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Dr. Thorns Lebensabend

Rudolf Hawel: Dr. Thorns Lebensabend - Kapitel 2
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typefiction
authorRudolf Hawel
titleDr. Thorns Lebensabend
publisherGerlach & Wiedling
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Zweites Kapitel

Als Herr Doktor Thorn nach Hause kam, zeigte er ein so strahlendes Gesicht, daß sich selbst die Köchin und das Dienstmädchen, die doch an diese sonnigen Stimmungen ihres Herrn längst gewohnt waren, erstaunten.

»Der gnä Herr sind aber gut aufg'legt heut«, meinte das Stubenmädchen, als sie ihm den Überzieher abnahm.

»Glaub' ich, hab' auch alle Ursache dazu, meine liebe Marie«, sagte er fröhlich und nickte ihr mit seinem lachenden Gesicht zu. »Wissen Sie, wen Sie vor sich haben? Herrn Rechnungsdirektor in Pension Dr. Thorn. Horchen Sie mal, wie lieblich das klingt – in Pension! Es ist kein deutsches Wort, aber ein gutes, frohes, behagliches Wort.«

Er rieb sich vergnüglich die Hände.

Ein riesig großer schwarzer Hund, der vorher auf einer mit einem weichen Teppich bedeckten Matratze in der Ecke gelegen war, war herbeigekommen und rieb vertraulich den schwarzen Kopf an den Beinen seines Herrn, wozu er fortwährend nieste.

»Pfui, Pascha«, sagte der Herr Direktor, »ich hab' dir schon so oft gesagt, daß sich das nicht gehört. Du mußt dir eine andere Form der Begrüßung aussuchen. Diese wirkt verderblich auf die Beinkleider. Setz' dich!«

Der Hund setzte sich auf die Hinterbeine und hob die rechte Pfote. Der Herr Direktor drückte sie freundschaftlichst.

»So ist es recht, mein Pascha, so gehört sich's. Ja, mein lieber Pascha, jetzt geht's aus einem andern Ton. Heut sind wir in den Ruhestand getreten!«

Der Hund sprang auf und wedelte übermäßig mit dem Schweife, als wenn er voll und ganz verstände, was das heißt, in den Ruhestand zu treten.

»Ja, jetzt geht der Pascha mit seinem Herrn auf das Land. Jetzt braucht er keinen Maulkorb mehr zu tragen und kann äußerln geh'n, wann er nur will, ohne daß die Kathi oder die Marie mitgehen müssen!«

Der Hund gab einen seltsamen Laut von sich – es klang fast wie ein sehnsüchtiges Heulen.

»Aber Gustav!«

Die Zimmertür hatte sich geöffnet, eine Dame in schwarzer Kleidung mit einem unendlich feinen, blassen, von grauen Haaren umrahmten Gesicht sah heraus.

»Pardon, Pauline, aber ich muß Pascha doch erzählen, was jetzt kommt!«

Und er kehrte sich wieder zu dem Hunde, der vor ihm auf den Hinterbeinen saß, und abwechselnd die rechte und die linke Pfote hob.

»Ja, der Pascha«, fuhr Dr. Thorn fort, »bekommt eine Villa, eine grün angestrichene Villa. Die steht unter dem großen Hollerbusch und hat eine Portiere, die aus einem persischen Teppich gemacht ist. Großartig, sag ich dir, Pascha.«

Der Hund sprang auf und lief zur Spiegelwand, im Vorzimmer hin, wo auf einem Haken der Stock seines Herrn hing. Er stellte sich in ganzer Große auf und versuchte, den Stock mit den Zähnen zu fassen.

»Schau, was er macht«, klagte lächelnd Frau Pauline.

»Er will gleich hingeh'n in seine Villa!« rief das Dienstmädchen und schlug die Hände zusammen.

»Pascha, laß das, komm her da!« rief der Herr Direktor. »Du mußt noch warten!«

Der Hund kam winselnd herbei.

»Ja, ja, mein Pascha, ich habe fünfunddreißig Jahre auf diesen schönen Moment warten müssen. Nur Geduld, du schwarzer Kerl, in acht bis vierzehn Tagen sind wir draußen. Ein Porzellanschild mit der Aufschrift ›Pascha‹ werde ich sogar an deiner Villa anbringen lassen, und das Frauerl muß in die Portiere mit Seide ein großes ›P‹ sticken!«

Er drehte sich um und ging zur Zimmertür. Er gab der alten Dame die Hand. Der Hund drängte nach.

