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Dr. Thorns Lebensabend

Rudolf Hawel: Dr. Thorns Lebensabend - Kapitel 5
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typefiction
authorRudolf Hawel
titleDr. Thorns Lebensabend
publisherGerlach & Wiedling
year1947
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Fünftes Kapitel

Während der Herr Rechnungsdirektor sich in seinem Tuskulum behaglich einrichtete und bei dieser löblichen Tätigkeit ungezählte fröhliche Stunden verlebte, war bei seinem Stiefbruder das Unglück eingezogen. Die Dame hatte einen Schadenersatzprozeß gegen ihn wegen des verbrannten Kleides angestrengt, und trotz seiner feierlichen Schwüre, daß sein geliebter Sohn einer solchen Tat nicht fähig sei, entschied das Gericht gegen ihn; er mußte außer den 296 Kronen für das Kleid noch mehr als 100 Kronen Gerichtskosten zahlen.

Einem außergerichtlichen Vergleich zuzustimmen, hatte er unter seiner Würde gefunden, und als der Gemahl der so schwer geschädigten Dame bei ihm erschienen war, hatte er gegen ihn nicht nur freche, sondern auch sehr starke Worte gesprochen. Frau Charlotte hatte wacker sekundiert und durchaus zu wissen verlangt, warum die Gemahlin des Herrn so kostbare Kleider trage, und dabei den schmählichen Verdacht ausgesprochen, daß die Dame wahrscheinlich durch ihren körperlichen Liebreiz Einfluß auf die strengen Professoren gewinnen wollte, was sie als höchst unehrenhaft, ja geradezu als schändlich bezeichnete.

Auch Eugen hatte sich an dem Redekampf beteiligt, indem er fortwährend beteuerte: »Und i war's gar nicht, der das 'tan hat!«, wobei er heftig weinte und mit schmerzvollen Blicken den Himmel um seine Zeugenschaft bat. Eugens Schmerz hatte seine guten Eltern noch mehr in Harnisch gebracht, und schließlich wurde der unverschämte Herr mit vereinter Kraft hinausgeworfen. Er rächte sich in gemeiner Weise dadurch, daß er Herrn Johann Thorn bei Gericht verklagte. Das bei dieser Gelegenheit erflossene Urteil versetzte die Familie Thorn in eine höchst prekäre Situation, denn der Herr Revident verfügte nicht über Barmittel. Es ward im Hause von nichts anderem gesprochen als davon, auf welche Weise das Geld beschafft werden könnte. Frau Charlotte besprach das Thema beim Frühstück, beim Mittagmahl, bei der Jause und beim Nachtmahl, und ihre Reden endeten stets mit einem ungeheuren Vorwurf gegen den Gemahl, der so gar keine Schritte unternehme, um die Sache zu sanieren. Die Folge dieser Mißhelligkeiten war, daß der Appetit der Familie auf Null sank, daß einmal Lise schweigend das Eßzeug niederlegte und mit bösem Gesicht aufstand, oder daß Herr Thorn wütend den Teller vor sich hinschob, oder daß der brave Eugen sich plötzlich in eine Zimmerecke stellte und erbarmungswürdig mit halb unterdrücktem Schluchzen, das viel energischer auf das Gemüt der Mama wirkt als lautes Heulen, zu erkennen gab, wie sehr er unter diesen Verhältnissen leide.

Der Tag, an dem die Schadenssumme und die Prozeßkosten laut richterlichen Spruches zu Händen des Vertreters der angebrannten Dame erlegt werden sollten, rückte immer näher heran. Eines Tages kam es direkt zur Explosion. Frau Charlotte hatte ihrem Gemahl vorgeschlagen, sich um ein Darlehen an seinen Stiefbruder Gustav zu wenden. Da war der Herr Gemahl entrüstet aufgesprungen, und hatte mit dröhnender Stimme gefragt, ob er kein Recht auf Ehre mehr habe.

