja nicht – ich find auch allein nach Hause!« sagte Eugen und wollte sich entfernen. Auf seinem Gesicht kam wieder der trotzige, halb verächtliche Zug zum Vorschein.

Vater Thorn zog lindere Saiten auf.

»Du mußt bedenken, wie ich immer von diesem Mann gedemütigt wurde. Wenn du einmal groß bist, werde ich dir das erzählen, dann wirst du verstehen, was dein armer Vater in diesen Jahren gelitten hat.«

Sie gingen zur Elektrischen. Leise pfeifend ging der Sohn erst neben dem Vater; niemals noch war ihm das hohle, falsche Pathos des Alten so dumm vorgekommen wie diesmal, da er aus Licht und Sonnenschein, von guten warmherzigen Menschen weg in die Stadt nach Hause zurückkehrte.

»Na, wie ist's dir gegangen?« fragte der Vater, als sie im Waggon der Elektrischen saßen.

»O, gut – gut wie niemals noch – der Onkel ist ein herrlicher Mann! Und so gut – so gut ist er gegen mich gewesen!«

»Nun ja, ich hab ihm ja geschrieben, daß deine Nerven sehr geschont werden müßten – und das ist das Wenigste, was er für dich tun konnte. Hat er über mich geschimpft?«

Eugen sah seinen Erzeuger mit einem sonderbaren Blick von der Seite an.

»Von dir ist fast gar nichts geredet worden«, sagte Eugen, »und geschimpft hat dort überhaupt niemand, mir scheint, das kommt beim Onkel gar nicht vor.«

»Daß er mich ignoriert, das weiß ich«, sagte Thorn beleidigt, »nun, auch für mich wird einmal eine andere Zeit kommen!«

Er seufzte und sah dabei, wie es in der Familie Thorn üblich war, schmerzvoll zum Himmel auf.

Die weitere Fahrt wurde schweigend fortgesetzt.

Zu Hause machte Lise auf. Hell klang ihr Lachen durch das Haus, als sie in dem schmucken Jägersmann ihren Bruder erkannte. Frau Charlotte war geradezu entsetzt.

»So schickt dich der Onkel nach Wien ... wo hat denn der Mensch nur hingedacht. Wie ein Bauernbub siehst du aus! Du wirst dich sofort umzieh'n ... Herr Breuer darf dich in dem Anzug nicht sehen!«

»Aber Mutter!« sagte Lise.

»Ich hab es ja gleich gesagt!« gab Vater Thorn seinen Kren dazu ... »aber Gustav scheint seinen Sinn ganz verwirrt zu haben ...!«

In diesem Moment kam Herr Breuer herein.

»Bravo«, sagte er, »der hat sich am Lande gut herausgemaust ... und wie fesch er ausschaut!«

Auf das wohlwollende Urteil Herrn Breuers hin wurde es Eugen gestattet, die Jägerkleidung anzubehalten.

Das Nachtmahl war großartig. Herr Breuer hatte eine Menge Süßigkeiten mitgebracht, denen die Familie alle Ehre antat. Auch zwei Flaschen Wein hatte er zum Feste beigestellt, ausgezeichneten Wein; Frau Charlottens Züge waren eitel Sonnenschein, so oft sie das Glas an die Lippen setzte. Und sie tat dies sehr oft.

»Aber, jetzt erzähl' doch einmal«, drängte Lisel, »wie ist's dir beim Onkel gegangen? Geschrieben hast du nicht ein einziges Mal ...!«

»Eine Karte, bitte, Lisel«, wehrte sich Eugen.

»Ja, daß du leider wieder kommst!« sagte Lise.

Herr Breuer lachte laut auf und sah ganz verklärt in das Gesicht des schönen Fräuleins.

Eugen erzählte. Vom Bock und von der unangenehmen Verwundung, die ihm von dem rauflustigen Tier beigebracht worden war.

»Morgen werde ich dich von einem Arzt untersuchen lassen. Wenn von der Verletzung Spuren zurückgeblieben sind, so werde ich die Anzeige erstatten!« sagte streng der Hausvater. »Ein böses Haustier muß in sicherem Gewahrsam gehalten werden. Besitzer solcher Tiere sind ersatzpflichtig für jeden Schaden, den sie verüben. Aber mein Bruder war immer so!«

Er ging wieder mit den gewohnten starken Schritten erregt im Zimmer auf und ab.

Eugen und Lise waren sprachlos.

»Du wirst doch Onkel Gustav nicht aufhängen lassen?« fragte Lise.

Herr Breuer war sehr belustigt.

»Es ist ja doch nichts geschehen«, sagte Eugen. »Die Hose ist geflickt, Onkel hat mir neue Kleider gekauft – was willst du denn noch mehr?«

»Und das andere?« fragte Herr Breuer.