»Na, ein wenig darfst du herein da, du willst wohl zuhören?«

Die alte Dame setzte sich in den Erker zu einem kleinen Tischchen, der Hund legte sich vor sie auf den Teppich und sah unverwandt mit den klugen, braunen Augen auf die beiden.

»Pascha ist neugierig«, sagte Thorn. »Na, hör nur zu!«

»Also jetzt hast du endgültig Abschied genommen?« fragte Frau Pauline.

»Ja, liebe Schwester, mit dem heutigen Tag hat das Amt begonnen, für mich eine Erinnerung zu sein. In acht bis vierzehn Tagen geht's dann hinaus auf das Land. Ist dir nicht doch leid – in diese Einsamkeit zu gehen? Es ist ein großes Opfer, das ich von dir verlange!«

Die alte Dame schüttelte den Kopf und lächelte. Es war, als ob der wehmütige Schimmer der scheidenden Sonne eine stille Landschaft verklärte.

»Beruhige dich, Gustav«, sagte sie. »Es war ja auch hier einsam. Und draußen bist du bei mir, so wie da.«

»Und Pascha ist da – und deine Kanarienvögel werden da sein, die Marie und die Kathi – und Blumen wirst du in Hülle und Fülle haben – hundertmal mehr als da!«

»Nein, mache dir keine Sorgen, ich freue mich schon unendlich darauf, hinauszukommen. Denn hier mahnt so vieles an die böse Vergangenheit ...«

»Ach, laß das, das ist vorüber«, sagte Dr. Thorn, »draußen am Lande wirst du das alles vergessen!« Er nahm ihre Hand und tätschelte sie. »Wenn wir einmal all das Gerassel und Gerummel nicht mehr hören, wird es auch Frieden werden in dir! Ja! Du, Pauline, weißt, wie mir zumute ist? Wenn heute jemand ›Herr Direktor‹ zu mir sagt, werde ich grob. Ich würde den Titel zurücklegen, wenn er nicht in so innigem Zusammenhange mit der Pension stünde, und in solchen Sachen muß man vorsichtig sein. Also in acht Tagen brechen wir auf?«

»Ja – auch früher – wie du willst«, meinte Pauline.

»Nein, es ist Zeit genug in acht Tagen – du würdest dich sonst ganz zusammenrackern!«

»Aber Gustav«, warf Pauline ein.

»Kein aber«, sagte der kleine Herr streng und lachte dabei mit dem ganzen Gesicht.

Der Herr Direktor ging hinüber in sein Zimmer. Es war ein mäßig großer Raum mit einem einzigen, sehr hohen und breiten Fenster, das fast die ganze Schmalseite des Zimmers ausfüllte. Neben dem Fenster stand auf einem Bambustischchen ein Vogelbauer. Darin saß dick und frech ein Kernbeißer. Als Thorn eintrat, drehte er mißmutig den Kopf nach ihm, rückte zwei Schritte auf dem Sitzstängelchen naher und sperrte den dicken breiten Schnabel auf.

»O – Herr Sauer!« Thorn hatte ihm diesen Namen gegeben, weil der Vogel einen ebenso sauertöpfischen Charakter hatte wie der Herr Oberoffizial. »Nein, Herr Sauer, ich habe vom letzten Male genug – ich weiß schon, daß Sie tüchtig zwicken können. Aber ich bin nicht rachsüchtig. Vielleicht einige Kirschkerne gefällig?«

Thorn nahm aus einem Schächtelchen einen Kern heraus und reichte denselben, ihn vorsichtig mit Daumen und Zeigefinger haltend, dem Vogel bin. Der Kernbeißer rückte näher, packte den Kern, ein Knacks, und die Splitter der harten Schale fielen auf den Boden hinab.

»Gut hast du das gemacht«, sagte zufrieden Thorn. »Also, lieber Herr Sauer, wir ziehen auf das Land. Herr Sauer werden fortan immer im Grünen stehen, was Ihren Gemütszustand beträchtlich heben wird.«

In diesem Augenblick geschah ein Wunder. Der Vogel fing leise zu zwitschern an.

