Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Rudolf Hawel >

Dr. Thorns Lebensabend

Rudolf Hawel: Dr. Thorns Lebensabend - Kapitel 19
Quellenangabe
pfad/hawel/thorn/thorn.xml
typefiction
authorRudolf Hawel
titleDr. Thorns Lebensabend
publisherGerlach & Wiedling
year1947
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20110405
projectidc308299b
Schließen

Navigation:

Neunzehntes Kapitel

Als Vater Thorn gegen Abend wieder in den vertrauten Räumen anlangte, Eugen hatte ihn vom Bahnhof abgeholt, zeigte er ein müdes, abgespanntes Wesen.

»Was hast du denn? Ist dir nicht recht wohl?« fragte besorgt Frau Charlotte.

»Ich glaub es – nach einer solchen Reise!«

Er war kaum zweieinhalb Stunden mit der Eisenbahn gefahren, da er aber alles, was ihn betraf, stets ins Ungeheuerliche vergrößerte, so tat er, als ob er eine Weltreise gemacht hätte. »Für meine Nerven sind diese Anstrengungen nichts. Ich bin total erschöpft!«

»Das Nachtmahl ist sofort fertig. Ich habe zu Ehren deiner Ankunft Schweinskoteletten gemacht und dazu geröstete Kartoffeln«, tröstete Frau Charlotte.

Diese angenehme Aussicht wirkte außerordentlich belebend auf den körperlichen Zustand des Papas.

»Charlotte – du bist mein gutes Weib«, sagte er mit gerührter Stimme, »ach, es ist doch ein wunderbares Gefühl, im eigenen Hause, unter seinen teuren Familienangehörigen zu weilen.« Die Aussicht auf Schweinskoteletten mit gerösteten Kartoffeln hatte in direkt in Entzücken versetzt.

»Wenn man so draußen in der fernen Fremde weilt, dann lernt man erst das Glück der Heimat schätzen. Gib mir einen Kuß, Charlotte!«

»Ach, laß doch diese albernen Dummheiten«, gab Charlotte ärgerlich zur Antwort; »zu solchen Dingen sind wir doch schon zu alt.«

Die Abweisung kränkte Vater Thorn tief und über sein frohseliges Heimatsglück legte sich ein tiefer Schatten.

Eine halbe Stunde später kam Lise nach Hause. Nachdem sie den Vater begrüßt hatte, überhäufte sie ihn sofort mit einer Flut von Fragen.

»Wie geht es dem Onkel?«

»Wie geht es Tante Pauline?«

»Hat Onkel noch den Rehbock?«

»In seinem Garten muß es jetzt wunderschön sein?«

»Lise«, sagte mit tiefem Ernst der gekränkte Vater, »du siehst, wie müde und abgespannt ich bin – laß mich in Ruhe!«

»Zweieinhalb Stunden Bahnfahrt ... das ist doch gar nichts ... das sind ja ich und Lise auch schon gefahren«, warf der Sohn ein.

»Eugen«, sagte Thorn mit scharfer Stimme, »ich finde das für eine große Unmanier, auf solche Weise mit dem Vater zu sprechen!«

»Ja, was hab ich denn gesagt?« fragte entrüstet Eugen.

»Eugen war doch gar nicht unanständig!« nahm Lise den Bruder in Schutz.

»Ruhe, ihr beiden!« donnerte Vater Thorn. »So ist es eben! Da kommt man todmüde von der Reise nach Hause, man erwartet, daß einem entzückt Weib und Kinder entgegenfliegen ... und statt dessen ...«

Frau Charlotte steckte den Kopf durch den Türspalt herein.

»Was ist's denn, was gibt's denn?«

Mit finsteren Mienen sah Vater Thorn auf sein Weib; aber es verschlug ihm die Rede.

»Bist du schon wieder da?« fragte Charlotte mit funkelnden Augen ... »man hört das sofort!«

»Ich bitte mir Ruhe aus! Hast du gehört!«

»Ich war gar nicht keck, und Vater ...« klagte Eugen.

»Nein, das war er nicht ...« bestätigte Lise.

