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Dr. Thorns Lebensabend

Rudolf Hawel: Dr. Thorns Lebensabend - Kapitel 22
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typefiction
authorRudolf Hawel
titleDr. Thorns Lebensabend
publisherGerlach & Wiedling
year1947
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Zweiundzwanzigstes Kapitel

Auch Lise hatte bittere Stunden durchgemacht. Eine ganze Flut von Gedanken wälzte sich in ihrem Kopfe herum.

Daß es längst die Absicht ihrer verehrten Eltern war, sie mit Herrn Breuer zu verehelichen, das wußte sie, und mit Schaudern dachte sie daran, welch endlose Keifereien seitens der Mutter, weich endlose öde Tiraden seitens des Vaters sie nun zu Hause werde aushalten müssen. Am meisten hatte sie es empört, daß Ulrich in so roher Weise von ihren Eltern beschimpft worden war.

Dann mußte sie wieder an Breuer denken, wie schmerzlich er damals die Begegnung mit Ulrich empfunden hatte – wie übergütig er gehandelt hatte. Dann fielen ihr wieder Onkel und Tante ein – was die sagen würden, wenn sie heute so unvermutet zu Besuch käme.

Sie stand auf einmal auf dem Perron des Westbahnhofes, ohne eigentlich zu wissen, wie sie dahingelangt sei. Zu ihrem Schrecken erfuhr sie, daß der nächste Zug, der Anschluß nach St. Ruprecht hatte, erst um halb vier Uhr abgehe.

Was sollte sie während der vier Stunden bis zum Abgang des Zuges anfangen?

Ein unangenehmes Gefühl im Magen erinnerte sie daran, daß sie heute noch nichts gegessen hatte. In. jungen Jahren wirken so natürliche Gefühle, wie der Hunger eines ist, mit weit größerer Macht als später. Sie ließ sich in der Bahnhofrestauration eine Kleinigkeit geben, die sie trotz Herzeleid und Liebeskummer mit großem Appetit verzehrte.

Endlos dehnten sich die Stunden. Ein junger Herr, der im Wartesaal auf und ab ging;, hatte sie schon mehrmals fixiert, so daß sie ärgerlich den Kopf zur Seite wendete. Bei einer neuerlichen Begegnung grüßte er mit einer leichten Verbeugung. Es dauerte nicht lange und er stand neben ihr und fragte, wohin sie fahre.

Sie wandte ihm entrüstet den Rücken zu, aber der geschniegelte Jüngling Keß nicht locker.

»Aber Fräulein, warum so böse?« rief er mit süßem Lächeln aus.

»Ich will Ruhe haben!« sagte sie mit zornfunkelnden Augen.

»Aber, aber, Fräulein!« seufzte der Jüngling.

»Lassen S' die Dame in Ruah!« ertönte plötzlich hinter dem liebegirrenden Jüngling die rauhe Stimme eines Sicherheitswachmannes. »I schau Ihna schon a Weil' zu.«

Diese kränkende Rede wirkte derart verstimmend auf den eleganten Herrn, daß er sich entrüstet abwendete und mit auffälliger Eile in der Menschenmenge, die den Perron erfüllte, verschwand.

Lise warf dem bärbeißigen Wachmann einen dankbaren Blick zu.

»Ja, so a Windbeut'l glaubt, alle Frau'nzimmer san nur für eahm da«, erklärte der gestrenge Hüter »des Gesetzes.

Lise war zu Tode froh, als sie endlich im Coupe saß und der Zug in die stockfinstere Winternacht hinausrollte.

Je näher der Zug seinem Ziele kam, desto banger ward ihr.

»Was wird der Onkel sagen? Die Tante? Du lieber Gott, wie wird die Geschichte überhaupt ausgehen?«

Auch nach Hause dachte sie. Wie wird die Mutter heulen vor Zorn? Welche Reden wird der Vater halten? Daß Eugen ihre Absichten nicht verraten hatte, ging klar daraus hervor, daß niemand von den Teuren im Bahnhof erschienen war.

