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Dr. Thorns Lebensabend

Rudolf Hawel: Dr. Thorns Lebensabend - Kapitel 7
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authorRudolf Hawel
titleDr. Thorns Lebensabend
publisherGerlach & Wiedling
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Siebentes Kapitel

Das mitleidlose Schicksal hatte den strebsamen Jüngling Eugen Thorn schwer getroffen, man hatte ihn wirklich aus der Schule entfernt. Seine Professoren hatten im Verein mit dem Direktor durchaus nicht die Überzeugung gewinnen können, daß Eugen ein unschuldiger Knabe sei, und ihm dringendst nahegelegt, sein Heil irgend anderswo, und zwar möglichst weit entfernt von seiner derzeitigen Bildungsstätte, zu suchen.

Für Herrn Thorn war es ein Leidensweg, als er mit seinem Sohne verschiedene Versuche unternahm, den strebsamen Jüngling in irgend einem Gymnasium unterzubringen, woran einzig und allein der sonderbare Umstand schuld trug, daß in diesem Jahre an sämtlichen Gymnasien just die vierten Klassen total überfüllt waren. Der Direktor bedauerte ungemein, den braven Eugen nicht aufnehmen zu können, was unter halbwegs günstigeren Verhältnissen ganz entschiedenst der Fall gewesen wäre, denn der Schulmonarch war überzeugt, daß unter seiner zielbewußten, pädagogischen Leitung der junge Mann eine geradezu glänzende Karriere machen würde.

Der Papa war schon ganz verzweifelt, als ihm auf einmal einfiel, sein Bruder Gustav sei infolge seiner wissenschaftlichen und gelehrten Neigungen mit vielen Herren Professoren und Direktoren gut, ja er stehe sogar in Beziehungen zu dem hohen k. k. Unterrichtsministerium.

Nach schweren Kämpfen entschloß er sich, an seinen Bruder zu schreiben, daß dieser seinen ganzen Einfluß aufbiete, damit Eugen wieder in einem Gymnasium untergebracht werde.

Bevor er sich zu diesem Briefe niedersetzte, spielte sich eine ergreifende Szene ab.

Thorn rief Eugen zu sich in das Zimmer.

»Mein Sohn«, begann er mit ernster, feierlicher Stimme, »was ich jetzt in diesem Moment für dich tue, das kannst du mir dein ganzes Leben nicht vergelten. Durch dich bin ich gezwungen, meinen Bruder um eine Gefälligkeit, ich muß beinahe sagen, um einen großen Dienst anzugehen. Du begreifst gar nicht, Eugen, wie sehr dadurch mein Mannesstolz verletzt wird, wie sehr ich mich dadurch erniedrigt fühle.«

Zu anderen Zeiten würde Eugen bitterlich geschluchzt haben, diesmal schwieg er. Die Mama war nämlich nicht daheim, und so wäre das Manöver nichts als eine nutzlose Anstrengung gewesen. So begnügte er sich, mit möglichst trotzigem Gesichtsausdruck dazustehen.

Die Intervention Onkel Gustavs war von bestem Erfolg begleitet. Kaum acht Tage später, nachdem Dr. Thorn seinen Brief an den als Anthropologen und Ethnographen bestens bekannten Dr. Alexander Müller, Direktors eines Staatsgymnasiums, abgesendet hatte, erhielt er von diesem die Zusicherung, daß der geniale Neffe in der von ihm geleiteten Anstalt Aufnahme finden werde. Der Herr Direktor sprach in seinem Briefe aus, daß er es als sicher annehme, daß der Herr Onkel allen ihm zustehenden Einfluß aufbieten werde, damit sich der Neffe immerdar dieser unverdienten Gnade würdig erweise. Er empfahl gleichzeitig längst veraltete, aber äußerst wirksame pädagogische Mittel.

Wenige Tage nach Erhalt der so überaus günstigen Erledigung langte an Herrn Dr. Thorn ein Brief ein, der in diesem höchst gemischte Gefühle weckte. Er lautete:

Mein lieber Bruder!

Durch Deinen weitreichenden Einfluß, der mir, selbst leider in den gedrückten Verhältnissen, in denen zu leben ich gezwungen bin, vollständig fehlt, ist es gelungen, daß mein Sohn wieder in einem Gymnasium aufgenommen wurde. Es war sehr schön von Dir, daß Du Dich Deiner brüderlichen Pflichten gegen mich erinnertest. Eugen wird, ich habe mit Energie darauf bestanden, Dir seinen Dank persönlich abstatten. Er fährt mit dem Zug, der vormittags um 9 Uhr 25 Minuten vom Westbahnhof abgeht, zu Dir. Erteile ihm eine Lehre, sei ernst, aber gütig gegen ihn. Rauhes Benehmen verträgt er nicht.

Vielleicht kannst Du ihn abends bei Dir behalten. Es wäre überhaupt für ihn sehr gut, wenn er jetzt acht bis vierzehn Tage Landaufenthalt genießen würde. Der arme Knabe hat in diesen Wochen schwer, ich kann schon sagen sehr schwer gelitten. Ruhe und frische Luft benötigt er dringendst. Frau Charlotte läßt Dir sagen, daß er Kohlrüben nicht verträgt, verschone ihn mit dieser Speise, denn es muß jetzt alles aufgeboten werden, damit er sich zu seiner seelischen nicht auch eine körperliche Indisposition zuzieht. Hole den Knaben um ein Uhr sechzehn Minuten vom Bahnhof ab: Du weißt ja, er kennt sich in St. Ruprecht nicht aus.

Ich, Charlotte, Eugen und Lise danken Dir schon im vorhinein bestens für Deine Bemühungen.

Johann Thorn.

NB. Sei nur recht vorsichtig mit ihm. Du mußt bedenken, daß er jetzt riesig nervös ist.

Als Dr. Thorn diesen Brief gelesen hatte, sah er erst eine Weile seiner Schwester sprachlos ins Gesicht.

»Das ist wirklich und wahrhaftig eine Heimsuchung«, das werden bewegte Stunden meines Lebensabends werden«, sagte er betrübt.