»O bravo! Ja, wir verstehen uns. Großartig ist der Gesang nicht. Gesang aber ist es immerhin und Zeichen fröhlichen Gemütszustandes. Bravo! Herr Sauer wird auf dem Land sogar ein lustiger Mann werden!«

Er gab dem Vogel noch einige Kirschkerne in den Futternapf hinein, welch wohltuendes Gebaren er mit tiefem Interesse beobachtete.

Dann ging Thorn, die Arme über dem Rücken verschränkt, im Zimmer auf und ab. Musterhafte Akkuratesse und Reinlichkeit herrschten in dem Raum, alles spiegelte und glänzte, es schien, als läge ein Abglanz von dem fröhlichen Gemüt des Besitzers auf den blanken Möbelstücken, auf den blinkenden Goldrahmen der Bilder, auf dem mannigfachen, sauber geordneten Gerät, auf dem Schreibtisch und auf den Goldzieraten der Bücherrücken im großen Glasschrank.

Vor vier mit Spiegelscheiben versehenen Schränken im Zimmer blieb Thorn sinnend stehen. Drinnen lagen in verständiger Aneinanderreihung jene köstlichen anthropologischen Schaustücke, die er durch fünfunddreißig Jahre in kärglich bemessenen Urlaubswochen sich in stiller Herzensfreude zusammengetragen hatte. Messer, Pfeilspitzen, Dolche, Sägen, Äxte und Hämmer aus Feuerstein, große und kleine Töpfe aus Ton, Tonscherben mannigfaltigster Art, zierliche Fibeln, Trümmer von Hals- und Armschmuck, bearbeitete Tierknochen und das Prunkstück der Sammlung, ein Bronzegefäß, das er einst selbst unverständigen Kroaten, die es gelegentlich eines Bahnbaues aus der Erde gefördert hatten, um verhältnismäßig wenig Geld abgekauft hatte. Daß er damals die Sache nicht ordnungsgemäß höheren Ortes angezeigt hatte, hatte seine Ursache darin, daß der Grund, darin das seltsame Stück gefunden wurde, einst dem Vater des Herrn Dr. Thorn gehört hatte und diesem auf dem Weg der Expropriation von der Regierung abgenommen wurde, da sich die Behörde partout einbildete, die Eisenbahn müsse über den Acker des Herrn Thorn senior gehen.

Mit stiller Freude besah er den uralten Tand, und alle Lust und frohe Glückseligkeit, die er einst empfunden hatte, als er Stück für Stück zusammengetragen hatte, fingen wieder an, sich in seinem Herzen zu regen. Und aus diesem stillen Denken an jene ferne Zeit wendete sich dann fröhlich sein Gemüt der Gegenwart zu. Ihm war, als hätte er plötzlich die schöne Gegenwart vergessen; es fiel ihm auf einmal ein, daß er nun frei sei – frei wie ein Jüngling; es hätte nicht viel gefehlt, so hätte er vor dem Kasten aufgejauchzt wie ein wilder Bergbub.

Auch seinem Gewehrschrank gönnte er manchen liebevollen Blick, und dabei stiegen die entzückendsten Zukunftsbilder vor ihm empör. Du lieber Gott, welch köstliche Tage werden nun kommen? Ja – er wird noch einmal jung werden!

In seinem Bauer begann der Kernbeißer wieder sein einfaches Liedchen.

»Was?« fragte Thorn, »auch du? Sonst ein Misanthrop der schlimmsten Sorte – tückisch und undankbar. Auch dein Herz ist heute fröhlichen Regungen zugänglich? Ja, mein Thorn, heute ist ein gottgesegneter, herrlicher Tag!«

*

In den nächsten acht Tagen hatte Herr Dr. Thorn alle Hände voll zu tun.

