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Dr. Thorns Lebensabend

Rudolf Hawel: Dr. Thorns Lebensabend - Kapitel 18
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authorRudolf Hawel
titleDr. Thorns Lebensabend
publisherGerlach & Wiedling
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Achtzehntes Kapitel

Sämtliche pflanzliche Anlagen auf der Besitzung des Herrn Dr. Thorn waren herrlich gediehen. Die Schlingrosen im Hofe bildeten eine herrlich leuchtende Wand, die den Raum unter dem großen Kastanienbaum direkt mit purpurnem Schimmer überstrahlte. Im Blumengarten blühten die allerherrlichsten Rosen, vom dunkelsten Samtrot, dann gelbe, hell rosarote und solche von schimmerndem Weiß.

Dieser Teil der Besitzung war für Dr. Thorn gewissermaßen das Hauptstück, das bedeutungsvollste Feld seiner Tätigkeit. Er pfropfte und okulierte und hatte dabei ein Riesenglück, fast jedes Edelreis gelangte zur Entwicklung. Auf zehn Kilometer im Umkreis galt er als die berufenste Autorität in diesem Fach. Er hatte infolgedessen stets sehr viel zu tun und es war ihm schließlich direkt unmöglich geworden, allen Einladungen Folge zu leisten, in denen seine bewährte Mithilfe zur Verschönerung des Rosenflors erbeten wurde.

»Es wäre mir beinahe lieber, ich wäre noch im Amt«, sagte er, als er eines Abends schweißtriefend aus dem vier Kilometer entfernten Feldkirchen, wo er im Garten des Herrn Pfarrers dreißig Rosenstämme veredelt hatte, nach Hause kam. »Mein Lebensabend gestaltet sich etwas mühevoll!«

»Du nimmst dich um zu viel an!« sagte die Schwester.

»Na – aber es macht mir ein Vergnügen – und gesund ist es auch ... Wenn ich so aus meiner Plage und Mühe, die ich da habe, an das Amt denke, an das große düstere Zimmer mit seinem unleidlichen Staubgeruch, dann wird mir wieder recht wohl ums Herz. Nein, es ist ganz recht so. Es geht nichts über die Ruhe des Landlebens.«

Die Tür tat sich auf und die Köchin kam heulend herein, in jeder Hand eine tote Ente tragend.

»Bitt' Ihne, da schaun S' her!« rief sie weinend aus. Das ise doch gruse Schlechtigkeit.«

»Gott im Himmel!« rief auch Pauline und schlug entsetzt die Hände zusammen, »seit vierzehn Tagen sind es nun fünf Stück!«

Auch Marie kam und bedauerte in schmerzlichen Worten das Unglück. Hex und Lady fühlten sich ebenfalls verpflichtet, an der allgemeinen Trauer teilzunehmen, sie drängten sich zur Tür herein und leckten wehmutsvoll die aus den Entenkörpern quellenden Blutstropfen ab.

»Pfui, Hex, pfui, Lady!« rief Thorn und untersuchte die beiden Enten.

»Es ist wieder derselbe Schurke«, sagte er empört, »ein Ratz, oder wie er in der Naturgeschichte heißt, ein Iltis, Putorius foetidus, der hier sein Unwesen treibt. Ich werde doch noch einmal die Falle aufstellen!«

»Und dann fängt sich wieder einer der Hunde«, gab Pauline zu bedenken; »besser ist es, du ersuchst den Förster.«

»Auch gut, der ist Fachmann. Es geht nichts über Fachmänner. Ich weiß das von mir. Es sind junge Tiere«, setzte er hinzu, die Enten mit zufriedener Miene abgreifend. »Entenbraten ist mir das Liebste, wie du weißt, Pauline. Ich bin dem Iltis sogar dankbar, denn du würdest es nie zugegeben haben, daß einer dieser humoristischen Vögel geschlachtet wird!«

Dr. Thorn hatte nicht so Unrecht. Das Geflügel in seinem Hühnerhofe hatte unbedingte Schonzeit. Wenn vor hohen Festtagen eines der Geschöpfe doch ans Messer kam, gab es immer Tränen, und selten war Frau Pauline dazu zu bringen, einen Bissen von dem Braten zu sich zu nehmen. Es kam ihr direkt wie Kannibalismus vor. Infolgedessen hatte sich die Tierwelt im Hühnerhofe fast ins Unendliche vermehrt, deren Unterhaltung kostete geradezu enorme Summen.

»Sie fressen mich auf«, sagte Dr. Thorn eines Tages. »Das ist ein höchst unnatürliches Verhältnis, denn eigentlich sollten wir sie aufessen.«

Mit Hex und Lady war inzwischen auch eine sehr vorteilhafte Veränderung vorgegangen. Dr. Thorn hatte sie auf mehrere Monate zum Förster gegeben, damit sie Bildung bekämen. Unter der harten Hand dieses Mannes waren sie leidlich gesittet worden, aus den früheren Hofhunden, die jedem Besuch wütend um die Beine fuhren, waren brave Jagdhunde geworden.

Auch der Gemüsegarten war prächtig gediehen: Doktor Thorns Kohlköpfe und Kartoffel waren eine Berühmtheit geworden. Leider hatte dieser überreiche Segen eine unangenehme Folge gehabt. Als Thorn einmal im Gasthause eine solche Kollektion von Riesenkartoffeln vorgezeigt hatte und der Bürgermeister davon erfuhr, machte er die schmähende Bemerkung, man wisse ja, bei wem die größten Erdäpfel wüchsen.

