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Dr. Thorns Lebensabend

Rudolf Hawel: Dr. Thorns Lebensabend - Kapitel 17
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typefiction
authorRudolf Hawel
titleDr. Thorns Lebensabend
publisherGerlach & Wiedling
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Siebzehntes Kapitel

Der erste Tag in der Schule gestaltete sich für Eugen sehr freundlich. Der Herr Direktor kam in die Klasse, sprach ihm öffentlich den Dank für die erfolgte Sendung aus und ließ sich von ihm ausführlich über die Affäre berichten. Die gesamte Jugend horchte mit großer Begierde auf den Jagdbericht, und Eugen stieg bei seinen Mitschülern ungeheuer im Ansehen.

Als Eugen dieses Ereignis daheim erzählte, schwoll Thorns Vaterherz in freudigem Stolz.

»Ich hätte es wohl einmal gern gesehen, daß du die Laufbahn eines Beamten eingeschlagen hättest, in welchem Beruf unsere Familie seit undenklichen Zeiten Hervorragendes geleistet hat, da dich aber deine Fähigkeiten, dein gutes Auge, deine sichere Hand auf den schönen Beruf des Forstmannes hinweisen, so gehe mit Gott diesen Weg!«

Er war fest der Meinung, daß ein moderner Forstmann nichts anderes zu tun habe als Hasen, Rehe, Hirsche, Bären und andere Raubtiere zu schießen, eine Anschauung, in der ihn die vortrefflichen Romane von Karl May, die er eben zum zweitenmal las, sehr bestärkten.

Auch die Mutter war sehr erfreut. »Wenn ich einmal allein bin, so werd' ich dann zu dir ziehen. Die gute Luft in einem solchen Forsthaus wird mir sehr gut tun!«

Sie hoffte nämlich, bestimmt den Gatten zu überleben, und malte sich ihr Witwentum im Forsthaus bereits in den glänzendsten Farben aus.

»Und wenn ich einmal allein sein werde, dann werde auch ich zu meinem Sohne ziehen. Die Ruhe und Abgeschiedenheit des mitten im grünen Walde liegenden Forsthauses werden sehr angenehm auf meine Nerven einwirken«, antwortete der Vater in spitzem Ton auf die Rede der Mutter.

Es fehlte nicht viel, und die beiden hätten wieder tüchtig zu streiten begonnen.

Auch Herr Breuer war sehr erfreut, als Eugen abends im Familienkreise von dem Jagdzug erzählte. Nur Fräulein Lise saß schweigend da und machte ein Gesicht, als ob ihr Geist in weiten Fernen abwesend sei.

Sie war auch böse auf den Bruder, den sie beschuldigte, daß er sie beim Onkel verklatscht habe.

Die nächsten Wochen verflossen sehr ruhig.

Diese Ruhe wurde nur einmal durch ein großes Ereignis unterbrochen: Herr Thorn wurde zum Oberrechnungsrat ernannt. Dieses Ereignis wurde von der Familie durch ein großes Fest gefeiert, bei dem Herr Thorn wieder eine sehr gehaltvolle Rede hielt. Zum erstenmal in seinem Leben war es ihm gegönnt, sich ganz auszusprechen. Herr Breuer verhinderte in seiner liebenswürdigen Weise jede Unterbrechung des Redners.

Thorns Verhältnis zu seinem Bruder wurde auch mählich ein besseres, wozu in hervorragendster Weise die mannigfachen Wildbretsendungen beitrugen. Seine Briefe an Dr. Thorn hatten ihren pathetischen Ton gemildert und an Herzlichkeit gewonnen.

»Schließlich muß ich bedenken, er trägt den Namen Thorn, und diesem Namen gegenüber bin ich Rücksicht schuldig.«

Er tat immer so, als wenn er der Nachkomme eines uralten hochfürstlichen Geschlechtes wäre.

Ende Februar fragte Herr Breuer, ob Fräulein Lise nicht Lust hätte, sich einmal einen großen Ball anzusehen.

Fräulein Lise erklärte zuerst, daß ihr um solche Sachen eigentlich gar nicht zu tun sei. Im weiteren Verlauf ihrer Rede gab sie zu, daß ein solcher großer Ball eigentlich sehr interessant sein müsse, worauf Herr Breuer sich bereit erklärte, Karten zu besorgen.

»Wegen der Karten allein ist es nicht«, sagte Herr Thorn. »Ein solches Vergnügen kostet noch außerdem sehr viel Geld. Das Kleid für Elise; die Wagen, Speisen und Getränke sind bei solchen Gelegenheiten fast unerschwinglich. Ich weiß nicht, ob mir derzeit so viele Barmittel zur Verfügung stehen, als ein solches Unternehmen erfordert.«

Herr Breuer zerstörte die Bedenken des besorgten Familienvaters.

Während der Konstruktion des Ballkleides, das Herr Breuer bei jener Firma bestellte, die seinerzeit das Dirndlgewand geliefert hatte, besserte sich die Stimmung des Fräuleins um ein Bedeutendes. Ihre sonst so düstere Lebensanschauung machte einer etwas freundlicheren Platz, ja, eines Abends kam sie sogar in einer wunderbar rosigen Laune nach Hause, die alle sehr verwunderte. Sie erklärte Eugen, daß sie nun wieder gut sei mit ihm, welche Nachricht von dem Bruder aber mit sehr großem Gleichmut aufgenommen wurde. Er teilte ihr mit, daß es ihm ganz Wurst sei, ob sie gut oder böse auf ihn sei.

Die Ballgeschichte brachte großen Aufruhr in der Familie hervor. Frau Charlotte sollte zum erstenmal als Ballmutter und Herr Oberrechnungsrat Thorn als Ballvater figurieren.

Nun fand der prachtvolle Seidenstoff, den die Mama zu Weihnachten bekommen hatte, auf einmal eine höchst passende Verwendung. Um einen geradezu lächerlich geringen Preis hatte sich die bekannte Firma auf Herrn Breuers Befragen bereit erklärt, aus dem Seidenstoff eine würdige Robe für Ballmütter herzustellen. Vater Thorn bestellte sich sogar einen Frack, der ihm, als er ihn anprobierte, ganz wunderbar paßte und die Ebenmäßigkeit seiner Gestalt prachtvoll zur Erscheinung gelangen ließ.