Endlich hielt der Zug in St. Ruprecht. Außer dem Bahnpersonal war keine Seele im Bahnhof. Mit raschen Schritten eilte sie hinaus auf die Straße.

Der Stationsvorstand sah ihr verwundert nach.

»Donnerwetter, ist das nicht Fräulein Lise ...« sagte er zu sich; »daß sie aber niemand erwartet hat?«

Den ganzen Nachmittag hatte es tüchtig geschneit. Lise mußte mühselig durch den knietiefen Schnee waten.

Endlich langte sie vor dem Hause des Onkels an. Eine Rouleaulatte an einem Fenster hatte sich verschoben, durch den schmalen Spalt konnte sie in das hellerleuchtete Zimmer sehen. Onkel und Tante saßen beim Tisch, beide in die Lektüre einer umfangreichen Zeitung vertieft.

Lange zögerte sie, die Klingel der Haustür zu ziehen. Was für Unruhe und was für Ärger brachte sie in das stille Leben der beiden so lieben und guten Menschen hinein!

Endlich ertönte die Klingel. Wütendes Hundegebell erschallte.

»Zurück, Hex – Lady – pfui!« erklang die Stimme des Onkels.

Dann knarrte der Schlüssel im Schlosse – in der offenen Tür stand Onkel Gustav.

»Onkel ... Onkel!« rief weinend Lise aus, und schon hing sie an seinem Halse.

»Lise ... Lise ... du bist's? Ja, was ist denn geschehen?« rief er erschrocken aus. »Komm nur herein ... es ist saukalt da draußen!«

Jede weitere Begrüßung im Flur war unmöglich, denn Hex und Lady stimmten, als die pelzvermummte Gestalt eintrat, ein derartiges Geheul an, daß es mit seinen greulichen, langgezogenen Tönen alle Winkel des Hauses füllte.

»Furcht dich nicht!« beruhigte der Onkel; »sie beißen nicht ... sie bellen nur!«

Da ging die Zimmertür auf, ein heller Lichtstreif erleuchtete die dunkle Flur.

Tante Pauline kam heraus. »Schau nur, wer da ist!« rief Onkel Gustav. »Lise – Lise«, rief Tante Pauline, »ja wie kommst denn du daher!«

Sie zog die Weinende in das Zimmer hinein. Onkel Gustav sperrte die Haustür ab und trieb Hex und Lady in den Hof hinaus.

»Da hier! Gute Hunde – brave Hunde!« rief er.

Es dauerte lange, bis die guten und braven Hunde sich bewogen fühlten, ihre Behausung aufzusuchen.

»Ja, um Gottes willen, was ist denn geschehen«? rief Onkel Gustav aus, als er ins Zimmer trat.

»Papa hat mich hinausgeworfen«, sagte schluchzend die unglückliche Lise.

»Aber Kind, was ist denn geschehen?« rief entsetzt Pauline aus.

»Diesen Hundsknochen – diesen Ulrich – na wart' nur!« rief entrüstet der Onkel, der schon an die allerschrecklichsten Dinge dachte.

»Nein, Ulrich – hat daran keine Schuld«, verteidigte Lise den Geliebten.

Stockend, von Schluchzen unterbrochen, erzählte Lise die Geschichte. Sie vergaß auch nicht die Begegnung Breuers mit Ulrich zu erwähnen.

»Aber Vater und Mutter wollen durchaus, ich soll Breuer heiraten!« schloß sie ihre tränenreiche Rede.

»Schöne Geschichten das«, brummte stirnrunzelnd der Onkel, »ein recht ruhiger Lebensabend; wenn ich Weib und Kinder hätte, könnt's auch nicht geräuschvoller zugehn!«

»Ja, sag' mir Lise, was willst du jetzt eigentlich bei mir?« fragte er.

Da ward Tante Pauline böse.