Dies war zu Dr. Thorns Ohren gekommen. Es hatte Schwester Pauline viele Mühe gekostet, den sonst so behäbigen, friedliebenden Bruder davon abzuhalten, sofort haßerfüllt vor das Oberhaupt der Gemeinde zu treten und dieses mit zornigen Worten zur Rechenschaft zu ziehen.

Schließlich hatte er sich doch beruhigt.

»Es ist nur Neid – und der Neid ist von allen menschlichen Schwächen die begreiflichste. Ich verzeihe ihm, obwohl er mein größter Gegner im Orte ist.«

Auch das Museum verursachte ihm mancherlei Unannehmlichkeiten. Seit er den Sandgräber damals so reichlich entlohnt hatte, wurde er mit »prähistorischen Funden« geradezu überschwemmt. Alle Augenblick brachte ihm ein Bäuerlein oder irgendein Arbeiter einen Knochen, der angeblich ausgeackert oder ausgegraben worden war, mit der Meinung, das Fundstück passe für das Museum. Wenn dann Dr. Thorn erklärte, das Fundstück sei weit passender für eine Spodiumfabrik als für ein Museum, wurden die redlichen Finder gemeiniglich sehr böse, und ein kroatischer Deichgräber, der mit einem großen, vermorschten Rindsknochen eine Stunde weit zu Dr. Thorn gekommen war, hatte nach erfolgter Ablehnung das Stück in höchst böswilliger Absicht von der Straße aus in das Speisezimmer hineingeworfen, wodurch eine porzellanene Blumenvase, die am Tische gestanden, vollkommen zertrümmert wurde.

Schwester Pauline war darüber so entrüstet, daß sie den Übeltäter bei der Gendarmerie anzeigen wollte.

»Laß das«, mahnte Thorn, »der Mann sah sich in seinen Hoffnungen betrogen, und ich finde seine Entrüstung sehr begreiflich. Ich werde von nun an jedem, der etwas bringt, wenigstens eine Krone Trinkgeld geben – er verdient sie ja doch für seine Mühe, die er hatte, und für die gute Meinung!«

»Danke schön«, sagte Frau Pauline, »du wärst das wirklich imstande! Dann kommen sie dir mit allem möglichen Unsinn daher und du kannst nicht genug Kronen hinauswerfen ... Am besten ist's, du trachtest, daß hier ein ständiger Gendarmerieposten aufgestellt wird, der gleich jeden Finder arretiert, der zu dir kommt.«

Der Stammtisch im Gemeindegasthause war recht spärlich besetzt. Der Herr Bürgermeister fand sich sehr selten ein. Wenn Dr. Thorn bereits am Tische saß, drehte er sich sofort um und verließ knurrend das Lokal. Wenn Dr. Thorn etwas verspätet in das Lokal kam und den Bürgermeister erblickte, so drehte auch er sich um und verließ sofort die Stube. Ein Unterschied in dem Benehmen der beiden Gegner war zu konstatieren. Dr. Thorn grüßte bei seinem Abschied freundlichst die anwesenden Herren, mit Ausnahme des Bürgermeisters, während dieser das Lokal immer schweigend verließ. Eine Ausnahme fand nur statt, wenn der Herr Pfarrer anwesend war. Vor diesem Herrn verbeugte er sich mit gemessener Würde, während er die übrigen Anwesenden ausnahmslos ignorierte.

Man hatte schon vieles versucht, die beiden Herren mit einander zu versöhnen. Selbst der Herr Pfarrer hatte einst in fast zweistündiger Rede dem obstinaten Herrn Bürgermeister zugesetzt – es war alles umsonst gewesen.

»Er hat mir meinen Sohn geraubt ... er hat mir mein Kind gestohlen ... Herr Pfarrer, verzeihen Sie, Sie haben ja ganz recht, man soll seine Mitmenschen lieben ... aber diesen Mitmenschen kann ich nicht lieben!« hatte er immer mit Pathos ausgerufen.

Selbst Herr Dr. Thorn, der Friedfertige, war nicht von Friedensanträgen verschont geblieben.

»Ja, was soll ich denn machen? Ich habe ihm doch nichts getan ... er wirft mir vor, ich habe ihm den Sohn geraubt ...!«

»Und Sie haben ihn gar nicht«, warf der Doktor ein.

»Ich bitte, die Sache ist doch zu ernst«, gab der Oberlehrer zu bedenken.

»Ich kann mich doch nicht dem Herrn Bürgermeister zu Füßen werfen ... Freudig reiche ich ihm die Hand zur Versöhnung! Ich will ja recht, recht gern wieder mit ihm beisammen sitzen, so wie einstmals ... aber ... so ... es geht nicht ... ich werde doch nicht zu ihm kommen!«

Auch hohen Besuch hatte Herr Dr. Thorn erhalten. Sein einstiger Chef, der unterdes zum Rang eines Sektionschefs emporgestiegen war, war auf zwei Tage zu ihm gekommen. Es waren zwei stillfrohe Tage gewesen. Herr Dr. Thorn war hocherfreut, daß der große Herr sich zu ihm bemüht hatte.