»Du kannst ihn doch nicht fortjagen, wenn er kommt, es ist doch der Sohn deines Bruders«, bemerkte sanft Frau Pauline, »und wie ich dich kenne, tust du's auch nicht.«

»Er schickt ihn einfach her, er fragt sich nicht einmal vorher an«, brauste Gustav auf. »Wie wär's, wenn ich krank wäre oder ... wie höchst ungelegen würde er da kommen!«

»Aber wir sind nicht krank, und dann kann er auf keinen Fall lange dableiben, wir schreiben schon den 9. September. Längstens, am fünfzehnten muß er ja ohnehin zur Schule hinein.«

»Na, aber in diesen sechs Tagen kann ich mich krank ärgern; aber wenn mir der Bengel etwas Ungehöriges macht, eine Dummheit anstellt, dann wix' ich ihn.«

»Aber, Gustav, Gustav!« verwies Frau Pauline; »wenn ich nicht so genau wüßte, daß du das gar nicht imstande bist, müßte man wirklich Angst haben.«

Gustav ging erregt hinüber in das Museum. Nach einer halben Stunde kam er in die Küche hinaus und fragte Kathi, was heute gekocht werde. »Schweinskoteletten mit Erdäpfelschmarren« erklärte Kathi, »und Rahmsuppen.«

Frau Pauline kam herein und war sehr verwundert, Gustav in der Küche zu finden.

»Habt ihr das ins Kalkül gezogen, daß heute ein Gast kommt?« fragte er weiter.

»Ja, Gustav. Kathi hat noch ein Kotelett geholt«, beruhigte sie den Haushaltungsvorstand.

»Nun ja ... wenn er einmal kommt ... man kann ihn ja doch nicht verhungern lassen!« sagte er dann, ging zur Tür und drehte sich noch einmal um. Junge Leute haben gern etwas Bäckerei ... etwas Süßes!« sagte er.

Frau Pauline lächelte mild.

»Dazu wird es schon etwas zu spät sein«, sagte sie zweifelnd.

»Ich habe draußen in der Speisekammer ein Körbchen mit Erdbeeren gesehen. Macht das viele Umstände, wenn du oder Kathi etwas Obersschaum fabrizieren würdest? Ich habe selbst einigen Appetit auf etwas Süßes.«

»Du ...?« fragte erstaunt Frau Pauline. »Du ißt doch nie so etwas!«

»Nun ... so ... ich meinte nur wegen des Jungen«, erwiderte etwas stockend Herr Dr. Thorn.

»Wir werden es schon machen«, sagte Frau Pauline.

Sichtlich befriedigt verließ Herr Dr. Thorn die Küche.

Lange vor ein Uhr sechzehn Minuten war schon Doktor Thorn auf dem Bahnhof, um seinen Neffen zu erwarten. Der Herr Stationsvorstand fragte erstaunt, was den Herrn Direktor herausgeführt habe.

»Ich erhalte Besuch ... mein Neffe kommt!« erzählte er.

»Es ist ein großer Nichtsnutz, aber ich werde ihn schon ...« setzte er drohend hinzu und schwang mit einer fürchterlichen Miene sein spanisches Rohr. Der Stationsvorstand machte eine Miene, als ob auch er von den Drohungen des Herrn Direktors nicht viel hielte.

Endlich rollte der Zug ein.

»Ah – da ist er ja«, sagte Thorn und zeigte mit dem Stock auf den eben vom Coupe herabkletternden Eugen.

»Eigentlich ein hübscher Bursch«, sagte er nicht ohne Stolz.

Er hatte damit durchaus nicht unrecht. Eugen war wirklich ein hübscher Bursch. Der trotzige Zug, der sonst auf seinem Antlitz lag, war heute geschwunden, der Junge sah ganz sonnig und hoffnungsfreudig in den lachenden Sonnenschein hinaus.

Dr. Thorn ging Eugen entgegen.

»Na, also glücklich angekommen?« fragte er, und vergaß bei dieser Frage alle Strenge, die er sich vorgenommen hatte.

Eugen küßte nach einer tadellosen Verbeugung dem Onkel die Hand.

»Mutter und Vater und Lisel lassen dich grüßen«, sagte er, »und ich dank dir, Onkel, daß du so für mich eingetreten bist. Ich danke dir!«

»Ja – ja«, sagte Thorn, »aber in der neuen Anstalt darfst du keine Zündhölzchenköpfe mehr auf die Stiegen und Gänge streuen! Sonst schmeißen sie dich wieder hinaus!«

»Aber Onkel!« erwiderte entrüstet Eugen.

»Na, warst du's vielleicht nicht?« fragte eindringlich der Onkel.

Da wendete Eugen sein Antlitz zur Seite; einen Moment lang hafteten seine Augen auf dem in allen Farben strahlenden Laubwerk des wilden Weines, das den kleinen Perron umspann. Und als er das Antlitz wieder dem Onkel zuwendete, lag ein ganz seltsamer Zug darauf, ein leises, etwas boshaftes Lächeln, und dieses Antlitz war so rot: geworden wie die rotesten Blätter des wilden Weines.

»Ja, Onkel, dir sag ich's, aber sei nicht bös, ja, ich war's!«

»So so«, sägte Thorn, »sehr hübsch! Na, werden darüber etwas später reden!«

Nachdem Eugen noch dem Stationsvorstand eine tadellose Verbeugung gemacht hatte, machten sich Onkel und Neffe auf den Heimweg.

»Warum ist Lise nicht mitgekommen?« fragte Thorn.

»Lise ist in der Bank«, sagte Eugen, »o sie wäre so gern mitgekommen, sie hat sogar geweint, als ich fortfuhr. Sie läßt dich vielmals grüßen.«

Eugen küßte auch der Tante höchst ehrerbietig die Hand.

»Grüß dich Gott, Eugen«, sagte die Tante, »da mußt du sehr brav sein, daß sich der Onkel nicht ärgern muß!«

»Sonst kommst du sofort auf den Schub!« ergänzte der Onkel die Rede.

Eugens Appetit war großartig. Thorn sah sofort ein, daß er sich in dieser Hinsicht wegen des Neffen nicht werde ärgern müssen.