»Eine solche Frage? Was für ein Bär du auf einmal geworden bist! Sie wird einige Tage hier bleiben, bis die drinnen in der Stadt zur Räson gekommen sind!«

»Na, da kann sie lange warten. Bis mein Bruder zur Räson kommt, wird sie eine alte Jungfer.« Tante Pauline half Lise beim Auskleiden.

»Komm nur, du armes, verschrecktes Kind«, sagte Tante Pauline. »Du kannst schon dableiben. Wart' nur, Marie wird dir sofort ein kleines Nachtmahl bringen. Du hast sicherlich nichts gegessen.«

»Wo soll sie denn gegessen haben? Eine solche Frage!« räsonierte der Onkel, und er lief in die Küche hinaus, um das Personal zu alarmieren.

»Sie sollen sofort Kaffee machen!« rief Frau Pauline, die guten frischen Kaffee für ein Arkanum gegen alle schmerzhaften Gemütsbewegungen hielt.

Es dauerte nicht lange, und Marie erschien mit dem wohlbesetzten Kaffeebrett.

»Unser Fräulein ... o! ...« rief sie aus, »sie ist ja noch hübscher geworden!«

»Ja, ja«, sagte Onkel Thorn, »schon recht ... aber jetzt iß, Lise!«

Und Lise aß und trank mit dem Appetit der Jugend.

Es war rührend, zu sehen, wie Tante Pauline sich um Lise bemühte. Onkel Gustav saß ihr gegenüber und sah ihr behaglich voll innerer Herzensfreude zu.

»Also hat's gut getan?« fragte er mit herzlichem Lächeln, als Lise mit dem Dargebotenen tüchtig aufgeräumt hatte.

Sie nickte ihm, unter Tränen lächelnd, zu.

»Schau, daß sie bald schlafen geht. Der Schlaf ist das beste Mittel gegen solche außerordentliche Gemütsbewegungen, über die Sache reden wir morgen. Den grausamen Vater heute noch zu verständigen, geht nicht an, da das Telegraphenamt wegen des hohen Feiertages geschlossen ist. Ich muß jetzt hinüber zu meinem Stammtisch, heute ist hochwichtige Sitzung. Generalversammlung der von mir begründeten Weihnachtsbescherungsgesellschaft.« Lise wollte ihm die Hand küssen. Er entzog sie ihr und drückte dafür die Nichte mit vieler Kraft an sich, daß sie ächzte. Diesen Zustand der Wehrlosigkeit benützte er, um ihr einige ausgiebige Küsse auf das blühende Gesicht zu drücken.

»Aber Gustav ... du erdrückst sie ja«, mahnte Frau Pauline.

Aber er hörte nicht auf die Warnerin.

»Schlaf nur gut, Lisel ... es ist nicht notwendig, daß du vor acht Uhr morgens munter wirst! Heizt ihr ein wenig drüben ein ... So ... und jetzt lebt wohl. Wann ich heute nach Hause komme, weiß ich nicht genau, es liegen viele wichtige Sachen vor ...«

Damit ging er.

Die Aufregungen dieses Tages hatten Lise müde gemacht. Sie ging früh zu Bette. Tante Pauline inspizierte noch einmal, als die Nichte schon in den Federn lag, das Schlafzimmer. Plötzlich trat sie zum Bette hin.

»Lise, sag' mir, du bist doch brav geblieben? ...« fragte sie.

Erst sah ihr die Nichte verwundert ins Gesicht, dann dämmerte ihr mählich der Sinn dieser Frage auf. Purpurrot im Gesicht, umschlang sie den Hals der Tante.

»Tante Pauline ... wie du nur so fragen kannst? ... Ja ... ja ... hab' keine Sorge ...« sagte sie schluchzend. Sanft löste sich die Tante aus den Armen der Nichte.

»Na, dann ist alles recht, Lisel, dann wird alles, alles gut werden. Und jetzt schlaf recht gut ... Gustav wird schon alles recht machen.«

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