Fast jeden Tag erschien nun aus dem Modesalon eine Mamsell, die von einem Mädchen begleitet wurde, das einen ungeheuren Karton trug. Im Schlafzimmer wurden die Kostümproben vorgenommen, und Fräulein Lise zeigte trotz ihres sonstigen Lebensüberdrusses ein ungeheures Interesse an all diesen amüsanten Vorbereitungen.

»Was wird aber Eugen tun? Er kann übrigens ganz leicht mitkommen!« meinte Herr Breuer. Aber Eugen sagte, daß ihn ein Ball nicht im mindesten interessiere, und daß er ganz gern allein zu Hause bleibe. Ja, er freute sich sogar auf den einsamen Abend. Da konnte er wieder so recht con amore Diezels »Niederjagd« studieren, sein Gewehr untersuchen, die Läufe blankputzen und so weiter.

Endlich kam der große Abend heran.

Lise sah in ihrem Ballkleide entzückend aus.

Breuer konnte das Auge von der holdseligen Gestalt gar nicht abwenden – das reizende Gesicht – die wunderfeine schlanke Gestalt – es sah aus, als sei der Frühling selber bei der Familie Thorn zu Besuch gekommen.

Eugen erklärte, daß sein Jagdgewehr trotzdem viel schöner sei und fragte die Schwester, ob sie die Sealskinmütze aufsetzen werde.

Lise würdigte ihn keiner Antwort.

Die Mama sah äußerst würdevoll aus. Es machte ihr große Freude, daß das Seidenkleid bei jedem Schritt so vornehm rauschte.

»Charlotte, du siehst sehr gut aus«, sagte Vater Thorn und betrachtete sie mit so liebevollen Blicken, daß die Mama errötend das schön frisierte Haupt zur Seite wandte.

Denn auch ihr gefiel heute der Gemahl ausnehmend gut. Im Frack, um den Hals die weiße Krawatte geschlungen, schritt er würdevoll im Speisezimmer auf und ab und blieb alle Augenblicke vor dem Spiegel stehen und freute sich der machtvollen Erscheinung, die ihm daraus entgegenblickte.

Das ganze Haus geriet in Aufregung, als die Familie Thorn zum Ball ausrückte. Aus allen Türen sahen neugierige Gesichter heraus, und die Hausmeisterin wagte es sogar, Fräulein Lise in wortreicher Rede im Hausflur zu bewundern.

»Sie sans aber su scheen!« sagte sie.

»Sie wern S' amal scheene Braut sein – wirde eh nit lang dauern, su wirds Hochzeit geben!«

Vater Thorn war tief empört.

»Eine ordinäre Person«, sagte er verächtlich, als er im Wagen saß. »Wenn es einmal möglich sein wird, dann ziehen wir aus!«

Vor dem Sophiensaal stand Wagen an Wagen gereiht. Es dauerte lange, bis Thorns Landauer vor dem Eingang anlangte.

»Es ist ein Elend mit dem Verkehr in Wien«, entrüstete sich Vater Thorn. »Solchen Gelegenheiten steht die Behörde gewöhnlich ratlos gegenüber.«

Der Andrang bei den Garderoben war ein ungeheurer; es dauerte fast eine halbe Stunde, bis die Familie Thorn dazu gelangt war, ihre Überkleider abzulegen. Das überwiegend sehr elegante Publikum zeigte sich sehr indigniert. In unverhohlenster Weise machte Herr Thorn seinem Groll Luft.

»So etwas ist nur in Wien möglich!« rief er erregt aus.

Er hatte aber weder in Wien noch sonst irgendwo in der Welt jemals einen Ball besucht. Endlich waren mit Herrn Breuers energischer Mithilfe die Überkleider geborgen und die Familie stieg die Stufen zum Saaleingang empor. Herr Breuer führte Fräulein Lise. Der Anblick des Saales übte eine geradezu überwältigende Wirkung auf die Eintretenden aus. Die Decke war überspannt mit Schnüren, an denen Hunderte und Hunderte von Glühlampen hingen, die im Verein mit den mächtigen Bogenlampen den Saal mit einem Meere von Licht überfluteten.

Die Stirnseite des Saales war prächtig mit Lorbeerbäumen, Palmen und riesigen Blattpflanzen dekoriert. Aus dem dunklen Grün hob sich eine kolossale Kaiserbüste hervor.

Die Klangmassen des Orchesters, das Gewirre der Stimmen der unzähligen Anwesenden vereinten sich zu einem ungeheuren dumpfen Tosen und Brausen, das den ganzen Saal erfüllte.

Herr Breuer hatte die Familie in eine Loge geführt. Die Damen saßen vorn an der Rampe; Breuer und Thorn hatten hinter ihnen Platz genommen.

Frau Charlotte war ganz stumme Verwunderung, Lise sah mit leuchtenden Augen auf all den Glanz und die strahlende Pracht da unten. Herr Thorn trug eine unsäglich stolze und zugleich blasierte Haltung zur Schau. Jeder Zug seines ernsten und erhabenen Antlitzes schien zu sagen: »Was ist mir das – das ist mir, dem k. k. Oberrechnungsrat, gar nichts! Das habe ich schon mindestens tausendmal mitgemacht!«

Herr Breuer nannte seinen Gästen die Namen der hervorragenden Persönlichkeiten, die da unten vorbeipromenierten. Und er besaß außerordentliche Kenntnisse in dieser Beziehung. Er kannte jeden Minister, jeden Abgeordneten von Bedeutung, alle Künstler, Schriftsteller, Schauspieler, und als der Chef des Amtes, in dem Vater Thorn seit Jahrzehnten eine so hervorragende Kraft war, unten vorüberging, winkte er ihm in höchst kordialer Weise zu. Der Gewaltige winkte ungemein liebenswürdig zurück. Als Thorn dies sah, schnellte er mit militärischer Strammheit von seinem Sessel empor und verneigte sich tief vor dem mächtigen Manne.