»Diesen Protzen, diesen Menschen, der mich um mein Erbe gebracht hat, um etwas angehen, das werde ich niemals – nein – eher geschieht das Schrecklichste! Eher sollen die Häscher« – er meinte damit die Exekutionsorgane – »mir den Sessel aus dem Hause tragen ...«

»Na, und die Schand' ... du ... du ... Esel!« sagte energisch Frau Charlotte.

Johann Thorn kam etwas zur Besinnung und sprach finsteren Antlitzes mit der Würde eines Senators aus der Zeit der ersten römischen Republik:

»Schande ...! Weib, wie kannst du so etwas sagen! Alles soll zugrunde gehen, meine Ehre bleibt aufrecht ... dem Mann komme ich um keinen Heller! Er hat mich um mein Erbe betrogen!«

»Aber wieso?« fragte Lise, »Onkel Gustav ist doch dein Stiefbruder, und sein Vermögen stammt von seiner Mutter, die sehr reich war. Das hast du ja selbst erzählt. Unsere Großmutter war ja arm ...«

Da schlug der Vater gewaltig mit der Faust in den Tisch ein. »Sprich nicht so unehrerbietig von deiner Großmutter, Fratz!«

Frau Charlotte rang die Hände und rief mit schmerzlicher Stimme aus: »Und solch ein Kind habe ich unter meinem Herzen getragen! Ein Kind, das meine arme Mutter im Grabe beschimpft.«

»Hinaus! Aus meinen Augen!« donnerte der Vater.

»Hinaus!« kreischte Charlotte. »Hinaus, du entartetes Kind!«

»Aber Papa, es ist doch so; Onkel Gustav hat dir ja nie etwas getan.«

Ihre Widerrede nützte nichts, sie mußte das Zimmer verlassen. Sie ging hinüber in das kleine, schmale, dunkle Kabinett, dessen vergittertes Fenster auf den Gang mündete. Neben dem Fenster stand ein kleiner Tisch, sie legte den Kopf auf die Arme und schluchzte, daß es zum Erbarmen war. Plötzlich weckte sie ein leises Klopfen.

»Um Gottes willen, was ist denn geschehen?« fragte eine männliche Stimme.

Lise hob den Kopf.

»Ach, Herr Breuer?« sagte sie.

Auf dem Gange draußen stand ein älterer Herr, ein einstiger Amtsgenosse ihres Vaters. Ziemlich mit Glücksgütern gesegnet, hatte er sich schon seit längerer Zeit vom Amt zurückgezogen. Er besuchte so alle sechs Wochen im Vorübergehen auf ein Viertelstündchen die Familie. Er hatte im selben Hause eine für einen alleinstehenden Witwer unverhältnismäßig große, sehr hübsch eingerichtete Wohnung inne. Die Verwaltung seines Hauses besorgte eine Dame, die schon vor langen Jahren in das kanonische Alter eingetreten war.

»Also, was ist geschehen?«

Lise drückte ihr Taschentuch an die Augen und weinte erbärmlich. Dem alten Herrn ward sonderbar weich ums Herz, als er das junge, frühlingsschöne Geschöpf vor Schmerz und Gram fast vergehen sah.

»Ach, Eugen hat etwas angestellt – Papa soll morgen zahlen – und er hat das Geld nicht – und so ist jeden Tag Streit und Jammer im Hause. Ich möcht am liebsten fort – ganz fort von da!« weinte sie.

»Ist's viel?« fragte der alte Herr durchs Fenster.

»Ich weiß es nicht genau ... mir scheint, ein Weniges über 400 Kronen«, antwortete sie.

Herr Breuer schwieg eine Weile. Dann fragte er plötzlich: »Möchten Sie mich nicht bei Ihren Eltern melden?«

»Jetzt?« fragte erschrocken Elise, »in dem Durcheinander?«

Sie horchte auf. Wüster Lärm drang aus dem Zimmer.