»Sie sind ein glücklicher Mensch, Herr Dr. Thorn«, hätte er gesagt, nachdem er an seiner Seite einen Rundgang durch die Besitzung angetreten hatte; »sagen Sie mir aber, was wird mit Ihrem kostbaren Museum geschehen, wenn Sie einmal dahingehen, wohin wir einst alle gehen müssen? – Werden diese Schätze nicht in alle Winde zerstreut werden?«

»Nein – da ist vorgesorgt«, hatte Herr Dr. Thorn mit großer Entschiedenheit geantwortet. »So lange ich lebe, will ich mich an all den Dingen freuen, die ich da mein Leben lang zusammengetragen habe. Ich will durchaus nicht, daß dies alles zerstreut und verworfen wird, wenn ich einmal nicht mehr bin!«

Und er holte ein großes Schriftstück aus einem Schranke des Museums hervor.

»Mein Testament«, las stirnrunzelnd der Sektionschef, er liebte es nicht, auch nur in entferntester Weise an den Tod und sonstige Vergängnis gemahnt zu werden.«

»Wenn ich einstmals sterben werde, so fällt mein Museum dem Staate zu«, sagte Dr. Thorn, »bitte, hier zu lesen!«

Er zeigte mit fröhlicher Miene auf den betreffenden Absatz.

Der Herr Sektionschef las mit billigendem Kopfnicken die zutreffende Stelle.

»Brav, sehr brav!« sagte er, »aber sagen Sie mir, mein lieber Dr. Thorn, verursacht es Ihnen nicht einiges Grauen, dieses Schriftstück zu lesen?«

»Ich wüßte nicht«, antwortete fröhlich lächelnd Doktor Thorn, »daß ich einmal sterben muß, weiß ich seit jener Zeit, da ich zu denken angefangen habe. An diesem morschen Gerumpel, an diesen verwitterten Knochen hat sich mein Herz erfreut; wenn ich all den Kram im Falle meines Ablebens dem Staat schenke, so ist mir die Gewißheit gegeben, daß all das hübsch beisammen gehalten wird und daß noch lange, lange nach meinem Tode sich Tausende und Abertausende an diesen Dingen erfreuen werden. Und es kommt mir dann vor, als ob ich doch nicht so ganz umsonst gelebt hätte. Es war mir nicht gegönnt, ein Weib zu nehmen – an meiner Bahre werden keine Kinder trauern –, mir geschieht ganz recht, daß nichts anderes als dieses tausendjährige, halb vermoderte Gerumpel meinen Namen der Nachwelt übermittelt.«

»Brav – sehr brav«, hatte der Herr Sektionschef wiederholt. »Herr Doktor, Sie haben mir eine sehr große Freude bereitet; daß Sie gedenken, ein so wertvolles Geschenk dem Staate zu machen, zeigt in heller Klarheit Ihren Patriotismus. Anläßlich des bevorstehenden Regierungsjubiläums ist mir die Aufgabe zuteil geworden, Namen jener Personen zu nennen, die sich in meinem Ressort verdient gemacht haben. Ihr Name prangt als erster auf meiner Liste der zu einer Ehrung vorgeschlagenen Personen. Wenn Sie auch nicht mehr im Amte sind, so – es erschien mir als eine Herzenspflicht ...«

»Ich bin Ihnen sehr verbunden, Herr Sektionschef, aber diese Auszeichnung entspricht durchaus nicht den Absichten, mit denen ich hierher in diesen friedlichen Ort gekommen bin. Es wird viel Unruhe geben!«

»Wie meinen Sie das, Herr Doktor?« fragte der Herr Sektionschef.

»Meine guten Freunde werden die Auszeichnung ebenfalls feiern wollen, was mich manche Flasche Wein und einige Abende kosten wird. Und die Gemeinde wird es sich nicht nehmen lassen, mir in besonders feierlicher Form zu gratulieren. Die Leute hier sind sehr vergnügungssüchtig und benützen jede Gelegenheit, sich auf Kosten anderer zu unterhalten!«

Der Herr Sektionschef lächelte.

»Ich muß die Eingabe machen, sonst wäre mein ganzes Departement höchst aufgebracht. Die Leute haben Sie noch immer nicht vergessen. Als Sie damals fortgingen, war uns wirklich allen so zumute, als hätten Sie allen Sonnenschein mit fortgenommen. Tagtäglich wird von Ihnen gesprochen, selbst der griesgrämige Herr Sauer macht ein fröhliches Gesicht, wenn von Ihnen die Rede ist.«

»Sauer ist noch immer im Amte? Er muß doch schon seine vierzig Dienstjahre haben!« sagte lächelnd Dr. Thorn.

»O, weit darüber«, erwiderte der Herr Sektionschef, »aber er geht nicht. Ich glaube, aus dem Grunde, weil er fürchtet, dann gar nichts mehr zu haben, worüber er sich ärgern könnte.«

»Ja, es ist ein sonderbarer Kauz«, sagte nachdenklich Dr. Thorn.

»Also, mein lieber Herr Doktor, seien Sie nicht gar zu sehr überrascht, wenn die große Kunde kommt. Ertragen Sie mutig die Last der Ehren, die man auf Sie häufen wird.«

Bevor der Herr Sektionschef von Thorn Abschied nahm, machte er noch einen Rundgang durch die Besitzung; er besah sich noch einmal den herrlichen Blumengarten, freute sich über das Gedeihen des Gemüses und gedachte am Grabmal Paschas mit gerührten Worten des treuen Hundes, der im Kampf für seinen Herrn den Tod gefunden hatte. Auch der Hühnerhof ward besucht; Frau Pauline hatte eine Schwinge voll Weizen, Hafer und kleinsamigen Kukuruz gebracht, damit der hohe Herr das Gesindel an sich locke. Und das Federvolk kam eilig herbeigelaufen, als er im Bogen die Sämereien ausstreute; auf einmal stand er mitten in einer großen glucksenden, gurrenden, girrenden und schnatternden Schar. Selbst der Truthahn machte seine Reverenz, breitete den Fächerschweif aus und kollerte,, daß es das ganze sonstige Stimmengewirr übertönte.