»Ich spüre derzeit noch nichts davon, daß ich in Pension bin«, sagte er schweißtriefend zu seiner Schwester Pauline. »In meinem Amt hatte ich viel weniger zu tun!«

Aber wie genau er auch seine Arbeit machte. Jedes Stück der anthropologischen Sammlung, jede Pfeilspitze, jeder Tonscherben ward vorsichtig in graues Konzeptpapier gewickelt und säuberlich die Katalognummer auf das Päckchen geschrieben. Diese Arbeit nahm ihn drei Tage lang in Anspruch. Unterdessen ließ Frau Pauline alle Bilder abnehmen, die Teppiche vom Boden abheben, die Möbel mit Überzügen aus Sackleinwand versehen und den sonstigen Hausrat in umfangreiche Kisten verpacken. Die Wohnung Dr. Thorns glich dem Magazin eines Spediteurs. Die Mahlzeiten wurden zum größten Teil in einem nahe gelegenen Restaurant eingenommen. Kurzum, es war sehr ungemütlich. Aber daß es die Laune des Herrn Dr. Thorn verdorben hätte? Keine Spur!

»Gustav!« rief Frau Pauline, »komm herein und hilf da!«

Gehorsam humpelte Gustav in den Salon hinüber. Die wehmütige Gangart hatte er sich damit eingewirtschaftet, daß er sich beim Rücken eines Kastens den Fuß desselben auf seine große Zehe gestellt hatte.

»Was gibt es?« fragte er.

»Hilf uns die Kiste wegschieben! Was diese Bücher für ein Gewicht haben!«

Gustav schob mächtig an. Als die Kiste auf dem vorgeschriebenen Platze stand, richtete er sich schnaufend auf und rieb sich mit dem Sacktuche Gesicht, Hals und .Kopf.

»Sehr anstrengend! Ich kenne angenehmere Beschäftigungen als die eines .Möbelpackers!«

»Ich werde froh sein, wenn dies eine Mal alles vorüber ist!« sagte verzagt Pauline.

»Du bist ungeschickt«, sagte Gustav,, »denk doch an all das, was nach diesen Mühen und Plackereien kommt! Diese Ruhe in unserem Landhause! Es wird dort sein wie in einer Kirche! Aber nicht so feierlich, sondern fröhlich, gemütlich und über die Maßen behaglich. Ich bin eigentlich schon müde, muß ich dir aufrichtig sagen, sobald ich aber anfange, zu merken, daß ich verdrießlich werde, denke ich schnell an unser Landhaus, und der Gedanke flößt mir sofort neue Kraft und Freude ein.«

Endlich waren alle Vorbereitungen zur Abreise getroffen. Am nächsten Morgen wurde der Möbelwagen erwartet, der alles zur Bahn bringen sollte.

»Nachmittags machen wir Johann den Abschiedsbesuch«, schlug Gustav vor.

»Ja selbstverständlich! Wir müssen uns doch vom Bruder empfehlen«, sagte Frau Pauline.

»Ja, ja ...« erwiderte eifrig Gustav. »Aber das muß ich dir sagen, lieber möchte ich noch einmal von vorne anfangen, einzupacken!«

»Aber Gustav!« verwies Frau Pauline.

Gustav gab keine Antwort.

»Den Hund nimmt Marie mit. Sie schläft die beiden Tage bei ihrer Mutter!«

»Wer wird ihn füttern?«

»Nun, Marie! Du weißt doch, du kannst da vollständig ruhig sein, eher verhungert, sie, als daß sie den Hund hungern läßt. Und ihr Vater ist ja so riesig stolz, wenn er mit Pascha spazieren gehen darf!«

»Ja, das ist wahr«, sagte Dr. Thorn, und aus seinem Gesicht schwand der leichte Schatten, der bei der Erwähnung des Abschiedsbesuches bei seinem Bruder sich auf seinem Gesicht gelagert hatte.

»Marie ist sehr brav und ihr Vater ist ein guter, tierfreundlicher Mensch ...! Die beiden Zimmer für uns habe ich im Hotel bereits aufgenommen. Sie sind sehr einfach – aber recht freundlich –, wir werden uns denken, wir seien auf einer großen Reise begriffen.«

Nachmittag schickte man sich an, den Abschiedsbesuch bei Herrn Rechnungsrat Johann Thorn zu machen. Als Dr. Thorn seinen Hut aufsetzte, sagte er: »Heute habe ich mir Gewalt antun müssen, ich wäre beinahe unwirsch geworden. Aber da fiel mein Blick zufällig auf Herrn Sauer ...«

»Aber Gustav, du solltest dem Vogel doch keinen Menschennamen geben – das gehört sich nicht ...« verwies Frau Pauline.