»Jetzt hat Eugen eine Ohrfeige bekommen«, sagte sie, »jetzt wird der Lärm noch ärger werden. Gehen Sie lieber doch nicht hinein, es ist zu häßlich!«

Und sie drückte aufs Neue ihr Taschentuch an das liebe, blühende Gesichtchen.

»Macht nichts, macht gar nichts«, sagte bewegt Herr Breuer, melden Sie mich nur bei Ihren werten Eltern ... aber dringendst!«

»Wenn Sie nicht anders wollen«, sagte Elise und ging.

Als sie in das Zimmer trat, bot sich ihr ein schauerlicher Anblick. Der unglückliche Eugen hielt sich heulend den Kopf, die Mama stand mit funkelnden Blicken und zum Kratzen bereiten Händen vor dem ebenfalls äußerst kampfbereiten Papa.

»Papa ... Herr Breuer wünscht dich zu sprechen«, sagte Elise.

Diese Ankündigung goß öl in die Sturmeswogen. Zuerst ward Eugen mit vereinten Kräften aufgefordert, sofort das Maul zu halten; da er es nicht tat, ward er von der Mama in die Küche hinausgefuhrwerkt.

»Ich lasse Herrn Breuer bitten«, sagte der Papa mit vieler Hoheit.

Als Elise mit Herrn Breuer eintrat, war eine wohltuende Veränderung in den Zügen ihrer verehrten Eltern vorgegangen. Der Papa zeigte ein sehr freundliches Gesicht, das ihn aber augenscheinlich sehr viel Mühe kostete, die Mama bekam fast den Krampf in ihrem langen hageren Antlitz.

»Ich komme doch nicht ungelegen?« fragte Herr Breuer. Menschenkenner würden es sofort ersehen haben, daß Herr Breuer es genau wisse, derzeit höchst ungelegen zu kommen.

»Ich traf Fräulein Lise am Fenster«, sagte er, »und da konnte ich nicht umhin ...«

Papa und Mama beeiferten sich außerordentlich, Herrn Breuer kundzutun, wie sehr sie sich durch seinen Besuch geschmeichelt fühlten. Charlotte wischte sogar einen Sessel ab, damit die Hose des Herrn Breuer durch den Staub in der Thornschen Wohnung nicht gefährdet werde.

»Herr Thorn, ich möchte einige Worte mit Ihnen sprechen«, begann Breuer.

»Bitte sehr – stehe zu Diensten«, sagte Vater Thorn.

Mutter Thorn zersprang fast vor Neugierde.

»Die Sache ist wichtig, aber in Gegenwart der Damen – da möchte es mir schwer werden.«

»Wir können auch hinausgehen. Komm, Elis'! befahl Frau Thorn und ihr Antlitz legte sich wieder in die üblichen Falten.

»Pardon, meine Damen – wir sind gleich fertig«, begann Herr Breuer. »Nur auf einen Moment.«

Die Damen empfahlen sich.

»Also was ist's?« fing Breuer an, als er mit Thorn allein war. »Was soll der Lärm? Warum hat Lise so geweint? Wenn die Sache mit Geld gutgemacht werden kann – auf kurze Frist kann ich es vorstrecken.«

»Wie – wer hat Ihnen gesagt?« fährt Herr Thorn auf.

»Das tut nichts zur Sache. Ich biete meine Hilfe an. Also was ist's? Wenn ich unangenehm bin – bitte es nur ruhig zu sagen!«

»Ja ... ich verstehe nicht ...« stottert Thorn.

»Sie brauchen momentan ungefähr vierhundertfünfzig Kronen – nicht war?«

»Ja ... freilich ... aber ...«

»Sonst werden Sie gepfändet, wie ich gehört habe.«

»Ja, wer hat Ihnen das gesagt?« fährt Thorn erregt auf.