Im Hofe ward noch der Kaffee eingenommen. Dann brachte Frau Pauline einen herrlichen Rosenstrauch.

»Danke, danke, gnädige Frau«, sagte gerührt der Herr Sektionschef und küßte ihr galant die Hand.

»Ist Ihnen nicht leid, Herr Doktor, wenn Ihr Blumenflor so geplündert wird?« fragte der Gast.

»Sie fallen ja ohnehin in einigen Tagen ab, und es sind so viele Knospen an den Rosenstöcken, daß der Ausfall in ganz kurzer Zeit ersetzt sein wird«, tröstete Frau Pauline.

»Dann danke ich Ihnen herzlichst. Es macht einem Freude, so ein bißchen Blütenduft mit hineinzunehmen in die große Stadt.«

Herr Doktor Thorn begleitete den Herrn Sektionschef noch zum Bahnhof.

Beim Abschied sagte der Sektionschef zu Dr. Thorn:

»Ich danke Ihnen vielmals für die hebe Gastfreundschaft, die Sie mir erwiesen haben. Es waren schöne, stillfrohe Stunden, die ich bei Ihnen verlebte. Machen Sie sich nicht allzuviel Sorgen, wenn die bestimmt zu erwartende große Ehrung Ihnen einen Wust von Unruhe in das Haus bringen wird. Wenn alles wieder vorüber ist, wird Ihnen dann die Stille und Ruhe Ihres Hauses noch einmal so traulich und erquickend vorkommen als jetzt. Aber eine Bitte müssen Sie mir gewähren, Herr Doktor!«

»Aber verehrter Herr Sektionschef ...!«

»Ich will meine Gratulation persönlich Ihnen vorbringen. Ich bin ein Egoist – ich will diese Gelegenheit benützen, um wieder einen so innigfrohen Tag zu verbringen.

»Nicht einen Tag – eine Woche – einen Monat!« rief begeistert Dr. Thorn aus.

Diesmal blieb er so lange am Perron stehen, bis der Zug in der Ferne verschwunden war.

Wenige Wochen danach brachten die Zeitungen die Kunde, daß Herr Dr. Thorn einen Orden bekommen habe.

Diese Nachricht erregte in St. Ruprecht Sensation.

Als der Herr Bürgermeister die Kunde vernahm, war er erst sehr betroffen. Dann tröstete er sich mit dem Gedanken, daß dieses Ereignis eine Ehre für den ganzen Ort sei.

In der nächsten Gemeinderatssitzung ward beschlossen, den Dekorierten durch einen solennen Fackelzug zu ehren, den die Feuerwehr Und die Veteranen zu besorgen hätten. Dieser Antrag wurde mit vieler Begeisterung angenommen. Erstens war Dr. Thorn ein freigebiger Wohltäter beider Institutionen und hatte außerdem die Gewohnheit, wenn die Deputationen der beiden Vereine, wie es ortsüblich war, zu ihm kamen, um ihm zum Namenstag zu gratulieren, eine größere Quantität Pilsenerbier zu spenden, was seine Popularität ins Ungemessene steigerte.

Auch der Gemeinderat von St. Ruprecht beschloß, eine Abordnung zur Gratulation an Herrn Dr. Thorn abzusenden.

Der Herr Bürgermeister hielt bei dieser Gelegenheit eine längere Rede, die darin gipfelte, daß es ihm persönlich sehr unangenehm sei, mit Herrn Dr. Thorn verkehren zu müssen, daß er aber, gezwungen durch sein Pflichtgefühl, selbstverständlich den Beschluß des löblichen Gemeinderates ausführen werde.

»Ich handle nur als Bürgermeister«, sagte er – »einzig nur als Bürgermeister – ich werde nur die Gemeinde verkörpern, denn persönlich habe ich dabei nichts zu tun. Es ist ein Opfer, das ich der Gemeinde bringe.«

Als der Doktor, der die Stelle eines ersten Gemeinderates bekleidete, den Antrag einbrachte, man möge den Herrn Bürgermeister dieser schweren Pflicht entbinden und vielleicht den ersten Gemeinderat mit der Ausführung dieses Beschlusses betrauen, ward das Gemeindeoberhaupt erst recht böse.

»Nein, nein«, rief er pathetisch aus, »das ist die Pflicht des Bürgermeisters!«

Es wäre ihm wirklich sehr leid gewesen, wenn er aus dieser Angelegenheit ausgeschaltet worden wäre, denn er hörte sich gern reden.

»Na ... alsdann!« begehrte der Doktor auf, »wozu dann die Raunzerei?«

Es ward nach längerer Debatte beschlossen, der Bürgermeister solle gratulieren.

»Dieser Doktor Thorn bringt immer Unfrieden in die Gemeinde ... man sieht's da wieder«, schloß der Bürger^ meister die Debatte.

Der Herr Postmeister hatte einen starken Tag. Eine solche Unmenge von Briefen und Telegrammen hatte noch niemand in St. Ruprecht erhalten.