»Laß mir die Freude – er erinnert mich so stark an meinen Kollegen. Also, Sauer saß. dick und breit in seinem Käfig und sah aus wie die fleischgewordene Misanthropie. Ich rief ihn an. Nicht einmal den Kopf wendete er nach mir. Nun ging ich zum Käfig hin, steckte den Zeigefinger zwischen den Gitterstäben durch und wollte ihm freundlich zureden, aber sofort sträubte er die Halsfedern und hackte nach dem vorgehaltenen Finger. Ich zog den Finger eilig zurück. ›Du bist nicht gut gelaunt, das sieht häßlich aus‹, sagte ich, und dabei fiel mir ein, daß ich selber nicht gut gelaunt sei, nahm mich zusammen und versuchte, wieder ein freundliches Gesicht zu machen, was so leidlich gelang.«

»Du und Johann habt euch nie gut vertragen«, warf Frau Pauline ein.

»Da magst du recht haben – aber Abschied müssen wir doch nehmen von ihm. Morgen geht's dann hinaus – na, das tröstet mich!«

Er ließ durch das Mädchen einen Einspänner besorgen. Als der Einspänner nach längerer Fahrt bei der Wohnung des Bruders anlangte, schritt gerade ein hagerer Mann mit blassem, fast fahlem Gesicht, eine Aktentasche tragend, auf das Haustor zu. Das große Ereignis, daß vor dem alten Haus ein Komfortabel stehen bleibe, veranlaßte ihn ebenfalls, stehen zu bleiben. Dr. Thorn kletterte aus dem Wagen und half in höchst ritterlicher Weise seiner Schwester beim Aussteigen. Der lange, hagere Mann sah mit maßloser Verwunderung auf das Paar.

»Bist du's, Gustav ...? Ach, Pauline ...« sagte er.

»Ach, da ist ja Johann«, sagte Dr. Thorn, »das trifft sich gut! Kommst du jetzt erst aus dem Amte?«

Die Begrüßung der Geschwister gestaltete sich sehr formell.

»Ja, ich komme jetzt erst aus dem Amte. Du kannst dir wohl denken, daß ich mich abrackern muß. Ich mach' Überstunden wie ein Fabriksarbeiter. Kommt ihr zu uns?«

»Wen sollt' ich denn in diesem Hause besuchen?« fragte etwas geärgert Dr. Thorn. »Wir ziehen morgen weg von Wien!«

»Also Abschiedsbesuch!« sagte Johann und schüttelte mißbilligend sein stark angegrautes Haupt; »und wie Ihr das Geld hinauswerft – dort oben ist gleich eine Haltestelle der Elektrischen. Die Einspännerkutscher wissen nie, was sie verlangen sollen. Aber du warst immer so!«

Er ging voran.

»Wir wohnen natürlich im dritten Stock. Aufzug ist keiner im Hause. Für Leute, die an Asthma leiden, ist das sehr unangenehm. Ich hoffe, es wird dir nicht zu viel werden, Pauline!« sagte er grämlich, indem er sich auf der Stiege nach dem Besuch umdrehte.

»O, ich hab noch genug Atem, sei unbesorgt«, tröstete Pauline.

»Nein, dich habe ich nicht gemeint«, sagte Johann, »Gustav wird es etwas schwer werden. Denn ich glaube, er leidet schon etwas an Arterienverkalkung. Was natürlich bei seinem Leben kein Wunder wäre. Er hat immer gut gegessen und getrunken, und das rächt sich dann in seinen Jahren.«

Unter solch lieblichen Gesprächen stieg Johann die Treppe empor. Ziemlich verdrossen folgten die beiden nach.

Johann sperrte die Wohnungstür auf.

»Charlotte wird sehr überrascht sein«, sagte er, als der Schlüssel im Vexierschloß knackste. »Wir haben nämlich gerade Waschtag. Du hast dir das gut ausgewählt – infolge der vielen Arbeit ist an einem solchen Tage meine Frau immer sehr nervös.«

Als sie in die Wohnung traten, kam eben Frau Charlotte aus der Küche heraus. Auch sie war lang und hager und hatte ein schmerzliches, mageres Gesicht.

»Gustav und Pauline machen uns einen Besuch«, sagte Johann zögernd.

»Heute – am Waschtag?« Frau Charlotte schlug entsetzt die Hände zusammen.