»Das andere ...? O, das ist schon lange gut!« sagte Eugen und erzählte weiter. Von der Forelle, die er gefangen, und wie er dabei ins Wasser gerutscht war; von der Kaninchenjagd, wobei er die gewaltige Ohrfeige von der Flinte des Onkels erhalten hatte, usw.

Plötzlich richtete sich Vater Thorn in seiner ganzen Größe auf. »Herr Breuer«, fing er an, »also sagen Sie – welchen Gefahren ist mein Kind entgangen, als ich es zu meinem Bruder schickte? Eugen, Eugen, mein armes Kind! Welches Glück, daß ich dich wieder habe!«

Er wollte Eugen umarmen, aber der Knabe lehnte sich abwehrend zurück.

Da fiel ein Wort von elementarer Gewalt, Frau Charlotte sagte es.

»Thorn, du bist ein Esel.«

Lise lächelte milde ... Eugen platzte heraus, Breuer befand sich in einer äußerst prekären Lage. Er mußte um des Hausherrn willen das Lachen zurückhalten, und hätte so gern gleich Eugen aufgeschrien.

Thorn machte ein höchst schafsmäßiges Gesicht. Er wußte nicht, wie er es nach dem Lacherfolg seiner Frau anfangen sollte, wieder zum gewohnten Pathos zurückzukehren.

Der Sohn gab ihm Gelegenheit dazu.

»Lisel, der Onkel hat gesagt, du sollst ihn auch besuchen. Wenn du Urlaub brauchst, so schreibt er an deinen Direktor!«

»Das war eine Idee!« sagte Lise. »Ich könnte ganz gut so ein paar lustige Tage auf dem Land brauchen!«

»Nach dem, was Eugen erzählt hat, werde ich mich wohl hüten, jemals mehr eines meiner Kinder zu meinem Stiefbruder auf das Land zu geben. Ich würde während ihrer Abwesenheit vor Angst vergehen!« sagte Thorn.

»Ich weiß nicht, was du gegen Onkel Gustav hast«, fuhr Eugen auf. »Mir ist's noch niemals so gut gegangen, als wie ich bei ihm war. Mir ekelt, wenn ich das anhören muß!«

Das ging Thorn über die Hutschnur. Ohne die geringste Rücksicht auf die Familie und den Gast zu nehmen, schrie er den frechen Stammhalter an: »Lausbub, noch ein Wort und du hast eine Ohrfeige, daß du herumspringst!«

»Ich hab' ja gar nichts getan«, heulte Eugen und warf den Thornschen Familienblick zum Himmel hinauf. »Kaum ist man da, so geht's schon wieder los, wenn ich nur lieber beim Onkel wäre!«

»Ich werfe dich hinaus, dann kannst du zum Onkel hingehen, mißratener Junge!« schrie Thorn und schlug mit der Faust auf den Tisch.

»Gut, dann geh' ich ... sofort geh' ich«, sagte Eugen. »Onkel Gustav nimmt mich ganz gern auf. Ich geh' sofort, und wenn ich die ganze Nacht durchgehen müßt.«

Er stand auf und tat, als ob er sofort seinen Vorsatz ausführen wollte.

Die Situation war eine äußerst kritische. Lise war erregt aufgesprungen und rief weinend: »Aber Papa ...!«

Herr Breuer griff schweigend nach Stock und Hut. Frau Charlotte brachte Ordnung in den Wirrwarr. Als sie sah, daß der einzige Sohn Anstalten mache aus dem Vaterhaus zu fliehen, empörte sich direkt ihr Mutterherz. Wie eine Löwin stand sie vor dem Gemahl, in kreischenden Tönen kündigte sie an, ihm alles auf den Kopf zu werfen, und, um zu bestätigen, wie ernstlich ihr Vorsatz gemeint sei, ergriff sie die Sodawasserflasche, um sie dem Gemahl an den Eisenkopf zu werfen. Lise sprang auf, um der Mama das Gefäß zu entwinden und erfaßte während des kurzen Ringens den Hahn der Flasche; zischend strömte die Flüssigkeit aus. Der Strahl traf Herrn Breuer mitten ins Gesicht.

»Au ... au!« schrie Herr Breuer auf, nach Atem ringend.

Eugen mußte trotz seines tiefen Seelenschmerzes laut auflachen, als er sah, wie sich der verdutzte Breuer mit der Serviette das Gesicht abwischte.

Herr Thorn stand kreidebleich bei dem Tisch, daß die Sache so kommen könnte, hatte er sich gar nicht vorgestellt. Er fing an einzulenken.

»Liebe Charlotte«, begann er.

»Wer sagt dir, daß ich deine liebe Charlotte bin?« fragte entrüstet die Frau.