Lise konnte sich eines leichten Lächelns nicht erwehren, als sie sah, mit welch ungeheurer Devotion ihr Erzeuger den flüchtigen Gruß seines Chefs quittierte.

Die Musik spielte, unten wogte die Menge – es dauerte mehr als zwei Stunden, ehe die Paare zum Tanz antreten konnten, so überfüllt war der Saal.

Herr Breuer bestellte mit überraschender Sachkenntnis ein glänzendes Souper, dem alle Ehre angetan wurde. Eben hatte der Kellner abserviert, als Herr Sektionschef v. Arnoldi, der Chef Vater Thorns, die Loge betrat. Er begrüßte die Anwesenden mit vornehmer, etwas zurückhaltender Freundlichkeit, Herrn Breuer aber mit der Wärme eines, alten Freundes.

Thorn stand stramm da, daß Lise fürchtete, er werde jetzt und jetzt salutieren.

Als Lise dem Herrn Sektionschef vorgestellt wurde, ging eine kleine Veränderung in dem Wesen des Gewaltigen vor.

»Fräulein Lise Thorn ...« stellte Breuer vor.

»Ah – eine Tochter des Herrn Oberrechnungsrates Thorn – ah – sehr schön – ist es erlaubt, hier ein wenig Platz zu nehmen?« fragte er.

Mit vielem Eifer schob ihm Thorn den freien Stuhl hin, daß der mächtige Herr neben der Tochter Platz nehmen konnte.

Der Herr Sektionschef war sehr freundlich mit Thorn, worüber dessen Antlitz im hellsten Glanz erstrahlte; er sprach auch mit Frau Charlotte sehr liebenswürdig, und die Gute machte ein so süßes Gesicht, wie es ihr schon seit vielen Jahren nicht mehr gelungen war. Am meisten wendete er sich an Fräulein Lise, und wenn er mit dem schönen Fräulein sprach, so überflog ein heller Glanz sein scharf markiertes Antlitz, und es sah aus, als ob die Jugendschöne des holden Mädchens vergnüglich auf den alten Knaben wirkte.

Ein melancholisches Vorspiel verkündete einen Walzer.

Der Herr Sektionschef erhob sich und wollte vom Papa die Ehre eines Tanzes mit Fräulein Lise erbitten, aber schon hatte Herr Breuer ihr den Arm gereicht.

Verlegen stand Lise da.

»Pardon, Herr von Breuer hat wahrscheinlich ältere Rechte ...« entschuldigte er sich.

»Den ersten Tanz hat mir Fräulein Lise schon vor vierzehn Tagen zugesagt. Ich bitte, Herr Sektionschef, nicht böse zu sein... aber ich kann auf die Erfüllung dieser wertvollen Zusage nicht verzichten!« entschuldigte sich lächelnd Herr Breuer.

»Pardon – Pardon, Herr von Breuer... sehe ein ... ganz mein Fall ... auch ich würde niemals auf solch ein Geschenk verzichten. Wenn aber die nächste Tour noch frei ist ...«

Lise nickte errötend dem hohen Herrn zu.

»Herr Sektionschef, den nächsten Tanz wird meine Tochter ganz bestimmt...« fiel Vater Thorn ein.

»Aber Thorn ...!« unterbrach ihn Breuer. Lise sah tödlich verlegen auf ihren Vater, der in so läppischer Weise auftrat.

Der Herr Sektionschef griff vermittelnd ein. Er hatte mit aller Macht an sich halten müssen, um dem Herrn Thorn nicht direkt ins Gesicht zu lachen.

»Sehr verbunden, Herr Oberrechnungsrat«, sagte er lächelnd; »ältere Rechte müssen eben geachtet werden!«

Über Breuers Gesicht flog ein leichter Schatten. Die Rede des Herrn Sektionschefs mißfiel ihm etwas.

Er trat mit Lise zum Tanz an.

»Er ist noch immer derselbe – trotz seiner sechzig Jahre«, sagte er, »wenn er einem so ein spitzes Wort sagen kann – auf das zu erwidern fast unmöglich ist, so tut er das mit Vorliebe.«

»Aber er hat doch nichts weiter gesagt«, erwiderte Lise. »Warum sind Sie denn auf einmal so böse?«

Breuer gab keine Antwort. Er hatte sich so gefreut, dem schönen Mädchen dieses Vergnügen zu bereiten; das böse Wort des Mannes hatte ihm die Freude verdorben. Es hatte so häßlich, so beleidigend geklungen, es erschien ihm direkt als ein Verbrechen an all der Jugendholdheit, die da an seiner Seite durch den Saal schwebte.

Verstimmt und mißmutig führte er Lise in die Loge zurück.

In elegantester Form bot der Herr Sektionschef dem schönen Mädchen den Arm.

»Wenn Lise klug ist – dann – dann ...« Vater Thorn sprach sich nicht aus. Durch seine Seele flogen große Zukunftsgedanken.

»Wenn Lise einen Sektionschef heiratete! Durch eine solche Verbindung müßte er es bis zum Hofrat bringen!«

Mit ungeheurem Stolz sah er hinunter in den Saal. Eben schwebte Lise am Arm des Herrn Sektionschefs vorbei.

Frau Charlotte sah mit ebenfalls ungeheurem Stolz auf das Paar. Auch in ihrer Seele stiegen stolze, sinnbetörende Glücksträume empor.

Breuer saß schweigend da. Die ganze Sache behagte ihm nicht. Er ärgerte sich über das devote, geradezu hundemäßige Benehmen des Herrn Thorn; er ärgerte sich über Frau Charlotte, die nichts anderes zu sagen wußte als: »Ein solcher Herr – ja, wenn Lise klug ist!«

Es war ihm zumute, als ob die beiden imstande wären, Lise sofort gegen ein entsprechendes Handgeld zu verschachern.

Er ärgerte sich auch über Lise. Er war der Meinung, ein klein wenig Zuneigung hätte er sich schon verdient. Ein bischen Dankbarkeit, dieses klägliche Surrogat für Liebe: –!