Nach dem Essen blieben alle drei erst ein wenig beisammen sitzen.

»Also, du Pauline«, fing Thorn an, »der Spitzbub hat wirklich die Zündholzköpfchen auf die Stiege gestreut!«

»So«, sagte die Tante, als wenn ihr diese Nachricht gar keine Neuigkeit wäre. »Wer hat dir das gesagt?«

»Eugen selbst!« sagte Thorn. »Und warum hast du das getan?« fragte er dann den Jungen weiter, der unermüdlich sich den Mund mit Obersschaum und Erdbeeren vollstopfte.

»Aber laß ihn doch essen«, verwies die Tante.

»Weil ich so einen Zorn gehabt hab'«, erklärte Eugen, »der Selber von der dritten Klasse hat mir auf der Stiege einen Stoß mit der Faust gegeben, und ich hab' mir das nicht gefallen lassen, und da ist der Schuldiener gekommen, nahm mich beim Arm und führte mich zum Direktor. Und da mußte ich zwei Stunden nachsitzen. Und wie ich gesagt hab', der Selber ist schuld daran, sind der Direktor und der Schuldiener über mich hergefallen – und am andern Tag hab ich dann das getan!«

»Und warum hast du nicht gleich gesagt, daß du es gewesen bist?« inquirierte weiter der Onkel.

In diesem Moment erschien plötzlich wieder jener häßliche, boshafte Zug auf dem Antlitz des Jungen. Er schwieg erst eine Weile, dann sagte er in einem bösen, trotzigen Tone:

»Der Vater hat's ja gewußt – aber ich hab' weiter nichts sagen dürfen – und die Mutter hat's auch gewußt, daß ich es getan hab'!«

Er legte den Löffel weg, die Augen waren ihm feucht geworden.

»Bei uns wird immerfort gestritten«, sagte er noch dazu.

Gustav und Pauline sahen sich mit sonderbaren Mienen an. Es war ihnen eben klar geworden, daß die Familie des Herrn Johann Thorn keinen gesunden Nährboden für einen in der Entwicklung begriffenen Charakter abgebe.

Als Eugen gegessen hatte, führte ihn der Onkel auf seinem Besitztum umher. Er zeigte ihm Hof und Garten und draußen am Straßenrande den Kiefernforst. Am meisten interessierte den Jungen der Hühnerhof. Thorn hatte einen Sack voll Hafer und Kukurutzkörner mitgenommen und ließ Eugen das Futter selbst ausstreuen. Die Tauben, Hühner und Enten kamen daher und umringten den freigebigen Spender. Als der kleine Zwerghahn dem großen Hahn einen tüchtigen Hieb mit dem Schnabel versetzte, mußte Eugen laut auflachen.

»Du hast's gut, Onkel, am liebsten möcht ich immerfort bei dir bleiben!« sagte er.

»Du bist mir zu schlimm!« sagte Thorn.

Eugen schwieg. Nach einer Weile sagte er: »Ich glaube, Onkel, bei dir heraußen wär's keine Kunst, brav zu sein!«

»Wie meinst du das?«

»Bei dir ist's so ruhig ... es wird nicht gestritten ... und bei dir weiß man immer, was man zu sagen hat ... aber zu Hause!«

Dr. Thorn machte sich so seine eigenen Gedanken bei den Worten des Knaben. Er führte ihn zum Kaninchenstall, der sein größtes Interesse erweckte.

»So etwas kann man in der Stadt nicht haben ... und ich hätt' eine große Freude an solchen Sachen. Wir haben daheim nicht einmal einen Kanarienvogel. Mir ist einmal ein kleiner Hund zugelaufen, es war mitten im Winter, und in der Nacht hat ihn dann die Mutter wieder aufs Pflaster geworfen.«

Dann führte ihn der Onkel zur größten Sehenswürdigkeit seines Besitzes, zum Heim des Rehbocks. Hansl hatte einen sonderbaren Hauptschmuck bekommen. Um das gefährliche Tier unschädlich zu machen, hatte Dr. Thorn für den Bock einen höchst genialen Lederhut erfunden, der von dem hervorragendsten Schustermeister des Ortes in geradezu bewunderungswürdiger Weise konstruiert wurde. Der Hut, aus starkem Kalbleder in Naturfarbe gearbeitet, hatte die Form eines kleinen Sackes. Dieser wurde dem Bock unter mehrfacher Assistenz über das Geweih gestülpt und unterhalb der Kronen mit starken Schuhriemen zugeschnürt, wodurch die Waffen des infamen Kerls so ziemlich unschädlich gemacht wurden. Seit jenem Tag, da Hansl diesen Hauptschmuck erhalten, war er fortgesetzt in sehr trüber Stimmung; daß er nun in voller Freiheit durch alle Räume des Gartens traben durfte, galt ihm wenig gegenüber dem Umstand, daß man seine Waffe in so lächerlicher Weise unschädlich gemacht hatte.

Eugen zeigte das größte Entzücken, als er das zierliche Tier sah. Er bat in den rührendsten Tönen den Onkel, er möge Hansl von seiner Krone befreien, damit man sehen könne, wie sich das schöne Tier im Naturzustand in Wald und Wiese ausnehme.

Aber der Onkel schüttelte ablehnend das Haupt.

»Da müßten wir alle zwei laufen, was uns die Beine tragen könnten«, sagte er.

»Wir sind doch stärker ... wir beide zusammen«, meinte Eugen. »Ich fürchte mich nicht vor dem kleinen Kerl!«

»Na, so geh hinein, die Tante soll dir die Hundspeitsche geben«, sagte der nachgiebige Onkel. Eugen lief schnurstracks in das Haus und brachte nach wenigen Augenblicken, keuchend infolge des eiligen Laufes, die Peitsche. Als Hansl die Peitsche sah, zog er sich sofort gekränkt in seine Hundshütte zurück und war erst nach vielem Zureden zu bewegen, herauszukommen. Thorn nahm ihm die Haube ab. Er schüttelte, als er sich frei fühlte, energisch das zierliche Haupt und trabte dann vergnügt durch das offene Törchen seines Geheges in den Garten hinaus.