Von Eugen kam ein kalligraphierter Glückwunsch, von Lise ein sehr schönes Schreiben, in dem sie in den überschwenglichsten Ausdrücken dem guten Onkel wünschte, er möge von einem freundlichen Schicksal .in die Lage versetzt werden, den Orden recht lange zu tragen. Auch Herr Ulrich sendete einen großen Schreibebrief, in dem er seine tiefe Befriedigung darüber aussprach, daß die an der Sache beteiligten Staatsgewalten diesmal wirklich sehr weise gehandelt haben, indem sie den Orden einem Manne verliehen, der ihn seinem Charakter, Wesen und Wirken nach auch vollständig verdiene. Zum Schluß bat er neuerdings um Thorns Protektion.

Besonders ergreifend wirkte Vater Thorns Brief an den Bruder:

»Mein lieber, teurer Bruder!«

Dr. Thorn mußte den Brief umwenden, um die Unterschrift nachzusehen – denn er hätte es sich niemals träumen lassen, daß sein Bruder je eine solche Anrede brauchen werde.

»Ich bin stolz auf Dich, diese Auszeichnung gereicht nicht nur Dir, sondern der ganzen Familie zu hoher Ehre; denn man ersieht daraus, welch mächtige, weitreichende Verbindungen Du besitzest. Wir freuen uns alle sehr darüber. Alle Herren in meinem Bureau lassen Dir durch mich gratulieren. Charlotte war zu Tränen gerührt und Eugen schrie ›Hurrah!‹ und wollte gleich zu Dir fahren. Herr Breuer ist leider vereist, aber wenn er aus der Zeitung diese Nachricht erfährt, so wird er Dir wohl selbst gratulieren.

Wenn ich auf zwei Tage hier abkommen kann, so werde ich Dir die Glückwünsche der Familie persönlich überbringen. Den Tag meiner Ankunft werde ich Dir natürlich bekanntgeben.

Mit den besten Grüßen und herzlichsten Glückwünschen Dein Bruder

Johann.«

Thorn war sehr erfreut über den Brief.

»Er fühlt sich ganz als das Oberhaupt der Familie«, sagte er lachend, »na, lassen wir ihm das Vergnügen. Und wenn er wirklich kommt, dann sammeln wir glühende Kohlen auf sein Haupt und bieten alles auf, was Küche und Keller vermag. Er ist ein armer Kerl mit seinen verschrobenen Ansichten.«

Auch von Herrn Breuer kam ein Glückwunschschreiben. Er weilte in Riva und beklagte sich, daß er da gar so einsam sei.

»Mir scheint, den hat's ordentlich«, sagte Dr. Thorn; »sollte er wirklich in Lise so verschossen sein? Das wäre ein Unglück für ihn. Begreife auch, gar nicht; er ist nahe an die Fünfzig, wenn nicht darüber. In diesem Alter – sie ist achtzehn – ich finde das unbegreiflich ... Ach, wird sich schon setzen!« tröstete er sich dann selbst.

Der Orden brachte wirklich große Unruhe ins Haus.

Der Fackelzug fiel glänzend aus. Auch ein Ständchen wurde gebracht.

»Das ist der Tag des Herrn«, sang der durch hervorragende Kunstkräfte aus der Umgebung verstärkte Gesangverein von St. Ruprecht. Die Gratulation des Bürgermeisters war, dem Wesen des hohen Herrn entsprechend, sehr pathetisch. Infolgedessen fehlte ihr auch alle Wärme; sie klang wie eine Leichenrede.

Vierzehn Tage nach diesen Festlichkeiten kam Herr Thorn zu seinem Bruder zu Besuch. Die beiden Herren bildeten einen seltsamen Kontrast, als sie vom Bahnhof aus zum Hause des Dr. Thorn schritten. Dr. Thorn mit seinem fröhlichen, ewig lächelnden Gesicht, neben ihm der lange, hagere Bruder mit dem ergrauten Bart und dem erhabenen, feierlich ernsten Antlitz!

Die Begrüßung war seitens Gustavs sehr lebhaft gewesen. Die beiden Herren hatten sich sogar geküßt. Als Herr Thorn seine Lippen auf die des älteren Bruders drückte, hatte es den Anschein, als begrüßte ein gerührter Vater den eben heimgekehrten Sohn.

Schwester Pauline war sehr erfreut, den Bruder zu sehen, und war ungemein rührig, ihm sofort mit einem tüchtigen Imbiß aufzuwarten. Der ward, wie selbstverständlich, unter dem Kastanienbaum eingenommen. Zwei Gläser guten Weines übten auf das Gemüt des finsteren Bruders eine höchst belebende Wirkung aus. Er wurde sehr gesprächig und sein Antlitz erhellte sich.

»Es ist sehr schön hier, du hast es da gut getroffen. Mir wird wohl niemals im Leben ein solch angenehmes Los blühen, ich werde ewig in dem dumpfen Bureau schmachten müssen. Ich habe nur eine leise Hoffnung: Wenn Eugen einmal Förster geworden ist, dann will ich zu ihm ziehen. Charlotte wird dann wohl auch nicht mehr leben, und so wird es vielleicht für mich einen ruhigen Lebensabend geben.«

»Warum sollte Charlotte dann nicht mehr leben«, fragte verwundert Bruder Gustav, »ist sie denn krank?«

»Das so eigentlich nicht, im Gegenteil, sie ist sogar noch sehr rüstig, nur ihre Nervosität nimmt immer mehr zu ... nun, lassen wir das. Es gibt doch noch einiges im Leben, was einem Freude bereitet. Da ist vor allem mein Sohn Eugen; seine Zeugnisse kennst du ja. Er hat dir noch jedes geschickt, er ist der tüchtigste Schüler am Gymnasium. Freilich macht es mir große Sorgen, wenn ich an die Hochschule denke. Du weißt ja, meine Mittel sind sehr gering!«