Unterdessen schwebte Lise am Arm des Herrn Sektionschefs von Arnoldi im Reigen der Tanzenden dahin.

Plötzlich hielt Lise im Tanze inne.

Herr von Arnoldi führte die Erregte aus dem Gewühl der Tanzenden.

»Sind Fräulein unwohl geworden?« fragte er erschrocken.

»Nein, nein«, erwiderte sie.

An eine der mächtigen Säulen gelehnt, stand dort Ulrich. Er bot einen ganz seltsamen Anblick in dem Frack, der weißen Binde und mit dem bleichen Gesicht.

Herr von Arnoldi hatte Lise zu einem Sessel geführt.

»Ich bitte, Herr Sektionschef – bitte – verraten Sie mich nicht«, bat flüsternd, mit Tränen in den Augen, das schöne Fräulein.

»Ja, was soll ich denn nicht verraten?« fragte Herr von Arnoldi.

In diesem Moment kam Ulrich herbei. »Küß' die Hand, Fräulein.«

Lise machte eine höfliche Verbeugung.

»Hm – hm –« dachte vergnügt der Herr Sektionschef ... »die Chancen des Herrn Breuer sind durchaus nicht die günstigsten.«

»Ja – soll ich den jungen Herrn nicht verraten?« fragte mit der unschuldigsten Miene von der Welt der Herr Sektionschef.

Lise nickte.

»Aber ich kenne ihn ja gar nicht!«

»Ulrich Kirchmaier, Praktikant im Handelsministerium«, stellte sich Herr Ulrich vor.

»Sektionschef von Arnoldi«, erklärte der andere.

Der Praktikant knickte ein wenig zusammen, aber weitaus nicht so großartig, als in der Loge Herr Thorn zusammengeknickt war, da ihm der Sektionschef vorgestellt wurde.

»Also – was soll ich nicht verraten?« fragte der Herr Sektionschef.

In fliegender Eile teilte ihm der Herr Praktikant das Wesentlichste mit.

»Verstehe – verstehe«, sagte der Herr Sektionschef. »Ich werde das Fräulein jetzt zu ihren Eltern und zu Herrn Breuer zurückführen. Dann bitte ich Sie, mich in der Loge Nummer vier aufzusuchen. Aber den Sophiensaal als Rendezvousplatz sich unter solchen Verhältnissen zu wählen, ist die märchenhafteste Idee, die mir jemals vorgekommen ist.«

»Ich habe Fräulein Lise nur sehen wollen!« beteuerte Ulrich.

»Ich hab' ihm auf der Straße – ganz flüchtig erzählt, daß uns Herr Breuer auf den Ball führen wird«, sagte Lise.

»Gesindel! – Also – Loge Nummer vier! Nicht vergessen!«

Ulrich verbeugte sich sehr tief; der Herr Sektionschef führte das Fräulein zu ihren Eltern zurück.

»Dieser Breuer – hört sich doch alles auf – der alte Rabe möchte sich diese junge Taube ergattern. Nun – da machen wir uns einen Spaß daraus!« dachte Herr von Arnoldi bei sich.

Er war sehr entrüstet, denn es wäre ihm gar nicht so unangenehm gewesen, diese junge Taube für sich selbst zu ergattern.

»Ich bin neugierig, ob er die Courage aufbringt, in die Loge zu kommen; wenn er der richtige Liebhaber wäre, sollte er schon längst dort sein.«

Als der Herr Sektionschef mit Lise in die Loge zurückkehrte, machte Vater Thorn eine Verbeugung, in der sich Würde und Devotion in unaussprechlicher Weise mischten. Auch die Mama war eitel Glanz und Entzücken über die Erfolge. Nur Herr Breuer machte ein etwas finsteres Gesicht.

»Ich habe«, sagte Herr von Arnoldi, »einen jungen Bekannten gefunden, derzeit Praktikant im Handelsministerium, dürfte aber in kürzester Zeit avancieren, da sich sehr hochvermögende Herren für den jungen Mann interessieren. Ich habe ihn Fräulein Lise bereits im Saale vorgestellt und ihn aufgefordert, auch hier zu erscheinen. Ach – da ist er ja!«

In der Loge erschien Ulrich.

»Herr Ulrich Kirchmaier«, stellte der Herr Sektionschef vor.

Ulrich verbeugte sich tief.

Herr Thorn empfing den jungen Mann mit ungemein viel Wohlwollen, Mama Thorn lächelte ihm sehr süß zu.

Lise saß da wie ein Marmorbild. Es war ihr in dem Moment der Brief des Onkels eingefallen. »Es ist nur gut, daß Eugen nicht da ist; der wäre imstande, es ihm sofort zu schreiben.«

Herr Breuer runzelte die Stirn; er kannte ja den jungen Mann von der Straße her. Er war ihm des öfteren begegnet, wenn er Lise auf einem Gang begleitete. Er konnte sich eines unangenehmen Gefühls nicht erwehren und verwünschte sich selbst, daß er den Sektionschef angerufen hatte. Herr von Arnoldi hatte die unangenehme Eigenschaft, sich riesig darüber freuen zu können, wenn er jemandem irgendeine Unannehmlichkeit zufügen konnte. Es war ganz sicher anzunehmen, daß er dieses Arrangement nur getroffen hatte, um ihm das gemütliche Beisammensein zu stören.

Die Unterhaltung geriet ins Stocken. Es sprach eigentlich nur der Sektionschef.

»Ja, was ist denn los ...« sagte er, »soll ich die Kosten der Unterhaltung allein bestreiten? Fräulein Elise spricht kein Wort – Herr Kirchmaier schweigt – was haben denn Sie, Freund Breuer – Ihnen ist auf einmal die Rede stehen geblieben, wie Sonne und Mond in der Schlacht von Jericho.«

In diesem Augenblick setzte die Musik ein. Ulrich erhob sich und erbat sich mit einer sehr eleganten Verbeugung von dem Elternpaar die Erlaubnis, das Fräulein zum Tanz führen zu dürfen, die ihm seitens des Vaters wieder mit massenhaftem Wohlwollen gewährt wurde.