Eugen zeigte die größte Freude, als das Tier so lustig hin und her galoppierte, und lief ihm trotz steter Abmahnung des Onkels fast bis zum Kiefernforst nach. Der Bock ersah darin eine Aufforderung zum Tanz, nahm den Kampf auf, und plötzlich ertönte aus Eugens Mund ein heller, durchdringender Angstschrei. Erschrocken lief Thorn herbei, drohend die große Peitsche schwingend.

Es bot sich ihm ein lächerlicher Anblick. Eugen lief voran, hinter ihm, gesenkten Hauptes, der Bock. Als die beiden an ihm vorüberstürmten, versuchte er, dem Bock mit der Peitsche einen ordentlichen Hieb hinaufzuklatschen; es mißlang. Keuchend stürmte nun Thorn ebenfalls hinter den beiden nach. Eugen klammerte sich an den großen Apfelbaum; der Bock stutzte eine Weile und bekam in diesem Moment von Thorn eine Ordentliche über sein Hinterteil heruntergemessen. Erschreckt sprang Hansl in die Höhe, machte kehrt und eilte in mächtigen Sätzen in sein Heim zurück.

»Hat er dir was getan?« fragte erschrocken der Onkel.

»Ja«, sagte Eugen und machte ein sehr schmerzliches Gesicht.

»Wo?« fragte der Onkel weiter.

»Hinten«, sagte Eugen.

Onkel Thorn betrachtete angstvoll die Reversseite des geliebten Neffen. Die Hose zeigte einen umfänglichen Biß, aus dem das blutgefärbte Hemd hervordrang.

Das gab keine geringe Aufregung, als Thorn mit dem Neffen, der schamhaft die Hand auf die schmerzende Stelle hielt, in das Haus zurückkehrte. Die Damen mußten trotz allen Mitleids mit dem hübschen Burschen lächeln, als sie sahen, welche Stelle der Bock sich zum Angriff ausgesucht hatte. Marie mußte sofort zum Doktor laufen. Nach einer halben Stunde erschien der Medizinmann, und die drei Herren verschwanden auf eine geraume Weile im Schlafzimmer des Herrn Dr. Thorn.

Der Herr Doktor untersuchte die Wunde.

»Am meisten hat die Hose gelitten«, erklärte der Doktor nach genauester Untersuchung, »der edlere Teil ist nur geringfügig verletzt – eine tüchtige Schramme, das ist alles, mit einem Heftpflaster ist die Sache korrigiert!«

Der Doktor korrigierte die Sache, wie er den Vorgang genannt hatte, und die geschädigte Hose ward zur Korrektur dem Schneider zugesendet, der beauftragt wurde, die Behandlung des verwundeten Kleidungsstückes in kürzester Zeit durchzuführen.

Da Eugen keine zweite Hose mit hatte, mußte er im Schlafzimmer des Onkels längeren Aufenthalt nehmen.

»Der Bock ist ein ausnehmend gescheites Luder«, sagte anerkennend der Doktor beim Abschied. »Er hat die richtige Stelle gefunden, wo junge Herren in Eugens Alter dann und wann behandelt werden müssen.«

Abends brachte der Schneider die Hose. Auch sie hatte ein Heftpflaster bekommen, aber innen. Da Eugen nun wieder instand gesetzt war, vor Damen erscheinen zu können, so wurde das Nachtmahl im Zimmer bei Frau Pauline eingenommen. Eugen saß in einem Fauteuil, die gütige Tante hatte, um die Wundschmerzen zu lindern, dem Neffen noch einen Polster untergelegt.

»Also was macht Lisel?« fragte während des Essens der Onkel.

»Sie geht ja jeden Tag in die Bank – sie hat schon sechzig Kronen monatlich – und weißt du, Onkel, wer jetzt fast jeden Abend bei uns ist?« fragte Eugen.

»Na, wer wäre das?«

»Herr Breuer – der bei uns im selben Stockwerk wohnt – er war früher mit Papa im Amt.«

»Den kenn' ich ja – er ist ja schon in Pension, er soll ein vermöglicher Mann sein!« meinte Thorn.

»Geld muß er haben, er bringt Lisel Blumen und Bonbons mit – mir hat er zu meinem Namenstag einen großen Malkasten gekauft, der mindestens zwanzig Kronen kostet«, erzählte Eugen weiter.

Thorn sah seine Schwester verwundert an.

Eugen hatte dies bemerkt, und da es ihn freute, daß seine Mitteilungen solches Interesse fanden, fuhr er unentwegt fort:

»Und weißt du, Onkel, was unlängst der Papa zu Mama gesagt hat? Sie wußten nicht, daß ich im Zimmer sei. Papa sagte, am besten wäre es, wenn Lisel den Herrn Breuer heiraten würde!«

»Das ist doch nicht möglich – Eugen, du hast schlecht gehört –!«

»O, ich hab' ganz gut gehört. Die Mama gab dem Papa recht. Sie sagte – ja, ja, bei dem Alten ist man gut gehalten. Da hab' ich lachen müssen und bin darauf hinausgeworfen worden.«

Dr. Thorn stand auf und ging mit starken Schritten im Zimmer auf und ab.

»Und was sagt Lisel dazu?« fragte er dann, vor Eugen stehen bleibend.

»Lisel?« Eugen war gerade mit einer Weintraube beschäftigt, »Lisel sagt gar nichts – ja, einmal hat sie sich beklagt; Herr Breuer traf sie auf der Straße und ging mit ihr nach Hause. Eine Kollegin ist ihr begegnet und hat dann des anderen Tages gefragt, ob der Alte auch recht reich ist!«

Thorn brach nach einem langen, bedeutungsvollen Blicke auf Frau Pauline das Gespräch ab, das seinem schlichten, altfränkischen Sinne nach Bahnen einzuschlagen drohte, die ihm in Gegenwart eines kaum vierzehnjährigen Menschenkindes nicht passend erschienen.