»Du solltest aber auch wissen, daß Eugen einen Onkel hat, mach dir nicht zu große Sorgen. Wenn er auf die Hochschule kommt, so werde ich schon ein wenig nachhelfen.«

»Das ist sehr schön von dir, ich danke dir!« Er drückte gerührt des Doktors Hand ... »Du weißt nicht, welch ein bitteres Gefühl der Gedanke erregt, ein hochtalentiertes Kind sein eigen zu nennen und selbst außerstande zu sein, ihm die Mittel zu seiner Bildung zu geben!«

Er warf den gewohnten, schmerzlich fragenden Blick zum Himmel empor.

»Und wie geht es Lise?« fragte Pauline, um das Gespräch von diesem unangenehmen Thema abzulenken.

»Ach, die macht uns Sorgen«, erwiderte Thorn seufzend; »ich bin der festen Meinung, daß ... wie soll ich nur sagen ... ich glaube ... sie ist heimlicherweise in einen jungen Mann verliebt. Bestimmtes weiß ich noch nicht. Aber ich werde schon dahinterkommen. Sie würde sich ja ihre ganze Zukunft zerstören, durch ein solches Verhältnis.« »Welchen jungen Mann hast du im Verdacht?« fragte Dr. Thorn mit der unschuldigsten Miene von der Welt.

»Ich kann eigentlich keinen Namen nennen«, sagte er seufzend. »Genaues weiß ich eben nicht. Daß es dieser Herr Kirchmaier ist, wäre anzunehmen ... Aber ich würde nie meine Zustimmung zu einer solchen Verbindung geben! Denn ihr winkt ein großes Glück. Das unverständige Mädchen brauchte nur zuzugreifen ... es wäre für sie eine glänzende Versorgung!«

»Wie meinst du das? Ihr wird eben nicht so sehr um eine glänzende Versorgung zu tun sein ... sondern ...« meinte Dr. Thorn.

»Herr Breuer, du kennst ihn ja noch vom Amt her... bewirbt sich sehr um sie! Ich bitte, sage niemandem etwas davon ... es ist noch ein Geheimnis. Auch hat sich Breuer noch nicht direkt ausgesprochen!«

»Er hat mir von Riva aus gratuliert«, sagte Dr. Thorn.

»Ja, er ist jetzt viel auf Reisen. Ein Vorfall, der sich im Winter auf einem großen Ballfeste abspielte, zu dem wir geladen waren, hat ihn etwas verstimmt. Aber ich glaube, in einigen Monaten gibt sich das wieder. Er kommt, wenn er in Wien ist, fast jeden Abend zu uns, ist aber sehr schweigsam. Wir haben Lise den strengsten Auftrag gegeben, mit ihm sehr freundlich zu sein. Lise ist eine folgsame Tochter und behandelt ihn demgemäß mit großer Liebenswürdigkeit.«

Gustav und Pauline hatten dem Schwätzer zugehört, ohne ein Wort zu erwidern. Sie dachten mit Wehmut an das schöne Mädchen. Gustav tröstete sich mit dem Gedanken, daß Breuer ein viel zu anständiger Mensch sei, als daß er seinen Einfluß auf die Eltern benutzen würde, um dadurch Lise zu erlangen.

Der Eintritt von Hex und Lady machte dem unerwünschten Gespräch ein Ende. Als die beiden grauzottigen Köter Herrn Johann Thorn erblickten, erhoben sie ein wahrhaft infernalisches Geheul.

Herr Thorn erschrak zu Tode. Mit der rechten Hand sich an die Schulter des Bruders anklammernd, fragte er mit bebender Stimme:

»Um Gottes willen, die beißen doch nicht?«

»Hex! Lady!« rief Dr. Thorn. Er konnte fast das Lachen nicht verbeißen, ergriff die Hunde an den Halsbändern und hängte sie in der Hundehütte an. Nun saßen sie vor ihrer Behausung und sahen mit mißtrauischen Bücken auf den Fremdling.

»Gehören die Hunde dir?« fragte etwas beruhigter Thorn.

»Ja, die gehören mir ... Was, hübsche Geschöpfe?« fragte mit freudigem Stolze der Bruder.

»Hübsch? So grausliche Hunde habe ich überhaupt noch nicht gesehen.«

»Hu, hu, hu!« fingen auf einmal mit kräftiger Intonation die Hunde zu heulen an.

»Pfui Hex, pfui Lady!« befahl ihr Besitzer.

Die Hunde schwiegen. Ein verhaltenes, leises Knurren bewies aber, daß sich ihre Gemüter wegen des Fremdlings noch immer nicht beruhigt hatten.

»Die Ketten sind doch fest?« fragte ängstlich Thorn.

»Ja, ja ... mach dir keine Sorgen; es tut dir keiner etwas. Es sind Griffons – prachtvolle Tiere – Jagdhunde nämlich, haben ein Heidengeld gekostet!«

»Ich glaube, Gustav, du bist mit diesen Tieren angeschmiert worden, du warst immer ein etwas leichtsinniger Mensch!«

Gustav nahm sich nicht die Mühe, den Bruder weiter zu belehren, und schlug einen Rundgang durch die Besitzung vor.