»Ruhe ... oder ...!« befahl die Mutter. »Und daß ich ja keinen Ton mehr höre!«

Damit ging sie wieder.

Grollend begab sieh der Papa hinüber in das Schlafzimmer, nachdem er sich vorher Karl Mays »Old Shatterhand« aus dem Bücherkasten mitgenommen hatte.

Große, gefahrvolle Reisen bloß im Geiste zu unternehmen, war ihm bedeutend lieber.

Das Nachtmahl begann unter allgemeinem Schweigen. Als Mutter Charlotte unter Lises Assistenz die Koteletten auftrug, erleuchtete sich Thorns Gesicht.

»Ausgezeichnet!« rief er aus, »Mutter, das macht dir keine nach!«

»Und du bist vielleicht der Meinung, daß du so etwas verdienst? Kaum bist du zu Hause, fängst du mit den Kindern zu streiten an.«

»Nein, durchaus nicht!« beteuerte der Vater. »Aber lassen wir das, und sollte ich zu schroff gewesen sein, so bedenkt, daß meine Nerven die Anstrengungen einer so weiten Reise nicht ertragen können.«

Eugen und Lise sahen sich gegenseitig an. Sie schienen außerordentlich vergnügt zu sein.

Charlotte warf ihnen einen mißbilligenden Blick zu.

Von all dem bemerkte Vater Thorn nicht das mindeste. Er war eifrigst beschäftigt, mit einem Tischmesser die letzten Fäserchen von einem Knochen herunter zuschaben.

Lise räumte unter Mithilfe der Mutter ab. Als das geschehen war, stellte Charlotte eine Flasche goldig funkelnden Weines auf den Tisch.

»Eigentlich verdienst du das nicht«, sagte Charlotte, »aber heute will ich gnädig sein ...«

Thorn behagte dieser Ausdruck der Gnade seitens Frau Charlotte ungemein.

»Woher hast du diesen Wein?« fragte er.

»Breuer hat ihn von Meran geschickt. Gestern nachmittags ist er angekommen.«

»Breuer ist ein herrlicher Mensch«, erklärte der Vater. Es lag eine wunderbare Rührung in seiner Stimme.

In fast feierlicher Weise entkorkte er die Flasche.

Als die kleinen Gläser, die Mama herbeigebracht hatte, gefüllt waren, erhob sich Thorn, um eine Rede zu halten.

»Laß das, Johann«, sagte sanft die Mutter, »der Wein wird dir auch schmecken, wenn du keine Rede hältst. Erzähl uns jetzt, wie's dir bei Gustav gegangen ist.«

»Im allgemeinen recht gut. Ich wurde von Gustav empfangen, wie es mir bei meiner Stellung in der Familie gebührt.«

Eugen warf einen schmerzlichen Blick zum Himmel hinauf.

»Wir sind auch gestern abends im Gasthaus gewesen, der Herr Pfarrer, der Herr Bürgermeister waren da ...« Als Papa den Bürgermeister erwähnte, errötete Lise. Der Gewaltige war ja doch Ulrichs Vater, und es fiel ihr ein, wie hart der Mann gegen den Geliebten gehandelt hatte. »Ich wurde mit unendlicher Hochachtung und Verehrung begrüßt. Nur einer paßt mir nicht in dieser Gesellschaft. Und das ist der Förster!«

»Der Förster?« fragte verwundert Eugen.

»Jawohl! Ich habe noch selten einen so rohen und ungebildeten Menschen kennen gelernt. Er wollte sich mit mir einen Witz erlauben. Aber ich hab ihn gebührend in seine Schranken zurückgewiesen.«

Eugen pfiff leise vor sich hin; er kannte den Förster und kannte seinen Papa.