Lise hatte sich indes bemüht, Herrn Breuers Weste vom Sodawasser zu trocknen, und er hatte sich die Bemühungen des schönen Mädchens mit großer Freude gefallen lassen.

»Herr Breuer, seien sie nicht böse«, fing Thorn wieder an, »aber ein entrüstetes Vaterherz ...«

Charlotte nahm hierauf erregt den Gatten am Arm und empfahl ihm, dringendst schlafen zu gehen.

»Geh' – geh', sonst geschieht noch etwas«, sagte sie.

»Herr Breuer – es tut mir sehr leid – aber das Familienleben bringt manches mit sich. Sie müssen entschuldigen. Sie sind ein glücklicher, sorgloser Mann, Sie sind nicht verheiratet«, sagte Thorn mit von Schluchzen erstickter Stimme, und wurde dann von Frau Charlotte zu Bett gebracht.

»Ein paar ruhige Tage auf dem Lande täten einem wirklich gut«, sagte Lise verdrossen, während drüben die Mama eifrig mit dem Papa haderte.

»Ich glaub' dir's Lisel«, sagte Eugen. »Ruh' hast du dort, gestritten wird gar nicht; so viel wie an dem heutigen Abend hörst du dort nicht in einem Jahre.«

»Gehen Sie doch, Fräulein!« sagte Breuer, »und wenn es an Reisegeld mangeln sollte, so bin ich recht gern bereit ...«

»Ach, der Onkel schickt mir sofort das Reisegeld, wenn ich ihm schreibe«, lehnte Lise ab.

»Und von mir wollen Sie es nicht annehmen?« fragte gekränkt Herr Breuer; »mir ist es recht leid, wenn Sie von hier fortgehen ...«

»Dann kommt der Herr Breuer auch nicht mehr am Abend her, und dann kann man sich direkt aufhängen«, sagte Eugen.

Herr Breuer lachte.

»Also, wenn Sie Reisegeld brauchen – ich bin recht gern bereit!«

Jetzt kam Frau Charlotte aus dem Schlafzimmer, und Herr Breuer empfahl sich. Im Vorzimmer bot er nochmals Fräulein Lise den Vorschuß an.

»Trachten Sie, daß Sie auf einige Tage fortkommen«, sagte er. »Seien Sie mir nicht böse – aber wenn es Ihnen möglich ist, lassen Sie Ihren Herrn Papa ausstopfen!«

»Warum?« fragte Lise lachend.

»Wir verkaufen ihn dann billig«, sagte er und machte die Tür hinter sich zu.

Man ging zu Bette. Eugen dachte darüber nach, wie schön es in diesen acht Tagen draußen auf dem Lande gewesen war und wie häßlich sich der erste Abend daheim gestaltet hatte. Am liebsten wäre es ihm gewesen, wenn er hätte aufstehen und sofort wieder zum Onkel gehen können.

*

Im Hause des Herrn Thorn war alles wieder in das richtige Gleis gekommen. Lise ging jeden Tag in die Bank, wo ihr das höchst ergötzliche Geschäft übergeben war, verschiedene Schriftstücke aus der Handschrift in Maschinenschrift zu übertragen. Eugen ging in die Schule. Strenge Pflichterfüllung gelang ihm heuer besser als sonst. Wenn ihm die verschiedenen Gegenstände zu fad zu werden drohten, dann fiel ihm unwillkürlich der Onkel ein, und vor seiner Seele stiegen glänzende Zukunftsbilder auf: Wald und Wiese, der murmelnde Forellenbach, das trautsame Försterhaus und – o selige Wonne! – das Jagdgewehr, das ihm der Onkel versprochen hatte, falls er ein fleißiger Student gewesen wäre. Dann warf sich Eugen mit Macht auf die Wissenschaft und lernte, daß ihm der Kopf rauchte.

Als eines Tages Herr Thorn den Direktor besuchte, um sich über die Fortschritte seines Sohnes zu erkundigen, erhielt er die befriedigendsten Nachrichten. Der Direktor erklärte, daß alle Professoren sehr zufrieden seien und daß sich noch niemand darüber klar geworden sei, warum Eugen früher so miserable Noten gehabt habe.

Thorns Vaterherz quoll über vor Stolz, aber bei seiner Neigung zur Tragik kam die Freude nicht zum Ausdruck.

»Er wurde verkannt«, sagte er düster.

Und damit hatte er recht. Aber in ganz anderer Weise, als er es meinte. Ja, der Junge war verkannt worden, aber in erster Linie daheim, von Vater und Mutter, die niemals bedacht hatten, daß für ein junges Gemüt vor allem Sonne nötig sei und daß im Wirrwarr eines gestörten Familienlebens auch die bestveranlagte Kinderseele verderbe.