»Bekannte«, antwortete mit ruhiger Einfachheit Herr Breuer. »Also machen wir keine Geschichten, Sie werden ja einen Bogen Briefpapier zu Hause haben, daß wir über die Sache einen juristischen Aufsatz machen können, einen sogenannten Schuldschein; ich gebe Ihnen die vierhundertfünfzig Kronen – ich glaube sogar, daß ich so viel zu Hause habe –, das heißt, wenn Ihnen das Angebot angenehm ist.«

Herrn Thorn war zumute, als müßte ihn jetzt und jetzt der Schlag treffen. Er mußte sich mit Mühe an einer Sessellehne festhalten.

»Ja ... ich verstehe noch immer nicht«, sagte er, und seine Stimme hatte einen seltsamen Klang. Herr Breuer erklärte dem Begriffstutzigen noch einmal die Angelegenheit, Thorn brachte Papier, Tinte und Feder und mit Unterstützung Herrn Breuers kam der gewünschte Aufsatz zustande, in dem Herr Thorn zugab, daß er Herrn Breuer vierhundertfünfzig Kronen schulde, und versprach, die Summe binnen Jahresfrist mit sechs Prozent Zinsen zurückzuzahlen. Das Rechtsgeschäft erfuhr fortwährende Störungen, denn alle Augenblicke erschien Frau Charlotte im Zimmer, um irgend einen Gegenstand, den sie gerade dringendst benötigte, zu suchen. Schließlich begann sie sogar Staub abzuwischen, was sie tat, nur um während der Verhandlungen im Zimmer bleiben zu können.

Während Breuer das Geld holte, fragte Frau Charlotte begierig:

»Also, was will er?«

»Er leiht mir das Geld«, sagte Thorn einfach, aber mit schmerzlichem Zuge im Antlitz.

»Gott sei Dank«, rief Charlotte aus, rang die Hände und warf einen unsäglich dankbaren Blick zum Himmel empor.

»Du bedenkst aber nicht, was ich gelitten hab in diesen wenigen Minuten! Vor diesem Protz als Bittender stehen zu müssen!«

Er sah dabei aus wie ein schwer und unverdient vom Schicksal geschlagener Mensch.

Charlotte aber zeigte sich solcher Tragik gegenüber vollständig gefühllos. Sie erkundigte sich zuerst, ob der Herr Gemahl vielleicht verrückt geworden sei, an welche Meinung sie dann eine Charakterschilderung ihres Mannes anknüpfte, die nicht einen sympathischen Zug aufwies.

Es läutete. Frau Charlotte eilte hinaus, um zu öffnen, aber Fräulein Elise war schon zuvorgekommen.

Herr Breuer trat ein, sein Gesicht leuchtete ordentlich von Güte und Wohlwollen, als er Elise erblickte. Bei Frau Charlottens Anblick hörte das Leuchten auf und sein Antlitz überlief ein dunkler Schatten.

»Der Herr Gemahl ist doch noch drinnen?« fragte er.

Mit den süßesten Tönen erklärte Charlotte, daß dies selbstverständlich der Fall sei, öffnete die Tür mit vieler Devotion und fügte der feierlichen Handlung noch eine etwas verunglückte Verbeugung bei.

»Also, da ist das Geld«, sagte Breuer, als er in das Zimmer trat.

Ruhig und groß trat ihm Thorn entgegen.

»Sie handeln wirklich großartig«, sagte er und reichte dem Hilfebringer die Hand. »Das Leben ist schwer ...«, sagte er mit leisem Stöhnen, »man muß vieles, vieles ertragen!«

»Ja, wenn Ihnen das unangenehm ist – so lassen wir es –«, sagte Breuer, der schon die Brieftasche in der Hand hatte.

Da geriet Frau Charlotte in eine furchtbare Wut. Nachdem sie ihren Mann verschiedenes geheißen und ihn unter anderem gefragt hatte, ob er wirklich gesonnen sei, Weib und Kinder in das Elend zu stoßen, wendete sie sich bittend an Breuer um Hilfe.