Ulrich war überselig.

»Daß mir dieses Glück heute zuteil wird, hätte ich nicht gedacht!«

»Aber wir begehen ein großes Unrecht«, sagte Lise, »wenn Onkel Gustav das wüßte, der würde ein schönes Gesicht machen.«

»Ich glaube, er würde sogar schimpfen, obwohl ich mir das von ihm gar nicht recht vorstellen kann«, meinte Ulrich. »Aber wissen Sie, Fräulein, das Neueste? Mein Herr Papa hat Herrn Doktor Thorn wegen Ehrenbeleidigung geklagt!«

»O Gott ..., da wird sich der Onkel schön geärgert haben ..., er, der sich so auf einen ruhigen Lebensabend freute!«

»Ich traf gestern einen Bauern aus St. Ruprecht. Der hat's mir erzählt. Der Onkel ist aber freigesprochen worden – und mein guter Vater mußte eine ganze Menge Prozeßkosten zahlen!«

»Ja ... aber was war die Ursache?«

»Tratsch, gemeiner. Tratsch, den der Tischler Wymetal verursacht haben soll. Aber lassen wir das. Wir haben ja von so vielem anderen zu sprechen, was weit hübscher ist. übermorgen habe ich Prüfung ... und wenn es gut geht, so bin ich in zwei, drei Jahren Assistent ... und dann ... Fräulein ...!«

Was dann geschehen würde, wurde nicht weiter erörtert. Während des Tanzes malten sich beide es in den schimmerndsten Farben aus, was dann geschehen würde, wenn jenes Dekret eintreffen wird, das eigentlich nur die Zusicherung einer Assistentenstelle, in Wirklichkeit aber weit mehr enthält: eine Anweisung auf ein herrliches Leben voll Glück und Sonnenschein!

Sie tanzten bei der Loge vorüber – fröhlich plaudernd. Lise blickte auf, Breuer sah mit todbleichem Antlitz eben auf sie herab, neben ihm saß, wie ein Mephisto, Herr von Arnoldi und winkte ihnen wohlwollend und freundlich lächelnd zu.

Lise ward plötzlich todangst. Sie dachte daran, mit welch überreichen Geschenken der stille, gütige Mann da oben sie bedacht hatte; und nicht nur sie allein – den Bruder, die Eltern; wie er in mancher unangenehmen Situation als tröstender Helfer erschienen war.

Ulrich führte sein schönes Fräulein in die Loge zu dem hocherfreuten, in seligem Stolz prangenden Elternpaar zurück.

Lise setzte sich wieder neben Breuer und versuchte mit einer Fülle von Liebenswürdigkeiten, dem alten Herrn wieder ein fröhliches Lächeln abzugewinnen.

Es gelang ihr nur zum Teil – er lächelte wohl, aber es war nur jener matte Schimmer, wie wenn nach langem Regen die Sonne auf einen Moment durch die regenschweren Wolken bricht.

Desto gesprächiger war der Mephisto. In überschwenglichen Worten bewunderte er Lisens Haltung beim Tanz und erklärte, seit langen Jahren kein so reizendes Paar gesehen zu haben als Lise und Ulrich.

»Ja, ja, die Jugend ist ein wunderbares Glück«, setzte er seufzend dazu, »von all dem Glück ist uns alten Knaben nur die Erinnerung geblieben. Meinen Sie nicht auch, Freund Breuer?«

Breuer schwieg. Am liebsten aber hätte er in diesem Moment den Herrn Sektionschef über die Logenbrüstung in den Saal hinausgeworfen.

Es ward recht ungemütlich. Nach einigen Minuten empfahl sich der Mephisto und nahm seinen Schützling mit.

Die Stimmung in der Loge blieb trotz des Abganges der beiden Herren sehr gedrückt. Herr Thorn erging sich zuerst in weitschweifigen Lobeshymnen über den Sektionschef von Arnoldi, den er als Muster eines gebildeten hohen Beamten bezeichnete, welchem Ausspruch Mama Charlotte mit vieler Wärme zustimmte. Da aber weder Lise noch Herr Breuer beipflichteten, so stellte Thorn mit strategischer Umsicht seine Lobeshymnen ein und schwenkte mählich in das Gegenteil hinüber.

»Den Aristokraten sieht man ihm aber auf Schritt und Tritt an«, bemerkte er, vorsichtig einlenkend.

»Er war wohl sehr freundlich«, bemerkte Frau Charlotte, »aber ...«

»Du hast ganz recht, aber man fühlt sich durch diese Freundlichkeit gedrückt; es sieht aus, als wenn einem so ein Mensch Almosen erteilen wollte!«

»Und wozu er diesen jungen Menschen daherbrachte?« fragte Charlotte.

»Einen einfachen Praktikanten!« entrüstete sich Thorn. »Man weiß nicht einmal, ob er von Familie ist!«

Dieses widerliche Gequarre ging eine Weile fort, weder Lise noch Breuer mischten sich hinein.

Gegen zwölf Uhr nachts erschien der Herr Sektionschef von Arnoldi wieder in der Loge.

»Ich komme, um mich von den Herrschaften zu empfehlen«, sagte er in seiner leichten, überlegenen Art.

»Ich küß' die Hand, gnädiges Fräulein!«

Er reichte Lise die Hand. Sie erhob sich errötend von ihrem Sitz.

»Es war sehr schön«, setzte er fort, »im allgemeinen liebe ich diese präsentativen Ballfeste nicht, aber von dem heutigen Abend wird mir eine leuchtende Erinnerung zurückbleiben.«

Er küßte ihr die Hand.

»Ich bin schon etwas müde«, setzte er hinzu, »wir alten Knaben müssen etwas vorsichtig sein, nicht wahr, mein lieber Freund Breuer?«

In diesem Moment war er wieder ganz Mephisto.

Von Frau Charlotte empfahl er sich in schlichter, aber äußerst höflicher Weise. Er küßte auch ihr die Hand, was die Dame mit Wonnen stolzesten Glückes erfüllte und fast zu Tränen rührte.