Am ersten Oktober langte im Hause Thorn ein Brief von Dr. Gustav Thorn an, der lebhafte Aufregung hervorrief. Er war an Fräulein Elise Thorn gerichtet und hatte folgenden Wortlaut:

»Liebe Nichte!

Am vierten Oktober ist hier ein großes Kaiserfest, verbunden mit einem Feuerwehrtag. Sämtliche Feuerwehren der Umgebung haben sich angesagt, auch die hiesigen Veteranen rücken aus, soweit diese nicht schon bei der Feuerwehr inkorporiert sind. Es wird ein glänzendes Schauspiel werden, und ich lade Dich ein, dieses zu genießen. Eugen will ich aus seinen Studien nicht herausreißen; damit er sich tröstet, kannst Du ihm sagen, daß das Gewehr schon bestellt ist. Ich erwarte Dich am zweiten Oktober nachmittags 4 Uhr 16 Minuten im hiesigen Bahnhof. Dein Chef ist bereits von mir dahin verständigt worden, daß Du, auf mindestens acht Tage verhindert bist ›Maschin zu schreiben‹. Das Nähere wird er Dir selbst sagen. Mit dem mitfolgenden Beitrag decke die Reisespesen. Grüße Vater, Mutter und Eugen recht herzlich von uns.

Dein Onkel

Dr. Gustav Thorn.«

Als Herr Johann Thorn den Brief las, wurde er furchtbar aufgebracht.

»Er verfügt über meine Kinder, als wenn es seine wären. Er muß mich erst ersuchen, ob ich es gestatte, daß mein Kind zu ihm hinfährt. Nach den traurigen Erfahrungen, die Eugen dort gemacht hat, ist es sehr fraglich, ob ich diese Erlaubnis geben werde!«

Seine Frau beruhigte den aufgebrachten Vater in der ihr eigenen, strengen Weise.

»Warum soll Lise nicht hinfahren ... er erwirkt ihr en Urlaub, er schickt ihr das Geld zur Reise ... was willst du denn? Kannst du deinen Kindern etwas bieten?« fragte sie. »Du hast immer nur den Mund voll ... aber sonst ...!«

Diese scharfe Charakteristik verstimmte Herrn Thorn derart, daß er, wie es immer seine Art war, gekränkt schwieg.

Um halb vier Uhr nachmittags kam Fräulein Elise Thorn in einem wahren Sturm von Entzücken nach Hause.

»Der Herr Direktor hat mir vierzehn Tage Urlaub gegeben«, jubelte sie und schwenkte ein Blatt Papier lustig in der Hand. »Ich soll zum Onkel fahren!«

»Ob du darfst, hast du noch nicht gefragt«, sagte der Vater; »dein Chef ist Bankdirektor, aber über meine Kinder verfüge ich! Wie wär's, wenn ich es dir verbiete, hinzufahren?«

»Und wie wär's, wenn wir dich gar nicht fragten«, begehrte Frau Charlotte auf, »bist du ein Vater? Nein, ein Esel bist du – nichts weiter!«

»Weißt du, Charlotte«, sagte ernst und eindringlich Herr Thorn, »daß du meine Mannesrechte gar nicht achtest? Wie beschämt stehe ich vor dem Menschen da, der mich immer in seiner protzigen Art mit Wohltaten überhäuft, der mir mein Erbe gestohlen hat!«

»Er hat dir dein Erbe gestohlen? Red' nicht so blöd daher! Was er hat, hat er von seiner Mutter; die hat eben mehr Geld gehabt als deine!«

»Nein und dreimal nein, Lise darf nicht fahren – ich dulde es nicht!« schrie er und schien ernstlich gewillt zu sein, gegen seine Frau aufzutreten.

Lise weinte, daß es zum Erbarmen war.

Es klopfte an die Tür.

Lise machte auf, Herr Breuer trat ein.

»Pardon, daß ich störe«, sagte er, »ja, was ist denn los? Warum weint denn Fräulein Lise?«

Thorn war entschlossen, einmal zu zeigen, daß er der Herr sei.

»Mein Bruder hat sie zu sich geladen, und ich verweigere ihr die Erlaubnis!« sagte der Vater. »Ich kann es nicht dulden, daß sie allen möglichen Gefahren dort entgegengeht. Und dann will ich einmal nicht, ich will es dem Menschen zeigen, daß ich der Herr bin, und wenn er noch so viel Geld hat!«

Da Charlotte nicht übel Lust zeigte, ihrem obstinaten Gemahl eine langstielige Eierpfanne an den Kopf zu schlagen, so nahm er Thorn beim Arm und führte ihn in das Zimmer hinein.

»Sie entschuldigen, lieber Freund, daß ich Sie belästige«, sagte Herr Breuer.

»Auch Ihnen wird es nichts nützen, wenn Sie versuchen, mich umzustimmen! Ich bin der Herr, ich lasse meine Tochter nicht zu fremden Leuten ziehen! Ich bin der Herr! Verstanden, Herr Breuer!«

Dabei schrie er, daß die Fenster klirrten.