»Er ist ein Esel«, war ihr letztes Wort.

Breuer entnahm darauf schweigend seiner Brieftasche die nötige Summe, forderte Herrn Thorn auf, den Schuldschein zu unterfertigen, was dieser mit einer ungemein schmerzlichen Gebärde tat.

»Also, bitte, hier ist die Summe«, sagte Breuer. »Hundert, zweihundert, dreihundert, vierhundert, fünfzig, also vierhundertfünfzig – stimmt's?«

»Ja, ich danke Ihnen!« sagte Thorn in einem Ton, der geradezu unbeschreiblich war in seiner Einfachheit und Erhabenheit.

»Möchten Sie nicht Fräulein Lise hereinrufen?« fragte Breuer.

Frau Charlotte zeigte eine großartige Beeiferung.

»Auch Eugen?«

»Nun ja«, sagte Breuer, aber aus seinen Zügen war zu ersehen, daß es ihm um den jungen Mann eigentlich sehr wenig zu tun war.

Als Elise eintrat, ging er auf sie zu und sagte: »Jetzt müssen Sie zu weinen aufhören, die Sache ist geschlichtet – die Gefahr ist vorüber.«

Sie sah ihm verwundert in das Gesicht.

»Sie haben Papa das Geld gegeben?«

»Ja, mit seiner gütigen Erlaubnis«, lachte Herr Breuer.

»Dank schön, dank schön«, sagte sie und ihre Augen glänzten unter Tränen – wie ein Blütenfeld, wenn plötzlich durch die Regentrübe ein heller Sonnenstrahl fällt.

»Eugen«, erklang die Stimme des Herrn Papas, »gib Herrn Breuer die Hand – er ist der Wohltäter der Familie!«

In diesem Augenblick war er ganz Erzieher. Der Abschied Herrn Breuers gestaltete sich großartig. Thorn zeigte noch immer die gedrückte Größe, die er sich für diesen Anlaß als höchst passend zurecht gelegt hatte, Charlotte floß über in dankbarer Überschwenglichkeit, Eugen machte einige höchst formelle Verbeugungen und Elise gab dem alten Herrn in ihrer Heben Weise noch einmal die kleine, feine Hand. »Ich danke Ihnen, Herr Breuer«, sagte sie.

»Also sind Sie mit mir zufrieden?« fragte der alte Herr lächelnd.

»O ja, Herr Breuer, das war sehr, sehr schön von Ihnen!« Und sie sah ihn dabei mit so sonnigen, glänzenden Augen an, daß dem Alten wieder weich und weh ums Herz wurde. »Aber jetzt müssen Sie mir etwas versprechen, Fräulein«, sägte Breuer.

»Ja – was wäre denn das?« fragte Elise erstaunt.

»Sie müssen mir versprechen, mindestens ein Jahr lang nicht mehr zu weinen! Ja? Werden Sie das tun?« fragte lachend Herr Breuer.

»Wenn's geht«, meinte etwas zweifelnd das schöne Fräulein, »aber man kann nie wissen, ob nicht wieder etwas Trauriges daherkommt und dann kommen eben die Tränen von selber.«

»Na, na, nur Mut – und vergessen Sie nicht – wenn ich Tränen zu trocknen imstande bin – besonders in so lieben, schönen Augen – so ist mir das eine recht angenehme Beschäftigung! Also adjö allerseits!«

Unter maßlosen Abschiedsworten der Familie Thorn schritt er zur Tür hinaus.

Das Ehepaar ging in das Zimmer zurück. Herr Thorn schritt erst eine Weile im Zimmer auf und ab, die Arme hinter dem Rücken verschränkt, in seinen Gedanken das Ereignis herumwälzend, das sich eben hier abgespielt hatte.

Charlotte erging sich unterdessen in lauten Ausdrücken der Freude, daß die häßliche, drohende Gefahr so unvermutet von ihren Häuptern abgewendet worden sei.