Er führte ihn dann in den, Blumengarten, den Johann wohl sehr schön fand, aber gleichzeitig bedauerte, daß damit ein so großer Teil der Bodenfläche dem Anbau nützlicher Pflanzen entzogen würde. Der Gemüsegarten fand seine volle Anerkennung, aber auch in diese lobenden Worte mischte sich ein Mißton.

»Schön ... sehr schön!« sagte er, »aber man sieht daran, wie kümmerlich unser Leben in der Stadt ist. Wie teuer müssen wir alles bezahlen – Charlotte ist oft wütend –, dir wächst das alles da aus der Erde hervor. Die Güter der Welt sind sehr ungleich verteilt, ich finde das höchst ungerecht!«

Auch auf die Bank im Kiefernwalde hatte er sich gesetzt. Die roten Stämme flammten ordentlich im Sonnenbrande. Die Schweißtropfen sich von der Stirn trocknend, stand er unwillig auf.

»Das hast du sehr unpraktisch eingerichtet, diese Bäume geben gar keinen Schatten, du hättest da eine alte Linde herpflanzen sollen«, sagte er.

Im Hühnerhofe störte ihn das vielfältige Stimmengewirr seiner gefiederten Bewohner. »Daß du das nur aushalten kannst«, sagte; er, »du mußt rein keine Nerven haben!«

So ging das mißtönige Gequarr fort. Am meisten empörte er sich über das Museum.

»Es ist geradezu unfaßbar, wie du das Geld hinauswirfst!« sagte er grollend.

Als Thorn ihm begeistert die herrliche Situla zeigte, meinte er geringschätzig: »Ich finde es unbegreiflich, daß du an solchem Gerumpel Freude haben kannst. Die Knochen – glaube ich – stinken sogar.«

»Aber schau dir doch dieses herrliche Gefäß näher an. Dieser Henkeleimer ist fast zweitausend Jahre alt!« redete Dr. Thorn auf den Bruder ein.

»Weißt du das so gewiß? Weißt du überhaupt, oh diese Gegenstände wirklich echt sind?«

»Die bedeutendsten, namhaftesten Gelehrten haben sie geprüft und als echt befunden«, erklärte schon etwas gereizt Dr. Thorn.

»O, wie oft haben sich nicht schon die größten Gelehrten geirrt! Gustav – wirklich – es ist schade um das viele Geld, das du so hinauswirfst! Und wie viel Gewehre du hast! Das ist wohl gar ein Revolver, der da Hegt. Ich würde mich gar nicht getrauen, dieses Zimmer zu betreten. Eugen spielt auch immer mit seinem Gewehr. Auf einmal wird es losgehen, und ein Mitglied der Familie ist tot oder wenigstens schwer verletzt!«

»Er hat ja doch keine Patronen!« warf verärgert der Bruder ein.

»Manches Unglück ist schon dadurch entstanden, daß man angenommen hatte, das Gewehr sei nicht geladen, und dann ist es ganz unerwartet losgegangen.«

Es war ein recht unangenehmer Tag.

»Wenn er nur schon wieder fort wäre. Dem Menschen ist einmal schon gar nichts recht«, sagte Dr. Thorn.

Abends nahm Dr. Thorn den Bruder an den Stammtisch im Gemeindegasthaus mit. Er tat es mit großer Sorge, denn er fürchtete, daß das unleidliche Wesen des Bruders Anlaß zu manchen Mißhelligkeiten geben könne. Auch war ihm bekannt, daß der Bruder niemals Gasthäuser besuchte, da Frau Charlotte ihm dazu nicht die nötigen Mittel bewilligte. Und Johannes Unerfahrenheit im Verein mit seinem hohen Selbstbewußtsein konnte die schwersten Konflikte herauf beschwören.

Doch gelang die Sache besser, als Dr. Thorn erwartet hatte. Die Anwesenheit so hoher Persönlichkeiten wie des Herrn Pfarrers und des Herrn Bürgermeisters hatte er nicht erwartet. Besonders die Erscheinung des würdigen, alten Herrn Pfarrers begeisterte ihn, und seine Ehrerbietung kannte keine Grenzen. Er fühlte sich durch die Liebenswürdigkeit, mit der der Herr Pfarrer ihn behandelte, ungemein geschmeichelt.

Alle anwesenden Herren waren ungemein zuvorkommend gegen ihn und sprachen, geziemend ihre hohe Freude darüber aus, den Bruder des Herrn Doktors kennen zu lernen.

Besonders interessierte ihn der Herr Förster. Seine Erscheinung zauberte ihm lebhaft jene schöne, glückliche Zeit vor, da einst sein Sohn in der grünen Tracht durch den Forst stolzieren werde, und erzählte ihm, daß sein Eugen sich ebenfalls dem Beruf eines Weidmanns zu widmen gedenke.

»Da hat er recht«, stimmte der Förster bei. »Ich kenn den Jungen; ein prächtiger Kerl; hat schon einen Fuchs geschossen.«

Diese Anerkennung tat dem Vater wohl.

»Ich habe ihn zuerst zum Beruf eines Beamten bestimmt«, sagte Thorn. »Unsere Familie ist so recht eine Beamtenfamilie; schon der Urgroßvater hat in dieser Weise dem Staat gedient.«

»Da war doch jammerschade um den prächtigen Kerl, wenn der auch so eine Schreiberseele werden sollte!« meinte darauf der Förster.

Nach diesem Ausspruch verstummte Herr Thorn, da er in ihm eine Beleidigung der gesamten Thornschen Familie erblickte. Aber dem Herr Förster scharf zu erwidern, getraute er sich nicht. Der mächtige langbärtige Herr sah ganz danach aus, als ob er ausgiebig grob werden könnte.