Da ging die Tür auf und Lise kam weinend herein.

»Ich bleib schon hier, Papa«, sagte sie, »du brauchst deswegen nicht so zu schreien!«

Auch die Mama kam herein. Die Eierpfanne hatte sie wohl weggelegt, aber trotzdem sah sie aus wie eine der Damen, die nach dem Glauben der alten Griechen den Missetäter verfolgen.

Herrn Breuer ward bange. Er trat Frau Charlotte mit Mut und Fräulein Lise mit tiefem Mitgefühl entgegen und bat beide Damen, ihn nur für einen Moment mit dem Vater und Gemahl allein zu lassen. Er bat mit solchem Ernst, daß die Herrschaften trotz ihrer Aufgeregtheit das Zimmer verließen.

»Auch Sie, Herr Breuer, werden meinen Sinn nicht ändern«, sagte Thorn stolz, als er mit dem Freunde der Familie allein war; »es ist höchste Zeit, daß ich dieser Bande den Herrn zeige!«

»Pardon«, sagte ruhig und gelassen Herr Breuer, »wollen Sie, lieber Freund, sich nicht ein wenig niedersetzen?«

Thorn setzte sich.

»Es steht mir fern, vollständig fern, mich in Ihre Familienangelegenheiten zu mengen. Ich bin nur gekommen, um Sie zu ersuchen, mir einen Teil meines Darlehens zurückzugeben. Ich habe morgen eine dringende Zahlung!«

Wenn der Plafond eingestürzt wäre, Thorn wäre nicht entsetzter gewesen.

»Wie, was ... ja ... woher soll ich auf einmal jetzt das Geld nehmen ... aber lieber Freund! Wo denken Sie nur hin!«

»Sie wissen, daß die Summe, die ich Ihnen damals geliehen habe, längst fällig ist – ich habe sie nie gemahnt – ich habe Geduld genug bewiesen, aber jetzt benötige ich wirklich dringendst Geld!« sagte Breuer mit furchtbar ernster Miene.

»Aber jetzt ... ich hatte so viele Auslagen ... momentan kann ich wirklich nicht!« sagte Thorn mit ängstlichem Gesicht.

»Das ist bös ... sehr bös«, sagte Breuer und trommelte nervös mit den Fingern auf der Tischplatte.

Nach längerer Pause fuhr er dann mit sonderbar listigem Gesichtsausdruck fort: »Sollten Sie aus dem Grunde nicht in der Lage sein, mir etwas zu zahlen, weil Sie morgen Ihrer Tochter müssen etwas Reisegeld mitgeben, so müßte ich eben zuwarten und trachten, von anderer Seite Geld zu bekommen.«

»Wie? Was ... was meinen Sie?« fragte verdutzt Herr Thorn.

»Ich meine nur, wenn es durch meine Forderung Fräulein Lise unmöglich gemacht würde, die Reise zum Herrn Onkel anzutreten, stehe ich gern davon ab – aber nur unter dieser Bedingung.«

»Ja, ja, ich verstehe«, sagte Thorn, »aber verzeihen Sie, bester Herr Breuer, Sie benützen Ihr materielles Übergewicht über mich in einer Weise, – die – ich weiß nicht, was ich sagen soll ...«

»Sagen Sie gar nichts«, meinte wohlwollend Breuer, »wenn Fräulein Lise noch etwas Geld brauchen sollte, mir geht es wohl, wie Sie jetzt gehört haben, etwas knapp zusammen – aber ich glaube bestimmt, so viel noch entbehren zu können.«

Er sah dabei aus wie ein alter Fuchs, der sich vergnügt am Abend seines Lebens früherer Schandtaten erinnert.

»Lise hat das Reisegeld von ihrem Onkel bereits zugesendet erhalten«, sagte Thorn mit stolzer, abweisender Miene, »wenn Sie aber durchaus glauben, daß wir das Kind auf Wochen hinausgeben sollen in eine fremde Familie ...«

»Ich glaube, die Luftveränderung wird ihr gut tun«, sagte Breuer. »Sie braucht wirklich reinere, frischere Luft, als man dahier findet. Mir ist ja selbst sehr leid, daß sie fortgeht, ich bin gern am Abend manchmal dagesessen und hab mich über sie gefreut – aber ihr tät's so gut, wenn sie hinauskommt in gute, frische Luft und – unter andere Menschen!«

»Aber ich will keine Wohltaten von diesem Menschen empfangen«, sagte Thorn; »mir ist es in die Seele hinein zuwider; nichts Schrecklicheres kann mir passieren, als wenn ich ihm um eine Gefälligkeit kommen muß.«

»Er ist doch kein ungefälliger Mensch!« wendete Herr Breuer ein.