Herrn Thorn reichte er mit kameradschaftlicher Einfachheit die Hand.

»Servus!« sagte er.

Thorn verbeugte sich mit solcher Demut und Hingebung, daß seine etwas enge, schwarze Hose bedenklich in Gefahr kam, hinterwärts zu platzen.

Seine demokratischen Anwandlungen waren wie Frühlingsreif in der Morgensonne dahingeschmolzen.

»Also Servus, lieber Herr Breuer! Sie bleiben natürlich noch. Finde das selbstverständlich. Unter solchen Verhältnissen – natürlich! Aber, lieber Freund – ich würde zur Vorsicht raten, noch vor zwei Jahren – o, vor vier Uhr kam ich da nicht zu Hause – aber jetzt ... der Arzt sagte mir, in unserem Alter – die Arteriensklerose ist eine unausweichliche Alterserscheinung – muß man vorsichtig sein. Das Herz, das im Leben so ungeheure Anstrengungen durchmachte, ist dann schon müde, und man darf ihm dann keine solche Aufregungen mehr zumuten. Also Servus, lieber Freund.«

Von selten Breuers war der Abschied ein sehr kühler.

»Gute Nacht!« sagte er.

Nochmals nach allen Seiten grüßend, ging er. In höchst demütiger Stellung schob Vater Thorn den Vorhang der Loge zur Seite, als der Gewaltige dahinging.

Die Stimmung in der Loge ward nachgerade so ungemütlich, daß selbst Lise zum Aufbruch drängte. Es war ihr die Sache recht unbehaglich geworden. Die Art und Weise, wie der Herr Sektionschef mit allen da umsprang, hatte sie direkt verletzt, die fast höhnenden Worte, die er dem lieben, gütigen Menschen gewidmet hatte, hatten sie empört.

Herr Breuer hatte eben nach dem Zahlkellner gerufen, als Ulrich in die Loge trat.

»Die Herrschaften gehen schon?« fragte er.

»Wenn Fräulein Lise noch bleiben will«, – sagte Breuer – »es ist ja noch gar nicht spät.«

Eben hatte das Orchester eine Mazurka begonnen. In Lise drängte alles danach, ja noch hier zu bleiben; als sie aber in das vergrämte Antlitz Breuers blickte, das auf einmal so alt und verfallen aussah, ward ihr ganz weich und weh ums Herz.

»Entschuldigen Sie, Herr Kirchmaier – ich bin schon ganz müde – und ich habe solche Kopfschmerzen«, sagte sie.

Herr Thorn und Frau Charlotte wären gern noch länger geblieben. Frau Charlotte, die in der langen Zeit ihres Ehelebens sehr wenig auf Unterhaltungen gekommen war, interessierte das Ballfest ungeheuer, und Thorn, der ein begeisterter Verehrer guter Weine war, tat es leid, so schnell diese angenehme Stätte verlassen zu müssen.

»Meine Tochter ist etwas unwohl«, sagte Thorn, »Herr von Kirchmaier – Sie werden also entschuldigen ...«

Ulrich war ganz erschrocken und empfahl sich. Thorn reichte ihm würdevoll die Hand.

Charlotte machte sogar einen Knicks, den Herr Thorn sehr ungnädig aufnahm. Er – der Oberrechnungsrat – und Vater einer solchen Tochter, und da hier der einfache Praktikant!

»Aber er hat hohe Protektoren!« fiel ihm plötzlich ein.

Und er winkte dem jungen Mann noch einmal recht gnädig zu.

Der Abschied von Lise war kühl – beinahe frostig.

Breuer reichte dem jungen Mann mit vieler Wärme die Hand.

»Es war doch ein schöner Abend«, sagte er mit einem wehmütigen, fast schmerzlichen Lächeln, »nicht wahr, Herr Kirchmaier?«

Herr Kirchmaier begleitete die Herrschaften noch zur Garderobe. Er hatte die Zettel übernommen und entwickelte einen leidenschaftlichen Eifer, um zu bewirken, daß alle recht bald zu ihren Effekten kamen. Er war überglücklich, in die Lage versetzt zu sein, Fräulein Lise in die kostbare Pelzjacke hineinhelfen und ihr die Boa um den Hals zu schlingen. Als er ihr die Mardermütze überreichte, ward sein Herz schwer bewegt.

»Tragen Sie die andere Mütze nicht mehr?« fragte er leise.

»O ja«, sagte sie, »aber nicht jetzt. Ich habe Verdruß deswegen gehabt!«

»Verdruß? Wieso?«

»Eugen hatte dem Onkel geschrieben, daß ich immer diese Mütze trage, und darauf habe ich vom Onkel einen tüchtigen Strafbrief bekommen.«

»Auch ich bin von ihm gehörig vermoppelt worden. Ja, woher weiß er denn, daß die Mütze von mir ist?«

Herr Thorn und Frau Charlotte waren mit dem Ankleiden bereits fertig. Breuer betrachtete mit trübem Lächeln das junge Paar, das sich so unendlich viel zu erzählen hatte. »Onkel heißt er, günstigen Falles«, fiel ihm wieder ein, und es ward ihm recht weh ums Herz.

»Nun, was ist's, Lise? Bist du noch immer nicht fertig?« fragte Vater Thorn mit strenger Stimme.

Das wirkte.

Beim Abschied küßte Ulrich der Mama mit vieler Wärme die Hand, was sie sehr für den jungen, hübschen Mann einnahm.

Als er in den Saal zurückkehrte, schien es ihm, als sei darin alles öde und leer geworden, obwohl noch eine riesige Menschenmenge den weiten Raum erfüllte.

Er setzte sich in einem der Nebenräume an ein kleines Tischchen und ließ sich vom Kellner ein Glas Bier geben.

»Servus, Kirchmaier«, störte ihn plötzlich eine Stimme in seinen süßen Träumen.

Es war ein Amtskollege, hochberühmt in allen Bureaus durch seine enorme Geschicklichkeit, sich des größten Teiles seiner Amts Obliegenheiten zu entziehen.