»Also, Eugen, was werden wir morgen machen?« fragte er wohlwollend den Neffen. »Eine sitzende Beschäftigung wird dir bei deinem Leiden nicht gut tun. Wie wär's, wenn wir auf den Forellenfang ausgingen?«

Eugen hüpfte vergnügt in die Höhe, zog aber beim Niedersetzen ein höchst schmerzliches Gesicht.

»Recht so, jugendliche Unvorsichtigkeit muß bestraft werden«, sagte Thorn milde. »Mein Vorschlag ist also akzeptiert. Marie«, wendete er sich an die Schwester, »soll den alten Hofbauer verständigen, daß er noch heute eine Dose Regenwürmer sucht, so mittelgroße! Morgen, punkt sieben Uhr, wird ausgerückt. Junger Mann, du gehst jetzt schlafen, daß dein Gebreste möglichst Heilung findet!«

Eugen machte zwei höchst elegante Verbeugungen, küßte Tante und Onkel respektvollst die Hand und ging, von Marie geleitet, in sein Kämmerchen hinüber.

Nach Eugens Abgang sagte Dr. Thorn zu seiner Schwester: »Das wäre doch schrecklich! Wohin denkt denn der Esel? Breuer ist ein gutmütiger, liebenswürdiger Mann – dagegen ist gar nichts zu sagen – aber er und Lisel! Er ist so alt wie ich. Was ist denn Johann da eingefallen? Ach, wer weiß, was der dumme Junge gehört hat!«

Obwohl Eugen die Nacht etwas unruhig verbracht hatte, war er doch schon punkt sechs Uhr früh munter. Im Hofe saß ein alter Herr, der beschäftigt war, einige Fischzeuge in Ordnung zu bringen, eine Tätigkeit, die Eugens lebhaftestes Interesse erweckte.

»Eugen, Eugen!« hörte er plötzlich rufen.

Der Onkel kam schon in den Hof heraus.

»Ah, da bist du? Schnell hinein und den Kaffee getrunken. Wie geht's, wie steht's? Wenn die Wunden noch nicht vernarbt sind, müßten wir doch die Expedition unterlassen!«

»Nein, nein, es ist alles gut, ich bin heute sogar schon auf einem Holzsessel gesessen!«

»Dann ist's recht. Also schnell den Kaffee!«

Nachdem das Frühstück vorüber war, bekam Eugen eine Tasche umgehängt, in der sich außer Fischereigeräten auch mannigfacher Proviant befand. Kein Minister hat jemals mit größerem Stolz ein Ordensband sich um den Hals geschlungen, als Eugen den Riemen der Tasche um seine Schulter legte. Flehentlichst bat er, auch einen Angelstock tragen zu dürfen. Er erklärte, er würde sich zu Tode schämen, ohne Angelstock durch das Dorf gehen zu müssen. Sein Wunsch wurde erfüllt, er bekam ebenfalls eine Angelrute in die Hand, deren einzelne Teile in einem Etui aus grauer Leinwand steckten. Der alte Mann, der vom Doktor für die Partie gedungen war, trug ein sogenanntes Fischlagel, ein langgestrecktes Fäßchen, an einem grauen Hanfbande und einen Feldsessel. Als Eugen von der Tante Abschied nahm, erschien er wirklich als ein blühender, hübscher Bursch, die Augen leuchteten ihm in heller, sonniger Jugendfreude und die beiden Mägde betrachteten den jungen Mann mit innigem Wohlgefallen. Es ging von ihm ein ordentlicher Glanz von Freude und jugendlichem Frohsinn aus.

»Wenn ihm nur nicht wieder etwas passiert«, meinte Marie.

»Daß er vielleicht wieder muß Pflaster kriegen, wann hamkummte!« meinte die Köchin.

Es war ein herrlicher, schöner Vorherbsttag. Stolz schritt Eugen neben seinem Onkel dahin, mit glänzenden Augen auf den gütigen alten Herrn blickend. Alle Leute grüßten die Eskorte, der Herr Postmeister, der Stationsvorstand und der Herr Lehrer, schließlich kam auch der Doktor die Straße daher, er erkundigte sich um den Patienten und fragte, wie sich das geschädigte Hinterteil verhalte.

»Ich bin schon auf einem harten Sessel gesessen«, sagte freudig strahlend Eugen.

»Also, dann ist's recht!« sagte er und grüßte noch aus der Ferne.

»Petri Heil!« rief er ihnen zu.

»Petri Heil!« sagte auch der sonst so ernsthafte Herr Bürgermeister, als die Expedition an seinem Kaufmannsladen vorüberschritt.

Außerhalb des Dorfes zweigte von der Straße ein Feldweg ab. Bald an Sturzäckern, bald an abgemähten Wiesen, auf denen Jungvieh, von halbwüchsigen Kindern bewacht, weidete, ging es vorüber. Eine Kalbin kam ganz nahe an den Weg heran, glotzte die Gesellschaft verwundert an, schlug auf einmal mit den Hinterfüßen aus, beschrieb mit dem Büschelschwanz einige Kreise und galoppierte dann zu den Genossen zurück.

»Was hat sie denn?« fragte verwundert Eugen.

»Lustig ist s' – gut aufgelegt!« sagte der Onkel.

»Narrisch Luada!« sagte Herr Hofbauer, der das Fischzeug trug. »Heunt' is aber a a wunderschöner Tag. Mir scheint, dös g'spürn sogar die Viecher!«

Hie und da ging ein Pflug über das Feld, der Ackermann hielt inne und schwang den Hut, wenn er den Doktor erkannte.

Alles grüßte zurück, am fröhlichsten Eugen.

Es war wirklich ein wunderherrlicher Tag – der Himmel war so sehnsüchtig blau, am Rande des Hohlweges zeichnete sich jeder Halm, jede Rispe vom Horizont so klar ab; als sie auf die Höhe hinaus kamen, hörten sie von der fernen Landstraße herüber das Knarren der Wagen, sogar das Rufen der Kutscher.

Als sie auf schmalem Fußpfad über eine recht dürftige Wiese schritten, entdeckte Eugen eine blaßviolette Blume.