»Nein, das ist er gerade nicht«, gab Thorn zu. »Er tut fast so, als wenn es ihm eine Freude machte, mir dienen zu können, denn ich glaube, im innersten Herzen hat er vor mir eine ungeheure Hochachtung!«

Herr Breuer machte ein Gesicht, als ob er schwer unter einem jäh aufgetretenen Muskelkrampf der Mundpartien litte. Er war nahe daran, zu explodieren.

»So will ich denn die Erlaubnis geben, daß meine Tochter ihn besucht, es wird ihm gut tun in seiner Vereinsamung.«

»Es wird auch Fräulein Lise gut tun. Mir kommt es so vor, als ob Eugen ein ganz anderer geworden wäre, seit er die paar glücklichen frohen Tage bei seinem Onkel zugebracht hat, er sieht frischer aus – und auch das Lernen macht ihm mehr Freude!«

»Ja, der Onkel hat ihm ein Jagdgewehr versprochen, wenn er gute Noten nach Hause bringt«, erklärte Thorn diesen Umstand.

Als Lise hörte, daß das Familienoberhaupt die Zustimmung zur Reise gegeben habe, zeigte sie wohl große Freude, aber keine sonderliche Überraschung; sie hatte es im vorhinein gewußt, daß der stolze und so unbeugsame Papa schlechterdings nachgeben müsse, wenn sich Mama in irgendeiner Sache auf den entgegengesetzten Standpunkt stellt. Eugen trug eine wehmütige, betrübte Miene zur Schau.

»Ich bin dir nicht darum neidig, daß du zum Onkel gehst, Lisel«, sagte er, »aber ich muß immer daran denken, wie lieb und gut Onkel und Tante sind, und wie schön und hell es dort ist – und dann kommt's mir da so traurig und öde vor wie in einem Gefängnis.«

Die Vorbereitungen zur Reise wurden sehr energisch betrieben. Als Thorn einmal seinem Schmerz darüber Ausdruck gab, daß die Sache so ungeheuer viel Geld koste, da, wie Mama Charlotte stets mit größter Bitterkeit ausführte, Lise so gar keine Sachen habe, so bot Breuer Herrn Thorn eine entsprechende Summe an, damit das Fräulein in standesgemäßer Toilette beim Onkel erscheinen könne. Thorn sträubte sich anfangs sehr heftig dagegen, diese Summe anzunehmen, nahm sie aber schließlich doch, indem er sagte, er habe die Pflicht, seine Gefühle um seines Kindes willen zu unterdrücken, selbst wenn sein Mannesstolz darunter litte.

Eines Tages erschien die Schneiderin, die gewöhnlich für die Damen der Familie Thorn arbeitete, im Verein mit der Putzmacherin, die auch mehreremal schon in den Dienst des Hauses gestellt worden war, mit großen Paketen, die sie mit einem verschlossenen Handschreiben des Herrn Breuer an das Fräulein ablieferte.

Das Handschreiben lautete:

»Liebes Fräulein Lise!

Gestatten Sie einem alten Freunde Ihres Hauses, daß auch er ein wenig zur Reiseausstattung beiträgt und nehmen Sie die übersendeten Kleinigkeiten mit solcher Freundlichkeit entgegen, als wenn sie der Onkel gesendet hätte!

Mit recht herzlichen Grüßen
                                   T. Breuer.«

Die Pakete enthielten einen geradezu wundervollen Dirndlanzug nebst allem, was zu solchem Kostüm altgeheiligter Tradition gemäß notwendig ist. Lise jubelte vor Entzücken auf, selbst die sonst so grämliche Frau Charlotte verzog ihren Mund zu einem gröblichen Lächeln, und Eugen, der sonst solchen Dingen nicht eine Spur von Verständnis entgegenbrachte, drückte seine volle Anerkennung aus. In seiner Phantasie sah er die schöne Schwester in dem hübschen Kostüm auf dem Feldrain stehen, mitten unter den goldenen, wogenden Ähren und den so vertrauten, blauen, roten, gelben und weißen Feldblumen.

Nur der Papa war in gewohnter Weise höchst unwirsch.

»Es ist für mein Mannesherz so schwer, immerfort Wohltaten empfangen zu müssen«, fing er an, hörte aber sofort auf, als Frau Charlotte in ihrer rüden Weise empfahl, um diesen verhaßten Unannehmlichkeiten zu entgehen, solche Herrlichkeiten aus eigenen Geldern anzuschaffen.

»Du hast mich nie verstanden«, grollte er vor sich hin, aber so unverständlich, daß es Frau Charlotte, die noch immer in Betrachtung der angelangten Schätze vertieft war, gar nicht verstehen konnte.