»Wer war denn die, mit der du und der Sektionschef getanzt habt's – das ist ja ein Prachtkerl gewesen. Wenn sie noch frei ist, kannst du mich ihr empfehlen«, sagte er.

Ulrich war empört über die infame Art und Weise, wie sein Herr Kollege die Sache behandelte, und drehte ihm verächtlich den Rücken zu.

»Pardon«, sagte der joviale Kollege; »ich habe nicht gewußt, daß bereits Anrechte vorhanden sind. Diese müssen selbstverständlich respektiert werden!«

Ulrich hätte dem Kerl am liebsten sein Bierglas an den Kopf geworfen. Es war ihm höchst unangenehm, den Lackl da hier getroffen zu haben, denn es war sicher anzunehmen, daß morgen sämtliche Kollegen des Amtes davon verständigt würden, daß er mit dem schönen Mädchen sich so gut unterhalten habe, und bei der regen Phantasie, die dem Herrn eigen war, mußte vorausgesetzt werden, daß er aus dem kümmerlichen Material sofort eine sehr interessante Liebesgeschichte konstruieren werde.

»Herr von Krasten, die Dame ist die Nichte eines hochverehrten Mannes, dem ich mich sehr verpflichtet halte. Ich ersuche dich ...«

»Ja – ja – weiß schon«, sagte der leichtfertige Herr von Krasten; »genügt – genügt vollkommen. Danke für die Information. Sei nicht böse – aber ein herrlicher Kerl. Hätt' mir nicht gedacht, daß Leute, die schon im Alumnat waren, einen so konzentrierten Geschmack aufweisen würden ...«

Ulrich stand empört auf.

»O, küß die Hand, Gnädige!« rief entzückt in diesem Moment Herr von Krasten aus und schritt mit der Miene freudigster Verwunderung auf eine große, üppige, sehr stark dekolletierte Dame zu, die an der Seite eines großen, reichlich mit Orden versehenen Herrn eben daherkam.

Ulrich war froh, daß der fade Schwätzer gegangen war. Er war wirklich nahe daran gewesen, ihm das Glas an den kahlen Schädel zu schlagen, so etwas von bäuerischer Berserkerwut war urplötzlich über ihn gekommen.

Er hatte sich so sehr auf den Abend gefreut; nun war das Glück, nach dem er sich Tage lang gesehnt hatte, vorüber, und hatte in seinem Gemüte einen ansehnlichen Bodensatz von Unbehagen zurückgelassen.

Dieser Krasten – dieser Herr Breuer – alle, alle waren sie ihm todzuwider.

»Wenn sie einmal aber mein Eigentum wird!« Dieser Gedanke erfüllte mit hellem Schimmer plötzlich seine Seele. »Dann fort von allen! Das Erste ist, dem Herrn Breuer das Haus verbieten.«

Er wollte einen Wagen der Elektrischen besteigen, es war unmöglich, die Wagen wurden von der Menschenmenge geradezu gestürmt.

Da es ihm ohnedies sehr unangenehm gewesen wäre, mit so vielen fremden Menschen jetzt beisammen zu sein, so ging er zu Fuß. Auf einmal stand er bei dem Haus, in dem er wohnte.

Das Wirrsal froher und trauriger Gedanken, das in seiner Seele wogte, hatte ihn auf seinem Weg begleitet, wie im Traum war er heimgelangt.

Auch für die Familie Thorn endete der Abend mit einem Mißton.

Als Herr Breuer Abschied nahm, kündigte er an, daß er wahrscheinlich in absehbarer Zeit eine größere Reise unternehmen werde, die ihn vielleicht Monate lang vom Hause fernhalten werde.

Diese Nachricht war Herrn Thorn sehr unangenehm, denn er war es bereits gewohnt, daß Herr Breuer bei außerordentlichen Gelegenheiten finanziell der Familie zu Hilfe kam. In seinem sonst gar nicht findigen Gehirn tauchte plötzlich der Gedanke auf, daß vielleicht der Herr Sektionschef von Arnoldi oder gar der Praktikant Kirchmaier Ursache seien, daß Herr Breuer plötzlich solchen Wandertrieb empfinde.

»Warum das?«

Breuer gab. keine Antwort. Er empfahl sich von der Mama und dem etwas perplex dreinschauenden Papa und reichte Lise die Hand.

»Sie haben sich doch recht gut unterhalten«, fragte er.

Lise war um die Antwort verlegen. Aus Breuers Frage klang etwas heraus wie ein stummer Vorwurf.

»O ja, es war ganz schön!« sagte sie.

»Gute Nacht!« erklang es nun von allen Seiten.

Beim Eintritt in das Speisezimmer ergab sich sofort neuerlicher Anlaß zum Ärger. Eugen war, den Kopf auf die Arme gelegt, am Tisch eingeschlafen. Neben ihm lag aufgeschlagen Diezels Niederjagd.

»Warum bist du nicht schlafen gegangen?« fragte streng der Papa, während Charlotte sanft den Sohn wachrüttelte.

Eugen sah sich verwundert im Kreise herum. Er war so verschlafen, daß er sehr lange brauchte, um sich zurecht zu finden.

»Ihr seid's ja auch nicht schlafen gegangen«, war sein erstes Wort.

»Laß ihn gehen ...« gebot die Mama.

Es dauerte lange, bis allgemeine Ruhe ward. Während Vater Thorn seine Stiefel auszog, fragte er plötzlich Frau, Charlotte: »Was hat denn Breuer?«

»Er scheint böse zu sein«, erwiderte die Mama, »er kann den Sektionschef nicht leiden!«

»Ich glaube, es war ihm auch nicht recht, daß Lise mit dem jungen Manne tanzte«, erwiderte der weitschauende Vater. »Mir war es auch sehr unangenehm. Auf keinen Fall hat es für sie gepaßt!«

»Er wurde ihr doch von dem Sektionschef vorgestellt. Es wäre sehr unhöflich von ihr gewesen, wenn sie seine Aufforderung zurückgewiesen hätte!«

»Das ist wahr«, gab wieder der Vater zu. »Lise hat wirklich ein sehr feines Benehmen. Wenn man bedenkt, wie verletzend eine solche Zurückweisung auf diesen Herrn gewirkt hätte ... Nein, sie hat ganz recht gehabt.«

»Aber Breuer war sehr böse ...« gab wieder die Mutter zu bedenken.