»Eine Herbstzeitlose«, rief er, »und dort, sieh, Onkel – dort – dort überall –!«

»Ja«, sagte der Onkel, »das Jahr geht zu Ende – seine Totenblumen sind schon da! Ich mag die Blumen nicht – das sind die richtigen, stillen Totenblumen!«

»Net amal die Küah mögn s'«, ergänzte Herr Hofbauer.

Dann kamen sie zu einer Mühle, über das Wehr strömte eilfertig das Wasser. Bei der Radstube stand der dicke Müller, er schwenkte einladend sein weißes Käppchen. »Na, Herr Doktor – kommen S' net auf an Sprung 'rein – der junge Herr hat vielleicht schon an Durst«, sagte er und reichte dem Doktor die Hand.

»Auf dem Rückweg, Herr Bauer«, versprach der Doktor.

»Aber der Herr Hofbauer nimmt schon a Schluckerl – daß er die Forelln besser sieht«, meinte der Müller.

Herr Hofbauer verzog das Gesicht zu einem ungefügen Lächeln.

»Vergelts Gott«, sagte er, als er das Gläschen ausgetrunken hatte.

Auch der Herr Doktor hatte sich ein Gläschen genehmigt und dabei die Meinung ausgesprochen, daß ein so trefflicher Slibowitz ein gutes Gegengewicht gegen Kälte und Feuchtigkeit sei. Für Eugen dankte Thorn in der verbindlichsten Weise.

Mit »Petri Heil« nahmen die Fischer Abschied.

»Petri Heil!« scholl es von der Wiese herüber, wo eben die Müllerin bei einem mächtigen Grasbund stand.

Weiter und weiter ging der Weg längs des Baches dahin – stetig bergan – bald engten mächtige Felsen sein Bett ein. Und so still ward's ringsum – nichts als die Schritte der Männer, das Plaudern der Wellen und fernher der Schrei eines Vogels.

Nach fast zweistündiger Wanderung befahl Herr Doktor Thorn Halt!

Das Fischereigerät ward instand gesetzt. Thorn steckte den Fischstock zusammen.

»Onkel, darf ich auch fischen?« fragte bittend Eugen.

Herr Hofbauer lachte, es war das richtige, boshafte, hämische Bauernlachen. Dann stieg er vorsichtig zum Bache hinunter, um das Lagel mit Wasser zu füllen.

»Erst schau zu!« empfahl der Onkel dem strebsamen Jüngling.

Mit tiefem Interesse verfolgte Eugen das Gebaren des Onkels. Wie ein Indianer auf dem Kriegspfad schlich der kleine, etwas beleibte Herr, die Angelrute in der Rechten, längs des Ufers hin; sorgsam achtete er, daß kein Stein ins Rollen komme, vorsichtig bog er das Gestrüpp zur Seite, und endlich warf er, auf einer freien Stelle angekommen, mit geschicktem Schwung die Angel aus.

Atemlos stand Eugen hinter ihm, die Träume seiner Indianerbüchel hatten hier Leben, Farbe und Gestalt bekommen.

Plötzlich machte Thorn einen Ruck mit der Angelrute, und silberglänzend stieg im Sonnenschein an der emporgeschnellten Schnur eine stattliche Forelle zum Licht – und Tod empor.

»Heunt' beißen s' an«, sagte befriedigt der alte Hofbauer. Der Alte entnahm der am Boden zappelnden Forelle die Angel und steckte den Fisch in das Lagel, wo er zuerst heftig herumschlug, daß das Wasser beim Türchen des Fasses herausspritzte.

Eugen ward fast närrisch vor Freude und Entzücken – er jubelte – nein, er jauchzte laut auf.

Thorn setzte den Fischzug fort; es mußte heute ein ausnehmender Glückstag sein, alle Augenblicke hing eine Forelle an der Angel.

Eugen sprühte vor Begeisterung.

»Onkel, bitte, laß mich auch eine Forelle fangen!« bat er mit gefalteten Händen.

»Wieviel haben wir jetzt?« fragte Thorn.

»Eilf Stückln«, sagte Hofbauer.

»Na also, so versuche dein Glück«, sagte Thorn und reichte Eugen den Angelstock. Der alte Hofbauer köderte einen Wurm an, Thorn ging langsam schleichend am Ufer voran.

»Dort wirf ein!« befahl er dem Schüler. Im Bette des Baches lagen ungeheure bemooste Felsen, klares, ruhiges, im Schatten fast tiefgrünes Wasser erfüllte die kleine Bucht.

»Wenn du einen Rück spürst, ziehst du sofort scharf an«, belehrte der Onkel.

Eugen warf aus und die Angel verfing sich im Gestrüpp der Erlen über seinem Haupt.

»Halt aus«, sagte Herr Hofbauer, löste das Fanggerät aus den Zweigen und steckte frischen Köder an.

Nach einigen mißglückten Versuchen gelang es Eugen, die Angel sportgerecht in das Wasser zu werfen, und, o Wunder, nach wenigen Augenblicken hing an der stramm emporgeschnellten Schnur eine mäßige Forelle.

Eugen schrie auf vor Entzücken.

»Bravo!« rief der Onkel.

»Schauts ma den Sakrawolt an!« sagte Herr Hofbauer.

Leider verfing sich der Fisch, als er gelandet werden sollte, mit der Schnur wieder im Gebüsch. Rasch entschlossen stieg Eugen über das Ufer hinab, rutschte aber auf den schlüpfrigen Steinen aus und setzte sich komfortabel im kühlen Grunde nieder. In seinem Eifer spürte er es gar nicht, wie das kalte Wasser ihm fast bis zur Brust drang; mutig drang er zur Stelle vor, wo im Gebüsch die Forelle zappelte, löste sie geschickt von der Angel und warf sie auf das Ufer hinauf. Beinahe wäre sie wieder in den Bach zurückgesprungen.

Der Onkel half dem Neffen aus dem Bade.

»Das ist jetzt eine schöne Geschichte, du hast entschieden Pech«, sagte er, als Eugen triefend naß auf dem Ufer stand.