Lise brannte vor Begierde danach, das Kostüm zu probieren, ein Vorhaben, das die größte Billigung der Mama errang.

Während Lise im Schlafzimmer unter Assistenz das Kostüm anzog, erklang die Wohnungsglocke. Frau Thorn öffnete; vor der Tür stand Herr Breuer.

»Na, sind die Sachen schon angekommen?« fragte er mit fröhlichem Lächeln.

Mit wortreichem Schwall erging sich Frau Charlotte über die Schönheiten des Geschenkes.

»Lise wird sich selbst bedanken ... sie kommt gleich«, kündigte sie an, strahlend vor stolzem Mutterglück. Herr Thorn befand sich mit seinem Stammhalter im Speisezimmer. Als Herr Breuer eintrat, ging er ihm mit pathetischen Schritten entgegen.

»Ich danke Ihnen, verehrter Freund«, sagte er und reichte dem Eintretenden beide Hände hin,, »aber Sie machen einem Vater das Herz schwer ...; die Wucht Ihrer Freundschaft, die ich nie werde vergelten können, erdrückt mich. Wenn meine Tochter sich das richtig überlegt, so muß sie ihren armen Vater verachten!«

Er seufzte schwer, sank in einen Fauteuil und warf den Thornschen Familienblick zum Himmel empor.

»Na, was sagt Lise«, fing Breuer an. Das falsche Pathos des Herrn Thorn war ihm in die Seele hinein zuwider.

Aber Thorn seufzte nur, er war so ergriffen, daß er kein Wort hervorbrachte.

Um so lebhafter antwortete Eugen.

»Sie ist ganz verrückt vor Freude«, sagte er, »denken Sie sich nur, sie zieht das Kostüm jetzt an! Das ist doch eine rechte Putzgredl!«

»Eugen, mäßige dich, bedenke, du sprichst von deiner Schwester«, sagte Vater Thorn.

Zum Glück tat sich in diesem Moment die Tür auf, und herein schritt in das Zimmer, strahlend in Jugend und Schönheit, Lise; hinter ihr stand als dunkle Folie die selige Mutter, die weinend vor Glück die alte Schürze an die Augen drückte.

»Bravo, bravo! Lisel!« schrie Eugen und klatschte wütend in die Hände.

Breuer saß stumm in freudigem Staunen da; ihm selber war zumute, als sei da ein wunderbares Märchen lebendig geworden, als sei in seinen sinkenden Tagen nun auf einmal alle Pracht und aller Glanz des Lebensfrühlings aufgetaucht. Er war so erregt, daß er lange kein Wort hervorbringen konnte.

Aber des Redens Mühe überhob ihn die glückliche Mama.

»Sie ist schön – das Kostüm steht ihr großartig«, seufzte sie und dachte auch jener Tage, da sie jung gewesen war.

Mit ungeheurer Würde erhob sich der Papa. »Es kleidet sie gut«, sagte er; »man kann wirklich einige Freude haben!«

Lise ging auf Breuer zu und gab ihm die Hand. »Ich danke Ihnen«, sagte sie und sah im freudestrahlend in das Gesicht.

Und es schien, als läge ein heller Sonnenschimmer auf dem Antlitz des alternden Mannes.

»Aber es fehlt noch etwas zu dem Kostüm, ich habe es aber schon mitgebracht«, sagte er und lachte selber vor Glück.

Er zog ein altes, verschossenes Samtetui aus der Tasche und öffnete es. Darin lag eine zwölffache, feine Silberkette, wie sie einst von den Frauen in Oberösterreich an festlichen Tagen getragen wurde. Das Schloß der Kette war ein Meisterstück in zierlicher, feiner Arbeit.

»Es ist ein uraltes Erbstück unserer Familie. Ich glaube, schon meine Urgroßmutter hat damit an ihrem Hochzeitstage Staat gemacht. Ich habe keine Tochter, die ich damit glücklich machen könnte, und so biete ich es Ihnen als notwendige Ergänzung zum Kostüm an.«

Er reichte das Etui dem schönen Mädchen.

Man war allseits völlig sprachlos über die Großmut des alten Herrn. Da das Schloß der Silberkette einen sehr komplizierten Mechanismus zeigte, so daß die Mama sich nicht getraute, Lise die Kette um den Hals zu legen, aus Furcht, etwas daran zu verderben, so ward allgemein Herr Breuer aufgefordert, dieses schwierige Werk auszuführen. Er tat es, aber auch er schien den altväterischen Mechanismus nur wenig zu kennen, denn seine Hände bebten bei der Ausführung dieses Familienantrages, und es dauerte lange, bis die Kette sich ordnungsgemäß um Lises blanken Hals schmiegte.