Da richtete sich Thorn in seiner ganzen heroischen Größe auf.

»Charlotte«, sagte er mit erhobener Stimme, »mich freut das nur um eines Umstandes willen. Durch das kollegiale Entgegenkommen meines Freundes und früheren Amtsgenossen ist es mir erspart geblieben, meinem Stiefbruder um Geld kommen zu müssen. Diese Schmach hätte ich nicht überlebt.«

»Aber wie kommt Herr Breuer dazu, uns das Geld zu geben? Hast du ihn darum gebeten?«

»Nein«, sagte Thorn mit stolzer, abweisender Miene, zu solchen Sachen ist Johann Thorn nicht zu haben; Breuer hat mich immer hoch verehrt, ich glaube ...«

Er stockte bei diesen Worten, da er sich momentan erinnerte, daß er einmal von Breuer, der sein Vorgesetzter gewesen war, in einer sehr ernsten Stunde ein »einfältiger Pinsel« genannt wurde.

»Aber es muß ihm's doch jemand gesagt haben, wie könnte er es denn sonst wissen«, sagte die scharfsinnige Charlotte.

»Das ist wohl wahr«, meinte Thorn, »er sagte, Bekannte hätten es ihm gesagt. Ob das nicht das Mädel war. Lise ist das alles imstande! Sie soll sofort hereinkommen!«

Als Lise kam, wurde sie sofort scharf inquiriert, ob sie Herrn Breuer etwas gesagt habe.

»Ja – freilich habe ich's gesagt«, antwortete sie, »ich war draußen, im Kabinett und hatte geweint wegen eures Streites; da kam Herr Breuer vorüber und fragte, warum ich weine ... und ...«

Sie stockte, es fiel ihr plötzlich ein, daß sie ohne Mandat die Unannehmlichkeiten in der Familie einem Fremden verraten hatte.

»Na – und«, begehrte ungeduldig der Papa die Fortsetzung der Geschichte.

»Na – und da habe ich ihm eben alles erzählt«, – sagte Lise.

»So – also so wenig schonst du die Ehre deines Vaters?« fragte zürnend der strenge Mann.

»Esel«, sagte darauf die realistisch denkende Mama, »was hättest du getan, wenn Breuer nicht das Geld hergegeben hätte?«

Er schwieg, machte aber ein finsteres Gesicht, das anzeigen sollte, wie sehr er mit allen Mächten des Schicksals hadere. »Nein, nein, Lise«, begütigte Charlotte, »es war ganz recht, daß du das getan hast, dein Vater ist ein Esel.« Nach dieser lapidaren Erklärung entfernte sich Lise wieder. Sie fand durchaus nicht die mindeste Freude daran, einer Auseinandersetzung zwischen ihren verehrten Eltern beizuwohnen.

Und sie hatte recht, denn in längerer Rede entwickelte jetzt Frau Charlotte ihre Meinung.

»Lise hat dich gerettet – du mußt ihr auch dankbar sein, und statt dessen fährst du sie an, als wenn sie das größte Verbrechen begangen hätte! Wer weiß, ob er einen Heller hergegeben hätte, wenn du ihn darum gebeten hättest!«

Thorn schwieg erst eine Weile, dann sagte er, die Hände auf den Tisch gestützt, wie immer, wenn eine Erleuchtung über ihn kam: »Weißt du, Charlotte, was für ein Gedanke plötzlich in mir emporstieg?«

Die Frau sah ihn mit sonderbar fragendem Ausdruck an, so, als ob sie von den Gedanken ihres Herrn Gemahls keine allzuhohe Achtung hätte.

»Also – was für ein Gedanke?« fragte Charlotte.