»Ah, das macht nichts«, sagte der Verunglückte lustig, »eine Forelle hab ich doch gefangen!«

»Jetzt aber schnell weiter zur Mühle – der Müller muß uns von seinem Sohn eine Hose usw. leihen, sonst verkühlst du dich!«

Thorn und Eugen wurden in der Mühle mit großem Bedauern empfangen, die Müllerin beklagte in wortreicher Rede das Unglück. Während Eugen die Kleider wechselte, bereitete die Müllerin rasch russischen Tee, um eine etwaige Verkühlung hintanzuhalten.

»Das Heftpflaster hält noch«, sagte befriedigt Thorn, der seinem Neffen beim Kleiderwechsel behilflich war, »du hast in diesen zwei Tagen entschieden Pech!«

Eugen hatte sich in einen sehr hübschen Bauernjungen verwandelt; er sah etwas theatermäßig aus, Gesicht und Haltung paßten nicht recht zum ländlichen Kostüm.

Während Eugen den Tee trank, die Müllerin hatte ein tüchtiges Stück Butterbrot dazugegeben, saß Thorn neben ihm und betrachtete den Jungen mit sonderbar gemischten Gefühlen. Es kam ihm in den Sinn, daß er, wenn sich sein Schicksal anders gestaltet hätte, wohl auch jetzt neben einem solch frischen Burschen sitzen könnte, der aber dann sein Eigen wäre, und dem er in inniger Vaterfreude alles schaffen würde, was sein Herz begehrte.

Der helle Sonnenschein lag auf dem grünen Anger, das Wasser rauschte über das Wehr – es war ein wunderbar herrlicher Tag. Plötzlich sprang Eugen auf. »Was war das?« sagte er und zeigte in die Ferne. In reißendem Fluge war ein herrlich gefärbter Vogel, dessen Gefieder im Sonnenschimmer mit allen Farben des Regenbogens geschmückt schien, über das Wehr gezogen.

»A Eisvogel«, sagte der Müller, »dort hat er sein Nest.«

Eugen starrte in der Richtung, die der Müller wies, konnte aber nichts mehr sehen.

»O, dö san scheu!« sagte der Müller, »aber schöne Kerln san's!«

Mit herzlichem Danke für die erwiesene Gastfreundschaft brachen nun beide auf. Der alte Hofbauer hatte neben den Fischereigeräten auch Eugens nasse Kleider mitgenommen.

Eugen machte beim Abschiede eine tadellose Verbeugung vor den Müllersleuten.

»Siagst Tonl«, sagte die Müllerin zu ihrem mittlerweile herbeigekommenen Sohne, »schau an den Burschen, was der für a Benehmen hat und was du für a Lümmel bist!«

Tonl entfernte sich schweigend, aber seine Gedanken waren der entschiedenste Gegensatz von Bewunderung großstädtischer Umgangsformen.

Auf dem Rückwege sagte Eugen plötzlich: »Onkel ... ich kann dir nicht sagen, wie dankbar ich dir bin, so schöne Tage habe ich noch gar niemals gehabt ... niemals, und jetzt, wenn der Vater wieder ...«

Er stockte plötzlich bei diesen Worten.

»Wenn du es nicht sagen willst, was sich dir eben auf die Zunge gedrängt hat – so brauchst du es auch nicht ...« sagte Thorn und sah mit innigem Bedauern auf den schmerzlich bewegten Knaben.

»Nein, nein ... ich muß dir's doch sagen; wenn der Vater wieder schimpft über dich, dann mach ich's so wie die Lisel!«

»Wie macht's denn die?« fragte Thorn.

»O ... die draht auf ... und verteidigt dich ... der Vater heißt sie dann eine ungeratene Tochter!«

Er mußte unwillkürlich lachen – er dachte an das Pathos seines Vaters, das ihm jetzt in der Erinnerung so ungeheuer lächerlich vorkam. »Und du willst auch aufdrehn? – Das darfst du nicht tun, Eugen – Vater ist Vater!« verwies der Onkel.

Schweigend schritten die beiden eine Weile weiter, jeder hatte seine eigenen Gedanken.

Bevor der Feldweg auf die Dorfstraße einbog, fragte plötzlich Eugen:

»Onkel, gelt, ich darf übers Jahr wieder zu dir kommen?«

Er war bei diesen Worten stehen geblieben und sah dem alten Herrn fast flehend in das Gesicht. Die Augen waren ihm feucht geworden.

»Ja, was hast du denn, Eugen«, fragte Thorn erschrocken. »Selbstverständlich, wenn du brav bist, kannst du immer wieder kommen; aber ich darf von keinem dummen Streich mehr etwas hören. Und lernen muß der Herr Neffe sehr, aber schon sehr fleißig!«

»Hier ist alles so hell ... so schön ... du und Tante seid so gut; ich glaub', Onkel, sogar wenn du schimpfst, muß man dir die Hand küssen! Ach, Onkel, du kannst ja gar nicht schimpfen; auch Tante kann's nicht.«

Und er küßte in leidenschaftlicher Erregung des Onkels Hand.

»Laß das ... laß das; sei nur recht brav! Weiß schon, wie du's meinst!« sagte Thorn.

Unterm Weitergehen mußte Thorn immer daran denken, was so einem Großstadtkind oft alles fehlt: Blauer Himmel, Feld und Wald und lachender Sonnenschein – und mit diesem der Sonnenschein im Herzen! Er ahnte, was im Herzen des Knaben vor sich ging; am Glück der beiden frohen Tage hatte er kennen gelernt, was er bis jetzt im Leben verloren hatte.

»Wenn die Zensur nächstes Jahr eine sehr gute ist, kann der Herr Neffe schon anfangs Juli herauskommen!« Dr. Thorn blieb stehen und machte eine fürchterlich ernste Miene.

»Aber nur wenn die Zensur eine sehr gute ist! Und weiß der Herr Neffe, was dann noch außerdem seiner wartet?«

Mit geröteten Wangen sah Eugen dem Onkel ins Gesicht.

»Ein Jagdgewehr bekommt er und darf mit dem Onkel und mit dem Förster auf die Jagd gehen!«

»Onkel, Onkel!« rief der Junge aus und umschlang Thorn mit beiden Armen und ruhte nicht eher, als bis der Onkel sein Antlitz niederneigte, damit ihn der Neffe recht herzlich abküssen konnte.