»So ist's recht«, meinte Breuer, als er, zurücktretend, tat, als ob er nur mit Kennerblicken das Kostüm betrachte. »Jetzt stimmt es. Hätte nicht gedacht, daß das alte Schmuckstück einst noch so passende Verwendung finde. Schade, Fräulein Lise, daß Sie – die Zeiten haben sich, und dies leider nicht zu ihrem Vorteil, so geändert – nicht gleich meiner Urahne einst, angetan mit diesem altfränkischen Zierat, vor den Traualtar treten können! Es müßte etwas Wunderbares sein!«

Herr Breuer hatte versucht, die Sache scherzhaft zu behandeln, aber es gelang ihm schlecht, an seiner Stimme war die tiefe Bewegung zu erkennen, die ihn durchzitterte.

Der Abend verlief sehr angenehm. Herr Breuer war ganz Wonne und Glück und War wunderbar gesprächig, trotzdem Fräulein Lise das Prachtkostüm gleich wieder abgelegt hatte und nun im schlichten Hauskleid neben ihm saß. Ja er verstieg sich zu der Äußerung, daß sie ihm jetzt fast besser gefalle als in dem früheren Staate, der unstreitbar etwas Theatralisches an sich habe.

»Herr Breuer, Sie machen sich so viele Ausgaben meines Kindes wegen – Ihre Großmut bedrückt mich«, begann Herr Thorn und reichte dem edlen Wohltäter die Hand.

Frau Charlotte wollte schon mit scharfer Stimme den misanthropischen Gemahl ersuchen, wenigstens heute abends gefälligst das Maul zu halten, als Herr Breuer, das Unheil ahnend, mit milden Worten bat, Fräulein Lise möge ihn eben als zweiten Onkel betrachten, er werde alles daransetzen, um ja hinter dem rechtmäßigen Onkel nicht zurückzustehen.

Ehe noch Thorn wie gewohnt seiner schmerzlichen Verachtung gegen diesen rechtmäßigen Onkel Ausdruck geben konnte, erklärte Lise mit herzlichem Lachen ihre volle Zustimmung zu dem erbetenen Avancement, worauf der neue Onkel Eugen mit einem geheimen Auftrag in die in der Straße gelegene große Weinhandlung schickte. In kaum einer Viertelstunde erschien ein Geschäftsdiener und brachte zwei Flaschen mit goldenen Hälsen, deren Inhalt sich zur allgemeinen Befriedigung als Champagner erwies, was Herrn Thorn mit unsäglichem Stolz erfüllte. Breuer bewies eine großartige Geschicklichkeit im Eröffnen der Flaschen; der Knall der Pfropfen erweckte Sensation und gab Eugen Anlaß, sich höchst gelehrt über die Wirkung komprimierter Kohlensäure auszusprechen. Vater Thorn machte ein so vornehmes Gesicht, als ob er jeden Abend seine Flasche Schaumwein trinke.

Das erste Glas erhob Breuer auf das Wohlergehen der Familie, wobei er besonders Lises Zukunft in den hellsten Farben malte und Eugen versicherte, daß er trotz der von ihm begangenen Schurkereien durchaus nicht zweifle, daß er zu Glück und Ruhm und sonstigen materiellen und ideellen Gütern noch gelangen werde.

Die Gläser klangen fröhlich aneinander.

Auch Vater Thorn erhob sein Glas. In seinem Trinkspruch gab er seiner bestimmten Zuversicht Ausdruck, daß einst das Schicksal alles an ihm gutmachen werde, was es bis jetzt an ihm verschuldet habe. Da er schon mehrere Gläser des ihm unbekannten, aber recht wohlschmeckenden Getränkes hinter die Binde gegossen hatte, so kam der eigentliche Grundzug seines Wesens zum Ausdruck; er wurde erst elegisch, dann sehr melancholisch. Seine Worte überwältigten ihn so sehr, daß er sich, das Champagnerglas in der Rechten haltend, betrübt mit dem linken Ärmel die Augen auswischen mußte.

Angesichts der betrübten Stimmung des Familienoberhauptes mußte die Sitzung abgebrochen werden.

Mit Ausnahme Thorns, der aus gewissen Gründen zurückgeblieben war, begleitete alles Herrn Breuer über den Gang hinüber zur Tür seiner Wohnung.

»Gute Nacht, Herr Onkel«, sagte Fräulein Lise, gab ihm die Hand und machte dabei den herrlichsten Knicks, den je ein schönes, graziöses Mädchen zustande gebracht hat.

Seufzend ging Breuer in sein Schlafzimmer, in dem er erst in tiefen Gedanken eine Weile auf und ab wandelte. Ihm war, als fühle er noch immer den Druck der feinen weichen Hand.

Dann stieg er endlich zu Bett. Der Spruch des Altmeisters deutschen Humors Wilhelm Busch kam ihm in den Sinn:

Onkel heißt es, günst'gen Falles.
Aber das ist dann auch alles!

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