»Nun, wir werden euch nicht lange aufhalten«, sagte Gustav. »Aber ich hab' mir eben gedacht – wir müssen doch noch früher zu euch kommen!«

»Ja, man sollte das glauben«, sagte pikiert Johann.

»Wir wollen nicht stören«, drängte sich Pauline vor; »den guten Willen habt ihr gesehen, also lebt wohl – laßt's euch gut gehen!«

Sie reichte beiden die rechte Hand hin. Mechanisch folgte Gustav ihrem Beispiel.

»Nein, nein, kommt nur herein da – das Vorzimmer ist wirklich nicht der Ort dazu. Schließlich sind wir ja doch Geschwister!«

Johann machte die Zimmertüre auf und bestand darauf, daß die beiden eintraten.

Das Zimmer sah ungemütlich und verstaubt aus. Das Rouleau an dem einen Fenster War schief in die Höhe gezogen; eine Schnur war abgerissen.

»Das solltest du doch einmal machen lassen«, bemerkte etwas verlegen Johann.

»Ja, ja, kaum bist du zur Tür herein, fängst du schon an, zu knurren. Ich glaube – ich plage mich genug den ganzen Tag – wenn andere Leute hier sind, könntest du wohl den Mund halten.« Frau Charlotte ging hinaus.

Es trat eine bange Stille ein.

»Also – du bist jetzt pensioniert, Gustav?« fragte Johann.

»Ja, Gott sei Dank!«

»Mir ist das aber nicht recht. Denn du hast mir dadurch einen Schaden zugefügt, einen großen Schaden. Wie ich gehört habe, warst du sehr beliebt im Amte – bei all deinen Vorgesetzten. Du wärst in wenigen Jahren Hofrat geworden, ja – auch einen Orden hättest du bekommen. Weißt du, daß du direkt ein Verbrechen an deinem Bruder begangen hast? Nun ja, wir sind eben Stiefbrüder.«

In sprachloser Verwunderung sah Gustav seinem Stiefbruder ins Gesicht.

»Wieso ... wieso? ...«

»Wenn du Hof rat geworden wärst – und dazu einen Orden – du hättest etwas für mich tun können!«

In diesem Augenblick kam Frau Charlotte herein. Ihre Neugierde hatte über ihre Erregung gesiegt. Sie setzte sich zu ihnen zum Tisch nieder.

»Also ihr geht auf das Land! Für immer?«

»Ja«, sagte Pauline.

»Da sind wir arme Narren!« sagte Charlotte seufzend und warf einen furchtbaren, fragenden Blick zum Plafond empor.

»Ihr werdet uns doch öfter besuchen«, fragte Gustav.

Charlotte schüttelte energisch das Haupt.

Johann sagte schmerzlich: »Nein, Gustav, das kannst du von uns nicht verlangen. Mir würde das Herz zerbrechen. Wir sitzen da in Sorgen und Kummer, du bringst deine Tage im Wohlleben dahin ...! Das anzuschauen, würde ich nie übers Herz bringen!«

Die Tür ging auf, und ein Knabe von ungefähr vierzehn Jahren trat ein. Es war ein hübscher Bursch, aber in seinem Gesicht lag ein seltsamer, lauernder Zug.

»Eugen«, sagte Johann, »Onkel und Tante sind da!« Eugen machte eine Verbeugung und reichte den beiden Respektpersonen die Hand.

»Grüß dich Gott, Eugen«, sagte Gustav, froh, daß durch das Erscheinen des Knaben die wehmütige Rede seines Bruders unterbrochen wurde, »wie geht's dir?«

»Frage nur das nicht«, krächzte Bruder Johann weiter, »das ist auch so ein Sorgenquell.«

»Wieso ...?« fragte Frau Pauline.

»Lernt er nicht gut?« fragte erschrocken Gustav.

»Das ist keine Frage, lieber Bruder, Eugen ist sicher einer der fleißigsten und fähigsten Schüler der Anstalt, ungemein pflichteifrig. Charlotte kann es nicht anders sagen. Aber die Professoren!«

»Die Professoren!« klagte auch Frau Charlotte, zog ein Taschentuch von, unbestimmter Farbe aus ihrem Rock und drückte es an die Augen.