»Die Besitzung ist schön. Aber was er nur für Hunde hat! Direkt grauhaarige Stallpintsche. Er behauptet, es seien seine Jagdhunde. Sie haben ein Heidengeld gekostet. Na, da haben sie ihn ganz gehörig angeschmiert!«

»Das sind Griffons«, sagte Eugen, der die Hunde doch kannte und schon seinerzeit seinen Onkel durch die Rassenbestimmung überraschte, welches Wissen er aus seinem Buch über Hundezucht und -Dressur geschöpft hatte. »Es sind ausgezeichnete Gebrauchshunde, zu Wasser und zu Lande gleich tüchtig.«

»Hast du die Hunde deines Onkels schon jemals gesehen?« fragte streng der Vater.

»O ja«, sagte Eugen und holte aus dem Bücherschrank sein Hundebuch hervor.

»Sehen sie nicht so aus wie die hier?« fragte er in examinierendem Tone den weisen Papa.

Dieser betrachtete lange mit weisen Kennerblicken das Bild des zottigen Hundes.

»Wirklich«, sagte er dann etwas verlegen, »der eine von den Hunden des Onkels schaut ganz dem gleich.«

Triumphierend trug Eugen sein Buch in den Schrank zurück.

»Es sind drahthaarige Hunde«, wollte er beginnen. Er hatte schon die Gewohnheiten junger Jäger angenommen, recht viel mit jagdsportlichen Ausdrücken um sich zu werfen.

Aber Frau Charlotte kam ihm bereits zuvor.

»Johann«, sagte sie streng, »du solltest wirklich nicht über Dinge reden, von denen du gar nichts verstehst. Und dann bitte ich mir aus, die Kinder so unnötig anzufahren!«

»Und der Blumengarten muß auch sehr hübsch sein«, warf Lise ein.

»Ja, der ist ganz prächtig, er hat eine Menge Rosen – aber besser gefiel mir der große Gemüsegarten. Wenn man bedenkt, wie teuer das Grünzeug heute ist, so übermannt einen förmlich der ... wie soll ich nur sagen ... der Kummer – wenn man bedenkt, daß der eigentlich ganz umsonst zu allen diesen Dingen kommt!«

»Aber Papa ... rede doch nicht so häßlich ...« ermahnte Lise.

In dieser Weise ging es so eine halbe Stunde weiter. Auch über den Hühnerhof sprach er sein Mißfallen aus.

»Dieses Geschnatter ... dieser Lärm. Und was dieses Geflügel für eine Menge Futter braucht! Einen Pfau hat er auch. Das ist so das richtige Protzentum!«

»Wie aber der Onkel die beiden jungen, fetten Enten geschickt hat, da warst du ganz zufrieden!« sagte Eugen.

»Nun ... was sind zwei junge Enten! ... Wegen dieses Almosens soll ich mich vielleicht vor dem Menschen demütigen?«

Es war ein Glück, daß in diesem Moment Frau Charlotte sich in der Küche befand.

Herr Thorn sprach noch weiter über all das Erlebte und Geschaute, und über alles drückte er seine tiefste Mißbilligung aus. Zum Schluß wäre es bald zu einer heftigen Auseinandersetzung zwischen dem Elternpaare gekommen.

»Wenn ich so denke, wie wir hier in Elend und Kummer leben«, hatte er angefangen, worauf Frau Charlotte wütend auffuhr und ihn mit keifender Stimme fragte, ob man von Elend und Kummer reden könne, wenn man soeben Schweinskoteletten mit gerösteten Kartoffeln gegessen und eine Flasche vorzüglichen Weines dazu getrunken habe.

Die beiden Kinder waren zu Tode froh, als das Mahl aufgehoben wurde und sie zu Bette gehen konnten.

Beide konnten längere Zeit nicht einschlafen. Aus dem Schlafzimmer heraus tönte immerfort die grelle Stimme der Mama, die dem Neidhammel von einem Papa den Standpunkt klar machte.

Sie dachten beide an die herrlichen Tage, die sie in St. Ruprecht zugebracht hatten, und mählich ward ihr Sehnen zu schönen, lichten Träumen. Eugen ging mit dem alten Förster durch den nachtdunklen Wald auf die Hirschpirsch, und Lise stand Hand in Hand mit Ulrich Kirchmaier bei Paschas Grabdenkmal im Kiefernforst.

 << Kapitel 18  Kapitel 20 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.