»Er hat kein Recht, böse zu sein, ich bin der Vater, ich werde mir nicht von ihm vorschreiben lassen, was ich zu tun habe!«

Vater Thorn war während dieses Zwiegespräches endlich in jenen Zustand gekommen, in dem sich ein gesitteter Mensch zu Bette legt.

»Lise hat sehr viel Glück«, sagte noch Frau Charlotte, erhielt aber keine Antwort mehr, denn Papa Thorn war bereits eingeschlafen.

Am nächsten Abend kam Herr Breuer nur auf eine Viertelstunde zu Besuch. Sein Benehmen war dasselbe wie sonst, und doch fiel es der Familie auf, daß er nicht mehr derselbe war wie einst.

»Sie werden uns doch einige Ansichtskarten schreiben von Ihrer Reise?« fragte Fräulein Lise.

»Ja, ja, selbstverständlich, aber allzu viel dürfen Sie nicht erwarten«, antwortete er in resigniertem Ton, »ich habe mir vorgenommen, während der ganzen Zeit keine Zeitung zu lesen und keine Briefe zu schreiben. Ich bin recht, recht nervös geworden.«

»Und mir wollen Sie auch nicht schreiben?« fragte Lise.

»Mein Fräulein – verzeihen Sie meine Aufrichtigkeit –, Ihnen darf ich am wenigsten schreiben ...« erwiderte Breuer.

»Bist du unartig gegen Herrn Breuer gewesen?« fragte mit strenger Miene Vater Thorn. »Was hat es gegeben? Heraus damit!«

»Ja, was ist's denn? Lise ... ich hab' es immer gesagt ... du bist ein vorlautes, unüberlegtes Wesen!« rief die Mutter.

»Sie ist eine Gans«, dachte sich Eugen; sprach es aber nicht aus, da er in Streitfällen der Schwester gegenüber infolge der Parteilichkeit der Eltern stets den Kürzeren zog.

»Wie meinen Sie das, Herr Breuer? Ich habe Ihnen doch nichts getan?« sagte fast bebend das schöne Mädchen.

»Nein, nein, durchaus nicht, Fräulein Lise; nicht Ihretwegen darf ich nicht schreiben, nein, nur meinetwegen. Ich geh' hinaus in die Welt um Ruhe zu finden. Gestern abends habe ich eingesehen, in welch törichte Gedanken ich mich hineingelebt habe. Und das muß wieder hinaus.«

»Aber, Herr Breuer!« warf erschrocken Lise ein.

»Hier ist nicht die richtige Zeit und Gelegenheit, daß ich mich darüber ausspreche. Ich glaube, es ist am allerbesten, wir reden überhaupt gar nicht darüber!«

Er ging und ließ die Familie in maßloser Bestürzung zurück.

»Das ist eine schöne Pastete«, fing Vater Thorn an; »es sieht ganz so aus, als ob sich Breuer gänzlich von uns zurückziehen wollte. Das wäre mir sehr unangenehm, Breuer ist ein edler Charakter, ein Mann, vor dem man nur die größte Achtung haben kann. Und er besitzt dazu ein großes Vermögen. Sollte es der Sektionschef sein, weshalb er sich zurückzieht? Nein – unmöglich – Breuer hat sich verletzt gefühlt, daß dieser junge Mensch – dieser Praktikant – wie heißt er nur – Lise – du mußt seinen Namen wissen ...«

»Ich kann mich auch nicht erinnern«, log das schöne Fräulein.

Bruder Eugen warf einen verächtlichen Blick auf die Schwester.

»Ulrich Kirchmaier heißt er«, sagte er trocken.

»Woher weißt du das?« inquirierte sehr scharf der Papa.

Eugen sah zuerst seine Schwester an, dann die Mutter – und schließlich den Vater. Aus ihren Mienen erkannte er, daß etwaige Enthüllungen eine direkte Explosion hervorrufen würden und gebrauchte eine fromme Lüge.

»Ihr habt es ja selber gesagt, zehn-, zwanzigmal ...« gab er zur Antwort. »Gestern abends, als ihr nach Hause kamt!«

Damit log er beträchtlich, denn seine Kenntnis des betreffenden teuren Namens rührte davon her, daß er einst einen Brief aufgefunden hatte, in dem ein Herr, der ganz genau so hieß, seine Schwester dringendst bat, sich an der Ecke des Bankgebäudes einfinden zu dürfen.

»Ja, so heißt er!« sagte Thorn mit der gewohnten starken Stimme. »Ich weiß eigentlich gar nicht, wer ihn hei uns eingeführt hat!«

»Sektionschef von Arnoldi«, sagte Lise.

Auf diesen Namen konnte sie sich mit Sicherheit erinnern.

»Und wer hat den Sektionschef eingeladen, frage ich?« polterte Vater Thorn mit einer geradezu fürchterlichen Miene.

»Esel«, sagte Mutter Thorn zum Haushaltungsvorstand unbekümmert darum, daß die ganze Familie anwesend war.

»Wer hat Herrn von Arnoldi eingeladen – Herr Breuer selbst –«, setzte sie in gleichem Ton fort –, »wenn nur du nichts reden würdest!«

Thorn schwieg. Die Arme über den Rücken gekreuzt, ging er mit starken Schritten im Zimmer auf und ab.

Eugen erklärte, daß er zutode froh sei, nicht auf dem Balle gewesen zu sein.

»Auf mich kommt immer die Schuld«, klagte Lise.

Diese Anwürfe erbitterten Frau Charlotte derart, daß sie dem Gemahl androhte, ihm verschiedene leicht handhabbare Einrichtungsstücke an den Kopf zu werfen.

Der Ausklang des Festes war ein recht mißtöniger.

»Niemals mehr«, sagte Thorn am nächsten Tage, »solche Ballfeste passen nicht für einfache, schlichte Leute, denen die Verderbtheit der höheren Kreise unbekannt ist.«

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