»Hat es was gegeben?« fragte Dr. Thorn.

»Erzähle, Eugen!« befahl der Vater.

Mit ungewöhnlicher Lebhaftigkeit begann Eugen: »Ja, in der Klasse war ein fürchterlicher Tumult vor der Schule, daß der Schuldiener den Direktor holen mußte. Ich war der einzige, der ruhig in der Bank gesessen ist, die anderen schrien und lärmten, und als der Direktor kam, zeigten sie mich an, daß ich den Lärm gemacht habe!«

Er warf, wie wenige Minuten vorher seine Mutter, einen schmerzlichen Blick zum Plafond empor.

»Und was sagte der Herr Direktor?«

Da brach Eugen in furchtbares Weinen aus, wobei er ebenfalls ein Taschentuch von höchst unbestimmter Farbe an seine Augen drückte. Frau Charlotte stand auf, drückte den Sohn an ihren mütterlichen Busen und sagte: »Mach' dir nichts draus, Eugen, komm', trink da draußen in Ruhe deinen Kaffee – da herin ist es nicht möglich!« Plötzlich faßte sie eine furchtbare Wut.

»Weißt du, Schwager, wenn du nur herkommst, um Ärger und Verwirrung in die Familie zu bringen, dann ist es mir schon lieber, du bleibst draußen. Ich kann .eure Protzerei überhaupt nicht leiden!«

Sie ging mit dem heulenden Eugen hinaus.

Es war eine peinliche Pause, die nach dem Abgang der beiden entstand. Dr. Thorn erhob sich.

»Komm, Pauline«, sagte er.

»Du mußt nicht böse sein über ihre harten Worte«, wollte Johann begütigen, »sie ist eben Mutter. Ihr Herz blutet unter dem Unrecht, das man ihrem Kinde zufügt. Und dann ist es mit einer schweren materiellen Schädigung verbunden. Eugen verliert zum mindesten die Schulgeldbefreiung – bitte – ohne die mindeste Disziplin-Widrigkeit begangen zu haben. Es ist sogar noch fraglich, ob er in der Schule bleiben kann.«

»Wenn er nichts getan hat ...?«

Dr. Thorn schüttelte zweifelnd den Kopf.

»Vielleicht hat er sich ein wenig an dem Rumor beteiligt, das kann ja schon sein«, gab Bruder Johann zu, »aber die Strafe ist zu grausam. Eugen ist ein lebhaftes, aufgewecktes Kind – er ist kein Duckmäuser!«

Johann verschwieg die eigentliche Ursache des Schüleraufstandes. Der aufgeweckte Eugen war außergewöhnlich früh in die Schule gekommen und hatte Stiegen, Gänge und den Boden seiner Klasse mit den abgebrochenen Köpfchen roter Zündhölzchen bestreut, die die erfreuliche Eigenschaft besitzen, unter Stiefelsohlen mit einem durchdringenden Krach zu explodieren. Der Einzug der Schüler vollzog sich unter fortwährenden Detonationen, die bei den jungen Herren lebhafte Heiterkeit erregten. Noch ehe der erschreckte Direktor dem Schuldiener den Befehl geben konnte, die Sprengkörper abzukehren, war schon größeres Unheil angestiftet worden. Einer Mama, die besorgten Herzens zu irgendeinem Professor gekommen war, um Nachrichten über das Verhalten des Sohnes einzuholen, war auf der Schleppe des Unterrockes ein brennendes Zündholzköpfchen kleben geblieben, und beinahe wäre die Dame von hinten verbrannt worden. Sogar der seidene Unterrock hatte hell aufgeflammt und bei den liebevollen Bemühungen, den Brand zu löschen, hatten sich zwei herbeigeeilte Professoren, der Direktor und der Schuldiener die Hände tüchtig verbrannt. Die Dame war in Ohnmacht gefallen und mußte mit der Rettungsgesellschaft nach Hause geführt werden.

In der Konferenz war beschlossen worden, Eugen Thorn aus der Anstalt auszuschließen.

Der Papa des unglücklichen Kindes wischte sich die Augen aus.

»Ja«, sagte er, »das Leben wird, einem schwer gemacht!« Da ging die Tür auf – ein junges, etwa siebzehnjähriges Mädchen stürmte herein. Es war, als fiele wunderhelles, schimmerndes Leuchten in die dämmernde, staubige Stube. Die schlanke, feine Gestalt mit den großen dunklen Augen ... wie kam die in diese Familie herein?