»Geh du dummer Bub!« war das einzige, was er sagen konnte.

Es ist so was Wunderbares um die Liebe, die aus einem schönen guten Herzen hinüberstrahlt in ein junges Herz und es mit Jubel und hellem Sonnenschein erfüllt.

Sehr herzlich gestaltete sich die Heimkunft. Tante Pauline fragte erschreckt, ob Eugen weiter nichts geschehen sei, was Eugen energisch verneinte.

Marie und Kathi konnten sich nicht genug lachen über den schmucken Bauernbuben.

»Aber lieb ise – lieb '...«, sagte Kathi und schlug ein- über das anderemal entzückt die Hände zusammen.

Dr. Thorn war so aufgeräumt, daß ihn Frau Pauline fragte, was es denn gegeben habe.

Thorn antwortete erst ausweichend. Nach dem Mittagessen ließ er sich zu einer Erklärung herbei.

»Ich hab den Buben verkannt, total verkannt. Natürlich unter den Leuten – unter Bruder Johann und der Soeur Charlotte konnte das Gewächs nicht anders gedeihen. Es ist eigentlich ein prächtiger Kerl. Ich schaff ihm ein Lodengewand an. Denn wenn die Sache so fort geht – einmal zerreißt ihm der Bock die Hosen, einmal fällt er ins Wasser – auf einmal steht er dann im Hemd da. Und was das für ein ekler, trotziger Kerl war! Ich glaube, er war sogar heimtückisch! Mir kommt's vor, als ob die Sonne hier, vielleicht auch die Stille und Freudigkeit, aus seinem Gemüt alles Schlechte ausgezogen habe!«

»Du bist ja ganz verliebt in den Jungen!« sagte Frau Pauline.

Es folgten noch einige wunderbare Tage für Eugen. Ein Besuch im Försterhaus bereitete ihm ein großartiges Vergnügen. Er war mit dem Onkel und dem alten Förster hinaus in den Wald gegangen; die beiden Herren hatten auf wilde Kaninchen geschossen, die zum Verdruß des Försters dort in weit größerer Anzahl vorkamen, als es für das Gedeihen des Waldes gut war. Auf dringendes Bitten hin ward auch Eugen gestattet, einen Schuß abzugeben. Er bekam mit einer Fülle von Belehrungen seitens des Onkels und des Försters die Flinte in die Hand.

»Den Schaft fest in die Achsel hineindrücken, sonst gibt dir der alte Schießprügel eine gewaltige Ohrfeige«, mahnte der Förster.

»Das Korn direkt auf das Ziel anhalten, das linke Auge schließen ... so ...!«

Der Onkel zeigte stramm vor.

»Mit dem Zeigefinger nur eine leichte Anlehnung nehmen ...!« sagte der Förster.

Die Fülle der Details machte den Jungen ganz verwirrt.

Nach einer halben Stunde kam wirklich ein Kaninchen zum Vorschein.

»Da ... da ...!« flüsterte fast tonlos der Förster.

»Dort, dort!« sagte der Onkel.

»Wo, wo?« fragte Eugen.

Endlich sah er es – es humpelte, als sei es sich gar keiner Gefahr bewußt, zwischen den Wachholderbüschen umher.

Eugen legte an, der Schuß krachte, und der Knabe rieb sich erschrocken die Wange. Das Kaninchen hatte sich aber in tunlichster Eile empfohlen.

»Macht nichts – macht gar nichts«, tröstete der Onkel, »wenn du nächstes Jahr kommst, bekommst du ein hübsches Gewehr, und ich und der Herr Förster werden dich zu einem tüchtigen Jäger vor dem Herrn machen.«

Es ereignete sich weiter kein Unglück mehr; der Onkel sagte, daß es eigentlich schade war um das hübsche Lodengewand mit den grünen Aufschlägen, für das er eine Menge Geld ausgegeben hatte. Sogar ein Jägerhut mit Spielhahnfeder und breitem grünen Bande war dazu gekommen.

Allzu schnell – allzu früh war der Abschiedstag herangerückt. Der Zug, der den Jungen wieder in die Heimat bringen sollte, ging um zwei Uhr vom Bahnhof in St. Ruprecht ab. Den Vormittag benützte Eugen, um von den so liebgewordenen Stätten Abschied zu nehmen. Vom Hof mit dem alten Kastanienbaum, vom Blumengarten, wo heute ihm zu Ehren der Springbrunnen in Tätigkeit war, vorn Kiefernforst mit dem Grabdenkmal Paschas. Eugen legte zu Füßen des Obelisken einen Strauß wilder Waldblumen nieder, die er vormittags gelegentlich eines Spazierganges gepflückt hatte.

»Ja«, sagte der Onkel befriedigt – »da hast du recht, unter seinem schwarzen Fell hat ein biederes, treues Herz geschlagen – er verdient diese Ehrung!«

Auch in den Hühnerhof ward hinausgegangen und vom Hansl Abschied genommen. Hansl trug wieder seine Ledermütze. Er stellte sich am Gitter auf und tat ungemein liebenswürdig.

»Nein, nein, Hansl«, sagte Thorn – »bleib nur drinnen, Eugen hat eine neue Hose an.«

Das Mittagmahl verfloß in gedrückter Stimmung. Trotzdem es wieder Erdbeeren mit Obersschaum gab, zeigte Eugen sehr wenig Appetit.

Eher als nötig war, drängte Eugen zum Abschied.

»Wir versäumen noch den Zug ...« mahnte er.

»Kannst du es nicht mehr erwarten, fortzukommen?« fragte fast böse der Onkel.

Der Knabe gab keine Antwort.

»Wenn das Fortgehen nur schon vorüber wär!« sagte er dann.

Nun verstanden sie ihn.

Onkel und Tante geleiteten ihn zum Bahnhof. Der Abschied war sehr kurz.

»Also nächstes Jahr kommst du wieder, und schick auch die Lisel heraus!«

Schweigend küßte er Onkel und Tante, als der Zug einfuhr.

Es ist ein großes Glück, daß die Züge in St. Ruprecht nur eine Minute Aufenthalt haben!

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