»Breuer muß ein tieferes Interesse an Lise haben. Nun ja, hübsch und jung ist sie, und gescheit – in der Beziehung ist sie mir nachgeraten – solche alte Herren – hm – hm –.«

Er schüttelte nachdenklich den Kopf. – »Wenn das so wäre – nicht übel für Lise!«

»Aber was du denkst«, sagte verschämt Charlotte, »so ein alter Herr! Aber es wäre ein Glück für sie – er muß ja sehr reich sein ...!«

»Wir haben Glück mit unseren Kindern!« sagte er nachdenklich. »Du mußt Lise aufmerksam machen, daß sie immer sehr freundlich ist mit ihm ...« »Ja – aber man muß da vorsichtig sein. Sie ist ein Trotzkopf«, sagte Charlotte.

»Ja – leider – das hat sie von dir«, meinte unvorsichtigerweise Herr Thorn.

»Bin ich trotzig?« fuhr, Charlotte auf.

Nach längerem Zwiegespräch erklärte Thorn nun zu dem Advokaten zu gehen, um das Geld zu bezahlen. Mit strenger Miene versprach er, dem Herrn, der Rechnungsräte so behandelte, es ganz gehörig zeigen zu wollen!

Ich glaube, niemals ist noch ein Ministerpräsident so stolz über die Stiege gegangen, als Herr Thorn die beiden Stockwerke zur Kanzlei des gegnerischen Advokaten emporstieg. Alle Leute, die ihm begegneten, sahen ihn verwundert an und ein Dienstmann, der eben die Treppe herabkam, zog devot seine Dienstkappe und sagte: »Küß d' Hand, gnä' Herr!«

Thorn dankte mit majestätischem Kopfnicken. In der Kanzlei ward Herr Thorn höflich eingeladen, einen Moment Platz zu nehmen, da eben ein sehr hervorragender Klient bei dem Herrn Doktor sei.

»Wissen Sie, wer ich bin?« fragte Thorn entrüstet.

Der Beamte gab dem sonderbaren Heiligen keine Antwort.

Endlich kam Herr Thorn bei dem Rechtsvertreter vor. »Ich komme, um die widerrechtlich eingeklagte Summe samt Kosten zu bezahlen«, fing er an, und zog mit einer majestätischen Bewegung seine Brieftasche heraus.

»Also, wie groß ist die Bagatelle?« fragte er vornehm geringschätzig.

Thorn legte die 450 Kronen, die er vor einer halben Stunde von Breuer erhalten hatte, auf den Tisch. Er tat dies mit einer Miene, die zu sagen schien: »Kleinigkeit für einen, der täglich Tausende auszugeben gewohnt ist.« Der Herr fertigte eine Quittung aus, nahm das Geld und verwahrte es in einer großen eisernen Kasse, die hinter seinem Schreibtisch stand.

»Gestatten Sie mir, Herr Doktor«, begann dann Thorn, »daß ich Ihnen erkläre, daß ich das, was da gegen mich geschehen ist, für etwas höchst Verwerfliches betrachte ... Ich will keine starken Worte gebrauchen, denn, wenn ich ...«

»Bitte, es hat keinen Reiz, darüber zu reden, Herr Thorn«, sagte milde der Advokat und ging zur Tür, damit anzeigend, daß es ihm sehr angenehm wäre, wenn Herr Thorn nun wieder seiner gewohnten Beschäftigung nachgehen würde.

»Ich verachte Ihren Stand«, sagte Thorn mit starker Stimme.

»Ja ja ... freilich, ganz selbstverständlich«, erwiderte ruhig der Advokat und machte dem gereizten Gegner die Tür auf. Thorn ging wütend an ihm vorüber, und als er draußen im Zimmer war, wo der Sollizitator saß, sagte der Advokat: »Die Exekution gegen Herrn Thorn ist aufgehoben!«

»Sehr wohl, Herr Doktor!« antwortete der Herr Sollizitator.

»Habe die Ehre, Herr von Thorn«, empfahl sich der Advokat.

Thorn schlug wütend hinter sich die Tür zu.

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