»Siehst du nicht, Elise, daß Onkel und Tante hier sind?« fragte verweisend der Papa. Er sah dabei sehr ernst drein.

»Ja ... Onkel, ... Tante! ... Ja, seid ihr's wirklich?« fragte Elise, »...ah, das ist schön ... Das ist ja mehr als ein Jahrhundert her, daß ihr nicht dagewesen seid! Und ihr geht schon?«

Und sie begrüßte die beiden mit heller, stürmischer Freude. Darauf setzte sich der Herr Rechnungsdirektor i. P. noch einmal nieder.

»Ja ... wir haben Abschied genommen!« sagte er. »Wir gehen auf das Land!«

»Du, Onkel«, sagte stürmisch das schöne Fräulein, »und du, Tante ... bitt' schön, bitt' schön, gelt, ich darf dann zu den Ferien zu dir auf das Land gehen. Gelt, Onkel, auf einige Wochen nur ... nur vierzehn Tage ... höchstens drei Wochen ... bitt' schön, bitt' schön!«

Und sie faltete so reizend die Hände, und das liebe Gesicht leuchtete so innig.

»Elise ... schäm dich!« verwies aufs neue der Vater.

»Warum nicht? ... einige Wochen kann sie immerhin bei mir bleiben!«

»Die Mutter wird sich schwer von dem Kinde trennen«, sagte pathetisch der Vater.

Elise sah mit einem sonderbaren Blick auf ihren Vater.

»Nein, nein, Onkel – Papa wird dir's ja erzählt haben – wir gehen heuer gar nicht aufs Land. Denk' dir, Onkel, das Kleid der Dame, das durch Eugens Schuld verbrannt wurde, kostet 296 Kronen. Und die muß Papa bezahlen.«

»Wie?« fragte erstaunt Dr. Thorn.

»Was?« fragte Pauline.

»Elise ... rede nicht so dumm daher!« sagte wütend der Vater.

Die Tür ging auf, die Mama steckte den schlecht frisierten Kopf ins Zimmer herein.

»Ah ... bist du da, Elise?« fragte sie. »Geh gleich hinaus in die Küche und trink deinen Kaffee, sonst wird er kalt. Und du«, wendete sie sich zum Herrn Gemahl, »könntest ihn auch am besten gleich draußen trinken. Oder soll ich dir ihn hereinbringen?«

»Ja ... hast du für Gustav und Pauline nicht eine Schale Kaffee?« fragte betreten der Herr Gemahl.

»Wieso ... woher? Ich war ja gar nicht vorbereitet. Ich müßte jetzt Milch holen lassen!«

»Ich hol' sie«, sagte entschlossen das schöne Mädchen, »gib mir nur einen Topf...«

»Nein, nein«, sagte Gustav und stand auf. »Komm, Pauline, wir müssen gehen.«

»Du bist doch nicht böse?« fragte betreten Johann.

»Nein ... nein ... wir haben noch einen Besuch zu machen ...« log Frau Pauline.

»Ich müßte erst Feuer machen ...« entschuldigte sich Frau Charlotte.

Der Abschied war kühl. In wortreicher Rede beneidete Johann noch auf dem Gang draußen den glücklichen Bruder.

»Also, Lisel ... du kommst zu den Ferien!« sagte Dr. Thorn.

»Ja, komm', komm', Lise«, lud Pauline ein.

»Ich glaube, für Eugen wäre es notwendiger«, meinte Frau Charlotte.

Da stieg der Herr Direktor Dr. Thorn eiliger die Stufen hinab. Von der Höhe des Stiegenabsatzes winkten der Bruder und Frau Charlotte den beiden nach.

Elise ging mit zum Wagen.

»Komm' nur, komm' nur in den Ferien«, luden sie Gustav und Pauline nochmals ein. »Ich schick' dir das Reisegeld.«

»Ja, das mußt du tun, Onkel ... sonst könnt ich nicht kommen. Die daheim haben ja nie eine Krone übrig!«

Der Wagen rollte fort. Das schöne Mädchen blieb am Trottoir stehen und winkte, so lange der Wagen noch in Sicht war.

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