Er lenkte daher sanft ein und erklärte, daß ihm um den Sohn aus dem Grunde sehr bange sei, weil dieser dann durch seinen Beruf genötigt sei, mit so gefährlichen Feuerwaffen umzugehen.

»Ja, mit'n Nudelwalker kann man die Hasen nit derschlagen«, fuhr der Förster auf.

Alles lachte, die einen lauter, die anderen gemäßigter, ja selbst der Herr Pfarrer konnte sich des Lachens nicht enthalten. Der Herr Bruder Gustav zeigte sein fröhlichstes Gesicht.

Das Gespräch wogte weiter. Da Thorn mit jenen Gegenständen, die hier zur Sprache kamen, ganz und gar nicht vertraut war, so saß er zumeist still am Tisch und beteiligte sich nur selten mit einem Wort an der Unterhaltung.

Der Herr Oberlehrer erzählte, daß im Nachbarort zwei Bauernknechte wegen Wilderns verhaftet worden seien. Der Jäger, der sich ihnen entgegengestellt hatte, war von ihnen bös zugerichtet worden und lag nun mit schweren Wunden im Spital der nächsten Kreisstadt.

Das war Wasser auf Thorns Mühle. Sein Vaterherz begann zu bluten, und mit tiefbewegter Stimme sprach er seinen Schmerz darüber aus, daß sein Sohn einen so gefahrvollen Beruf erwählen wolle.

Thorn ward allgemein bedauert.

Der Förster fand es nun höchst passend, einiges von seinen Erlebnissen zu erzählen. Er brachte die schauderhaftesten Geschichten mit Wilderern vor und erzählte haarsträubende Begebnisse mit Bären und Wildschweinen, die sich abgespielt hatten, als er noch an der galizischen Grenze dicht am Fuße der Karpathen seinen Dienstort hatte.

Thorn hörte mit jenem angenehmen Gruseln zu, mit dem er sonst Mays Romane las.

»Aber, Förster!« mahnte hin und wieder ein Mitglied der Tafelrunde; aber der Erzähler ließ sich nicht beirren, faustdick quollen die Lügen aus seinem beredten Munde. Als er aber die Geschichte erzählte, wie er sich einst allein gegen ein ganzes Rudel Wölfe verteidigte und, nachdem er alle Patronen verschossen hatte, mit verzweiflungsvollem Mute dem Wolfe, der allein lebend geblieben war, mit der Faust in den offenen Rachen fuhr, dessen Zunge packte und ihn so lebend nach Hause brachte, brüllte alles auf vor Lachen.

Thorn sah ganz verwundert auf die in Lachkrämpfen sich windende Gesellschaft. Er wußte nicht, was das zu bedeuten habe, er hatte die Lügen alle aufs Wort geglaubt.

Der Förster saß ruhig da und schmunzelte vergnügt.

»Warum lachen die Herren?« fragte verdutzt Bruder Johann.

Jetzt brach neuerliches Gelächter los. Ein Teil der Gesellschaft verließ schleunigst die Stube ... aus der geöffneten Tür, sie führte in den Hof hinaus, klang ihr Lachen in das Zimmer herein.

»Aber, Bruder, hast du nicht gemerkt, daß dich der Förster blau anlaufen ließ? Er hat ja das Blaue vom Himmel heruntergelogen.«

»Das kann doch nicht sein ...« meinte betreten Thorn, »so ein ernster alter Herr wird doch nicht ...«

»Na ... nicht wird er ...« sagte geärgert Dr. Thorn.

»Aber Herr Doktor«, mahnte der Herr Pfarrer, »Sie werden sich doch nicht ärgern.«

»Jeder ordentliche Förster lügt«, belehrte der anwesende Bezirksarzt.

Die Herren kamen nach und nach herein, zuletzt der Förster.

»Die Bande will mir nichts glauben«, flüsterte der Förster Thorn so laut ins Ohr, daß es alle hören konnten.

Die Gesichter der Anwesenden waren fast blau vor Anstrengung. Nur mit größter Mühe konnten sie es verhüten, daß eine neuerliche Lachsalve losbrach.

Im großen und ganzen war die Unterhaltung verdorben. Man mühte sich, ein ernstes Gespräch zu führen; es war vergebens. Ohne jeden Anlaß lachte plötzlich irgendeiner aus der Runde auf. Das drollige Ereignis ließ die Gemüter nicht zur Ruhe kommen.

Dr. Thorn drängte zum Aufbruch.

»Mein Bruder ist nicht so viel zu trinken gewohnt«, entschuldigte er sich.

Auf der Straße gab Dr. Thorn seinem Ärger Ausdruck.

»Daß du nicht gekannt hast, daß dich der Förster nur aufzieht! Auf ein Jahr hinaus haben nun die Leute Stoff zum Lachen«, sagte er zornig.

»Ich werde den Förster zur Verantwortung ziehen!« drohte Thorn.

»Ja, das versuch nur!« knurrte der Doktor. Trotz allen Ärgers vergönnte er es dem Herrn Bruder, daß er den Schabernack erfahren hatte.

Am nächsten Tag begleitete Dr. Thorn den Gast zur Bahn. Der Abschied war recht kühl. Johann war sehr gedeftet; Gustav hatte ihm noch einmal seine Dummheit so recht vor Augen geführt.

Dr. Thorn war von Herzen froh, als der Raunzer abgedampft war.

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